Ausgabe 
3.6.1926
 
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Nr. 127 Zweites Sian

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 3. Juni 1926

Spiritus und Landwirtschaft.

Von Dr. Ä u t) (e n f a m p f f, TL b. 9t.

In nicht langer Zeit wirb bie Oeffenllichkeit sich mh ber Frage bes Umbaues bes Brannt­wein-Monopols zu beschäftigen haben. An­gesichts ber Tatsache, daß die meisten Deutschen über bie (Brunbfragen bieser Materie nicht unter­richtet sinb, bie Materie selbst aber von aller­größter wirtschaftlicher unb politischer Tragweite ist, sind einige grunblegenbe Ausführungen über sie am Platze.

Wer niemals näher mit diesen befaßt worben ist, ber oerbinbct mit bem BegriffBranntwein- Monopol" ben Gedanken an Schnaps, an Schwarz­brenner, an Spritschiebungen unb hat bas ungemüt» liche Gefühl einer komplizierten Angelegenheit, bie er nicht durchschaut, in der aber irgend etwas faul ist. Die große wirtschaftliche Tragweite der ganzen Sache ist den wenigsten Har. Um was dreht es sich? Leider hat die irreführende Ge- feheS-Romenklatur von vornherein falsche Vor­stellungen erweckt. Branntwein ist für den nor­malen Bürger dasselbe wie Schnaps, während das Wort im Sinne des Gesetzes etwas ganz anderes bedeutet, nämlich Spiritus. ein Produkt, bas nicht nur getrunken, sondern in sehr großem Umfange technisch verwandt wird. Spiritus ist ein für die chemische Industrie unentbehrliches Produkt die Grundlage für alle möglichen Parfüms, Bestandteil der meisten hygienischen Präparate, Betriebsmittel für Lam­pen und für Kochgeräte, nicht zuletzt in neuester Zeit für Kraftwagen. Spiritus ist aber noch etwas ganz anderes: er ist ein Produkt, ohne das die Landwirtschaft auf geringem Boden nicht leben kann, und damit ein volkswirtschaft- Nch-cr Faktor von größter Bedeutung.

Das Grundproblem ist folgendes: Die Land­wirtschaft auf geringem Boden hat nicht genug Futter für das Vieh. Ausländische Futter­mittel belasten die Handelsbilanz und sind über­dies sehr teuer. Aus eigenem Boden aber wächst in unserem Klima nicht genug. Zwar wachsen Kartoffeln auch auf Böden, die sonst wenig hervorbringen aber die Kartoffel ist kein gutes Futtermittel, besonders dort nicht, wo es auf die Milcherzeugung ankommt. Auch der Roggen ist es nicht, die in ihm vorhandenen Kohle­hydrate sind schwer verdaulich, gewisse Bitter­stoffe^ die er enthält, tun den Tieren nicht gut. die Roggen-Krise, unter der die deutsche Land­wirtschaft. von der wir alle leben, schwer leidet, wäre nicht, wenn Roggen in unveränderter Form ein gutes Futtermittel wäre.

Kartoffel aber und Roggen sind in dem Augenblicke Futtermittel allerersten Ranges, in dem sie vergoren und in Schlempe verwan­delt werden. 3e stärker der Landwirt Schlempe verfüttert, desto besser seine Masterfolge, desto größer seine Milchproduttion. Und Milch-Pro­duktion bedeutet volkswirtschaftlich mehr, als die meisten von uns wissen. An Roggen erzeugen wir noch nicht für 1,5 Milliarden Mark im Jahr. Der Wert der Milcherzeugung beträgt ungefähr 4 Milliarden und reicht trotzdem für den Bedarf des deutschen Volkes an Molkerei-Produkten nicht aus.

Der Brenner also will im allgemeinen nicht den Spiritus, der in der Brennerei entsteht, son­dern die Schlempe, das hochwertige inlän­dische Futtermittel, und der Spiritus ist im Grunde Abfall-Produkt, wenn man die Sache von der Seite der Erzeugung aus sieht. Aber leider gibt es auch noch eine Bilanz-Seite, und die verbietet, den Spiritus als Abfall-Produkt zu behandeln und irgendwie zu vernichten. Er muß wirtschaftlich verwertet werden, sonst wird die Schlempe zu teuer, sonst kann sie, auf die es in der Hauptsache ankommt, nicht wirt­schaftlich Dertoenbet werden.

Die Frage von Mästung und Milch-Erzeu­gung, von Absatz für Roggen und für Kartoffeln xft letzten Endes eine Frage der Spiritus-Ver­wertung.

Gewiß, im Durchschnitt werden nur 23 Pro­zent der Kartoffelernte zu Schlempe und Spiri­tus verarbeitet (die Behauptung, dieSchnaps- Brennerei" entzöge dem Volke Riesenmengen von Rahrungsmitteln ist agitatorischer Unfug), aber das beweist nichts, wie so viele Durch­schnittszahlen nichts beweisen. Worauf es an­kommt, ist, daß Wirtschaften auf geringen Böden

Ein neuer Brutvogel im Vogelsberg.

Von Karl Rudolf Fischer.

Es ist noch nicht lange her, da erschien im Frühling zusammen mit den anderen Zugvögeln oben im hohen Vogelsberg ein neuer Gast: klein war er wie ein Zeisig und auch so gelblich grün unb dunkel gefleckt. Er trieb sich allenthalben in den Grasgärten der Bergdörfer herum und erfüllte die Lust mit einem sestsamen Singsang. Keiner der Bergbauern, die von Jugend auf eingeschworene Dogelliebhaber sind, konnte sich erinnern, einen sol­chen Gast jemals im Lande gesehen, seine Stimme jemals im großen Frühlingskonzert der Vögel ge­hört zu haben. Er war viel dicker als der Erlen- zeisig, der sich nur im Winter unter den Durchzugs­vögeln und nordischen Wintergästen sehen ließ und als Käfigoogel gern in großen Mengen an den erlenbestandenen Ufern der Forellenbäche und auf ben alten Samenfichten mit Leimruten gefangen wurde, besaß außerdem einen viel kürzeren, kegel- ftumpfigen Schnabel und eine grüne Zeichnung. Er sah eher einem Kanarienvogel ähnlich denn einem Waldvogel. Deshalb nannten ihn bie Bauern auch Kanalliespatz".

Im gerbst war er auf einmal verschwunden. Die anderen Finkenarten aber blieben im Wiiuer da: der Buchfink, Gimpel, Stieglitz, Kernbeißer, Hänfling, Grünfink, Sperling und wie sie alle bei. ßen. Doch dachte man nicht lange darüber nach, von mannen er kam, wohin er ging. Und als bie ersten Schneefälle eintraten, ber, Winter im Berg- land feinen Einzug hielt, die nordischen Bergfinken wieder erschienen, die Seidenschwänze und Grien» «ifige sich wieder sehen ließen, war der Kanallie- spatz vergessen.

Um diese Zeit kam ich einmal hinauf: wollte mir für die langen Wintermonate einen kleinen Stubenfreund holen. Das tue ich jeden Winter. Tiere sind Freunde. Und der schwäbische Bauern- dichter Ehr. Wagner hat mit Recht gesagt:Men fchen und Tiere gesellen sich gern, und wer kann wissen, wer von beiden am meisten dabei gewinnt."

30 Prozent unb mehr chrcr Kartoffelernte in Schlempe verwandeln müssen, um leben zu können, während die Wirtschaften auf guten Böden das Brennen kaum oder gar nicht nötig haben.

Dre Schlempe-Frage also ist lebenswichtig für eine sehr große Menge von Böden in Horb - und in Südd^ttschland, unb dadurch ist sie eine Ernährungsfrage für das deutsche Volk geworden. Unb weil sie bas unbestreitbar ist, ift auch die Spiritusfrage eine Lebensfrage für uns. Wer Schlempe erzeugen muh. der muß wissen, wohin er den dabei entfallenden Spiritus absehen will.

Run ist aber der so erzeugte Spirttus für viele Absatzgebiete zu teuer. Dl« chemische In­dustrie kann knapp ben Herstellungspreis be­zahlen, als Betriebsstoff für ben Kraftwagen ist Spiritus überhaupt zu teuer, und für andere Verwendungs-Gebiete ist er es auch. Daher ent­stand schon lange vor dem Kriege ber Gebanke der Spiritus-Zentrale. Ihr Sinn lag darin, bah sie die ganze Spiritus-Erzeugung aufnahm unb nun ben eigentlichen Branntwein, ber sich für Trinkzwecke unterbringen ließ, teuer verkaufte, den für Industrie-Zwecke dagegen unter Preis, im ganzen also die erzeugte Menge so absehte. daß im Durchschnitt ein brauchbarer Preis erzielt wurde.

Von dem gleichen Gebankengange gingen bie Leute aus, bie bas Monopol schufen, das ben unmöglichen HamenBranntwein-Mono- p o 1" trägt, währenb es tatsächlich ein Spiritus- Monopol ist, bas heißt, nicht nur ben Alkohol, ber für Trinkzwecke verbraucht wird, fonbern auch den für technische Zwecke bestimmten, um­faßt. Daß es neben ber Aufgabe des Preis­ausgleiches noch bie hat, bem Reiche Einnahmen zu verschaffen, ist eine Sache für sich, bie mit bem eigentlichen Sinne des Ganzen, ber Sicher­stellung bet Schlempe-Erzeugung unb damit eines Teiles ber Volksemährung. in einem direkten Zusammenhang nicht steht.

Das im Jahre 1921 geschaffene Monopol- Gesetz hat seinen Zweck nicht oder doch nur un­vollkommen erfüllt. Unter seiner Wirksamkeit blühte das Gewerbe der Schwarzbrenner, das heißt derjenigen Leute, bie den erzeugten Spiritus entweder nicht ganz an das Monopol ablieferten und dann zu Preisen, die die Ab­gabe an das Reich nicht in sich schlossen, ge­winnbringend verkauften, oder mehr Spiritus erzeugten, als sie durften unb sich so unerlaubten Gewinn schufen ober sonstwie bem Monopol ein Schnippchen schlugen. Die auf die eine ober die andere Weise schwarz hergestellten oder auf den Markt gebrachten Mengen waren schließlich so groß, daß sie einen sehr fühlbaren Faktor bar- stellten unb denen erheblichen Wettbewerb mach­ten, die wirilchaftlich auf die Schlempe-Erzeugung angewiesen waren und in dem Absatz für ihren Spiritus durch die Schwarzbrenner eingeengt wurden. Es entstand ein nichthaltbarer Zustand. Zwar wehrte sich das Monopol mit allen Mit­teln, aber das Gesetz gab ihm keine genügen­den Machtmittel in die Hand, und aus der Mo­nopol-Krise drohte eine Agrar-Krise zu werden. Richt zuletzt wurde diese Krise dadurch gefördert, daß die Preise für Spiritus überspannt waren. Es ist ja klar, daß, je größer der Unterschied zwischen dem Preise ist, den der Erzeuger erhält, und dem, den ber Verbraucher bezahlt, desto größer der Anreiz zu UeBertretungen wird. Je mehr der Schwarzbrenner verdienen kann, desto größer bie Gefährdung seiner Treue gegenüber dem Gesetz.

Es wird lange Debatten über das neue Mo­nopol-Gesetz geben, das den Reichstag nun be­schäftigen wirb, lange Debatte von geringem Ge­halte an Sachlichkeit. Cs gibt wenig Gebiete, die so stark von Interessenten beeinflußt werden, wie gerade das Spiritus-Gebiet. Aber weil das so ist, kommt es darauf an, die Oeffenllichkeit über die tatsächliche Bedeutung der Frage auf­zuklären. Cs handelt sich nicht um eine Schnops- frage, es dreht sich nicht um das aus ber Agi­tation um das Gemeindebestimmungsrecht be­kannteAlkohol-Kapital" (wer mit sachlichen Gründen so recht nicht durchkommt, pflegt ja bei uns dem Gegner gar leicht den Stempel des gewinnsüchtigen Interessenten aufzudrücken), son­dern um eine volkswirtschaftliche Frage von großer Bedeutung, um die Schlempe-Frage, um die Volksernährung.

Es ist dringend zu wünschen, daß die maß­gebenden Personen die Dinge ausschließlich unter diesem Gesichtswinkel betrachten und sich nicht demagogisch blind machen lassen. Die Form, in der wir den Absatz von Spiritus für die Zukunft sicherstellen, ist ein Problem, das nur mit aller- strengster Sachlichkeit behandeft und gelöst wer­den kann, ein Problem, das unter keinen Um­ständen in den Bereich ber Schlagworte gezogen werden darf, vielmehr durch Sachkenner unb ohne demagogischen Einschlag behandelt werden muh.

1921 geriet es weitgehend in die Hände von Interessenten, und der Erfolg war danach. Es ist dringend zu wünschen, daß es 1926 vor ein Gremium nichrinteressierter Sachverständiger kommt, und die große wirtschaftliche Bedeutung der Sache rechfferiigt diesen Wunsch.

Neue Gärung in China.

Mit der Einnahme Pekings durch die ver­bündeten Marschälle Tschangtsolin und Wupeifu hatte der Kampf in China seinen Höhepunkt er­reicht und die Kampfhandlungen einen vorläufi­gen Abschluß gesunden, ohne bah eine entschei­dende Riederlage der Armee Fengyusiangs her­beigeführt worden wäre. Die Rationalarmee zog sich in die Mongolei in eine sichere Stellung zu­rück. die es ihr gestattete, bie Entwickelung ber Dinge in Ruhe abzuwarten, während sich ihr Führer nach Moskau begab, um sich, wie es hieß, neue Mittel für eine spätere Weiterführung des Kampfes zu besorgen. Seit dieser Zeit ist etwa ein Monat verflossen, aber die Verhandlungen zwischen Tschangtsolin unb Wupeifu über die Ein­setzung einer starken Zentralregierung in Peking haben noch zu keinem praktischen Ergebnis ge­führt. Wohl sollen sie jetzt darüber einig ge­worden sein, eine Regierung zu bilden, die sich zu gleichen Teilen aus Anhängern der beiden Marschälle zusammensehen soll, aber in Wirklich­keit konnte diese Regierung, an deren Spitze Dr. Ben steht, nicht treten, weil die Staatskassen durch die fortgesetzten Schröpfungen der Armeen vollkommen leer sind.

Die Frage des Staatspräsidenten blieb über­haupt vorläufig ungelöst. Die jetzige Ruhe und Einigkeit zwischen den beiden Marschällen scheint darauf zu beruhen, daß ihnen die nötigen Mittel zu irgendeinem Unternehmen fehlen. Daß man in China nicht an eine lange Dauer dieses fried­lichen Zustandes glaubt, der ja auch den bis­herigen Erfahrungen zuwiderlaufen würde, geht daraus hervor, daß Marschall Suntschuangfang einen unabhängigen Staat proklamiert hat, der sich aus den fünf Provinzen Fukien, Kiangsi, Agnkwei. Tschekiang unb Kiangsu zusammenseht. Bemerkenswert ist dabei, daß Sun, ber sich als starker und befähigter Staatsmann erwiesen hat, die Billigung der chinesischen öffentlichen Mei­nung in seinem Vorgehen findet. Es ist also damit zu rechnen, daß bei möglicherweise in nicht allzu ferner Zeit kommenden Auseinander­setzungen zwischen Wupeifu und Tschangtsolin auch Sun eine bedeutsame Rolle spielen wird, zumal von seinem Wohlwollen auch die Bildung einer Zentralregierung abhängig ist. Sun hat ausdrücklich mit Rücklicht auf kommende Aus­einandersetzungen zwischen ben beiden Mar­schällen seinen unabhängigen Staat gebildet, weil er dem jetzigen Frieden nicht traut.

Die finanzielle Grundlage für feine Regie­rung bildet die Salzsteuer, die er in den fünf Provinzen beschlagnahmt hat. Im übrigen sind die Meldungen aus China ziemlich undurchsichtig. Rur das eine scheint klar zu sein, daß der Bürgerkrieg bald wieder in Fluß kommen wird. Die Rationalarmee scheint wieder im Vormarsch auf Peking zu fein, nach erbitterten Kämpfen foll fie die Front der mandschurischen Truppen durchbrochen haben unb nur noch elf Meilen von Peking entfernt stehen, so daß also die Hauptstadt bald wieder im Brennpunkt ber Kämpfe stehen wird. Diese Tatsache zwingt auch die beiden Marschälle, aus ihrer jetzigen Un­tätigkeit herauszutreten, um neue Geldmittel für die Kämpfe aufxutreiben. Dabei wird sich auch zeigen müssen, ob die Einigkeit der beiden Mar­schälle stark genug ist, um wieder eine gemein­same Front gegen die Rationalarmee zu bilden. Die Tatsache, baß der ehemalige Präsident Tsavkun zu Wuveifu geflüchtet ist, um mit ihm

Im Frühling lasse ich bann meine Wildsänge wieder fliegen. Und da bekam ich die Geschichte von dem seltsamen Vogel erzählt. Ich wußte sofort, daß nur Freund Girlitz hier in Frage kam. Und richtig, im nächsten Frühjahr kam er wieder. Ja, auch die Nachbardörfer meldeten jetzt sein Erschei­nen. Seitdem ift er im ganzen Vogelsberg zu Hause. .Wo aber kam der Vogel her, was veranlaßte ihn, so plötzlich sich dort niederzulassen und in einer Art und Weise aufzutreten, als wäre er schon seit Jahr­hunderten hier heimisch gewesen?

Es ist wahr, die Einwanderung des in unserem mittel- und norddeutsche Faunab'ilde erst in den letzten Jahrzehnten aufgetauchten, ursprünglich in den Mittelmeerländern beheimateten Vogels, dessen Ausbreitungsbestreben sich lange Zeit nur bis Süd­deutschland erstreckte, ist in letzter Zeit und beson­ders in Hessen, das ja das landschaftliche Binde­glied von Süd- und Norddeutschland ist, der Gegen­stand lebhafter Auseinandersetzungen und weit­gehender Meinungsverschiedenheiten gewesen.

Am meisten vertreten fand man die Ansicht, daß der Girlitz, dessen Name übrigens das Klangbild seines Rufes ist, feine Nordwärtsverschiebung auf Grund des wärmer werdenden Klimas vorgenom­men habe, eine Anschauung, die besonders von dem bekannten Vogelforscher Wilhelm Schuster von Forstner durch seine These von derWiederkehr einer tertiärzeitähnlichen Tierlebensperiode" gestützt wird. Er schreibt in seinem BucheDie Vögel Mitteleuropas" über das Girlitzvordringen folgen­des:Die neue wärmere Zeitepoche veranlaßte ihn vor 120 Jahren in Deutschland einzudringen: bis heute hat er ganz Deutschland erobert bis auf einen kleinen Küstenstrich an der Nordsee, die ftiesische Küstenplatte*), sonst ist er überall bis Ostpreußen Dorgebrungen. Diese Einwanberung einer gänzlich neuen, unserer Fauna bislang fehlenden Medi­terran vogels ist sehr charakteristisch. Dabei nimmt es wunder, wie bald sich gewissermaßen eine neue Art gebildet hat. Denn die Form wird als deutsche

) Diese Angabe des 1922 erschienenen Buches muß als veraltet gelten. Ich habe 1924 auf meinen Nordseefahrten den Girlitz mehrfach in Friesland festgestellt.

(nördliche) jetzt abgetrennt von der sog. südlichen, ein Beweis, wie schnell sich Lokalrassen bilden."

Nun hat aber erstens neuerdings Prof. Keßler- Tüdingen in einer Schrift über bie Klimaänberung, bie sich eingehenb mit bem Schusterschen Problem oefaßt, klipp unb klar bewiesen, baß von einer Wieberkehr bes Tertiärklimas keine Rebe sein könne. Höchstens fei es gerechtfertigt, unsere Klima­verhältnisse unausgeglichener gegen früher zu nennen. Zweitens mutz, wenn bie durch Laubmann erfolgte Aufstellung ber beutschen Girlitzform (Serinus hortulanus germanicus) gerechtfertigt ist unb sie sich systematisch so sehr von ber mebiterranen unterscheibet unb bas ist tatsächlich ber Fall, unser Girlitz schon recht lange in (Süb-)Deutsch- lanb heimisch sein. Denn in 120 Jahren, wie Schu­ster cs annimmt, bilbet sich keine Lokalform her­aus. Unb es ist meines Erachtens burdjaus nicht angängig, bie Ansichten ber alten, bewährten Mei­ster, wie bie bes als ein sorgfältig prüfenber For­scher bekannten Ornithologen Laubmann, kurzer- hanb abzutun.

^ebenfalls muß bie Einwanberung in Deutsch- lanb im allgemeinen, unb bas Auftauchen im hessi­schen Vogelsberg im besonberen eine ursächliche Veranlassung gehabt haben. Dennvon nichts kommt nichts", sagt ein alter Bauernspruch, unb bie Klimafrage scheibet, wie wir sahen, aus. Eine Antwort auf biese scheinbar schwierige Frage zu finben, ist nicht schwer. Vergegenwärtigen wir uns alles, was wir über ben Girlitz wissen, liegt sie klar auf ber Hanb: Wir müssen annehmen, baß er mit den Römern zusammen unb im Gefolge bes Obst- unb Weinbaues nach Deutschlanb gekommen ist. Es begann bie Wertschätzung bes Obstbaues. Da aber die Römer in ihren Romanisierungsversuchen auf Süddeutschland beschränkt blieben, und der von ihnen eingesührte Obstbau auch, so hatte der Girlitz keine Veranlassung, weiter nordwärts in ihm nicht zusagende Landschaftsformattonen einzuwandern. Man darf daher geneigt fein, bie Girlitzfrage von ökologischen Gesichtspunkten aus zu bewachten, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Girlitzoorkom- men unb Obst- bzw. Gartenbau anzunehmen unb bie Baumgärten als typisches Girlitzgelänbe zu be­zeichnen.

zu verhanbeln. deutet nicht ganz Darauf hin. Ehina ist unb bleibt bas Land der Ueberraschun- gen und des Bürgerkrieges, weil die Marschälle unb bie Exponenten fremde Geldgeber find. Diese Tatsache macht bi« Ungewißheit der jetzigen Verhältnisse erklärlich.

Brief vomGoldenenHorn.

Von Elfriede Grunwald.

Konstantinopel. Anfang Juni.

Roch immer steht Pera, das Fremdenviertel Konstantinopels unb einige entlegene Vororte im Zeichen des Osterfestes, das jetzt von den Griechen unb Armeniern begangen wirb. Der würzige Duft ber üblichen Osterkuchen bringt aus allen Bäckereien, unb jung wie alt trägt mit Stolz den schon lange vorberetteten Sommer­staat spazieren. Denn Pelz unb Wintermantel vor dem Auserstehungsfest abzulegen, auch ttenn die Frühlingssonne noch so glühende Strahlen zur Erde sendet, verbietet die gute Sitte. So­weit wäre alles beim alten. Rur die Feststim­mung fehft. Wer hätte auch gegenwärtig Anlaß zu lauter Lustbarkeit. Die Geschäfte gehen schlecht. Die Teuerung wächst, und die drückenden Steuern vermehren sich zusehends. Just am ersten Oster- tage wurde der gesamten Bevölkerung die Umsatz­steuer beschert, die in allen Kreisen Verwirrung und Entrüstung hervorruft. Sie besteht aus einer 2.5pro?entiaen Abgabe leibst des geringsten Kaufs unb der kleinsten Zahlung. Wit Ausnahme der vier monopolisierten Artikel Petroleum. Ta­bak. Streichhölzer unb unverarbeiteter Tabak finb bieser Steuer sämtliche Zahlungen und Ar- ttkel unterworfen. Sie soll sich sogar auf bie Leistungen ber Acrzte unb Advokaten erstrecken. Die Bestimmungen über ihre Hanbhabung können Weber Analphabeten noch Schriftgelehrte ent­ziffern. Man weiß nur. daß Verkäufer tote Käufer bei etwaiger Richtbefvlgung bestraft wer­den. Erhoben wird diese Steuer mittelst neu­geprägter SternpeImarken. bi' in ungenügender Zahl fertiggestellt finb. Bei ber Bezahlung wer­ben sie in zwei Teile geschnitten, von denen der eine Teil dem Käufer, der andere Teil dem Verkäufer als Beleg bei etwaiger polizeilicher Kontrolle dienen soll. Da die Marken aber, tote bereits erwähnt, sofort vergriffen sind, sollen die Verkäufer bie einbezogenen Beträge vor­läufig buchen imb allabendlich der Kontrolle vorlegen. Die Käufer baf en nichtsdestoweniger zu gewärtigen, daß sie sich auf dem Heimweg auf offener Straße ihre Pakete von WoTi.ieiorgonen nach jener ominösen Markenhälfte untersuchen lassen müssen. Die Käufer ihrerseits sträuben fick nun, die Prozente ohne jede Quittung zu zahlen. Sie haben ein mißtrauisches Gemüt, das ihnen zuflustert, ihr Geld könne in diesem Falle ganz anderen Zwecken zugute kommen, als dem Staat. Eine ganz unerwartete Wen­dung verwickelt die Sittiation aber noch mehr. Diejenigen Verkäufer, die ihres Zeichens An­alphabeten find, toeiaem sich aus Furcht vor der Polizei, ihre Waren zu verkaufen, weil sie in völliger Unklarheit darüber finb. waS eigentlich von ihnen gefordert wird. Denn in­zwischen hat die Behörde als Ausweg auS dem Dilemma. daS durch den Mangel an Stempel­marken noch vermehrt wurde, befttmmt, daß die Verkäufer alle im Laufe des Tages eingefom- menen Steuern buchen und allabendlich den zu- stehenden Personen zur Durchsicht vorlegen sollen. Wie aber können die Armen die ihnen über­gebenen Listen ausfüllen, da sie nicht schreiben formen? Zu aliebem kommt, daß es sich gar- nicht um eine 2.5prozentige Versteuerung aller Waren handelt, sondern oft um eine, durch den Kettenhandel verursachte 15- bis 20prvzentige, die unter Umständen ins Ungemefsene wachsen kann. Wird nicht bald Abhilfe geschaffen, dann kann der Sturm, der sich im Waf'erglase er­hoben hat, sich als Orkan weit über dessen Rand erheben.

Und da wir gerade bei ber neuen Gesetz­gebung sind, sei gleich bemerkt, daß die Ein- und Zivilehe noch nicht gesetzliche Kraft erlangt hat, wie im Auslande irrtümlich angenommen wird. Dieses Gesetz wird erst beraten und stu­diert, soll aber, so Gott will, spätestens im Herbst in Anwendung kommen. Bis dahin beeilt sich ein Jeder, dem es trotz der schlechten Zeiten

Und wie ist es nun im Vogelsberg?Im Vogelsberg ist es dreioiertel Jahr Winter und ein- viertel Jahr kalt", sagt ein Sprichwort aus der guten alten Zeit vom hessischen Sibirien. Heute stimmt das natürlich nicht mehr in des Bauern- spruches wörtlicher Bedeutung, und man könnte geneigt sein, doch an eine tatsächlich vollzogene Klimaänderung zu glauben. Aber sobald wir näher zusehen, entpuppt sich diese Annahme als ein Trug­schluß jener Gattung, die wir in der Logik mit der Sentenz post hoc propter hoc zu bezeichnen pflegen. Im Vogelsberg ist die Unbill des Klimas, die ja bestimmt stärker ist als bie des benachbarten Taunus, nicht bedingt durch die Verschiedenheit der geographischen Breiten, sondern lediglich und allein durch den Unterschied der Niederschlagsmengen in beiden Gebirgen. Nun hat aber der schwere Basalt- oerwitterungsboden des oberhessischen Bergkegels die Fähigkeit, gewaltige Wassermengen auszuspei- chern, ein Vorgang, durch den die Erwärmung des Bodens im Frühjahr um Wochen in die Länge ge­zogen und die Kälteerscheinung des ganzen Gebirges bedingt wird. Seitdem nun der Vogelsberg unter dem Zeichen ber Kulturbestrebungen steht, aus bem Ur- ein Kulturwald geworden ist, die Moore me­lioriert, die Heiden aufgeforftet, die Tristen zu Wie­sen, die Flüsse reguliert, die Aecker trainiert, große Wassermassen dem Boden entzogen wurden (die Hochwassererscheinungen der letzten Jahre im Nidda­tal sind eine Folge davon), kurz, als aus der Natur-Kultur eine Kultur-Natur wurde, mußte sich auch das Klima diesen durch den Eingriff des Men­schen heroorgerufenen Verhältnissen anpassen. In diesem Sinne kann man schließlich von Klima- änberung sprechen, nicht aber im Schusterschen Sinne, der sein Tertiärklimaproblem von der Sim- rothschen Pendulattonscheorie und der Reibischschen bzw. Neumayerschen Westenoerschiebungslehre her- leiiet. Seitdem man im Vogelsberg auch den Betrieb von Obstbaumkulturen eingerichtet hat und es ist nach den neuen hessischen Statistiken schon eine erstaunlich große Anpflanzung vorgenommen mor» den, selbst im Oberwaldgebiet war auch das typische Girlitzgelänbe geschaffen, und alle hier auf­geführten Gründe im Verein mögen seine Ein­wanderung in unser hessisches Berglanb veranlaßt haben.