Ur. 284 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefien)Samstag, 4. Dezember (926
Der Thronfolgestrett in Rumänien.
Bon Dr. Paul Rohrbach.
Die Ichwere (Sclranfung des Könige von Rumänien tann über Rächt in den vaUanischen Legionen ein neues Moment polttisiyer «Äeiapt und Unruhe fchafien. König Ferdinand ist ein Sohn jenes Prüfen Leopold von Hohen- Kollern, bellen Wahl zum König von Spanien 1870 für die |rai»oiiiche Knegeertiätung an Deutschland den Vorwand bildete. Seine Wut- ter Antonia war eine portugiel ische Prinzessin. Die mütterliche iüdländ.scye Herkunft ver» leugnet sich auch nicht im Aeuhern des Könige. Da die Ehe seines Oheims, des Füriren und spaieren Könige Karl nut der Prtnzestm Elisabeth zu Wied (Lärmen Sylva) tinder- los war, so wurde er 1889 atS Thronfolger an den Hof nach Bukarest berufen. Am 11. Oltober 1914 starb König Karl. König Ferdinand steht also im zwölften Jahr (einer Aegierung, die Rumänien zwar eine Vergröberung um mehr als das Doppelte an Volkszahl und Umfang, aber keine Festigung seiner inneren Verhältnisse gebracht hat.
Vekannt sind die irregulären gamilien- verhältnisse am rumänischen Hof. Der König ist vermählt mit Maria, einer englisch- koburgischen Prinzessin. Sie Hochzeit fanb im 3anuar 1893 im Schlosse in Sigmaringen statt. 3u Weihnachten wurde der Thronfolger Prinz Jtatl geboren, der zu Anfang dieses Jahres auf sein Thronrecht verzichtet hat. Dein Sohn, bet jetzige Kronprinz Michael, ist 1921 geboten, also ein Knabe von fünf Jahren, für den eine lange Regentschaft notwendig wäre. Lin eigentliches gami.ienleben hat am kronprinz- lichen und späteren königlichen Hose in Bukarest, wie allen 'Augenzeugen bekannt ist, nicht existiert. Beide Teile pflegten ihren besonderen Neigungen keine Beschränkung aufzuerlegen. Auch bet frühere Kronprinz hat in Bezug auf Liebesaffären bekanntlich schon eine Menge geleistet und fein Thronverzicht entsprang wesentlich dem Wunsch, sich in dieser Beziehung nicht einmal die notwendigsten äußeren Schranken aufzu- er legen.
Politisch war der Ehrgeiz der Königin Maria, die vom AuSbruch des Weltkrieges an mit Leidenschaft auf der Seile der Alliierten stand und mü ihren Freunden auf jede Weife die Parteinahme Rumäniens betrieb, ein sehr (tarier Faktor, zumal feil dem Tode deS alten Königs Karl. Seinen großen Tag erlebte das Königspaar bet der Krönung mit der Krone von Groß- tumänien 1920 in der neu erbauten Kathedrale von Alba Julia, dem früheren Karlsburg in Siebenbürgen. Dieser Dau war gleichsam ein Vorzeichen unsicherer Zukunft und einer mehr auf Schein als auf Sein gestellten Gröhe. Die unverhältnismäßig kleine und eilig gebaute Kirche in buntem, byzantinisch-morgenländischem Stil ist in eine mächtige, prunkvoll wirkende, aber auch au« wenig solidem Material errichtete Hofanlage hineingestellt. die der Architekt hauptsächlich zu dem Zweck hat komponieren müssen, um die Pracht des Krönungszuges sich darin entfalten zu lasten. DaS Ganze ist nicht viel mehr, als eine eilig gebaute, dekorative Kulisse, die schon jetzt nach wenigen Jahren anfängt, Riffe des Verfalls zu zeigen.
Die Lage in Rumänien ist von mehreren Seiten her bedroht — zunächst durch den S t r e 11 her Parteien. Die mächtigste Partei, obwohl augenblicklich nicht am Ruder, ist die liberale, die eigentliche Trägerin de« am besten al« „DalkaniSmuS" zu bezeichnenden Systems der Vernachlässigung aller Rechtsbegriffe und der Ausbeutung deS Staats für persönliche und private Vorteile. ES wäre zu viel gesagt, wenn man jeden politischen Machthaber in Rumänien al« im gewöhnlichen Sinne korrupt bezeichnen wollte. Man hält es aber bis in die höchsten Regionen hinaus für selbstverständlich, bah Gesetze und Derwaltungsmäßnahmen daraufhin zu- geschnitten werden, daß die Unternehmungen bestimmter Persönlichkeiten ihren Vorteil davon haben.
Verhältnismäßig intakt ist der Richt erstand. namentlich der höhere und höchste. Der
Karlchen.
Der dezemberliche Vortragsabend des Gvethe- bundes brachte, ganz auf harmlose Heiterkeit gestellt, Karl Sitlinger au« München, aufs Podium, und „Karlchen" — von der „Jugend" her unter diesem populären Vornamen auch heute noch, wo er schon graue Haare hat, weiten Kreisen bekannt — bereitete einem großen und dankbar gestimmten Zuhörerkreise zwei vergnügte Stunden.
Karlchen (in seiner Frankfurter Heimat würde man sagen: Kallche) begann mit einer sanften Satire in vier Bildern „Wenn der Frau Venus btt Hand aus rutscht", von den seltsamen Folgen berichtend, die aus einer dem Amorbuben in himmlischen Gefilden verabfolgten Ohrfeige unversehens erwachsen. Dann folgten in bunter Reihe Skizzen, Plaudereien, Satiren und Gedichte, die alle ohne Ausnahme einen ungetrübten Heiterkeitserfolg erzielten, obschon sie nicht alle gleichmäßig tresssicher in Wiy und Erfindung waren, auch nicht immer salonfähig, und obwohl vieles im Dortragstempv verschleppt und allzu geflissentlich auf die Kernstellen hin betont wurde. Aus dem sehr reichhaltigen Programm erinnern wir un« etwa einer drolligen Gerichtsszene nebst Vorgeschichte und Rachspiel, einer Bubikopf-Gro- teSke im Kaffeehaus, zweier Gedichte, die ein Nein wenig ernsthafter im Unterton gestimmt f waren: auch von den KarIchen-Auffätzen, die sich bereits einer gewissen Volkstümlichkeit rühmen können, bekamen wir zwei versetzt, die sich teil« mit dem Radioapparat, teils mit dem Lied von der Glocke beschäftigten, (welch letzteres bekanntlich von jeher eine beliebte Zielscheibe abgegeben hat, nach der zu schießen man nicht müde wurde. Aehnlichen Zuspruchs erfreut sich eigentlich nur noch der „Erlkönig", der auch auf franfiurterito eines gewissen Reizes nicht entbehrt, den wir aber leider vermissen mußten.) Daß im übrigen auch der Dialekt nicht zu kurz kam, versteht sich bei einem „alten Frankfurter" von selbst.
Es bleibt also nur noch zu berußten, daß die gute Laune des Publikums bis zuletzt an- hielt, sich womöglich noch steigerte, und mit
Richter wird auch nicht ganz so elend bezahlt wie die Derwaltungsbeamten. Ein Richter erster Instanz bekommt nach deutschem Gelde 100 Mark monatlich Gehalt: ein Landrat dagegen nur 60 Mark, und das mit Familie! Dabei versteht es sich von selbst, daß er, nach der rumänischen Redensart, im ersten Jahr eine neue Mobel- ausftattung im zweiten ein Automobil mit Chauffeur, im dritten eine elegante Villa besitzt.
Die alte konservative Partei, aus die sich der König Karl und fein persönlicher Freund und Minister, her Freund Deutschlands.
'Peter Carp, gestützt haben, ist ziemlich bedeutungslos geworden. Dagegen ist eine kulturell dem Altrumänerttum überlegenes Element in den stebenbürgifchcn Rumänen vorhanden, die unter der ungarischen Verwaltung trotz der magyarischen Rationa .tätenpoli:ik — llnga.n a immerhin ein Rechtsstaat — größere Fortschritte gemacht haben als ihre GtammeSgenofken im sogenannten Regat, k^m Altreich.
Dazu kommt die radikale Bauernpar- t e l Diese erhält ihre gegenwärtige und noch mehr ihre zukünftige Dedmitung dadurch, daß
Preisausschreiben
in der Freitags erscheinenden landwirtschaftlichen (Beilage des Gießener Anzeigers
„Die Scholle"
offen für alle selbsttätig in Landwirtschaft und Gartenbau wirkenden Bezieher unserer Zeitung.
Bedingungen
Das Preisausschreiben ist eingeteill in vier Gruppen von insgesamt dreizehn Aufgaben. Die Veröffentlichung je einer Gruppe erfolgt in vier fortlaufenden Dezembernummern der Scholle. - Die Gruppen sind wie folgt zusammengesetzt:
Gruppe I..............Großviehzucht
Gruppe II...........Feld- und Wiesenbau
Gruppp III.............Kleintierzucht
Gruppe IV..........Obst- und Gartenbau.
Die Wertung der Lösungen wird von vier fachlich zuständigen Preisrichter- Ausschüffen durchgeführt.
Die Bearbeitung von geeigneten Lösungen für die spätere Veröffentlichung in der Scholle erfolgt durch Sachverständige.
Die Einsendung der Lösungen ist jewe ls binnen zwei Wochen nach Erscheinen der Aufgaben erforderlich und mit Kennwort versehen zu richten an die Schriftleitung der Scholle, Gießen, Schulstraße 7. mit der Aufschrift: „Preisaussch eiben". Genaue Anschrift mit dem Kennwort und letzte Bezugsquittung muffen in verschlossenem Briesum chlaq beigefügt sein.
Die Teilnehmer erkennen die Entscheidung der Preisrichter-Ausschüsse als endgültig an.
Preife
Der Gesamtwert der Preise beläuft sich aus
500 Reichsmark
Die Bemessung der Preishöhe für die einzelnen Lösungen steht den Preisrichtern zu. Vorgesehen sind folgende Preise:
Gruppen I und II
Kalkstickstoff ober schwefelsaures Ammoniak, Thomasmehl, Kalisalz;
Gruppe 111
Eine Ziege oder Zentrifuge für Ziegenzüchter, ein Stamm Hühner, ein Paar Kaninchen;
Gruppe IV
Eine Obstpresse, Obstbäume, Beerensträucher
notfalls entsprechender Geldeswert.
Verpackung und Versand erfolgt von den Lieferern aus zu unseren Lasten.
Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.
nach dem Kriege aus Furcht vor her bolschewistischen Propaganda eine große SanDre» form, eine teilweise Zerschlagung her ungeheuren Vojarengüter zugunsten des besitzlosen Bauerntums, stattgefunden Hal. Die Folge davon war zwar auf der einen öei.e ein c.mcn der rumänischen Getreideerzeugung bis zu caiem Grade, daß die Ausfuhr und die <-ahlungsbilan- deS Landes schwer geschädigt wurden, aber der Dauer ist, wenn auch noch lehr kulturlos, im ganzen doch aufsteigend.
Man kann sagen, daß die mehr lonserra.iven und kultivierten Siemen le eine Rückgängigmachung des Thronverzichts deS Kronprinzen begrüßen würden, wozu na:ürlich die Wiederherstellung der Ehe mit seiner rechtmäßigen Gattin, einer Prinzessin von Griechenland, gehören würde. Aus der anderen Seite versprechen sich ehrgeizige Par eihäup ter und Geschä tspo.itiler die größeren Vorteile von einer Regentschaft, von der es allerdings zweifelhaft wäre, ob sie nicht das bloße Vorspiel einer Republik nach griechischem Muster sein würde.
Zu diesen Schwierigkei.en kommt nach außen der Streit mit Sowjetrußland wegen der nur zur Hälfte von Rumänen, im übrigen von Likrainern und Russen bevölkerten Provinz Bessarabien, und außerdem die starke un* aarische Jrredenta. Bei der Grenzziehung für Groß-Rumänien wurde nicht nur a.ler von Rumänen besiedele Boden aus Ungarn herausgeschnitten, sondern es wurde auch noch tief in den ungarischen Dollskorper hine.ngegriNen. Dazu kommt die große magyari che Volksinsel der Szekler, die allein eine halbe Million zählen, mitten in Siebenbürgen. Aus diesen Verhältnissen heraus ist in rumänischen, aber auch in einigen ungarischen Köpfen sogar d.e Idee einer Personalunion zwischen Ungarn und Rumänien unter dem rumänischen Königshause entstanden.
Besonders leidenschaftliche Feinde des Ru- märentumd sind die Bulgaren, denen durch den Friedensschluß mehrere hunderttausend Etam- mesgenossen in der Süd-Dobrudscha entrissen sind. Das Deu schtum in Rumänien -ählt 800 000 Angehörige. Führend sind die Siebenbürger Sach'en; zahlenmäßig am stärksten und auch am wohlhabendsten sind die Schwaben im rumäul'ch gewordenen Teil deS Banats. Die Deutschen, die unter der gegenwärtigen Regierung des Generals Averescu etwas weniger mißhandelt werden als unter dem liberalen Regime, würden bei den unausb erblichen Wirren einer Regentschaft vermut ich am schlechtesten fahren.
Augenpolitische Umschau.
Von Proirs oc Dr. Otto H o e tz s ch, M d. R.
Arn 20. Rovernber hat nun auch Driand seine außenpolitische Rede gehalten. Er ist bei seinem Standpunkt zur deutsch-französischen Verständigung stehen geblieben, aber man kann nicht sagen, daß er die Sache mit dieser Rede vorangebracht habe. So wissen wir auch eigentlich nicht, worüber die beiden Minister Strohmann und Driand in oder nach Gens miteinander sprechen wollen, wenn nicht Briand in der Hauptfrage. nämlich der Militärkontrolle und Jnvesti- gationsflage weitergehen will, als er jetzt gegangen ist. Seine Kammerrede enthielt mit Bezug Darauf gar nichts. 3m übrigen zeigte sie. daß die französische Außenpolitik, worin ja auch gewisse Fingerzeige für uns liegen, erhebliche Sorgen anderer Art hat: nicht nur Syrien, sondern vor allem das Verhältnis zu Italien, über das Briand sich sehr vorsichtig äußerle, aber immerhin in einer Weise, die den italienisch- französischen Gegensatz nicht verschl tert..
Driand wiederholte, daß die Stunde gekommen fei, wo alles versucht werden müsse, um den Frieden in Europa dauernd und endgültig zu festigen, und daß dafür die unerläßliche Voraussetzung sei — die Annäherung zw i- schenDeutschlandund Frankreich. Das wissen wir auch, darüber besteht theoretisch gar kein Widerspruch. Run muß Frankreich jetzt das seine tun, Damit überhaupt einmal die Voraus» setzung zur Voraussetzung in Ordnung gebracht wird. Darunter verstehen wir eben die Beseitigung der Militärkontrollei
Wird es für die Genfer Ratstagung, die zwar nicht entscheidend, aber wichtig ist.
leichter Mühe eine Derjüngungsgeschichte und Steinachgroteske als Zugabe erklatscht wurde. —y—
Nochmals: Jur Vorgeschichte der Rabenau.
Don Herrn Pfarrer Schick, Ouedborn, wird uns geschrieben:
Nach Herrn Lehrer Eberle, Treis, hat gerade an den Bommesteinen einmal Tannenwald gestanden, und „möglicherweise" wurden dort Tannenzapfen = Bommen gesammelt. Es scheint mir aber doch unwahrscheinlich, daß die Steine davon genannt wurden. Tannenzapfen gibt’s immer dort, wo die entsvrechendcn alten Tannenbäume stehen. Wenn sie geschlagen sind, hört das Bommensammeln an dieser Stelle auf und geht auf einen anderen Platz im Wald über. Es scheint naturgemäß, daß dann auch die Bezeichnung der Felsen als Bommensteine auf. hört. Daß die alten Leute sich den seltsamen Namen von den Tannenzapfen erklären, ist begreiflich, aber die Bezeichnung dieser aussallenden Felsgruppe dürfte doch älter sein. Daß sie bis in die Eiszeit heraufreicht, habe ich selbst in meinem Erklärungsversuch für kaum denkbar erklärt, aber es kommt uns ja so manches unfaßbar vor und klärt sich doch auf einmal auf.
Uebrigens läßt die Herleitung von den Tannenzapfen die sagenhaften Nickels und ihr Springen auf den Buckel unerklärt. Auch die Annahme der sprach, lichen Unhaltbarkeit trifft nicht zu, da es ein Sprach, gesey der Lautangleichung gibt, nach dem p und b hinter m zu m werden. So ist z. B. Summer aus Kumber, kümmern aus kemben, fummel aus Hum- bel entstanden. Sollten nicht die Tannenzaofen wie in Annerod Bommer heißen? (Crecelius.) Dann müßten sie Bornmerfteine heißen.
Nicht bloß Jahrhunderte, sondern Jahrtausende hinaus reichen örtliche Sagen, auch das Mahnern bei den Huhnengräbern am Schabenberg bei Mainzlar, die 3—4000 Jahre alt sind. Ein überraschendes Beispiel sand sich hier bei Ouedborn im Krumm- strauch. Da ging ein Hoiche (als Hühnchen verstanden) um, das sogar die Burschen einmal zu fangen versuchten. Als ich den Platz aufsuchte, fanden sich
dort zwei Hünengräber und ein größerer recht- ediger Haufen (Gebäude?). Dr. Kunkel hat sie 1919- aufgegraben und eine schöne hallftattzeilliche Be- stattung gesunden. Ich nehme unbedenklich an, daß die Hünen wie auch anderswo zu Hühnern, Hinkeln, Hoiern herabgefunken sind.
Auch der Helgestein bei Muschenheim hat in seinem Namen die Kunde von feiner Heiligkeit über, liefert, denn als Kofler ihn aufgrub, sah er nur wie eine natürliche Felsgruppe aus. Er ist auch an die 4000 Jahre alt. Wenn sich Sagen aus der jüngeren Steinzeit erhalten haben, dürste cs an sich nicht unmöglich sein, daß solche auch aus der älteren Steinzeit auf uns gekommen sind, zumal hier in der Nabenau die Glaubrechtsche Drachensage dazu kommt. Die Zählung der Jahre in der älteren Steinzeit beruht doch nur auf Schätzung. Dabei liegt, da die Wohnplätze der Steinkünstler noch nicht gefunden sind, die Möglichkeit vor, daß ihre Jnbustrietätigkeit bis in die jüngere Steinzeit hineingereicht hat.
Frankfurter Theater.
Wenn eine neue Operette den Komponisten Oskar Strauß zum musikalischen Vater hat, dann verdient sie besondere Beachtung, denn dieser gehört zu den wenigen, die heute in Deutschland Anspruch auf ernsthafte Würdigung besitzen. Das Operettentheater brachte „Riquette", ein liebenswürdiges, nur viel zu kompliziertes und umfangreiches Werk von Schanzer und Welisch heraus, zu dem Oskar Strauß eine frische, melodiöse und schlagerwirksame Musik geschrieben hat. Die Handlung weicht nur wenig vom gewohnten Klischee ab, jedoch die Inszenierung und die Darstellung sind von ausgezeichneter Qualität; als Riquette betrat Lea Seidl, die Tochter eines Österreichischen Politikers, zum ersten Male eine Frankfurter Bühne und erzielte einen starken Erfolg durch ihre schone Stimme. Der mrbestrittene Erfolg des Abends wurde weiterhin durch den Tenoristen Ha m p e vom Operettentheater. ein junger Künstler von schonen Mitteln, und durch Lisa Rado, Inge van Hees und den jugendlichen Komiker Rothe-Earey erzielt. Das Operettentheater hatte in der Person des Gastregisseurs
Max Steiner-Kaiser von Hanrburg einen geschmackvollen Spielleiter gewonnen. L. W.
Weihnachten im Erzgebirge.
Die erzgebirgische Weihnachtstafel ist reich gedeckt. So karg es sonst in den kleinen Häusern zu- geht, denn die reizenden Spielsachen, die von hier aus in alle Lande wandern, bringen den fleißigen Bastlern nur eben das trockene Brot: am heiligen Abend kehrt die Freude ein und eine Ahnung von Genuß. Von einem Zinnleuchter strahlt das schön- bemalte Heiligabendlicht. Es bleibt auch nach dem Essen steht samt Salz und Brot, damit in der Nacht die armen Seelen eine Erquickung finden. Für bic Lebenden gibt es neunerlei und jedes Gericht hat seinen Segen: zunächst Semmelmilch, damit die Nase nicht tropfe im neuen Jahr; Knödel und Linsen, auf daß weder großes noch kleines Geld fehle; Bratwurst mit Sauerkraut, um Kraft und Herzhaftigkeit zu erhalten: Schöpsenfleisch mit Weißkraut, damit das neue Jahr nicht sauer werde; Pilze, um das Glück zu bannen, und endlich Apfelsalat mit Heringen, um sich des Cebews zu freuen. Ueppig geht es zu! Aber auch das liebe Vieh wird nicht vergessen. Jedem Stück strahlt eine Kerze im Stall und das Brot mit Salz wird als besonderer Leckerbissen gereicht. Liebe tut sich noch immer nicht genug. Sie geht in den Garten und schmückt jeden Baum mit einem Seil aus Stroh. Sie füttert den Zeisig im Bauer mit Pfeffertuchen. Sie vergißt das Wild im Walde nicht und tut die doppelte Portion Heu in die Raufen. Lustig geht es nach dem Essen zu. Die Mädchen klopfen an den Huhnerstall und fragen: „Kräht dr Hoh, kriegt fe an Mah; Gackert de Henn, kriegt fe känn; gc&?rt weder Henn noch Hoh, wird se bald zu Grab ge- troh." Oder sie werfen den Pantoffel hinter sich und fragen: „Schukel aus, Schukel ei, wo werd id) übers Jahr wohl lei?" Liegt der Pantoffel mit der Spitze nad) der Stube zu, so erscheint im neuen Jahr der Erwartete, und die Spitze zeigt nach der Gegend, von wo er kommt. Mit solchen Spuken geht der heiliae Abend hin, dessen fromme Vorbereitung und frohen Verlaus Kurt Meltzer in einem mit luftigen bunten Bildern geschmückten Aufsatz des Dezemberheftes von Delhagen & Stahnas Monatsheften schildert.


