Der dritte Zchutz.
Kriminalroman von Ole Stefani.
. 27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Dort kamen wir noch zeitig genug an, um Brentheims letzte Worte zu hören. Sie lauteten: „Nicht der Baron."
Meinen Namen auszusprechen, verhinderte ihn der Tod.
In den folgenden Togen bemerkte ich, daß der Rechtsanwalt Kramer, der sich die Aufklärung der Mordtat zur Aufgabe gemacht hatte, Verdacht auf einen gewissen Architekten Sondberg warf. Dieser Sandberg war, wie es sich später herausstellte, ein aus dem Zuchthaus entflohener Schwindler, namens Racofzy, der Brentheim Rache geschworen hatte und, wie ich von dem Kriminalbeamten Schulz erfuhr, bereits zwei Fehlschüsse auf den Kommissar abgegeben hatte, — wahrscheinlich, um ihn zu erschrecken. Denn nach meiner Meinung ist es unwahrscheinlich, daß ein eben aus der Strafanstalt entsprungener Mann, der noch dazu genau mit den Gesetzen Bescheid weiß, sich ernstlich mit dem Plan getragen haben sollte, einen in seinen Folgen so gefährlichen Mord zu begehen.
Die Hysterie, in der ich mich zur Zeit der Tat befunden hatte, war verflogen, und mein ganzes Sinnen und Trachten war nur darauf gerichtet: man möge keinen Unschuldigen an meiner Statt fassen.
So verriet ich Sandberg in jener Nacht nicht, als mit uns auf der Expedition nach der Insel Grafenwert befanden, und er in der Maske Kramers, die ich sofort durchschaute, unser Motorboot anhielt. Andererseits befreite ick) Kramer und Schulz später aus der Hütte, als ich glaubte, daß sie Sandberg nicht mehr erwischen konnten, und motivierte mein Erscheinen mit einer Erzählung, in der ich nur den mir ungefährlichen Teil der Wahrheit unterbrachte.
Um die Nachforschenden weiter zu verwirren und die Aufklärung schwieriger zu gestalten, gab ich nicht zu, in der Nacht vom Neunten zum Zehnten in meinem Hause Sandberg getroffen zu haben,
sondern änderte später meine Beschreibung des Unbekannten erheblich ab.
Aus demselben Grunde stahl ich in Essers Haus dem Rechtsanwalt die zweite Kugel. Ich habe mich bei der Untersuchung meiner Kleider gewehrt, weil ich die Auffindung der Kugel verhindern wollte. Aber es war vergeblich, und das machte mich sehr niedergeschlagen, denn ich hatte Kramer auf dem Bahnhof vorgelogen, sie in den Rhein geworfen zu haben.
Wie groß war mein Schreck in jenem Moment, als Kramer in der Bahnhofshalle in dem Musiklehrer Lachner jenen Racoszy erkannte, den ich bereits in Sandbergs Gestalt kennengelernt hatte. Es gelang mir auch hier, die Verhaftung des am Morde Unschuldigen zu verhindern.
Ich beschwöre, daß ich Lachner, mit dem ich seit drei Monaten in Mehlem zusammenwohnte, mein vollstes Vertrauen geschenkt habe, und daß ich nicht wußte, daß et mit Racoszy identisch war.
Ich bereue meine Tat aus vollstem Herzen und habe an Sie, Herr Untersuchungsrichter, die inständige und dringende Bitte: sorgen Sie dafür, daß sowohl meine Mutter wie Fräulein Grete Brentheim, da sie es ja doch einmal erfahren werden, in der schonendsten und vorsichtigsten Form von meiner wahnsinnigen Tat unterrichtet werden!
Roman Molinski."
. Der Teufel auch!" sagte Schulz konsterniert. „Das ist ja eine schöne Geschichte! Darauf wäre ich nie in meinem Leben gekommen . . . Wer hätte das gedacht daß dieser kleine Molinski mit seinen schönen braunen Augen zu solchem Haß fähig gewesen wäre."
Sind Sie froh über die Lösung?"
Schulz antwortete kleinlaut: „Nein! Bei Gott nicht! Sic gefällt mir gar nicht. Was wird Fräulein Grete dazu sagen? — Armes, armes Ding! . . . Nun wifsen wir aber wenigstens, wer der war, der uns Knüppel auf Knüppel zwischen die Beine warf. Herrgott — wenn dieser Irre mit seinem ver- worrenen Gerechtigkeitsgefühl nicht gewesen wäre, das einsetzt, nachdem er einen Menschen umgebracht hat, bann hätten wir jetzt Racoszy gefaßt. — Was mag der wohl dazu gesagt haben, als er sah, wie
ein anderer ihm feinen dritten Schuß wegnahm. Ich bin doch wahrhaftig kein Neuling, aber solch ein Unterschied zwischen dem, was ein Mensch auf seinem Gesicht trägt, und dem, wie er inwendig ausschaut, wie bei Roman Molinski — das ist mir denn doch —"
Er hielt erschrocken inne, denn Kramer war in ein lautes Gelächter ausgebrochen. Es schüttelte ihn förmlich in den Kissen hin und her.
Schulz war es, als hätte ihn jemand plötzlich mit kaltem Wasser begossen.
Der Anwalt hörte auf zu lachen. Es war kein fröhliches Gelächter gewesen. Gereizt, mit nervös verkrampftem Gesicht blickte er den Beamtem an.
Der wußte nicht, was er sagen sollte.
Mil beiden Beinen sprang Kramer aus dem Bett. Er begann sich hastig anzukleiden.
„Wo wollen Sie hin, Herr Rechtsanwalt?"
„Ins Untersuchungsgefängnis!"
VI.
Eine Viertelstunde später siel die Haustür hinter ihnen ins Schloß. Sie hatten bis jetzt ken Wort miteinander gesprochen.
Sie waren ein paar Schritte auf dem Gartenweg gegangen, als Kramer ftehenblieb und mit halbgeschlossenen Augen vor sich hinblickte.
„Halt!" sagte er, wie zu sich selbst. „Es fehlt noch etwas . . . Aber was?"
Schulz hörte verständnislos zu. Sie gingen wieder langsam weiter, bis zur Gartenpforte.
Da blieb Kramer zum zweitenmal stehen, diesmal mit einem energischen Ruck, wobei sich seine ganze Gestalt straffte und seine Augen in seltsamem Feuer blitzten.
„Warten Sie einen Moment!" rief er Schulz zu und lief mit elastischen Schritten zurück zum Haus, bog um die rechte Ecke und lief die Seitenwand bis zu Gretes Zimmer entlang.
Schulz sah ihn zu seinem größten Erstaunen auf das Maucrsims steigen und mit einem kühnen Schwung durch das offenstehende Fenster in das Zimmer springen. Nach kaum einer Minute kam er auf demselben Wege wieder heraus.
„Nun können wir gehen! — Kommen Siel"
Des Anwalts Mienen trugen ein so vsrschloffenes Gepräge, daß Schulz es unterließ, Fragen an ihn zu richten. —
Roman Molinski erhob sich von der Pritsche, als Kramer in seine Zelle trat, und machte eine stumme Verneigung.
Kramer reichte ihm, als sei nichts vorgefallen, die Hand, die der Jüngling dankbar ergriff.
Der Anwalt setzte sich nieder, bot Molinski unbefangen eine Zigaretet an und. plauderte über alles mögliche.
Molinski gab zögernde, vorsichtige Slntroorten.
Auf einmal sagte der Rechtsanwalt:
„Wollen Sie mir nicht doch die Wahrheit
„Die Wahrheit?"
„Ja — sagen Sic sie mir doch!"
„Aber ich habe bereits gestern abend ein (3e< ständnis schriftlich abgefaßt und dem Untersuchungs, richter schriftlich zugestellt!"
„Ja — eben das meine ich. Wollen Sic mir nicht doch die Wahrheit darüber sagen: warum Sie dieses Geständnis niedergeschrieben haben?"
„Ja — was blieb mir denn anderes übrig?"
„Oh — mein Lieder — noch viele andere Möglichkeiten! Warum haben Sie gerade diese gewählt?"
„Weil ich mußte! — In meiner Lage ist Ehrlichkeit das beste!"
„... Was haben Sie eben gesagt?" Kramers Stimme war sehr leise geworden, er blickte Mo- linffi scharf an.
Das fahle Antlitz des jungen Polen wurde noch um einen Schein blasser. Regungslos — während einer Minute — hingen die Augen der beiden Männer ineinander.
Dann sagte Kramer langsam: „Hoben Sic wirklich gedacht, daß ich auch nur ein einziges Wort von Dem Zeug glauben würde ...?"
Von diesem Moment an war das Gespräch verändert: sie redeten mit unterdrückter Stimme, aber die Worte hasteten eilig hintereinander her.
„Warum sollen Sie es nicht glauben?" rief Molinski trotzig. „Der Untersuchungsrichter hat es auch geglaubt!
„Weil er die näheren Umstände des Mordes nicht kennt, und weil er ein schlechter Psychologe ist."
„Es ist aber wahr!"
(Fortsetzung folgt.)
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