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Samstag, 5. Juni 1926

Ur. 129 Erster Blatt

176. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck vud Verlag: vrühl'sche Univerfitülr-Vllch. Ulld Stetnöruderei K Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchnlstratze 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich sür Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An- zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

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Das Spiel der Mächte.

Wir leben, politisch betrachtet, in einer außer- ordenllich erregten Zeit. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen mit ihrem saft oerwirenden Vie­lerlei lenken den Blick abwechselnd nach den ver­schiedenen Teilen der Welt. Für den mitldbenden Zeitgenossen ist es schwer, vielleicht unmöglich, den Blick vor solcher Fülle zu sammeln, gewissermaßen konzentrisch zu sehen, Zusammenfassendes im Viel­fältigen zu finden, Beziehungen aufzuweisen und die Brennpunkte und Wetterwinkel Mitteleuropas und der Welt, die Zentren im Spiel der großen Mächte (wie Ranke es meisterlich verstanden hat) innerlich nach Ursache und Wirkung zu verbinden.

Aller Augen wenden sich jetzt nach Lissabon, dann nach Warschau, heute nach Paris und morgen nack London, von London nach Aegypten, von Paris nach Madrid, nach Marokko und nach Italien. Portugal ist aus dem Spiel der großen Mächte wohl in unserem Zusammenhang, wie überhaupt, auszuschei- den. Dieses Land hat seine Vergangenheit gehabt, hat seine Zukunft gewissermaßen hinter sich, liegt, obatDür geographisch ein Eckpfeiler, außerhalb der für Zentraleuropa maßgeblichen Interessenzone. Ueberdies ist eine Revolution in Portugal etwas anderes, als etwa in London oder Berlin, ist zu oft schon dagewesen und fast zur Gewohnheit ye- worden. Und endlich sind die Verhältnisse im Süd­westen auch nach der nun zuftandegekommenen Ka­binettsbildung unter dem Ministerpräsidenten Eabe- cadas noch zu ungeklärt, als daß sich für heute eine maßgebliche Signatur der Situation geben ließe.

Verhältnismäßig ähnlich liegen, von uns aus ge­leben, die Dinge in Palen nach dem Staatsstreich Pilsudskis, und nach der etwas komplizierten Schild­erhebung Mofcickis. Auch hier wird man den Er­eignissen nicht vorauslaufen dürfen. Für uns fällt allerdings einerseits die territoriale Nachbarschaft und andererseits über unsere Köpfe hinweg die weniger territoriale, als polittsch-kordiale An­näherung an Frankreich ins Gewicht. Historisch stellen die Vorgänge in Warschau wieder einmal einen der vielen, durch Jahrhunderte wiederholten Versuche eines geographisch außerordentlich un­günstig situierten Kleinstaates dar, sich im Spiel der Mächte selbständig zu behauvten und $u verwalten. Allerdings hat sich die polnische Situation (für uns: leider) im Gefolge jener französischen Beziehungen und im Schatten des Weltkrieges immerhin so weit geändert, daß dort kaum noch der Nachdruck darauf liegt, sich gegen eine für größeres, politisches Augenmaß entschieden vorteilhaftere Aufteilung, Angliederung oder Beiordnung in irgendeiner Form zur Wehr zu setzen, sondern in den während der letzten Jahre Immer unverhüllter zutage getretenen Expansionsbestrebungen, die zwar in einem sehr un­angemessenen Verhältnis zur politischen Bedeutung des Landes stehen, die aber die viel 'zu wenig beachteten Ereignisse in Oberschlesien 1921 sollten das gezeigt haben durchaus nicht unterschätzt werden dürfen. Unter solchen Gesichtspunkten, im Hinblick auf die Gestaltung des ferneren Ver- hältnisses zu Deutschland werden die umstürzlerischen Ereignisse in Warschau in erster Linie für uns an» zusehen sein. D. h. also, man wird ohne sich übertriebenen oder auch nur bescheidenen Hoffnun­gen hinzugeben abwarten müssen, ob und wie weit die veränderte Situation in Polen die deutsch- polnischen Beziehungen in nennenswert anderem Lichte erscheinen lassen werden, als es, nicht zu unserem Besten, bisher der Fall war.

Daß Polen in eine solche Bedrängnis geraten konnte, daß man, wie Briand auf eine Anfrage angedeutet hat, ihm etwa durch die entmilitarisierte Zone zu Hilfe eilen mußte, ist so wenig überzeugend, wie die angeblichen Kriegsdrohungen und Revanche- S Deutschlands, auf die die bemerkenswerte rede Millerands in der französischen Senats­sitzung vom Donnerstag glaubte aufmerksam machen zu müssen. In derselben Rede konnte man hören, daß Deutschland den Angriff von 1914 und über­dies mit der von ihm befolgten Politik Bismarcks dasvernichtende Regime des bewaffneten Frie­dens" in Europa verschuldet habe. Jeder Einsich­tige wird sich bei diesem letzten Punkt zum min­desten erinnern, daß gerade durch das Fallenlassen der (russischen^ Politik Bismarcks das berühmte europäische Gleichgewicht im Spiel der großen Mächte in einer für Deutschland unheilvollen Weis? beeinträchtigt wurde.

Auch in Frankreich ist man heute weit davon entfernt, den Weg für eine gedeihliche Ausbalan­cierung der Kräfte gefunden zu haben. Aber die große Locarnodebatte beweist, daß man in Paris noch andere Sorgen hat, oder zu haben glaubt, als Marokko und den Frankenstand. De facto bilden wohl diese beiden Punkte gegenwärtig die schwie­rigsten Probleme jenseits des Rheins. Man sieht schon: die Kapitulation Abd el Krims ist keines­wegs mit der Verabschiedung des Marokkokrieges zu identifizieren, zum mindesten nicht mit Losung oder Beseitigung der ganzen Marokkofrage über­haupt, die ja kein Problem von gestern unb heute ist und übrigens auch durchaus fein ausschließlich fran­zösisches Problem. (Ein deutsches ist es gewesen: jetzt sehen wir von weitem zu.) Die curopäi|d)cn Interessen in Nordafrika sind aber auch, wenn man Spanien, als den nächst Frankreich am aktivsten or. derLöst,na" beteiligten Staat ins Auge faßt, noch nicht erschöpft. Das beweisen einmal die ziemlia) deutlich ausgesprochenen Wünsche Italiens, das ja eigentlich seit den allerfrichesten Anfängen seiner Ge- schichte den Blick nach der afrikanischen Küste hin- Übergerichtet hat. Italiens Interessen sind, nicht »rft feit Tripolis, gewissermaßen historisch.

Schließlich:'England. England hat allen Grund, fein Augenmerk auf die Gestaltung der nordafri­kanischen Ereignisse zu lenken: nicht nur, weil es dank feiner besonderen Stellung jederzeit Anlaß hat, in möglichst vielen Teilen der Welt möglichste Auf­merksamkeit malten zu lassen, sondern auch, in enge­rem Rahmen, mit Rücksicht auf Gibraltar und die

272:6 für

Die deutschen

Paris. 4. 3unt. 3n der heutigen Sitzung des Senats wurde die Aussprache über die Ratifizierung der Verträge von Lo­carno fortgesetzt. Der Vorsitzende des Aus­wärtigen Ausschusses H u b e r t, führte aus, daß der deutsch-russische Vertrag doch von dem glei­chen Geiste eingegeben sei wie der rheinische Sicherheitspakt. Locarno hätte also in gewisser Beziehung die deutsch-russischen Bezie­hungen beeinflußt und aus diesem Grunde schlage der Auswärtige Ausschuß die Ratifizie­rung vor. Locarno bedeute die direkte Ver­ständigung mit Deutschland: die könne aber erst eintreten, wenn die europäische Soli­darität hergestellt sei. Das nehme man an unter der Bedingung, daß Locarno Versailles bestätige, und daß man nicht auf die defensive Macht ver­zichte. Locarno sei ein großer Versuch und eine große Hoffnung.

Der rechtsstehende Senator de la Hahe erklärte, er glaube nicht, daß Locarno den Krieg verhindern könne. Deshalb stimme er gegen die Regierung.

Senator Merlin erklärte, wenn man Lo­carno nicht annehmen würde, würde man jede Sicherheitsgarantie vertagen.

Die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund fei eine geschichtliche JatalUät

deren Entwicklung man mit Wachsamkeit verfol­gen müsse. Der radikale Senator Bourgvis führte aus, Locarno habe nur Bedeutung, wenn Deutschland den Vertrag von Versailles erfülle. 3m vorigen 3ahre habe er im Senat von den zahlreichen militärischen Maßnahmen gesprochen, die Deutschland getroffen habe und die geeignet seien, an seinem friedfertigen Geiste zu zweifeln. Die letzten Berichte der Militärkontrollkommissivn hätten das vollkommen bestättgt. Seit einem Jahre habe sich die militärische Lage Deutsch­lands wesentlich gebessert. Sobald Deutschland in den Völkerbund eingetreten sei, werde es sicher die militärische Gleichstellung mit den anderen Ländern fordern. Die Art uno Weise, wie Deutschland den Versailler Vertrag ausführe, müsse mißtrauisch machen.

Der linksrepublikanische Abg. Chenebe- noit führte aus, es sei seltsam, wenn man diese Debatte zu Ende gehen ließe, ohne die Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland zu besprechen. Die Frage sei aktueller, da gegen­wärtig Monsignore Seipel, sich in Paris auf­halte. 3n dem Memorandum, das dem Abkom­men von Locarno voraufgegangen fei, sei von den Ost- und Westgrenzen Deutschlands die Rede gewesen, aber von den Südgrenzen habe man noch nichts erwähnt. Auch werde in Deutschland Propaganda für den Anschluß betrieben. Seipel habe alles für die Zukunft Vorbehalten. Rach den Friedensverträgen sei es Oesterreich untersagt, sich an Deutschland anzuschließen, denn dadurch werde die Tschechoslowakei eingekreist und der deutscheTraumM i11eleuropa" würde Wirklichkeit werden. Deutschland dürfe nicht den Krieg gewinnen durch Annexion Oesterreichs. Der europäische Friede müsse über alle Ambitionen gehen.

Hierauf ergriff Ministerpräsident Briand das Wort und erklärte, die Abkommen von Lo­carno rechtfertigten weder übertriebenen Enthu­siasmus noch übertriebenen Pessimismus, Lo­carno müsse man objektiv unter Beiseitestellung jeder Parteirichtung betrachten. Auch er würde als Urheber dieses Werkes das Gefühl selbst­

Locarno.

Rüstungen".

verstandilcher Zuneigung hintanstellen. Auf die Frage, ob Locarno ein Plus zum Friedensver­trag von Versailles bedeute, erklärte Briand, er wolle nicht am Vertrage von Ver­sailles kritisieren, xrber er müsse doch feststellen, daß schon bei der Rattsizierung des Versailler Vertrages Sorge um die Sicher­heit laut geworden sei. Locarno nehme Frank­reich nicht die Attionsmittel. Wenn eine ernste Verletzung erfolge, könne Frankreich sofort han­deln und die Garanten zur Hilfe auf­rufen. An ihrer Hilfe zu zweifeln, habe Frank­reich kein Recht. 3m übrigen behalte Frank­reich alle seine Verteidigungsmittel.

wenn eine derartige Kombination 1914 be­standen hätte, hätte es sich Deutschland überlegt, einen Angriff zu wagen. Er begreife, daß man Deutschland gegenüber ein gewisses Mißtrauen habe, aber er sei der Ansicht, daß man ab­warten müsse: doch könne er versichern, daß der deutsch-russische Vertrag für ihn eine gewisse Ernüchterung gewesen sei.

Wenn man in der Vergangenheit gesagt habe, si vis pacem, para bellum, so sei doch durch Locarno das System umgekehrt worden.

Briand fuhr fort, daß mit Locarno allein die Aufgabe noch nicht vollendet sei. Man brauche noch Wirtschaftsabkommen,denn auf dem Gebiete der Wirtschaft würden noch Kriege geführt. Schließlich berührte Briand noch­mals den deutsch-russischen Vertrag und warf die Frage auf, ob dieser Vertrag ein Reutralitätsvertrag geworden wäre, wenn die Abkommen von Locarno nicht bestanden hätten. Wir verlangen, erklärte er, daß der Locarno -03ertrag und das Dölkerbund- ftatut respektiert werden, und wenn Deutschland erklärt, daß es sie respektiere, Ix*m. glaube er das. Er wolle den Frieden fonfv.i- dieren und alles fordern, was Frankre'ck vor einem neuen Krieg schützen könne.

was Deutschland anlange, so kenne ec sichere Beweise über Deutschlands Friedfertigkeit.

Er glaube nicht, daß das deutsche und fran­zösische Volk dazu verdammt seien, sich fortge­setzt zu zerfleischen. 3m Völkerbund werde Deutschland bald bemerken, daß es sich dort dem Milieu anpassen müsse. An dem Tage, so schloß Briand, an dcm Frankreich seine völlige Sicherheit garantiert habe, sei es bereit, wie die anderen Rationen, abzurüsten. Bis dahin wolle es den Vertrag von Locarno weiter entwickeln.

Ein großer Teil der Sitzung wurde mit der Rede des Generals Bourgeois ausgefüllt, der zahllose Daten und Angaben über

die militärischen Rüst ungen Deutsch­lands verlas. 11. a. behauptete er, daß erst unlängst im Schwarzwald große militärische Manöver ftattgefunden hätten. Der Schwarz­wald sei von Patrouillen durchzogen worden, die von Offizieren der Marine geführt worden seien. Diese Patrouillen hätten Hebungen an Hand von Karten abgehalten und seien dabei stets in allernächster Rähe der Lisenbahnstränge zu sehen gewesen, wahrscheinlick; seien sie damit beauftragt gewesen, die Möglichkeiten zur Be­förderung der Artillerie durch die Eisenbahn zu studieren.

Der Senat hat bann nach einer letzten Erklärung Brianbs mit

272 gegen 6 Stimmen sein Einoer st änbnis mit ben Verträgen von Locarno erklärt.

aerobe für England naheliegende Erweiterung des Marokkoproblems zum Mittelmeerproblem. Heber Nordafrika hinaus aber wirb sich ber englische Blick fast gezwungen auch nach Sübafrika, nach Aegypten unb enblich nach Inbien roenben, b. h. nach Län- bern, wo bas, was in Marokko mehr inbirekt unb beispielhaft sich abspielt, noch konkretere unb ausgesprochen rein englische Bebeutung hat. Tie Beziehungen unb Zusammenhänge finb beutlich. Abb el Krim ist freiwillig abgetreten (sein Schicksal hängt im Ungewissen, viele Hänbe strecken sich nach ihm aus, ihn möglichst sicher unb möglichst Dauerhaft um schädlich zu machen) .Zaglul Pascha aber ist tätig.

Zwar bie Lage in Aegypten, bie sich bedenklich verschärft hatte (so sehr, baß bereits ein englisches Schlachtschiff in Marsch gesetzt worben war), hat sich mit dem fast überrafdjenben Verzicht Zagluls auf bie Regierungsbilbung etwas entspannt. Mn welchen biplomatischen Mitteln, mit welchen vagen Versprechungen unb Scheinzugestänbnissen (wie in Inbien) Englanb bies errreicht hat, ist nicht leicht zu sagen: immerhin wirb man sich nicht verleiten lassen, bie Tragweite dieser Wendung zu über­schätzen. Die Neuwahl bes ägyptischen Parlaments hat erwiesen, wie nachhaltig ber Einfluß bes ägyp­tischen Ganbhi (so hat man Zaglul genannt) ge­wirkt, unb wie tief bie Unabhängigkeitsbewegung in Aegypten Wurzeln geschlagen hat. Unabhängig- keitskörnpse. Selb st be st immungsbe st re- bungen, Nationalstaatsbewegungen: dam t ist wohl im Augenblick bas eine große unb schwernie- genbe Agens im Spiel ber Mächte bezeichnet.

Das zweite kategorische unb ziemlich internatio­nale Problem ist wirtschaftlicher Art. Für Englanb zur Zeit wohl fast brennenber noch, als die äußeren Machtfragen, vielmehr von ihnen kaum loszulösen unb jedenfalls lebenswichtiger, als eine bloße Angelegenheit des berühmten englischen Pre­stiges. Der Bergbaustreik ist noch immer nicht in ein Stadium wirklich produktiver Verhandlungen ge­

langt, die Folgen der Kohlenknappheit wirken sich wenig angenehm aus. Und wenn etwa die Londoner Regierung über die eigenen Grenzen hinaus in etwas schadenfroher (übrigens negativer) Genug­tuung nach Paris blicken sollte, wo der Finanz­minister Peret gerade über seine Bemühungen um den (durch den Sieg in Marokko unberührten) Fran­kenstand berichtet, so wird diese Genugtuung durch einen weiteren Blick nach Genf wiederum sehr ge­trübt werden, wo derzeit das dritte große (unb viel­leicht elementarste) Gegenwartsproblem weitschweifig unb gegensätzlich behanbelt wirb: Abrüstung

Gerabe Frankreich (unb bann auch Italien) widersetzt sich hartnäckig der Einreihung ber mili- tärischen Reserven unter den Begriff ber Friedens­rüstungen. Wenn Frankreich seinen Widerstand durchbrückt, bann wirb bas an sich schon fragwüc- bige Abrüstungsinstrument oollenbs illusorisch. Frankreich, als zur Zeit stärkste Militärmacht, htt bas größte Interesse daran, seine bedeutenden Re­serven nicht dergestalt kaltgestellt zu sehen. Und in England wird man einsichtig genug sein, dieses un­gemeine Interesse wenigstens nicht ausschließlich auf koloniale Engagements unb auf bie in ber oe-- natsrebe Milleranbs an bie Wand gemalten Re­vanchegelüste Deutschlands zu beziehen.

Neuer Frankensturz.

Paris, 4. Juni. (TU.) An ber heutigen Pa­riser Börse wurde ein starker Rückgang bes Franken verzeichnet. Die Gründe dieses neuer­lichen Frankensturzes sind nicht klar zu er­kennen. Es hat aber den Anschein, bah bas gestrige Expose bes Finanzmini fters Pecet einen ungünstigen Eindruck hinterließ, ebenso wie ber gestern veröffentlichte Ausweis ber Sank von Frankreich. Außerdem hat die politische Ungewiß­heit trotz des Vertrauensvotums von vorgestern wieder in stärkerem Maße zugenommen.

Beginn der Völkerbundstagung am Montag.

Genf, 4. 3inrL (TU.) Die Tagesordnung der am Montag beginnenden 40. Tagung des Dölkerbundsrates, die der alphabetischen Reihenfolge der Staaten entsprechend den Ver­treter Schwedens, Un t>en, als Präsidenten sehen wird, umfaßt 24 Punkte. Als die wichtigsten Punkte seien folgende genannt: Bericht der Stu­dienkommission über die Zusammensetzung unb Erweiterung des Völkerbunds­rates, Berichte der Fincmzkommission über die endgültige Aufhebung der Finanzkon­trolle in Oesterreich und Ungarn, Berichte der Opium-Kommission sowie Behandlung der Freigabe der Unterbringung der armenischen und griechischen Flüchtlinge und der Frage einer bulgarischen Völkerbunds-An leihe. Ferner wird der Völkerbundsrat sich mit den Resultaten der Kommission für die Vorbereitung der WcltwirtschaftSkonserenz b: fallen. Man nimmt an, daß Briand infolge der poli- ttschen Lage in Frankreich doch nicht an den Feierlichkeiten für die Eröffnung des neuen Ge­bäudes des Internationalen Arbeitsamtes werde teilnÄhmen können und erst am Montag früh auf ein bis zwei Tage nach Genf kommt. Die Tagung des Völkerbundsrates wird, soweit sich bis jetzt übersehen läßt, sechs bis acht Tage dauern, falls nicht von den Vertretern Brasiliens oder Spaniens in der Frage der Ratserweite­rung neue Schritte unternommen werden, die dann naturgemäß eine vollkommen neue Situa­tion herbeiführen würden.

Der ständige Mandatsausschuß des Völkerbundes tritt am nächsten Dienstag zu seiner Tagung zusammen, um die Jahresberichte der Mandatsstaaten über die als Mandatsgebiete unter ihrer Verwaltung befind­lichen ehemaligen deutschen Schutz­gebiete. sowie über die Mandate in 3raf, Syrien und Palästina zur Berichterstattung an den Völkerbundsrat zu prüfen. Außerdem sind Bittschriften des syrisch-arabischen Kongresses in Beirut und des palästinensisch-arabischen Kon­gresses in Kairo eingegangen.

Der Begriff der Friedensrüstungen.

Gens, 4. 3uni. (WB.) Der Militäraus­schuß der Abrüstungskommission hat gestern in Fortsetzung seiner Beratungen über den Be­griff der Friedensrüstungen zu dem Kapitel der Reservekräfte beschlossen, daß Reserveschiffe von der Abrüstung betroffen werden sollen, daß dagegen Heeres- und Flotten- arsenale nicht unter den Begriff der Friedens rüst ungen fallen und in die spätere Abrüstung nicht einbezogen werden sollen. Die gegenteilige, hauptsächlich von den deut­schen unb brasilianischen Militär- und Marine- sachverständigen vertretene Auffassung, daß der Begriff der Friedensrüstungen m ö g l i ch st w e i t gefaßt werden müsse, wenn die Durchführung einer wirksamen Abrüstung später möglich sein soll, konnte trotz zielbewußter und klarer Dar­legung ihrer Gründe nicht durchdringen.

Vie Genfer Arbeitskonserenz.

Genf. 4. Juni. (Täl.) In der heutigen Vollsitzung ber Arbcitskonferenz wurde der Kom­missionsentwurf über die Vereinfachung der Kontrolle auf Einwandererschiffen, über den gestern ergebnislos abgestimmt worden war. nochmals zur Abstimmung gebracht. Die Artikel 17 wurden als Entwurf für die Kon­vention mit 61 gegen 39 Stimmen angenommen. Diese Artikel gehen nochmals zur Verhandlung an das Redaktionskomitee, das dann den Entwurf an die Kommission zurückgehen läßt. Der Artikel 9. der die Einstellung von weiblichem Hilfspersonal bei mehr als 50 fremd­sprachlichen weiblichen Auswanderern vorsieht, wurde jedoch lediglich als Empfehlung mit 80 gegen 23 Stimmen angenommen. Der Artikel 8, der gestern von der Vollversammlung abgelehnt worden war, wurde heute in Form einer Ent­schließung mit 75 gegen 19 Stimmen angenom­men. ©onft gehören die Artikel 8 unb 9 nicht zu dem Entwurf der Konvention übet die Ver­einfachung der Auswandererkontrolle.

Entspannung in Aegypten.

Zagluls Verzicht.

London, 4. Juni. (211.) Die Rachricht daß sich Zaglul Pascha entschlossen hat, nicht auf der Bildung eines Kabinettes zu bestehen, hat in maßgebenden Londoner Krei­sen große Befriedigung hervorgerufen. Der diplomattsche Korrespondent desDaily Te­legraph" meint hierzu, England habe genügend Grund, jede ägyptische Regierung ab­zulehnen, an deren Spitze Zaglul Pascha stehe, besonders mit Rücksicht darauf, daß unter der früheren Regierung Zaglul Pascha eine Reihe von Gewalttätigkeiten gegen Aus­länder verübt worden seien und die Vereinigten Staaten, Italien und Griechenland bei dem eng­lischen Oberkommissar in Aegypten angefragt hät­ten, ob England nicht selbst den Schuh des aus­ländischen Lebens und Eigentums übernehmen wolle.

Der gestrige Verzicht Zagluls auf das Amt eines Ministerpräsidenten hat die Lage leicht gebessert, aber eine schnelle unb einfache Lö­sung des ägyptischen Problems ist leider nickt