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Nr. 152 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

8reitag, 2. Juli 1926

Das Herz Europas.

Gedanken zum Deutsch-Russischen Vertrage.

Von Dr. Dr. Bernhard Dernburg, Kolopialstaatssekretär

und Reichsfinanzminister a. D. M. d. R.

Das alte System der Koalition, das Europa vor bem Weltkriege in zwei bewaffnete Lager teilte und einen ständig wachsenden Rüstungs- Wahnsinn auslöste, soll durch die Schaffung des Völkerbundes endgültig beseitigt werden. Friedliches Zusammenarbeiten der Völker soll an Stelle sich feindlich betrachtenden Koalitionen, gemeinsame Hilfe und gegenseitige Friedens­garantie an die Stelle riesiger Armeen treten. Als vorbereitenden Schritt einer allmählich immer mehr durchzusührenden Abrüstung wurde Deutschland vollkommen entwaffnet und zwar ohne Rücksicht darauf, ob und wann die allgemeine Abrüstung durchgeführt werden kann, und ohne Rücksicht darauf, daß der Völker­bund noch lange kein wirklicher Bund aller Kulturstaaten ist, und daß Rußland, mit dem wir seit 1917 in Frieden leben, es ab lehnt, der Friedensgarantie des Völkerbundes bei­zutreten.

Als Leitprinzip hat der Völkerbund als Garant des europäischen ja des Weltfriedens durch die Herbeiführung gemeinsamen Zu- sammenarbeitens den Satz aufgestellt, dah die Mitglieder des Völkerbundes unter sich keine besonderen Allianzen, militärische Kon­ventionen. offene oder geheime oder sonstige interne Abmachungen untereinander abschliehen dürfen, da solche Verträge das Recht des freien Handelns nach den Bestimmungen des Völker­bundes ausschliehen würden. Trotzdem hat die Furcht, die als psychologische Rachwirkung der großen Katastrophe zurückblieb, eine Anzahl von Mächten veranlaßt, gegen diese Bestimmungen zu verstoßen, und der Völkerbund mußte der­artige Verstöße hinnehmen, um nicht ganz seinen Zweck zu verfehlen. Frankreich schloß Bündnisse mit Polen, der Tschecho-Slowalei und Belgien, alle drei begleitet von unverhüllten militärischen Abmachungen. Possen schloß einen Vertrag mit Rumänien, und auch andere Staaten könnten aufgeführt werden. Die französischen Verträge sind die Folge der Furcht Frankreichs vor einem kriegerischen Deutschland. Diese Gefühle sind also selbst nicht durch die Mitgliedschaft Frankreichs im Völkerbünde ausgelöscht vder gemildert wor­den. Deutschland sah sich daher gezwungen, einen ähnlichen Weg zu gehen wie die anderen Mitglieder, und bot Frankreich als Zeichen seines guten Willens jene Sicherheiten an, die in dem Locarno-Dertrage fesbaelegt sind. Deutsch­land tat dies aus freien Stücken, ohne durch eine Mitgliedschaft im Völkerbünde gebunden zu sein, obwohl es durchaus gewillt war, dem Völker­bund beizutreten und sich an seine Bestimmun­gen zu halten. Erfahrungen aus der historischen Entwicklung als Herz Europas und der Wunsch, in einer für uns und die Mitwelt be­friedeten Welt zu leben, geben den Ausschlag.

Rationen, die glauben, dah die Organisation des Völkerbundes nicht stark genug ist, sie zu beschützen und die aus diesem Gründe nicht nur ungeheure militärische Rüstungen aufrecht erhalten, sondern die auch besondere Verträge und Abkominen militärischen Charakters ab- schliehen. dürfen sich nicht wundern, wenn eine Ration wie die deutsche trotz ihrer Anwartschaft auf einen Sitz im Völkerbundsrat es notwendig erachten sollte, unbewaffnet wie sie ist, ihre offene Flanke durch einen Vertrag durchaus friedlichen Charakters und mit friedlichen Ab­sichten zu sichern. Wenn man es erlauben muß, daß trotz des allgemeinen Charakters des Völkerbundes besondere Abmachungen unter Völkerbundsmitgliedern geschlossen werden, so darf man auch nicht eine zu scharfe Kritik üben, denn ein künftiges Mitglied des Völkerbundes, dessen geographische Lage im Herzen Europas besonders gefährdet ist, einen Freundschafts-, SÄedsgerichts- und Reutralitätsvertrag mit Rußland abschießt.

Frankreich und Englaird verwehren sich da­gegen, daß die Locarno-Abmachungen und der Völkerbund irgendwelche anti-russische Tendenz zeigen. Man kann jedoch auf der anderen Seite nicht leugnen, daß keine von diesen beiden Groß­mächten, so sehr sie es auch gewünscht haben mqg, mit dem großen örtlichen Rachbarn zu einer Ver­ständigung gekommen ist. Ich bin durchaus Kr Ansicht, daß sie bestrebt sind, diese ungesunde Lage zu verbessern; das kann aber nur auf dem Wege geschehen, daß sie einen Anerkennungs-, Freundschafts- und Schiedsgerichtsvertrag, ähn­lich dem deutsch-russischen Vertrage, schließen. Reben anderen Schwierigkeiten bietet die noch

Die Neuromantik im heutigen Deutschland.

Von Dr. Herbert Eulenberg.

Aus einem in Paris gehalte­nen Vortrag des Dichters.

»Wenn ich über die literarische Bewegung der Reuromantik in Deutschland reden rälll, so muh ich von vornherein zugeben, daß iy$ in Des Hauptsache von mir selbst sprechen werde. Denn auch der sachlichste und unpersönlichste Betrachter dieser kurz blühenden Richtung, die wir Reu­romantik nennen, müßte zugeben, daß diese Strö­mung auf dem Gebiete der Bühne wie des Romans in Deutschland am beharrlichsten und breitesten von Herbert Eulenberg eingchalten worden ist.

Gewiß! Es gab unb gibt auch heute noch manche andere Vertreter dieser eigentümlichen Zeitsttedung neben mir. Ich nenne als die her­vorragendsten dramatischen Dichter der Reu- romantik bei uns den jungen Hofmannsthal, Karl Vollmöller mit seiner TragödieKa­tharina von Armagnac", Ernst Hardt mit seiner Rinon", feinemTantris", Wilhelm Schmidt- bonn, Eduard Stucken, Wilhelm v. Scholz mit seiner Reigung zum äleöersimrlichen und Mystischen. Iick>essen sind alle von den Genaimten und den Richtgenannten entweder früh verstummt, wie Ernst Hardt und Karl Vollmöller, oder sie haben die alte Bahn verlassen und sich von der abgewandt. Wenn ich als Drama­tiker und Romanschriftsteller einen Ruhmestitel beanspruchen dürfte, so wäre es der, daß ich den Richtlinien der Reuromantik am treuesten ge­blieben bin und die Lösung, die mir mit meiner

bisher ungeklärte Frage der Zinsen und Kredite der Westmächte sowohl aus der Zeit vor dem Kriege als auch während des Krieges ein großes Hindernis für einen solchen Vertrag. Der Ra­pallo-Vertrag hatte diese Frage für Deutschland volllommen geregelt. Diese Regelung bildet den Hauptinhalt des Vertrages und ist dem neuen Vertrag als in voller Kraft und Wirkung be­findlich angeführt. Außer Handelsfragen enthält der Rapallo-Vertrag fernerhin jene Klauses, die in etwas abgeschwächter Diktion auch im Ar­tikel 1 des neuen Vertrages wiederholt ist. Ich behaupte deshalb, daß. sobald eine englisch­russische und eine französisch-russische Annähe­rung einseht, die Westmächte dieselben Verpflich­tungen auf sich nehmen müssen: nämlich in Wort und Geist ihr Einverständnis mit Rußland aus­zudrücken: es sei denn natürlich, daß Rußland nicht etwa in der Zwischenzeit selbst ein Mit­glied des Dölkerbundsrates geworden ist. Be­sondere Verträge zwischen Völkerbundsmitglie­dern sollten so weit wie möglich vermieden wer­den. Besondere Verträge zwischen Völkerbunds- Mitgliedern und Outsidern lassen sich nicht ver­meiden. Mit einem Abkommen zwischen Ruß­land und den Westmächten, das doch eines Tages kommen muh, und mit einem Abkommen zwischen Polen und Rußland, das bereits kurz vor dem Abschluß steht, werden alle diese Rationen in derselben schwierigen Lage sein, falls man von einer solchen überhaupt sprechen kann.

Die Regierungen der Westmächte sind aus erklärlichen Gründen sehr vorsichtig gewesen, den neuen Vertrag offen zu kritisieren. Die Presse hat indessen weniger Zurückhaltung geübt. Sie hat Kritik geübt. Das ist ihr gutes Recht. Aber diese Kritik darf nicht im Ton einer väterlichen Ermahnung gesehen, wie ihn etwa eine selbst­gefällige Lehrerin unartigen Kindern gegenüber gebraucht. Ein derartiger Ton ist ein heute wenig angebrachtes Lleberbleibsel der Kriegspsychose und zeugt von einem mangelnden Anpassungs­vermögen an neue Ideen und Verhältnisse. Die augenblickliche europäische Lage ist noch ein Ge­misch der alten Gleichgewichtstheorie und der neuen Völkerbundstheorie zwischen dem bewaff­neten Frieden und der Sicherheit durch friedliche Zusammenarbeit. Wir haben keine Verwendung mehr für die Theorie des bewaffneten Friedens, denn selbst wenn wir sie aufrecht erhalten woll­ten, so könnten wir dies nicht. Wir sind also die einzige Ration in Europa, die nach Willen und Tieberzeugung, aber auch durch die Macht der Umstände gezwungen, endgültig die Theorie des Völkerbundes angenommen hat, die uns vor­schreibt, auf der Grundlage von Recht und Ge­rechtigkeit mit unseren Rachbarstaaten zu leben.

Äese Theorie suchen wir in die Wirklichkeit umzusetzen. Wir haben teilweise aus Gründen der internationalen Höflichkeit, teilweise auch um Mißverständnissein vorzubeugen, von dem Ab­schluß des Vertrages den Locarno-Mächten Mit­teilung gemacht. Aber während der Text des neuen Vertrages keinerlei Grund für Kritik und und Erklärungen bietet, vermutet man doch hinter ihm irgendwelche finsteren Pläne und selbst gehbime Abmachungen. Richts dergleichen ist aber der Fall. Rußland ist kein Mitglied des Völkerbunds, es hegt fogar äußerstes Mißtrauen den Großmächten gegenüber, daß. diese von dem Völkerbund einen ihm schädlichen Gebrauch machen könnten. Rußland hat sich aus eigenem Willen in eine große Isolierung hineinmanöve- riert. Es hat bisher erklärt, daß es niemals einen Schiedsvertrag mit irgendeiner kapitalistischen Macht schließen würde, da ein derartiger Vertrag gegen seine Würde und gegen seine Prinzipien sein würde. Diese Mentalität war auch ein ernstes Hindernis für den Abschluß des Vertrages, wie chn Deutschland als das Herz Europas bedarf.

Die Rote, die Reichsminister Stresemann dem Vertrage beifügte, erflärt daher, daß der Völker­bund ein Friedensinstrument ist, daß die Mit­gliedschaft und die Verpflichtungen, die mit dem Beitritt verbunden sind, mit guten Beziehungen zu Outsidern vereinbar ist, so lange das Ver­halten eines solchen Outsiders friedlich ist. Sie weist nach, daß, falls die russischen Befürchtungen irgendwelche Begründung haben was wir ver­neinen Deutschlands Verpflichtungen dem Völ­kerbunde gegenüber nicht so weit gehen, eine handgreifliche Ungerechtigkeit gegen ein fried­fertiges Rußland zu erlauben oder zu dulden. Im ^übrigen wiederholen wir nur wörtlich, was zu uns in Locarno bezüglich der Artikel 16 und 17 des Völkerbundsvertrages gesagt wurde, und wir ver­pflichteten uns außerdem, nicht an irgendeinem Versuch, Rußland in Zeiten, in denen es nichv als Friedensbrecher durch den Völkerbund be-< zeichnet wird, zu boykottieren, teilzunehmen, ja, einem derartigen Dohkottversuch sogar Wider­stand entgegenzusehen. Man mag fragen, ob diese

besonderen Art Kunst gegeben wird, am breite­sten und fruchtbarsten befolgt habe.

Was ist und bedeutet nun Reuromantik? Ihnen allen ist der Begriff der alten, früheren Z^itrichtung, die man Romantik nannte, mehr oder minder geläufig. Sie in Frankreich haben ja das große Glück gehabt, diese romantische Rich- 'tung auch eine Zeit lang auf Ihrem Theater in voller Herrschaft zu erleben, in jener Epoche, in der das französische Theater seine vorläufige letzte Blüte hatte. In jener Epoche, in der Victor Hugo, der sonderbarerweise augenblicklich in Deutschland als Erzähler wieder sehr geschäht wird, mit seinen romantischen Stücken, wieHer- nani,Le Roi samuse,Cromwell, die Bühne eroberte. Einen solchen Sieg der romantischen Richtung auf den Brettern haben wir damals in Deutschland leider nicht gehabt. Die Dramen eines Ludwig Tieck, eines Brentano und Eichen­dorfs, sind zu ihrer Zeit unaufgeführt geblieben und auch später kaum noch zum Leben erweckt worden *).

Mit jener alten Romantik verbindet nun die neue vor allem das Gefühl von der Unbeständig­keit der Seienden, von dem Vorübergehen und der Vergänglichkeit alles dessen, was da ist und sich spreizt. Sie können sich denken, daß den Ro­mantikern als den Relativisten auch die Lehre Ein­steins von der Relativität, eine sehr willkommene sein muhte. Der Romantiker von heute wie der von gestern liebt ja durch die Dinge zu sehen und wie Calderon, einer der großen Ahnherren dieser Bewegung, die Traumhaftigkeit des Ge­schehens zu erkennen. Ihm ist die Welt oft nur geträumt, nur gemalt. Dieses Spielen mit dem

*) Von Eichendorfs neuerdingsDie Freier" in Frankfurt und Berlin. D. Red.

Versicherung notwendig war? Ich persönlich glaube, daß dies nicht der Fall war. Aber da die Furcht vor einem derartigen Boykott in Friedenszeiten stets in den Unterhandlungen mit den russischen Delegierten wiederkehrte, so konnten wir feinen Grund sehen, weshalb wir nicht aus­drücklich erklären sollten, daß wir jede gerecht denkende Person als eine Selbstverständlichkeit ansehen würden. Wir taten es, um ein Instrw-> ment zu schaffen, das in seinem Geiste und seinen Wirkungen den Frieden sichert.

Denn der Vertrag ist ein derartiges Instru­ment. Er ist die logische Folge des Rapallos Vertrages, des Handelsabkommens vom Oktober 1925, der Kreditgewährung an die russische Re­gierung im Dezember letzten Jahres. Schritt für Schritt wurde Rußland durch diese Maß­nahmen näher an die Methoden der Westmächte gebracht, wurde es an kapitalistische Geschäfts-, Methoden gewöhnt, seine Befürchtungen über Ge­fahren von feiten des Völkerbundes beschwichtigt und seine Abneigung gegen Schiedsverträge über­wunden. Die deutsche Erklärung über den eigent­lichen Zweck des Völkerbundes ist in Rußland ohne das Gefühl einer Herausforderung ausge­nommen worden. Rußland hat formell Rotiz davon genommen. Der Völkerbund kann tatsäch­lich niemals wirklich wirkungsvoll werden, ohne dah er weiter ausgebaut wird. Das bedeutet letzten Endes, dah er der Zusammenarbeit Ruß­lands bedarf. Falls Deutschland bereit ist, als ehrlicher Makler" zu handeln ich bediene mich eines Ausdrucks des Altreichskanzlers Bis­marck s o sollte man ihm dazu gratu­lieren, es aber nicht in unfreund­licher Weise kritisieren.

Briands Antrittsdebüt.

Alle Berichte aus Paris stimmen darin über­ein, daß die Aufnahme der neuesten Antritts­rede des Kabinetts Driand in der Kammer wie in der Presse keine sehr günstige gewesen ist. Das wird begreiflich, wenn man die an sich ziemlich lange Regierungserllärung aufmerksam durchliest. Denn trotz einiger dunkler Andeu­tungen ist sie verblüffend inhaltlos. Warum Briand seinen Landsleuten und der ganzen Welt diese Enttäuschung bereitete, muh dahinge­stellt bleiben; jedenfalls ist sie um so allgemeiner und größer, als man dem ersten Auftreten des Kabinetts, das nunmehr zwei starke Männer als Köpfe besitzt, mit besonderer Spannung entgegen- gesehen hatte. Jedermann hofft nun, daß nach Ablauf der einwöchigen Schonzeit, die Briand schließlich bei der Kammer durchgedrückt hat, der große Finanzdiktator Caillaux das Ver­säumte nachholen und ein Finanzprogramm ent- wickeln wird, das auch wirklich diesen Ramen verdient.

Die französische Oefsenllichkeit ist durch die Inhaltlosigkeit dieser Regierungserllärung und durch das, was sie offenbar verschweigt, noch mehr beunruhigt, als sie ohnehin war. Dazu kommen die Verhandlungen, die von dem ver­trauten Gehllfen Caillaux', dem Staatssekretär Dubois, mit den Leitern der Dank von Eng­land Montaau Rorrnan und dem Präsidenten der Federarl Reservebank Strong ziemlich ge­heim geführt werden. Man argwöhnt dahinter Bestrebungen der englischen und amerikanischen Hochfinanz, auf dem Tlmwege über die Bank von Fraickreich maßgebenden Einfluß auf die französische Finanzpolitik zu gewinnen, wodurch die französische Eigenliebe aufs schwerste ge­kränkt werden würde. Das alles wird freilich den Franzosen nicht allzu viel nützen, denn ohne englische und amerckanische Hilfe find sie nicht imstande, aus ihrem Währungsverfall herauszu­kommen. Daß die Beunruhigung in dieser Hin­sicht nicht unberechtigt ist, geht auch daraus her­vor, daß die erste Maßnahme Caillaux darin bestand, die Frank von Frankreich ihrer Selb­ständigkeit zu entkleiden unb zum gefügigen Werk­zeug der Regierung zu machen. Gerade dadurch erhält selbstverständlich der Argwohn, daß ein für den französischen Stolz demütigendes Ab­kommen mit den beiden großen Geldmächten in Aussicht steht, neue Rahrung zugeführt.

Auf der anderen Seite muh Caillaux bei seinen Bemühungen, eine Anleihe von aus­reichender Höhe in England und Amerika unter­zubringen, Schritte tun, um hierfür, in den ge­nannten Ländern eine günstige Stimmung zu schaffen, und das erreicht er schwerlich dadurch, daß er die Ratifikation des Schuldenabkommens mit den Vereinigten Staaten ablehnt und neue Verhandlungen verlangt. Dah eine solche Politik in Amerika besonders stark verschnupft, kann man erst voll würdigen, wenn man sich vor Augen hält, wie stark die Amerikaner auch rein gefühlsmäßig daran festhallen, dah einmal ge-

Dasein, dessen Erhöhung ihm am schönsten in der Kunst zustrahlt, war und ist dem Romantiker höchste Wonne. Er nimmt diese flüchtige ®rben- reife, die wir Leben neinnen, nicht so ernst. Ja, er vermag selbst mit dem Tode, dem Bittersten und Traurigsten, noch zu spielen. Es ist eine alte, falsche Meinung, daß der romantische Dichter darum, weil er über dem Leben steht und mll ihm jongllert, dem Tag und seinen Fragen ab­gewandt, schaffe und wirke. Richts ist verehrter. Victor Hugo stand mit beiden Beinen fest in seiner Zeit und bewährte sich auch als Politiker ebenso weitschauend und klug als bei uns damals etwa unser Balladen- und Romanzendichter 2ub= wig Ufjlanb.

Mit vollem Bewußtsein habe ich mir die Bühne als Kampfplatz für heutige Errungen­schaften ausgesucht. Richt dem Tage fremd, nein, ihm mit all seinen Sinnen und Sorgen zugewandt, will der Romantiker schaffen. Er konzentriert sich das Leben nach, er verdichtet es und balll es zusammen und erreicht damit ein Leben über dem £ef>en und über der Zeit, ein neues fieben, die vita nuova des Dante. Darin liegt auch das Geheimnis, daß die Kunst des Romantikers, ent­gegen dem allgemeinen -Urteil, selten altert, weil sie, nicht an eine Mode gebunden, bet all ihrer Verhaftung an die Zeit, etwas Schwebendes, Ewiges hat.

Fast ganz fehlt auch der neuromanttschen Richtung und Dichtung im heutigen Seutfd^anb, wenigstens soweit sie sich auf der Bühne äußert, das Katholisierende, das die alte Romantck kenn­zeichnete. Die Tendenz der Reuromantiker in Deutschland weist nicht nach Rom. Sie ist frei- geistig gerichtet und schwört, ohne die Einrichtung der Kirche zu verletzen, auf den Fortschritt und auf die Ideale der großen französischen Revv-

schlossene Abkommen auch durchgesührt wer­den. Die Vereinbarung über die Abzahlung der französischen Kriegsschuld liegt schon seit Wochen dem amerikanischen Senat vor und dieser wartet mit der Ratifikation daraus, daß das französische Parlament damit vorangeht, weil man schon einige schlechte Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht hat. Der amerikanische Kongreh hat im wesentlichen seine diesjährigen Arbeiten voll­endet und hätte längst Ferien gemacht, wenn nicht die Ratifikation des Schuldenabkommens mit Frankreich noch schwebte und vor Schluß der Session erledigt werden muß. Man kann sich ungefähr ausmalen, mit welchem Gefühl beide Häuser des amerikanischen Kongresses in der Washingtoner Sommerhitze beieinander bleiben müssen, bis es Frankreich gefällt, die Ratifikation vorzunehmen, und noch mehr, wenn man erfährt, dah die ganze Arbeit voraussichtlich umsonst war. Die kühlen Rechner und Finanzgrößen in Reuyork haben das Heft in der Hand und sind in der Lage, erforderlichenfalls den französischen Staatsmännern durch einen abermaligen Sturz des Franken eine empfindliche Lehre zu erteilen. Wenn sie augenblicklich damit noch zögern, so geschieht das sowohl aus dem Grunde, daß sie von dem starken Mann Caillaux in der Tat durchgreifertde Maßnahmen zur Stabilisierung der französischen Währung erwarten.

Wi,e wird diese nun aussehen? Die Regie­rungserklärung enthält evnige dunkle Andeu- tung-en, aus denen schließlich jeder machen kann, was ,er will. Es ist allerdings nur ein oft ge­hörter Gemeinplatz, wenn gesagt wird, daß es darauf ankomm,e, dem Sinken des Franken Ein­halt zu gebieten, dem weiteren Abgleiten eine Schranke zu ziehen und eine Grundlage neuer, aber fester W^rtbegrenzun- gen zu schaffen. Ein wenig deutlicher wird di^e Erklärung in den Worten, dah der allgemeinen Entwertung eine Herabsetzung der Geld­währung zu deren Stabllisierung entgegenge- s.eht werden müsse. Auch ist das reichlich un­klar. Wenn man aber damit zusammenhält, daß Caillaux bereits mitgeteilt hat, er beabsichtige, Franken auf feinem heutigen Kurs zu stabili­sieren und eine neue Währung einzuführen, so würde das bedeuten, daß mari das deutsche Beispiel nachmacht und für die Aebergamgszeil einen festen Dollarkurs des Franken nach dem heutigen Stand bestimmt, bis die neue Währung gefunden ist. Das würde also schließlich darauf hknauslaufen, daß die französischen Werte und Zahlungsverpflichtungen auf die Hälfte ihres Rennwertes herabgesetzt werden. Wenn das die Absicht Caillaux ist, dann ist.es begreiflich, dah er sich einen ihm ergebenen und energischen Kriegsminister und einen gleichgesinnten In­nenminister gesichert hat, denn dann muß man allerdings bei der geistigen Verfassung her Franzosen mit sehr ernsten -Unruhen rechnen. Das wird ein böses Erwachen aus langem Traum eingebildeter Sicherheit geben. Ob diese An­gaben zutreffen, werden wir nächste Woche aus dem Finanzprogramm Caillaux entnehmen tonnen.

Der alliflamifche Kongreß in Nena.

Von unserem türkischen Korrespondenten Konstantinopel, im Juni 1926.

Es war vorauszusehen, daß der im vorigen Mo­nate in Kairo zusammengerufene Kalifatskongreß resultatlos verlaufen werde. Schon durch die Wahl des Kongreßories war es weiten islamischen Kreisen unmöglich gemacht, teilzunehmen, aus der berech­tigten Erwägung heraus, daß sich in Aegypten der englische Einfluß zu sehr geltend machen werde. Dazu kommt noch vor allem die Schwierigkeit der oielzerklüsteten islamischen Reformbewegung unb die Unklarheit des Amtsbegriffes eines zu erwählenden neuen Kalifen. Bis jetzt ist der Kalif niemals nur geistliches Oberhaupt gewesen, sondern immer der Träger zum mindesten des Anspruches auf die welt­liche Oberherrschaft aller islamischen Länder. Dieser aämismus im alten Sinne ist heute nicht mehr.

e die wenigen noch freien islamischen Völker haben bewußt mit ihrer religionestaatlichen Ver­gangenheit gebrochen und den neuen Volksstaat einzig auf dem nationalen Gedanken aufgebaut. So besonders die Türkei, die vor über zwei Jahren durch Parlamentsbeschluß die Abschaffung des Ka­lifats der Osmanen beschlossen hat und sich damit scheinbar eines großen Prestigevorteils im gesamten Orient entäußerte. Auch in den übrigen islamischen Staaten gewinnt die nationale Freiheitsbewegung immer mehr Grund und es find gerade die besseren Elemente, die an der Spitze dieser Bewegung stehen und sich zu dieser an sich reaktionär zu nennenden Kalifatsbewegung durchaus ablehnend verhalten. An der Kalifatskonferenz hatten vorwiegend englisch ^2---.....J __*!!!«!__LJ#

lution, des Beginns einer neuen Zeitrechnung für unser Europa. Auch in diesem Punkt hlblen wir uns einem romantischen Deist wie Victor Hugo verwandt, der ohne -ein Spötter zu sein aufrecht und frei durch die Welt der Freuden und der Schmerzen schritt, um sie ebenso mutig urft stolz unter Verzicht auf die Tröstungen f>Ä Kirche oder einer platten Metaphysik wieder zu verlassen. Die neuromantische Strömung auf bar deutschen Bühne will die religiöse Frage nidyt mehr mit dem uralten, unerflarbaren und ab­gegriffenen WortGott" beantworten. Sie wlll sich auch nicht an die Kirche anlehnen, wie es die früheren Romantcker, ein Chatcaubricu«) oder Lamartine in Frankreich, ein Friedrich Schlegel oder Sied in Deutschland, ein Gogol ire Rußland getan haben. Sie neigt sich vor dem ilnerforfcfe- lieben, aber sie betet es nicht mehr an. Sie hat tue Gleichgültigkeit des Absoluten erkannt, seine LIn- beteiKgung an uns und unserem Schicksal und kann sich nicht dazu verstehen, die älnvernunft des Weltgeschehens auf den Knien anzverkennen. Mit bem Trotz des Prometheus steht der Reu- romanttker allen Göttern und Geistern gegen­über.

Dabei drückt uns diese Erkenntnis, dies Ge-> fühl vor dem schrecklichen Richts nicht nieiter, wie es noch einen Qßfreö de Müllet bebeilcEpe und entmutigte. Wir fürchten uns nicht, einer entgötterten Welt zu stehen. Gin Gutes hat urö Rietzsche gelehrt, dieser Grzreher des DeutsA lands von gestern, den wir heutigen Reuromcm- tifer in manchem, wie in feiner Theorie acan Willen zur Macht, bereits wieder aMebnen.

Gutes hat er uns gefreebi Lebensfreu diakeit, die Cief wie er es bezeichnet hat.

gesiihl sind wir Reuromcm-t^r r

: die Besä zu feinem