Ausgabe 
3.8.1926
 
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Dienstag, 5. August 1926

176. Jahrgang

Nr. 179 Erstes Blatt

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüftel, fSmtlich in Gießen.

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Einheitsdrot in Italien.

Rom. 2. 2lug. (WTD.) Der 'Ministerrat hat beschlossen, daß nur noch ein bestimmtes Cin- heitsbrot hergestellt werden darf. Das Backen und der Berkaus von Luxusbrot soll untersagt werden, ebenso die Herstellung von Kuchen und Feingebäck aus Getreidemehl. Außer­dem hat der Ministerrat entschieden, daß von den 167 bestehenden Llnterpräfekturen 95 aufgehoben werden sollen.

lehr des Reichsministers die schwebenden Ver­handlungen über Deutschlands Eintritt in den Völkerbund und die damit zu­sammenhängenden Fragen in ihr letztes Stadium gekommen sind. Rach Klärung der Sachlage wird sich die Reichsregierung dann auch über die -Zu­sammensetzung der deutschen Dele­gation für Genf schlüssig werden. Daß der Reichsminister des Aeußern wieder Mitglied der Delegation sein wird, gilt alt selbstverständlich.

zu unterstützen. Dieses Abkommen könne keinesfalls die Rechte eines Dritten verletzen oder Abessinien binden. Der Liberale Kennworthy sagte, Eng­land solle von dem Abkommen zurücktreten, Italien sei Abessinien gegenüber immer aggressiv ausgetreten.

Der deutsche Studententag.

Bonn. 2. Aug. (WB.) In der heutigen Vormiltagssitzung des 9. deutschen Etudententages verlas der erste Vorsitzende der Deutschen Stu­dentenschaft zwei Schreiben. In dem ersten, an die Bonner Studentenschaft gerichteten Schreiben, legt der Vorsitzende der Donner Stu­dentenschaft. trotz größter persönlicher Be­denken dieses Amt nieder um die vorliegende Spannung zu vermindern, die Spaltung zu be­seitigen und die Einigung zu erzielen. In dem zweiten Schreiben spricht die B>nner Studenten­schaft ihrem ehemaligen Vorsitzenden ihren Dank aus. Der erste Vorsitzende des deutschen Stu­dententages gab darauf als Beschluß des Vor­standes bekannt: Die Tatsache besteht, daß der Vorsitzende der Donner Studentenschaft zurück- getreten ist. Somit ist unser früherer De- schluh hinfällig und wir fühlen uns jetzt wieder als G ä st e der Donner Studentenschaft. Dann führte das Vorstandsmitglied der deutschen Stu­dentenschaft, Steller, im Rahmen des De- richtes über das letzte Amtsjahr u. a. aus, daß die Veruntreuungen an der älniversität Ber­lin im vergangenen Jahr allzusehr politisch aus- geschlachtet worden seien. Dagegen habe die Be­wegung in Hannover eine ausgezeichnete Dis­ziplin der deutschen Stckdentenfchast gezeigt. An­schließend ergriff das Vorstandsmitglied der deut­schen Studenten'chaft Thon das Wort zu einem Referat über die einzelnen Arbeitsgebiete der deutschen Studentenschaft. Der Referent ging u. a. auf die Auslandarbeit der deutschen Studentenschaft im vergangenen Jahr ein, be­sonders auf die Verhandlungen mit der Arbeits­gemeinschaft studentischer Rationalverbände (E. I. E.). Die deutsche Studentenschaft habe ihre internationalen Beziehungen trotz des Scheiterns dieser Verhandlungen weiter ausgebaut und stehe nach wie vor in engster Berührung mit einer großen Anzahl ausländischer Studentenschaften.

poincares zinanzsanierung.

Die Amortisationskasse und das Tabakmonopol.

Paris. 2. Aug. <WB.) Der Ministerrat hat den vom Finanzminister vorgelegten Entwurf eines Gesetzes über die Schaffung einer auto­nomen Kasse zur Amortisierung und Verwaltung der Bonds der nationalen Verteidigung und über die wirtschaftliche Ausbeutung des Tabakmono­pols gebilligt. Die Regierung wird nach Der» abschiedung dieses Entwurfes dem Parlament Vorschlägen, als Rationalversammlung zusammenzutreten, um den Bestimmungen über die Amortisierungskasse den Charakter eines Ver» fassungsgesehes zu geben. Der Mimsterrat hat ferner beschlossen, daß die Regierung, nachdem das Budgetgleichgewicht nunmehr hergestellt ist, sich allen weiteren nicht durch neue Einnahmen gedeckten Ausgaben widersetzen werde. Der Gesetzentwurf über die Amortisierungskasse wird am Mittwochvormittag von der Regierung in der Kammer eingebracht werden. Havas nimmt an, daß am Donnerstag in der Kammer und am Freitag, spätestens Samstag, im Senat die Dis­kussion darüber beginnen wird, daß jedoch ein Dringlichkeitsverfahren diesmal von der Regie­rung nicht gefordert werden dürfte. Das Parla­ment toirb alsdann auf Vorschlag der Regierung über den Zusammentritt der Rationälversamm- lung zu bestimmen haben. Obwohl der Zeitpunkt hierfür noch nicht feststeht, dürfte, da eine Frist von drei Tagen für die Einberufung des Kon­gresses verfassungsmäßig vorgesehen ist, dieser am Dienstag, dem 10. August oder am Donners­tag, dem 12. August in Versailles zusammentreten. Man nimmt allgemein an, daß das Gesetz über die Amortisierungskasse von der Rationalver­sammlung an einem Sage verabschiedet werden kann.

Britische Außenpolitik.

Die Lbaffeuverkänfe au die Türkei.

Abessinien.

London, 2. Aug. Die in einem Teil der Morgenblätter in sensationeller Aufmachung wieder­gegebenen Enthüllungen über angebliche Muni- t i o n s = und Waffenverkäufe der eng­lischen Regierung an die Türkei zu An­fang dieses Jahres waren heute nachmittag Gegen­stand einer lebhaften Debatte im Unterhaus. Der Abgeordnete Jones fragte den Premierminister, ob die Regierung in direkten ober indirekten Ver­handlungen wegen des Verkauses von Munition und Wasfen an die Türkei ober bcren Unterhändler gestanden habe. 'Chamberlain erwiderte, daß keine direkten Verhandlungen slatlgefunden hätten. Die einzigen indirekten Fühlungnahmen, von denen er wüßte,haben in Anfrage nvon Privatfirmen bestanden. Gegenwärtig finden keine Verhandlungen statt. Der Abgeordnete Kenn­worthy fragte darauf, ob die Regierung eine Wie­derholung des Dardanellenschauspieles wünsche, wo britische Kriegsschiffe mit britischen Granaten versenkt worden seien. (Hjamber* Iain antwortete, daß er keinen Krieg mit der Tür­kei beabsichtige. England habe soeben die Verhand­lungen mit der Türkei abgeschlossen und die gegen­seitigen Beziehungen auf eine befriedigende Basis gestellt. Auf die Frage, ob eine Gasmaske er­funden sei, die den Neuentwicklungen an Giftgasen widerstehen könne, erwiderte Baldwin, es sei Grund für die Annahme vorhanden, daß die Schutzmaß­nahmen mit der Entwicklung der chemischen Kriegs­führung Fortschritt hielten. Chamberlain verlas bann bie 'Antwort ber britischen Regierung an ben Völkerbung in ber abessinischen Frage. Es wirb bat in bebauert, baß ber abessinische Protest bie Meinung vertrete, bie englische unb bie italie­nische Regierung hätten ein Abkommen geschlossen, um Abessinien ihren Willen aufzuzwingen. Die ersten Vereinbarungen über ben Bau eines Dammes seien bereits vor 24 Jahren mit dem Kaiser Menelik abgeschlossen worben. Die englisch-italienischen No­ten behielten keinen Teil Abessiniens bem italieni­schen Wirtschaftseinstuß vor, fonbcrn bie britische Regierung bürge nur bafür, nicht mit italienischen Unternehmungen in bestimmten Teilen bes Lanbes in Wettbewerb zu treten ober einen solchen

Brianös Locarnopolitik

Verständigung mit Deutschland".

Wien. 1. August. (D3IB.) Der Sonderbericht­erstatter derReuen Freien presse" in Paris hatte eine Unterredung mit Brianb über bie auswärtige Politik des neuen französischen Kabinetts. Brianb äußerte sich dabei u. a. folgendermaßen: Die Aende- rung der Regierung bedeutet keine Aende- rung der auswärtigen Politik. Das be­weist schon meine Anwesenheit an diesem Platz, wie hatte ich mein Amt übernommen, wenn ich nicht vollständig sicher gewesen wäre, meine bisherige Politik sortsehen zu können. P o i n c a r e hat die Regierung übernommen, um die Finanzfrage zu lösen. Lin außenpolitisches Programm, eine Ab­kehr von ber bisherigen Außenpolitik bebeutet der Rame nicht. Meine Politik ist die Politik von Locarno, und ich kann darauf Hinweisen, daß ich sogar schon vor der Konferenz von Locarno auf eine Milderung des R h e i n I a n d r e g i m e s hingearbeitet habe. Der Rest ber Abmachungen, ber noch zu verwirklichen ist. wirb verwirklicht werden, und das wäre vielleicht auch schon geschehen, wenn die französische Regierungsbildung nicht die Abwick­lung aller anderen Angelegenheiten verzögert hätte. Freilich Ist guter Mille von beiden Seiten erforder­lich. 3m Rheinland hat es während der letzten Zeit allerlei Vorfälle gegeben, die in Frankreich die öffentliche Meinung irritiert haben, wie beispiels­weise gewisse geräuschvolle Lrinnerungsseiern. Das­selbe gilt für die Entwaffnung. Mit allerlei kleinen Einzelheiten ist Deutschland mit der Entwaffnung im Rückstände. 3ch messe dem weiter keine Bedeu­tung bei, aber die öffentliche Meinung Frankreichs wird unruhig, wenn sie hört, daß die Entwaffnung Deutschlands auf neue Schwierigkeiten stoße. Aus diesem Grunde würde ich wünschen, daß Deutschland alle Maßnahmen durchführe, die noch durchzusuhren seien. Die Politik von Locarno bedeutet eine Politik der Verständigung mit Deutschland, und nach meiner festen Ueber- zeugung wird ohne eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland das europäische Gleich­gewicht nicht wieder hergcstellt werden können. Es ist meine Absicht, im Herbst nach Genf zu gehen, um bei der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund mitzuwirken. Ich werde willkommene Gelegenheit haben, Unterhaltungen mit den deut­schen Staatsmännern zu führen, unb zwar sehr ausgedehnte Unterhaltungen. Wenn ich von einer Ausgestaltung der Politik von Locarno spreche, so denke ich dabei u. a. auch an eine möglichst weit­gehende wirtschaftliche Annäherung zwi­schen Frankreich und Deutschland, an eine wirt­schaftliche Durchdringung. Es gibt eine Anzahl von Wirtschaftsgebieten, aus denen eine französisch- deulsche Zusammenarbeit möglich ist. Die wirtschaft­liche Annäherung zwischen Frankreich unb Devlsch- lanb wirb auch künftig eines meiner Ziele bleiben.

Rückkehr Dr. Sltefcmamts.

Berlin, 3. Aug. (WTB. Funkspruch.) Reichsrninistcr des Aeußern, Dr. S t r e s e m a n n, wird seinen Erholungsurlaub in Bad Wildungen Ende dieser Woche beenden und spätestens am 9. August wieder in Berlin eintressen. Es kann angenommen werden, daß nach der Rück-

PolnischerBrie/.

Don unserem w-fiorrefponbenten.

Warschau, Anfang August.

Abgesehen von wirtschaftlichen Fragen, wie ben fortgesetzten, recht wenig konkreten Bemühungen um englische ober amerikanische Anleihen unb ben Erörterungen über ben nachgerade für ben pol- irischen» Aussuhrbebarf bringenb notroenbigen hon- belsoertrag mit Deutschlanb herrscht innenpolitisch zur Zeit Ruhe in Warschau. Der Sejm hat bas Verfassungsgesetz, wie auch das E r m ä ch - tigungstzesetz angenommen. Der Präsident kann also setzt, wenn er es für nötig hält, Sejm unb Senat auflösen, rooju er visher nicht bas Recht hatte. Bis ber neue Sejm zusammentritt, kann ber Präsident eine Unmenge von Gesetzen auf bem Ver- fügungsroege in Kraft sehen, ohne Sejm unb Senat befragen zu müssen. Außerdem hat bie Regierung, solange ber jetzige Sejm noch existiert, aber in ben Ferien ober vertagt ist, ebenfalls bas Recht, Ge­setze aller Art auf bem Wege bes Dekretes, ohne Sejm und Senat in bie Welt zu setzen.

Wie man weiß, wollte bie Rechte, einschließlich der Partei der Großbauern, die Gelegenheit be­nutzen, das Wahlrecht abzuändern, um auf diese Weise vor allem bie Deutschen aus bem Sejm zu brängen. Dieser Antrag erhielt jeboch nicht bie nötige Zweidrittelmehrheit. Die Linke war aus ben von ihr vertretenen bemokratischen Prinzipien entschlossen, gegen bie Ermächtigung zu stimmen, wobei auch bie Erwägung eine Rolle spielte, was geschehen könnte, wenn einmal eine reaktionäre Re­gierung bas jetzige Kabinett Bartel ablösen sollte, unb biese bann von ben Ermächtigungen zum Nach­teil ber Linken Gebrauch machen sollte. Als bie Regierung bann erklärte, baß sie zurücktreten werbe, wenn ihr bie Vollmachten nicht bewilligt würben, befürchtete bie Linke, baß Pilsubski sich ben Rücktritt ber Regierung, in ber er ber allmächtige Kriegsminister ist, nicht gefallen lassen würbe. Wäh- renb also noch in zweiter Lesung bie Vollmachten im Verfassungsgesetz abgelehnt würben, ist ber Sejm in britter Lesung zu Kreuze gekrochen unb hat ben Entwurf mit ber nötigen Zweibrittelmehrheit ange­nommen. Zur Zeit berät ber Senat bie Gesetze: er wirb sie aller Voraussicht nach ebenfalls noch gegen Enbe ber Woche annehmen.

Dann tritt bie tote Saison ein, ber Sejm geht in bie Ferien unb bie Regierung wirb ihre Voll- machten bazu benutzten, um bie Vereinfachung ber Verwaltung unb bie Vereinheitlichung ber Gesetz­gebung einzuleiten. Pilsubski aber hat seinen Willen durchgesetzt. Denn er ist es gewesen, ber bei bem benkwürbigen Tee beim Ministerpräsibenten Bartel ben Abgeorbneten brohenb erklärt Hot, er könne sie nicht vor ber Straße schützen, wenn sie ihre Pflichten nicht erfüllten. Unb ihre erste Pflicht hat er barin gesehen, baß bie Regierung ober ber Staatspräsi­dent in bie Lage versetzt würben, bie wichtigsten unb notroenbigften Gesetze auf bem Verordnungs- roege ohne ihre, also bie Mitwirkung bes Sejm, zu crlebigcn.

Eine Affäre, bie äußerlich eine gewisse Ähnlich­keit mit ber recht zusammengeschrumpften Ver­folgung bes Deutschen Verbanbes in Oberschlesien zeigt, beschäftigt roiebor einmal bie hiesige Sensa- lionspresse. Die Polizei hat fast hunbert Verhaf­tungen in Krakau, Stanislau, Przemysl, Posen usw. vorgenommen. Es wirb behauptet, baß ukrainische Studenten ber Universität Krakau in Gemeinschaft mit ukrainischen Golbaten bes polnischen Heeres Spionage getrieben hätten. Sehr verdächtig ist, abgesehen von ber üb­lichen Behauptung, baß Deutsche bahinterstecken, auch bie Mitteilung, baß bei ben Verhafteten nicht nur ganze Bombenlager, fonbcrn auch Lager von Bakterien für anftetfenbe Krankheiten entberft wor­ben fein sollen. Das erinnert schon an die Zeit ber klassischen Kriegslügen. Selbst bie Bomben, bie bie politische Polizei finbet, sind nicht immer ganz klarer Herkunft. Dies hat ber Prozeß gegen Troja- newski gezeigt, ber im Auftrag hoher Funk­tionäre ber politischen Polizei bie Bomben anfertigte, bie bann ben Kommunisten in bie.nbe gespielt mürben, unb ber ebenfalls i in bezahlten Auftrag ber politischen P o - l i z e i ein kommunistisches Hetzblatt für bie Bauern herausgab, um bort, wo bie Kommunisten für bie Polizei fehlten, eigens solche zu züchten. Nun will die Polizei nicht nur wissen, baß bie gäben nach Posen führten, wo bieVertreter bes brutschen General stades" sitzen, fonbern baß bie Angeschulbigten in bireftem Zusammenhang mit einem Bureau in Berlin ftänben. Es oerbient angemerft zu werben, baß ber Polizei ebenso wie zahlreichen Personen bie Existenz einer ukrainischen Kampforganisation seit langer Zeit bekannt ist, baß bie Polizei auch früher schon Hunberte von Verhaf­tungen von Ukrainern unb Weißrussen vorgenom­men hat. Man weiß, baß bie ukrainische Bewegung von Rußlanb unterstützt wirb. Aber von diesen Dinaen hört man in Polen nicht gern. Wirb ba- gegen Deutschlanb mit in bie Sache verwickelt, so finbet man in Polen immer bereitwillig Gehör. Unb bie politische Polizei hat es boch gcrabe jetzt sehr nötig, ihre Unentbehrlichkeit nachzuweisen, benn bie jetzige Regierung Bartel hat ben Wunsch, sie recht kräftig abzubauen.

Eine polnische Sowjetrepublik in Rußland.

Berlin, 3. Aug. Wie derVorwärts" aus Moskau berichtet, beabsichtigt die Sowjet­regierung, aus den rein polnischen Dör­fern in 90 Kreisen der Südwest--Gouverne­ments eine autonome polnische Sowjetrepublik zu bilden. In dieser Republik sollen die im Lande verstreuten Polen angesiedelt werden.

Der Kulturtampf in Mexiko.

WaffenstillftandsangebotdesKlerus

ReuYork, 2. Aug. (TU.) Wie die mexi­kanischen Bischöfe erklären, haben sie der Regierung einen Waffen st ill st and und Aufhebung sämtlicher Regierungsverordnungen vorgeschlagen mit der Begründung, daß der Kul­turkampf den Staat wirtschaftlich ruiniere. Außer­dem gebe er ein falsches Bild von der Lage, da viele gläubige Katholiken infolge des Gewerkschaftszwanges gezwungen auf der Gcgen- eite mitmachten. Die Gewerkschaftsde- monstrationen sind überall ruhig verlaufen. Rur in einem Provinzstädtchen kam es zu einem Zusammenstoß mit Soldaten, wobei zwölf Zivi­listen getötet wurden. In Mexiko City datierte die Demonstration, an der etwa 60 000 Menschen teilnahmen, gegen drei Stunden. Präsident Calles beobachtete mit dem gesamten Kabinett vom Balkon des Rathauses aus den Vorbeimarsch der Demonstranten. In allen Straßen hielten Gewerkschaftsredner Ansprachen gegen die Kirche. In der Kirche der Madonna von Guade­loupe wurde das berühmte gleichnamige Altar­standbild auf Anordnung der Regierung ent­fernt. Tausende von Mexikanern haben bei El Paso die Grenze überschritten, um in nord- amerikanischen Kirchen am Gottesdienste teilzu­nehmen. In verschiedenen Städten sollen sämt­liche Katholiken Trauerkleidung tragen und die Häuser mit schwarzem Krepp behangen fein. In Pachuca sind am Samstagabend bei den letzten Gottesdiensten sechs Frauen und sechs Kinder in den ungeheurer Menschenmengen, d.e sich in die Kirchen drängten, erdrückt worden.

Die Haltung

Englands und Amerikas.

London, 2. Aug. (Wolff.) Nach einer Mel- bung besDaily Telegraph" hat ber britische ©e f an b t e persönlich formelle Vorstellungen beim mexikanischen Außettamt wegen ber Christ Ehurch Cathebral erhoben, bie ber Anbachts- ort ber britischen Kolonie in Mexiko sei. Diese Kirche sei Privateigen ^um freier britischer Kuratoren. Ihre Beschlagnahme burch ben mexikanischen Staat könne baher nicht in Betracht kommen. Auch die American Protestant E p i s c o p a t wurde von mexikanischen Solbaten besetzt, was in Neuyork große Erregung hervor- gerufen hat. Man hält es für wahrscheinlich, baß es nunmehr zu einem Zusammengehen zwischen Washington unb fionbon kom­men werbe. Dagegen berichtetTimes" aus Neu- izork, bas amerikanische Staatsbepartement scheine entschlossen, solange wie möglich zu vermeiden, in ben mexikanischen Kirchönkonslikt verwickelt zu werben. In Washingtoner amtlichen Kreisen sei zum Ausbruck gebracht worben, baß bie amerikanische Regierung beabsichtigt, vollkommene unb absolute Neutralität in biefem Konflikt zu wahren unb nur ben amerikanischen Untertanen jenseits ber Grenze Schutz zu sichern. Die amerikanische Re­gierung lasse sich von ben Grunbsätzen religiöser unb politischer Freiheit leiten unb habe keineswegs den Wunsch, sich in bie inneren religiösen Streitigkeiten eines befreunbeten Nachbarstaates einzumischen.

Ein Komplott gegen Calles.

Berlin, 2. Aug. Die rnexitanische Polizei gibt die Aufdeckung eines Komplotts zur Ermordung von Calles bekannt. Verhaftet wurden eine Stenotypistin, die rn dem Calles Bureau gegenüberliegenden Rathaus be­schäftigt war. Leiter die Frau eines Seide»:-- fabrikanten, der selbst flüchten konnte, der Sohn des mexikanischen Senators Araujo und fünf andere. Die Regierung halt die näheren ^Im­stande noch geheim. Alle Verhafteten sind Mit­glieder der Liga für die Verteidigung der reli­giösen Freiheit.

Das Attentat

auf Primo de Mvera.

Paris, 2. Aug. (WTB) Wie derInfor­mation' aus Perpignan gemeldet wird, wird infolge des Attentats aus General Primo de Rivera die Grenze von den spanischen Be­hörden streng überwacht, zumal angenom­men wird, daß die französische Regierung zahl­reiche verdächtige Ausländer a u s w e i s e n wird und daß diese versuchen werden, nach (Spanten zu gelangen. Auch der Generalkapitän und Se­nator von Catalonien. Do rras, der sich gegen­wärtig in einer Ortschaft an der E.enze bei Be­kannten aufhält, wird streng überwacht, weil mein glaubt, daß er mit separatistischen Kreisen in Verbindung stehe. Weiter wird gemeldet, daß bie unbefugte Verbreitung von Rach richten mit Geldstrafen bis zu 6000 Peseten und Gefängnis bestraft wird.

China und die Machte.

London, 2. Aug. (TU.) Der chinesische Gesandte in Rom und Hauptdelegierte beim Völkerbund Dr. Chao Him-Chu erklärte in einem Interview dem Korrespondenten der British Umtob Preß u. a.:China werde unter feinen Tim ständen die ungleichen Verträge, die es zum Sklaven der anderen M ä ch t e gemacht hätte, anerkennen. China lehne eine weitere Ein­mischung in seine eigenen Angelegenheiten, für die die starke fremdenfeindliche Stim­mung, die sich in China noch im Wach-en be­finde, verantwortlich zu machen sei, unbedingt ab. China habe bereits an Stelle der Vorkr'.cgs- verträg: mit Deutschland, Oesterreich und