Sein oder Nichtsein.
Lin Kriminalroman von der Wasserkante.
Von Moritz Schäfer.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
X.
Hinriks meditierte, als er mit der Bahn nach Warnemünde zurückfuhr. Die Recknagels hatten ja getan, als seien hundertsünfzig Millionen ein Pappenstiel. Und Lorenzen, der „reiche" Lorenzen, wußte nicht, woher er hundertfünszig Millionen nehmen sollte, um seine Schulden an den Windhund, den Mühlfeld, zu tilgen! Etwas stimmte da nicht! Beim Klabautermann, daß man auch so ganz heraus war aus der Art, wie sie jetzt rechneten! Freilich, da saß man an der Stolteraa, pflanzte sich Kohl und Rüben selbst, hatte sogar einen Morgen Weizenfeld und ließ sich sein eigenes Mehl mahlen, sein eigenes Brot backen. Was kümmerte man sich da um die große (Geldentwertung, über die alle so schrien! Fleisch brachte Onkel Otto nur Sonntags, und die alte Teerjacke, der sechzigjährige Maat Leoerrenz, der ihm kochte und wusch, erntete und pflanzte, scheuerte und Strümpfe stopfte, der alte zahnlose Fink Leoerrenz war zufrieden, wenn er auf seinem kleinen Pachtäckerchen in der Freizeit Erdäpfel ziehen konnte. Die teilte er dann mit dem Käpping, den er vergötterte, und bezog dafür sein Deputat Weizen. Was brauchten die beiden Alten mehr? Mochte doch der Dollar steigen, soviel er wollte. Selbst auf den Preis des Pfeifentabaks harte das nicht allzu viel Einfluß, denn Fink Leoerrenz, — weiß der und jener, wie der Gute zu dem Vornamen Fink gekommen mar — Fink Leoerrenz verstand es ausgezeichnet, mit allerlei duftigem Kraut den Kanaster zu strecken. Der Ersatz war wirklich angenehm, und je teurer der Tabak wurde, nm so größere Triumphe feierte das Surrogat, bis es schließlich das Feld zu drei Vierteilen beherrschte. Oie Ersatzkräuter noch mehr dominieren zu lassen, schien freilich gewagt, denn schon war Onkel Otto einmal ins Spucken gekommen und hatte die Stirn in noch krausere Falten gezogen, als ihm vom Alter als Ehrendekoration schon verliehen waren.
Da wußte Fink Leoerrenz, die Grenze sei erreicht, und behielt von nun an die Mischung: drei Viertel Ersatz, ein Viertel echter Tabak, bei. Der Wackere ahnte in seines Herzens Einfall nicht, daß das, was er und jein „Käpping" als echt in kunstgerechter Mischung genossen, stmerseiis schon die Bekanntschaft mit Wegerich, Buchenlaub und Zichorien gemacht hatte.
Daß es bei Hinriks keine Nerven gab, war zweifellos dem gemeinsamen „Tabakskollegium" 31t- zuschreiben, das mehrmals in der kalten Jahreszeit Fink Leoerrenz, Ohm Otto und einen pensionierten Landdrosten in des Kapitäns guter Stube vereinigte. Den Kastengetst kannte das Kleeblatt nicht, dessen jüngstes Blatt, der Herr Landdrost Lütje auch schon seine fünsundsechzig auf dem Rücken hatte. Im oommer war es nichts mit den gemeinsamen Rauchabenden: da lebte der Drost in Doberan, Fink Leoerrenz hatte bis in die Nacht hinein auf dem Feld zu schaffen, und Hinriks mußte seine geliebte Pip allein schmauchen, falls ihm nicht Margot dabei Gesellschaft leistete.
Von Geld und Geldesnöten hatte das Rauchkollegium nte gesprochen. Seltsam, das Thema, das alle Welt beherrschte, hatte für die drei Weisen keine Bedeutung. Denn auch der Drost baute eigenhändig seinen Kohl und war zufrieden mit dem, was ihm der mecklenburgische Staat an Ruhegehalt gab. Die Pension reichte ja ganz hübsch, und Herr Lütje hatte außer seiner Pip nur noch seinen alten Pudel „Mucki", für den er zu sorgen hatte. Der Pudel war ein unwahrscheinlich bejahrter Herr, der seinem Besitzer außerordentlich ähnlich sah. Beide hingen aber auch aneinander wie die Kletten, und jeder hätte für den andern unbedenklich das Leben in die Schanze geschlagen. Freilich, es muß getagt werden, nach peinlich genauer Abschätzung erschien die Anhänglichkeit des Pudels an seinen Herrn noch größer,als die des Herrn Drosten an seinen vierbeinigen Freund. Obgleich das, was der Mitteleuropäer gemeinhin als Tabak bezeichnet, einer Hundenase nicht gerade als Gift vorschwebt, war der Geruch, der aus den drei vereinigten Pipen Hinriks-Leverrenz-Lütje entströmte, für „Mucki" so entsetzenerregend, daß er am liebsten gleich die Flucht ergriffen hätte. 2(ber aus Pflichtgefühl hielt
„Mucki" aus, so wie ein todesgetreuer Musketier trotz aller Gasangriffe im Schützengraben aushalt. „Muckis" schneeweißer Pelz wurde allerdings, seit er in Hinriks guter Stube vor den Füßen seines Herrn auf einem Fell von unbestimmter Herkunft stoisch das Schicksal über sich ergehen ließ, schwärzlich angeräuchert: dafür ward der Vierbeiner aber auch zu seiner Freude gewahr, daß die Tugend immer siegt. Die Tugend des Ausharrens tni Dampf der hundcrtundem Kräuter hatte für „Mucki" nämlich die gute Folge, daß feine standhaftesten Flöhe, darunter alteCngefeffene Habitues, die sich schon uuf ein Erb- und Gewohnheitsrecht berufen tonnten, mit Tod abgingen. Nicht unerwähnt darf hier bleiben, daß auch Hinriks einen vierbeinigen Hausgenossen hatte; doch da dieser sofort bei den Darnpfergüssen aus den vereinigten Pfeifen Fersengeld zu geben pflegte, und da fein aktives Eingreifen in den Gang der Ereignisse erst in ein späteres Kapitel fällt, sei hier seine Existenz einstweilen nur flüchtig erwähnt.
Kommen wir von Hunden und Flöhen wieder auf Ohm Otto zurück, so müssen wir sagen, daß die kurze Eisenbahnfahrt nach Warnemünde in ihm einen Entschluß zeitigte. Den Entschluß, sofort wieder umzukehren und ohne Aufenthalt nach Rostock zurückzugondeln. Zwar war es sieben Uhr, die Rostocker Bank bereits geschlossen, und für heute war es zur Einlösung des Schecks, den der Onkel in der Tasche trug, zu spät. Aber mußte er das Papier denn selbst einlösen? War es nicht ein sogenannter Ueberdringerscheck? Soviel war dem Kapitän auch ohne besondere Belehrung aus dem Aufdruck des Schecks klar geworden, daß er persönlich bei dem Inkasso keine Rolle zu spielen brauchte. Er konnte Llso nach Gefallen damit operieren. Zugleich wollte er sich einmal erkundigen, wie feine Schisfsparten denn eigentlich im Kurse stünden. Man durfte denn doch nicht so weiter in die Welt hineinleben ohne zu wissen, was man besaß. Man konnte ja Lorenzen mal unauffällig fragen.
Und bann noch eins: Wurde nicht Heinz Wallot mit dem Abendzug aus Hamburg erwartet? Beim Klabautermann — da sollte man nicht zugegen fein? Onkel Ottos Gesicht strahlte, als er, kaum in Warnemünde angekommen, eine Rückfahrkarte forderte.
Zufällig war fein Freund, der Landdrost Lüste, mit feinem Pudel auf dem Bahnsteig.
„Hinriks!" rief der alte Herr und schickte aus seiner unvermeidlichen Pip dicke Rauchwolken nach allen vier Himmelsgegenden, daß zwei zierlich angeputzte Dämchen naserümpfend und hustend dis Flucht ergriffen. „Hinriks, wat is denn passiert? Sei lopen ja wie der Sturmwind von einem Toch in den annern! Ja, Manning, hären S' doch en Oogenblick tau!" Pass, paff! „Wat schall bat be- beuten?" Paff, paff! „Sei wollen boch nid) ein Parpendikel marfiern, weil Sei unaufhörlich hin und her pendeln daun?"
Mit jugendlicher Lebhaftigkeit schwang sich Ohm Otto, der gerade sein neues Billet ergattert hatte, in den zur Abfahrt bereitstehenden Zug und reichte, sd;naubend vor Eifer, dem Drosten die Hand aus dem Abteil. „Freund Lüste," rief er frohgemut, „en Parpendikel bin ick nid); aroerft de Unruh steckt unner min West. Ick heww nod) bannig veel to daun in Rostock, un ick heww bat biffentmegen so eilig, bat ick bin Slachter noch 'ne Wurst fragen kann för min ollen Freund „MuckH
„Quatschkopp", sagte Lütje und drehw dem abfahrenden Zug den Rücken. „Mucki" aber, der Menschenverstand hatte, verglich: Sein Herr konnte dock) besser qualmen als 'ne Lokomotive! Das erfüllte „Mucki" mit großer Befriedigung. Daß ihm eine Wurst versprochen sei, hattd er nicht verstanden, der Trubel auf dem Bahnhof war zu groß. Außerdem war Mucki bei seinen ... zig Jahren schon redjt schwerhörig geworden. Das war gut so, denn Vergeßlichkeit ist die Tante aller pensionierten Kapitäne und beherrscht sie, sobald sie an Land kommen.
Wenn Onkel Otto auch schmählich die „Mucki" versprochene Wurst vergaß, sein anderes Programm für den Tagesrest hielt er inne. Als er um 7.20 Uhr in Rostock ankam, belehrte ihn ein Blick auf den Fahrplan, daß zehn Minuten später der Hamburger Schnellzug fällig fei. Also rasch hinüber auf Bahnsteig 2. Pünktlich lief denn auch der Zug in die Halle. Spähend blickte der Kapitän die Reihen der Ankommenden entlang, da flog es plötzlich wie Sonnenschein über sein verwittertes Gesicht, und ein Jubelruf drängte sich über die Lippen.
(Fortsetzung folgt.)
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