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Nr. 78 Zweites Blatt

Hessischer Landtag und hessisches Bildungswssen.

Bon Ob' studiendirektor Dr. Keller, M. d. L. Büdingen.

In drei endlosen Sitzungen der vergangenen Woche hat sich die hessische Volkskammer bei der Voranschlagsberatung mit den Kapiteln des Lan­desamts für das Bildungswesen beschäftigt und hat dabei so bedeutsame Wünsche geäußert und so folgenschwere Beschlüsse gefaßt, daß ihre Betrach­tung auch für ein breiteres Publikum ein Bedürfnis sein dürfte, zumal eine lebhafte Presiefehde und er- * regte Versammlungen schon einige Zeit die allge­meine Aufmerksamkeit auf die umstrittenen Ge­biete gelenkt hatten. Nachdem aber zunächst nur von Aufheben zusammengeschrumpf­ter Volksschulklassen die Rede gewesen war, zeigte sich im Verlaufe der Verhandlungen und des bei verschiedenen Parteien nur allzu beliebt gewordenen Kuhhandels nach und nach immer stär­ker das Bestreben, der höheren Schule pnd der Hochschule die schwersten Opfer zuzumuten, und, um es gleich vorauszunehmen, sei schon an dieser Stelle betont, daß in der Tat die 3lb- stimmungen des Samstags für keine Schu-lartt auch nur entfernt in dem gleichen Maße eine Schädigung und eine Knebelung bringen wie für die höheren Knaben- und Mädchenschu­len, während die Universität Gießen nur mit knapper Not vor dem Verlust ganzer Fakultäten bewahrt blieb.

Heber den Ausgangspunkt der gesam­ten 2lbbau bestreb ungen, die hessische F i n a n z n o t, braucht hier kein Wort mehr ver­loren zu werden. Ganz einerlei, ob man mit dem Führer der Sozialdemokratie, dem Abg. Kaul, von einervorübergehenden Betriebs rnit- t e I n o t" oder mit den Rechtsparteien (und auch einem Teil der Zentrumsblätter) von einem b e - vorstehenden Bankerott spricht, das Millionendefizit ist so wenig zu leugnen wie die steuerliche Ucberlastung großer Teile der Bevölke­rung, und an beiden darf kein verantwortungs­bewußter Volksvertreter achtlos oorübergehen. So kam es zur Einsetzung desSparausschusses", so zu Einschränkungsvorschlägen verschiedenster Art, und nachdem als erste die For st Verwaltung durch Aufdeninhabersetzen" von vier Amtsvorständen und Streichung von zehn Assessoren die Einbuße von 14 Prozent ihrer akademischen Stellen neben- anderen Verlusten hat über sich ergehen lassen müssen, ist man nun dem Schul­wesen hart genug auf den Leib gerückt und wird nach Ostern auch in den M i n i st e r i e n des Innern und für Arbeit und Wirtschaft die Stellenköpfung versuchen, während es die I u- st i z lediglich der Arbeitsbelastung durch die Auf- mertuirg verdankt, daß sie vorläufig weniger bedroht erscheint.

Daß das Landesamt für das Bil­dungswesen von sparbeflissenen Abgeordneten in stärkstem Maße aufs Korn genommen werden würde, Ivar von vornherein deswegen zu erwarten, weil es die größte Beamtenzahl beschäftigt und mehr Ausgaben verursacht als irgendein Ministe­rium (36 573 708 Rm., davon 30 135 106 Rm. Zu­schuß). Ferner trat hier die Ausgabensteigerung gegenüber der Vorkriegszeit besonders hervor, die z. B. der Volksschule allein über 100 Proz. beträgt, wobei die früheren Gemeindebeträge mit berüsich- tigt sind. Schließlich aber, und das ist das Ent­scheidende, war der Rückgang der Schüler­ziffern dort so augenfällige geworden, daß eine Anpassung der Klassen- und Lehrerzahl durchaus Möglich schien. Anderseits sind Eingriffe in das Schulwesen, die eine Volksvertretung, also doch in der Hauptsache eine Körperschaft von Fachfremden, vornimmt, stets bedenklich und müssen notwendiger­weise mehr von finanziellen als pädagogischen Ge­sichtspunkten beeinflußt sein. Aus diesem Grunde wäre es höchst wünschenswert gewesen, wenn die Regierung als solche einen Plan ausgearbeitet hätte, wie das in anderen deutschen Ländern ge­schieht, statt den Oppositionsparteien und dem Zen­trum die Führung zu überlassen und zunächst jede Sparmöglichkeit in Abrede zu stellen.

Eine spät vorgelegte Statistik und mühsam von den Abgeordneten zusammengetragenes Zahlen­material ergaben etwa folgendes: Vor dem Kriege hatte Hessen in seinen Dolksschulklassen von allen deutschen Ländern (außer den Hansestädten) die ge­ringste Schülerzahl, die freilich mit 54 immer noch betrübend hoch war. Im Jahre 1921, dem Zeit­punkte der letzten Reichsschulstatistik, hatte uns Bayern mit der Durchschnittszahl 40 den Rang abgelaufen, wir folgten mit 43 zusammen mit Sachsen; die übrigen Länder standen mehr oder weniger zurück, am stärksten Baden. Erst nachher machten sich die G e b u r t e n a u s f ä l l e der Kriegsjahre geltend, und 1 9 25 war die Klassenbesetzung in Hessen auf knapp 35 gesunken; weit über 1100 Klassen, fast 28 Prozent der Gesamt­zahl, zählten unter 30 Schülern. Die

Haatz-Derkow-Spiele.

Aus Einladung des Gießner Goethebundes erschien nach längerer Pause Haaß-Berkow mit seiner Truppe zu einem kurzen Gastspiel wieder in unserer Stadt. Der erste Abend, in der Reuen Aula der Universität, brachte mit Paradeisspiel und Totentanz Proben aus der Dramatik des deutschen Mittelalters.

Eine Form des Bühnenspiels, eine drw- L malisch-dichterische Kunst, die man als etwas längst Verschüttetes und Verlorengegangenes vor sich erlebt, und von der man stumm, aufgerüttelt und im Innern gepackt hinausgeht. Das macht: diese Kunst ift weltliterarisch und zeitlos, weil sie sich mit den ältesten immergültigen Themen beschäftigt und sich das A und das O, Anfang und Ende alles Menschseins dichterisch, ' bildhaft, eindringlich und lebensvoll zu eigen macht; Weltanfang, Schöpfung, Paradies - Weltuntergang, Tod und Weltgericht: das sind die Themen, die dem mittelalterlich-christlichen Menschen am nächsten lagen als Dinge, die über das alltägliche Dasein hinaus wert und ge­schaffen schienen, im Bild, im Vers, tm drafa- matisch-tänzerischem Redespiel gestaltet, und auf dem Markt oder in der Kirche vorgestellt und ausgenommen zu werden.

Hier waren Offenbarungen gefunden^ öte für jeden galten, jedermann angingen, für jeöer= mann nicht nur als Augen- und Ohrenweibe sich begaben, sondern dies ist der ttefe

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Samstag, 5. April 1926

Ursache lag im Rückgang der Gcsamtschülerzahl nun 216 000 in den Jahren 1914 16 auf 142 000: noch noch dem Beamtenabbau bei der Währungsstabili- sierung, dem 6,3 Prozent Lehrer zum Opfer fielen, sank der Schülerbestand um 16 Prozent; eine nennenswerte Steigerung ist vor­läufig nicht zu erwarten.

Die Geburtenziffern der Nach­kriegszeit sind nun für die künftige Entwick­lung entscheidend, und leider bieten sie kein erfreu­liches Bild. Selbst das Rekordjahr 19 20 brachte nicht mehr Geburten als das letzte Vorkriegsjahr (rund 3 2 5 0 0); seit­dem aber i st bereits wieder ein Rück­gang um 5 4 00 eingetreten. Daraus läßt sich schließen, daß auch nach dem Ausscheiden der Kriegsjahrgänge aus der Schule in der Zeit von 1928/32 ein Anwachsen der Schülerzahl auf die alte

Höhe ausgeschlossen ist. Die Zentralstelle für Lan­desstatistik errechnet den neuen Höchststand für 1934 mit 170 000, dann prophezeit sie erneutes Abgleiten bis 1940 auf rund 150000. Damit scheint er» wiesen, daß es s i ch hier um eine Dauererscheinung handelt, bie in der Schulorganisation berücksichtigt wer­den muß.

Eine volle Auswirkung der Schülerverminde­rung auf den Klassen- und Lehrerbestand wünscht niemand. Auch der weitestgehende Antrag des Bauernbundes sah mit einem Abbau von 800 Stellen nur eine Verminderung um ein Fünftel vor, gegenüber einem Schülerrückgang von einem Drittel. Die Deutsche Volkspartei dachte zunächst an 400 Stellen, schloß sich aber dann einem Zen- trumsantrage an, der mit 350 rechnete. Die Re­gierung rang sich mittlerweile zu dem Entschluß durch, die Einsparung von 200 Stellen annehmbar zu finden; sie erklärte dabei freilich, in der Haupt­sache könnten nur ländliche Klassen in Betracht kommen, weil beim letzten Abbau bie fünf Städte bie Hauptlast getragen hätten. Dieser Auffassung war entgegenzuhalten, daß bie brei Stabte Darmstabt, Mainz und Offenbach nur eine Durchschnittsfrequenz von 31 haben, daß dort die Lehrerzahl die Klassenzahl erheblich übersteigt, daß Darmstadt und Offenbach sich je 35 Prozent Son­derklassen leisten gegenüber halb soviel in Gießen und Worms, und daß endlich an Plätzen, wo für jeden Jahrgang über 20 Klassen bestehen, verhält­nismäßig leicht Zusammenlegungen möglich sind, die jede einzelne Klasse nur um ganz wenige Kinder verstärken. Der Schreiber dieser Zeilen suchte den Nachweis zu führen, daß die 7 5 Orte in Hessen, bie mehr als acht Klassen aufweisen, ohne empfind- liche Schäbigung des Schulbetriebs fast den ganzen notwendi gen Abbau

tragen könnten; er verlangte, daß die wenig gegliederten Dorfschulen nur bei wirkliche!! Zwergklassen heranzuziehen seien.

Wie nun künftig leitens des Landesamtes verfahren wird, bleibt abzuwarten, zunächst aber ift von einer höchst merkwürdigen Wendung zu berichten, die in der ganzen Streitfrage eintrat. Unverkennbar hatte das Zentrum seit Mo­naten gezwungen durch die Wünsche seiner ländlichen Wähler, die genau so steuermüde find wie die des Bauernbundes eine Haltung ein­genommen, die den anderen Koalitionsparteien wenig genehm war. Es wollte sparen, auch bei der Schule, es ließ durchblicken, daß die Wei- marer Koalition leine Lebensfrage für es sei. Sozialdemokraten und Demolraten dagegen ver­sicherten ein über das andere Mal der Oeffent- lichkeit, daß sie, im Gegensätze zu denbildungs­

feindlichen" Rechtsparteien, dieSchule deS Volkes" vor jeder Einbuße bewahren würden. Erste Zweifel an der Zuverlässigkeit solcher Be­teuerungen entstanden freilich schon, als ein An­trag ReiberiKaul vorschlug, 200 Stellen vorläufig unbesetzt zu lassen; höchste Aeberraschung aber löste am letzten Freitag dann ein KomPro­mi ß a n t r a g Kaul-Lenhart-Schr e i ber aus, dessen wichtigster Teil lautet:Mit Be­ginn des neuen Schuljahrs sind zu - nächst mindestens 200 Schulverwal- t e r und Schulverwalterinnen außer Verwendung zu stellen. 3 m weiteren soll jede zweite freiwerdende Volks­schullehrerstelle unbesetzt bleiben." Was war geschehen? Die Koalition war geeint, aber die Linke (oder soll ich sagen, die Schule?) hatte ein Opfer gebracht, ein schweres Opfer; denn jede zweite Stelle einsparen heißt, (bei einem Aormalabgang von jährlich 31/2 Proz. 140 Lehrern) noch 70 Leute streichen zu den mindestens" 200 schon im ersten Jahre, und wenn der Antrag Dauergeltung gewinnt, so wird der ursprüngliche Zentrums­antrag schon im zweiten Jahre erreicht und nut der Zeit auch der des Bauernbundes. So fand der Kommunist G a l m Gelegenheit zu beißendem Hohne:Die Koalition ist gekittet mit dem Blute der Anwärter, statt daß Demokraten und Sozial­demokraten mit uns den Abbau verhinderten." In der Tat: 2 6 Sozialdemokraten, 6 Demokraten unb 4 Kommunisten bi l- den zusammen eine Mehrheit, die gleiche, die seinerzeit die Wahl v. Brentanos zum Staatspräsidenten verhinderte; diese Mehr­heit hätte die Möglichkeit gehabt, sämtliche Angriffe der Rechtspar­teien wie des Zentrums auf die Schule abzuwehren, und das Wort, das Reiber wie

Kaul übereinstimmend gebrauchten,inan habe größeres Unheil verhüten wollen", kann folglich nur auf die Erhaltung der derzeitigen Regierung, nicht aber auf die Wahrung der Belange der Volksschule gedeutet werden. Bei der Abstim­mung ist bann der erwähnte Antrag gegen die kommunistischen Stimmen bei Stimmenthaltung der beiden Vollsparteien angenommen worden.

Cs unterlag bei keinem Kenner der Ver­hältnisse von Anfang an dem geringsten Zweifel, daß die Abmachungen des erneuten Triumvirats Kaul-Lenhart-ÄHreiber, beziehungsweise Reiber, auch die höheren Schulen in Mitleidenschaft ziehen würden. Und bei diesen ist dann das Zen­trum entgegenlommend gewesen in einer Weise, die mich schwanken laßt i n Urteil, welcher der drei Partner eigentlich die andern vor seinen Wagen gespannt hätte. Richt genug, daß ein Parallelantrag zu dem bei Kapitel Volksschule" die Entlassung von mindestens 3 5 Studienassessoren und das Offenlassen jeder zweiten Stu­die nrats ft eile forderte und selbst­verständlich durchsetzte, in einem wei­teren Antrag wurde die ursprüng­lich sozialdemokratische Forderung der Zusammenlegungähnlicher Hö­rer Schulen in 30 Kilometer Umkreis und eine in vielen Fällen ganz un­mögliche Kostenabwälzung auf die betreffenden Gemeinden für richtig befunden. Die Folgen kann man sich nicht leicht zu schlimm vorstellen, denn all die Voraus­setzungen zu einem Abbau, die bei der Volksschule gegeben sind, fehlen hier.

Die Statistik lehrt uns, daß Hessens höhere Schulen bei Außerachtlassung der Vorschule heute 3000Schüler mehr zählen als vor dem Kriege. Während damals 10 Proz. der Kinder aus der Volksschule abtoanberten, sind es heute (trotz der Klassen mit erweiterten Lehrzielen und trotz des hohen Schulgeldes der viel ge­schmähtenKlassenschule"!) 16 Proz. Auch die höhere Schule ist nun mit ihren untersten Klassen in die schwachen Geburtenjahrgänge eingerückt, dennoch ist kein nennenswertes Sinken der Ein­tritte zu verzeichnen, wie mir auf Anfrage vom Regierungstische ausdrücllich bestätigt wurde. Eine Kostenersparnis wird nicht eintreten, wenn seitens der Behörde höhere Schulen erdrosselt und ihre Insassen in die Volksschule zurückgedrängt wer­den; denn der Staatszuschuh ist höher auf den Kopf des Volksschülers als auf den des Gym­nasiasten oder Realschülers, geschweige der Lh- zealbesucherinnen. Die einzige Schulart, deren Zöglinge das Land schweres Geld kosten, ist bie Aufbauschule, aber deren Beseitigung for­dert niemand, auch nicht die Rechte, älnd wenn nun trotzdem so verhängnisvolle Anträge wie die beiden charakterisiert«! glatte Annahme finden, im selben Augenblick, in dem neue Lehrpläne den Schulbetrieb nicht leichter, sondern schwerer machen (der Antrag der D. D.P., die Einführung auf­zuschieben, wurde abgelehnt), so wird es dem beteiligten Fachmanne wirklich reichlich schwer, an die sachliche Einstellung derer zu glauben, die hier etwas zerschlagen, was fte._ gar nicht wieder flicken oder jemals ersehen können. Man beachte nur die hübsche Gegenüberstellung: Die DarmstädterGrunbschüger" werden in Klassen von ost unter 30 Schülern unterrichtet, die dor­tigen höheren Schulen dürfen trotz Fremdt- sprachenunterricht erst Sexta bis Quarta teilen, wenn mehr als 46 Schüler da sind. (So bildeten im Realgymnasium dort 124 Schüler drei Pa­rallelklassen.) Primen vonnur" 20 Schülern erregen Anstoß; denn ein Unterschied in der Lehrweise und Lehrschwierigkeit, in der Arbeits­belastung und geistigen Inanspruchnahme wird von gewissen Leuten zwischen Anschauungsunter­richt und Plcllolektüre, zwischen Einmaleins und Differentialrechnung grundsätz'ich nicht anerkannt!

Soweit die sachliche Seite der Angelegen­heit! Sie hat auch eine personelle. Der Abbau trifft Menschen, ver­mehrt das Heer derer, die ihren Be­ruf nicht ausüben können, er bringt Kummer und Unglück über ganze Fa­milien. Kein Abgeordneter, der Verantwor­tungsgefühl besitzt, wird sich dem verschließen und wird weiter in der Einschränkung der Staats­aufgaben und in der Abschiebung derer, die sie zu lösen haben, gehen, als die Staatsnotwendig­keit erheischt. Jedenfalls darf er aber nicht den Grundsatz aus dem Auge verlieren, daß die Staatsdiener des Staates wegen da sind; braucht sie also der Staat nicht mehr, so kann' keine Volksvertretung ihre Beibehaltung auf die Dauer verantworten, und da der angestellte Be- amte, wenigstens nach bürgerlichen Begriffen, wohlerworbene Rechte besitzt, wird ein Abbau immer mit ganzer Wucht den Rachw u ch s, die An­wärter, treffen. Wenn diesen nun mit vollem Rechte allgemeine Teilnahme sich zuwen­det, so sollte doch nicht, wie das leider in der jüngsten Vergangenheit nut zu sehr zu spüren war, mit zweierlei Maß gemessen werden. Es

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Unterschied zum modernen Theater, seinen Mit­teln und Ausstrahlungen als ein stark religiös und kultisch gefärbtes Erlebnis des Masse.

Wir sahen zuerst das Paradeisspiel (Spiel vom Sündenfall aus Oberufer bei Preß- burg in Ungarn, 14. Jahrhundert). Durch den Mittelgang ziehen singend herein und herauf auf die Bühne der Herre Gott mit den Erz­engeln, mit Adam, Eva und der Kumpanei, die den Chor macht. Heber die Bühne huscht die kettenklirrende, schwarze Teufelsgestalt, als Widerspiel der himmlischen Heerscharen. Und nun begibt sich, halb episch, halb pantomimisch­dramatisch, von Gesang durchbrochen und beglei­tet, die Geschichte von der Geburt des ersten Menschen, von der Erschaffung der Eva aus der Rippe, von der Versichrung unterm Baum der Erkenntnis, vom Fluch und von der Verstoßung, die dennoch, christlich und österlich, im Auf­erstehungsglauben sich verklärt.

Sparsamster Dühnenrahmen, schlichte, schwer­gefügte Worte, Weisen, Gebärden, Gesichter zu einer bezwingenden Einheitlichkeit eines sehr alten Sttls zusammengefaht. Dieser Stil, nach Bilder­szenen und Drucken des 15. Jahrhunderts (Basler und ßübeder Motive) nachgeschaffen und neu lebendig gemacht, läßt die Holzschnittweise des Totentanzes zum übertoäüigenben Erlebnis aufklingen. Das Spiel ist so menschlich, zeitlos, I weltwichtig und allgültig, daß es auch dem Spät- geborenen ans Herz greift. Bild und Wort, | Weise und Tanz (nach alten deutschen und ita­

lienischen Meistem) verbinden sich hier zu einer grausigen Einfachheit und der magischen Wucht elementarster Dramatik. Manches wirkt geradezu wie aus alten Holzschnitten, aus einem Holbein- bilde herausgehoben. Gesichter und Gestalten sah man vorüberziehen, die man längst gestorben und begraben glaubte.

Im Mittelpunkt des Ganzen stand imponie­rend groß, beherrschend und vergeistigt die Ge­stalt des Todes; dargestellt vom schauspielerisch, mimisch und künstlerisch gleichmäßig stark und stilecht empfindenden und gestaltenden Vor-Spie- ler. Ilm ihn herum der Todesreigen, die gosische Revue, die nach dem Prolpg der Engelvom fünferlei Tod" auszieht: König und Edelfrau, Bauer und schöne Maid, Mutter mit dem Kind, Arzt und Wucherin. Landsknecht, Klosterbruder unb kranke Maid. Heberraschend, wie hier in Einzelszene und Zwiesprache das Spiel zugleich individualisiert, vertieft und in Tanz und Begleit­musik vollendet gedeutet wurde. Wundervoll die reisige Marschmelodie (Tod und Landsknecht), das zarte, höfisch-ritterlich geführte Menuett (Tod und Edelfrau), die süße Marienweise (Tod mit Mutter und Kind); überwäll gend die gnadenlose Eintönigkeit und Wiederholung, der motivische Refrain des Abtanzes mit dem Tode, der keinen ausläßt und keinen verschont. Aber dennoch ist er nie gleich; das muh das Grohe und Un­erbittliche in der Todgestalt sein: sie ist innerlich erhöht, sublimiert, ist Vor-Richter des Weltge­richts, ist Tröster und Rächer, Kavalier und Kriegskamerad, Würger und Freund...

So klingt der Totentanz. Riemand kann un­gerührt bleiben. Stumm und ergr ffen geht man hinaus, verzaubert in den dichterischen Ä.ichklang ferner Jahrhunderte, im Herzen angerührt von ben ersten unb letzten Dingen der Wett, in Bann geschlagen von einer begeisterten unb blut vollen Schauspielkunst.y

Operationen

mit elektrischen Funken.

An der Münchener älniversitäts-Frauen- flinif wendet nach derUmschau in Wissenschaft und Technik" Geh. Rat Pros. Dr. Döderlein bei Operationen eine neue Schneidetechnik an. Das Verfahren beruht daraus, daß ein auf einige tausend Volt hochgespannter Wechsel­strom von sehr hoher Frequenz durch den Körper geleitet wird. Dieser Strom erzeugt im Ge­webe Wärme, die umso höher ist, je größer der dem Strom entgegentretende Widerstand sich be­mißt und auf je engerem Raum die Stromlinien zusammengedrängt werben. Benützt man eine feine Elektrode, so entesthen auf diese Weise im Gewebe solche Hitzegrade, daß dieses aus­einander weicht, wie mit einem scharfen Messer geschallten. Schon zu Beginn unseres Jahr­hunderts wurde diese Lichtbogen-Chirurgie an­gewandt. An der Klinik Döderleins wurde bas Verfahren wieder ausgenommen und verbessert. Bei bestimmten Operationen, so bei Zerstörung von Krebsgeweben, hat sich der schneidende Funk vorzüglich bewährt.