Nr. 154 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Vas Luftschiff als Verkehrsmittel.
. Seine Rentabilität und Verwendungsmöglichkeit.
Von Dr. Hugo Eckener.
Bei meinen Vorträgen über „Möglichkeit und .Wirtschaftlichkeit des Luftverkehrs", die ich in zahlreichen Städten, so auch kürzlich erst hier in Gießen, hielt, wurde ich wiederholt gefragt, ob ich mir von dem Bau eines neuen Luftschiffes wirklich so viel verspräche, daß es des großen Volksopfers wert sei, und ob bei der zunehmenden Leistungsfähigkeit der Flugzeuge die Anstrengungen, die wir der Erhaltung der Lustschiffwerft in Friedrichshafen widmeten, zu dem finanziellen Ergebnis eines Luftschiffsbetriebes in entsprechendem Verhältnis ständen. Ich will versuchen, mich über diese Fragen zusammenfassend kurz zu äußern.
, Die Fragesteller gingen meist von der Ansicht aus, daß die Zeppelin-Werft das neue Luftschiff hauptsächlich bauen wolle, um nach dem Nordpol zu fahren. Das ist ein Irrtum. Leider verbietet uns die wirtschaftliche Not, dieser so kostspieligen Wissenschaft zu dienen. Ich habe wiederholt erklärt, daß es nie der Sinn der Volksspende war, die Mittel aufzubringen lediglich für die Durchführung einer Nordpolexpedition mit einem Zepeplin. Wenn zu Beginn der Sammlung sehr start betont mUrbc, daß es sich bei dem neuen Luftschiff um ein Expeditionsschiff für die Arktisforschung handle, so hatte das seinen Grund in den „Begriffsbestimmungen" des Londoner Ultimatums, welche die Entwicklung des deutsches Luftschiffbaues völlig hemmten.
Nach diesen Bestimmungen war Deutschland nur der Bau kleinerer Zeppeline von höchstens 30 000 Kubikmeter Inhalt gestattet, da größere als „Kriegsfahrzeuge" zu gelten hatten. Luftschiffe von so geringem Ausmaß eignen sich aber wenig zur Durchführung der Weltoerkehrspläne, wie sie uns seit langem vorschweben. Wir mußten uns deshalb vorläufig darauf beschränken, durch den Bau eines solchen Expeditionsluftschiffes, für das ausnahmsweise eine Bauerlaubnis zu erlangen war, die Fortfüh- rung der Arbeiten und die Erhaltung des Personals in Friedrichshafen zu sichern, und durch Leistungen dieses Luftschiffes die Betriebssicherheit und Verwendbarkeit der Zeppeline zu erweisen und sie als Verkehrsmittel durchzusetzen. Der deutsche Luftschiffbau ist inzwischen durch das Pariser Luftfahrtabkommen von den Fesseln befreit worden, die ois- 6er jede Verwirklichung unserer Bau- und Ver- rehrsabsichten unmöglich machten. Wird also jetzt der Zeppelinbau durch die Volksspende in den Stand gesetzt, mit voller Kraft zu arbeiten, so haben mir nur mehr das Ziel, dem Weltverkehr auf dem Luftwege Bahn zu brechen.
Wenn man meint, das Flugzeug habe das Luftschiff überholt und gewissermaßen überflüssig gemacht, so möchte ich daran erinnern, daß das Luftschiff seit jeher vom Grafen Zeppelin selbst und den Leitern des Zeppelinbaues als ein Verkehrs- inftrument lediglich für große Entfernungen angesehen worden ist, während man das Flugzeug als ein Verkehrsmittel für Entfernungen bis zu etwa 2500 Kilometer betrachtete. Für die Flugzeuge ist kaum Aussicht vorhanden, daß sie in absehbarer Zeit eine größere Leistungsfähigkeit erzielen werden, da mit zunehmender Größe des Flugzeuges die Nutzkraft verhältnismäßig abnimmt, weil der Bedarf an Betriebsmitteln außerordentlich wächst. Es sind ja neuerdings verschiedene Pläne für Reiseflugzeuge entronnen worden, die sich alle ziemlich genau darin gleichen, daß diese Flugzeuge mit mindestens 4000 P. S. ausgestattet sein werden bei einer Spannweite von 60 bis 70 Meter. Nach übereinstimmenden Berechnungen sollen diese Flugzeuge einen Weg von 2500 bis höchstens 3000 Km. bei 2500 bis 3000 Kg. Nutzladung zurücklegen können. Eine solche Leistung würde aber, auch bei Benutzuno, der verfügbaren Zwischenlandeplätze, nicht genügen, die Meere zu überbrücken. Schon deshalb kann bei weiteren Ueberseeflügen das Flugzeug das Luftschiff nicht ersetzen. Sollte es aber wirklich gelingen, mit solchen ober ähnlichen Riesenflugzeugen transatlantische Fahrten durchzuführen, so wäre auch damit das Luftschiff noch nicht aus- peschaltet, da es vor dem Flugzeug die viel größere Behaglichkeit, Ruhe und Bequemlichkeit voraus hat. Diese Annehmlichkeiten der Fahrt im Luftschiff dürsten so sehr ins Gewicht fallen, daß auch über mittlere Strecken von 2000 bis 3000 Km. das Luftschiff trotz etwas geringerer Geschwindigkeit sich gegen das Flugzeug würde behaupten können.
Eleonora Duses Aufstieg zum Ruhm.
Don Edouard Schneider.
Soeben ist im Insel-Verlag ein in- teressantes Buch über Eleonora Düse erschienen, das der französische Schriftsteller Edouard Schneider auf den ausdrücklichen Wunsch der großen Frau aus tiefem Verständnis und Mitgefühl für ihr Ira- gisches Schicksal in den letzten vier Fahren ihres Lebens geschrieben hat. Die Äebersetzung stammt von Th. Muhenbecher. Wir entnehmen dem Buch das folgende Kapitel.
„Rahe bei mir wohnt in einem baufälligen Hause eine kleine Alte, die Zimmer vermietet, große weite Zimmer mit grauem Bewurf an den Wän- den. Steile Stufen führen zu der schweren Haus» für hinan, die über und über mit blanken Nägeln beschlagen ist. Lieber der Tür aber lächelt ein nicht eben grauenerregendes Gorgonenhaupt. Die Alte war noch ein junges Mädchen, als Eleonora Düse zu ihr kam und für ein paar Tage um Aufnahme bat. Sie hatte damals eine anstrengende Rolle in dem kleinen DollStheater in der Dia Palestro zu spielen. Sie war immer allein, und so mager in ihrem ärmlichen Trauerkleid. Den Tag über schloß sie sich in ihrem Zimmer ein und sah dem Regen zu, wie er trübselig auf den kleinen Hof rieselte ie5 mag im Februar 1876 gewesen fein). Dabei lernte sie ihre Rolle mit halber Stimme und wärmte sich an einem bescheidenen Kohlenbecken. Dies Kohlenbecken war das einzige, um was sie die Wirttn gebeten hatte: das aber hatte sie freilich nötig, denn sie hustete fortwährend. Ihre kleinen Einkäufe machte sie selbst und aß allein auf ihrem Zimmer, studierte und weinte. Sie war etwas über siebzehn Jahre alt und stand an der Schwelle des Ruhms."
So hat die Herausgeberin einer italienischen Zeitschrift die Düse in ihrer ersten Jugend beschrieben: das Bild ist für ihre Kindheit bezeichnend. Geboren wurde Eleonora in Digevano in der Lombardei, wohin die Truppe Alessandro Duses einmal von
Damit ist bereits die Frage der Rentabilität des Luftschiffverkehrs berührt. Bei einer Rentabilitätsberechnung fällt ein Vergleich zwischen Flugzeug und Luftschiff weitaus zugunsten des Luftschiffes aus. Es ist bekannt, daß der Flug- zeugverkehr in allen Staaten heute noch ganz unwirtschaftlich ist und nur durch hohe staatliche Subventionen, die durchschnittlich 75 Prozent der Betriebsausgaben decken müssen und aus militärischen Gründen gegeben werden, aufrechterhalten werden kann. Weiter ist zu bedenken, daß die Unwirtschaftlichkeit des Flugzeuges mit dessen zunehmender Größe, wie vorhin angedeutet, voraussichtlich noch wächst. Man überlege, daß die geplanten Riesen- fluzcuge mit insgesamt 4000-P. 8.-Moforen für die Strecke von rund 2500 Km. 12 000 bis 14 000 Kg. Betriebsmittel verbrauchen werden, bei Mitführuog einer Nutzladung von rund 2500 dis 3000 Kg. Ein Luftschiff von der Größe des Z. R. III, das übrigens mit einer Motorenftärkc von 1500 P. S. auskam, würde für die gleiche Strecke 7000 bis 8000 Kg. Betriebsmittel verbrauchen bei Mitnahme einer Nutzladung von etwa 25 000 Kg. Also bei wenig mehr als der Hälfte des Betriebsstoffes des Flugzeugs könnte das Luftschiff die acht- bis zehnfache Last befördern. Die größere Wirtschaftlichkeit Hes Luftschiffes ist schon damit gegeben. Sie wird sich noch sehr viel weiter erhöhen, wenn wir nach der geplanten Einführung neuer Betriebsmittel für das Luftschiff noch erheblich wirtschaftlicher zu fahren imstande fein werden.
Legt man einer Rentabilitätsberechnung einen Fährbetrieb über den Ozean mit drei großen Schiffen, etwa von der anderthalbfachen Größe des Z. R. III, und die Anlage je eines großen Luftschiffhafens zu beiden Seiten des Wassers, die zu verzinsen sind, zugrunde, so würde, wie ich schon früher einmal erklärte, unter der Annahme von nur je 100 Fahrten (ober 50 Hin- und Rückfahrten) im Jahre die einzelne Fahrt einschließlich aller Abschreibungen, Versicherungen usw. etwa 200 000 Mk. kosten. Auf der anderen Seite kann nach sorgfältiger Berechnung die einzelne Fahrt aus Passagieren, Post- und Frachtbeförderung rund 317 000 Mark einbringen, wobei der Preis für die Passagierbeförderung auf 2500 Mk. für die Person festgesetzt wäre. Jede Fahrt ergäbe also einen Ueberschuß von 117 000 Mk., was einem Reingewinn von 11,7 Millionen Mark auf 100 Fahrten im Jahre entspräche. Die Wirtschaftlichkeit des Betriebes wäre damit vollkommen gesichert. Diese Berechnungen stützen fick auf frühere Betriebserfahrungen und sind mit aller Sorgfalt aufgestellt.
Ich hoffe mit diesen Ausführungen die noch bestehenden Zweifel an der Verwendbarkeit und Wirtschaftlichkeit des Luftschiffes für den Weltverkehr beseitigt und indirekt auch gezeigt zu haben, daß die Erhaltung der Friedrichshafener Luftschiffwerft nicht nur vom kulturellen, sondern auch vom Standpunkt einer gesunden und aufstrebenden deutschen Volkswirtschaft eine unabweisbare Notwendigkeit ist.
Auf dem Wege zu pauaftika.
Von Wolfgang Weber.
Die folgenden interessanten Ausführungen stutzen sich auf die Beobachtungen, die der Verfasser — der erste Deutsche, der nach dem Weltkrieg Afrika bereisen konnte -- auf seiner zentralafrikanischen Expedition gemacht hat, von der er soeben zurück- gekehrt ist. Wenn wir auch zur Zeit keinen Einfluß in Afrika haben, so ist doch die Kenntnis der dortigen Bewegungen für uns im Hinblick auf spätere koloniale Betätigung von größtem Wert.
Wer heute absetts des Weges von Kap Kairo wandert, wird eine Veränderung in der ganzen Struktur Afrikas bemerken, die für die Zukunst dieses Erteiles entscheidend ist. Wenn ein ost- afrikanischer Negerhäuptling halbnackt in seinem Auto herumfährt, wenn ein anderer im Sudan nach seinen Maskentänzen am Radioapparat die Pariser Oper hört, wenn in Gegenden, die vor 25 Jahren auf der Karte noch weiß waren, als erster Europäer ein Steuerbeamter austaucht, so ist damit nicht nur das äußere Gesicht Afrikas verändert. Mit diesen grotesken Momenten ist der Geist Europas m den schwarzen Erdteil eingezogen. In Südastika, in den Minen Südwests, an den Staudämmen des Sudan und den vielen hundert anderen Stellen, an denen der
Venedig aus kam. Sie wuchs einsam im Elend auf, in Ängsten und Abenteuern aller Art. In ihrem lieben Chioggia sehen wir die vierjährige bambina zuerst auf den Brettern als die Cosetle in den „Miserables". So fährt sie mit ihrer Familie von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und hilft ihr Brot verdienen. Die Armut ist ihnen auf den Fersen. Trübe Gesichter um sie her, schwer liegt auf allen die Sorge für den nächsten Tag. Abends, wenn die kleine Eleonora nicht zu spielen hat, muß sie in der dunklen kalten Stube allein bleiben und fürchtet sich. Dann klettert sie wohl auf das Dach: da hockt sie hoch über all der Trübsal da unten und unterhält sich mit den flimmernden Sternen.
Bald wird die geliebte mamma schwer krank, und die Kleine sitzt täglich im Spital an ihrem Bett; da lauert das menschliche Elend unter den Flügeln der Stadtverwaltung und darf sich ein bißchen gehen lasten. Die arme Frau sorgt sich um zu Hause und gibt dem Kinde jeden Abend die Hälfte von ihrer Krankensuppe ab. Lind dann kommt der Tod. Mit vierzehn Jahren ist Eleonora Düse eine Waise. Oft hat sie mir von der Rot jener Tage erzählt. Sie konnte sich kein Trauerkleid kaufen und nähte sich ein ärmliches Endchen Krepp auf ihr Alltagskleid. Lind die anderen sagten: „Die hat kein Herz, sie trägt keine Trauer um die Mutter I" ... Da sprach sie kein Wort mehr, denn es sollte sie niemand weinen sehen, .reckte das Kinn nach vorn, biß die Zähne zusammen und zog die Brauen hoch hinauf in die Stirn, wie sie fich's eingeübt hatte, ein steinernes Gesicht zu machen". Sobald sie konnte, schloß sie sich in ihr Zimmer ein, warf sich aufs Bett und ließ ihrem Kummer steienLauf: „Mamma, mamma!-
Die Erinnerung an diese Zeit warf ihren Schatten auf Eleonora Duses ganzes ferneres Leben. Rach dem Tode der Mutter war der Vater ihr einziger Freund. Er war ein rechtlicher Mann, ehrlich bis zur Härte, und übertrug seine Zärtlichkeit von der Mutter auf die Tochter. Die kleine Eleonora war wortkarg und scheu und erregte in ihrer Umgebung nur verständnisloses Befremden. Fand sie einer von den Leitern ihrer Truppe, wie sie stumm und allein dastand, so wurde sie gescholten. Und doch waren manche gerührt über die großen tiefen Augen in dem blassen Gesicht, die so bang und fragend in das Leben sahen. Rur ihr Vater o.hnte, was in
industrielle Geist Europas sich die schwarzen Massen nutzbar macht, taucht das neue afrikanische Gespenst auf: schwarzer Kommunismus. Wenige Monate Arbett und aus dem ungelenken, in eine karilaturhast wirkende europäische Kleidung gesteckten, einst so stolzen „Wilden" hat sich der selbstbewußte Afrikaner gebildet. Er betrachtet sich als den berufenen und überlegenen Feind der wenigen Weißen und hetzt die anderen Eingeborenen gegen diese auf.
Dicks alles ist das Ergebnis einer Entwicklung, die erst vor wenigen Jahren begonnen hat. In den Jahren, da Weiße mit den Weißen kämpften, und die Europäer dasselbe weit schrecklicher taten, was sie den Schwarzen strengstens verboten hatten — in diesen Jahren ist ihr Nimbus zerstört worden. Die Autorität a priori, die der Handvoll Weihen riesige Gebiete zu beherrschen half, ist gebrochen, und damit ist auch die Mauer gefallen, die früher den Schwarzen die Augen vor den Weihen schloß. Mit einem Schlage sind sie sich darüber klar geworden, daß sie nur mit den Waffen Europas Europa werde schlagen können. Sie sind nicht mehr die unwissenden Herero und Mahdi von einst, sie sind nicht mehr die Leute von Denin und Dahome, die sich selbständig machen wollten, aber noch nie ein Maschinengewehr gesehen hatten. Das ganze intensive ungebrochene Interesse des Negers richtet sich jetzt dem weihen Erdteil zu. Alle Kulturstufen überspringend, dringen dessen letzte technischen Errungenschaften in ein Land ein, in dem noch gar keine Grundlagen für sie vorhanden sind. Sie zaubern Bilder hervor, die heute noch unendlich komisch wirken, die aber vielleicht morgen schon den Neger befähigen, in die Weltpolttik einzugreifen.
In diesen Jahren bildet Afrika das Stadium eines Ueberganges. Heute, unb vielleicht nur heute, kann man in den kritischen Gegenden Spannungen und Entwicklungskeime entdecken, über die vielleicht in kurzem schon die großen kommenden Ereignisse hinwegfluten werden. Das Profil eines politischen Gesichts beginnt in Zen- tralafrifa hervorzutreten. Was man bisher Afrikapvlitik nannte, war weiter nichts als europäische Politik. Afrika brauchte lange Jahrzehnte, bis es auf das Eingreifen des wett überlegenen Europa reagieren konnte. Jetzt aber beginnt sich der schwarze Erdteil, der bisher nichts zu sagen hatte, ganz allmählich zur Initiative zu rüsten.
Ein geistiges Zentrum der panafrikanifchen Bewegungen liegt eigenartigerroeise in — Amerika. Dort hat sich unter den Negern, die bekanntlich vor 300 Jahren als Sklaven dahin verschleppt wurden, trotz aller Unterdrückung eine Intelligenzklasse her- ausgebildet. Heute hat Nordamerika nicht weniger als 18 Negeruniversitäten, die durch die wohlhabenden Schwarzen finanziert werden. Wie bei allen unterdrückten Rassen finden wir auch bei den amerikanischen Negern einen bewundernswerten Zusammenhalt und eine schrankenlose Opferfreudigkeit, wenn es darum geht, für eine nationale Idee zu handeln.
Darauf baut Markus Garvey feine Pläne. Sein Lebenswerk ist es, feinen „afrikanischen Brüdern" zur Freiheit zu verhelfen. Er berief einen Neger- kongreß in Neuyork ein und hatte beispiellosen Erfolg. Zahllose Agenten durchzogen Afrika und gewannen Anhänger — solange, bis die amerikanische Reaierung Garvey wegen „Urkundenfälschung" ins Gefängnis setzte. Aber sein Geist in Afrika lebt, und sein Name ist das Schlagwort in den Neaerdörfern. Mit dem Neger-Professor Thales an der Universität Kapstadt hat er seinen ersten Nachfolger gefunden, und es ist noch nicht abzusehen, welche Bedeutung seine Tätigkeit für die Zukunft Afrikas haben wird.
Für England und Frankreich ist der Besitz ihrer afrikanischen Kolonien weit mehr als Sache des Prestige. Mit der Erschütterung ihres afrikanischen Machtrechts würde auch das Fundament ihrer europäischen Stellung ins Wanken geraten. Sie haben die afrikanischen Gefahren erkannt und ihre Konsequenzen gezogen.
Freilich auf sehr verschiedene Weise. Frankreich erhofft fein Heil in der Verschmelzung von Schwarz und Weiß, England in einer rigorosen Trennung. In den kritischen Ländern, besonders in Kenya und Uganda verwendet man bedeutende Mittel auf die Errichtung von Negerreseroaten und Eingeborenenpflanzungen, in denen weder Indier noch Europäer geduldet werden, und in denen den Schwarzen ihre
ihr vorgehen mochte, ohne sich allzu deutlich davon Rechenschaft zu geben. Wenn irgend ein Schmieren- direttor zu viel von ihr verlangte, sagte er: „Lassen sie das Kind zufrieden! Wenn die Bühne erst hell ist, geht alles von selbst. Aber jetzt lassen Sie sie in Ruhe, sie hat die smara.“
Alles Behagen, alle Fürsorge blieb dem Kinde versagt: sie hustete, sie trug den Keim des Leidens in sich, das von Tag zu Tag schlimmer wurde: dabei lastete schon so früh der Kamps ums Dasein auf ihr, der sonst einem härteren Alter Vorbehalten bleibt. Wie sollte ihr da nicht schon von Kindheit auf der quälende Mißmut und Weltschmerz ver- traut gewesen sein, der in Venedig die smara heißt!
Zuweilen schenkt uns das Geschick einen Ausgleich des Leidens in der eigenen Seele. Für Eleo- nora Düse war es die Vorbedingung zur Größe. Kops und Herz waren ihr schwer geworden von so viel Bitternis, aber der grübelnde Geist sand den Ausweg in das Schöne und Große. Er brauchte eine Zuflucht — so lautet ihr eigenes Wort — und sand sie in der Kunst.
Eines Abends hat sie imAmphitheater in Verona die Julia gespielt. Die Menge hat sich verlausen, und sie geht auch. Lange wandert sie stumm und verlorenen Blicks durch die Sttaßen: der Vater folgt ihr und wagt nicht, sie anzureden. Von allen Türmen der Stadt schlägt es Mitternacht. „Komm zum Abendbrot", sagt er schließlich. Sie läßt ihn gewähren, und zu Hause fällt sie auf ihr Bett und ringt nach Luft. Sie ist die Sklavin der Gestalten, denen sie das Leben gibt. Noch lange nach der Stunde der Offenbarung hält der Traum sie umstrickt, und chr gebricht es an Kraft, ihn abzuschütteln. Eie ist von ihren Eingebungen besessen und kann nichts als schweigen. Worte reichen nicht aus.
So dämmert eS im dunklen Elend ihr zur Qual und zum Heil. Schon in den ersten Jahren war sie der Gewalt der Flammen und der Stürme in ihrer Brust inne, und nur in voller Anabhängigkeit meinte sie den Reichtum beschützen zu können. Die Furcht, das geringste davon in irgend einer endgültigen Bindung aufs Spiel zu sehen, vermehrt in ihr das Grauen vor allem, mit dem sie nicht vertraut ist. Dor ihrer Hochzeit mit Checchi soll sie viel geweint haben. Zuflucht findet sie zuletzt doch nur in der
Montag, 5. Juli 1926
alte Kultur und ihre Harmlosigkeit erhalten bleiben soll. Man hofft damit zu vermeiden, daß die Weißen den Negern Waffen in die Hand drücken, die diese einst gegen sie selbst richten.
Was England unter allen Umständen zu verhindern sucht, erhebt Frankreich in Wcstafrika zum System. Alle Bestrebungen gehen dahin, die Kluft zwischen Schwarz und Weiß zu überbrücken. Der Schwarze, der eine Französin heiratet, wird französischer Bürger, wenn er das Kreuz der Ehren- legion oder eine andere Auszeichnung erhält, ebenfalls. In der französischen Kammer sitzt ein Neaer. Man strebt innige Rassevermischung an. Die afrikanische Gesahr wird dadurch unmittelbar nach Europa hereingetragen, und während das außerordentlich klug angepackte englische System die Katastrophe sicherlich so weit wie möglich zurückhalten wird, werden die französischen Maßnahmen vielleicht das Gegenteil herbeiführen. Augenblicklich bereitet sich diese Bewegung erst ganz langsam vor, und man weiß nur, daß ihre Folgen um so einschneidender werden, je später sie zum Ausbruch kommen. 2luf» halten kann man sie vielleicht, aus der Welt schaffen aber nicht, ebenso wenig wie die, die sich in Indien und China oorbereiten. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß die großen Kolonialstaaten der Gegenwart bald vor einem gefährlichen Gespenst stehen werden: dem Endkampf der Bodenständigen um die Existenz ihrer Rasse und Kultur — Panafrika.
Festtage in Riga.
Don unserem ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Libau, Ende Juni 1926.
Riga hat in den letzten Tagen einen Trubel erlebt, wie vielleicht noch nie in seiner 725jährigen Geschichte. Drei große Ereignisse treffen zusammen, von denen schon jedes im einzelnen! genügt hätte, um die verträumte Sommerstille der ehrwürdigen altertümlichen Gassen und der großzügig angelegten modernen Boulevards in kochendes, wimmelndes Leben zu verwandeln. Erstens gab es wie alljährlich eine Messe, zweitens ein national-lettisches Sängerfest und bann den Besuch des finnländifchen Staatspräsidenten Relander mit seinem zahlreichen Gefolge.
Die Messe ist in diesem Jahre in wirtschaftlicher Hinsicht kein Erfolg. Schon bei einem flüchtigen Besuch fällt es auf, daß ein großer Teil der Stände unbesetzt geblieben ist. Namentlich die einheimische Industrie scheint in eine auch anderorts beobachtete Messemüdigkeit verfallen zu sein. Nicht ganz mit Unrecht hat sie wohl daran gezweifelt, ob die immerhin erheblichen Kosten, welche mit einer Beschickung der Messe öerbunben sind, durch den finanziellen Erfolg auch gerechtfertigt werden würden. Zäher sind die ausländischen Aussteller gewesen, von denen namentlich die deutschen recht zahlreich und mit vorzüglichen Erzeugnissen vertreten sind. Es zeugt für die Erkenntnis der wirklichen Situation, daß auf der diesjährigen Messe der landwirtschaftliche Charakter Lettlands weit stärker zum Ausdruck gelangt, als in den vorhergehenden. Am zufriedensten sind mit dem Verlauf der Messe jedenfalls die Aktionäre der Gesellschaft: „Jsstahde" (Ausstellung), welche sich mit Dchmui^eln die Völkerwanderung nach dem Messegelände ansehen. Kein Wunder, hat doch das Sängerfesti halb Lettland nach Riga gelockt.
Die Vorbereitungen zu diesem Sängerfest begannen schon sehr frühzeitig, legen die Letten doch auf diese Veranstaltung den größten Wert. Die Sängerfeste, welche seit 1873 in Abständen von acht bis fünfzehn Jahren stattgefunden haben, sind für sie sozusagen symbolische Etappen auf dem Wege ihrer Volkwerdung. Da das diesjährige das erste seit der Gründung des lettischen Staatswesens ist, war es weiter nicht erstaunlich, daß man ihm allen nur erreichbaren Glanz zu verleihen trachtete. Auf der „Esplanade", dem mitten in der Stadt gelegenen großen alten russischen Platz für die Truppenparaden, wurde schon seit Wochen gezimmert und gehämmert. Um den Platz muß ein zirka zwei
Maizena
das Nährmehl 3(ranke
Bewegung des eigenen Innern, die sich in den Geschöpfen ihrer Kunst auswirtt. Auf der Flucht vor dem Schmerz in ihrer Brust saugt sie sich Kraft aus seinen reifen Früchten. Aus der Kunst wiederum erhält der innere Schwung immer neuen Antrieb. Zuzeiten ist ihr, als versiege der Strom. Dcs sind die Stunden stiller Verzweiflung. Dann spürt sie es plötzlich wieder allmächtig quellen und sagt wohl: „Ich dachte nicht, daß ich so viel Kraft hätte"; ein andermal verkennt sie, was in ihr wühlt und meint: „Ich bin nicht mehr ich selbst, wenn die Furien mir auf den Fersen sind." Erst in der Not der allerletzten Monate hat sie tatsächlich daran gezweifelt, ob die herrischen Gewalten in ihr noch lebendig wären. Die Sehnsucht, die sie ihr Leben lang umgetrieben hat, flammte aber nicht aus derartigen Zweifeln: Eleonora Düse hat immer gefürchtet, nicht wirklich machen zu können, was die innere Stimme von ihr forderte, und das hat ihr keine Ruhe gelassen.
Sie trug ein geheimes Grauen vor dem eigenen Aeberschwang in sich, das sie immer wieder in die Einsamkeit trieb. Es ist, als folge sie einem wilden, einem krankhaften inneren Muß, wenn sie plötzlich flieht und selbst ihren besten Freunden nicht sagt wohin. Sie rettet sich aus dem Lärm des Tages und aus dem Taumel des Gewöhnlichen, den die verblendete Menge für Leben hält. Sie durchschaut diesen Nebel, in dem das Individuum erlischt. Zur Einsamkeit geboren, folgt sie dem hohen Gesetz ihres Seins und sucht in der Stille sich selbst. 3n den späteren Jahren erblüht ihr aus Einkehr und Betrachtung Religion, die von je der Inbegriff ihrer menschlichen und künstlerischen Bestimmung gewesen ist.
Eleonora Düse erkannte in der verhängrUwollen Gewalt, die sie umttieb, den Funken Gottes und war ihr leidenschaftlich untertan ihr Leben lang. In einer Stunde der Qual schrieb sie den herrlichen Brief: „Ich gehe im Sturm wie jemand, der seinen Weg kennt, und gehorche doch nur dem inneren Marschtakt, der mich allezeit vorwärts tteibt. Llnd was ist am Ende der langen Reise? Vielleicht... das süße Bewußtsein: ich bin meinem Schicksal gehorsam gewesen. — Vielleicht! — Dies eine rttte hoffe ich — und vergesse — was ich gelitten....


