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talien drohen. Die Reparationsfrage hänge als düstere Wolke über unserer Wirtschaft. Unsere Wirtschaft biete das Bild eines Rekonvaleszen­ten, der wieder die er st en Gehversuche macht und noch längerer Schonung bedürfe. Der Finanzausgleich und die Verwal - tungsreforrn müßte nach den Darlegungen des Reichsfinanzministers für die parlamentarische Erledigung noch eine Weile zurückgestellt werden. Durch eine Derwaltungsreform, Arbeitsteilung und Verwaltungsrationalisierung müßten wir eine weitere Anpassung aller Steuern an die Wirtschaftsbetriebe und auch durch Senkung von Steuersätzen, soweit sie nach Ansicht des Reichsfinanzministers zulässig wäre, die Generalunkosten vermindern.

Das Problem Staat und Wirtschaft bedürfe der Lösung. Dabei spiele die Frage der sogen, kalten Sozialisierung die geringste Rolle. Hier sei man sich im Grunde einig darin, daß der Staat nur die Gebiete der Wirtschaft für sich in Anspruch nehmen dürfe, wo die Kräfte der Privatwirtschaft versagten und überwiegend all­gemeine Interessen eine stärkere Betätigung des Staates erforderten. Die deutsche Handelspolitik beruhe auf der Zolltarifnovelle des Sommers 1925. Diese habe gesetzliche Gellung nur bis zum 31. Iuli 1927. Wir müßten uns entschließen, ihre Geltung um zwei bis drei Iahre zu verlängern. Es sei nicht nur tech­nisch unmöglich, die gesetzgeberische Arbeit eines so gewaltigen Werkes wie den endgültigen deut­schen Zolltarif bis zum nächsten Sommer zu leisten, es wäre auch gänzlich verfehlt, so rasch schon Endgültiges schaffen zu wollen.

Die Diskussion über die Durchführung des Dawesplans

und die Endlösung des Reparationsproblems sei im Ausland in vollem Gange. In diese Diskus­sion würden nunmehr die Verhandlungen über die wirtschaftliche Ausführung des deutsch-franzöfi- schen Ausgleichsplans von Thoiry einge­schaltet.

Der Minister erklärte mit warmen Worten sein volles Einverständnis zur Thoiry-Politik Strese- manns, hielt es aber für seine amtliche Pflicht, mit nüchternen wirtschaftlichen Erwägungen zur Lö­sung der Ausgabe beizutragen. In diesem Zusam­menhang schlug Dr. Curtius vor, die Erörterungen ouf das an sich schon ungeheuer weittragende und verwickelte Geschäft der Mobilisierung von ein bis zwei Milliarden deutscher Eisenbahn- obligationen zu beschränken und warnte vor den Gefahren der Verquickung mit der Gesamtlösung der Reparationsfrage und der interalliierten Schuldenregelung. Er betrachtete wei­ter die Frankenstabilisierung als ein inner franzö­sisches Problem, in dessen Rahmen Frankreich selbstverständlich den größten Wert darauf legen müßte, das wertvolle Objekt der deutschen Eisen­bahnobligationen für seine Stabilisierungszwecke zu verwerten. Zweierlei stände bei der durch die Theo­rie ungelösten internationalen Erörterung der Mo­bilisierung von Obligationen im Vordergründe- die Höhe des Zinses und die Umwandlung der Zinsen aus Reichsmark in Valuten. Der Zinsfuß stehe für uns fest. Ein Disagio gehe zu Lasten der Gläubiger. Die Umwandlung in Valuten aber bedeute eine Ausnahme vom Transferschutz, eine Ab­weichung vom Dawesplan, und werde dadurch für uns eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Wäh­rungsschutz ziehe sich wie ein roter Faden durch das ganze Dawesgutachten. Wir hätten um fo mehr das Recht und die Pflicht, auf unsere Sicherung durch den Transferschutz zu verweisen, als der fran­zösische Ministerpräsident in seiner Rede ;n Dar- le-Duc für Frankreich ebenfalls in Anspruch genom» men habe, seine Verbindlichkeiten nur nach sei­ner Leistungsfähigkeit und in den Gren­zen der Transfermöglichkeiten zu tilgen Aus all diesen Gründen werde die Transferfrage bei den bevorstehenden Verhandlungen eine bedeutsame Rolle spielen. Schließlich ständen bei dem heißesten Streben nach dem Ziel der Befreiung des Rbein- landes zwei Grundsätze für die kommenden Ver­handlungen unabänderlich fest: Keine neuen zusätzlichen Lasten und keine Stein« trächtigung in der Endlösung der Re­parationsfrage.

t Coolidge gegen Mobilisierung . der Eisenbahnobiigationen.

Washington, 2. Oft (DB.) Wie hier ver­lautet wird Präsiden t Coolidge sich jeder Anregung widersehen, die den verkauf oder die Aebernahme deutscher Eisenbahnobliga­tionen durch die amerikanische Regierung als Teil eines Programms zur Regelung der europäischen Kriegsschulden und Reparationen zum Ziele habe.

Poincar6 antwortet Stresemann.

Paris, 2. Okt. (WB.) Havas veröffentlicht folgende Mitteilung, die ohne Zweifel vom Mi­nisterpräsidenten Poincare selb st aus­geht:In der Rede, die Reichsminister Dr. Strese­mann in Köln gehalten hat, hat er geglaubt, noch einmal auf die Frage der Kriegsverant- -wortlichkeit eingehen zu müssen. Obgleich Poincare in seiner Erklärung in St. Germain und Bar-le-Duc sorgsam zwischen der kaiser­lichen Regierung und dem deutschen Volke unterschieden hat, hat es der deutsche Reichsaußenminister für angebracht gehalten, den Aeußerungen des französischen Ministerpräsidenten zu widersprechen. Man hat deswegen in der Umgebung der Regierung erklärt, daß die Aeuße­rungen Poincarös in Bar-le-Duc sowohl der Form, wie dem Inhalt nach vom Mini st errat be­raten worden sind und die unveränderte Ansicht der französischen Regierung zum Ausdruck gebracht habe.

PoinearSs Finanzwirtschaft.

Paris, 2. Oft. (TLI.) Finanzminister P oincars hat an die Vorsitzenden der Fi­nanzausschüsse von Kammer und Senat einen Brief gerichtet, in dem er über den Stand der Budgeteinnahmen des Schatzamtes und der Dank von Frankreich Auskunft erteilt Er will hierin den Rachweis erbringen, daß unter seinem Regime sich nicht nur die Einnahlmen aus Steuern wesentlich erhöht hätten so mache sich z. D. für die ersten sieben Mo­nate des Iahres gegenüber dem Voranschlag ein Mehrertrag an Steuereingängen in Höhe von 27 Prozent geltend sondern auch die Lage des Schatzamtes habe sich wesentlich gebessert, ganz besonders deshalb, well der Vorschuß der Bank von Frankreich an den Staat um 1700 Millionen zurückgegangen sei. Außerdem stellt Poincars fest, daß feit der Bil­dung seines Ministeriums folgende Zahlun­gen an das Ausland geleistet worden

seien. 7 242 179 Pfund Sterling, 15 900 000 Dollar und 650 000 holländische Gulden.

C-aniberlain bei Briand.

Frankreich und Livorno. Briand über die Politik von Thoiry.

Paris, 2. Olt. (SU.) Der englische Außen­minister Chamberlain ist um 1.23 llhr nach­mittags in Paris eingetroffen. Er wurde am Dahrchof von Briand empfangen. In den spä­ten Rachmittagsstunden sand eine längere Unter­redung zwischen Chamberlain und Briand im Quai d'Orsay statt, über die Briand den Presse­vertretern folgende Erklärung abgab: Die Be­sprechungen, die Chamberlain mit Mussolini und heute nachmittag mU mir gehabt hat, können nur zur Aufrechterhaltung und Konsolidierung des Friedens beitragen. Die beiden Staats­männer haben sich übrigens nur über Fragen unterhalten, die ganz besonders Großbrllannien und Italien interessieren, aber etwas außer­halb des Blickfeldes der allgemei­nen Politik stehen. Was die französisch- englische Politik betrifft, so bestätige ich, daß wir vollkommen einer Meinung in sämtlichen Punkten gewesen find, um unsere Aktion mit den andern in Einklang zu bringen. Chamber­lain war sowohl über den Plan der deutsch- französischen Annäherung wie über die Bedin­gungen, unter denen diese Annäherung durch­geführt werden kann, im Bilde.

Unsere Besprechungen mit Berlin werden zweifellos bald wieder ausgenommen werden.

Augenblicklich ist das vor allen Dingen eine Angelegenhell der Sachverständigen. Ich habe noch nicht mit Chamberlain über gewisse Einzel­heiten gesprochen; aber unsere Abmachungen mit Deutschland können nur durchgesüh rt wer­den im engen Äontaft mit den inter» effierten Ländern. Wir sind nicht allein. Die kontrahierenden Parteien können, wenn sie darauf verzichten, sich gegeneinander zu stellen, gemeinsam die Lösungen für die Probleme fin­den, die sie interessieren und die sie bisweilen auch trennen. Die bereits erzielte Verständigung geht darauf hinaus, mehr ober weniger Rei­bungspunkte verschwinden zu lassen.

Die Politik, die Chamberlain und ich selbst eingeleilel haben, ist gegen niemanden gerichtet, da wir ja beabsichtigen, die Beziehungen zwischen sämtllchen Mächten enger zu knüpfen und so die Konfllltsursachen auf ihr Mindestmaß zu be- schränken. Mit Italien z. B. wünschen wir die engste und freundschaftlichste Zusammenarbeit, die nur möglich ist. So muß Locarno und so müssen die Verträge, die Locarno begleitet haben und ihm gefolgt sind, Europa mit einem Wellen Frie» densnetz umspannen. Um nur ein Beispiel zu zitieren: Die Sangerf r age wird einfach, wenn man sie im Rahmen der früher be­reits abgeschlossenen Verträge be« handelt. Es kommt darauf an, sich auf diesem Wege durch keine Hindernisse aufhalten zu lassen, denen jedes Unternehmen dieser Art begegnet. Ich denke an den Zwischenfall von Germers­heim. Sind sie nicht rein örtliche Zwischen­fälle, an denen erregte Rationalisten nicht un­beteiligt sind? Man darf nicht vergessen, daß sie am Ausgang eines Cafes sich ereignet haben und daß sie eine Bedeutung angenommen haben, weil sie in einem gewissermaßen symbolischen Lande stattfanden. Unfere Regierungen müssen sich bemühen, die Wiederkehr Derartiger Zwischenfälle unmöglich zu machen, indem sie die notwendigen Dorkehrungsmaßnahmen treffen. Ich kann versichern: das tun sie.

Die Stabt (Engers geräumt.

Berlin, 3. Okt. (TU.) Nach einer Meldung der Morgenblätter aus Mainz ist die Stadt Engers von den Besatzungstruppen, die die Stadt in Stärke eines Bataillons besetzt hielten, geräumt worden.

Der erste paneuropäische Kongreß.

Wien, 3. Okt. (WB.) In dem mit Flaggen aller europäischen Rationen geschmückten großen Konzerthaussaal wurde heute vom Grasen Co u- denhove der einberufene erste paneuropäische Kongreß durch eine Rede des früheren Bundes­kanzlers Seipel als Vorsitzenden eröffnet. Ein­leitend wies er darauf hin, daß sich heute die Vertreter aller europäischen Rationen eingefun­den haben, um bei voller Wahrung ihrer Kul­tur und Geschichte an dem Gedankeneines geeinten Europas zu arbeiten. Seipel sprach von der Sehnsucht aller Menschen nach wirllichem und dauerhaftem Frieden, einer Sehn­sucht, die nicht durch Worte, sondern durch die Mitarbeit aller Europäer und insbesondere auch die der Religionsgemeinschaften und des Völker­bundes, und durch die Mitarbeit der führen­den Männer des sozialen und wirtschaftlichen Lebens erfüllt werden müsse.

Bundeskanzler R a me k erinnerte an die schweren Leiden nach dem Kriege, die bei den Völkern die Erkenntnis geweckt hätten, daß neue Wege gesucht werden müßten, um eine Wie­derkehr solcher Katastrophen zu vermeiden. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Beratungen des Kongresses ganz Europa aufrütteln mögen, um das geeinte Europa in eine gesicherte Zukunft zu führen. Reichstagspräsident Loebe führte unter stürmischem Beifall aus, der Geburtstag der Pan­europäischen Union werde einst als historischer Akt in der politischen und wirtschaftlichen Ent­wicklung der Menschheit gelten. Die Paneuropäi­sche Union sei ein zwangsläufiges Ergebnis in der Zukunft der Menschheit zu höheren Gemein­schaften. Roch gelte es, eingewurzelte Ideologien zu beseitigen uNd zahlreiche Schwierigkeiten zu überwinden, doch müsse Paneuropa, das gegen niemand gerichtet fei, geschaffen werden, um neue Kriege unmöglich zu machen und die Wirtschaft ohne Hindernis und ohne Hemmung aufzubauen.

Der ungarische Delegierte v. Lukacs wies auf die fehlerha f te Konstruktion des Völkerbundes hin und betonte, der Kern­punkt aller europäischen Friedensprobleme liege in der besonderen Entwicklung der französisch- deutschen Beziehungen. Der Redner sprach dann eindringlich von der Ungerechtigkeit des Friedens- Vertrages von Srianon, herein ganzes Drit­tel der ungarischen Rasse unter die Fremdherrs chast gestellt habe und wünschte, daß die paneuropäische Union die von Ungarn aufgestellten zwei Probleme, allgemeine Ab­rüstung und wirksamer Minoritäten- schütz, löse, und für eine unparteiische Revi­

sion des unhaltbar gewordenen Friedensver- trages die nötige günstige Stimmung schaffe.

Der amerikanische Delegierte Allan er» klärte, daß die wirtschaftliche Absperrung der Europäer den Amerikanern unverständlich sei. Die Welle der Schutzzollpolitik führe zu einer Krise der Produktion und des internationalen Handels. Die Wirtscha ftliche Einheit Europas müsse Schritt für Schritt kommen. In feinem Schlußwort sagte Graf Coudenhove, Pancuropa sei eine Friedenserllärung an alle Leute, die guten Willens seien. Iedoch müsse es erst in den 'Teilnehmern an diesem und an späteren Kon­gressen selbst lebendig werden, ehe es in der Welt zum Leben erwachen könne.

Das neue polnische Kabinett.

Warschau, 2. Okt. (SU.) Pilsudski hat seine Kabinettsliste fertiggestellt und dem Staatspräsi­denten zur Annahme vvrgelegt. Der Staatspräsi­dent hat fte sofort unterzeichnet. Die Liste weist u. a. folgende Ramen auf: Premierminister und Kriegsminister: Pilsudski, Stellvertreten­der Premierminister und Unterrichtsminister: Bartel, Innenminister: General Slat- k o w s k i (der bisherige Kommandant der Stadt Warschau), Finanzminister: Czechvwicz, Außenminister: Zalweski.

Die rechtsstehende Presse nimmt die Bildung des Kabinetts Pilsudski mit Ruhe auf, ja sie ver­birgt ihre Befriedigung nicht darüber, daß der Marschall als Urheber des Maiputsches nun endlich d i e Verantwortlichkeit für die Vorgänge im Staate übernimmt. Die Zusammensetzung der Regierung begegnet aber da und dort der Kritik, indem hervorgehoben wird, daß im neuen Kabinett neben Sozialisten auch Wilna-Monarchisten sitzen werden. Der neue Finanzminister Czechvwicz sei der Verfasser der Broschüre über die Rotwendigkeit der Ein­führung der Zusahwährung in Polen, oder mit einem Wort gesagt: Anhänger der Inflation. Das sozialdemokratische Organ unterstreicht, daß der Eintritt Maraczewskis als Minister für öffentliche Arbeiten in das Kabinett für ine sozialdemokratische Partei Polens nicht die ge­ringste Bindung bedeute, die ihre Stellung zur Regierung von ihren Säten abhängig machen werde. Doller Begeisterung ist das Blatt der engeren Pilsudski-Anhänger,Glos Prawdy", es schreibt, daß nun derKommandant die Leitung übernommen habe, der gewohnt sei, in den Kämpfen, die er führe, auch Fu siegen".

Einführung der Todesstrafe in Italien.

Der Ministerrat nahm einen Gesetzentwurf an, nach welchem Anschläge aufdasLeben des Königs, des Regenten, der Königin, des Thron­folgers und des Ministerpräsidenten mit dem Tode bestraft werden. Derartige Verbrechen werden von einer besonderen Sektion des Kassa­tionsgerichtshofes abgeurteill. Der Gesetzentwurf wird dem Parlament bei seinem Wiederzusammen- tritt vorgelegt werden.

Der Geburtstag des Reichspräsidenten.

Am 79. Geburtstag des Reichspräsidenten der dieser Sage fern von Berlin! im engsten Familienkreise verlebt, haben sich schon vom frü­hen Morgen an zahllose Gratulanten in das im Palais ausliegende Glückwunschbuch ein­getragen. Ferner sind außerordentlich zahlreiche Selegramme, schriftliche Glückwünsche und wert­volle Dlumenspenden abgegeben worden. Der von Berlin abwesende Reichskanzler hat die Glückwünsche der Reichsregterung telegraphisch ausgesprochen, Die in Berlin beglaubigten frem» den Dotschafter und Gesandten haben sich ebenso wie eine große Anzahl führender deutscher Persönlichkeiten persönlich tn die Besuchsliste im Hause des Reichspräsidenten eingetragen, während der zur Zeit auf Urlaub in der Schweiz toeitenbe Doyen des diplomatischen Korps der päpstliche Runttus Mfgr. P a c e l l i auf draht- lichem Wege seine Glückwünsche übermittelt hat. Die meisten Botschaften und Geiand schäften der fremden Staaten hatten aus Anlaß des Sages geflaggt

Aus aller Welt

Der Berliner Juwelenraub.

Der Sauentzienräuber Spruch erffärte nach dem Wiedersehen mit seiner Mutter, daß er sein Geständnis erweitern wolle. Er erzählte, daß seine Angaben, Sonja Ignatiew wäre mit dem Hauptteil der Deute nach Polen entflohen, er­logen seien. Die Deute sei in der Rähe von Derlin vergraben. Daraufhin haben sich die Kriminalkommissare mit dem Verbrecher nachts nach dem von Spruch bezeichneten Ort begeben. In der Gegend von Friedrichshagen machte Spruch vor einem kleinen Gebüsch Halt, zeigte auf einen Baum, in dem frisch einge- schnitten ein Halbmond zu sehen war, und er­klärte, daß hier die Drillanten ver­graben seien. Tatsächlich fand man auch beim Rachgraben in etwa 80 Zentimeter Tiefe ein großes Konservenglas und in diesem in einem Aluminiumkästchen sorgsam verpackt die kost­barsten Stücke der Diebesbeute aus der Sauent- zienstraße. Im weiteren Verlaus wurden die beiden Schwestern Spruchs. Charlotte und Elisa­beth Spruch, unter dem Verdacht der Mittäter­schaft von den Kriminalkommissaren verhaftet. Spruch erschien nach der Tat am Samstag bei seiner Schwester Charlotte, der er den ganzen Vorgang erzählte und auch einen großen Teil der Beute übergab, die sie für ihn verwahren sollte. Seinem Wunsche entsprechend berichtete Charlotte den Eltern den Raubüberfall. Der stärker war sehr erregt, verbot dem Sohn das Be­treten der Wohnung und wollte auf keinen Fall dulden, daß von dem Diebesgut auch nur ein Stück in seine Räume gebracht werde. Dem gütlichen Zureden der Frau und der Töchter ge­lang es, den Vater von einer sofortigen Anzeige abzubringen. Die Schwester Elisabeth holte von ihrem Konto bei der Dank am Montag 100 Mark ab und gab sie dem Bruder, um ihm die Flucht ins Ausland zu ermöglichen. Als die Familie die Rachricht von der Verhaf­tung Spruchs las, suchten die Eltern Char­lotte zu bewegen, die ihr übergebenen Iuwelen in die Spree zu werfen, wozu sie sich aber nicht entschließen konnte. Roch am gleichen Sage ver­grub sie den Schah im Grünewald.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 4. Oktober 1926. , Schafft Lehrstellen! Jugend suche die Arbeit!

Die Arbeitslosigkeit, die heutzutage leider auch die Iugendlichen hart in Mitleidenschaft zieht, erscheint besonders verhängnisvoll für die an kommenden Ostern die Schule verlassenden Knaben und Mädchen. Es sind zwar hier und dort auf dem Arbeitsmarkt leise Anzeichen einer Besserung zu verzeichnen, im großen und ganzen aber ist die Lage noch sehr ungünftig. Rur einem verhältnismäßig kleinen Teil der Schul­entlassenen wird es voraussichtlich geringen, sofort eine Lehrstelle in dem gewünschten und passenden Beruf zu finden, viele werden Wochen und Mo­nate warten müssen, bis ihnen der Derufseintritt ermöglicht werden kann, und leider werden nicht toenige unversorgt feiern müssen, weder Lehr- noch Arbeitsstelle erhalten.

Die aus diesem erzwungenen Müßiggang erwachsenden Gefahren sind allen mit Iugend- Pflege und «fürforge Vertrauten bekannt. Darum sollte jeder sozial Arbeitende für seinen Teil dafür sorgen, das Gewissen und Mttgefühl der Öffentlichkeit, im besonderen der Arbeitgeber, für die Rot der beruss- und arbeitslosen Iugend zu schärfen, zu wecken, und diese Kreise dafür zu gewinnen, daß sie schulentlassene Iugendliche als Lehrlinge oder Arbeitskräfte einstellen. Ratür- lich soll dies ohne Schädigung der in Arbeit stehenden Erwachsenen geschehen. Immer wieder muß man appellieren:Stellt Iugendliche ein, laßt sie, was vielen droht, nicht in Arbetts- loftgkeit verkommen und schuldig 'toftben! Die Opfer, die ihr dafür etwa bringen müßt, lohnen sich in der Zukunft, ihr spart an Ausgaben für Zwangserziehung, älnt er Haltskosten für Straft gefangene usw. und beugt späterer starker steuer­licher Belastung vor. Dor allem aber, ihr helft unser Voll körperlich und sittlich gesund erhalten und gebt den Iugendlichen einen festen Boden unter die Füße. -Ünb die Iugend ist und bleibt doch unsere Zukunft!"

Den Iugendlichen müssen wir sagen:Wartet nichts bis euch eine Stelle angeboten wird. Die Arbeit lauft niemandem nach, besonders unter den heutigen ungünstigen Wirtschaftsverhältnissen. Darum seht euch schon jetzt eifrig um, nicht einmal, sondern oft, quält um Lehre oder Arbeit und verliert dabei nicht Mut und Geduld, wenn es nicht gleich llappen will. Meidet die Straße Und den Rummelplatz, hütet euch vor leicht­sinnigen Kameraden und vergeht keinen Augen­blick, daß ihr einen Beruf erlernen müßt, wenn ihr im Leben ehrlich durchkommen wollt!"

Steuerbewertung.

Das Presseamt beim hessischen Staatsministerium teilt mit :

Bei der jetzt im Gang befindlichen erstmaligen Feststellung der Einheitswerte auf Grund des neuen Bewertungsgesetzes dürfte es von allgemeinem In­terests fein, öffentlich darauf hinzuweisen, daß ge- wiste Vergünstigungen für Gebäude, Grundstücke und auch für bewegliche Gegenstände bei der Steuerbewertung eintreten kann, wenn deren Er­haltung wegen ihrer Bedeutung für die Kunst, Ge­schichte oder Wistenschaft im öffentlichen Interesse liegt. Ob die dafür in den § 28, 34, 37, 52 der Durch­führungsbestimmungen zum Reichsbewertungsge- etz (Reichsgesetzblatt 1926, Teil I, Seite 227) be­stimmten Voraussetzungen zutreffen, erfährt der Eigentümer eines solchen Objektes bei seinem zu­ständigen Finanzamt. Da es sich wohl vorwiegend um solche Objekte handelt, die unter Denkmalschutz stehen, so sind die Denkmalpfleger (Prof. Walde und Prof. Meißner in Darmstadt) ebenfalls zur Mitwirkung und Beratung bereit.

Die Bewettung gilt für die Reichsvermögens­steuer und Reichserbschaftssteuer und vom 1. April 1927 an auch für die Landes- und Gemeindesteuern.

Vornotizen.

Tageskalender für Montag. Gießener Freiwillige Feuerwehr: 8 Uhr bei Buch- berger (Riegelpfad), Monatsversammlung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Dieb von Bagdad". Astoria-Lichtspiele:Feuer an Bord".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Auf die morgige Er­öffnungsvorstellung, die ShakespearesKauf­mann von Venedig" in wohlvorbereiteter Vorstellung bringt, sei auch an dieser Stelle hingewiesen. Am Mittwoch gelangen Ludwig Thomas KomödienDie Medaille und Lottchens Geburtstag" zur Aufführung. Der verstorbene bayerische Meister, der hier mit allen seinen dramatischen Werken und zwar stets sehr frühzeittg zu Wort gekommen ist, würde in diesem Winter 60 Iahre alt werden, ein Termin, der bei den Bühnen für Gedächtnis­aufführungen gebräuchlich geworden ist.

Deutsche Volkspartei. Man schreibt uns: Morgen, Dienstag, abends 81 Uhr, findet im Hindenburg" eine Mitgliederversammlung statt. Auf der Tagesordnung steht:Bericht über den Reichsparteitag." Da hierbei zu den gesamten Fragen der derzeitigen Außen- und Innenpolitik Stellung genommen wird, werden die Mitglieder gebeten, sich an der Versammlung recht zahlreich zu beteiligen. (Siehe Anzeige vom Samstag.)

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** Zum neuen Fahrplan. Auf unserer Fahrplanseite vom Freitag, 1. Oktober, sind einige Aenderungen vorzunehmen, denen besondere Wich­tigkeit beizumessen ist. Wie mir am Samstag be­richtigend mitteilten, verkehren die l) - Z ü g e Frankfurt ab 11.53, Gießen an 1.15 Uhr mittags und Gießen ab 5.37 Uhr nachmittags, Frankfurt an 6.49 Uhr abends im Wintersahrplan nicht mehr. Ebenso fallen die v-Züge Koblenz Gießen, ab Koblenz 10.11 Uhr, an Gießen 12,26 Uhr mittags, und ab Gießen 5.50 Uhr nachmittags, an Koblenz 8.10 Uhr abends, im neuen Fahr­plan aus. Ferner verkehrt der Personenzug GießenKassel, ab Gießen 3.39 Uhr nachmittags täglich, also auch Samstags, während der Per­sonenzug GelnhausenGießen, Gießen an 9.53 Uhr abends, nur werktags verkehrt. Zur Ver­meidung von Irrtümern, die für jeden einzelnen unter Umständen recht unangenehm werden können, emvfiehlt es sich, auf unserer Fahrplan- feite die obengenannten V-Züge zu ft r e i cf) e n bzw. die Aenderungen im Verkehr der ge­nannten Personenzuge vorzunehmen. Zweck­mäßig durste es auch sein, diese berichtigende Notiz der Fahrplanseite anzuheften.

Die Gießener Herbstmesse auf Oswald^arten ist gestern mit nochmaligem großen Betrieb zu Ende gegangen. Die ganze vorige Woche ermöglichte die verhältnismäßig günstige