Kilometer langer Zaun errichtet werden, es muß eine riesige Tribüne für die 6500 Sängerinnen und Sänger gebaut werden, für Zehntausende von Gästen sind Plätze herzurichtcn. Wie in solchen ? alten üblich, werden die Arbeiten nur mit knapper '.'tot rechtzeitig beendet.
Inzwischen ist die Völkerwanderung nach Riga in vollem Gange. Die Eifenbahnverwaltung hat auf allen Linien so viele Extrazüge eingestellt, wie ihr lnappcs Material nur irgend zuläßt. Warenwaggons sind notdürftig für die Beförderung der Sänger und der Gäste bergerichtet, und doch tut sich in den Zügen etwas Unglaubliches an Gedränge und Ueberfülltheit ab. Man steht da und staunt, wo Riga mit seiner Wohnungsnot diese Flut an Bauern und Bäuerinnen aller Altersstufen denn eigentlich unterbringen will. Aber es geht. Man hat die Schulen, Turnhallen und sonst geeigneten öffentlichen Gebäude mit Hilfe von Stroh, Stroh und wieder Stroh in Massenschlafräume verwandelt, in welche „noch immer jemand hineingeht". Auf Ellenbogenfreiheit dürfen die Schläfer und Schläferinnen freilich keinen Anspruch erheben, aber sie tun es auch nicht. Die gehobene Stimmung sorgt dafür, daß die schon an und für sich bescheidenen Ansprüche der Landbevölkerung auf ein Minimum herabgefchraubt werden. Auch aus dem Auslände find Taufende von Gästen angekommen, zumeist freilich aus dem sehr nahen Auslands Litauen. Aber es hatte z. B. auch eine unternehmungslustige Reederei einen Dampfer eingestellt, der einige Hundert lettischer Emigranten direkt ans Renyork zu einem kurzen Besuch in die alte Heimat zurückbeförderte.
Auf den Straßen Rigas spielt sich in diesen Tagen ein ungewohntes Treiben ab. Fast wie in den wichtigsten Verkehrsadern der Millionenstädte geht es zu. Ein aufmerksamer Beobachter erkennt aber sofort, daß das kein städtisches Publikum ist, welches hier für „Betrieb" sorgt. Die Gesichter sind zu braun gebrannt, die Bekleidung zu derb und hausbacken, di« Ungeschicklichkeit beim lieber- queren der Straße zu groß, als daß man lange im Zweifel darüber fein könnte, daß es sich um biedere „Landfche" handelt, wie man hier die Landbewohner halb hochmütig, halb neidisch zu nennen pflegt. Der Bauer ist gründlich, und gründlich betreibt er deshalb auch die Besichtigung der Stadt. Alles muß er sehen, alles „ausprobieren". Besonders anziehend scheinen für ihn die Auto-Taxameter zu fein, die in dieser Zeit ein glänzendes Geschäft machen, worüber sich wiederum Mister Ford in Detroit freuen kann, der die Wagen samt und sonders auf zweifelhafte Abzahlung geliefert hat. Die Lokale sind brechend voll, und in den Läden staut sich die Menge. Besonders groß ist der Andrang in den Konfektionsgeschäften: der Landfche läßt etwas springen und staffiert feine Hausfrau nach städtischem „Geschmack" aus.
Nun das Sängerfest selbst. Es beginnt am Samstag mit einem Chorkonzert, auf mlchem fast nur lettische Volkslieder und lettische Tondichter zum Vortrag gelangen. Eine Hörermenge von über 40 000 Personen lauscht dem Gesänge und, man kann es sich nicht verhehlen, ist stark enttäuscht. Sie muß die Erfahrung machen, daß ein Lied aus 6500 Kehlen nicht 6500mal schöner und imposanter komnu, als aus einer. Merkwürdig schütter klingt es, schütter namentlich in den vordersten Reihen. Das ist eine Erfahrung, die man wahrscheinlich überall gemacht hat, wo so viele Sänger zu einem Chor vereinigt wurden. Bald ist die Enttäuschung aber überwunden, und die Stimmung steigert sich von Lied zu Lied, bis die Wogen der Begeisterung hoch gehen und der Tag in eine spontane Ovation für einen greisen lettischen Chordirigenten und Komponisten ausklingt. Der zweite Tag bringt um die Mittagsstunde ein Konzert der vereinigten Orchester aller in Riga in Garnison liegenden Truppenteile, und gegen Abend wieder ein Chorkonzert. Am britetn Tage wohnen die finnländischen Gäste dem Konzert bei, in dessen Mittelpunkt Chorgesang mit Begleitung eines Symphonieorchesters steht. Aber auch dieses Paradestück des Sängerfestes ist nicht halb so wirkungsvoll, wie man hätte annehmen dürfen. Hubs chist das Bild, welches die Sängerestrade bietet. Fast alle Mädchen und Frauen und viele Männer haben die farbenfreudigen Nationaltrachten der verschiedenen Gegenden Lettlands angelegt, unter denen besonders die malerischen Kostüme der Niederkurländerinnen angenehm auffallen. Auch im Publikum sieht man viel Nationaltrachten, darunter nicht wenige uralte, echte, von der Aeltermutter ererbte.
Nicht geringere Anstrengungen als zum Sänger- fest hatte man zum Empfang des Präsidenten von Finnland gemacht, der in Begleitung von zwei
Die ätteste Stadt der Wett.
Von Max Erl er.
Die alte Streitfrage, ob die Kultur der Menschheit von Aegypten oder von Mesopotamien ihren Ausgang genommen hat, scheint, nach den letzten Funden, die gemacht wurden, zugunsten Mesopotamiens entschieden zu sein. Eine archäologische Exposition, die vom Britischen Museum in London und vom Museum der Penn- sylvania-Umversität in Nordamerika ausgerüstet wurde, hat in den letzten drei Zehren im Euphratgebiet Ausgrabungen vorgenommen, die zu aufsehenerregenden Ergebnissen führten. Bereits vor etwa einem halben Jahrhundert war in der westlich vom Euphrat-Kanal gelegenen Wüste ein ausgedehnter Schutthügel gefunden worden und aus mit Keilschrift bedeckten Ziegelsteinen konnte festgestellt werden, daß an der Stelle, die ein Schutthaufen bedeckte, einst (nämlich vor etwa 4000 Llahren) die blühende Stadt Ur, die Geburtsstadt Abrahams, gestanden hatte. Diese Stadt lag zu jener Zeit unmittelbar am Persischen Golf. Anschwemmungen von Landmassen haben im Lauf der Jahrtausende den Ort weit vom Meer abgerückt.
Die Ausgrabungen der englisch-amerikanischen Mission förderten in Ur die Mauern des stufenartigen TempelbauS Zigurrat zutage, den Professor Wooley, der Leiter der ExpÄsition, den impvniersndsten Bau in ganz Babylonien nennt und dessen Fertigstellung etwa um das Jahr 27Ö0 v. Ehr. erfolgte. Die Gründer der Stadt Ur waren die Sumerer, die vermutlich fünf Jahrtausende v. Ehr. aus Indien einwanderten und hier in Babylonien ihre Kultur zur höchsten Reife entwickelten. Neben Ur entstanden noch einige andere Städte (Eridu, Lagasch, Lar- sa, Erech und Kisch). Die Ruinen von Kisch liegen etwa zwei MÄlen östlich von Babylon, das erst später entstand und die Hauptstadt der vier großen Dynastien war, die etwa 3000 3ahre v. Ehr. in Mesopotamien herrschten. Außer Tempelbauten toutben auch die Mauern eines KönigS-Palastes freigelegt, dessen Ursprung auf das Jahr 3400 v. Ehr. zurückgeht, und unter dem Pflaster dieses Palastes entdeckte man in
Ministern, dem Chef des Generalstabes, dem Kommandeur des Schutzkorps und noch vielen anderen Würdenträgern des Landes der Tausend Seen in Riga ankam. Schon auf See wurde „Ela Köön", die schmucke, schnittige Dampfjacht des Präsidenten, von einer ganzen Flottille empfangen. Salut, Nationalhymnen, Ehrenpforten, Spaliere von Studenten hi vollem Wichs, Ansprachen, Blumen und Fahnen erwarteten ihn im Lande. Und so ging es alle drei Tage seiner Anwesenheit hindurch von einem Empfang zum anderen, von einem Konzert zum nächsten. Ein Rigaer Witzblatt charakterisierte die Situation treffend mit einer Karikatur, auf welcher der Präsident Relander völlig erschöpft und echauffiert abgebildet war. Unter diesem Bilde
stand zu lesen: ,,O, wenn ich doch Nurmi wäre." Wahrscheinlich wäre die Sache auch dem berühmtesten der Landsleute Relanders reichlich anstrengend geworden. Kurz vor dem finnländischen Präsidenten war in Lettland eine Gruppe von ca. 120 aktiven und ehemaligen finnländischen Militärs und Schutzkorpsleuten eingetroffen, die ebenfalls nicht wenig gefeiert wurden. Nun sind die Feste wieder verrauscht, und Riga lebt wieder seinen Alltags- sorgen, im Hintergründe aber grollt Moskau, dem die neuerliche Freundschaft zwischen Finnland und Lettland gar nicht behayt. Dieser Ausklang der Freudenfeste ist vielleicht em Auftakt zu weniger erfreulichen Ereignissen.
Landesverband des hessischen Einzelhandels.
30 Jahre Gießener Einzelhändlerverein.
Am Samstag unö Sonntag hielt der Landesverband des hessischen Einzelhandels seinen diesjährigen Verbands- 1a g in Gießen ab. Gleichzeitig beging der Verein der Einzelhändler zu Gießen sein dreißigjähriges Bestehen. Die Tagung hatte zahlreiche Kaufleute aus dem Hessenlande hierhergesührt.
Eine Vorstands- und Ausschußsitzung des Landesverbandes, die am Samstagnachmittag im Kaufmännischen Vereinshaus stattfand, leitete mit internen Beratungen die Arbeit des Verbands- tages ein. Samstagabend trafen sich die von auswärts bereits erschienenen Verbandsmitglieder mit den Angehörigen des Gießener Einzelhändler- Vereins im Kaufmännischen Dereinshaus, um hier in schlichter Weise das
30jährige Bestehen des Gießener Vereins der Einzelhändler
zu begehen. Der Vorsitzende dieser Organisation, Kaufmann Wilh. Horn, begrüßte bei einem gemeinsamen Abendessen die recht stattliche Schaar der Erschienenen, insbesondere aber die Gäste. Anschließend gab er einen fesselnden Einblick in die dreißigjährige Geschichte des Vereins. 3m Jahre 1896 wurde der Verein mit 116 Firmen als Mitglieder gegründet: damals nannte er sich „Verein der Detaillisten". 3m zweiten 3ahre seines Bestehens zählte er bereits 138 Mitglieder: diese Ziffer blieb bis heute der Höchststand. 3m Laufe der 3ahre schwankte der Mitgliederstand hin und her, heute zählt der Verein 12 7 Mitglieder. Der erste Vereins-Vorsitzende war Ernst Balzer, der fünf 3ahre lang den Verein leitete, ihm folgten in der Vereinsleitung Herbert, Nübsamen, Kahn, Nassau: diese Männer ruhen jetzt im ewigen Schlaf, ihnen zu Ehren erhob sich die Versammlung von den Sitzen. Aber andere, ältere, bewährte Kräfte sind dem Verein noch erhalten geblieben, Männer mit besonders klangvollem Namen: Carl Röhr, Aug. Noll, Rich. Buchacker, die in dankbarer Würdigung ihrer Verdienste vor drei 3ahren bereits zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden. Diese Herren haben seit der Dereinsgründung bis heute mit großer Hingebung und Treue mitgear-beitet, sie sind für viele Mitglieder ein leuchtendes Vorbild. Ferner gedachte der Redner der langjährigen treuen Tätigkeit, die Friedrich Deck dem Verein geleistet^ in anerkennenden Worten. Die Taten dieser Männer geben den heutigen Führern des Vereins die Kraft, das Werk fortzuführen und den Verein so zu leiten, daß er in Ehren bestehen kann. Der Redner dankte weiter dem Landesverband für die treue Hilfe, die er allezeit dem Verein geleistet hat, und dank deren die Sache des Vereins vorwärts- aegangen ist. Besondere Dankesworte richtete der Redner schließlich an das Ehrenmitglied Carl Röhr, der fast 20 3ahre lang Vorsitzender des Vereins war und die Organisation durch alle Schwierigkeiten glücklich hindurchgesteuert hat. Der Vorstand hat einsttrnmig beschlossen, anläßlich dieses Tages Herrn Röhr in dankbarer Würdigung seiner hohen Verdienste zum Ehrenvorsitzenden des Vereins zu ernennen. Als sichtbares Zeichen der Dankbarkeit und der Hochschätzung überreichte der Redner unter lebhaftem Beifall der Tischrunde dem Ehrenvor
sitzenden eine entsprechende Ehrentafel. Mit einem Hoch auf den Gefeierten schloß die Ansprache.
Der Landesverbandsvorsitzende K a l b f u ß (Darmstadt) rühmte hierauf die Tätigkeit des Gießener Vereins, der immer treu zum Verband gehalten habe, hob lobend die langjährige Mitarbeit der Herren Röhr und Noll hervor, denen er t>en Dank des Verbandes aussprach, und brachte ein Hoch auf den guten deutschen Kaufmann, den ehrlichen deutschen Detaillisten aus.
3n schlichten Worten dankte der Ehrenvorsitzende Carl Röhr für die ihm erwiesene Ehrung, er dankte den Kollegen im Vorstände, die mit ihm zusammengearbeitet haben, und versicherte den Verein auch seines ferneren regen 3nteresses. Sein Hoch galt dem Gießener Verein und dem Verband.
Das Ehrenmitglied Aug. Noll sprach bei dieser Gelegenheit nochmals seinen Dank aus für die ihm zum 70. Geburtstage dargebrachten Glückwünsche. Der Redner versicherte, daß er auch in seinen alten Tagen treu zum Verein und zum Verband stehen werde.
Kaufmann Heilbronner feierte den gegenwärtigen ersten Vorsitzenden Wilh. Horn und dankte ihm für seine Mühewaltung im Dienste der Vereinssache. Sein Hoch galt dem Vorsitzenden Horn. Dieser dankte, hob dabei die gute Mitarbeit seiner Vorstandslollegen hervor, und versprach, auch fernerhin seine gan^e Kraft in den Dienst des Vereins zu stellen. Der zweite Vorsitzende, Kaufmann und Drogist Winter- h o f f, unterstrich die Worte des Herrn Heilbronner über den ersten Vorsitzenden und feierte diesen dann als echten Gießener. Kaufmann Leidner (Alsfeld) brachte dem Gießener Verein die Glückwünsche der Alsfelder Organisation zum Ausdruck.
Der weitere Verlauf des Abends gehörte der Gemütlichkeit, die unter der Leitung des zweiten Vorsitzenden Winterhoff in stimmungsvoller und abwechslungsreicher Weise die Teilnehmer noch lange beisammenhielt.
Der Derbandstng des Landesverbandes
wurde am gestrigen Sonntagvormittag im Saale des GesellschaftSvereins bei sehr gutem Besuch von dem
Landesverbandsvorsitzenden Kalbfuß, Darmstadt, eröffnet. Der Redner begrüßte insbesondere die Vertreter der Behörden, der Universität, der Handelskammern, der Handwerkskammer, des Gießener Ortsgewerbevereins, des Gießener Ver- kehrsvereins, der Deutschen Bolkspartei und deren Landtagsfraktion, der Demokratischen Partei und deren Landtagssraktion, die Pvesse-Dertreter und den Haupt-Rescrenten des Tages, Oberregie- rungsrat Dr. Tiburtius.
Hieraus wies der Redner auf den Ernst der Wirtschaftslage hin, die dem Einzelhandel schon empfindliche Verluste gebracht habe und ihm auch fernerhin noch schwer zu schaffen machen werde. 3n diesem Zusammenhang müsse er die heute im Mittelpunkt des 3nteresses stehende Warenhausfrage anschneiden. Mit einem Hinausdrängen der Warenhäuser aus den Reihen des Verbandes werde diesem nicht gedient, man
etwa sieben Meter Tiefe Trümmermassen von Bauten, die sogar bis in die Zeit von 5000 3ahren v. Ehr. zurückreichen. 3n dem Königs- Palast fand man Waffen aus Kupfer, an den Wänden eines bei Ur gelegenen Tempels, den König Aanipadda zu Ehren der Göttin Ninhar- sag errichten ließ, entdeckte man gemalte Szenen, sowie künstlerische Plastiken in Kupfer. Dort wurde auch eine 3nschrift aufgefunden, die man als bisher älteste Urkunde betrachtet und deren Alter, da sie auf das 3ahr 4500 v. Chr. zurück- reicht, auf etwa 6500 3ahre geschäht wird. Es handelt sich dabei, nach der von amerikanischen Gelehrten besorgten Übersetzung der altsumerischen Bilderschrift, um eine Urkunde, in der König Aanipadda verkündet, daß er den Tempel der Göttin Ninharsag weihe. 3n Kisch wurde außerdem eine ganze Tontafelsammlung zutage gefördert, die, erst zum Teil entziffert, auch ein sumerisch-babYlonischeS Lexikon enthält.
3n der Nähe des genannten Tempels bei Ur wurde übrigens die älteste Grabstätte Mesopotamiens festgestellt, deren Anlage bis in das 3ahr 5000 v. Ehr. zurückreicht, jedoch konnten nur noch geringe Spuren von Skelettresten geborgen toetben. 3n den Gräbern lagen Geräte aus Feuerstein, Ton, sowie aus gegossenem und gehämmertem Kupfer.
Die Sumerer, die am Euphrat ihre Kultur zur höchsten Entwicklung entfalteten, wurden später von den Babyloniern überwältigt, die nun auf den Resten der sumerischen Kultur ihre eigene begründeten, als deren grandioses Wahrzeichen der Turm von Babylon gilt, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches, das zur Zeit Abrahams nicht weniger als zwanzig Städte zählte, sich schmückte. Aus riesigen Granitwürfeln aufgerichtet, 195 Meter lang und 150 Meter breit, stieg dieser Bau, für die Ewigkeit ersonnen, in die Höhe. Zwei 3ahrtausende hindurch wurde an dem Riesenwerk, das immer wieder, da Unterbrechungen eintraten, vom Verfall bedroht wurde, gebaut. Die Zeit fegte darüber hinweg, Menschengenerationen sanken hin wie Spreu im Wind, und Sand deckte dieses Werk von Menschenhand zu, dessen Decke erst jetzt gehoben wurde, um dem Menschen unserer
Tage eindrucksvoll den Glanz früherer Epochen und die Vergänglichkeit alles Seienden zu künden.
Schlaf.
Don Dr. med. Franziska Eordes.
Die erste Tättgkeit des Lebens neben der Nahrungsaufnahme ist das Schlafen. Der Säugling schlaft fast ununlerbrochen. Kein lieblicheres Bild als ein schlafendes, kleines Kind. Wehe der Mutter, die durch Stören des Schlafes Grund zur Nervosität des Kindes legt, sie schädigt sich selbst am meisten. Schlaf ist die Nervennahrung, baut die Neroensubstanz immer wieder neu auf. Das Fehlen des Schlafes bringt eine derartige Erschöpfung des Nervensystems hervor, daß man schließlich am Nervenkörper selbst unterm Mikroskop an den Ganglienzellen diese Erschöpfung bemerken kann. Ein englischer Forscher H o d g e u. a. haben diese Feststellung gemacht. Der Schlaf schiebt zwischen die TageSarbeit das Vergessen und je tiefer er ist, um so weniger nehmen wir vom Trauminhalt beim Erwachen in den Tag herüber, womit freilich nicht getagt wird, daß er deshalb erquickender ist. Auch der leichte Schlaf ist erholend. An sich ist der Schlaf individuell verschieden, insonderheit auch hinsichtlich der Dauer. Während der Schlaf des Neugeborenen fast ein Dauerzustand ist, nimmt er bald an Länge ab und erreicht beim Erwachsenen eine Durchschnittslänge von 7 bis 8 Stunden. Bei älteren Leuten ist meist eine noch geringere Schlafmenge nötig. Daß Epochen ohne Schlaf von mehr oder minder langer Zeit ertragen werden, ist natürlich nichts Ueberraschendes und von Berufs wegen erforderlich, kann aber aus den vorhin genannten Gründen kein Dauerzustand werden, wie smarte Amerikaner hoffen beweisen zu können. 3nbi- viduell verschieden ist der Schlaf, eine Angelegenheit besonderer Art ist er insonderheit noch beim Großstädter. Der Großstädter schläft im tötenden Leben der Großstadt, ihn stört die Jazz- und Jimmymusik nicht sonderlich, aber er wacht auf, wenn einmal der gewohnte Autobus ausbleibt, er wacht auf, wenn er die erste Nacht in ländlicher Abgeschiedenheit die Tiere im Stall sich regen hört. Nur ein neuer Lärm, der uns schlaflos macht, wird durch immer neue Reizung störend empfunden, so daß noch Einwirkung höherer Zentren beim Schlaf angenommen werden müssen. Daß Geistesarbeiter die alleinigen sind, die beim Schlat besonders störungsempsindlich sind,
I solle lieber eine Verständigung mit ben getimt# Geschäften herbeiführen und dort VEDchr« für die Lage der mittleren und kleinen GesHkW wecken, während die letztgenannten sich aber eines modernen, besseren Aufbaues unterziehe» müßten. Mit den Mitteln von Warenhaussteuern und Sondersteuern könne den kleinen Geschäften nicht aufgeholfen werden. Es müsse ein QIuSn gleich in dem Kampf zwischen Kleinen und Großen stattfinden. Diesen Ausgleich zu begünstigen, sei eine -der vornehmsten Aufgaben des Verbandes. Der Redner bedauerte hierauf, daß noch immer eine große Zahl von Einzelhändlern dem Verband fernstehen. Diese sollten doch erkennen, daß nur durch engen Zusammenschluß der Berufsgesamcheit und damit auch dem Einzelnen geholfen werden könne. Weiter wies et den gegen ihn gerichteten Vorwurf der Beamte nfeindlichkeit zurück. Er und jeder Einzelhändler hätten das größte 3nteresse an einem tüchtigen, gut bezahlten Dearntenstand. genau wie der Einzelhandel eine gut verdienende Arbeiterschaft und eine blühende Landwirtschaft wünsche und begrüße. Aber alle diese Gruppen müßten auch für die Wirtschaftsnot des Einzelhandels Verständnis haben und ihn nicht durch eigene wirtschaftliche Unternehmungen schädigen.
Am Schlüsse seiner Ansprache beglückwünschte der Redner den (Sieben-* Einzel- h ändler-Verein zu seinem 30jährigen Bestehen, dantte dem Ehrenvorsitzenden CarlRöhr und dem Vorsitzenden Wilh. Horn von dem Gießener Verein für ihre rege Mitarbeit auch im Verband, und wünschte dem Gießener Verein weiteres Blühen und Gedeihen, damit er auch fernerhin, wie bisher, eine starke Stühe nicht nur des Gießener Einzelhandels, sondern auch des Verbandes sei. Das Beispiel des (Siebener Vereins sei vorbildlich für andere Vereine.
Begrüßungsansprachen
hielten hierauf: Oberregierungsrat Dr. Heß- Oie* ßen namens des Ministeriums des Innern, des Mb nisteriums für Arbeit und Wirtschaft, der Prooln- zialdirektion Oberhessen und des Kreisamtes Öle» ßen; Beigeordneter Dr. Seid namens der Gießener Stadtverwaltung; Kommerzienrat Klings, f p o r für die Gießener Industrie- und Handelst kammer; Oberregierungsrat Dr. Tiburtius^ Berlin im Auftrage der Hauptgemeinfchaft des Deutschen Einzelhandels; Baunternehmer Stadtv. Becker für die Handwerkskammer und den Öle* ßener Ortsgewerbeverein; Direktor Steinel- Karlsruhe für die benachbarten Einzelhandel- Landesverbände; Landtagsabg. Oberstudiendirektor Dr. Keller- Büdingen namens des Landesverbandes und der Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei; Parteisekretär Kröne r für die Demokratische Partei und deren Landtagsfraktion. Sämtliche Ansprachen wurden der hohen wirtschaftlichen Bedeutung des Einzeldandels für das Volks» ganze gerecht und brachten die wohlwollende Stellungnahme der Behörden, Körperschaften und der beiden vertretenen politischen Parteien 0U den Bestrebungen der Einzelhandelsorganlsattonen zum Antzdruck.
Nachdem der Verbandsvorsitzende den Rednern gedankt hatte, sprach Oberregierungsrat Dr., Ti« b u r t i u s - Berlin über: >
Die Bedeutung der Repacalionsfrage und des Dowesplanes für die deutsche Wirtschaft, ins- - besondere für den Einzelhandel.
Der Redner gab zunächst in großen Umrissen ein Bild des bisherigen Entwicklungsganges dieser für uns außerordentlich bedeutungsvollen fragen. Auch für die Zukunft stünden wir einem ziemlich düsteren Bilde gegenüber. Die Durchführbarkeit des Dawespaktes sei heute schon zu bezweifeln, da er eine der wichtigsten Voraussetzungen für die von uns verlangten Leistungen nicht geschaffen habe: den breiten Raum auf dem Weltmarkt, auf dem wir unsere Warenproduktion absetzen können, um dort die Mittel für die von der Gegenseite geforderten Reparationen zu gewinnen. Dazu komme noch, daß daS Ausland, darunter auch das kaufkräftige Amerika, sich immer mehr durch Schutzzölle ab- schließe Die Mängel des Dawesvertrages seien erst richtig zu erlernten autS dem Versuch seiner Durchführung; dieser Vertrag trage feine unvermeidliche Korrektur in sich selber. Der Redner hält es nicht für klug und ratsam, in diesem Zeitpunkt von uns aus mit Gegenvorfchlägen, mit einem sog. Anti-Dawesgutachten hervorzutreten. Für den Einzelhandel als einen großen
stimmt nicht. Es ist eine vielleicht an sich höhere neuropsychische Belastung, die solche geringere oder stärkere Empfindlichkeit schafft. Wie es aber auch immer ist, eine zu hohe Belastung des einzelnen zu vermeiden, ist eine öffentliche Notwendigkeit, der auch durch polizeiliche Verordnungen, da ja die Erhaltung der Nervenkraft eine Angelegenheit der allgemeinen Hygiene ist, Rechnung getragen wird. Schlaflosigkeit ist eine schwere Nervenstörung und eine ernsthaft zu be-' kämpfende Krankheit. Der Wege sind mannigfache. U. a. wird in vielen Fällen auf dem Wege der Hypnose etwas erreicht, zumal es auch eine Teilhypnose gibt, die Ginzelstörungen ausschließt, für andere die Wachsamkeit erhalten läßt. Der Schlaf, insonderheit die Träume, waren immer ein Gegenstand des Jntrcsses; besonders interessant sind sie durch das ärztliche Bemühen Freuds geworden, der durch seine Traumlehre Wege bei Kranken wies, daß der Zn- Halt der Träume Anhalt für die Behandlung bot. Einzelheiten führen ins Gebiet der Forschung, zu weit vom Thema ab. Der Schlaf ist ein lebensnot- wendiger Faktor. Wer es bislang nicht geglaubt hat, muß sich durch Ergebnisse belehren lassen, die amerikanische Versuche ergaben. Zwei Chicagoer Aerzte lieferten den Wachrekord. Sie wachten fast 5 Tage und Nächte. Am zweiten Tag, als die Nacht eintrat, Ruhe im Hause herrschte, wurde das Wachbleiben schon schlimm, konnte weitergeführt werden, am folgenden Tag durch Beschäftigung durchgehalten werden, erreichte aber am '4. Tag und in der 4. Nacht einen solchen Wunsch zu schlafen, daß eine Depression eintrat, nur beherrscht von dem Wunsche zu schlafen. Die Musik eines Kabaretts, das zur Wacherhaltung besucht wurde, erreichte auch ihren Zweck. Das Wachen konnte aber nur dadurch durchgehalten werden, daß der Experimentator vom Anlehnen abgehalten wurde, das Wachen war zur Qual geworden. Am 5. Tag war nur noch ein Wunsch vorhanden: Schlafen! Zur Ruhe gelegt, schlief er 10 Stunden, ohne wesentlichen Schaden an der Gesundheit erlitten zu haben. Schön wär's: Den Schlaf zu kürzen, respekttv sich ihn abgewöhnen zu können; abgesehen davon, daß Schlaf eine physiologische Notwendigkeit ist, ist meiner Ansicht nach das Schlafen eine Entziehung aus der rauhen Wirklichkeit und somit etwas höchst Erfreuliches Schlaf ist keine Angewohnheit, ist etwas gesundheitlich Erforderliches.
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