Das große Würfelspiel.
Martina NNlemar.)
Roman von Franz Lover Kappus.
&1 Fortletzung Nachdruck verbalen
„Geld haben wir ja genug." Die Sabukowa öffnete ihr Täschchen. Ein vaar zerknülltt Noten kamen zum Vorschein. „Zweihundert Franken. Und du?"
Kreuch holt seine Brieftasche hervor.
„Wopen wir unser Geld nicht zusammenlegen? Aufmerksam sah die Sabukowa zu, wie er die Scheine zählte. „Und das da? Warum bleibt das <9CUmfiänt>I?d)^in9erte Kreuth zwischen dem Leder. Ihm war, als brause die Luft auf einmal. Alles rundum schichtete sich ineinander: selbst die ewigen Berge drüben am Ufer stürzten in den See. „Natürlich auch das", lächelte Kreuth und zog die Noten hervor, die für die Heimreise bestimmt waren. „Natürlich auch das. Und das macht zusammen —"
„Achthundertdreißig Franken", ergänzte die Sabukowa. Gleich darauf nahm sie ihr Geld wieder an sich. „Lassen wir das bleiben", sprach sie leichthin. „3ur Not sind ja meine Perlen da."
War das Scherz, war das Ernst?"
So kamen und gingen die Tage. In einer abseitigen, stillen Pension lebten die zwei. Die Sonne, die Berge, der See und die beiden einfachen Zimmer waren Montreux. Es gab kein Kasino, keine Tanzbars, keinen Spielfaal. Keiner der Sportzüge trug Kreuth und die Sabukowa in die verschneiten Höhen, wo die Bobsleighs in der Kurve knirschten, und die Skier ihre weiten Dogen in die weiße Unendlichkeit zeichneten. In keinem der vielen Autocars waren sie noch gestiegen, die emsig zum Großen Sankt-Bernhard oder nach den Alpenpässen von Pillon und Les Masses fuhren. In den stillen zwei Zimmern oder immer auf demselben Wege nach Schloß Chillon und zurück knisterte und flammte ihre Liebe. Bald war sie ein Rausch, der sengend bis ins Hirn drang, bald ein wortloses Tändel,piel der Hände, bald ein Werfen und Fangen von Wörtern. die Gluten anfachten oder erstickten
Wie Stunden flogen die Wochen vorbei.
Einmal sagte die Sabukowa, als die hellen Mauern von Chillon wieder durch das Geäste leuch
teten- .Denkst du noch immer an dein Mädchen in
Kreutb wuchs in die Hohe. Schlaff wurden seine Züge gleich darauf. ,
„An wen soll ich denken? murmelte et.
Die Augen der Sabukowa blitzten. „Leugnest du vielleicht? Ich will nicht, daß du an sie denkstI" Im nächsten Moment drängte sie sich heran. Weich und voll Zärtlichkeit bettelten ihre Lippen: „Denk nicht an sie." Ihre weißen Hände bildeten eine Schale, die höher und höher stieg und vor seinem Antlitz hielt. „Da — hier hast du mein Herz! Willst du mehr als mein Herz?"
Er legte sein Gesicht in ihre kühlen Hande.
Stumm setzten fie ihren Weg fort.
Ein Trupp Touristen belagerte die kleine Brücke, die zu dem Felsen führte, darauf Schloß Chillon seit Jahrhunderten stand. Jemand erklärte mit schallender Stimme, welche Bewandtnis es mit der alten Burg hatte. .
Kreuth wollte umkehren, aber die öabutoroa sagte: .Hören wir den Mann an."
Der zungengeläufige Führer erzählte von Franz von Bonivard, der vor vierhundert Jahren zweimal im Kerkergewölbe des Schlosses geschmachtet hatte Der Herzog von Savoyen war sein erbitterter Feind gewesen. Erst 1536, als die Berner Chil- lon eroberten, erlangte Bonivard die Freiheit wieder. Behaglich schilderte der Führer die Qualen, die der Gefangene in dem finsteren und feuchten Verließ zu erdulden hatte. Flugs war auch em Verkäufer zur Stelle, der Byrons „The pnsoner of Chillon" laut anpries. Behend reichte er Exemplare des Buches herum. „Alles finden Sie hier, meine Damen und Herren, alles, von einem der größten Dichter befungen."
Nur wenige kauften.
Die Blicke der Männer schwirrten um die Sabukowa. Verstohlen lugten auch die Frauen und Mädchen nach ihr-, ihre Nasenflügel blähten sich irritiert. Manche Hand schloß sich fester um die Armbeuge ihres Begleiters. Mißmutig packte der Der- fäufer feine Bücher ein.
„Siehst du," sprach die Sabukowa, als man wieder heimwärts schritt, „das war ich." Noch höher Öen ihre dünnen Brauenbogen. ..Wenn ich ir- wo erscheine, verblaßt felbst die Geschichte.. So- | gar Lord Byron wird geschlagen."_______
Kreuth starrte über den See.
Ein weißer Dampfer legte in Montreux an. Blaffer Rauch schwamm über den Hausern am Quai. Graugrün grüßte der Wald von den fangen dahinter. Helle Flecke waren die Dillen bis hinauf, wo der schimmernde Schnee begann. Eine Eisenbahn pfiff ganz nahe, durchdringend und gellend. Ungestüm donnerte der Zug heran.
^we^längst, wie es ist, wenn du irgendwo erscheinst" sagte er stolpernd. Wie gelähmt war ^^W^dttwrach die Sabukowa etwas, ohne daß er sie verstand. Aber man mußte sie ja gar nicht verstehen. Wenn sie die Lippen nur öffnete und dunkle Laute ausströmte, genügte das schon Im Augenblick war man fortgetragen von den schwingenden Ty- nen im Augenblick zerbrochen und wehrlos. Sehr in acht nehmen mußte man sich vor dieser Stimme. Eine Stunde nur sollte man taub sein können, uber-- (eate Kreuth, taub und blind und ohne Gedächtnis, bann ginge es vielleicht. Dann würde das Wagnis vielleicht gelingen: blindlings fort von ihr, wie man ba stand, in ben nächsten Zug hinein — unb fort.
Doch mit den Nerven spürte die Sabukowa, was Gr „Halte ich dich?", fragte sie einmal lächelnd. .WAcher Mensch könnte den anderen halten? Die Kräfte eines Riefen reichen dazu nicht aus." Nur mit der Fingerspitze berührte fie seine Wange. „Das hält dich. Jetzt fühlst du dach, was es ist?"
Besinnungslos sank Kreuths Kopf zurück.
Die Sabukowa nahm seine Hand und legte sie an ihre Brust. „Und nun fühle ich es," keuchte sie schwer, die Lider geschloßen. Wenige Sekunden blieb fie still. Dann warf fie die Hand weit von sich. „Wie lange soll ich das ertragen?" lispelte fic_ mit verzogenen Sippen. „Es ist starker als ich. stärker als du. Niemand hat die Kraft, dem zu entfliehen."
Dennoch lauerten ihre Augen immerfort.
Wie märchenhafte Wasserfälle stürzten die Tage: aus unendlicher Höhe in unendliche Tiefe.
Der Grund, dachte Kreuth, irgend einmal mußte der Grund doch kommen. Immer und überall war das so: alles hatte seinen Anfang, alles sein Ende. Jeder fühlte festen Boden unter feinen Füßen, niemand schwebte endlos in der freien Luft. Man war
der Erde zugehörig, lebte auf der Erve, a*, tränt, schlief wie die anderen. Man mußte zur Erde zu» rück.
Noch eine Woche, noch einen Tag, noch eine Stunde waren alle Wege verschüttet.
Aber bann kam ber Augenblick.
Kaum hämmerte ber Morgen. Sitzend fand sich Kreuth in seinem Bett, die Augen aufgeriffen, die gespreizten Finger auf ber Decke. „Jetzt", bornierte es in ihm, „jetzt!" Nur eine Sekunde lauschte er. Sacht tickte die Alabasteruhr auf der Kommode. Leise hüstelte jemand in der Nachbarschaft.
Lautlos glitt Kreuth zu Boden, lautlos kleidete er sich an, lautlos schlich er durch die Türen. Niemand stellte sich ihm entgegen. Leer lagen draußen die Straßen. Kühle wehte von den Bergen. Ruhe und Kraft stiegen aus dem blank - glänzenden See.
Eine Viertelstunde später saß Kreuth in einem Zug, in irgendeinem Zug. Langsam zählte er sein Geld. Es langte. Vielleicht brachte man sogar noch etliche Franken nach Berlin mit, um einen zweiten Anzug und etwas Wäsche zu kaufen.
Dann zog die Maschine an.
XXIV.
Alles um Bernhard Carsten wankte.
Die Heimarbeiterin Böhlecke war im Krankenhaus gestorben. Eines der drei Kinder rang mit dem Tode. Noch wochenlana beschrieben die Zeitungen ausführlich, wie alles zugegangen war. Jedes Blatt gab feinen Schilderungen einen anderen Titel. Nur wenige blieben objektiv. Die meisten verrieten ihre Einstellung schon durch die Ueoer» schrift. „Wohltätigkeit um jeden Preis — auch um den Preis von Menschenleben", sagte ein radikales Organ. „Solchen Phantasten muß das Handwerk gelegt werden , schrieb ein anderes Blatt, das einer bekannten Kapitalistengruppe nahestand. Sehr weit riß der Stadtverordnete Priebe den Mund ckckf. Nicht nur gegen den schuldigen Architekten Wilemar. auch gegen Carsten verlangte er ein beschleunigtes gerichtliches Verfahren. Auf einmal leuchteten unzählige Blendlaternen in Carstens Leben. Jede Falte wurde aufgedeckt, jeder verborgene Winkel durchstöbert, jede Spur aus der Kriegs- und Inflationszeit oerfolat. So also sah der Mann aus, der sich für den Menschenfreund ausgespielt hatte? Niederschmetternd war die Erkenntnis.
(ffortlefiung folgt.)
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Leitung Herr Hans Sonntag
Sonntag, den 7. November 1926, nachmittags 5 Uhr in der Neuen Universitäts-Aula
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