Ausgabe 
4.8.1926
 
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ft&ufen zur 3di 34 geschlossen sind, ist bezeichn itenb für die Notlage.

Eine sehr hoffnungsvoll einsehende Reform in der Irrenpflege durch Einstellung voll ausgebildeter Krankenpflegerinnen nach Erledi­gung eines Spezialkurses geht wegen Schwestern- mangels stark zurück und hat ort manchen An­stalten, wo sie dringend gewünscht wurde, nicht begonnen werden können. Statt dessen richtet man nun in einigen dieser Anstalten Kranken­pflegeschulen ein.

Alle alten Krankenpflegerinnen sind direkter Rot ausgeliefert, wenn sie nicht als Wutter- hausschwcstern versorgt sind oder in städtischen oder staatlichen Diensten eine etwas höhere Pen­sion erreichen oder Angehörige haben, die sie unterstützen können, da die staatliche Rente bei der fetzigen Sage des deutschen Staates nicht so weit erhöht werden kann, daß sie zum Leben reicht. Die Ausbildung der Schülerinnen wird schwerlich gefördert durch Mangel an Arbeits­kräften und eine allgemein so ungünstige Lage. Die so dringlich notwendige Fortbildung, schule in Kiel, sowie die von der Berufsorgani'a- für die ein einjähriger Kursus der Oberinnen- tion der Krankenpflegerinnen Deutschlands an der Hochschule für Frauen in Leipzig veranlaß­ten zweijährigen Kurse und die durch eine Frauenversammlung geschaffene Kaller-Wilhelm- Schule deutscher Krankenpflegerinnen in Berlin sorgten, ist völlig beseitigt, da alle drei Einrich­tungen ihren Lehrbetrieb einstellen muhten. Fort­bildungskurse. welche behördlich etwa alle fünf Iahre für jede Krankenpflegerin in Preußen vor­geschrieben sind, werden höchstens in größeren Krankenhäusern für die eigenen Angestellten durchgeführt.

Die Lage des Pflegeberufes ist auf das engste mit der allgemeinen Lage des Heimatlandes ver­bunden. Ist ein Land im Aufblühen begriffen, so kann auch die Krankenpflege zur Blüte ge­bracht werden. Sein Riedergang bedeutet uner­bittlich auch den Verfall des Pflegeberufes und so können neue Hoffnungen für die deutsche Krankenpflege erst wieder aufdämmern, wenn ein neuer Aufstieg Deutschlands beginnt.

Deutschland und Frankreich.

1 (Don unserem Pariser XVä.-Korrespondenten.)

Es war in diesen Tagen besonders interessant zu beobachten, wie die französische Presse genau die Stimmung in Deutschland verfolgte und sich bis ins einzelne mit der Aufnahme des KabinettsPoineare beschäftigte. Einen der letzten Artikel hierüber veröffentlichte der rechtsoppositionelleAvenir". das Blatt der Mil­lerand-Gruppe und derPatrioten-Liga". Der Avenir" schreibt: Es wäre nur zu begreiflich gewesen, wenn man in Deutschland Poincare mit einer gewissen Mißstimmung ausgenommen hätte, doch man muß anerkennen, daß Deutschland in diesen Tagen eine erstaunliche Beherr­schung gezeigt hat. Man war von der Ruhe, der äleberzeugung, ja der Würde, mit einem Wort, der Korrektheit, überrascht gewesen, die man in Berlin bewies, sobald feststand, daß Poincare Ministerpräsident sein würde. Abge­sehen von einigen Entgleisungen von Blättern zweiten Ranges, wie z. D. demVorwärts", hat es keinen Mihton gegeben. Dieses Blatt, das es sich zur besonderen Aufgabe macht, sich ständig in die inneren Angelegenheiten Frankreichs ein­zumischen, ist anscheineich das einzige gewesen, das in Berlin Poincare angriff. Andere Blätter hatten aus innerpolitischen Gründen dem neuen Ministerpräsidenten kaum einige Radelstiche ver­setzt. Sonst war man überall, wie auf ein Stich­wort hin, würdig und zurückhaltend geblieben.

Offenbar ist man in Deutschland noch miß- IrLuikch, aber man muh blind sein, um nicht .einzusehen, daß man in Berlin entschlossen ist, eine Politik der Realität zu betreiben, eine prak­tische und von jeder Art Sentimentalität freie Politik und daß man entschlossen ist, mit P o i n- ca r 6 sich ebenso zu einigen, wie man sich mit Driand als Ministerpräsidenten hat einigen wollen. Man kann sogar so weit gehen, zu be­haupten, daß man in ernst zu nehmenden poli­tischen Kreisen der Reichshauptstadt alles in allem erfreut war, endlich an der Spitze Frank­reichs eine starke Regierung zu sehen, eine Regierung der wirklichen nationalen Kon­zentration, mit der es möglich sein wird, in Ruhe diplomatische Verhandlungen zu führen, ohne befürchten zu müssen, daß wie dies im Laufe der letzten Monate so oft der Fall war eine neue Mimsterkrife eine jähe .Unterbrechung der Verhandlungen herbeiführt. Man kann ohne weiteres sagen, daß, wenn die deutsche Presse nicht objektiv geblieben wäre, wenn einige chau­vinistische Temperamente ihrer Mißstimmung freien Lauf gelassen hätten, die deutsch-franzö- fischen Beziehungen darunter beträchtlich gelitten hätten. Stresemann und seine Mitarbeiter haben zweifellos nicht ohne Geschick diese Gefahr ob- ;

zuwenden gewußt. Dafür kann m<fn ihnen nur Dank wissen.

Das Deutschland von heute, so heißt es in dem Artikel weiter, ist nicht mehr dasjenige von 1923. Man hat wieder einen Faktor erster Ord­nung vor sichl, den man nicht mit einer ein­fachen Handbewegung von dem diplomatischen Spieltisch entfernen kann. Deutschland ist wie­der eine Großmacht geworden, die leider nur zu gut weih, was sie will. Deutschland ist wieder ein blühendes und machtvoll organisiertes Land, und es hieße, einen folgenschweren Irrtum begehen, wenn man dapauf beharren wollte, die Tatsachen nicht so zu sehen, wie sie sind. Die Fortschritte der nationalen Wiedererhebung Deutschlands muß man genau verfolgen, ohne sich durch Ereignisse von untergeordneter Bedeu­tung irreführen zu lassen. Man muh lernen, in Deutschland nur einen einzigen, kompakten macht­vollen Block zu sehen. Die nächsten vier oder fünf Iahre werden in mehr als einer Hinsicht ent­scheidend sein. In sechs Wochen spätestens wird Deutschland in den Völkerbund eintreten. In naher Zukunft wird Frankreich mit seinen angel­sächsischen Gläubigern schwierige Verhandlungen zu beginnen haben, und in spätestens zwei Iahren wird Deutschland die Revision des Dawes- Planes verlangen. In diesem Augenblick wird sich Frankreich, wenn nicht moralisch, so doch technisch" in derselben Lage wie das Reich be­finden. Dann werden für Frankreich neue Mög­lichkeiten aller Art austauchen. Das Spiel der politischen Kräfte ist zu kompliziert, als daß man schon heute untersuchen könnte, was aus dieser Gleichzeitigkeit der Ereignisse entstehen kann. Aber wahrscheinlich haben die zuständigen deut­schen Kreise auch bereits an diele Dinge gedacht, so dah die Rückkehr Poincares zur Regierung in Deutschland nicht die übliche Pressecampagne ent­fesselt, die man hätte erwarten können.

politische Serie» in England.

Von unserem l.-Korrespondenten.

Rur wenige Tage noch trennen die beiden Häuser des Parlaments vom Ende der bewegten Session, die im Zeichen des Generalstreiks und des jetzt in den vierten Monat eingetretenen Bergarbeiterstreiks stand, lieber dem Palast von Westminster liegt Ferienstimmung, die allerdings eine leichte Trübung erfährt durch die Möglich­keit der Wiedereinberufung der Mitglieder zum 30. August, falls bis dahin der Kohlenstreik nicht beendet und somit eine Erneuerung der Rot- standsvollmachten für September notwendig ist. Die Aussicht, auf eigene Kosten aus Frankreich. Italien oder gar Aegypten für eine kurze und rein formale Handlung zurückkehren zu müssen, erregt begreiflicherweise keine Begeisterung bei den ^Interhausmitgliedern. aber der bekannte und beliebte Trick, ohne Hinterlassung einer Adresse abzureisen, wird ihnen, soweit sie der Regie­rungsseite angehören, schwerlich gelingen. Der konservative Haupteinpeitscher ist bereits gewarnt, da er erst kürzlich Anlaß hatte, angesichts der bedenklichen Lücken, die die Regierungsbänke am Freitag aufzuweisen begannen, seine Schutzbe­fohlenen nachdrücklichst daran zu erinnern, daß das Week-End am Samstag und nicht schon am Donnerstagabend beginne. Wenn somit der Koh­lenstreik nicht wider Erwarten schnell zu Ende geht, oder wenn sich die Regierung nicht durch die im allgemeinen musterhafte Haltung der Strei­kenden zum Verzicht auf ihre Vollmachten be­wegen läßt, wird der allen Beteiligten unange­nehme Schritt nicht zu umgehen sein.

Auch auf außenpolittschem Gebiet ist eine serienmäßige Ruhe festzustellen. Das Platz- patronenseuer gegen Amerika in seiner Eigen­schaft als Gläubiger notleidender Rationen ist eingestellt worden, nachdem dieTimes" in einem Leitartikel über englisch-amerikanische Solidari­tätDas ganze Holt!" geblasen hat. Durch Zu­sage weitgehender älnterstützung im Kampf gegen die Alkoholpiraten an der amerikanischen Küste hat man noch ein klebriges getan, um drüben den Aerger über das bösartige Porträt des Onkel Shylock" in einem hiesigen Blatte zu beschwichtigen.

Auch die Frage der deutschen Entwaffnung erregt keinerlei Interesse mehr, nachdem der Aeußerung Chamberlains über nicht befriedigen­den Stand der deutschen Abrüstung durch die späteren Regierungserklärungen im Oberhaus und Unterhaus der Stachel genommen ist. Daß man bestimmt mit Deutschlands Eintritt in den Völker­bund auf der Septembertagung rechnet, geht u. a. aus dem Interesse hervor, das neuerdings der deutschen Kolonialbewegung und der Haltung zu­gewandt wird, die die deutschen Vertreter im Völkerbund bezüglich der Mandatsangelegenheit einnehmen werden. Hieraus erklärt sich wohl auch, daßTimes" letzte Woche in einem Leit­artikel die Korrektheit der britischen Behörden gegenüber den Mandatsvorschriften des Völker­bundes zu unterstreichen hat.

Der Protest des Ras Safari gegen den eng­lisch-italienischen Vertrag über Abessinien har in offiziellen Kreisen überrascht, da man anschei­nend überzeugt war, dem reichen, aber militärisch schwachen Lande durch einige freundliche Bemer­kungen über die ^liwerletzbarkeit seiner Souve­ränität jegliche Berechtigung zur Sorge zu neh­men. In dem Klub der ehemaligen Kolonial­beamten wird allerdings, wie es heißt, der Ver­such des Foreign-Offtce. für Italien die Kastanien aus dem französisch-abessinischen Feuer zu holen, nicht sehr günstig beurteilt. Man findet dort, daß Chamberlain in seinem Bestreben. Italien gefällig zu sein, etwas zu weit gegangen ist. daß die abessinischen Besorgnisse angesichts des ener­gischen, aber impulsiven und unberechenbaren Charakters Mussolinis vielleicht doch nicht ganz unverständlich sind, und daß übrigens noch nicht unbedingt feststeht, ob das faszistische Italien die 30 Iahre, die feit der Riederlage von Adua vergangen sind, als Verjährungsfrist betrachtet oder nicht. Für den Augenblick werden allerdings keine ernsten Schwierigkeiten von dieser Frage erwartet.

Wenn man von der französischen Krisis ab­siebt, an die man sich bereits wie an eine vom Scyickfal verhängte Plage gewöhnt hat, bildet nur noch der Bergwerksstreik einen Brennpunkt der öffentlichen Ausmertsamkeit. Es wird jetzt all­gemein zugegeben, daß der Versuch der Berg- werksbesiher. durch Bekanntgabe ihrer neuen Lohnvorschläge die allmähliche Auflösung der geschlossenen Masse der Bergleute herbeizuführen, gescheitert ist.

Wetterleuchten im Osten.

Die Gerüchte von kriegerischen Ab­sichten Polens gegen Litauen mehren sich in ausfälliger Weise. Vor wenigen Tagen erst wurde behauptet, Polen bewaffne an der litaui­schen Grenze die polnische Bevölkerung, die Zwi­schenfälle Hervorrufen solle, um diese dann als Anlaß zu einem Lleberfall auf Litauen nehmen zu können, mit der Begründung, Litauen habe die litauische Bevölkerung auf polnischem Ho­heitsgebiet aufgewiegelt. Ietzt wird berichtet, daß längs der litauischen Grenze tatsächlich zahlreiche polnische Formationen aufmarschieren, die zu den besten der Arinee gehören und dah erst vor wenigen Tagen der General Mienkiewicz von einer sechswöchigen Inspektionsreise zu Pilsudski zurückge^hrt und diesem eingehend Bericht er­stattet habe. Rimmt man schließlich noch den

alarmierenden Artikel der MoskauerPrawda" übet Polens feindliche Absichten Litauen gegen­über zur Hand, dann allerdings lassen sich die Gerüchte, wie sie oben angeführt werden, nicht einfach als müßiges Gerede beiseiteschieben.

Run steht ja fest, daß Pilsudski keines­wegs zu den friedfertigsten Elementen des nahen Ostens gehört. Er ist vielmehr Militarist durch und durch, trägt sich mit hochfahrenden Plänen und will ein den gayzen. europäischen Osten .beherrschendes Polen schaffen. Um völlig unab­hängig zu fein, hat er es auch durchgesetzt, daß ihm der Posten eines Generalinspekteurs der Armee eingeräumt wird, wodurch er eine Stel­lung erhält, die ihn frei von der Verantwortung vor der Regierung, dem Parlament, ja sogar dem Staatspräsidenten macht. Er ist also nichts anderes als ein militärischer Dikta - tot. dennoch klug genug, diese Diktatur einiger­maßen zu verhüllen. Hinter der Kulisse Kabinett und Parlament betreibt er jedoch intensive R n - ft u n g e n , so dah es bereits zu einem Konflikt mit dem 'FinaiMrinister gekommen ist. der die Ausgaben für Heer, Marine und Polizei nicht erhöhen will. Pilsudski macht aber auchhwhe Politik", weswegen ihm der Außenminister gram ist. der kürzlich das Feld räumen mußte, damit sich der Diktator ungestört mit ein^n ausländi­schen Diplomaten unterhalten konnte^Daß er Pläne und Ränke nicht nur gegen Litauen, son­dern auch gegen irgendeinen anderen RacPnrrn schmiedet, dürfte ebenfalls außerhalb jeden Zwei­fels sein.

Fraglich ist dagegen, ob die Rechnung Pil- sudskis aufgehen wird. Sowjet>RußIcrnd ist auf bet Hut und unterhält in Polen ein riesiges Heer von Agenten und Spionen. Das haben die kürz­lichen Massenverhaftungen wieder einmal be­wiesen. Moskau arbeitet auch intensiv daran, die baltischen Staaten in sein Lager hinüber- zuziehen und durch Vermittlung Italiens mit Rumänien ins reine zu kommen, um im ent­scheidenden Augenblick nach allen Seiten freie Hand zu haben. Vorläufig dürsten Pilsudstrs Pläne nur dahin gehen, bis zur Ostsee vor- zustoßen und die balttschen Staaten zu über­rennen. Sicherlich plant er auch gegen Deutsch­land und seine ostpreußische Provinz Böses. Iedensalls organisiert er in Posen und Pomn^r- retten ein starkes Iägerkorps, hält in der Gegend von Dromberg Reservistenübungen ab und ist gut Freund mit den oberschlefis<Kn Insurgenten. Wir werden also die Augen offen halten müssen, > um uns rechtzeittg vor unangenehmen Lleberraschungen schützen zu formen.

Turnen, Sport und Spiel.

Turngau Hessen CD. I.)

Aus dem 4. Bezirk.

In Alsfeld wurde, wie in den Vor­jahren, die 6 m al-lOO -Meter-Staffel des 4. Bezirks gelaufen, an der Mannschaften der Vereine Alsfeld, Lauterbach, Schlitz und Maar teilnahmen. Sieger wurde Tv. L a u t e r b a ch in der für eine Pendelstaffel recht guten Zeit von 77,2 Sekunden. Vorjähriger Sieger war Tv. Schlitz.

Ein neuer Turnverein ist in Angers- bach entstanden. Am Sonntag trat er mit einem Wetturnen erstmalig vor die Oeffentlichkeit. Die Turnvereine Maar und Lauterbach hatten sich durch fleißige Mithilfe und durch ein Schau- und Werbeturnen in den Dienst der Veranstaltung gestellt.

Auf einen schönen Erfolg kann der Tv. Lau­terbach wieder mit feinem kürzlich veranstal­teten Volksfest auf dem Hainig zurückblicken, dem den Turnern des Gaues Hessen als Ziel häufiger Turnfahrten bekannten Bergesgipfel. Das mit der Veranstaltung verbundene Vereins- Wetturnen wies eine vorzügliche Beteiligung auf und zeigte schöne Leistungen im Mehrkampf so­wohl als bei den Einzelkämpfen. Don den Einzel- kämpfen erwähnen wir: Kugelstoßen: I.Sieg H. Stein, 9,35 Meter: Weitsprung: 1. E. Södler, 6,38 Meter: Stabhochsprung: 1. E. Gerbig, 2,60 Meter.

Das 73. FeLdbergsest.

Aus 260 Vereinen hatten sich rund 2000 Wettkämpfer eingefunden. Der heimische Mittel- rheinkreis war besonders durch das Rhein-, Saar- und Moselgebiet stark vertreten: auch Oberhes'en und die angrenzenden Londesteile waren zahl­reich zur Stelle. Ungezählt blieb die gewaltige Volksmasse, die außer den Turnern den Gipfel des Berges erklommen hatte, um Zeuge der eindrucksvollen Merbeveranstaltung für den tur­nerischen Gedanken sein zu können. Das erste Feldbergfest auf dem Gipfel nach dem Kriege hat in seinem ganzen Verlauf sich wieder als die große Veranstaltung Mitteldeutschlands erwiesen,

die getreu einer Ueberlieferung von nahezu acht Iahrzehnten sich den wahrhaft turnerischen Sva* ratter bewahrt hat.

Dichter Rebel umlagerte noch den Berges­gipfel, als die Turner am Sonntag früh zum Wettkampf antraten. Philipp 21 obig, der lang­jährige Vorsitzende des Feldbergfest-Ausschusses, begrüßte die Turnerschar in herzlicher Weife. Trotz der Ungunft der Witterung nahm die Durchführung der Wettkämpfe einen einwand­freien Verlauf. Die nach altbewährten turneri­schen Grundsätzen durchgeführten Mannschafts- lämpfe hatten eine weit größere Besetzung zu verzeichnen als in den Vorjahren, bewarben ftd) doch um das Völsungenhorn 10, um den Iahn- schild 16 und um den Brunhildisschild (Turne­rinnen) 8 Mannschaften. Die von Anfang brs zum Ende überaus spannenden Wettkämpfe wur­den vor einer unübersehbaren tumbegeiftetten Zuschauermenge durchgeführt.

Bisher liegen folgende Ergebnisse vor:

O b e r st n f e (749 Bewerber): 1. Sieg Bruno Siegemund, Tgm. Bockenheim, 90 Punkte: 2. E. Wengenroth, Tv. 1860 Frankfurt a. M., 89 P.: 3. PH. Trumm, Tv. Bieber, und H. Heberer, Tv. Bieber, 84 P.: 4. Gg. Höflich, Tv. Kostheim, 83 P.: 5. Karl Hornberger. Tv. Kreuznach. 82 P.: 6. R. Kalbfell, Trbd. Reutlingen.

Unterstufe (752 Bewerber): 1. Ph. Heß, Tv. Schornsheim, Duchardt. Eintracht Frankfurt am Main, I. Wilhelmi, Tv. Oestrich, 75 P.: 2. P. Zimmermann, Tv. Hofheim, I. Reudecker, T. u. Spv. Klein-Auheim, E. Müller, T. u. Spv. Butzbach, 74 P.: 3. K. Rapp, T. u. Spg. Fechen­heim, F. Linn, Tgm. Hanau, 73 P.: 4. Fritz Morneweg, Tv. Klein-Linden, Eber­hard auf dec Heide, Tv. Sachsenhausen. 72 P.. 5. K. Junior, Tv. Idstein. 71 P.: 6. W. Wagner, Tv.Jahn" Siegen, 70 P.: 7. H. Schröder, Tv. 1860 Bad-Rouheim. 68 P.: 8. W. Reitz, Tv. 1846 Gießen, 67 P.: 9. W. Grubeaud, Tv. Heuchelheim, 66 P.

Alterst nrner (über 45 Iahre): 1. W. Kratz, Tv. 1817 Mainz. 79 P.: 2. F. Huthmann. Tgs. Darmstadt, 72 P.: 3. Adam Pfeiffer, Mainz, 69 P.

Gießener Stadttheater.

Karl Müller-Ruzika: Nur kein Skandal!"

Der Autor spricht: eine ganz unglaubliche Geschichte in drei Fortsetzungen. Untertitel dieser Art sind in der modernen Bühnenliteratur be­liebt. And werden vom Theaterreferenten (aus trüben Erfahrungen) zumeist mit schnödem Miß­trauen zur Kenntnis genommen. Rämlich: sie dienten allzu ost dazu, sich um em offenes Be­kenntnis zu einer eindeutigen, literarischen Gat­tung herumzudrücken. And der Chronist, gewissen­haft bemüht, in dieser Richtung Enthüllungen zu machen, stand ebenso oft vor der rauhen Rot- wendigleit, Indiskretionen zu begehen, die der Autor klug und schonungsvoll vermied.

Immerhin: man kann äleberraschungen er­leben. Derlei Indiskretionen sind meist peinlich, aber einfach. Hier nicht. Man dachte: was kann man Anfang August anderes erwarten, als einen Schwank? -llnb fand, der Urheber dieses drolligen Abends sei von übergroßer Bescheidenheit ge- wesen. Wenn dies ein Schwank war, dann haben wir seit langem keinen besseren gesehen. Es wäre mehr gewesen: ein Lustspiel, rund und nett, witzig und sicher und haltbar bis ans Ende. Wenn nicht dieUnglaublichkeit" sich doch zu oft mit älnmöglichkeit der Voraussetzungen deckte. «And dennoch: was ist ..in Wirklichkeit" unmöglich^ Iener Hauptmann von Köpenick, an den man mehrfach denken konnte, war von unleugbar- peinlicher Realität.)

Ein Einfall liegt zugrunde, der, in anderen Härchen, zur Komödie hatte fuhren können. Ern Einfall übrigens, der an sich durchaus nicht neu und literarisch mehrfach ausgewertet worden ist

Der erste Akt erinnert stark an ein Lustspiel, des verstorbenen Thaddäus Rittner, das seinerseits vomBiberpelz" beeinflußt ist. Hier liegt das Stichwort: Hochstapelei ist stets eine wirksame Prämisse für das heitere Spiel auf der »Bühne. Das triumphierende, freche Gaunertum, von einem Strahi abenteuernder Roblesse womöglich vergol­det, findet die glänzendste Folie in der genas- führten und bloßgestellten Autorität: der Staats­gewalt. die sich wiederum mit Vorliebe nn Staatsanwalt repräsentiert. Ein Schuß Juristerei ist ein jahrhundertaltes Theaterrezept, das fast nie versagt.

Schon die Gerichtsverhandlung an sich trägt dramatische Qualitäten. Sie steigert sich sehr pikant in der Pointe des Rollentausches: Der Hochstapler mit dem Heft in der Hand und der Frechheit im Herzen leitet (unertamit) oie Vernehmung. So sicher, daß er, Gipfel der älnverfrorenheit, ohne Rot selbst die Maske lüften darf. Er wirft die Rolle, die ihm ein Zufall, die lächerliche Verwechslung mit einer ungeschick­ten Standesperson in die Hände gab, grinsend belferte und haut den erpresserischen Trumps auf den Tisch wieder denkt man an Rittner: feine Vernehmung würde zugleich gröbste Kom­promittierung aller Beteiligten auf der Gegen­seite bedeuten.

Als da sind: Der Erste Staatsanwalt, den -2- e l c k y mit hagerer Würde ausstattete, dessen Frau (von Tine Schneider elegant und apart gespielt) und Sohn (bei Hanke in guten Hän­den), ein Polizeirat (dessen Blödheit von Volck zu sehr in die Karikatur getrieben wurde) nebst besserer Hälfte, für die Luise Iüngling eine Jebr energische Sprache führte, ein ahnungsloser Messor (Fr. L. Eisig), der dem Autor leider etwas aus den Händen geglitten ist: schwächste

Figurine des Spiels. Ansonsten in kleineren Rollen sehr angenehm: Krahmer, Scherer und Kurzhoff. Die Krone des Abends aber, witziger Mittelpunkt des Spiels: Schwanneke, falscher Assessor, zweiter Hauptmann von Köpe­nick. elegant, wortsicher, voll Humor und ßaunc, voll von weltmännisch-liebenswürdiger pleber- legenheit und der fabelhaften .Unverschämtheit des besseren Gauners: eine sehr begabte, saubere Leistung. Ihm zur Seite Rita Andre als raffiniert schauspielernde, famos eingefuxte Kom­plizin. Das Ganze rollte unter Volcks Leitung flüssig und filmhast flimmrig vorüber. Ein sehr amüsanter Llbend. .Und ein sehr dankbares Pu­blikum. Dr. Th.

Verlorene Kometen.

Es ist eine seltsame Erscheinung, daß manche Kometen bisweilen verloren gehen. DaS jüngste Beispiel dafür ist der Ensor-Komet. Dieser wurde 1925 entdeckt, und man erwartete fein Wieder­erscheinen am nördlichen Himmel früh im Iahre 1926; es ist aber nicht wieder zum Vorschein ge­kommen. Ein berühmter Komet, der spurlos ver­schwand. ist der 1826 entdeckte Bielaschc. Seine Laufbahn wurde von den Mathematikern be­rechnet, und man sand hcrarrs, daß er eine 6> ... jährige Periode hat. Er wurde auch 1832 pünkt­lich beobachtet: aber 1839 fehlte er, 1846 war er wieder zu sehen, und seine Bahn schien ganz normal zu verlausen. Doch dann brach ec in zwei Teile, die sich allmählich immer weiter vonein­ander entfernten. Die beiden Halbtometen wurden 1852 wieder beobachtet, aber die Entfernung zwischen ihnen war noch größer. Seitdem ist er niemals wieder gesehen worden. Als die Erde 1872 den Pfad des Konreten kreuzte, da stellte

man einen bemerkenswerten Regen von Meteoren an dem Teil des Himmels fest, an dem der Komet sich befunden haben müßte, wenn er sichtbar ge­wesen wäre. Ein anderes Beispiel ist der Le?ellsche Komet, der 1770 von Meßler entdeckt wurde. Seine Laufbahn wurde von Lepell berechnet, der sand, daß er alle fünf Iahre wiederlehren müßte. Aber fo viel man auch nach ihm Ausschau ge­halten hat, man hat ihn nie wieder erblickt. Bei einem Kometen, der 1846 von Peters entdeckt wurde, errechnete man eine Periode von 131/5? Iahren. Er ist niemals wieder zum Vorschein gekommen. Das gleiche geschah mit dem Stephan- schen Kometen, der 1867 gefunden und mit einer Periode von 40 Iahren berechnet wurde. Der Vicosche Komet, der 1846 entdeckt wurde, hätte 1921 wieder auftauchen müssen, konnte aber trotz eifrigsten Suchens nicht beobachtet werden. Aus welchen Gründen gehen nun solche Kometen ver­loren? Der englische Astronom I. A. Lloyd gibt zwei Ursachen dafür an. Gin Komet ist ein Schwarm von Meteoriten, die sich in einem Kreis um die Sonne bewegen. Der Schweis besteht aus Gasen, die von dem Kops ausströmen. Das be­deutet, daß die Kometen fortgesetzt an Substanz verlieren und bei jeder Wiederkehr kleiner sein müssen. Der Halleysche Komet z. B., dessen Ge­schichte uns seit langen Zeiträumen bekannt ist, hat durchaus nicht mehr das Aussehen wie in früheren Zeiten. Kometen können also allmählich verschwinden. Außerdem kann aber auch ein Komet nahe an die Riefenplaneten Jupiter oder Saturn beranfommen und in das Bereich ihrer An­ziehungskraft geraten. Er wird dann von feiner Laufbahn abgelebt, verschwindet im All und kehrt nicht mehr in für uns sichtbare Regionen zurück. Das ist wahrscheinlich bei dem Lexellsch-m Kometen der Fall gewesen.