Ausgabe 
3.2.1926
 
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Nr. 28 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 5. Zedruar 1926

Für den Büchertisch.

Vorspiel und Fuge.

Das neue Buch des hessischen Dichters Albert f). Rausch, Borspiel und FugeLes Preludes" (160 S., Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, Berlin und Leipzig 1925), zählt zu den stärksten literari­schen Impressionen, die uns in der letzten Zeit be- ichert wurden. Was sich in diesen Blättern auftut, ist das Tagebuch einer Äugend, rückschauend gesehen non der Mittagshöhe des Lebens und der gereiften Erkenntnis, ist der Entwicklungsroman eines Men­schen in den ersten Ansängen erwachter Bewußtheit und erwachenden Lebensgefühls, ist Aufzeichnung der bedeutsamen Begegnungen, Einflüsse, Wande­rungen und Wandlungen eines namenlosen Ichs, das im Mittelpunkt des Werkes steht. Eine Schilde­rung von überraschender und bezwingender Un­mittelbarkeit und Erlebnisstärke, übervoll von per­sönlichstem Bekenntnis. Gerade in seinem schranken- losen^Ändividualismus liegt der ganze Zauber des Buches beschlossen, das sublime Erinnerungen wachruft (Tod in Venedig",Demian",Gänse­männchen", um nur einiges anzuziehen), und das dennoch ganz eigenwertig und selbstgewachsen vor uns liegt, nie (literarisch) abhängig oder beeinflußt erscheint. Schon die äußere Haltung des Romans wenn man das Ganze so nennen darf spricht da­für, die aristokratische Gebärde und gepflegte Kul­tur eines Stils, der überall so intensiv, so aus­strahlend und aussagend ist, wie die Sinne dieses Menschen wach und aufnahmebereit sein müssen. Man steht bewundernd und reinem Genuß hinge­geben vor solcher Sprachform, die nicht eine tote oder leerlaufende Stelle finden läßt; man ist gefan­gen und entzückt von der prunkenden Fülle, von der Farbigkeit und Wärme, der Leuchtkraft und pla­stischen Bildlichkeit stilistischer Prägung, die dennoch nie ins Uferlose fällt und eine oft rätselhafte Sach­lichkeit bewahrt. _

Es würde zwecklos sein, vom Tatsächlichen, von Begebnissen undHandlung" in diesem Buche mehr zu sagen als in knappster und allgemeinster Andeu­tung gegeben wurde: man muß das Ganze Schilderung, Geschehnis, Bekenntnis selbst lesen und in sich klingen lassen, man muß sein inneres Gesicht Leidenschaft, Abschied und Läuterung in sich aufnehmen, ihm Nachdenken und nachtasten. Mit zusammengedrängter Wiedergabe würde man dem, wozu man einladen will, kaum dienen; gerade das Feinste und Wesenvollste würde leiden unter solcher Vermittlung aus zweiter Hand . . . Auch ist das Tatsächliche, gleichsam mit Händen Greifbare, nicht das Bestimmende. Sondern um aus der Vielheit Weniges mit Namen zu nennen: etwa dieses seltsam unverbrauchte, wache und hin­gebungsvolle Verhältnis zur Natur, die blendende, lockende, glitzernde, unendlich vielfarbige Gestal­tung des äußeren Rahmens, der in solchen Büchern, wie diesem, sicherlich mehr als nur Staffage und Einkleidung bedeutet; ober der feine Reiz, den schweren, betäubenden Duft und die schwebende, ein- hüllende Wärme südlicher Landschaft zu spüren, die tiefes Erlebnis und heißes Heimweh schafft. Alles in diesem Buche ist sommerlich, müde und still, gelöst und gelassen; es liest sich, wie wenn es hinter ge­schlossenen Fensterläden in einem dämmerigen Raum geschrieben wäre. Und man begreift, mitten im deutschen Winter, die große Sehnsucht, die den ganz verwandelt Heimgekehrten wie ein Fieber be­fällt, als ihn der Zauberruf aus dem Süden er­reicht in dem wundervollenGesang an Granada".

Oder ein anderes: das wechselreiche Hin und Wieder im Spiel der Gestalten, ihr Begegnen, Be­rühren, Entgleiten und Verschwinden, die Anmut ihrer Bewegungen und das Vielerlei der Beziehun­gen untereinander; der Rhythmus der nahen und fernen Stimmen in Moll und Dur, die die innere Musikalität des Buches ausmachen und seine äußere Einkleidung rechtfertigen, und die ganz zuletzt sich zusammenschließen und anschwellen zu der GrundmelodieLes Preludes". Hier rundet sich das Ganze und kehrt, in sich geschlossen, zum Ausgang zurück. Das Vorspiel ist beendet. Aber seine Melo­die wird die Wanderjahre kommenden Lebens be­gleiten . . .

Der kleine Brockhaus einst und jetzt.

Vor 20 Jahren erschien, zum ersten Male neu­gestaltet, der Kleine Brockhaus in zwei Bänden, und diese Ausgabe befindet sich in Hunderttausenden von Händen. Heute bringt der bekannte Weltverlag ein Handbuch des WissensDer kleine Brockhaus" in einem Bande. Es ist reizvoll, einmal flüchtig zu betrachten, welchen Ausdruck die Wandlungen der Zeit in diesem Übersichtlichen Sammelwerke hervor­gebracht hoben, und wie dieser Spiegel die Um­wertung der Werte, die sich in dieser Zeitspanne vollzog, zusammenfaßt zu einem geschlossenen Bilde.

Schon äußerlich betrachtet, ist der neue eine Band viel reicher als die zwei Bände von 1906. Dies gilt vor allem von der Illustrierung, Damals waren auf den etwa 2000 Seiten rund 2000 Text­bilder untergebracht, die neue Ausgabe hat dagegen auf 800 Seiten 6000 Abbildungen; ähnlich liegt es auch mit den bunten Tafeln, den Karten und Ta­bellen. Und man muß sagen, gerade der überaus reiche Bildschmuck macht das Werk wertvoll und gibt zugleich die Möglichkeit, kürzer zu sein. Die längste Beschreibung leistet nicht soviel wie eine einfache, richtige Zeichnung, und was sich darftellen läßt, ist diesmal dargestellt worden. Neuartig sind auch die in Kreisform angeordneten Tabellen, die außerordentlich übersichtlich wirken. Eine kurze Probe, die alle beim Studium, im Geschäftsleben, im täglichen Wirken, bei Spiel und Sport zufällig auftretenden Fragen einmal im neuenKleinen Brockhaus" nachsieht, wird verwundert sein lassen über die erstaunliche Vielseitigkeit des Werkes, ganz besonders aber hat in diesem Buche jeder Besitzer älterer Nachschlagwerke größeren Umfangs einen wirklich wertvollen Nachtrag, der bis zum Sommer 1925 jede statistische, wirtschaftliche und politische Veränderung notiert, von jeder geistigen Bewegung kurz Nachricht gibt.

Und deshalb ist der Ueberblick über das Einst und Heute so interessant. Im Politischen natürlich vor allem, wenn uns als Deutsche dabei aud) tiefe Trauer befällt. 1906 Deutschland in Glanz und Glo­rie, und fjeute: große Textbeilagen unterrichten über unsere Verluste, über den Schandfrieden von Ver­sailles, über die wirtschaftlichen Zerstörungen, die Krieg und Nachkriegszeit heroorgebracht haben. Aber wer näher zusieht, findet auch Trost, wenn

An solchen Stellen, die mit Worten schwerer zu fassen sind, als das Sachlich-Gegenständliche, ent­hüllt sich Reife und Tiefe, geistiges Ausmaß und bleibender Wert des neuen Werkes, dem die Verse Rilkes aus demBuch der Bilder" vorangestellt werden könnten:

Das ist der Sinn von allem, was einst war, Daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, Daß es zu unserem Wesen wiederkehre, In uns verwoben tief und wunderbar. -y- A. 5. M. Hutchinson.

Ein neuer Erzähler von internationaler Bedeutung. Don Alexander v. Gleichen-Rußwurm.

Ehebücher tauchen überall auf und finden weite Verbreitung (ich weiß es, denn ich habe selbst eines geschrieben), und dieSchule der Weisheit" hat ein ganzes Aufgebot von Gelehrten und Damen gebracht, um sie über die Ehe ein theoretisches Kom­pendium aufstellen zu lassen. Aber das Problem, wie es der veränderten Welt unserer Tage sich ent­hüllt, kann nur der Dichter in ganzer Tiefe fassen. Ich habe es niemals als modernes Problem notürlid) so erschütternd in seiner Wirkung er­lebt, als in A. S. M, Hutchinsons Roman*) Das Gartenbau s". Nicht umsonst wußten Zeiten, in denen die Literatur eine führende Nolle im Leben der Völker spielte, ihre Probleme in lebendigen Dichtergestalten zum Ausdruck zu brin­gen und zeigten an Individuen, was ins Allgemeine zu wirken hat. In diesem Sinne scheue ich nicht davor zurück, Hutchinson als den bedeutendsten un­ter den ernsten Erzählern der Gegenwart zu be­zeichnen, denn er ist Dichter und Beobachter, Philo­soph und Politiker in jener höheren Auffassung, die nicht als Parteiangelegenheit, sondern als mensch­liche Fragen die ungelösten Rätsel der Zeit vor sich steht. ImKartenhaus" stehen sich zwei vollwertige Menschen gegenüber, ein erfolgreicher Rechtsanwalt und eine Frau, die sich erfolgreich in einem großen geschäftlichen Unternehmen an leitender Stelle be­währt. Beide haben sich aus Liebe unterWahrung ihrer persönlichen Freiheit" geheiratet, lieben sich innig und scheitern an dem Problem, welches von beiden den Beruf, das ist das ureigene Leben, opfern muß, um dem Haus und vor allem der Kin­dererziehung vorzustehen. Die Kinder wachsen näm­lich, von bezahlten Kräften hygienisch und pädago­gisch nad) modernsten Grundsätzen betreut, den Eltern entfremdet auf, zeigen sich unzugänglich und geraten, da keines bet Eltern das Opfer des Hauses zu bringen gewillt war, in eine Reihe erschütternder Katastrophen . .. Das Problem ist ungelöst auf dem modernen Wege der Freiheit, es läßt sich nur bezwin­gen, wenn jedes Individuum die Tradition in sich aufnimmt, denn sie allein hat sich natürAbebenat anerkennt und aufnimmt, denn sie allein hat sich natürlich entwickelt, und alles andere muß trotz Ehe- büchern, Theorien und Deklamationen Utopien blei­ben. Die Natur ist im Kinde repräsentiert, und das Kind verlangt Opfer, die im Geschlecht begründet sind. Hutchinsons Roman ist groß angelegt, span­nend und frei von jenen erotischen oder sensatio­nellen Mätzchen, deren sich Autoren zweiten Ranges bedienen.

Was gibt dem englischen Roman, wenn er von einem Autor wie Hutchinson geschrieben ist, jene Ueberlegenheit, die ihn international macht, obwohl er sich durchaus englisch gibt in Charakteren, Sit­ten, Weltanschauung? Ebenso wie dasKarten­haus" ist auchWenn der Winter kommt" in jedem Satz Darstellung speziell englischer Verhältnisse und allem Kontinentalen durchaus fremd, soweit es das Aeußerliche betrifft. Aber das allgemein Menschliche, eine große, verstehende Liebe gibt Hutchinsons Wer­ken die Seele, die über das Nationale hinausweist, gerade weil es aufrichtig ist und dem Menschheits­problem, das in den Gestalten liegt, auch in der Ferne das Interesse sichert.Wenn der Winter kommt" zeigt die Wirkung des Krieges auf die eng-

*) Hutchinsons RomaneD a s Karten­haus" undWenn der Winter kommt" sind in meisterhaften Uebersetzungen im Drei-Mas- ken-Verlag, München, erschienen.

er sich dem Wirtschaftlichen zuwendet, da ist überall Arbeit mit zusammengebissenen Kiefern zu spüren, da sind der Güterverkehr, der Seeverkehr, Ernte­erträge, seit 1920 wieder in gutem Aufschwung, die Neubauten der Handelsflotte sind sogar verblüf­fend. UeberaU empfindet man, an Hand der sicheren Statistik, Aufbau, Zurechtfinden, Organisation, und wenn die TextbeilagenSteuern" undVersailles" nicht wären, könnte man sogar recht getrost sein.

Entsprechend der Wendung, die uns der ver­lorene Krieg brachte, sind die Veränderungen gegen einst besonders deutlich bei Dingen der Wissen­schaft, Kunst und Geistigkeit. Die Notwendigkeit, nur Tüchtigste in den Lebenskampf zu schicken, hat das Interesse an der Eugenie, wie man mit einem Fremdwort diese Bestrebungen nennt, hervorge­bracht, Tafeln sehr interessanter Art über Ver­erbung, Rassenkunde, Leibesübungen und über den Menschen überhaupt sind eingefügt. Technik und Wissenschaft sind viel reicher bedacht, viele Dinge, wie Heimstättenbewegung haben vorzügliche Tafeln erhalten. Und die Kunst ist nicht nur aus den etwas veralteten Bahnen früherer Zeit befreit, so daß Malerei, Baukunst und Kunstgewerbe in wirklich einwandfreien Mustern abgebildet sind, auch die neuesten Wendungen sind berücksichtigt, neben van Gagh, Brücke von Arles, findet sich Noldes infantile Vertreibung aus dem Paradiese, neben Rodin, Klinger und Barlach Archipenkos steinernes Frage­zeichen. Und so überall, so daß der Benutzer des Werkes im Bilde bleibt.

Ein Buch für jeden, der arbeitet, für jeden, der sich bilden will, durd; seine Kürze wertvoll, ein Buch, in dem aber auch abends am Familientisch geblättert werden Fann, so daß unmerklich und zwanglos reichste Belehrung empfangen wird. 0 Dr. v. 231.

Das neue hessische Lesebuch.

Hessisches Lesebuch, Neubearbeitung 1925" im Verlag von Emil Noch. Gießen. Der un­glückliche Ausgang des Weltkrieges mit dem Po­litischen, sittlichen und wirtschaftlichen Zusam­menbruch unseres Volkes stellt die hohe Ausgabe an die Schule, mitzuhelsen in ganz besonderem Maße an dem Wiederaufbau unseres Vater­landes. Die hessischen Lehrpläne stellen des­halb als Ziel der Schule die Erziehung der äu­gend zu religiös-sittlicher Dildung, zu staats-

U|d)e Gesellschaft an einzelnen Beispielen, ohne bil­ligen Haß nur in seiner Wirkung aufs Leben. Daran kann man lernen, wie Hutchinson seinen Kulminationspunkt vorbereitet, wie er die Kata­strophe herbeiführt und ihren schrillen Lärm sanft ausklingen läßt. Trotz aller Breite englische Ro­mane sind gern bereit, wenn auch nicht in dem Maße, wie es deutsche und französische Mode­romane übernommen haben ist der Aufbau wie die gesamte Technik der Hutchinsanschen Bücher vor­züglich. Ader seine Technik wirkt nie aufdringlich, immer selbstverständlich, er steht darüber, weil er über seinen Problemen steht, er kämpft nicht für irgend etwas, er schildert es, und durch die 2lrt, wie er es schildert, gelingt es ihm, die Meinung des Lesers in seinem Sinne zu lenken. Das war immer Zweck und Fall bei den großen Romanen, die über das rein Erzählende in politisches, philosophisches, pädagogisches, religiöses Gebiet Übergriffen und da­durch oft kulturhistorische Bedeutung erlangten. Mich erinnert er an Dickens' feine Beobachtungs- gäbe und an Thackereys meisterhafte Formbeherr­schung, so red)t geeignet, jene zu erfreuen, die das gute Buch zum Lesen und Schenken dem Reinsensa­tionellen vorziehen.

Es wäre ein Verdienst, wenn bald die Samm­lung kleiner Geschichten, die Hutchinson unter dem NamenThe Eighth Wonder" in einen Band zu­sammenfügte, in deutscher Sprache herauskam ebenso wie sein früher geschriebener RomanThe. Happy Warrior", der noch des Uebersetzers harrt. In jedem der Hutchinson-Bücher ist irgendein 'Ab­schnitt, den man sich unvergeßlich merkt, etwas durchaus Großes und so scharf Gesehenes, daß es ein für allemal geprägt erscheint. Hutchinsons jüngster Roman geht auf religiöse Fragen ein, er heißt: One Increasing Purpose" und kommt dem mysti- fd)en Bedürfnis der Zeit entgegen. Weil uns das Leben nicht mehr befriedigt, drängen wir zur Mystik, im Uebernatürlichen jenen Frieden zu fin­den, den die Erde versagt. 'Auch hier Schilderung rein englischer Verhältnisse, aber eine international empfundene Sehnsucht, die auf Wege verwiesen wird, wie man sie überall gehen kann. Ich bin überzeugt, daß, wenn ein bedeutender Autor einen derartigen deutschen Roman schriebe, wie Hutchin­sons Romane englisd) sind, er auch den Weg ins Ausland machen würde ob seiner tiefen, im Grunde wohnenden Menschlichkeit. Diese Menschlichkeit gibt Hutchinson internationale Bedeutung.

Schöne Literatur.

Martin B u b e r. Sein Gang in die Wirklichkeit. Von Wilhelm Michel. 47 S. Litera­rische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M., 1926. Wilhelm Michel, vornehmlich bekannt ge­worden durch seine neueren Schriften, die sich mit Hölderlin beschäftigen, versucht in der vorliegenden, sd)malen Broschüre zum Wesensbilde der Erschei­nung Martin Bubers vorzustoßen, und den Men- schep und sein Werk in seiner beispielhaften Bedeu­tung für unsere Gegenwart zu erschließen. In einem eindringenden, auf das Wichtige und Zen­trale des gegebenen, geistigen Komplexes bedachten Stil geschrieben, gelangt der Essay zu einer über­raschenden Umfassung des Dargestellten. Wesent­licher als die Charakterisierung der vielleicht doch in ihren fundamentalen Beziehungen zur deutschen Gegenwart überschätzten Persönlichkeit ist die para­digmatische Formulierung der gedanklich-intuitiven Ausstrahlungen vom Weltbilde Bubers.Was ist es also, das Martin Buber, beispielhaft und bei­spielgebend,bedeutet"? Er bedeutet den Gang des Zeitalters in die Wirklichkeit." Im Postulat solcher Rückkehr zum Wirklichen, solchem Wege vom Wort zur Tat (als einer letzten Gipfelung alles Inner­lichen, jeder Mystik und jeden Kultes), findet sich ein liebenswertes Bekenntnis zur wahrhaften, überdog- matifdjen, allgemeinmenschlichenReligion" im ursprünglichen Wortsinn zu einer Bindung des Menschen an die Welt und einem Gottesdienst von so großer Einfachheit und Tatsächlichkeit, daß man sich in fast legendäre Zeiten zurückversetzt glaubt, wo die wirklich-unwirklichen Dinge dieses Buches zum Leben gehörten und Notwendigkeit waren. (872

bürgerlicher Gesinnung und zu Persönlicher Tüch­tigkeit im Geiste deutschen Volks- und Menschen­tums. Um unsere Heranwachsende Iugend zu wertvollen, tüchtigen Staatsbürgern zu erziehen, muh ein neuer Geist, der Geist einer arbetts- und zukunftssrohen Zeit in unsere Schule ein- ziehen, der Geist der Pflicht und der Arbeit, der Arbeit an sich und für das Ganze, für das Wohl des Vaterlandes.

Dem weitgesteckten, hohen Ziel der Erziehung müssen auch die Lehrbücher gerecht werden. Da­her haben sich hervorragende hessische Schul­männer zusammengesunden zur Herausgabe eines neuen hessischen Lesebuchs, im Verlag von Emil Roth in Gießen erschienen, ein wertvolles Werk, das sich ebenbürtig neben andere nach dem Kriege erschienene Lesebücher ft eilen kann. Das Werk erscheint in zwei Ausgaben, A und B. Die Ausgabe A für Stadtschulen, aus vier Vänden bestehend, ist jetzt abgeschlossen, während Ausgabe B für Landschulen sich noch im Druck befindet, aber bis zum Beginn des neuen Schul­jahres bestimmt erscheinen wird. Der letzte Band A 5.Die weite Welt" liegt uns vor (7.. und 8. Schuljahr). Der Leitgedanke des neuen Lesebuches ist dieser: Es will an seinem Teil dazu beitragen, das Heranwachsende Ge­schlecht in deutsches Geistesleben, in deuft<-)es Wesen einzuführen. Deutsches Land und deut­sches Leben sollen ihm lieb werden. Die Jugend soll zu deutschen Menschen herangebildet wer­den, zu Menschen, die in ihrem §uhlmi, Denken und Wollen von dem Bewußtsein ihres Deutsch­tums sich bestimmen lassen.

Aus dem Reiche dcr deutschen Dichtung wur­den im vorliegenden Band A 5®ic.5r^.'7 . vornehmlich nur solche Werke berücksichtigt, in denen das deutsche Empfinden den reinsten und schönsten Ausdruck findet. Das Volkslied und das volkstümliche Kunstlied nehmen einen breiten Raum ein. Der Befähigung und Steigung der jugendlichen Leser entsprechend wird den Valla^n unserer großen Dichter, wie Schiller, Goethe, Uhland und Bürger eine besonders liebevolle Behandlung zuteil. Auch die Pro^ ist durchaus im vaterländischen Sinne ausgew.hlt worden. Dem Mrchen. der Sage, dem Volksbuch, der Ec- zäblung. überhaupt jeder sprachlichen Aeußerung des Voltsbewuhtseins gönnt es einen breiten Raum Der jugendliche Leser wird durch die beut-

Heinrich Ruppel, Der dunkle Weg, Dal- laden, Heimatschollenverlag, 21. Bernecker, Melsun­gen. Diese Balladen atmen srische Unmittelbar- Feit des Empfindens. Gewollte Schlichtheit formt pcketische Charaktere, dramatisches Gefühl und bild­kräftiger Ausdruck verschmelzen zu klingender Ein­heit. Auch die technische Form der Balladen ist ein- wandsrei. In wogender Fülle umdrängen den Dich­ter die Stoffe, er kennt die Kunst der Konzentra­tion. Immer zeigt sich, daß aus einer religiösen Grundstimmung heraus bei Heinrich Ruppel das Physische zum Symbol des Geistigen wird. Man läßt die Balladen auf sich wirken und hat das Ge­fühl, daß sie eine neue Stufe auf dem Weg be­deuten, den der Dichter zur Höhe schreitet. Die Aus­stattung des Buches in ihrer Gediegenheit ist mustergültig. (53) A. B.

Roda Robas Roman. Mit Zeich­nungen von Andreas S z e n e s. (Drei-Masken- Verlag, München.) Roda Roda, ber weit­bekannte und vielverehrte Schriftsteller und Vor­tragskünstler, zeichnet in biefem Buche seinen Lebensgang. In seiner bekannten Art. reich durch- flochten mit golbcnent Humor, führt er uns zurück bis in seine Kinberjahre, ja wir erfahren sogar noch mancherlei Interessantes über seine Großeltern und seine Urgroßmutter. Es ist ein wechselvolles, kunterbuntes Leben, bas Roda Roda mit ungenierter Offenherzigkeit ba vor dem Leser ausbreitet. Man liest das Buch mit seltener Spannung, unb ist erfreut, den Mann mit ber bekannten roten Weste burch diese Zeilen auch in seinem persönlichsten und liebenswerten Menschentum kennen zu lernen. Er kommt seinen Freunden dadurch noch näher als am Vortrags­pult, wo er ja stets mit bestem Erfolg seine! prickelnde Eigenart zur Geltung bringt. Dieses Buch wird ber großen Roda Roda-Gemeinde eine wertvolle Gabe sein. 708

Das Martyrium des Dicken. Roman von Henri Beraub. (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin). Der Autor schildert in fesselnder Art das Lebensschicksal eines Dicken. Köstlich sind die Situationen, die Böraud auf­zeichnet. Die Handlung ist von großer Lebendig­keit und höchst wechselvoll sind die Bilder, in bereu Mittelpunkt der unglückselige Dicke und natürlich eine Frau stehen. Die geistvolle Art des Erzählers, seine vortreffliche Gestaltungskraft in der Kleinmalerei bet Lebensschicksale ber Per­sönlichkeiten dieses Romans unb der Zauber ber lanbschaftlichen Umgebung, in ber die Hand­lung sich abspielt, nehmen den Leser des Buches in hohem Maße gefangen. 837

Leuchtende Gipfel. Roman von Rudolf Haas. Verlag Staackmann, Leipzig 1925. Geh. 3 Mk., geb. 5 Mk. Ein Buch, das etwas von ber klaren und reinen Dergluft in unsere dumpfe Stube bringt unb von Menschen erzählt, bie mit ihren Bergen verwachsen sinb burch ihre leidenschaftliche Liebe zu den hohen Gipfeln und ihre große Menschenfehnsucht nach dem Licht. Höhenmenschen, deren gewaltigster Ernst Fernau, ein starker Geist in einem starken Körper, den Mittelpunkt der Handlung bildet. Seine Tat- unb Willenskraft läßt ihn nicht nur die hohen Gipfel bezwingen, sondern stellt ihn auch im Lebenskampf in die vordersten Reihen. Selten finden wir die erhabene Schönheit der Bergwelt so innerlich erlebt, so tief empfunden und so meisterhaft ge­staltet wie in diesem letzten Werk des bekannten: österreichischen Dichters. Es ist ein Buch für alle, denenBergsteigen" Gottesdienst ist, Höhen­kult Heimkehr zu den heiligen reinen Quellen alles Seins. 878

Gustav Schröer: Kinderland. Erzählungen und Skizzen aus dem Kinberleben. Mit einem Rachwort von Walbemar Mühlner. (Verlag Philipp Reclam, Leipzig. Heft 40 Pf.. Band 80 Pf.) Gustav Schröer eroberte infolge der Schlichtheit und Gemütstiefe, mit der er das Leben des deutschen Bauerntums wiedergab, schnell die Herzen der Leser. Unter seinen kleinen Erzählungen tragen die feinen Skizzen von Kind unb Kindesart eine eigene Rote. Kinderwelt mit

sche Landschaft unb die deutsche Heimat, in^Dorf unb Stabt geführt, wo er den deutschen Menschen in Sorge unb Arbeit, in Wirtschaft und Kunst, in Denken unb Fühlen schaut. Die deutsche Heimat­flur und Landschaft erscheint in Dichtung und Prosa. Wan sieht die Stände des Volkes bei der Alltagsarbeit, den jungen Lehrling am ersten Tage feiner Lehrzeit, den Bauer hinter dem Pfluge, den Schmied in feiner Werkstatt. Der Sieg der deutschen Technik über die ber Welt wird durch den Flug von Z.R. 3 nach Amerika dem interessierten Auge ber Jugend bargestellt. Stim­mungsvolle Auslähe und Gebichte führen die Jugend in die Welt ber deutschen Kunst, in der sich die Seele unseres deutschen Volkes am reinsten äußert. Das Lesebuch zeigt uns ferner den Men­schen im Verhältnis zu seinem Mitmenschen und sucht in ber jugenblichen deutschen Seele staats­bürgerliches Bewußtsein unb Pflichtgefühl zu todden. indem es machtvolle Gestalten ber deut­schen Geschichte unb Sage besonders hervorhebt. Auch dem Auslanddeutschtum wendet es seine volle Aufmerksamkeit zu und widmet ihm nicht weniger als 10 Lesestücke, in denen die schweren Kämpfe deutscher Helden jenseits ber Grenzen unseres Vaterlandes in Vergangenheit unb Ge­genwart verherrlicht werben.

Reben dem mannigfadien Stoffinhalt wird auch der reiche Bilberschmuck dazu beitragen, das Lesebuch dem Schüler nicht nur zu einem lieben Freunde zu machen, sondern es wirb auch mit- helfen. den Sinn zu fruchtbarer Kunstbettachtung zu wecken unb ben künstlerischen Geschmack zu fördern. . _r ,

Dem Cesamtwerk ist am Schlüsse ein Anhang zugesügt,Was sollen wir lesen?" überschrieben. Hier werden wertvolle Bücher dem Schüler zum Lesen empfohlen unb ben Eltern Gelegenheit ge­boten, ihre Kinder vor der Schundliteratur zu be­wahren unb ihnen einen guten Lesestoff zuzusüh- ren. Als Gesamturteil bleibt übrig, daß es sich hier um ein ganz bedeutendes unb hervorragendes auch drucktechnisch anerkennenswert sorgfältig durchgesührtes Lesebuchwerk handelt, das nocy baxu den Vorzug Hst, in allen seinen Tellen ck Bet^ben der hessischen Wirtschaft hergestellt zu sein und dessen Einführung man auf das wärmste empfehlen kann.

Studienrat Obermann. \