Einzelbild herunterladen

Montag, 5. Mai 192(>

m. 102 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Erscheint täglich,außer Sonnlags und Feiertags. Beilagen:

Eteßener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

HonatuBeiugsprtts: 2 Reichsmark und 20 Rrtchspfennig für Träger, lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüss«: Schriftleitung 112, Ver­lag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Siehe«.

Postscheckkonto: Frankfurt am Main 11686.

GietzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Vrvck mid Verlag: vrühl'fche Univerfitä1§-Vuch- und Ztetndruckerei R. Lange in Giehen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchnlstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tage,nummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Breit« 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20° , mehr Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich ^Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyrioft für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Bor dem Generalstreik in England.

Seit bcm Morgen des 1. Mai ist in England der Streik der Kohlenarbeiter ver­kündet. Das ist also das Ergebnis von fast einjährigen Verhandlungen, die auch dem eng­lischen Staat und dem englischen Vationalver- mögen erhebliche Kosten verursacht haben. Denn soweit war man schon einmal am 1. August ver­gangenen Jahres, als die Regierung eingriff und den Dergwerksbesihern S u b s i d i e n zahlte, nur um den Lohnkamps mit seinen unübersehbaren Fol­gen zu vermeiden. Diese Frist von neun Monaten sollte dazu ausgenuht toedxm, um in Kom­missionsberatungen Mittel und Wege zu ft irden, die eine gewalsame Auseinandersehung zu ver­hindern imstande wären. Das ist nun doch nicht gelungen, weil die englischen Bergarbeiter eine Herabschraubung ihrer Löhne ablehnten. Ob frei­lich der Karnpf bis zum bitteren Errde ausge» svchten wird, ist zweifelhaft, die Stimmung auf Seiten der Arbeiter scheint nicht allzu sieges- aewih zu sein, und vielleicht hat die Regierung die Dinge nun erst einmal laufen gelassen, um nach wenigen Wochen mit neuen Vorschlägen zu kommen. Immerhin, eine alte Erfahrung lehrt, daß man wohl weih, wie derartige Kämpfe an­fangen, daß man aber nie weih, wann und wie sie enden, Tlnd schließlich kommt hinzu, daß der Kohlenbergbau nicht nur die Grundlage der eng­lischen Industrie, sondern man kann auch sagen, die Grundlage des englischen Reich­tums ist.

Weshalb sich die Verhältnisse im Bergbau so zugespitzt haben, daß die meisten Betriebe schon vor einem Jahr mit Verlust arbeiteten, darüber sind tiefsinnige Broschüren geschrieben worden. Auch der Bericht der Königlichen Koh­le n k o m m i s s i v n, der als Grundlage der neuen Vermittlungsversuche gelten sollte, geht diesen Zusammenhängen nach. Man braucht aber, um hinter das Geheimnis zu kommen, in der Volkswirtschaft gar nicht einmal so tief zu schür­fen. Dabei ist davon auszugehen, daß der Wert der englischen Kohlenproduktion fast fünf Mil­liarden Mark im Jahr beträgt. Ein Zwölftel der englischen Bevölkerung leben davon, ein Zehntel der gesamten englischen Ausfuhr besteht aus Kohlen, die zudem die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen verbilligt, weil sie den Schiffen stets Rückfracht sicherte, Tlnd diese Industrie ist nun, brutal gesprochen, bankerott. Ihre Produk­tion ist, verglichen mit 1917, stark zur ück- gegangen, vor allem der Export hat eine Verminderung um zwanzig Millionen Tonnen erfahren. Darin liegt wohl das Entscheidende. Wenn es auch zum Teil richtig ist. daß die Kohle durch die Mobilmachung der Elektrizität überholt ist, so deutet doch dieser gewaltige Rück­gang des Exports auf andere Gründe. Richt allein, weil Deutschland zu arm geworden ist und heute nur di e Hälfte seines früheren Konsums aus England beziehen kann, sehr viel mehr macht es aus, daß Deutschland nach dem Versailler Vertrage zur Lieferung vonRe- parationskvhle verpflichtet ist; daß außer­dem aber die zerstörten Bergwerke Rord- frankreichs mit allen Mitteln modernster Technik neu aufgebaut sind und ihre Pro­duktion ganz erheblich steigern konnten, während gleichzeitig auch in England neue Koh­lens elder aufgeschlossen wurden.

Wenn die Folgen dieser wirtschaftlichen Ent­wicklungen erst so spät in die Erscheinung traten, dann ist das darauf zurückzuführen, daß die eng­lischen Kohlenbesitzer bisher Glück gehabt haben. 3m Jahre 1922 kam ihnen der Streik in den amerikanischen Gruben zu Hilfe und 1923 brachte ihnen die Abdrosselung des deutschen Ruhrgebietes eine Hochkonjunktur, die den Besitzern gewaltige Gewinne in den Schoß warf, den Arbeitern aber eine wesentliche Erhöhung ihrer Löhne. Es soll nicht vergessen werden soll auch von den deutschen Arbeitern nicht ver­gessen werden. daß die englischen Dergar-1 beiter sich gar nicht geniert hoben, trotz aller Phrasen von internationaler Solidarität aus derRuhrbesetzung ein gutes Geschäft auf Kosten der deutschen Arbeiter zu machen. Sie haben ihre lebten Kräfte ein­gesetzt, um die Produktion zu steigern und da­für um zehn Prozent höhere Löhne eingeheimst. Seit aber die Ruhr wieder frei war und Deutsch­land seinen eigenen Bedarf wieder deckte, aber auch wieder ausführen konnte, blieben die Eng­länder auf ihren Kohlen sitzen. Sie haben es nicht für nötig gehalten, ihre Betriebe zu mo­dernisieren, so daß heute ein großer Teil von ihnen mit Verlust arbeitet. Die staatlichen Subsidien konnten nur von vorübergehen­der Wirkung sein, weil der Staat solche Zu­schüsse dauernd nicht aufbringen kann, weil aber sonst auch die anderen Kohlenländer, wie Deutsch­land, zu Gegenmaßregeln ähnlicher Art gezwun­gen wären. Es gibt eben für die englische In­dustrie im Augenblick nur eine Hilfe, der Kohlen- arbeiter muh mehr arbeiten oder weniger Lohn bekomn-.en. Zumindest solange, bis der englische Bergbau sich reorganisiert hat durch Schließung unwirtschaftlicher Betriebe und technischer Mo­dernisierung der anderen. Das hat auch dis Königliche Kommission rundweg ausgesprochen. Die Arbeiter wollen sich aus begreiflichen Grün­den nicht dazu verstehen, ihre Lebenshaltung auch nur für eine gewisse Zeitspanne herunter­drücken zu lassen. Der Kampf ist also unvermeid­lich und wird erst zu Ende gehen, wenn das Begreifen der harten wirtschaftlichen Tatsache sich duvchgesetzt hat.

Der Streikbefchluß.

Conbon, 1. Mai. (2DIB.) 3n der Konferenz bet Vollzugsausschüsse bec 200 im Gewerkschafts­kongreß vereinigten Gewerkschaften erklärten sich bie Delegierten von einer Reihe von Gewerkschaften, bie insgesamt 3 653 527 Mitglieber vertreten, für ben Streik, bie Gewerkschaftsbelegierten von Ge­werkschaften, bie 45 911 Mit glieber vertreten, mach- ten Vorbehalte. Richt vertreten waren Gewerkschaf­ten, bie 319 000 Mitglieber vertreten. Rach ber offi­ziellen Erklärung bes Gewerkschaftskongresses wirb ber Streik am Dienstag zunächst in folgenben Be­trieben burchgeführt werben: 1, Verkehrs­wesen, einschließlich Eisenbahnen, Dampferver­kehr, Dodarheiter, Straßenverkehr und Lisenbahn- werkstätten. 2. Druckereien einschließlich Zei­tungen. 3. Eisen- unb Stahlindustrie. 4. Baugewerbe, ausgenommen Neubauten unb hospilalarbeilen. 5. nötigerweise soll bie L l e k- trizitäts- unb Gasversorgung einge­stellt werben. Die Rahrungsmittelversorgung, sowie bie öffentliche Hygiene, sowie bie Krankenpflege sollen unberührt bleiben. Die Gewerkschaften erbieten sich, bei ber gerechten Verteilung ber wich­tigsten Lebensrnittel burch eine freiwillige Organi­sation mitzuarbeiten. Die Regierung wirb ben hafenbehörben ben Befehl geben, bie Kohlen­ausfuhr ein 3 uff eilen.

Die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen.

Conbon, 3. Mai. 125 Uhr morgens. (2DIB.- Funkfpruch.) 21m Sonntagvormittag begaben sich Vertreter bes G e w e r k f ch a f t s k a n g r e f- fes zum Premierminister unb machten ihm neue Mitteilungen über ben Stanbpunkt ber Ge­werkschaften. Daran anschließenb trat ein ftabi- nettsrat zusammen, ber bis zum späten 21 b e n b anbauerte. Die Vertreter bes Gewerk- schaftskongrefses wurden nach Schluß ber Kabinetts­beratungen erneut von Balbroin empfan­gen. Die Minister verließen Downing-Street um 12.30 Uhr früh. Wie oerlaufet, ist kein Abkom­men erzielt worben. Der Minister bes Innern gab bekannt, obwohl bie verhanblungen noch fort­gesetzt würben, müsse sich bas Lanb auf dem Gene­ra I st r e i k für Montag nacht vorbereiten. Ls wer­ben weitere Maßnahmen zur Aufrechterhaltung ber Lebensmittelversorgung ergriffen. Die Regierung hat dem Ausschuß bes Gewerkschaftskongresses eine Entscheibung zugestellt, worin es heißt: Die Regierung glaubt, baß keine praktische Lösung ber Schwierigkeiten ber Kohleninbustrie für bie Betei­ligten erreichbar ist, wenn nicht ber Bericht ber Kohlenkommission aufrichtig ange­nommen wirb. Seit ber Erörterung zwischen ben Ministern unb bem Gewerkschaftsausschuß ist ber Regierung bekannt geworben, bah ausdrückliche An­weisungen ergangen sind, baß bie Gewerkschaften in mehreren ber wichtigsten 3nbuf(rien unb Dienst­zweigen am Dienstag in ben General- (freit treten sollen, sowie Handlungen vorge­nommen würben, bie einen schweren Eingriff in bie Freiheit ber Presse barstellen. (Es hanbelf sich um einen wilden Streik ber Drucker in berDaily Mail" ) Dies bebeufet eine f) e r - ausforberung ber konstitutionellen Rechte ber Freiheit ber Ration. Die Re­gierung muh baher, bevor sie bie Verhandlungen fortsetzen kann, von bem Gewerkschastsausschuh ver­langen. baß er die erwähnten Handlungen verurteilt unb sofort und unbedingt die Anweisungen zu einem Generalstreik xurütfiiehf. Der Generalrafdes Gewerkschaftskongresses be­klagt sich in seiner Antwort an den M i - n i ff erpräfibenfen barüber, daß seine auf­richtige Bemühung, eine ehrenhafte Regelung zu er­reichen, burch das unerhörte Ultimatum der Regierung zunichte gemacht worden ist. Der Vollzugsausschuß der Parlamentsmitglie- b e r ber Arbeiterpartei beschloß gestern abend, heute eine Debatte über bie Krisis zu verlangen, wenn bis zum Augenblick bes Parlamentsbeginns feine Regelung erfolgt ist. Eine Kundgebung des Generalrates des Gewerkschaftskongresses schiebt ben Grubenbesitzern unb der Regierung bie Schuld an ber ernsten Lage zu. Die Regierung habe es unter­lassen, irgendwelche annehmbaren Vorschläge zu machen, bie es den Arbeitern ermöglicht haften, ohne Beeinträchtigung ihrer Arbeitsbedingungen in ben Betrieben zu bleiben.

Verhängung des Ausnahmezustandes.

London. 2. Mai. (Wolff.) Der König hat wegen der Aussperrung im Kohlenbergbau den Ausnahmezustand proklamiert. Die Regierung hat. soeben die Verordnung erlassen, daß alle unter den Ausnahmezustand fallen* den Staatsbeamten Sonntag in ihren Dienst­ämtern zu erscheinen haben. Mehrere Truppenformationen sind nach den Kohlenrevieren von Südwales. Lanchestcr und Schottland zum Schuh der öffentlichen Sicherheit abgegangen. Das ganze Land ist in neun Dezirle eingeteilt worden, an deren Spitze je ein Zivilkommissar steht. Der Ge- neralpostmeister Sir Mitchell Thompson ist zum Regierungskommissar für ganz England ernannt worden. Man erwägt die Beschlagnahme von P ri v a t a u t o mo­bil e n. Die Regierung besitzt in dem Rot­standsgesetz aus dem Jahre 1920 außerordent­liche Vollmachten und kann im Wege der Ver­

ordnung Bestimmungen für die Versorgung der Oeffentlichkeit mit lebenswichtigen Dingen und für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ord­nung, sowie die Verteilung von Rahrungsmitteln. Wasser. Brennstoffen. Milch usw. treffen. Daraus ergibt sich, daß Konflikte mit der streikenden Arbeiterschaft faum zu vermeiden sein werden und

bie Absicht ber Streifenben geht offensichtlich barauf aus, Verkehrswesen unb Rah - rungsmlfleloerf orgung in ihre f) a n b zu bekommen.

London. 3. Mai. (WTB.) Der H y d e Park wird von Mitternacht ab für das Publikum geschlossen sein, da er von der Regierung im Falle eines großen Streiks als Dersor- gungsmittelpunkt benutzt werden wird. Die zehn Kommissare, die von der Regierung mit Vollmachten für die Gebiete von England und Wales versehen worden sind, um die Versorgung mit Lebensrnitteln und anderen Vorräten auf- rechtzuerhalten und die Rotstandsorganisationen leiten, sind auf ihren Posten eingetroffen.

Die O. M. S., die der deutschen Techni­schen Rothilfe ähnliche Organisation, steht bereit, am Monntag Mitternacht in Aktion zu treten. Sie wird sofort nach Ausbruch des Gene­ralstreiks der Regierung unterstellt. Es ist beabsichttgt, zu bestimmten Tagesstunden durch Rundfunk offizielle Rachrich­ten über die Lage herauszu geben. Anschläge an den Postbureaus und Rathäusern sollen die Bevölkerung fortgesetzt über neue Ereignisse unter­richten. Eine Regierungsverordnung, die am Sonntag veröffentlicht wurde, verbietet den An­kauf von Hausbrandkohle, wenn im Haushalt mehr als fünf Zentner Kohlen vorhanden sind. Auf Anordnung der Regierung müssen Stra­ßenbahnen und Omnibusse um 12 tthr nachts den Betrieb ein ft eilen. Der pri­vate Telephon - und Telegraphenver­kehr ist nach 11 Uhr untersagt.

Der Generalstreik unb bas Auslanb.

London, 3. Mai. (SU.) Die Wirkung der englischen Generalstreikerklärung auf das Aus­land wird in London mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, ganz besonders die Stimmen, die aus Deutschland kommen. Uebereinftimmenb wird daraus hingewiesen, daß man den englischen Streik in der deutschen Kohlenindustrie als einen außer­ordentlichen G l ü ck s f a l l bezeichnet und die Hoffnung hege, während des Streiks die deut­sche Kohlenausfuhr steigern zu können, die bisher unter dem Wettbewerb der durch die Subvention ermöglichten englischen Kohlenausfuhr sehr darniedergelegen habe.

Die Haltung der deutschen Bergarbeiter.

Berlin, 3. Mai. (WTB. Funkspruch.) Wie derVorwärts" aus Bochum berichtet, hat der britische Bergarbeiterverband am Samstag dem Verband der Bergarbeiter Deutschlands telegra­phisch von dem Ausstand im englischen Kohlen­bergbau benachrichtigt. Wie das Blatt wei­ter schreibt, wird die Haltung des Verbandes der Bergarbeiter Deutschlands zu diesem englischen Streik bestimmt durch die Brüsseler Entschließung des ExekutivauSschusses der Bergarbeiter-Inter- nationale, die nötigenfalls eine internatio*, nalc Hilfs aktion zu Gunsten der streikenden englischen Dergarbetter vorsieht. Dis Sonntag­abend lag beim Deutschen Bergarbeiterverband noch kein Antrag der in Frage kommenden Spitzenorganisationen über die Durchführung einer derartigen Hilfsaktion vor.

Die Stellung Moskaus.

Moskau, 3. Mai. (TU.) Das Doll» zugskomitee der Kommunistischen Internationale erklärt sich bereit, die Mittel zur Verfügung zu stellen, damit der Kampf für die Bergwerksarbeiter gewonnen werde. Es soll versucht werden, eine Konferenz der Gewerkschaften der zweiten und dritten Inter­nationale einzuberufen, um ein Komitee für die Unterstützung der englischen Dergarbetter zu bilden. Die Moskauer politischen Kreise beob­achten mit großer Freude den Kampf zwischen dem englischen Premierminister Daldwin und dem englischen Gewerkschaftsführer Eook. Man ist der Ansicht, daß die jetzige Lage Englands sehr viel Aehnlichkeit mit der Lage Rußlands im Jahre 1905 habe.

Schluß der vorbereitenden welttvirtschaftskonferenz.

Genf, 1. Mai. lWolff.) In der öffentlichen Schlußsitzung der ersten Tagung des Dorberei­tungsausschusses für die internationale Wirt­schaftskonseren werden die von den Vorsitzenden der Unterausschüsse vorgelegien Derichte einstim­mig angcnonmwu Sie geben genau skizzierte Auf­stellung über die einzelnen Materien, die zunächst das Arbeitsprogramm des Vorbereitungsaus­schusses darstellen, und aus denen in der nächsten Tagen das Arbeitsprogramm der Welt- wirtschastskonferenz hervorgehen folL *

Der Sinn des Berliner Vertrages

Eine Rundfunkrede des Reichsansrcn

Ministers.

'Berlin, 2. Mai. (WTB.) Reichsminister Dr Stresemann sprach Samstag abend im Rundfunk über den deutsch-russischen 'Vertrag. Er führte fol gendes aus: Der Abschluß des Berliner Vertrags zwischen dem Deutschen Reich und Rußland hat die Weltöffentlichkeit stark berührt. An sich lag dazu keinerlei Veranlassung vor. Es ist der Abschluß eines Vertrages zwischen zwei großen Machten und aus- gebaut auf der Absicht, Frieden und Freundschaft zu bewahren und sich fern zu halten von der Unterstützung dritter Mächte. Der Ber trag ist weder eine Selbstverständlichkeit noch eine Sensation. Zwischen Rußland und Deutschland be steht jine jahrhundertelange Freundschaft. Die bei den Staaten und vor dem Preußen und Ruß land haben feit der Zeit Friedrichs des Großen bis zum Weltkrieg die Waffen nicht gegeneinander gekehrt. Sie waren wirtschaft l i di aufeinander angewiesen, ja sie bil­deten einen ergänzenden Teil der europäischen Volkswirtschaft. Wir konnten damals nicht leben ohne die russischen Agrarprodukte, Rußland nicht ohne unsere Industrie. Die Erhaltung des Friedens und der Freundschaft mit Rußland mar Bismarcks Politik. Der Bruch dieser Tradition durch Rußland seit den Zeiten altslawischer Einstellung wurde von uns stark empfunden. Durch den Vertrag von R a - p u 11 o erklärten Deutschland unb Rußland trotz des Weltkrieges und feiner Erschütterungen, daß sie wieder die Grundlagen guter B e Ziehungen zueinander einnehmen wollen. Darin zeigt sich, wie stark die Tradikion bie- fer Beziehungen war gegenüber allem, was ihr gegenüberstand. Sie war auch stark gegenüber den innenpolitischen Umwälzungen in Rußland, die zu einer Staatsgewalt und Staatsordnung führten, die der unserigen völlig entgegengesetzt ist.

Sollten die Ideen dieser Staatsordnung auf unser Land übergreifen, würden sie stärkste Be­kämpfung durch bie Regierungsgewalt erfahren. Das aber hat nichts zu tun mit dem Verhältnis der Staaten zueinander.

Wir haben früher gesehen, wie falsch es war, wenn ein Staat glaubt, dazu berufen zu fein, seine eigenen Gedanken über Staatsordnung und Kultur anderen aufzuzwingen. Das republikanifch-bemokra- tifche Frankreich hat vor dem Weltkriege keinen Anstoß daran genommen, ein Bündnis mit dem zaristischen und absolutistischen Rußland zu schließen, so wenig beide Staatsordnungen miteinander über- einstimmten. Die französische Haltung war vom Standpunkt der französischen eigenen Interessen be­stimmt. Ebenso wenig kann aber das heutige Deutschland etwa deswegen getadelt werden, weil es mit Sowjetrußland gute wirtschaftliche unb poli­tische Beziehungen schaffen will.

Um ben Berliner Vertrag zu biskredttieren, munfelten einige Leute von geheimen Ab­kommen, die mit ihm verbunden feien. Das war früher Unsinn unb ist jetzt Unsinn. Man fragt, warum ber Rapasiovertrag als Grund- lage für ben Berliner Vertrag genannt sei. Es fei eine zu schmale Basis für einen Ver­trag von ber Bedeutung unb Ausdehnung wie ber Berliner. Run, für uns war ber Rapallo­vertrag bebeutfam, weil Rußlanb ausschieb aus bem Kreise ber ßänber, bie Forderungen aus bem Kriege her gegen uns geltend machten. Im übrigen sind Verträge wichtiger durch den Geist, in bem sie abgeschlossen werben, als burch ben Wortlaut.

Rapallo war ber Sinn freundschaftlichen Reben- einanberlebens beiber Rationen in einer Zeil, in der Deutschland von anderen forlgeseht unter­drückt wurde.

Die deutsche Politik ging eine bestimmte Linie. Eie hat das Ziel verfolgt, aus ber Gewalt des Vertrages von Versailles herauszukommen zu einem Rebeneinanderleben mit ben Mächten bes Vertrages von Versailles. Sie hat versucht, bie Verständigung mit bieten Mächten auf bem Wege des Friedens unb auf bem möglichen spä­terer Freundschaft statt auf dem Wege neuer Gewalt und ber Revanche herbeizusühiLn. Des­halb hat bie beutsche Regierung jene Politik ge­führt, bie vom Ruhreinbruch unb der Sanktions­politik zu bet Londoner Konlerenz, zum Dawes- abkommen unb zu Locarno führte.

Rußland hat feinerzett diese deutsche Politik mit Mißtrauen angesehen. So ungerecht wie dieses Mißtrauen war, so ungerecht sind heute die Aufhetzungen der öffentlichen Meinung. Lo­carno und der Berliner Vertrag sind nicht Ge­gensätze, sondern gehören zusammen. Beide zu­sammen aber geben auch Europa die Gewähr friedlicher Entwicklung.

Locarno war die Ersetzung der Methode Pvincares durch die Methode friedlicher Ver­ständigung, war insbesondere der Verzicht auf Kampf zwischen Frankreich und Deutschland. Sein Sinn war. durch diesen Verzicht auf den Kampf den Frieden am Rhein zu schaffen. Der Weg der nach Locarno führt, war richttg und kann in ber Zukunft zu bedeutsamen Ent­scheidungen führen, die namentlich für das Zu­sammenleben mit unseren frcu^ösischen Rckchbarn von großer Bedeutung für beide sein können. Der Berliner Vertrag stimmt mit den Satzungen des Döllerbundes unb dem Locarnovertrag durch­aus überein. Wir bedurften diesbezüglich keiner Gewißheit von außen. Das Auswärtige Amt und feine juristischen Sachwalter sind selbst in der Lage, zu entscheiden. Man mußte schon zu I Fälschungen des Textes greifen, um einen anderen Eindruck hervorzurufen, ober man | mußte sich auf den Standpunkt stellen, bafi