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Nr. 252 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, 4. Oktober 1926

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Tell Ernst Blumschcin; für den An« zeigenteil i. Dertr. H. Beck, iämtlid) in Gieren.

Stresemanns Rechenschaftsbericht.

Der A.chenminister vor dem Kölner Parteitag. - Deutsche Befremn spolitik vom Ruhreinbruch bis Thoiry. - Antwort an Pomcare. - Zur innerpolitischen Lage.

211. Köln, -L. Oft. 3m groben Saale des Gürzenich zu Köln trat unter ungeheurem An­drang der siebente Reichsparteitag der Deutschen Dolkspartei zusammen. Der Saal ist geschmückt mit den Wappenfahnen der alten Kölner Ge­schlechter. Seine Breitseite weist die alten schwarz- weihroten Reichsfarben auf. Aus Lorbeerbäumen ragen die Büsten Hindenburgs, Basser- manns und v. Denningsens hervor. Um 10Vi Ilhr eröffnete der Parteivorsihende' Dr. Strefe­rn a n n den Parteitag.

Geh. Rai D. Dr. Kahl

Wird einmütig zum Präsidenten des Parteitages gewählt, der dann Worte der Begrühung an den Parteitag richtete. Herzliche Worte des Dankes richtete er an den Partei Vorsitzenden Dr. Stresemann. Wir stehen an einem Mark­stein, an einem Wendepunkt der Zeit. Ich grüße Stresemann heute nicht blob als den Führer der Partei, ich grühe ihn als den Führer des deutschen Volkes. Wir alle wissen, daß wir den Dornenweg weiter gehen müssen, dah der Weg zur Höhe steil ist, langsam, Schritt für Schritt zurückgelegt werden muh nach der Parole unseres Führers Stresemann: Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit! Wenn ich gleichwohl von Er­folgen gesprochen habe, so geschieht es, um vor unS, vor dem deutschen Volle, vor der Ge­schichte der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich habe nur festtzustellen, dah der Weg der richtige war und der einzig mögliche. Ich habe Strese­mann Dank zu sagen, dah er diesen Weg wohl eingehalten und mit fester Gewissensüberzeugung, mit Weisheit und IRafrfyaltima, mit hingebender Pflichttreue, unbeirrt durch alle unvermeidlichen Enttäuschungen und Rückschläge, unbeirrt durch der Parteien Gunst oder Ungunst gegangen ist.

Geheimrat Dr. Kahl begrüßt darauf die ausländischen Gäste und stellt dann sest, dah es ein günstiger Zufall gefügt habe, dah an diesem Parteitag der Geburtstag des Reichspräsidenten von Hindenburg gefeiert werden könne (stürmische Zustimmung). Wir werden ihm doppelt zu seinem 79. Geburts­tage unsere treuen, innerlichsten und dankbaren Guick- und Segenswünsche senden. Wir grühen und De^rcn in dem Patriarchen unter den Staatsoberhäuptern das Vorbild der rei­nen Vaterlandsliebe, das Vorbild der vollendeten deutschen Treue und heiligsten Pflicht­gefühl. Wir wissen uns eins mit ihm, wenn er bei jeder Gelegenheit wieder das deutsche Volk aufgerufen hat zur Einigkeit, und wir können ge­loben, dah wir, die Deutsche Volkspartei, unsere Kraft, unser ganzes Wollen, alles einzig und allein stellen in den Dienst dieses Gedankens der Wiederaufrichtung und der Befreiung des Deutschen Reichs.

Stürmisch begrüht nahm nunmehr der Partei- vorsihende

Dr. Stresemann

das Wort zu seinem Vortrag über die politische Lage.

Der Minister führte u. a. aus:Ich glaube, ich kann vor meinem Gewissen sagen, dah ich nie­mals Außenpolitik als Parteipolitik getrieben habe. Die Deutsche Dolkspartei hat jahrelang unter dieser Außenpolitik gelitten, und sie ist deswegen der stärksten Befehdung ausgesetzt ge­wesen. Ich danke der Partei, dah sie stets in Zeiten stärksten Dranges die Zustimmung zu dem von ihr für sachlich richtig Erkannten gegeben hat. In ihrem Ziel ist sich die große Mehrheit des deutschen Volkes über diese Außenpolitik durchaus einig. Ihre Methode ist umstritten; ob sie richtig ist, wird an ihren Erf olgen zu sehen sein. Was wir Erfolg nennen müssen, rann in der Lage, in der wir uns bis zur Stunde befinden, nur Befreiung von den drückendsten Fesseln sein, die auf uns lasten. Es wird und ist die Tragik jedes Außen­ministers des neuen Deutschlands gewesen, daß er zwischen der Diskrepanz der großen Geschichte des deutschen Volkes und der deutschen Macht­losigkeit der Gegenwart steht und dazu kommt, daß auch die Rachkriegszeit nicht ohne erneute Erschütterungen und erneute Verluste vor sich a Der Ruhrkampf, der mit so vielem ismus begonnen wurde, ging verloren.

Achtung jedem, der damals den Kahn mU- beftieg, der wahrlich nicht Deutschland und sein Glück trug, und Achtung jedem, der den Wut hatte, damals die Verantwortung für den Ab­bruch des Ruhrkampfes mit zu übernehmen der der Anfang für die Politik der Verständi­gung und Besserung gewesen ist Jeder, der heute in Deutschland Außenpolitik zu machen hat, hat zu kämpfen gegen eine ganz große und mächtige Partei in Deutschland, die Partei derjenigen, die da im Innern betenUnsere tägliche Illu­sion gib uns auch heute!". Wer gegen diese Par­tei anzukämpfen hat, der muh den Mut zur Unpopularität haben. Die Verständigungs­politik war unpopulär, und die Schuld lag da­bei wahrlich nicht nur am deutschen Volke, denn die Politik der ersten RachLnegsjahre gegenüber Deutschland war die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Aber gegen diese Situation war mit Trotz und mit illusionären Revanchegedanken

nicht anzukäinpfen. Die Verständigungspolitik muhte erkämpft werden, und bis heute dauert die­ser Kamps an, nicht nur bei uns, auch bei an­deren Rationen. Auf dem Wege dieser Politik liegt die Räumung des Ruhrgebiets, liegt die Räumunig der ersten Rheinlaichzone, auf ihrem Schluhweg liegt die Crlämpfung der deutschen Souveränität über das deutsche Rheinland. Im Rahmen dieser Politik liegt Deutschlands Ein­tritt in den Völkerbund als ständiges Rats Mit­glied in dem Rat der Völker.

Ich glaube, dah die Tatsache nicht zu be­streiten ist, dah

eine deutsch-französische Verständigung der Kernpunkt jeder europäischen Verständigung und Befriedigung

ist und bleibt. Diese Frage ist das Kernproblem zukünftiger Entwicklung, ohne daß heute niemand zu sagen vermag, ob in dieser Entwicklung die Völ­ker dem Wunsche und dem Willen ihrer Staats­männer folgen. Ich glaube an den ehrlichen Ver­ständigungswillen des Herrn französischen Außen­ministers, mit dem mich doch mehrere Jahre des Verhandelns über wichtige Fragen und persönliche Fühlungnahme bei Konferenzen verbinden. Ich sehe, daß die Wirtschaft Schrittmacherin ist auf dem Wege, der über Landesgrenzen hinweg große neue Vindungen schafft, der wirtschaftlicl-e Anomalien der Friedensverträge beseitigt. Gerade dieser Zu­sammenschluß veranlaßt mich aber, auch Legenden enlgegenzutreten, die mit dieser Tatsache, oder die mit der Erörterung von Bestrebungen über eine deutsch-französische Verständigung nicht übereinstim­men. Niemals kann es die Aufgabe deutscher Wirt­schaftsführer fein, die übrigens bei all ihren Be­strebungen und Verhandlungen in selbstverständ­lichem Einvernehmen mit ihrer Regie­rung gehandelt haben, einen Zusammenschluß ein­zelner Länder in großen Industriefrugen herbeizu- führen, mit der Spitze und Tendenz, dadurch andre Länder oder Wirtsch^ftsrnächte niederzukonkurren­zieren.

Ich möchte auch hier ausdrücklich betonen, daß es Englands eigener Wille war, wenn es nicht teilnahm.

Früher war es sehr beliebt in Oppositionskreisen, b:e deutsche Außenpolitik als völlig abhängig hinzu­stellen von England und dem verehrten Herrn eng­lischen Botschaft in Berlin, der jetzt nach langjähriger Tätigkeit seinen Posten verläßt, den Lord Protector of Germany zu nennen. So töricht das war, so töricht sind alle Behauptungen, als wenn irgendwie Deutschlands Wirtschaft oder Po­litik eine England unfreundliche Politik treiben sollte, oder treiben könnte. Dasselbe gilt von un­serem Verhältnis zu anderen Nationen, insbesondere den Vereinigten Staaten. Die Politik von Thoiry kann nach meiner Ueberzeugung und wie ich glaube, auch nach der Ueberzeugung des franzö­sischen Herrn Außenministers keine solche Politik sein, die aus dem Rahmen der allgemeinen Politik mit dem Ziel der Befreiung und des Wiederaufbaus Europas heraustritt. Es bedarf zu ihrer Verwirk­lichung auch der Beteiligung anderer Mächte und der Mitwirkung der für die Repara­tionszahlungen zuständigen Stellen. Dabei denke ich besonders auch an die Vereinigten Staaten, die seit den Verhandlungen über den Vertrag von Ver­sailles die wirkliche Befriedung Europas als eines Der Ziele ihrer Politik bezeichnet haben. Ich möchte daher annehmen, daß auch die Verhandlungen von Thoiry in der Linie der Politik der Vereinigten Staaten liegen werden.

Ls ist allerdings ein fchmerzlicher Rachklang zu biefer Politik der allgemeinen Befriedung, den ich im 3nfereffe der Verständigungsbestre­bungen tief bedauere, wenn neuerdings auf der Gegenseite von hoher verantwortlicher Stelle in der Oeffentlichkeit wieder die alte Be­hauptung von der alleinigen Kriegsschuld der Mittelmächte verkündet worden ist. Die Auf­klärung der Völker ist zu weit fortgeschritten, als daß derartige Behauptungen noch jetzt ge­wagt werden dürfen.

Wir brauchen uns um so weniger zu fürchten, werm die Behauptungen sich aus einer Stellung­nahme zu all diesen Fragen erklären, deren fast zwangsläufige Parteilichkeit vor aller Welt offen zutage liegt. (Stürmischer Beifall.) Auf dem Friedhof von Arlington hat der große Staats­mann, der das größte und mächtigste Volk der Erde führt, der Präsident Coolidge, kürz­lich zu denselben Fragen Stellung genommen und gesagt: Riemand, der die Tatsache untersucht, rann daran zweifeln, daß es der wirtschaft­liche Zu st and Europas war, der die über­lasteten europäischen Länder kopfüber in den Weltkrieg geführt hat. (Hört, hört!) Ich will mit diesen Erklärungen hier nicht rechten, will nicht kritisieren. Gott gab den Menschen nicht die Erkenntnis der Wahrheit, er gab ihnen mir das Streben nach Wahrheit. Wir sind bereit, uns jedem unparteiischen Gerichtshof zu stellen, der die Llrsache des Weltkrieges untersucht. (Stürmischer Beifall.) Die Menschheit hat ein Recht auf Wahrheit in dieser Frage, und niemand wird sich diesem Wunsche und Recht der Menschheit nach einem unparteiischen Schiedsgericht auf die Dauer widersetzen können. (Anhaltender Beifall.)

Die Diskrepanz zwischen denjenigen, die die Freiheit genießen, und denen, die sie erhoffen.

tritt besonders hervor angesichts der geschaffenen 1 europäischen Lage.

Die roeliere Besetzung deutschen Gebiets ist eine Anomalie zur Lage der Völker in Europa. (Stürmischer Beifall.) Wer nicht reill, daß die von den Staatsmännern der Völker gereünschte Verständigung immer wieder aufs neue durch schwerste seelische Belastungen der Völker auss Spiel gesetzt werden, der schasse die Ursachen weg, die überhaupt derartige Belastungen verursachen.

Ich möchte meine Ausführungen über die Außenpolitik schließen und sagen, dah sie auch Ausdruck der Erwartung des deutschen Volkes sind, daß bald alle Dorne und Kirchen des Rheinlandes die Freiheit des ganzen Rhein- landes verkünden mögen und daß man die deutsche Freude darüber allüberall hören und verstehen möge.

Unb nun über die innere Lage. Welche Regierung sich bildet im Reiche und in den Län­dern, ist eine Sache der Fraktionen, ist eine Sache der Entwicklung. Ich bin weit davon ent­fernt, etwa die Parteien anzusehen als die allei­nigen Vertreter des deutschen Volkes und des deutschen Volkstums. O nein, das Geben der Ration seht sich zusammen aus unendlich vielen Cinzelempfindungen, seelischen Zusammenhängen, religiösen Tleberzeugungen, Derufsempfindungen und Hoffnungen, dah sie in den engen Rahmen einer Partei gar nicht gespannt werden können, und ich habe es durchaus verstanden, dah sich nach dem Riederbruch bei uns die vielen natio­nalen Verbände gebildet haben, und ich habe es besonders begrüßt, dah sich unter ihnen auch solche bildeten, die speziell auch die Roman­tik hineingezogen haben in ihre Bestrebungen. Deshalb waren Bestrebungen wie die Gründung desIungdeutschen Ordens" mit seiner Idee der Brüderlichkeit, der Verbundenheit, namentlich aber auch der Ueberbrüdung der Klassengegensätze zu begrüßen. Es waren beim auch manche, die sich sagten, daß wir die Erinne­rungen nicht verblassen lassen dürften, das große Fronterlebnis jener Tage, in denen die Millio­nenschicht die deutsche Erde und die deutsche Heimat schützte.

Um so tiefer empfinde ich es als bedenklich, wenn jetzt parteipolitische Bestrebungen sich in diesen Organisationen geltend machen. Ich möchte diesen verbänden von hier aus zurufen: Ihr gebt euer Bestes weg, wenn ihr euch hin­einstellt in den Streit der Parteien, anstatt euch hineinzustellen in die ganze deutsche Ration.

Denn wenn ich den Frontgeist recht ver­stehe, dann muh ein Frontgeist überhaupt nicht differenzieren zwischen politischen Anschauungen, zwischen Marxismus und Anti- Marxismus. Die Heimat blieb uns unversehrt, weil beide zusammen im deutschen Schützen­graben das Deutsche Reich und deutsche Volk verteidigt haben (Beifall). Tlnser Kampf muh sich richten gegen den Klasfenkampf- charakter als solchen, ob er auf der einen oder anderen Seite auftritt. Wenn die Sozial­demokratie in einzelnen Ländern oder im Reich oder in ihrer Gesamteinstellung zurück­fällt in den Gedanken des Klassenkampfes, der Erringung der alleinigen Macht für das Pro­letariat, dann gilt ihr entschiedenster und grund­sätzlichster Kampf. Cs ist selbverständlich, dah für uns, die wir nicht Marxisten sind und uns dagegen auch gar nicht zu verteidigen brauchen, daß wir dem Marxismus nahestehen, nur der eine Gedanke gilt: Der des Rähertretens aller 'bürgerlichen Parteien zueinander. Aber dazu gehört das zweite: Die Bereitschaft eines sich einander verständigenden Bürgertums auch zu jeder Verständigung mit jedem, der gewillt ist, den Klossenlampfgedanken aufzugeben, rechts oder links, und sich die Hand zu reichen zu gemeinsamer Arbeit. Das ist die Grundauf- fassung unserer Partei und ich warne davor, dah wir irgendwie von dieser Gruttdauffassung zurückweichen.

Die Liebe zum allen Deutschland wird uns stets in Gegnerschaft finden gegen jeden, der so klein im Herzen und so verledert im Gemüt ist, daß er nicht empfindet, welche Kraftquellen der deutschen Seele der Gedanke der großen deutschen Vergangenheit ist. Aber das neue Deutschland, für das wir leben, zwingt uns auch hier, den Kampf aufzunehmen gegen die­jenigen, die ich die ewig Gestrigen auch im neuen Deutschland nennen möchte.

Wenn wir ein neues Deutschland heute aufbauen, die Einseitigkeit, die es einstmals gab, zu Zeiten, zu denen schon die Ernennung eines Rational- liberalen zum preußischen Landrst als große Konzession an das Bürgertum gewertet wurde, wünschen wir nicht wiederkehren zu sehen. Wir wollen und bekennen uns zu der Lleberwin- dung jeder Gesellschaftsunterschiede, die viel mehr zur Stärkung der Sozialdemokratie beigetragen haben, als das Erfurter Programm. Ich möchte nun noch folgendes sagen: Wäre es nicht wünschenswert, dah wir uns im Kampfe der Parteien, im Kampfe der einzelnen Schichten des deutschen Volkes, mehr zur Objektivität durchringen könnten? Mag jemand tm heftigsten

Parteikampf mit den Führern der Dentschnatio- nalen Partei stehen, daß diese Partei eine Persön­lichkeit wie Dr. H elf f er ich, einen der heroor- ragendsten begabtesten Deutschen, dem Deutschen Reiche zur Verfügung gestellt hat. unterliegt für jeden, der ihn gekannt, keinem Zweifel. Aber sehen sie auf der anderen Seite: Wäre cs nicht an der Zeit, daß man über die Grenzen der Parteien, v'inaus erkennt, was ein Mann wie der erste Reichspräsident Friedrich Ebert, für das deutsche Volk gewesen ist, der Mann, der di» schwere Aufgabe gehabt hat, in der schlimmsten Zeit der Erniedrigung da zu stehen, wo er stand, und der gleichzeitig mit einer Objektivität ohne­gleichen und mit einer Vaterlandsliebe, die nie geschwankt hat, an dieser Stelle seines Amtes ge­waltet hat?

Wir scheint es notwendig, auch wieder auf die Gefahr hin, weiten Massen zu mißfallen, ein­mal ein Wort davon zu sagen, daß das Gei­stige gegenüber dem körperlichen nicht roeifet zurücktreten darf, roic es jetzt der (fall ist. Wir sind Freunde jeder körperlichen Ertüchtigung, aber wie es bereits auf dem Katholikentag gesagt wurde, kann nicht die Aristokratie des Geistes durch die Aristokratie des Bizeps erseht werden.

11 nb nun ein Wort zum Schluß: Wir werden in Bälde das 60jährige Bestehen der Rationallibe­ralen Partei begehen. Auf ihrer letzten Zentral- vorstandssihung hat die Rationalliberale Partei beschlossen, unter dem RainenDeutsche VellL- partei" fortzubestehen. Ihre Söhne und Enkel sind wir. Ich hoffe, bah in den Tagen des 60jähr':genl Bestehens auch der Grundstein des Denkmals ge­legt werben wird für den Mcmn, der einer der Deutschesten und einer der Freiesten, einer der Rationalsten und der Liberalsten gewesen ist, für unseren Freund Ernst Bassermann in Mann­heim. Durch unsere Partei geht wie durch das Herz jedes Deutschen der Schnitt, die Trennung von dem Alten, Geliebten, zu dem Reuen, in das wir hineingewcuchsen sind. Alles in unserem Leben ist ja doch nur Etappe zum Vorwärts­schrei t en. Lind so lassen Sie uns hoffen, dah bas deutsche Voll die Zukunft sieht mit dem Ge­danken an die Weltgeschichte: Ich lasse dich nicht, du segnetest mich denn!" (Stürmischer nicht enben- wollender Beifall.) Die Parteitagsteilnehmer er­heben sich von ihrer Plätzen und bringen dem Parteiführer starke, lang anhaltende Ovatio­nen dar. ,

Die ersten Gehversuche der deutschen Wirtschaft.

Der Reichswirtfchaftsrrriuifter Warnt vor dem Wirtschaftsoptimismrrs des Auslandes.

Köln, 3. Okt. (TA.) Bei unvermindertem Andrang eröffnete Präsident Dr. von Campe am Sonntag den vierten Tag des Reichsparteitages der Deutschen Volkspartei in Köln. Zur Behand­lung stand bas ThemaDeutsche Wirt­schaftspolitik", zu dem vier Referenten be­stellt waren. Den Gesamtüberblick gab Reichs­wirtschaf tsminister Dr. Curtius. Der Minister beschäftigte sich mit der optimistischen Beurteilung der deutschen Wirtschaftslage im In- und Aus­lande, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Er betrachte es als feine Auf­gabe, Uebertreibungen auf das rechte Mah zurückzuführen. Fortschritte seien ge­wiß fesHustellen, insbesondere bei den beiden für die Konftrnktur maßgebenden Faktoren: dem Ka­pital und dem Absatzmarkt. Fremdes Ka- vital in Höhe von 4 bis 5 Milliarden hätte die deutsche Wirtschaft befruchtet. Auch aus eigener Kraft hatten wir wieder erhebliche Kapitalien ge­sammelt, wie z.B. der Zuwachs der Spar­kasseneinlagen von rund 300 Millionen im Rovember 1924 auf 1700 Millionen im Ro- Dember 1926 beweise, und wie aus der Zunahme des Pfandbriefumlaufes von 600 Millionen im Jahre 1924 auf rund 1700 Millionen am 31. Juli 1926, sowie aus dem Anwachsen der Depositen bei rund hundert Kreditbanken bis zum Juni 1926 auf eine Höhe von rund 4,7 Milliarden her­vorgehe. Dem Anwachsen des Kapitals entspreche die Senkung des ZinSftißes. Dr. Eurtius wies auf die Steigerung der deutschen Aus­fuhr von rund 439 Millionen im Jahre 1924 auf 830 Millionen im August 1926 hin. Auch die Steigerung des Innenmarktes sei ein Anzeichen der Wiedergesundung.

Demgegenüber dürfe der Stand des Außen­handels ;um Friedensstande nicht außer acht gelassen werden.

Innere Schwäche und Zollmauern des Auslandes werden voraussichtlich noch lange die Erreichung des Friedensstandes verhindern. Die Land­wirtschaft durchlaufe eine schwere Krise. Die Arbeitslosigkeit sei keineswegs nur eine vorübergehende Konjunkturfolge, sondern die Folge weitreichender Strukturver­änderungen der Weltwirtschaft und der innerdeutschen Wirtschaft. Der Reichsbankpräsi­dent habe auf die Gefahr hingewiesen, die beim Hereinströmen ausländischer Kapi-