orientierte Kreise der islamischen Geistlichkeit, die den veralteten überlebten Religionsstaat herbei- sehnen, größeres Interesse, und cs ist daher nicht zu verwundern, daß die türkischen und russischen Mo. !>ammedaner, die mit einer Zahl von etwa 40 Millionen wohl das fortschrittlichste Element des Islams darstellen, auf dein Kongreß in Kairo nicht vertreten waren.
Ein großer einheitlicher Gedanke, der den gesamten Islam umfaßt, ist schon seit langem nicht mehr vorhanden. Der hierauf begründete Mißerfolg des letzten „Heiligen Krieges" ist noch in schmerzlicher Erinnerung, und cs zeugte von großer Unkenntnis, so ganz unberechtigte Hoffnungen auf die Schlag- traft eines so morschen Zusamenhangs des islamischen Orients zu setzen. Auch bei der Gelegenheit der Kalifatskonfercnz in Kairo trat diese lange bestehende, tiefe Spaltung des Islams offen zutage', und man kann heute mit voller Berechtigung von dem Kreise der türkischen Nordmohammedaner im Gegensatz zu den mehr reaktionären arabischen Südmohammedanern sprechen.
Dieser Gegensatz dürfte sich vor allem auch auf dem allislamischen Kongreß geltend machen, der von dem heutigen Herrscher im Hedschas dem Wciha- bitensultan A b d ulAsisJbnSaud in Mekka zusammengerufen und in diesen Tagen feierlich eröffnet worden ist. In kluger Voraussicht hat Ibn Saud für diesen Kongreß die Frage eines Kalifats ganz beiseite gelassen und als klar umrissenes Programm lediglich die Sicherung der Pilgerfahrt und die Regelung der künftigen Verwaltung der den Mohammedanern heiligen Stätten aufgestellt und damit das Interesse des gesamten Islams wachgerufen. Sicherlich spielen auch praktische Gesichtspunkte ein gewichttges Wort mit, denn für den je- weiligen Beherrscher der heiligen Stätten hat die Pilgerfahrt immer eine sehr beträchtliche Einnahmequelle dargestellt, und es ist daher nicht zu verwundern, daß der Wahabitensultan die seit Jahrhunderten währende, erbitterte Gegnerschaft seiner Religionssekte gegen die Pilgerfahrten aufgibt, gerade jetzt, da Mekka und Medina fest in seiner Hand sind. Es ist ein schlauer Zug dieses klugen Mannes, den Kongreß jetzt einzuberufen, um den Islam davon zu überzeugen, daß die gläubigen Moslems ungestört nach Mekka pilgern können, und daß er die Dermal- tuna der heiligen Stätten als eine gemeinsame Sache des Islams hingestellt, hat ihm die Sympathien der gesamten islamischen Welt gesichert. Für das, was nicht auf dem Programm steht, für die Lösung der Kalifatsfrage, dürfte hier wichtige Vorarbeit geleistet werden. Beschützer der heiligen Stätten sein, gehört zu den wichtigsten Ausgaben eines Kalifen, und Ibn Saud ist heute unveschränkter Herrscher über Mekka und Medina'.
Seit einigen Monaten setzt ein ausfälliges Werben Ibn Sauds um die Gunst der Türkei ein, das um so auffälliger ist, als die heutigen Regierungsmänner in der Türkei von den Arabern gerne als gottlose Verräter am Islam hingestellt werden, die mit der Herrschaft des Scheich-ül-Jslamat gebrochen, die Religionsschulen aufgehoben, das Religionsgesetz abgeschafft, die Klöster mitsamt den frommen Stiftungen einaezogen und Trennung von Kirche und Staat proklamiert haben. Aber die Türkei genießt als stärkste Macht im islamischen Orient doch ein großes Ansehen.
Ibn Saud hat die Türkei wissen lassen, er lege großen Wert darauf, daß die Türkei zu seinem Kongresse Delegierte nach Mekka entsende. Es wurde in Angora bereits als eine sehr liebenswürdige Geste des Wahabitensultans aufgefaßt, daß er'als Emir von Mekka den Scherif Ali Haidar Pascha ernannt hat. Haidar Pascha war früher türkischer Minister und wurde während des Weltkrieges von der Hohen Pforte bereits zum Emir des damals türkischen Mekka bestimmt, konnte aber - infolge des Aufstandes Husseins, der jetzt als vertriebener erster König des Hedschas von Englands Gnaden in Cypern lebt, sein Amt nicht am ' treten. Inzwischen hat die Türkei als diplomatischen . Vertreter den früheren Kommandanten von Mekka, * Suleiman Schewket Bey, ernannt.. Als 7 Berater ist ihm Machmud Schewket Bey beigegeben, der vor dem Kriege Mali im fernen war r und erst vor kurzem von Arabien zurückgekehrt ist. Er sprach sich vor Pressevertretern äußerst günstig über die Türkenfreundlichkeit Ibn Sauds aus, der betone, daß er während des Weltkrieges nie gegen die Türkei gekämpft habe und ein großer Verehrer des Befreiers der Türkei Gast Kemal Paschas sei.
Die Türkei hat der Einladung zum Kongreß Zern Folge geleistet und ist durch den Abgeordneten Edib Serwet Bey vertreten. Zusammen mit ihm haben die 13 Abgesandten der russischen Mohammedaner die Reise angetreten. Sie hatetn ursprünglich die Einladung zum Kalifatskongreß in Kairo angenommen, aber nach Fühlungnahme mit Angora von einer Weiterreise abgesehen und weilten daher mehrere Wochen in Konstantinopel. Es ist überhaupt ein enger kultureller Zusammenschluß zwischen den Türken und den russischen Mohamme- "banem zu verzeichnen, die ja zumeist der Familie der Türkvölker angehören und durch Religion, Sitte und Sprache eng verbunden sind. Dieses Zusammen
jungen Amerika von heule, das den Optimismus, den Willen zur Lust, auf seine siegreichen Fahnen geschrieben hat. Wir älrenfel Schopenhauers, dieses größten Pessimisten, der sein eigenes Leben bekanntlich wie ein Jünger Gpicurs durchaus genossen hat, suchen wieder ein Heim auf dieser Erde zu finden, sind Diesseits-Menschen geworden und möchten nach Möglichkeit eine Einheit zwischen unseren Lehren und unserem Leben Herstellen. Der Romantiker will, was schon Shake-- speare wollte, ein Spiegel der Zeit sein. Gin Spiegel, wohl verstanden und nicht ein bloßer Tllrklatsch seiner Zett, wie es der Raturalismus predigte. Der Romantiker sucht das Leben zu erhaschen. Aber nicht, indem er ihm nachläust oder es einfach naturgetreu durchpaust, sondern dadurch, daß er ihm einen Sinn verleiht oder einen solchen in das Leben hineinsieht. Zn dieser Hinsicht komponiert der Romantiker starker, als der Raturalist oder Expressionist, die drauflos stottern oder heulen.
Der Romantiker von heute wie der von gestern Kat einen schlimmen Feind, den Abgott der alten Athener, die Ironie. Aber der wahre Romantiker wird sich nicht ganz von dieser Ironie und Spottlust verschlingen lassen. Er wird vor allem sich den Blick für die Gröhe und Erhabenheit bewahren und das Edle nicht in den Glauben oder die Lächerlichkeit ziehen. Darum habt er und verachtet er Bernhard Shaw, der alles verkleinert und verzerrt/)
Der romantische Dichter wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht über der Torheit des Tages und über der Mißachtung der Zahlenmenschen und hohlen Profitjäger die Hoffnung behielte. Gr ist ja überhaupt ein Mensch, der
*) Gin interessantes Urteil, das man dennoch nicht zu teilen braucht. D. R.
gehörigkeitsgefühl wurde durch einen gemeinsamen Kongreß aller Türkvölker im April dieses Jahres in Baku gefestigt, und es wurde dort u. a. der Beschluß gefaßt, künftig die arabische Schreibweise der türkischen Sprache durch das lateinische Alphabet zu ersetzen. Es ist daher sicher anzunehmen, daß Russen und Türken in Mekka geschlossen als Vertreter der fortschrittlichen Ideen des Nordislams auftreten und vor allem bei etwaigen Vorschlägen zu der dringend notwendigen Reform der islamischen Religionsform ein gewichtiges Wort mitsprechen und so allerdings reichlich Konfliktsstofs herbeibringen werden.
Es wäre sicher falch, aus dem großen Entgegenkommen Ibn Sauds lind dem Eingehen der Türkei darauf irgendwelche Schlußfolgerungen in Hinsicht
eines neuerwachenden Panislamismus ziehen zu wollen. Es gibt, was die auch heute im Orient noch immer ausschlaggebende Religionsseite anlangt, zuviel trennende Momente, und die heutige Türkei hat durchaus kein Interesse daran, seine Untertanen in großen Mengen zu den heiligen Stätten des Islams pilgern zu lassen, in denen sic ja doch nur den Herd der Infektion mit gefäbrlichem religiösen Fanatismus erblickt. Als politischer Freund jedoch ist der Wahabitensultan Ibn Saud für die Türkei von großem Wert. Er ist heute der anerkannte Herr von Arabien und im gesamten islamischen Orient einer der wenigen unabhängigen -Herrscher von realem, politischen Wert.
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Die Zchiilgesmdheitspflege im Meise Gießen.
Dem Gießener Kreistag wurde in seiner jüngsten Sitzung der Bericht des Kreis- schularztes über die schulärztliche Tätigkeit im Jahre 192 5/26 vorgelegt. Der neue Amtsarzt Dr. Orth übernahm die Dienstgeschäfte von seinem Borgänger Dr. Schüppert erst Ende Mai 1925. Daher umfaßt der Bericht nur die schulärztliche Tätigkeit und die in ihr gemachten Wahrnehmungen in der Zeit vom 1. Juni bis Ende des Schuljahres 192 5/2 6. Dem Bericht entnehmen wir folgendes :
Wie in den Vorjahren, konnten auch im Berichtsjahr infolge der räumlichen Ausdehnung des Kreises, der schlechten und wenigen Zugverbindungen und des Fehlens eines modernen, schnellen Verkehrsmittels nicht alle Schulen des Kreises besucht werden. Die Vorstellung der neu aufzunehmenden Kinder in den Diensträumen des Berichterstatters in Gießen, welche durch einzelne Rektoren veranlaßt wurde, konnte dem Mangel nur wenig abhelfen.
In der Derichtszett wurden von 78 Gemeinden 50 besucht, darunter sämtliche größeren, mit insgesamt 163 Klassen und zusammen rund 9000 Schulkin^rn. Von 700 Schülern des ersten Schuljahres wurden 205 beanstandet, d. i. rund 30 Prozent gegenüber 12 Prozent der Schüler der übrigen sieben .Hlassen. Die erhöhte Ziffer der beanstandeten Kinder im ersten Schuljahr darf einmal auf die strengeren Anforderungen bei der Untersuchung, weiter aber auch auf eine erhöhte Auffälligkeit dieser in dem Jahr nach Kriegsende geborenen und in der Inflationszeit herangewachsenen Kinder zurückgeführt werden. Sie ist weiter dem unvermindert fortbestehenden Wohnungselend zur Last zu legen. Die gleichen Gründe sind maßgebend für die erhöhte Zahl der beanstandeten in den anderen Schuljahren. Sie weist gegen früher eine Steigerung um etwa 3 Prozent auf. Auch diese Kinder, die zum Teil in den Kriegsjahren großgeworden sind, bedürfen erhöhter schulärztlicher Aufmerksamkeit.
Allgemeiner körperlicher Zustand der Kinder , im kreise.
Als Erfolg langjähriger, schulärztlicher Tätigkeit im Kreise Gießen darf die Feststellung verbucht werden, daß die körperliche Reinlichkeit und das Freisein von Ungeziefer fast durchweg als zufriedenstellend bezeichnet werden kann, wenn sich auch im einzelnen noch regionale Verschiedenheiten feststellen lassen.
Die gegenüber anderen hessischen Kreisen übeckurchschnittlich gute Reinlichkeit der Schulkinder darf auf das Konto der langjährigen, schulärztlichen Versorgung des Kreises und die intensive, aufklärende Tättgkeit der Kreisfür- sorgerinnen gesetzt werden. Es bleibt aber noch zu wünschen, daß die in einzelnen Schulen des Kreises eingerichteten, bequemen Schulbäder häufiger von den Kindern benutzt werden.
Eine über den ganzen Kreis gleichmäßig verbreitete Erkrankung konnte nicht festgestellt werden. So beschränkt sich z. D. die T u b e r t u l v s e, die Rachitis, die Schilddrüsenschwellung, das gute oder schlechte Gebiß in seinen exttemen Formen, skrophulöse und anämische Zustände auf eng umgrenzte Gebiete, einzelne Gemeinden oder Täler. Die Verbreitung der Erbkrankheiten ist, soweit sich das unter den Schulkindern feststellen lieh, nicht sehr erheblich. Immerhin besteht ein Unterschied zwischen Osten und Westen des Kreises, indem die Verbreitung der Erbkrankheiten in ersterem Teil wesentlich größer ist. Man geht nicht fehl, wenn die Ur- sache dieses Verhältnisses in der nur wenig oder gar nicht fluktuierenden Bevölkerung des Ostens und der größeren Zahl der dort vorkommenden Verwandtenehen gesehen wird.
Während ein sehr großer Teil des Kreises von der Tuberkulose wenig betroffen wird, herrscht sie gerade in den Gemeinden am Laufe der Lumda besonders stark. Die tuberkuloseverdächttgen Kinder wurden bei per Schuluntersuchung ausgesucht und zur weiteren Beobachtung und Beratung an
die Tuberkulosefürsorgestelle in der Medizinischen Klinik verwiesen. Im Berichtsjahre sind 8 Kinder in Lungenheilstätten untergebracht worden. Die tuberkulosebelasteten Kinder wurden, soweit dies nur immer erreichbar war, während der warmen Jahreszeit in Erholung geschickt. 26 Kinder mit Anomalien des Knochensystems wurden der Krüppelberatungsstelle in Gießen zu- gesührt. An den Augenarzt bzw. die Augen- poliklinik in Gießen wurden zur Behebung von Augenleiden bzw. zur Korrektur von Brechungsfehlern 45 Kinder geschickt. Zum Ohrenarzt sind 9 Kinder verwiesen worden, dazu kommen noch 32 wegen Wucherungen im Rachen. Eine kleinere Anzahl kam zur" Beobachtung ihres Geisteszustandes in die Psychiatrische Klinik in Gießen. Einige wurden in das Alicestift in Darmstadt, in die Epileptikeranstalt in Rieder-Ramstadt und in die »Anstalt Hephata bei Treysa überwiesen.
Epidemisch auflretende Krankheiten
haben im Berichtsjahr den Gesundheitszustand der Schulkinder auf die Dauer nicht merkbar beeinträchtigt. In 4 Gemeinden mußte wegen Schar- l a ch bzw. Masern zum Teil unter den Kindern, z. T. bei Lehrpersonal oder in dessen Familie der Unterricht für kurze Zeit ausgesetzt werden. In drei weiteren ließ sich eine Unterbrechung im Unterricht dadurch vermeiden, daß die Unterrichtsstätte verlegt bzw. die gefährdende Lehrperson für die Zeit der Ansteckungsgefahr vom Unterricht sus- pendiert wurde. Todesfälle schulpflichtiger Kinder an epidemisch aufgetretenen, ansteckenden Krankheiten sind nicht bekannt geworden.
Wie alljährlich, wurden auch in diesem Jahre die anämischen, skrophulösen und rachitischen Kinder für
für Erholungskuren im Gebirge und in Soolbädern
ausgesucht. Aus allen untersuchten Kindern wurden 120 ausgelesen, von welchen in 42 Fällen die Eltern die Uebernahme eines Teiles der Kosten ablehnten. Die übrigen 78 Kuren kamen bzw. kommen noch in Bad-Nauheim, Kreuznach, auf dem Heuberg, dem Darsberg, in Weilmünster und an der Ostsee zur Durchführung.
Der Kreis Gießen darf beanspruchen, als erster in Hessen eine
planmäßige Schulzahnpflege
eingeführt zu haben. Leider wird von dieser Einrichtung nicht der Gebrauch gemacht, der im Interesse der Schüler wünschenswert wäre. Trotzdem man die Schulzahnpflege als „gehobene Fürsorge"' betrachtet, d. h. bei der Heranziehung der Eltern weitgehend auf ihre Verhältnisse Rücksicht nimmt, wird bei einem Teil der Eltern die Beitragsleistung verweigert, wodurch die Zahnbehandlung in den meisten Fällen natürlich unterbleibt. Eine Gemeinde sei angefühtt, in der bei 15 behandlpngs- bebürftigen Kindern nur drei Eltern sich zustimmend erklärten. Zwei von ihnen waren, da die Kriegsfürsorge zahlend eintrat, von der Beitragsleistung befreit. Es soll versucht werden, durch geeignete Belehrung der Eltern eine Besserung zu schaffen.
Die Auswahl der behandlungsbedürftigen Kinder wurde aus den drei letzten Schuljahren getroffen. Ausgesucht wurden insgesamt 348 Kinder. Bei 163 wurde die Zahnbehandlung ganz abgelehnt. Nur 185 haben sich zur Uebernahme bereit erklärt. Nach den seitherigen Erfahrungen darf man damit rechnen, daß etwa die Hälfte der mit der Behandlung einverstandenen Kinder auch wirklich zur Behänd- lung kommt. Zur Zeit sind leider nur etwa 50 Behandlungen von den obengenannten 185 durchgeführt.
Besondere Aufmerksamkeit wurde im vergangen nen Jahr der
Kropfkrankheit dec Schulkinder
gewidmet. Von einem über den ganzen Kreis ver- breiteten Auftreten kann man nicht sprechen. Man findet die Schilddrüsenschwellung, wenn überhaupt, nur auf einzelne Gemeinden beschränkt, in manchen Fällen auch nur sporadisch in einer Schule. Es hat den Anschein, als ob sie mit einer rachitischen Anlage der Zähne und Neigung zu früher Karies
verbunden sei. Andererseits konnte festgestellt werden, daß in einzelnen Gemeinden, wo die Kinder erstaunlich gut gehaltene und gestellte Zähne auf» wiesen, der Kropf so gut wie fehlte. Auf besondere geologische und klimatische Verhältnisse in den Kropfgemeinden (wenn man dos Wort im Streife Gießen überhaupt anwenden will) wurde geachtet, aber keine irgendwie bemerkenswerte Beziehung und Verknüpfung aufgedeckt.
Das Verhältnis bt? r kropfkranken z u ben kropffreien Kindern betrug etwa 10 Prozent, wobei dieser Satz bis auf 30 Proz. in den Gemeinden, welche besonder viel kropfige Kinder aufwiesen, anstieg. Das weibliche Geschlecht überwog bei weitem (zirka 80:20 Prozent). Relativ wenig kropfkranke Kinder fanden sich in ben unteren Klassen, die meisten wiesen die beiden letzten Schuljahre aus, wo die Mädchen wie- der das größte Kontingent stellten. Ausgesprochene Strumen fanden sich sehr selten. Meist handelte es sich um diffuse, parenchymatöse Schildbrüsenver- größerungen. Basedowstrumen waren ebenso selten wie knotige Strumen.
Vom 1. Dezember 1925 ab wurde in sämtlichen Schulen die Kropfprophylaxe nach Schweizer Muster eingeführt. Um sich des Einverständnisses der Eltern zu versichern, wurde für jedes krankbefundene Kind ein Zettel durch die Schule an die Eltern versandt. Gleichzeitig mit den für die Eltern bestimmten Zetteln 'rtrtnS* eine Anweisung an die Klassenlehrer versandt, worin sie um ihre Mitwirkung gebeten und ihnen Anweisungen erteilt wurden. Es sei hier mit Befriedigung festgestellt, daß sich sämtliche Lehrer der Mühe und Verantwortung ohne weiteres unterzogen und ben Schularzt unterstützten.
Die Behandlung geschah in der Weise, daß an jedem Montag in der ersten Stunde jedes Kind eine, ein Milligramm Jod enthaltende Tropon- tablctte bekam. Alle vier Wochen wurde der Hals- umfang gemessen und die Zahl in die Tabelle auf dem Zettel jedes Kindes eingetragen. Nach zehn Wochen wurde die Kur zunächst unterbrochen und die Zettel zur Kontrolle an ben Schularzt ein» gefanbt.
Aus ben bisher eingegangenen Zetteln läßt sich entnehmen, daß 7 3 Prozent der behandelten Kinder eine Abnahme des Hals- iimfangs aufzu weifen hatten. Bei 18 Proz. war der Halsumfang gleichgeblieben und mir 9 Proz. wiesen eine Vergrößerung des Kropfes auf. Bei ihnen wurde die Behandlimg sofort eingestellt. Das außerordentlich günstige Resultat dürfte mit darauf zurückzuführen sein, daß erkennbare Basedowstrumen von vornherein von der Behandlung ausgeschlossen wurden.
Die Behandlung, welche auf Kosten des Kreises mit wenig Geld durchgeführt wurde, wird bis zur nächsten Schuluntersuchung in einem nochmaligen, zehnwöchigen Turnus fortgesetzt.
Kirchliche Nachrichten.
Israelitische Gemeinden.
Isr.ReligionSgemLinde, sottesd. i. d. Synagoge (Sübanlage). Samstag, ben 3. Juli 1926. Vorabb. 7.45, morgens 8.30, Predigt, abends 9.00 u. 9.40.
Gottesdienst der isr. Religionsgesellschaft. Sabbatfeier, den 3. Juli 1926. Freitag abds. 7.45, Samstag vorm. 8.00, nachm. 4.30, Sabbatausg. 9.40, Wochengottesdienst: morg. 6.30, abds 7.15.
Rundfunk-Programm.
Samstag, 3. Juli. ,
3.30 bis 4 ilfjr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45 Uhr: Konzert des Hausorchesters: Walzer. 5.45 bis 6.05 Ahr: Die Lesestunde. 6.15 bis 6.45 Uhr: ..Die Organisation der deutschen Verkehrsluftfahrt", Vortrag von Herrn Scharlach von der Südwestdeutschen Luftverkehrs A.-G. 7.15 bis 7.45 Uhr: Schachstunde. 7.45 bis 8.15 Uhr: Stunde des Frankfurter Bundes für Volksbildung: „Die Märchen der Raturvölker", Vortrag von Privatdozent Dr. Vatter. 8.15 bis 9.15 Uhr: Wiener Operettenabend. 9.15 bis 10.15 Uhr: Schweizer Lieder.
BROCKEN
PRALINEN
von Hoffnung und Illusion lebt, wie es — nebenbei bemerkt — ein jeder Sterblicher tut, ohne es, wie der Romantiker, wahr haben zu wollen.
Dem Romanttker sind die Völker nur Mitglieder einer einzigen großen Familie und darum ist ihm der Begriff der Rasse nur ein leeres Gespenst, ein toter Götze. Der Gedanke Pan- Europa, den wir heute, nach diesem grauenvollen Kriege, der uns alle zerfleischt hat, als ein Richtseil vor dem Versinken in eine kulturlose Tiefe wieder ausgenommen haben, diesen Gedanken hat die frühere Romanttk schon bei uns bis zu Ende gedacht. Rovalis, einer unserer stärksten romantischen Dichter, auf den besonders Maeterlinck in der Gegenwart erneut hingewiesen hat, ist der Begründer einer Zeitschrift „Europa" gewesen, die das Schrifttum aller Völker als eine Einheit behandelte. Hölderlin, diese lange über dem Tageslärm überhörte, aber heute wieder oft belauschte Rachkigall, fang schon unser altes Festland als eine Ganzheit an. Wie man schließlich ja auch nicht vergessen darf, daß in Deutschland, ja im preußischsten Preußen, sogar der Geist gelebt hat, der ben Gedanken des Völkerbundes zuerst ausgesprochen und formuliert hat, Immanuel Kant, der nachträglich noch stark auf unsere Romanttker einwirkte.
Der Reuromanttker geht noch über das Ideal Pan-Europa hinaus. Er wendet sich an die Welt und die Menschheit als Ganzes. Er fordert und fördert ein pan-irdisches Ideal. Mit seinen Werken und mit seinem Leben appelliert er an das allen Menschen gemeinsame Herz."
Tierschau.
Von Marianne von Ziegler.
Uralt ist die Freude des Menschen an seltenem Getier. Das Ergötzen am buntfarbigen An
blick wurde noch erhöht durch geheimes Grauen vor ben gefährlichen Gefangenen. Blutige Kampf- spiele waren von jeher das Lieblingsvergnützen sensationslüsterner Massen.
Heute stehen wir dem Tiere anders gegenüber. Wir wollen nicht seine Vernichtung, sondern die Entfaltung seines Wesens sehen. Dem^- nach schiene freilich die Leistung des 21er-- bändigers unzeitgemäß. Und doch ist in unseren Tagen, wo die primitivsten Leidenschaften des Menschen $u unserem Schrecken aufs neue entfesselt scheinen, der Triumph des zielbewußten Willens über die wilde Kraft, den ungebänbig» ten Instinkt, ein Phänomen, das zu denken gibt. Welche Eigenschaften sind es, die einen Menschen -n solcher Wirkung befähigen? Könnte nicht jeder, der Führer sein will, hier in die Schule gehen?
Aber mindestens so sehr wie der Bändiger interessieren uns seine wilden Zöglinge. Freilich müssen wir und immer erst über das peinliche Gefühl hinwegsetzen, daß eine in sich vollkommene Kreatur hier durchaus unzweckmäßig beschäftigt und in eine ihr widersprechende Umgebung gestellt ist. Bei der jüngsten großen Tierschau war es, — ich weiß nicht, wer sich mehr schämte, ich oder der Löwe, der mit allem äußeren Anstand, aber in tiefster Niedergeschlagenheit sauber und korrekt arbeitete. Gr sah bemitleidenswert, gebemütigt aus und verschmähte es doch, zwecklos zu protestieren.
Anders die Tiger. Ich kann mir denken, welch blinder Schrecken den Menschen erfassen ntuft, der solch ein fahles Gesicht, einer furchtbar bemalten Kriegsmaske gleich, aus dem Dickicht auftauchen sieht. Selbst hinter dem Gitter wirken die prachtvollen Tiere mit den weichen Bewegungen unheimlich. Aber — traurig zu sagen: sie benahmen sich, an der Situation gemessen!,
durchaus albern. Erst fauchten sie und brüllten: Niemals! — und bann taten sie doch alles, was t>pn ihnen verlangt wurde und zeigten dabei noch eine sinnlose Angst vor der Bedrohung, die der Bändiger natürlich ihrem wilden Benehmen gegenüber anwenden mußte.
Die Werbe hinwiederum schienen mir eine geradezu streberhafte Freude daran zu haben, daß sie ihre Aufgabe gut und korrekt erfüllten. Hier §atie.j*an nicht den Eindruck, daß ein Wille hMmpsi^und gebrochen werden mußte. Ich kann mir denken, daß solche Pferde ihren Lehrmeister ehrlich bewundern und mit Genuß sich von ihm befehlen lassen.
Weitaus den größten Geist zeigten meine Lieblinge, die Elefanten. Obwohl ihre Vorführung so gut wie gar feinen ästhetischen Reiz hatte. Ein Elefant wirkt diel besser, wenn er wie ein Stück Cyklopenmauer dasteht, als wenn! er auf einem Stühlchen balanciert. Und doch waren diese Kunstlttstungen nicht peinlich.
„Schau, wie er lacht!", jubelte .toben mit ein kleines Mädchen. Und ich möchte wetten, der alte Riese lachte wirklich. Er stand völlig über der Situation. Durchaus freiwillig tat er, was ihn der Heine Mensch vor ihm gelehrt hatte, obwohl er der Stärkere war und dies ganz genau wußte. Er hatte es verstanden, auch in ber Knechtschaft sich die innere Freiheit zu wahren, ein Stück ber allerhöchsten Weisheit. Selbst das Unangenehme, selbst das Aufgezwwr- gene, das Sinnlose mit Heiterkeit zu tun, ist eine Kunst, die — ach — so wenige von uns besitzen. Wer es vermöchte, sich so in seinem Inneren über die Dinge zu stelle^ ber müßte jede Widrigkeit des Lebens überwinden und bliebe in allen Lagen ein wahrhaft Freier!


