Aus der Provinzialhauptstadt.
r Gießen, den 5. August 1926.
Ausspannung.
Don Reinhold Braun.
Ausspannung!
Seltsam: Bei dem Worte steigt mir ~einc Erinnerung aus der Jugend aus: Dor dem Lore der Stabt gab es ein „Pferteheim". Stundenlang konnte ich dort als Junge am Zaun der Koppel sieben und den sich tummelnden Pferden zuschauen. Es waren zum Teil recht erholungsbedürftige Tiere, auf dem Pflaster der Großstadt abgetrieben. Manche trugen tiefe Wunden von den harten Sielen: andere gingen lahm. Diele aber waren schon recht alt. — Es war für mich eine Freude, mich den, Inhaber des seltsamen Helmes jugendlich-natürlich anzusreunden. und ost war ich auch innerhalb der Koppel. Ach. die Tiere waren ja so zahm. und. sie waren dankbar für jede Liebkosung. Es war für mich eine Freude, zu beobachten, wie nach und nach die Tiere aus der grünen Weide und in der köstlichen Freiheit sich erholten. Ich konnte auch sehen wie manch ein abgetriebenes Tier sich am ersten Tage so gar nicht zurechtfand, als wenn eS nicht verstehen konnte, daß es nun auf einmal so ohne Sielen sein sollte, auf weichem, grasigen Boden. Oft stand es stundenlang aus einem Fleck und starrte ror sich^hin. Aber schon am nächsten Tage konnte ich wahrnehmen, wie es immer munterer wurde. Manch einen alten Gaul sah ich nachher umher- Ivllen wie ein Fohlen. Schön sah cs nicht aus Das fühlte ich damals schon, dah es etwas Rührendes war um so ein fröhliches, freies, vorher so mitgenommenes Tier.
Ausspannung! Ia. das Wort klingt wirklich imch abgetriebenem Pterd, nach harten vielen und verstaubtem Geschirr, nach Zwang und Peitsche, nach Trott und Unf reute. Es ift so wenig menschlich Das Wort ist wie ein Schrei nach Erlösung, nach Freiheit und grüner Weide. Einmal heraus aus der llebermübung, der Ar- beitSüberschraubung! Fort einmal den alten Karren I Richts sehen und nicht« Hörern
Das Wort und der Begriff gehören einfach ins Wörterbuch des Lebens und seiner Oeko- nomie! Es ist ein beredtsarnes Wort der Lebenskunst. Wir befreunden uns mit ihm Immer mehr, obwohl eS so gar nicht nach Kultur und „reiner Menschenwürde" Hingt. Aber wir können uns beides aus ihm wiedergewinnen! — Das Wort gehört nun einmal beinahe organisch zum Menschen der Gegenwart, und eS ist gut, wenn es zu ihm so gehört. Wir müssen lernen, es dein Rhythmus unseres Daseins einzuleben!
Leben ist Spannung und Entspannung. Kraft1 abgabe im Sinne des echten Dienens und Kraft- Wiederkehr. Spannung und Entspannung, jede recht bemessen, jedes zu seiner Zeit! Es darf sowohl mit der Arbeit wie mit der Ausspannung nicht immer „die höchste Zeit" sein!
Erheben wir das Wort zum Erlebnis, zum notwendigen, beglückenden! Spannen wir wirklich einmal aus! Tummeln wir, ja tollen wir, wenns noch mit den Gliedern geht! Ausspannung: sie sei Wohligkeit, Behaglrchkelt, wahre Ruhe, Erquickung, coirkliche Gelöstheit Leibes und der Seele!
Spannung gewinnen! Das ist der Sinn der Ausspannung. Darum wird man auch mit Ernst an sie Herangehen! Das schafft dann doppelte Freude!
Beweise deine Lebenskunsl und deinen persönlichen Wert durch die Art deiner Ausspannung! Am Schlüsse der segnenden Tage muht du fröhlich sprechen können: ..So. nun kann's weiter gehen!" Die Arme gereckt Im Bewußtsein neuer Kraft, die Seele mutvoll gefühlt, gestählt für den neuen Kampf!
gur 80. Jubelfeier des Turnvereins 1846 Gießen.
Der Turnverein Gießen, welcher am 7. und 8. August sein 80jahriges Bestehen feien, ift nicht nur einer der ältesten Vereine Deutschlands, sondern könnte sein angenommenes Oründiingsjahr 1846 auf eine frühere Zeit verlegen. 'Alsbald nach dem im Jahre 1811 von Jahn in der Hasenheide bei Berlin zur „Wiedererstarkung des niedergetretenen deutschen Volkes und Vaterlandes" errichteten ersten Turnplatz Deutschlands setzte ^die turnerische Bewegung auch in Gießen ein. Schon im Jahre 1815 nahmen die sogenannten Schwarzen die Förderung der Leibesbildung in ihre Satzungen auf. In 1816 wurde von ihnen eine Turngemeinde gebildet, an welcher zunächst nur Studenten teilnahmen. Später scheinen sich aber' auch nichtstudierende junge Leute am Turnen beteiligt zu haben, denn sonst wäre es nicht möglich gewesen, im Jahre 1$1'3 nach einer vorher stattgehabten Versammlung auf dem Feldberg, bei
welcher zwei läge lang „geklettert, geredet, gesungen und beraten" wurde, in Gießen ein größeres Turn- fest abzuhalten.
Im Jahre 1830 unternahm Advokat Dr. Banfa den Versuch, einen Turnverein für Erwachsene zu gründen. Obwohl die Polizei die Vereinsgründung zu unterdrücken suchte, sammelte Dr. Bansa doch eine Anzahl Bürgersöhne um sich und turnte mit ihnen. Jedes Mitglied zahlte monatlich einen kleinen Beitrag zur Beschaffung der Geräte. Geturnt wurde am Beck, Barren und Kletterbaum, außer- dem wurde Weitsprung und Wettlauf geübt. Dies kann man als Anfang für das bürgerliche Vereins- turnen tn Gießen bezeichnen. Lange scheint die Vereinigung nicht bestanden zu haben. Die Polizei machte dem Bestehen ein Ende. Ob weiter geturnt wurde, läßt sich nicht feststellen. Anfangs der 40er Jahre hat die Turnbewegung in Gießen wieder eingesetzt. Waren es früher hauptsächlich Studenten, welche das Turnen pflegten, so finden wir vorwiegend die bürgerlichen Steife, die den Turnbetrieb in die Wege leiteten. Vor dem von dem Turnverein Gießen als Gründungstag angenommenen 9. November 1846 bestanden in Gießen bereits zwei lurngefeUjdjaften. die sich zu einem Verein zufammenfchlosten. Hierüber ift in einer Bekanntmachung des Turnvereins. Gießen in Nr. 1 der im Jahre 1847 in Karlsruhe erschienenen Turnzeitung folgendes verzeichnet:
„Der Turnverein Gießen ruft allen Turn- gemeinten im deutschen Dctterlante: Gut Heil! zu und zeigt denselben hiermit an, daß er sich durch ^Bereinigung ter beiden hier bestandenen Turngesellschaften neu gestaltet und gefestigt habe. Gießen, am 9. Rovrmber 1846. Für den Turnverein ter Gesamtvorstand desselben: Dr. Bansa, Advokat, erster Sprecher, — H. Manernheun, Steuerkommissariatsgrhilfe. zweiter Sprecher, — Retter, Privatskribent, erster Dchriftwart, — PH. Amendt. Turn wart und Turnlehrer, — Th. Ro- loft Barbier, Zeugwart, — A. Ricker, Buchhändler. Säckelwart, — Sy Schneider, Sohn, Kleiöer- macher. — I. G. Appel, Kaufmann, — I. H. Haustein, Grohh. Hess. Reallehrer. — W. E. Heinrich. Goldarbeiter. — F. M. Petri !., Weißbinder."
Die Dorstandsmitglieder werten den alten Gießenern noch erinnerlich sein als Männer der Tat und des Gemeinsinns. —
Auch die Feststellung, daß dem Turnverein Butzbach bei seiner am 28. März 1846 erfolgten Gründung die Satzungen eines Gießener Dereins als Musterstatut vorgelegen haben, läßt mit Bestimmtheit das Bestehen des Turnvereins Gießen schon vor der Zeit seiner Reugestaltung am 9. Rovernber 1846 annehmen. Diese Annahme wird noch verstärkt durch den gleichlautenden Ramen des Gründers von 1830 und des Dor- sitzenden von 1846; Advokaten Dr. Bansa. des späteren hessen-homburgischen Ministers. —
Auch an dem Iubelseste gedenken wir gerne der verdienten Männer, die dem Turnverein seit seinem Bestehen im Dorstand oder als Turnwart vorstanden, auch allen Turnern, die Lorbeeren an die Fahnen des Dereins hefteten. Wacker haben sie auf ihren Posten gestanden und der guten Sache gebient. Der De rein hat sich stets zum besten entwickelt, er besitzt heute einschließlich Zöglingen, Frauen und Schüler über 900 Angehörige. Möge der Turnverein von 1846 auch weiterhin eine Stätte zur körperlichen und sittlichen Ausbildung unserer Iugend fein; wir hoffen, daß er auch in ten kommenden Iahren mit noch größerem Stolze auf seine Geschichte zur Ehre tes Dereins, ter Stadt Gießen und zum Ruhme der deutschen Turnerschaft zurückblicken kann.
Der Fahrplan der Kraslpost Gießen - Niederkleen.
Dom 8. August ab wird, wie bereits gemeldet, auf der Strecke Gießen — Hochelheim—Riederkleen eine Kraftpost eingerichtet. Vorgesehen sind täglichzwei Fahrten auf der ganzen Strecke, ab Riederkleen 5,40 früh und 2 nachm.. ab Gießen. Bhf. 7.30 morgens und 7 abends: täglich eine Verbindung Riederkleen — Großen-Linden Bhf., ab Riederkleen 11,30, ab ©roßen -Linden Bhf. 12,50, ferner sieben Pendelfahr- t en auf der Teilstrecke G i eß e n — K le i n- Linden, ab Gießen Bhf. 7,15. 8.40, 12,15, 1,15, 5,10. 6,15. 8,15, ab Klein-Linden 7,35, 9, 12,35, 1,35, 5,25, 6,35 und 8,35.
Gietzcner Wochenrnarktprcise.
Cs kostete auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 180 bis 190 Pfennig, Matte 30 bis 40, Käte (10 Stück) 60 bis 80, Wirsing 15 bis 20, Weißkraut 15 bis 20, Rotkraut 20 bis 30, gelbe Rüben 15. rote Rüben 10, Spinat 30, Römischkohl 10. Bohnen (grüne) 20 bis 25, Bohnen (gelbe) 30, Cristen 20, Mischgemillc 10. Tomaten 20 bis 80. Zwiebeln 20, Pilze 25. Kartoffeln 5, Falläpfel 7 bis 10. Frühäpfel 20 bis 50. Birnen 20 bis 40, Heidelbeeren 30, Stachel
beeren 30, Johannisbeeren 35, Preihelbeeren 60, Pflaumen 20 bis 35, Zwetschen 40. Mirabellen 45 bis 60. Reineclauden 60, Pfirsiche 33 bis 80. junge Hahnen 90 bis 100, Suppenhühner 100 bis 120; das Stück Gier 12 bis 13, Blumenkohl 30 bis 120, Salat 5 bis 15, Salatgurken 30 bis 60, Einmachgurken 3 bis 5, Oberkohlrabi 5 bis 15, Rettich 10 bis 20 Pfennig.
Vornotizcn.
— Ingesfalcnber für Donnerstag. Liebigshöhc: 8.15 Uhr, Abonnementskonzert. — Ber ein Rudersport: 9 Uhr, Bootshaus, Monatsversammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Pot und Patachon als Millionäre". — Astoria-Licht- spiele: „Marccos tollste Wette".
— Abonnementskonzerle. Man schreibt uns, daß Obermusikmeister Gober für das heutige 8. (letzte) Abonnements- konzert eine sorgfältige Dortragsfolge zusammengestellt hat; u. a. die Ouvertüre „Der fliegende Holländer", Suite a. d. Ballett „Sylvia" in vier Sähen, Ouvertüre „Der Freischütz". Slavische Rhapsodie. Fantasie „Butterfly", sowie 2 Soli für Violoncello und Flügelhorn. Ein Besuch wird daher jedem Musikfreund sehr empfohlen. Zugleich fei nochmals darauf hingewiesen, daß die Musikstücke durch Streichmusik wusgeführt werten. Anschließend an die Abonnementslonzerte veranstaltet die Kapelle zwei weitere Konzerte, bei denen die Abonnenten gegen Vorzeigung ihrer Karten Ermäßigung haben.
— Eous-Experimentalvortrag. lieber die praktische Anwendung des Systems Cou6 hält der Berliner Psychologie-Praktiker Leon Hardt, ein Schüler Eou6s, Freitag im Saalbau Sauer einen einmaligen Gxperimental- Vortrag lvgl. die heutige Anzeige).
• • D i e Barabfindung der Inhaber von Schuldverschreibung en der Stadt Gießen erstreckt sich auf folgende Anleihen: 5proz. Anleihe von 1922, Reihe XI. 31 L4>r°d- von 1922. Reihe XII, 15proz. von 1923, Reihe XIII. Die Einlösung hat zu erfolgen in ber Zeit vom 5. August bis 15. Rovember d. I. Einlösungsstelle ist die Stadtkasse Gießen, Gartenstraße. Anfragen und Anträge sind unmitteibar an den Oberbürgermeister zu richten. Wegen der Einzelheiten verweisen wir auf die gestrige Bekanntmachung.
* * Zur Ablösung der Länder - und Gemeindeanleihen wird von zuständiger Stelle darauf verwiesen, daß Cinzelauslünfte über Anmeldefristen und Anmeldeverfahren bei den Dermittlllngsstellen, wie Danken, Sparkassen, öffentlich-rechtlichen Kreditanstalten, Genossenschaften usw. eingeholt werden können.
* * 8 0. Stiftungsfest des T. D. von 1 8 4 6. Man schreibt uns: Die aus Anlaß des Iubiläums stattfindenden Veranstaltungen, Schau- schwimmen am Samstagnachmittag, Spielen und Dolksturnen am Sonntagvormittag auf dem Waldsportplah, Sonntaanachmittag Schauturnen aller Abteilungen und abends Tanz in der Volkshalle sind allgemein zugänglich. Zu dem Festabend in der Turnhalle können der beschränkten Raumverhältnisse wegen nur Mitglieder und geladene Gäste zugelassen werden. Der Zug, an dem nur Angehörige des Vereins teilnehmen, nimmt seinen Weg durch Reustadt, Bahnhos- strahe, Westanlage, Seltersweg, Reuenweg, Gar- tenstrahe, Kaiserallee nach der Volkshatte.
* • D i e Eisenbahnbrücke im Zuge der Eder st raße wird gegenwärtig einem Umbau unterzogen. Die Drücke soll bekanntlich erheblich verbreitert werden, so daß der künftigen Reugestaltung des dortigen Straßenbildes in gebührender Weise Rechnung getragen wird. Die Arbeiten ziehen sich längere Zeit hin: inzwischen ist eine Rotbrücke errichtet worden, was seit zwei Tagen eingleisigen Betrieb erforderlich machte. Für die Folge muß an dieser Stelle mit verminderter Geschwindigkeit gefahren werden. Die neue Konstruktion soll in etwa einem Vierteljahr aufgesetzt werden.
Q Verbesserung des Strahenbil- d e s. Rachdem das Gelände der ehern. Kracheburg eingefriedigt worden ist, hat auch eine Verbesserung in der K i r ch st r a ß e stattgefunden. Hier sind ebenfalls alte, morsche, häßliche Einfriedigungen neuen, viel schöneren gewichen. Wir haben noch mehrere Stetten in der Stadt, wo das auch noch nötig wäre. Aber hoffentlich kommt das auch noch.
** Einbrüche und Cinbruchsver» such. Der Polizeibericht meldet: In der Rächt zum 1 August wurden, wie bereits berichtet, in Gießen drei Kellereinbrüche ausgeführt, wobei der Dieb speziell Rahrungsmittel und sonstige Kleinigkeiten entwendete. Als Täter wurde ein durchreisender Handwerksbursche aus Essen feftgenommen. Dessen Festnahme gelang durch die Aufmerksamkeit eines Wachmannes der Rheinischen Wachgesellschaft. Der Dieb ging flüchtig und wurde von ihm gemeinschaftlich mit einer Polizeipatrouitte verfolgt und ergriffen. In Dad-
Rauheim wurden in der Rächt zum 30. Juli gleichartige Kellereinbrüche auSgeführt. Ob diese Person ebenfalls für dort als Täter in Frage kommt, bedarf noch ter Aufklärung. Die diesbezüglichen Ermittelungen find im Dange. — In der Rächt zum 2. August wurde versucht, tn einem Hause in der Moltkestraße einzubrechen. Der Dieb hatte bereits ein Stück aus einer Glasscheibe herausgekittet und ging dann über daS Hoftor flüchtig. Rach Zeugenaussagen kommt eine Mannsperson in Frage, welche zipka 29 bis 30 Jahre alt. von großer schlanker Figur ist, bunflen ilcber- zieher und Hut trug und einen Stock bei sich führte. Personen, welche über die Täterschaft nähere Wahrnehmungen gemacht haben, werden ersucht, ter hiesigen Kriminalabteilung Mitteilung zu machen. — Festgenommen wurden tn ten letzten Tagen zehn Personen wegen verschiedener (Straftaten.
“ Aus dem Gießener Standesamt s r e g i st e r. Es verstarben in ter Zeit vorn 16. bis 31. Juli: 17. Juli: Fritz Gglh, Fabrikant, 59 Jahre alt, Landgraf-Philipp- Platz 7; 19.: Anna Kath. Balser, geb. Moos, 47 I., Bahnhofstr. 31; 21.: Hugo Schäfer, 8Mon., Reustadt 41; Heinrich Diergardt, Taglöhner. 71 I.. Frankfurter Straße 140; Marie Horst, geb. Glitsch. Ww., 72 I., Stephanstraße 15; Elisabeth Müssing, geb. Walther, 42 I., Schiffen- bergerweg 71; 22. Juli: Elisatetha Schmidt, geb. Sommer, 58 I., Friedrichstraße 16 b; 23.: Kätchen Schmidt, 6 I.. Drandgasse 6; 24.: Marie Clisabethe Wieder, geb. Laub, 24 I., Krof- borfer Straße 10; Wilhelmine Leitenguth, geb. Roos, Ww., 76 I., Gnauthstraße 36; 26.: Ehrt- stoph Bieker, Kaufmann. 69 I., Reustadt 55; 31.; Georg Wilhelm Döpfer, Stadtrechner t. R., 67 I., Landmannstraße 1.
** Auftrieb auf dem heutigen Frank furter Schlachtoiehmarkt: 3 Kühe, 1010 Kälber, 395 Schafe und 298 Schweine.
Der neue Flessa-Prozeß.
WSN. Frankfurt a. TL, 4. Aug. Zum heutigen Termin sind 23 Zeugen geladen, darunter die Kriminalbeamten, die im Fall Flessa tätig waren. Nach der Frage über das Herkommen des Morphiums, das sie zu einem Selbstrnordver- s u ch nach der Tat benutzte, wird der Kommissar vernommen, der das Absteigequartier des Dr. Seitz in der Kaiserstraße ermittelt hat. Dr. Seitz hat dort öfter übernachtet, jedoch kein eigenes Zimmer, son- dem nur eine Absteigegelegenheit gehabt. Wohnungsinhaberin war eine Frau von 21., die mit ihrer Tochter dort wohnte, jetzt aber anscheinend im Anschluß an ein gegen sie schwebendes Kuppelei- verfahren nach Amerika ausgewandert ist.
Dem Hausmeister gegenüber hot sich Dr. Seitz geäußert, daß ihm der Weg in später Nachtstuirde nach seinen Reisen in die Wittelsbacher Allee zu weit fei. Ohne seine Wohnung in der Wittelsbacher Allee aufzugeben, hat er sich 24 Monate nach der Kaiserstraße abgemeldet, jedoch im Januar wieder in der Wittelsbacher Allee angemeldet, so daß es sich also um eine fingierte Abmeldung gehandelt hat. Nach einer eingegangenen Anzeige sind dort in der Wohnung Settgelage abgehalten worden. Es wird bann Fräulein Sch. als Zeugin aufgerufen, deren kranke Mutter sich in Behandlung des Dr. Seitz befand, und von der Flessa gepflegt wurde. Sie selbst soll kurz vor der Verlobung mit Dr. Seitz gestanden haben, von welcher jedoch Vater und Mutter nicht unterrichtet waren.
Da es beim Erscheinen ter Zeugin zu erregten Szenen mit ter Angellagten kommt, wobei diese mehrfach droht, bei fal-
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