Ausgabe 
2.12.1926
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 282 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, 2. Dezember 1926

Ein Notschrei

In einer von Damen und Herren sehr gut besuchten Versammlung im Kath. Dercinshaus erhob gestern nachmittag die Rentnerfchast Gießens einen eindr ucksvollen Not- schrei nach einer gerechten und würdigen Be­handlung ihres berechtigten Bersorgungsan- spruchs durch Reich, Länder und Gemeinden. Hier erhoben Mitbürger, die zu den wertvollsten Kräs- len des Volkes rehören, die chm die besten Stützen waren, ihre Stimme zum Protest, der nicht etwa ohne zusriedenstellendes Ergebnis in den Akten irgendeiner Behörde enden darf. Diesen Man­nern und Frauen, die in gläubigstem Vertrauen ihr gesamtes Besitztum, oder doch den allergrößten Teil davon, dem Vaterland und der Heimat­stadt zur Dersügung stellten und f^ute so schmäh­lich geschädigt dastchen, muh anders und weit besser als bisher geholfen werden. Das ist eine Ehrenpslicht der Allgemeinheit, der sich diese nicht entziehen dars! Hosfentlich kommt die geforderte Wendung zum Bessern recht bald, damit die mei­sten dieser bedauernswerten alten Leute auch noch etwas davon haben!

In Der Versammlung vermißten wir die Ver­treter der staatlichen und städtischen Behörden, die sich den gesprochenen und den stummen Pro­test durch das ergreisende Mienenspiel der s-chwer Geschädigten hatten anhören und ansehen müssen, um dadurch zu einer anderen Einstellung der mahgebenden Kreise mit zu verhelfen. Wir vermißten auch eine gebührende Vertretung der Stadtverordneten-Versammlung, die doch nicht gleichgültig an dem Schicksal dieser von der In- flallonswelle niedergeworsenen Bürgerkreise vor- übergehen kann und dars, außer dem Stadtver­ordneten, Kreisschulrat Fischer bemerkten wir niemand von den Erwählten der Bürgerschast. Dies? Feststellung machen wir mit großem Be­dauern.

Der Vorsitzende Der Gießener Ortsgruppe des Aentnerbundes,, Herr Schmidt, wies in seiner

Protestansprache

einleitend daraus hin, daß am gleichen Tage im ganzen Deutschem Reiche die Rentner ihre Stimme zum Protest gegen die bisherige Be­handlung ihrer berechtigten Ansprüche erheben. Er sagte dann u. a. weiter:

Diese Kundgebung soll in alle Welt, in das ganze Reich, in alle Länder und Gemeinden, in alle Ohren der Behörden bringen, sie soll in die Ohren des Neichswirtschasts-, Wohlfahrts, und Finanzministe­riums geschrien werden daß dos geprellte und be­trogene, um seine Existenz gebrachte Rentnerwm sein Recht verlangt und daß es nicht eher ruhen und rasten wird, bis ihm Gerechtigkeit widersahren ist. Wir verlangen, wie jeder Bürger eines Rechts- staates es verlangen kann, daß unsere Lache nach dem in Deutschland geltenden Bürgerlichen Gesetz­buch behandelt und entschieden wird. Wir verlangen eine individuelle Aufwertung nach Recht und Bil­ligkeit, d. h. daß jeder geeignete Fall unter Berück- sichtiaung der finanziellen Lage des Schuldners, wie des Gläubigers entschieden wird. Denn es ist ge- radezu ein Hohn, um nur dies eine Beispiel her­vorzuheben, wenn beispielsweise einer ein wert­volles Gesct)öftshaus erworben und es mit Papi er­wart. d. h. mit Falschgeld bezahlt hat, in dem Haus aber ein Geschäft betreibt, das so reichen Verdienst ubwirit, daß er leicht 100 Prozent aufwerten könnte, ohne sich wehe zu tun, mit einer nur geringen Auf­wertung davon kommen sollte.

Unsere Bestrebungen müßen in erster Linie bann bestehen, daß man uns nicht verelenden läßt und daß die Almosen, die man uns in Form von Fürsorgerente monatlich hinwirft, keine Versor­gung fein fann, sondern daß fie nur ein kleiner Bruchteil ist, der uns durch die Inflation geraubten Zinsen. Wir fordern deshalb, daß die völlig ungc- rechte und unzureichende Rente bis zur enbgüb ligen Annahme eines R e n t e n oe r s o r g u n g s - gesetzes um minbeften» 50 Prozent er. höht wirb. Man sage uns nicht, es sei kein Gelb ba. Um uns zujriebenzustellen unb uns als bereinft treueste unb beste Bürger unb Steuerzahler würbig unb rechtlich zu behanbeln, muß Gelb ba fein, unb wenn es nicht ba ist, muh es eben beschafft wer­den. Dies ist Reichs pflicht, denn dem Reich haben wir seinerzeit unsere Spargroschen im Der- trauen auf seine Ehrlichkeit hingegeben und nie

der Rentner.

hätten wir geglaubt, von ihm schließlich betrogen zu werden. Wir haben dem Vaterland unser Geld hingegeben, unb bann unser Gold, benn zum Krieg« führen gehört Geld und nochmals Geld in erster Linie: mir haben bie Schubkasten.ausgekramt unb alle Wertsachen von Gold: Ringe. Ketten, Uhren, liebe teuere Anbeuten an Verstorbene, hingegeben. Wir haben bamit unser unvergleichliches, unbesieg- tes Heer in den Stand gefegt, die Uebermacht der Feinde von den Grenzen der Heimat, von Haus unb Hof fernzuhaltkn, sie vor der Verwüstung zu retten. Der Rhein blieb deutsch, ba9_dnbuftnegebiet, bas Herz Deutschlands unversehrt. «o wurden w i r Frontkämpfer upb Schwerkriegsbe­schädigte, nicht an Leib, aber an Seele, am Glauben an Gerechtigkeit, an unserem Vermögen, der einzigsten Stütze unferes Alters. Wir fordern deshalb, und das ist für bie heutige Protestver- fammlung ber wesentlichste Punkt, das Rentner» o e r s o r g u n g s g e s e v

Die früheren Kapitalrentner fordern nur ihr Recht, da sie als nahezu einzige Gruppe von Deut- schen, völlig enteignet unb rechtlos gemacht, einseitig zugunsten anberer benachteiligt, allein zum Tragen ber Kosten unb Lasten bes verlorenen Krieges ver- urteilt sind.

Die Oessentlichkeit aus ihrer Gleichgültigkeit auf­zurütteln unb daran zu erinnern, daß es eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes ist, den Lebens- abend ber ehemaligen Kapitalrentner durch ein Rentnerverforgungsgefetz sicherzustellen, ist der Zweck des Reichsrenlnertages.

Um die Wirkung unserer heutigen Protestver- fammlung zu einer einheitlichen unb deshalb um so wuchtigeren zu gestalten, bitte ich Sie, folgender

Entschließung

zuzustimmen:Die durch das Mittel der Inflation schuldlos und rechtswidrig enteigneten, trotz aller Regierungserlasse von der Gnade der ©emeinben abhängigen, meist seit 3obren hungernden, alten und wehrlosen Kap'ttalrentner verlangen energisch gesetzliche Sicherung einer Lebens- rnöglichkeit unter tunlichster Berücksichtigung ihrer früheren Lebensstellung. Sie fordern an Stelle der unerträglichen Form Der Fürsorge, welcher außer ihnen im allgemeinen nur die Ortsarmen unterliegen, i h r R e ch k wie jeder andere Staatsbürger."

Diese Entschließung wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende dankte weiter den Geistlichen aller Konfessionen. DemGießener Anzeiger" und Der Leitung des Lichtspielhauses Bahnhofstraße für die tatkräftige Förderung bei Der Veranstal­tung dieses Rentnertages. Der zweite Vorsitzende. Herr M a d e s, brachte eine Pariser Pressestimme zu Gehör, die sich in mitfühlender Weise über die bittere Rot der deutschen Rentner äußert. Herr Hoffmann verlas ein von ihm verfaßtes Ge­dicht über deS Rentners Rot.

Rachdem zwei Damen kurz gesprochen, von denen die eine im Auftrage der Deutschnationalen Frauengruppe mitteilte, daß die deutschnationale Reichstagsfraktion jetzt einen Antrag im Sinne der Rentner im Reichstag eimgebracht habe, nahm Stadtv. Kreisfchulrat Fischer in eindrucksvollen Worten zu Dem Rotschrei der Rentner Stellung. Er verurteilte mit Entschiedenheit die bisherige Regelung, durch die 75 Proz. Der Hypotheken- schulD dem Schuldner ohne weiteres glatt ge­schenkt werden, obwohl bei manchem das gar nicht nötig ist. Unter Der Rückwirkung dieser Läge leiden auch die Sparkassen, die wegen mangelnder Geldrückflüfse nun ihrerseits nicht entsprechend aufwerten föimen. 'Der Redner betonte, auf diese Weise habe daS Reich dem Hausbesih im ganzen Reiche rund 56'/« Milliarden Mark glatt ge­schenkt. Zur Besprechung der Gießener An­leihe f r a g e übergehend, wies der Redner mit vollem Recht Darauf hin. daß Die Stad! Gießen schnell mehr für ihre alten Gläubiger tun müsse, als bisher

Die Stabt fei außer einer fchwebenben Schuld von etwa 2 Millionen Mark heute völlig schul­denfrei, während sie vor der Inflation 21 Mil­lionen Mark Schulden gehabt hohe.

Diese Lage ber Dinge verpflichte bie Stobt, sich Der allen Anleihegläubiger viel weitgehender als die jetzt geltende Reichsregelung anzunehmen. Er (Stebncr) habe fchon vor Monaten einen dahingehenden An trag gestellt, in dem eine höhere Aufwertung, die Auslosung in wesentlich kürzerer Zeit als jetzt vor- gesehen unb in gewißen Fällen eine sofortige Lar- abfinbung verlangt werden. Rebner erläuterte den Antrag ber wegen etnbtDerorbnetenfcrien usw. noch nicht zur Erledigung kam, kurz, möchte über vor bem 5. Dezember nicht näher auf bie Sache ein- gehen, bamit biefe Angelegenheit, bie eine Sache der Gesamtheit fei. aber nicht ein Feld ber Parteipolitik wer­

den dürfe, nicht in die politischen Meinungskämme gezogen werde. Rach bem 5. Dezember werbe die eadye uufgcrollt werben, unb er glaube, baß dabei die ganze Stadtverordneten Versamm­lung einig sein werde in bem Verlangen an bie Stadtverwaltung. völlig i in Sinne seines An­trages zu h a n b e 1 n. Denn hier gelte es, ein grones Unrecht weitgehend unb schnell nach besten Kräfte wieder gutzumachen. ILebhafter Beifall i

2m Anschluß an Die Dankesmorte des Vorsitzen, den an Den Redner folgte eine kurze Versammlung des Rentnerbundes. bie sich mit internen Vereins­angelegenheiten beschäftigte.

Die Krisenfürsorge für Erwerbslose.

Don Bürgermeister Dr. V ö l s i n g, Alsscld.

Die Fürsorge für Diejenigen Erwerbslosen, welche die gesetzliche Höchstdauer erfüllt, b. tf- 52 Wochen hindurch Erwerbslosenunterstützung bezogen haben, bildet ein wichtiges soziales Pro­blem, dessen Regelung unter Den gegenwärtigem immer noch schwierigen Wirtschaftsverhältnisfen in den letzten Monaten die besondere Aufmerk­samkeit der Reichsregierung finden mußte. Diese sogenanntenAusgesteuerten", wie der Be­griff in ber Praxis lautet, bilden in normalen feilen des Arbeitsmarktes keine besonderen Schwierigkeiten und Gefahren für die soziale Für­sorge. Mit der Verschlechterung Der Arbeitsver­hältnisse. wie sie im Herbst 1925 eingesetzt hat, begann aber eine Entwickelung, die ba» Problem der Versorgung ber ausgesteuerten Erwerbslosen bei bem Reiche und in den Kommunen mit ernster Sorge erfüllen mußte. Es war zu erwarten, daß Die Frage Der Ausgesteuerten gegen Ende des Iahres 1926 sich in ihrer vollen Schwere aus­wirken würde, was auch bereits geschehen Ist, und es muß weiterhin mit der Möglichkeit ge­rechnet werden, daß in einzelnen Intaisttiebezirken mit besonders langer und andauernder Erwerbs­losigkeit bie Zahl Der ausgesteuerten Erwerbslosen noch weiter ansteigen wird

Angesichts dieser ernsten Verhältnisse mußte Hllse geschaffen werden, da es nicht möglich war, Die (Semei nben als Träger Der öffentlichen Fürsorge mit Dieser neuen finanziellen Belastung allein zu lassen, weil Diese für größere InDustrie- gemcinDen Den finanziellen Zusammenbruch be­deutet te (S'gen eine Verlängerung der Höchst­dauer in der Crwerbslgsenfürsorge, welche recht­lich nur in Form einer Gesetzesänderung möglich gewesen wäre, bestanden bei Der Reichsregierung schwerwiegende Bedenken. Iedensalls entspricht es ber allgemeinen Auffassung, die Erwerbs losen-- fürforge als eine begrifflich unb zeitlich begrenzte Maßnahme anzufehen. Die Reichs reg ierung ent- fchloß sich baher. Die Frage auf eine anbere Weise zu regeln Bis zum Erlaß des neuen Krisen- fürsvrgegesetzes vom 19. Rovember 1926 wurden die Ausgesteuerten, soweit sie noch hllss- bedürstig waren, von der öffentlichen Fürforge betreut, ba die Fürsorgeverbände nach der Ber- oebnung über bie Fürsorgepflicht vom 13. Februar 1924 verpflichtet sind, für alle Hilfsbedürftigen: einzutreten. Um eine gleichmäßige Handhabung der Fürsorge für alle Ausgesteuerten im Reiche sicherzustellen, erhielten bie Fürsorgeverbänbo seit dem 1. Oktober 1926 Beihilfen vom Reich, mit denen 50 Prozent ihrer Kosten für die Aus­gesteuerten erseht wurden.

Diese Anordnungen sind nunmehr durch das Gesetz über eine Krisenfürsorge für Erwerbslose, das vor kurzem erschienen ist, überholt und außer Kraft gesetzt worden. Das neue Gesetz geht von zwei grundlegenden Ge­danken aus; einmal ist es der Grundsatz, daß die Erwerbslosenunterstützung in regelmäßigen Zeiten zeitlich beschränkt sein muh. und ferner ber Grundsatz, daß die Gemeinden bzw. die Er- richtungsgeiuemDen an der Krisenfürforge finan­ziell stärker beteiligt werden, als an der eigent­liche.! Erwerbslofenunterstühung, nämlich mit einem Viertel gegenüber einem Reuntel bei der eigentlichen Erwerbslosenfürsvrge. Das neue Ge­setz hat Den Kreis Der Personen, die von ihm erfaßt werden, wesentlich erweitert. Die Krisenfürsorge kommt nunmehr für vier Gruppen von Erwerbslosen in Frage: 1. Für

solche, die nach hem Inkrafttreten des Gesetze-, also vom 21. Rovember 1926 an, 52 Wochen hindurch Erwerbslosenun.erstühung bezogen ha­ben: 2. für solche, die in Der Zeit vom 1. April bis 20. lloixmbcr 1926 Die Höchst Dauer Der Erwerbslosenjürsorae überschritten haben, die aber seit ihrem AusicyeiDen aus ber Erwerbs- losenfürsorge laufend von der öffentlichen Für­sorge unterstützt worden smd; 3. für solche, die bereits in Der Zeit vom 1. April biß 20. Ro<- vember 1926 die gesetzliche Höchstdauer der Er­werbslosenunterstützung überschritten haben. Die jedoch seit ihrem Ausscheiden aus Der Erwerbs­losenfürsorge nicht lausenD von Der öfsentlichen Fürsorge unterstützt worben sind; 4. für solche, die bereits vor Dem 1. April 1926 Die gesetz­liche Höchstdauer der älnterstüyung überschritten haben, einerlei, ob sie seitdem von der össent- lichen Fürsorge unterstützt worden sind oder nicht. Len Erwerbslosen unter Ziffer 1 und 2 ist die Krisenfürzorge ohne weiteres zu gewähren. Den Erwerbslofen unter Ziffer 3 und 4 nur auf An­trag und nur nach pflichtmäßigem Ermessen der betreffenDen Stellen. Der Antrag sür die Er­werbslosen unter Ziffer 4 kann nur bis zum 31. Dezember 1926 gestellt werden. D i e Ver­pflichtung zur Einrichtung der Kri­senfürsorge liegt den Errichtungs­gemeinden der öffentlichen Arbeits­nachweise ob. (8 1 des Gesetzes.) Diese s'.nD in Hessen, abgesehen von den fünf großen hessi­schen Städten, die Kreis«: Für Die Leistungen: und das Verfahren der Krisenfürsvrge gelten, wie sich aus Paragraph 2 des Gesetzes ergibt, die Vorschriften dcr ErwerbSlvfenfüriorgc. lieber die Dauer der Krisensürsorge im einzelnen Falle sagt das Gesetz nichts, weil es nach § 10 Abs. 1 nur biß zum 31. März 1 927 gilt, also zeitlich begrenzt ist. Für Erwerbslose, die in bie Krisensürsorge übernommen Weeden, besteht keine Wartezeit. Die Voraussetzun­gen ber Erwerbslosensürsorge hinsichtlich ber A r- beitswilligkeit und Arbeitsscihig- fe i t Des Erwerbslosen gelten auch für Die Krisensürsorge. Die RcichSregierung legt großes Cewicht darauf. Daß die langfristig Erwerbslosen und Die Ausgesteuerten in Arbeit gebracht wer­den. Die Krisen-Unterstützten sind da­her nach § ti des Gesetzes bevorzugt vor anderen Erwerbslosen zuRotsionds- arbeiten heranzuziehen. tzinsiä.tlid) der Aufbringung der Kosten ber Krisenfürsorge be­stimmt das Gesetz in § 7. daß drei Viertel DeS Aufwandes. Der Den Gemeinden auS Der Für­sorge erwächst, Dom Reiche getragen werden, während die Gemeinden bzw. die Crrichtungv- gemeinden ein Viertel zu tragen haben., Die obersten LandeSbehörden verteilen die vom Reiche überwiesenen Beträge auf die Errichtungsgemein­den dec öffentlichen Arbeitsnachweise, in Hessen die Kreise, im Verhältnis ihrer Belastung. So­lange bie Krisensürsorge gewährt wird. Darf der Beitragssatz der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Erwerbslosenfürsorge nur einheitlich sür das Reichsgebiet festgesetzt werden (§ 8 des Gesetzes). Für Die öffentliche Wohlfahrtspflege ist schließlich Die Be­stimmung des Gesetzes von Bedeutung, daß aus­drücklich Die Leistungen, die nach Diesem Gesetz gewährt werden nicht als Leistungen der öffent­lichen Fürsorge gelten. Die Kurzarbeiter- fürforge im Sinne der Anordnung vom

OerFrosch mit derMaske

Roman von Edgar Wallace.

5. Fortsetzung 'Rachdruck verboten

Danke, gut", sagte Ray gleichgültig.Ella hat dieselbe Veranlagung wie Sie. Es ist leicht, die Sor­gen anderer Leute als Philosoph zu betrachten. Wer ist denn dieser merkwürdige Mensch?" fügte er hinzu, als ein Mann an dem Tische, der dem ihrigen aegenüberstand. Platz nahm. Philo, der ein wenig kurzsichtig war, setzte sein Glas auf.

Das ist Elk, einer von Scotland ^arh", sagte er und lachte dem Neuankömmling zu. Ein Wieder- erkennen, das zu Rays Aerger und Unbehagen den kümmerlichen Mann an ihren Tisch heranbrachte.

Mein Freund, Herr Bennett, Inspektor Elk." Sergeant", verbesserte Elk fest.Das Schicksal war in Angelegenheiten der Beförderung immer ?rau,am gegen mich. Warum ein Mann die Diebe eichter erwischen soll, wenn er weiß, wann Wa­shington geboren wurde oder wann Napoleon Bona­parte gestorben ist, Hobe ich nie begriffen. Essen Sie jeden Tag hier, Herr Bennett?^

Ray nickte.

..Ich glaube Ihren Herrn Vater zu kennen, John Bennett aus Horsham?"

Roy stand in Verzweigung auf, entschuldigte sich mit Zeitmangel und ließ die beiden allein.

Ein hübscher 3ujtge", nickte Elk und sah Ray Bennett lange nach.

V.

Herr Maitland geht nach Hause.

Elk begleitete Johnson in fein Bureau zurück und als sie sich dem Dankpolost der Vereinigten Mait­lands näherten, brach Herr Johnson mitten in der interessanten Darlegung seiner Philosophie ab und beschleunigte den Schritt. Elk sah auf dem Gehsteig vor ihnen Ray Bennett und neben ihm die schmale Gestalt eines Mädchens. Sie wendete den beiden Männern den Rücken zu, aber Elk erriet sogleich, daß es Ella Bennett sei. Er hatte sie zweimal vorher gesehen unb besaß ein wunderbares Gedächtnis für Rückenlinien. Als Johnson auf sie zustrcbke, so eilig es der beleibte Mann nur vermochte, grüßte Ella ihn mit einem raschen freundlichen Kicken.

Das ist ein unerwartetes Vergnügen. Fräulein Bennett." Johnsons gemütliches Gesicht erblühte rosig und Elk stellte, fest, daß sein Handschlag noch wärmer und herzlicher war als sonst.

Ich wollte heute gar nicht in die Stadt kommen, aber Vater ist wieder auf einem seiner Ausflüge fort", fagte sie.Und ganz komisch wenn ich nicht genau wüßte, daß sein Zug schon vor zwei Stunden abgefahren ist, so würde ich schwören, ihn soeben auf einem Autobus gesehen zu Haden."

Mein Freund, Herr Elk", stellte Johnson ein wenig ungeschickt vor.

Es freut mich. Sie kennenzulernen, Fräulein Bennett", sagte Elk und gewahrte Roys Aerger über dies neuerliche Zusommentrefsen mit einer Be­friedigung, die bei einem fröhlicheren Menschen ge­radezu in Heiterkeit ausgeartet wäre. Ray verab­schiedete sich von allen, und Ella sprach zu ihrem Bruder noch ein leises Wort. Elk sah, wie der Junge die Stirn runzelte.

Nein, nein ich werde nicht mehr so spät kom­men", sagte er so laut, daß der Detektiv es hörte. Er zog den Hui und war schon im Tor verschwun­den. Ella fah ihm mit einem kleinen schmerzlich"n Mundzucken nach, dann raffte sie sich zusammen, reichte Johnson die Hand, grüßte Elk mit einem leichten Neigen ihres Hauptes und ging»

Haben Sie Fräulein Bennett schon gekannt?"

Oberflächlich", antwortete Elk mürrisch.Ober­flächlich kenne ich fast jeden. Gute und schlechte Leute. Je besser sie sind, desto weniger kenne ich sie. Auf Wiedersehen!"

Als Johnson die Treope zu Maitlands Haus hinausstieg, schlenderte Elk ziellos fori. Er über­querte die Straße und blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Es war vier Uhr und ein Taxameter hielt vor der Tür der Vereinigten Mait­lands still und wartete Elk sah wenige Minuten später den alten Maitland herauskommen, hastig, weder rechts nod) links blickend. Elk betrachtete ihn mit mehr als dem gewöhnlichen Interesse. Er kannte den Finanzier vom Sehen her und hatte zwei oder tnei Besuche im Bureau gemacht, die mit ein paar ueinen, von Aufwartefrauen begangenen Dieb­stählen in Verbindung standen. So wor er auch mit Philo Johnson bekannt geworden, denn der aste Monn hatte die Unterredung feinem Angestellten überlasten. Elk schätzte Maittand auf fast siebzig

Jahre und zum erstenmal überkam ihn die Neugier, wo er wohnen mochte. Es kam ihm als eine merk­würdige Tatsache zum Bewußtsein, daß er nicht das geringste über den Finanzier wußte und daß Mait­land die einzige der Stadtgräben sei. über die nichts in den Zeitungen geschrieben worden war.

Als das Auto daoonfuhr, konnte Elk dem Anreiz nicht widerstehen und winkte einen zweiten Wagen heran.

Verfolgen Sie das Auto!" sagte er. Und der Führer nickte ohne Frage, denn es gab keinen Chauffeur in den Straßen von London, der den melancholischen Polizeimann nicht gekannt hatte. Der erste Wagen fuhr schnell in der Richtung nach London-Nord und hielt bei einem belebten Straßen­knotenpunkt in Finsburypark. Maitland stieg aus und eilte um die Ecke, eine belebtere Straße ent­lang, und Elk folgte ihm auf den Fersen. Der Alte ging eine kleine Strecke, dann flieg er in einen Straßenbahnwagen. Elk sprang hinter ihm auf, ols der Wagen sich eben in Bewegung fetzte. Der Alte fand einen Plag, zog eine oerknüllte Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen. Der Wagen lief den Seven-Sisters-Road hinunter nach Tottenham, und hier stieg Herr Maitland aus.

Er bog in ein Seitengäßchen, überquerte die Straße, kam in eine engere und noch geringere Gasse und dann zu Elks namenlosem Erstaunen schloß et die eiferne Tür eines dunkeln unb schmutzigen Hauses aus, trat ein unb warf sie hinter sich zu.

Der Detektiv blickte bie Straße hinauf unb hin­unter. Sie war von armen ftinbern bevölkert. Elk betrachtete bas Haus nachmals unb glaubte feinen Augen nicht trauen zu bürfen.

Die Fenster waren schmutzig, die Vorhänge hingen in Fetzen, ber winzige Vorhof war vernach läjsigt. Unb bics war bas Haus Ezra Maitlanbs, bes Mannes, ber für ein Spital von Lonbon fünf- lausenb Pfunb gespendet hatte, bas Haus bes Herr­schers über Millionen.

Elk faßte einen Entschluß unb klopfte an bie Tür. Lange kam keine Antwort, bann worb bas Schlürfen von Füßen, bie in Pantoffeln steckten, hörbar, unb eine alte Frau mit krankhaft gelbem Gesicht öffnete bie Tür.

Verzeihen Sie", sagte Elk. ,Lch glaube, ber Herr, ber getabe herein gegangen ist, hat dies hier

allen gelassen." Er zog ein Taschentuch heroor und ie starrte es einen Augenblick lang an. Dann streckte ie wortlos bie Hcmb aus, zog es ihm weg unfr chlug ihm bie Hanb vor ber Nase zu.

Das war dos letzte meiner guten Taschen­tücher," bachte Elk bitter. Er hatte einen Blick in das Innere des Hauses geworfen. Ein trüb aus» sehender Gang, mit einem Streifen verblichenen Teppichs belegt, war sichtbar geworden. Er entschloß sich, fortzugehen und einige Zeugenoerhöre cm.zu- stellen.

Maitland oder Mainland, das weiß ich nicht genau," sagte ein Kaufmann, der an der Ecke sein Geschäft hatte. ..Der alte Herr geht jeden Tag um neun Uhr fort und kommt immer um dieselbe Stunde wie heute zurück Ich kann nicht sagen, wer er ist. Aber das eine weiß ich: essen tun sie nicht viel. Er kaust alle seine Waren bei mir ein, aber das alles, wovon die beiden Leute einen lag lang leben, könnte ein gesundes Kind bei einer einzigen Mahlzeit leicht verzehren

Elk kehrte niedergeschlagen nach dem Westen ber Stabt zurück. Der Geizhals war eine gewöhnliche Figur in ber Literatur, unb man traf ihn auch im wirklichen Leben unserer Tage, aber ber alte Mait­land mußte wohl ein Erzgeizhals sein, und Elk be- schloß, der Angelegenheit seine weitere Aufmerk­samkeit zu widmen.

Doch schien es ihm für den Moment ange­brachter, alle feine Sträfle auf diese interessante junge Dame, Fräulein Lola Basfano, zu konzentrieren. In einer jener modernen «straften, die von Cavendish Square auslaufen, gibt es eine Reihe von Apparte­ments. die nur von reichen Mietern bewohnt wer- den. Der Zins ift auch für jenes exklusive Viertel ganz besonders hoch bemeffen, und Elk, den man nicht leicht zu überraschen vermochte, war ein wenig au= dem Gleichgewicht gebracht als er sah, dog Lola Bassano in diesem lururiöfen Gebäude eine Flucht von Zimmern innehave.

Der Liftboy, dem Elk mit reichlicher Berechti­gung ein wenig verdächtig oorkam, berichtete ihm, daß Fräulein Bassano im dritten Stock wohne.

Wie lange wohnt sie hier?^ fragte Elk.

Das gehl Sie nichts an," antwortete der Ciffa boy,dort ist der Eingang für Lieferanten."

(Fortsetzung folgt.)