Nr. 231 Erster Blatt
176. Jahrgang
Samstag, 2. Gktober 1926
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Siebener Anzeiger
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Dr. Friedr. Wilh. Gange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschcin; für den Anzeigenteil i.Dertr. H. T-ck, sämtlich in Bieszei».
Politik und Wirtschaft.
Nhelnische Industrieführer zur Dresdener Rede Silverbergs.
Hindenburgs Geburtstag
Feldmarschall von Benecken- dorff und Hindenburg feiert am 2. Oktober zürn zweiten Male fein Geburtsfest als Reichspräsident. Unter den nicht immer vornehmen Kampfmitteln, mit denen die Gegner feiner Kandidatur deren Erfolg zu verhindern versuchten, spielte eine Hauptrolle der Hinweis auf seine geringe Betätigung im politischen Leben während seiner jüngeren Jahrzehnte. Don persönlicher Bescheidenheit eingegebene eigene Aussprüche wurden verwertet, die Wählerschaft vor dem „Neulinge" zu warnen. Nun, die Erfahrung jetzt schon von anderthalb Jahren hat wohl gründlich mit den Eindrücken jener Stimmungsmache aufgeräumt, soweit sie wirklich hie und da verfangen haben mochte. Und wenn über den Einzelfall hinaus dem Aberglauben Abbruch getan ist, als seien Männer, die mit ihren politischen Meinungen nicht aus lautem Markte groß tun, minder geeignet für die obersten Staatsämter, als Meister der Reklame. So haben wir doppelte Ursache, das Ergebnis der ersten Volkswahl eines Reichsoberhauptes willkommen zu heißen.
Ein anderer Einwand richtete sich im Wahlkampfe des Aprilmonats von 1925 gegen Hindenburgs Herkunft aus dem Offiziersstande. Weiten Schichten der Reichsbevölkerung war seit Jahrzehnten eine Abneigung gegen einen sogenannten „Geist von Potsdam" eingeimpft worden, dem sich angeblich auch die erleuchtetsten Köpfe nicht ganz entziehen könnten. Und dieser gefährliche Geist sollte auch das Urteil in politischen Fragen verwirren. Daß ein heutzutage sehr aufdringlich sich gebärdender überspannter Pazifismus mit Vorliebe solche Gedankengänge spann, ist ja nicht zu verwundern. Nun, in den Kernfragen, über die es bislang unter der Präsidentschaft Hindenburgs Entscheidungen zu treffen galt; Deutschlands Eintritt in den zum Schutze vor kriegerischen Verwicklungen geschaffenen Völkerbund und dem mit dem Namen Locarno abgestempelten Versuche einer Verständigung mit Frankreich auf eine absehbare Zeitspanne — ist auf deutscher Seite durch einen vom Militär gekommenen Politiker ehrliche Arbeit ge- leistet worden; während drüben ein sich gerne in der Löwenhaut eines bärbeißigen Kriegers spreizender blutiger Zivilist keine Gelegenheit vorüber gehen läßt, ohne mit unsagbar feindseligen Reden das Penelope-Werk mühevoller Diplomatie wieder aufzutrennen!
Aber Hindenburg hat in feinem laufenden Amtsjahre nicht allein wertvolle Bausteine zum Tempel des Völkerfriedens herzugetragen, sondern sich auch um die F e st i g u n g des inneren Friedens gemüht. Eine unglaublich kurzsichtige und in Aeußerlichkeiten verbohrte Opposition hat solche Bestrebungen nicht nach Gebühr gewürdigt und ihm z. B. aus Meinungskundgebungen in den Fragen der Flaggenfarben und der Fürstenenteignung ein Verbrechen machen wollen, während es doch selbst der Verfassung von Weimar ferngelegen hat, dem obersten Beamten als einzigen Reichsbürger Gedanken- und Redefreiheit beschränken zu wollen! Und kann denn dem an die Spitze des republikanischen Gemeinwesens gestellten Manne zugemutet werden, darum Akte haßvoller Ungerechtigkeit gegen die ehemals herrschenden Familien durch Schweigen befördern zu helfen?
Es ist im höchsten Grade achtenswert, mit welcher Pflichttreue der alte Soldat, dem eine mehr als halbhundertjährige Dienstübung so reichlichen Anspruch auf Ruhe gegeben hätte, sich den beinahe im Uebermaße ihm zufallenden Aufgaben der sogenannten Repräsentation zur Verfügung stellt. An seinem Fleiße in der Abwicklung der laufenden Geschäfte könnten zahlreiche jüngere und niederen Aemtern vorstehende Männer sich ein Muster nehmen. Gerade Hindenburg ist vor anderen geeignet, den hohen Wert militärischer Erziehung auch ihren Verächtern zum Bewußtsein zu bringen. Das Wort seines neunzigjährigen alten Königs, er habe keine Zeit, müde zu fein, dieses Kernwort der Pflichtstrenge, hat der Held glänzender Schlachtensiege, jenseits der Mittagshöhe seiner soldatischen Laufbahn noch in einen bürgerlichen Beruf hineingestellt, sich zur Richtschnur auch dieses Lebensabschnittes gemacht. Möge die deutsche Nation, die ihrem Reichspräsidenten zum Geburtstage Wünsche warmer Teilnahme an seinem Wohlbefinden entgegenbringen, fernem Walten auch eine ernste 9Jir~ nung zu stetigem Fortschreiten auf dem nicht immer bequemen Pfade entfagungsbereiter Selbstzucht ablauschen!
Düsseldorf, l.Okt. (TU.) Schon vor der heuttgen Tagung des Vereins zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen konnte man erkennen, welche Wichtigkeit dem Zusammensein der Vertreter in Rheinland-Westfalen beigemessen wurde. Fast alle wirtschaftlichen Führer waren vertreten. Mit Spannung erwartete man überall die wichtigen Reden von Generaldirettor Reusch, Vogler, Fritz Thyssen, Springt)rum und Cilverberg, die eine Klarheit der verschiedenen wirtschaftlichen und pvlittschen Problemen bringen sollen. 3n seiner Eröffnungsansprache begrüßte Kommerzienrat Reusch- Oberhausen die Versammelten und verlas ein Glückwunschtelegramm an den Reichspräsidenten von Hindenburg. Als Eindruck einer Amerikareise betonte er, daß man in Deutschland hauptsächlich auf die Qualität der Erzeugnisse Wert legen müsse, um mit Amerika erfolgreich konkurrieren zu können, wo ein Kontinent ohne jegliche Zollschranken von einem Volke bewohnt werde, das bei stark ausgeprägtem Rationalgefühl uns wirtschaftlich weit überlegen sei. 3n Amerika sei Anpassung der Produktion und der Prvdukttonsmöglichkeiten an den tatsächlichen Bedarf, während in Europa trotz zu großer Produltionsmöglich- keiten immer noch Produktionsstellen geschaffen werden.
Generaldirektor Sllverberg
führte dann aus, es sei ganz gut, wenn man etwas ganz Selbstverständliches auch einmal wiederhole und unterstreiche. Dögler habe vor iricht langer Zeit gesagt, wir seien auf dem besten Wege, unserer Arbeiterschaft fremd zu werden. Wir mühten uns klar darüber sein, dah die wirtschaftlichen Fragen an einer Stelle erledigt würden, die leider falsch zusammengesetzt sei. Darin liege für das deutsche Unternehmertum und für die deutsche Wirtschaft eine große Gefahr und diese Gefahr wird nur noch großer, wenn wir uns mit diesen Dingen nicht beschäftigen. Wir müssen den Mut haben, auch von diesen Dingen zu sprechen. Der Redner betonte, von dem. was er in Dresden gesagt habe, könne er nichts zurücknehmen. Er habe erklärt, es solle nicht gegen die Arbeiterschaft regiert werden. Wir müssen aber auch dann zu dem Schluß kommen, dah eine Arbeiterpartei nicht als regierungsunfähig ertlärt werden dürfe. Er habe mit Absicht nicht von politischen Kombinationen gesprochen. Dies sei Sache der pvlittschen Parteien, dagegen habe er gesagt, dah die llnter- stühung der praktischen Politik durch die Strahe aufhören müsse. Er habe in Dresden zwar nicht dem Präsidium vorher seine Rede vorgelegt, aber er habe in einem inoffiziellen Kreis von sieben bis acht Herren, der aus Präsidial- vor st ands Mitgliedern bestanden habe, über seine Ausführungen vorher gesprochen und allgemeine Anerkennung gefunden. Das stehe
Die polnische Krisis.
Marschall Pilsudski bei der Kabinettsbildung.
Warschau, l.Okt. (Wolff.) Es bestättgt sich die Rachricht, daß Marschall Pilsudski das Kabinett bilden wird, wenn auch eine amtliche Mitteilung darüber noch aussteht. Pilsudski beabsichtigt durch Einbeziehung von Polnisch- Litauern und eines Sozialdemokraten der neuen Regierung eine gesteigerte innen- und außenpolitische Durchschlagskraft zu verleihen. Man ist in Kreisen der zukünftigen Regierung sogar der Ansicht, dah eine Sejmauflösung gar nicht erfolgen braucht. Der Sejm würde lediglich auf einige Zeit in Urlaub geschickt (man spricht von Ende Rovember) und erst zur Vorbereitung des Budgets für das nächste Finanzsahr heran- gezogen werden. Eine Opposition des Senats wäre nicht zu fürchten, da die neue Regierung sich dem Senat nicht vorzustellen braucht, also auch von ihm kein Mißtrauensvotum zu befürchten haben würde. Die politisch unabhängigen Blätter stellen einstimmig den vorläufigen Sieg des Sejm und der Rechten fest. Cie betätigen die auch schon gestern abend in den Wandelgängen verbreitete Rachricht, dah der Rücktrittsbeschluh der Regierung Bartel auf Antrag der die Wirtschaftsressorts bekleidenden Minister zurückzufüh^en fei, die die Sejm- auflöfung im gegenwärtigen Zeitpunkt für den Kredit Polens zu gefährlich erachten. Hinzu kam noch der Umstand, dah man die schwierige Durchführung der Wahlpropaganda auf den polnischen Dörfern während der Winters- zeit berücksichtigen zu müssen glaubte. Da sich angeblich auch der Staatspräsident dieser Auffassung anschloß, muhte Bartel vor dem Landtag die Waffen strecken.
Politische Kampsmethoden in Polen.
Warschau, 1. Oft. (TU.) Heute nacht überfielen acht Personen, die als Offiziere gekleidet waren, die Wohnung des ehemaligen Finanzministers D z i e ch o w s k i, der im Auftrag der Rattonaldemokraten das Mißtrauensvotum sowie die Ablehnung des Dudget»
sest, dah in der Arbeiterschaft ein sehr guter Kem stecke, ein Kern, der vielleicht besser fei, als es durch die polittsche Agitatton erscheine. Man müsse dahin streben, dah Unternehmer und Arbeiterschaft wieder zusammen arbeiten.
Fritz Thyssen
erfiärte: Wenn Silverberg es so darzustellen versuche, dah seine Rede trotz der Berührungen der pvlittschen Momente neutral gewesen sei, so habe er — Thyssen — diesen Eindruck nicht gewinnen können. Der Eindruck sei allein der gewesen, dah nur mit der Sozialdemokratie regiert werden könne. Früher habe man vielfach dem Unternehmertum den Vorwurf gemacht, dah es völlig einseitig eingestellt sei. Heute dürfe man nicht in den Fehler verfallen, sich auf eine Partei festzulegen. — Reichstagsabg. Engberding führte aus, dah Silverberg sich in einem Irrtum befinde, wenn er die Sozialdemokratische Partei als die Arbeiterpartei ansehe. Der Redner ging dann im einzelnen auf die augenblickliche politische Konstellation ein, um darzulegen, dah sich die So- zialdemokrattsche Partei als nicht regierungsfähig erwiesen habe.
Geheimrat Dubberg betonte, dah er sich verpflichtet fühle, ebenfalls festzustellen, dah keinerlei Einigung über den Wortlaut der Rede Silverbergs und auch keine Feststellung des Wortlautes vor der Rede getroffen worden sei. Duisberg gab zu, daß die Rede von Silverberg, die er selbst vorher gelesen habe, einem Gremium des Reichsverbandes Vorgelegen habe Dieses Gremium habe den Ausführungen S .verbergs mit einer Ausnahme voll gugeftimmt, wobei der Redner betonte, dah auch er mit den Ausführungen in seiner inoffiziellen Stellung absolut einverstanden gewesen sei.
Rach Duisberg erklärte Dr. Schlenker, dah es unseren Wirtschnftsführern beim besten Willen nicht mehr möglich sei, sich durch den Wirrwarr der Steuergesetzgebmng hindurchzufinden. Der Redner forderte zunächst beständige und übersichtliche Verhältnisse, dann erst Reuregelung des Finanzausgleichs. Hand in Hand müsse eine Reuregelung der dringend reformbedürftigen Realsteuern Preußens, nämlich der Grund- und Gewerbesteuern, gehen. Den Gemeinden könne nur dann ein Zuschlagsrecht gewährt werden, wenn auch die breiteren Schichten der Lohnempfänger an dem Aufkommen der kommunalen Zuschläge zu den Ertragssteuern beteiligt seien. Die Hauszinssteuer bedürfe dringend der il.ngeftaL- tung. Auch die Wirtschaft werde schließlich nicht an der Prüfung der Frage vorbeikommen, ob sich die notwendigen Derwaltungsvereinsachungen nicht lediglich auf dem Wege einer Reform der Reichsverfassung herbeiführen ließen.
Provisoriums im Sejm beantragt hatte. Dzie- chowski wurde aus dem Bett gerissen und mit Revolverkolben am ganzen Körper blutig g e» schlagen. Sein Zustand ist äußerst bedenklich. Von den Tätern konnte noch niemand festgestellt werden. Der Lieberfall hat das größte Aufsehen erregt. Eine Reihe hochstehender Persönlichkeiten, darunter Gesandte und Abgeordnete, haben dem Minister, der infolge der erlittenen Verwundungen zu Bett liegt, persönlich ihre Wünsche zur baldigen Genesung ausgesprochen. Die Offiziere hatten vor dem Heber» fall die Telephonleitung des Ministers durchschnitten.
Der Inhalt des Moskauer Vertrages.
London, 1. Olt. (TH.) Der Text des sowjetrussisch-litauischen Vertrages wird heute veröffentlicht. Der erste Artikel stellt fest, daß die Beziehungen der beiden Länder auf der Basis des am 12. Juli 1 9 2 0 inMoskau unterzeichneten scwj et russisch - litauischen Friedens vertrag es fortdauern sollen und dah alle Bestimmungen gültig und unverletzlich sind. (Diese Klausel wird ausgelegt als die Anerkennung Wilnas als litauisches Gebiet durch Sowjetrußland.) — 3m zweiten Artikel verpflichten sich die Vertragsparteien gegenseitig, die Souveränität und territoriale Integrität unter allen Umständen zu respektieren. — Artikel 3 bindet beide Parteien gegenseitig, keinen Krieg gegeneinander zu sühnen und neutral zu bleiben, wenn einer der beiden Staaten von einer dritten Macht angegriffen wird. — Artikel 4 sieht vor, dah die Parteien sich nicht an Koalitionen oder Kombinationen gegen eines der beiden Länder beteiligen und sich insbesondere auch von allen Kombinationen eines wirtschaftlichen oder finanziellen Boykotts eines der beiden Länder fernzuhalten haben. — Artckel 5 sieht die Einsetzung einer Kommission zum Ausgleich aller Differenzen vor, übersäht aber die Einzelheiten für die Zusammensetzung dieser Kommission einem noch abzuschlie- ßenden Abkommen.
Wilna und der ruffifch-litauifchevertrag Die Zusammenkunft von Thoiry und die Aussicht aus eine deutsch.französftche Verständigung haben in allen europäischen Kabinetten lebhafte Bewegung ausgelöst. England, das bei den Ausgleichsversuchen zwischen Frankreich und Deutschland die letzten Jahre hindurch bereitwillig Pate gestanden hat, war aus der Sommertagung in Genf auffallend zurückhaltend. Richt minder Italien, der andere Garant des Locarnovertrages. Beide haben eine Besprechung ihrer leitenden Staatsmänner für zweckmäßig erachtet. Warum man diese Zusammenkunft auf der Reede von Livorno nicht bloß als einen Höflichkeitsakt befreundeter Staatsmänner ansehen kann, wie es die Londoner Presse hinstellen möchte, das wurde hier bereits gestern erörtert. In weniger engem Zusammenhang mit der Politik von Thoiry stehen die Moskauer Verhandlungen zwischen dem russischen Außenkommissar Tschitscherin und dem litauischen Ministerpräsidenten, die soeben -um Abschluß eines R e u t r a l i t ä t s - und S ch i e d s v e r t r a - ges zwischen der Sowjetunion und Litauen geführt haben.
Tschitscherins Politik läuft darauf hinaus, mit sämtlichen Staaten deS Baltijzckns eine Art Locarnopakt für den Osten zu 'schaffen. Zu diesem Zwecke sind bereits vor längerer Zeit von Moskau aus Einladungen an die Regieri-ngen Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens zu gemeinsamen Verhandlungen über einen derartigen Vertrag ergangen. Die baltischen Staaten haben auf einer ihrer periodischen Ministerkonferenzen sich nicht zur Annahme dieses Vorschlages entschließen können. Rußland hat daher Einzelverhandlungen eingeleitet, die nun also mit Litauen, als erstem der baltischen Staaten, zu einem Erfolg geführt haben. Der russisch-litauische Vertrag unter» scheidet sich in seiner äußeren Form nicht wefent» lich von den zahlreichen anderen Reutralitäts» und Schiedsverträgen der Nachkriegszeit. Interessant ist er deshalb, weil man einmal in der Garantie des augenblicklichen Besitzstandes des litauischen Staates die russische Anerken- n*ng der Annektion Memels durch Litauen erblicken könnte, zum anderen, weil der Vertrag auf den Moskauer Pakt des Jahres 1920 fußt, und das von den Polen besetzte Wilna als litauisches Gebiet anspricht. Die Befürchtung, die man besonders im Memel- gebiet selbst hegte, daß nämlich Rußland Memel als litauischen Besitz anerkannt habe, scheint nicht begründet zu fein. Rach Erklärungen des litauischen Gesandten in Berlin, Dr. Sidzi- s k a u k a s, enthält der Vertrag über das Memelgebiet überhaupt nichts. Es wäre auch kaum denkbar, daß Rußland durch einen so ausgesprochen unfreundlichen Akt das traditionell-gute Verhältnis zu Deutschland unnötigerweise trüben werde.
Anders ist es mit Wilna. Wilna ist seit der Gründung des modernen litauischen Staates die offene Wunde, die das politische Leben Litauens nicht zur Ruhe kommen läßt. Wilna, jetzt eine Stadt von fast 400 000 Einwohnern, war das Zentrum der alten litauischen Großmacht des 14. und 15. Jahrhunderts. Seitdem aber Großfürst Jagiello mit der Hani) der Königin Hedwig auch die polnische Krone erwarb, haben Litauen und seine Hauptstadt Wilna jahrhundertelang die Schicksale des polnischen Staates geteilt bis zur Reuordnung der osteuropäischen Landkarte nach der 3ertiümmerung des russischen Zarenreiches. In den ersten Jahren nach Kriegsende wanderte Wilna von einer Hand in die andere. Rach Abzug der deutschen Okkupationstruppen besetzten zunächst Me Bolschewisten, dann die Polen die Stadt. Im russisch- polnischen Kriege von 1920 zogen wiederum die Bolschewisten in Wilna ein. Im Vertrag von Moskau überließen sie das Wilnagebiet Litauen. Jedoch nachdem das Kriegsglück sich den Polen zuwandte, machten polnische Truppen Litauen den Besitz Wilnas streitig. Eine Intervention des Völkerbundes, der durch den Belgier Hymans eine Demarkationslinie zwischen Polen und Litauen festlegte, wurde durch den berühmten Handstreich des polnischen Generals Zeli- g o w s k i unliebsam gestört. Offiziell mißbilligte man zwar in Warschau den offensichtlich von langer Hand vorbereiteten Gewaltakt, aber im polnischen Volk fand der General für seine Po- littk begeisterte Zustimmung. Eine Vollsabstim» mung, für die sich nun der Völkerbund einsehte, fand zwar im Januar 1922 statt, aber unter den Bajonetten der Truppen Zeligvwskis konnte natürlich von einem Selbstbestimmungsrecht der Wilnaer keine Rede sein.
In dem neuen Wilnaer Sejm gab es überhaupt keine Opposition. Man war sich lediglich über die Form der Angliederung des Wilnagebietes an Polen nicht einig. Die einen wollten die glatte Annektion, die anderen die Vereinigung mit Polen unter Wahrung der Autonomie des Wilnagebietes. Es bedurfte eines gemeinsamen Schrittes Englands, Frankreichs und Italiens, um die Warschauer Regierung zum Erlaß eines Statuts zu bewegen, das dem Wilna- gebiet eine, wenn auch sehr beschränkte Autonomie einräumte. Polen übernahm oftickell die Verwaltung Wilnas ^ind die Wilnaer Abgeordneten wurden in dön polnischen Reichstag auf» Genommen. Weder die Westmächte noch der Völkerbund äußerten sich weiterhin zu der Wilna- frage, dagegen erhob Litauen wiederum formell Protest und Rußland betätigte die Abmach un-


