Ausgabe 
2.9.1926
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 205 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberheffen) Donnerstag, 2. September (926

Genf von London aus gesehen.

Don unserem A. L.-Derichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

London, 30. August 1926.

Wenn es heute in London einen Derg gäbe, der fo hoch wäre, daß man unter Zuhilfenahme eineS .außenpolitischen" Fernrohres bis nach Dens blicken könnte, dann würde man über den Städtchen und Dörfern am Genfer Eee nichts als Debet sehen, nichts als Rebel, Debet, der noch dichter ist. als man ihn. bildlich gesprochen, vom Kontinent über England zu sehen gewohnt ist Es ist dec Debel der Llngewihheit, den oller offizielle und offiziöse Optimismus mcht beseitigen kann.

Als genau heute vor neun Monaten sich die Premier- und Außenminister der am Vertrage von Locarno beteiligten europäischen Staaten in London versammelten, um ihre Damenszüge unter eines der vielversprechendsten Dokumente zu sehen, das die Geschichte kennt, lag auf allen Gesichtern freundlicher Sonnenschein, troh des damals in natura vorhandenen Debels. Aber des Lebens ungetrübte Freude ward keinem Sterblichen zuteil, am wenigsten Wohl der hohen Diplomatie, die sich, wie seit einiger Zeit be­hauptet wird, neuerdings dieneue Diplo­matie" nennt im Gegensah zur alten, ver­besserungsbedürftigen. Dieser Anspruch begrün­det sich, wie man meint, auf der Ausgabe des Verfahrens der Geheimverhandlung. wobei aller­dings zugegeben wird, das) sich dieser Gewinn schon aus der Gemeinsamkeit des diplomatischen Schauplatzes, nämlich Genf, ergibt, wo im übrigen auch alle Sonderverträge der einzelnen Mächte untereinander, den Bestimmungen des Dölker- bundpaktes gemäß, hinterlegt werden müssen. Wir glauben, in Ermangelung unzweideutiger Beweise noch nicht in der Lage zu fein, die Vorzüge derneuen Diplomatie" bereits richtig erkannt zu haben, aber wir können nicht sagen, dah sie es verstanden hat, sich vor unliebsamen Lieberraschungen, deren es in der Vergangenheit leider so viele gab. gänzlich zu schützen. Aber wir wollen nachsichtig sein und ihr zugute halten, dah sie noch in den Kinderschuhen steckt, um so mehr, als sie in Genf noch nicht voll­zählig vertreten ist.

3n der kommenden Woche hat sich der Völker­bund durch ein kompliziertes, aber noch keines­wegs hoffnungsloses Gewebe nationaler und per­sönlicher Eifersüchteleien und Divalitäten hin­durchzufinden, bevor er einen vorläufigen Schluh- strich unter ein Ereignis von geschichtlicher Be­deutung sehen kann: den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und seinen Dat. Es hiehe Eulen nach Athen tragen, wollten wir jetzt noch einmal auf alle die durch die spanische Forderung auf Tanger und andere Wünsche geschaffenen Komplikationen Hinweisen. Wir wollen uns des­halb mit der Feststellung begnügen, dah Eng­land auf der bevorstehenden Völkerbundsver­sammlung das Zustandebringen der Ausnahme Deutschlands als seine erste und vornehmste Auf­gabe betrachten wird (um mit den Worten einer mahgebenden englischen Persönlichkeit zu sprechen), und zwar aus folgenden zwei Beweggrünben, die sich in ihrer Bedeutung nach der hier wieder- gegebenen Reihenfolge einander unterordnen. Erstens sieht man in England das mit der Aus­nahme Deutschlands in den Völkerbund ver­knüpfte Inkrafttreten der Locarno­verträge als einen wesentlichen Faktor für die Befriedung Europas an, zum anderen ver­bieten schon rein militärisch-strategische Erwä­gungen eine Ausgabe der internationalen Tangerzone an eine einzelne Macht, wer das auch immer sein möge, wobei man getrost dahingestellt sein lassen kann, ob die zweite Er­wägung noch ein Verdienst für die Erfüllung des ersten Punktes übrig läßt. Auf alle Fälle

Die Eroberung von Öfen.

Von Dr. W. Barges, Gymnasialdirektor z. D., Privatdozent an der Llniversität Gießen.

Am 2. September 1926 sind 240 Jahre ver­strichen, dah die alte Stadt Ofen (Buda), die 145 Jahre der Hauptsitz der türkischen Macht in Ungarn gewesen war, von den Christen zurück­erobert wurde. Deutsche Truppen, österreichische, brandenburgische, bayerische und Kontingente des Reichs sind es gewesen, die die gewaltige Festung, den Schlüssel Ungarns, mit stürmender Hand den Feinden entrissen und damit Ungarn von der Türkenherrschaft befreit haben. Die Magyaren selbst haben sehr wenig dazu beigetragen, um Ihre damalige Hauptstadt Pest war in jener Zeit nur ein großes Dorf zurückzugewinnen.

Das Hauptziel des Feldzuges von 1786 war die Eroberung Ofens, die im Jahre 1684 miß­glückt war. In Ungarn waren zwei Heere auf­gestellt, das eine unter dem Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, das andere unter Karl von Lothringen, dem Befreier von Wien. Der ehrgeizige Bayer wollte auf eigene Hand gegen die Türken vorgehen. Erst nach längeren Aus­einandersetzungen entschloß er sich mit Karl von Lothringen zusammen zu operieren. So geschah der Vormarsch erst am 12. Juni 1686. Arn 18. Juni war Die Stadt von dem österreichisch-bran­denburgischen und dem bayerischen Delagerungs- korps eingeschlossen. Die Armee Karls zählte un­gefähr 42 000 Mann, die des bayerischen Kur- fürsten 21 000 Mann, doch wurde fast die ge­samte Reiterei, die bei der Belagerung nicht ver­wertet wurde, gegen Stuhlweißenburg entsendet, um diese Festung zu beobachten.

Der Kurfürst, bei dem sich Ludwig von Baden und Prinz Eugen befanden, lagerte auf dem Blocksberge, Karl am Wiener Tor, die Reichs» völler lagen an der Wasserstadt.

Am ^23. Juni begann die Beschießung: am folgenden Tage fand der erste Sturm statt, durch welchen die Belagerer in den Besitz der unteren Stadt kamen. Die Türken 16 000 Mann, die der tapfere Pascha Abdurrahman befehligte, zo­gen sich in die Festung zurück, die nun beschossen wurde. Zugleich tourbe aber auch der Minenkrieg eröffnet, der aber den Christen mehr Schaden brachte, als den Türken. Als besonders tüchtige Ingenieure bewiesen sich die Drmrdenburger. Die Verluste der Belagere^ waren groß. Am 5. Juli fiel auch der Sohn des alten Dersflingers. Einige Treffer, die die Artillerie erzielt hatte, bewog die Kaiserlichen, am 13. Juli einen neuen Sturm zu unternehmen, der nur große Verluste, aber keine Erfolge brachte. Bei diesem Sturme taten sich besonders die fremden Edelleute, die sich dem

steht fest, daß das Interesse Englands an der Einhaltung des Deutschland gegebenen Verspre­chens mindestens ebenso groß ist, wie an der Aufrechterhaltung des internationalen Statuts von Tanger. Ob sich indessen Spanien mit dem in der Hauptsache von Lord Cecil ausgearbeiteten Kompromißvorschlag einverstanden erklären wird, ist eine andere Frage. Theoretisch ist jedenfalls das Recht Spaniens aus einen per­manenten S i h im Dölkerbundsrat in Eng­land kaum angefochten worden. Aber es ist im Gegensatz zu Fragen von lebenswichtiger Be­deutung von der englischen Oesfentlichkeit von jeher als ein sekundäres Problem betrachtet worden.

Indirekt hat das Festhalten Englands an der Ausschließlichkeit der deutschen Zulassung zu einem permanenten Ratssitz zu einer wenn auch noch nicht sehr deutlich sichtbaren Besserung der deutsch-englischen Beziehungen geführt. Hier­an kann auch die zu Zeiten schwankend gewesene Haltung deS englischen Auhewninisters Sir Austen Chamberlain, den Presse und Oesfentlichkeit mit seltener Einmütigkeit wieder an seine auf Abwege geratene Vorstellung über seine Pflichten gegenüber der Ration erinnerte, nichts ändern. Für entscheidend hält man in England aber das gewiß sachliche und zurück­haltende Verhalten des deutschen Auswärtigen Amtes.Ohne Furcht und Tadel", so muß man die Gesamtauffassung der sonst so kritikfreudigen englischen Presse über die deutsche Außenpolitik der vergangenen 12 Monate zusammenfassen. Vom englischen Standpunkt aus gewiß richtig gesehen, denn für die englische Ausfassung lagen die mehr oder weniger sanften Erinnerun­gen Deutschlands an die Erfüllung der doch recht fest versprochenen Rückwirkungen ebensoviel über dein erwarteten Diveau. wie sie nach deutscher Ausfassung hinter dem zurück- blieben, was man wünschte. Dach Meinung weiter Kreise auch in England sind die Versprechungen betreffs des Rheinlandes und des Saargebietes durchaus nicht so unbestimmt gewesen, wie man das in Paris vorgibt.Ohne Furcht und Tadel" sollte auch die Parole der deutschen Re­gierung in der Verfolgung dieser Probleme fein, wobei sie sicher auf die LInterstühung eines großen Teiles der englischen Oesfentlichkeit rech­nen kann.

Deutschland, so meinte der Reichsaußenmini- ster Dr. Stresernann uns gegenüber am 1. Dez. 1925 in London, hat nicht nur ein Mädchen, mit dem es tanzen kann. Wir wissen, daß er rechtbehalten kann, wenn er rechtbehalten will.

Personalpolitik und Eisenbahnunfälle. Von der Bezirksleitung F r a n k f u r t a. M. des Einheitsoerbandes der Eisenbahner geht uns ein Aufsatz zu, in dem es u. a. heißt: Die erschütternde Tatsache der Häufung dec Eisenbahn­unfälle fordert gebieterisch, einmal vor breitester Oesfentlichkeit die verfehlte Personalpolitik der Reichs­bahngesellschaft zu beleuchten. Seit der Vergesell­schaftung der Reichsbahn 1. Oktober 1924 ist ein Personalabbau und -umbau im Ganyc, dessen Wirkung in puncto Verkehrs- und Betriebssicherheit sich immer mehr in erschreckender Weise zeigt. Hat doch dieser Personalabbau zu einer Dezimierung des Betriebspersonals geführt, daß Be­trieb und Verkehr nach dein jetzigen Betriebs- und Verkehrspersonal nur noch durch Dienst- und Arbeits­leistungen bewältigt werden kann, die das erträgliche Maß weit überschreiten. Diese Dienst- und Arbeits­leistungen sind keinesfalls Einzelerscheinung, son­dern allgemein und Regel geworden. Zum Beweis lassen wir eine kleine Zusammenstellung aus den letzten Tagen mit Datums- und Namenangabe folgen.

Kaiserlichen Heere als Freiwillige angeschlossen hatten, durch ihre Tapferkeit hervor.

Bei dem Versuche, die Bresche zu halten, fanden der Herzog von Deiar, der Fürst Picco­lomini, die Chevaliers von Duplessis und Cour- millon und verschiedene englische Offiziere ihren Tod. Auch der brandenburgische Oberst Graf Dohna fiel. Erfolgreicher war ein nächtlicher An­griff auf den südlichen Graben. Am 23. Juli traf eine glühende Kugel, die aus einem baye­rischen Mörser abgefeuert wurde, ein türkisches Pulvermagazin, das mit 8000 Zentner Pulver in die Lust flog. Die Wallmauer an der Donau­seite wurde auf 60 Schritte zerstört. Ein Haupt- sturm am 27. Juli brachte neue Erfolge, so daß man Abdurrahman zur Liebergäbe aufforderte. Der Kommandant erllärte sich aber nur zur Heber gäbe bereit, wenn der Kaiser Frieden mit der Türkei schließen würde. Die Belagerer lehnten dies ab. Die Geschütze wurden näher an die Stadt herangebracht unb in den eroberten Wer­ken ausgestellt. Der Minenkrieg wurde von den Christrni auf gegeben, weil er meist unter den eigenen Truppen großen Schäden anrichtete. Ein­mal wurden 100 Brandenburger verschüttet. Man befchräntte sich jetzt darauf, die feindlichen Be­festigungen unter ein wirksames Feuer zu nehmen.

Auf die Kunde von dem Herannahen eines Ersatzheeres unter dem Großwesir Suleiman wurde am 3. August ein neuer Sturm unternom­men, der aber mißglückte. Lim den Großwesir besser abwehren zu können, wurden die christ­lichen Truppen enger zusammengezogen und das Lager mit einem Erdwall umgeben. Ernstliche Kämpfe wagte Suleiman nicht zu unternehmen. Seine verschiedenen Versuche, Truppen in die Festung zu werfen, schetterten. Rur wenige 3ani« tfcharen erreichten die Festungstore, waren aber mehr oder weniger verwundet. Da man sah, daß Suleiman keinen Ernst mache, beschloß der christ­liche Kriegsrat, im Angesicht des feindlichen Heeres am 2. September den Hauptsturm zu unternehmen.

Lim 6 Llhr morgens gaben sechs Kanonen­schüsse das Signal zum Generalsturm. Die Türken verteidigten sich mit verzweifelter Tapferkeit. Da sie aber aus Mangel an Munition keine Minen auffliegen lassen und keine Pulversäcke zur Ent­zündung bringen konnten, so drangen die Christen immer weiter vor, rissen die Pallisaden nieder und gelangten schließlich in die Stadt. 'Als erster soll nach dem Bericht ungarischer Geschichtsschrei­ber der ungarische Oberst Petnehazy die Mauer erstiegen haben. Er war ein Anhänger des Anfüh­rers der ungarischen Empörer, Tokolys, gewesen, war aber dann zu den Kaiserlichen übergegangen. Die Türken erkannten ihn, ergriffen ihn und

Es haben Dienst geleistet:

<r> CM

Reine

Rach-

a> i

Sienfb

Ar-

sol.

E

Äame

Züge

schicht

beitS-

genbe

a

zeit

Ruhe

G

Std.

Std.

Std.

10.8.

Kranz Holl

6776-6981

76766981

19,00

20,00

16,16

16,35

12,00

11,00

11.8.

Willich

76126981

18,55

17,20

12,50

Gernhardt

77686053

21,40

19,28

13,20

Verlach

76127861

18,00

15,08

10,00

Kersch

7776-7861

16,00

13,07

10,00

Holl

7626-6975

23,15

18,53

17,44

12.8.

Schreiber

7784-6974

22,43

17,45

13,17

13.8.

Holl

7776-6981

17,22

17,22

11,00

Kranz

7778-6975

20,15

17,65

10,45

14.8

Harttg

7612-7305

17,00

14,05

23,00*

Holl

7768-7625

13,14

14,00

25,00*

Strüber

77766985

18.10

17,45

9,50*

w

Gerlach

7776-6985

18,10

17,45

9,50

16.8

Plorr

7766-6799

23,53

21,28

12,00

Holl

7766-6799

23,53

21,28

12,00

Kersch

7784-7855

21,00

16,20

12,00

) Sonntagsruhe.

Diese Zusammenstellung enthält nur Zugbeamte und es sind Beschwerden von nur einem einzigen Bahnhof. Sie enthält auch nur einen Bruchteil von vielen Beschwerden des Betriebs- und Verkehrs- personals über dienstliche Ueberkaftungen.

Zwar schreiben die Dienstdaueroorschristen vor:

Die planmäßige Arbeitszeit darf im Durch, schnitt

a) bei ununterbrochener, besonders anstrengender Beschäftigung 8 Stunden an einem Arbeitstage, 48 Stunden in einem siebentägigen und 208 Stunden in einem 30tägigen Zeitraum nicht übersteigen,

b) im übrigen bis zu 10 Stunden an einem Ar­beitstag, 60 Stunden in einem siebentägigen und 260 Stunden in einem 30tägigen Zeitraum ausgedehnt werden.

Zur Erzielung zweckmäßiger Dienstpläne, die den Bedürfnissen des Betriebes und Verkehrs sowie

den Gepflogenheiten des Personals Rechnung tra­gen, darf die Arbeitszeit an einem Arbeitstag 8 bzw. 10 Stunden überschreiten, sofern die für den sieben- tägigen und ßOtägigcn Zeitraum vorgeschriebenen Höchstmaße dadurch nicht überschritten werden."

Diese Dienstdauervorschristen sind mit den Orga­nisationen vereinbart und bilden die Grundlage für die Ausstellung der Dienstpläne und Heranziehung des Betriebs- und Verkehrspersonals zum Dienst. Seitens der maßgebenden Stellen der Reichsbahn werden indessen diese Dienstdauervorschriften bet Aufstellung der Dienstpläne nicht mehr beachtet.

Am meisten leidet unter der übermenschlich langen Dienst- und Arbeitszeit das Zugbegleit­personal. Gerade dieses Personal ist durch den 2Ibau am meisten dezimiert.

Daß bei solchen Dienst- und Arbeitsleistungen und übermäßigen Dienst- und Arbeitsschichten die körperliche und geistige Spannkraft nachlassen, ja sogar ein körperlicher Zusammenbruch erfolgen muß, wird niemanden wundern. Der Zusammen­bruch macht sich bereits stark bemerkbar. Die Krank- heitszisfer ist gestiegen und die Unfälle haben sich gewaltig vermehrt. Jedem Menschen geht nach einer gewissen Zeit der intensiven Tätigkeit in geistiger bzw. körperlicher Hinsicht die geistige unb körperliche Spannkraft verloren. Er braucht zur Wiederauffrischung der verlorengegangenen Kräfte eine gewisse und bestimmte Zeit der Ruhe.

Nun haben wir schon seit Monaten auf die ge­fährliche Auswirkung einer solchen Personalpolitik auf die Betriebssicherheit wiederholt verwiesen. Die Neichsbahnverwaltung hat diesen Hinweis nicht be­achtet. Die Häufung der Unfälle beweist dies. Gerade der Eisenbahnverkehr und -betrieb mit seinen tau- fenbfältigen Gefahren erfordert im Interesse der Betriebssicherheit ein in jeder Beziehung leistungs­fähiges Betriebs- und Verkehrspersonal. Diese Leistungsfähigkeit muß aber bei den geforderten Dienst- und Arbeitsleistungen aus dem Nullpunkt anlangen und damit die Betriebssicherheit schwer gefährden. Das reisende Publikum darf dies aber im Interesse der eigenen Sicherheit nicht zulassen. Tritt bezüglich der gänzlich verfehlten Personal- Politik der Reichsbahngesellschaft keine Aenderung ein, bann ist zweifellos noch mit einer weiteren Häufung der Eisenbahnunfälle zu rechnen.

Die Bezirksfchule

Jt

eftanlage.

Seit Oktober v. I. sind die Bauhandwerker die regierenden Herren auf dem Grundstück der Bezirksschule in der We st anlag e. Das Schulhaus, das vor vierzig Jahren erbaut wurde, erfuhr eine Erweiterung durch einen Anbau, und seit dem Beginn der großen Ferien auch einen gründlichen Umbau, der dringend not­wendig geworden war, nachdem das Haus in den vier Jahrzehnten seines Daseins keine Verbesse­rung erfahren hatte. Der Llnterrichtsbetrieb findet seit dem Miaus der Sommerferien behelfsmäßig in anderen Schulgebäuden statt, nach den Herbst- serien wird der größte Teil der Klassen in das neu hergerichtete gewohnte Heim zurückkehren, während der Anbau voraussichtlich einige Wochen spater bezogen werden kann.

Bei einem Rundgang durch das Gebäude konnten wir feststellen, daß die Inneneinrichtung des Altbaues sowohl inderRaumausnuhung, wie auch in der Reugestaltung der Korridore und Zimmer eine recht vorteilhafte und zeit­gemäße Verbesserung erfahren hat. und daß in dem Anbau der Schule die Lknterrichtsväume gegeben wurden, die notwendigerweise zu einem neuzeitlichen Schulbetrieb gehören.

Das Kellergeschoß im Altbau, das bisher nur zur Aufbewahrung von allerlei altem Gerümpel biente, ist jetzt völlig für Schulzwecke nutzbar gemacht worden. Hier wurde eine Speifeküche für die Zwecke der

Kinder - Schulspeisung eingerichtet, ferner ein Aufenthaltsraum für Kinder, den diese vor dem Unterrichtsbeginn und in den Pausen auf- uchen und sich dort vor den Unbilden der Witterung chützen können. Die M ä d ch e n f o r t b i l d u n g s- chule hat hier vorläufig einen Raum für den Waschunterricht, bis sie mit diesem Lehrbetrieb in ein eigenes Haus wird einziehen können. Ferner ist in diesem Geschoß eine nach neuesten Erfahrungen erbaute Zentralheizung vorhanden, die mit Fern-Thermometern ausgeftattet ist, wodurch es dem Heizungswärter ermöglicht wird, die Temperatur jedes Zimmers an der Zentralheizstelle abzulesen unb zu regulieren. Die unzweckmäßige Ofenheizung in ben einzelnen Zimmern ist nunmehr entfernt. Enblich ist hier ein Teil bet mobernen Abort- unb Waschanlagen für Kinber mit Zugängen vom Schulhof unb vom Treppenhaus her untergebracht. Die Kellerräume sind jetzt hoch- unb grunowasser frei hergestellt worden. Von besonderem Interesse ist übrigens, daß man bei den erforderlichen Aus­schachtungsarbeiten zur Tiefergestaltung des Kellers auf Reste der früher,en Stadtmauer, die sog. Georgen schanze, gestoßen ist: der Denkmalpfleger Prof. H e I m rf e wurde von diesen Funden in Kenntnis gesetzt. Das Kellergeschoß des Anbaues enthält ausgezeichnete, helle Räume für ben Werkunterricht, Kraftanschluß ist vorhanben.

Als angenehme Verbefferung fällt zunächst in bern

knüpften ihn auf, aber er formte von den nach­bringenden Christen noch rechtzeitig losgeschnitten werben.

Die ersten Trupkpen, bie in bie Stabt ein- brangen, waren bie Brandenburger unter Bar­fuß, denen sich bie Schweben angeschlossen hatten, und bie Kaiserlichon unter Feldmarschall be Souches. Den Bayern war es nicht gelungen, in bas Schloß einzubringen. Erst als bie von ber Gegenseite vordringenden Brandenburger und Kaiserlichen das Tor auf dem Georgiplahe öffneten, rückten sie in die Feste ein. In ben Straßen und in dem Häusern wurde von den Türken der tapferste Widerstaird geleistet. Am Wiener Tor fand der greife Pascha Abdurrahman tapfer fechtend seinen Tod. Den Säbel in den Händen, kämpfte er so lange, bis er von mehreren Kugeln getroffen zusammenbrach. Die christlichen 'Truppen, bie burch ben langen Widerstand er­bittert waren, hiebei, alles nieber. Rur mit Mühe konnte ber Kurfürst won Bayern eine Anzahl von Türken, die in einem Zwinger zusammengedrängt waren, ihrem Grianm entreißen. Die Türken hatten, als schon bie Christen in bet Stabt waren, eine Anzahl Häuser in Brand gesteckt. Die Feuersbrunst breitete sich immer weiter aus, so dah Ofen am Morgen nicht mehr einer Stadt, sondern einer Ruinenstätte glich. Außer vielen Mörsern wurden 400 Geschütze erbeutet.

Als der Großwesir sah, daß die Feste ge­nommen war, zog er fich nach Stuhlweihenburg und Essek zurück.

Arn 2. September um 5 Llhr nachmittags wehte die kaiserliche Flagge auf dem Schlosse von Ofen, das mit seinen gewaltigen Mauern 145 Jahre das festeste Bollwerk deS türkischen Sultans in .Ungarn gewesen war. Deutsche Feld­herren, deutsche Offiziere und deutsche Soldaten hatten einen Erfolg erzielt, der ben größten sonstigen Heldentaten an bie Seite gestellt wer­ben kann. In der Christenheit herrschte großer Iubet über die Heldentat. Rur am Hofe Lud­wigs XIV., den der Spott der damaligen Zeit im Gegensatz zu dem Grobtürken als den kleinen Türken bezeichnete, sah man sauer. Ein solcher Erfolg der deutschen Waffen war dem Sonnen­könig eine gleiche unliebsame Enttäuschung, wie es das Mirakel von Wien gewesen war.

Gießener Stadttheater.

Kraatz uud Neal:C diese Bubiköpfe"!

Vor grauen Zeiten lachte man im Theater über den sogenannten Sacktüchelkomiker, dem immer im unpassendsten Augenblick ein undefinier­barer Lappen fjmten heraushing. Rur unheil­

bare Optimisten vermochten zu glauben, mit fo etwas könnte man heute keinen Eindruck mehr machen. Ratürlich kann man.

Es braucht nicht immer das knallbuntkarierte Rastuch zu sein, ein abgerissener Frackschoh tut dieselben Dienste. Ein Schwenkerflügel, der einem lügenhaften Filmfabrikanten auf den aus Schwän­ken sattsam bekannten Abwegen von einem Meisterboxer meuchlings geraubt wird, und der 3 Akte lang gewissermaßen als Damoklesschwert, teils sichtbar, teils imaginär, Über der Szene schwebt.

Ferner ist zu sagen, daß jemand mit einem Doppelgänger gestraft ist, was man auch früher schon auf der Bühne erlebt hat, und was im Theater überhaupt häufiger vorkommt, als im LÄben.

Die Bubiköpfe (im Titel) sind eine nicht ein­mal mehr aktuelle Verlegenheitsgeste und haben weiter nichts zu bedeuten. Der Rest aber ist eine solche Anhäufung von Witzlostgkeit unb blühen- bem Blödsinn, daß man sich auch bei viel gufer Laune und Sinn für Humor und in voller Wür­digung der sehr sauren Gurkenzeit, in der wir leben, einigermaßen wundern muß. Es gibt auch beim Schwank eine gewisse Grenze, die em ge­pflegtes Theater nicht überschrellet.

Dabei ist dem Ganzen ein einwandfreier unbestrittener, lauter Erfolg zu bescheinigen: ein Erfolg, den man sogar begrüßen wird, wenn man sich des sozialen und charitattven Moments der Aufführung entsinnt, von dem man zuvor sagen hörte und lesen konnte.

Hohes Lob verdienen alle Mitwirkenden, die sich mit einer schönen Hingabe für den Abend einsehten. Es spielten mit, außer dem mißhandel­ten Frack, von dem berichtet wurde, die Damen Marcks, Krahmer, Andre und Jüng­ling, die Herren Goll, Volck, Schwan- n e t c und Ges fers, der als Meisterboxer auf der Bühne umher tobte und nicht zu beneiden war. Goll tat, was er konnte: man freut sich darauf, ihn endlich einmal in einer angemessenen, guten Rolle zu erleben. Schwanneke, elegante Erscheinung und witziger Plauderer, immer ge­schmackvoll und liebenswürdig, wie mans an ihm gewohnt ist, verabschiedete sich (um einem En­gagement nach Landsberg zu folgen) in einer Doppelrolle vom Gießener Publikum. Volck hatte zwei Minuten lang die beste Szene des Abends in Händen: seiner Regie hätte man es gedankt, wenn er wenigstens den peinlich ver­schleppten Schlußakt energisch zusammengestrichen hätte.

Von der 2lufnahme der Reuigkeit wurde bereits gesprochen. Dr. Th.