Nr. 51 Zweites Blatt
Der Russenkredit.
Sechs Wochen sind nun schon vergangen in vergeblichem Hin und Her über den Kredit von dreihundert Millionen Mark, den das Deutsche Reich von,'Staats wegen der russischen Regierung einräumen will. Der Ausbau ist sehr einfach gedacht: da der russische Staat offiziell als Käufer auftritt, läßt sich nach der Seite hin die Kreditgestaltung leicht regeln. Auf deutscher Seite will das Reich eine Ausfallgarantie von 35 Proz. übernehmen, während die Länder eine Ausfallgarantie von 25 Proz. zufagen, so daß den Industriellen ein Risiko von 40 Proz. der Vertragssumme bleibt. Fraglich ist nur, ob die Ausfallgarantie des Reiches an erster Stelle gelten soll, ob sie also automatisch erlischt für jeden einzelnen Vertrag, sobald die Hälfte der Summe bezahlt ist. Das Reich steht auf dem Standpunkt, daß dann seine Verbindlichkeiten erfüllt sind, weil in den letzten 40 Proz. ja auch der Verdienst des Unternehmers steckt, während die Industrie aus begreiflichen Gründen die Rückendeckung durch die öffentliche Hand bis zur Gesamtabdeckung der Beträge behalten möchte. Daneben aber macht auch die Frage der Verzinsung noch Schwierigkeiten. Die Russen sind gute Geschäftsleute, sie lehnen einen Zinssatz von üher 10 Proz., wie.er von der deutschen yanfgruppe gefordert wird, als viel zu hoch ab, wobei sie wohl nicht ganz Unrecht haben: jedenfalls wäre es gut, wenn die Reichsregierung einmal Druck dahinter fetzt, um diese Schwierigkeit auszugleichen und eine Verständigung herbeizuführen. Das ist um so notwendiger, da in den nächsten Tagen schon die parlamentarische Behandlung der ganzen Angelegenheit abgeschlossen ist, dann also die Voraussetzungen für das Inkrafttreten des Kredites gegeben wären.
Denn schließlich hat die deutsche Wirtschaft ein ebenso großes Interesse daran wie die russische. Die Russen hoben sich in ihren Exportschätzungen verspekuliert, die Ernte hat die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Da sie aber jetzt die Absicht haben, ihre Industrie wieder anzukurbeln, sind sie darauf angewiesen, auf Kredit geliefert zu erhalten, vornehmlich um das Naphta-Gebiet wieder in Ordnung zu bringen. Ohne das Reichsdarlehen, das auf vier Jahre laufen soll, werden sie die Bestellungen nicht geben, da unsere Industrie bei weitem nicht kapitalkräftig genug mehr ist, um aus eigener Kraft heraus derartige Summen zur Verfügung stellen zu können. Warenwerte von dreihundert Millionen bedeuten aber für uns gerade im Zeichen der akuten Wirtschaftskrise einen Auftragsbestand, der großen und kleinen Fabriken die Fortsetzung ihres Betriebes ermöglicht, ihnen auf über ein Jahr hinaus Arbeit sichert und dadurch der Erwerbslosigkeit Abbruch tut.
Ebenso wichtig aber ist, daß wir dadurch a u f dem russischen Markt die Vorhand gewinnen, nachdem die russischen Versuche, Geld in Amerika oder England zu bekommen, gescheitert sind. Wir können unseren Export forcieren. Dazu ist aber nach dem Westen kaum mehr Gelegenheit England hat sich durch die Mac-Kenna-Zölle gegen die deutsche Einfuhr geschützt. Das französische Dumping verwehrt uns die Konkurrenz auf dem westlichen Markt. In Amerika hat sich der industriell erstarkte Norden die Vorband gesichert, weil er kürzere Anmarschwege hat, also billigere Frachten machen und außerdem langfristige Kredite geben kann. Wir können daher nur in d e n Osten liefern. Das riesige russische Gebiet, das nach Waren schreit, ist der gegebene Absatzmarkt für uns, weil wir die Nächsten dazu sind. Zudem kennt der deutsche Kaufmann die Wünsche des Russen am besten. Er ist nicht nur der gegebene Lieferant, er ist auch der gegebene Vermittler zwischen Rußland und den Kapitalmächten des Westens. Nur auf dem Umwege über Deutschland wird das amerikanische Kapital nach Rußland hereingehen wollen, und je stärker wir unsere Position ausbauen, desto leichter ist es uns möglich, nach Amerika zu vermitteln, woran Rußland und Deutschland das gleiche Interesse haben.
Das ist aber nur die wirtschaftliche Seite der Frage. Ebenso wichtig ist die politische. Der
Schüttelfpeer.
Don Friedrich Freksa.
Aus den legendären Briefen des nach Engelland gegangenen deutschen Humanisten Johannes Dorschius an feinen Freund Hieronymus Eosander zu Utrecht.
Hab ich vormalen, viellieber Herr Bruder, Euch vermeldet, wie sich die Herren vom Adel, so zu Hofe gehen, gebärden und Ehre der Königin bezeugen, die das Land weislich und christlich regieret, so lüstefs mich heute. Euch von dem zu berichten, was dem Engelländer, beiden, Adel und Volk, die größte Wonne verursacht. Ich meine nicht die Spiele der Venus, sondern die Eomedia oder das Theatrum.
Könnet Euch, viellieber Herr Bruder, nicht irna- Qinieren, was Wesens hiervon gemacht wird, wie selbft weise und in den Akten erfahrene Männer darüber sprechen und disputieren, und es gibt wohl keinen Engelländer, angefangen bei der Königin bis herab auf den rotznäsigen Straßenschelm, so sich nicht daran ergötzen möge an dem feinen, lügnerischen Spiel der Aetoren. Sind auch diese Gesellen nicht unseren Posienreißern und Jahrmarktsnarren gleich geachtet, sondern genießen gleiche Ehre wie ansehnliche Handwerksmeister, Schuster oder auch Handschuhmacher, wessen ich mich baß wunderte.
Allein, solche Bewunderung ist mir bald verflogen, hat sich gewandelt in eine gute intelligentia, maßen Platon schon saget, daß aus dem thaumazein, aus der Verwunderung das Blütlein der Erkenntnis hervorfprießt.
Wurde mir das Wesen des Theaters bekannt gemacht durch einen gelehrten jungen Herrn, der zu- gleich als Rat der Königin dienet, einem im römischen Rechte, den Schriften der Alten und den Dingen der Natur wohl erfahrenen Mann, Franziscus Baco, der mich mitführte-in ein Stück, so an einem Theater, Globe genannt, tragleret wurde und welches von dem Tode des ersten römischen Kaisers Julius Eäfar handelt und den Begebenheiten, so nach dem Tode sich entsponnen.
Merkte ich sehr bald, daß der, der dieses Poem geschrieben hat, eine gar tiefe Einsicht in den Plutarchus genommen habe und sprach solches Vermuten Herrn Franziscus Baco freimütig aus. Sagte mir Herr Franziscus, daß er dem Meter den Plutarch in lateinischer Zunge gegeben und mit ihm vielfach über das Leben Eäsars gesprochen habe. Dieser selbe Actor wäre nicht der besten Mimen einer, aber er zeichne sich aus bei der Anordnung und Leitung der Spiele, wozu ihm seine Studio des Lateinischen und der Chroniken gar viel hülfen, woraus wieder mal erhellet, daß studia in litteris
Dienstag, 2. März 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenf a—imwiTiiii..»,. ■IHM I IUI ■■iitja—mara» , im uni, h
Widerstand der Russen gegen den Locarno- Vertrag geht vor allem in der Richtung, daß sie fürchten, Deutschland würde dadurch in den Kreis der Westmächte eingeipannt und in eine antirus- sche Politik hineingezogen Die Antwort auf diese russische Sorge ist der Dreihundert-Millionen- Kredit, der in Moskau beweisen muß, daß wir nicht daran denken, durch unteren Eintritt in den Völkerbund die Brücke nach Osten abzubrechen: der aber auch beweist, daß Deutschland non sich aus sehr stark an einer ruhigen innerpolitischen Entwicklung Rußlands interessiert ist. Denn ein Kredit von dreihundert Millionen, für den das Reich einiprin- gen muß, ist der ft ä r t ft e Vertrauensbeweis politischer Art, den wir der gegenwärtigen russischen Regierung geben können. Das ist ein Aktivum, mit dem die Russen wieder in London, Paris und Washington arbeiten können. Sir werden darauf Hinweisen, daß schließlich doch Deutschland am ehesten in der Lage ist, den voraussichtlichen Gang der Dinge in Rußland zu beurteilen. Wenn also das arm gewordene Deutsche Reich in das Geschäft dreihundert Millionen hineinsteckt, dann Fant) es an eine innere Erschütterung Rußlands nicht mehr glauben. Gesichtspunkte außenpolitischer und wirtschaftlicher Art verbinden sich also mit dem russischen Kreditgeschäft aufs aUerengste. Je eher die Verhandlungen zum Abschluß kommen, desto größer sind Die Vorteile, die aus diesem riesigen Geschäfl für beide Teile erwachsen.
Die Lage des Saargediets.
Eine Unterredung nut dem Reichstngsabgeordneten Hermann Hofmann-Lndwigshafen.
Der bekannte Reichstagsabgeordnete Hermann Hofmann-' Ludwigshafen ist von einer Reise durch das Saargebiet zv- rüttgekehrt. Alnfer Berliner Vertreter nahm deshalb Veranlassung zu einer sinterredung mit dem bekannten Parlamentarier über die gegenwärtige Lage in jenen Gebieten, wobei sich der Abgeordnete Hofmann in folgendem Sinne äußerte:
„Das heutige Saargebiet, zusammengesetzt aus Teilen des Regierungsbezirkes Trier, der pfälzischen Bezirksämter St. Ingbert, Homburg, Zweibrucken ist ein unglückliches Gebilde des Versailler Vertrages. Die oaar- bevölkerung mit 700 bis 800 000 Einwohnern ist einer Fremdherrschaft unterstellt, und zwar einer vom Völkerbund eingesetzten Regierungskommission, worin nur ein Mitglied dem Saargebiet entstammt. Der französische Präsident dieser Kommission, Herr Rault, hat keine Gelegenheit ungenützt gelassen, in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht dem französischen Einfluß Tür und Tor zu öffnen, um so das Abstimmungsresultat im Jahre 1935 frankophil zu beeinflussen. Mit Befriedigung kann festgestellt werden, daß all diese Absichten am kerndeutschen Sinn der Bevölkerung gescheitert sind und Frankreich heute die Hoffnung auf eine Westorientierung des Saargebietes begraben kann.
Der überwiegende Teil der Bevölkerung gehört dem Arbeiter stände an und zwar dem Landproletariat mit Eigenheim und kleiner Eigenwirtschaft. Der B e r g b a u ist in der Wirtschaft des Saargebietes ausschlaggebender Faktor und beschäftigt nicht weniger als 75 000 Arbeiter. Außerdem finden etwa 20 —25 000 Arbeiter in Eisenhütten für Eisen und Stahl ihre Beschäftigung. Leider sind diese Großbetriebe stark von französischem Kapital durchsetzt und die Kohlengruben ganz unter die Oberleitung französischer 'Beamten gestellt. Die Landwirtschaft vermag nicht die Bevölkerung dieses abgeschnürten Landes zu ernähren. Das natürliche Absatzgebiet der Saarwirtschaft, nämlich Suddeutschland, ist durch Schwierigkeiten in Zoll- und Verkehrsgrenzen fast verloren gegangen, und durch mütterliches Ent-
gegenkemmen des Deutschen Reiches in Form von Zollstundungen kann sich die Saarwirtscho.st mühsam noch aufrecht erhalten. Die Einführung der F r a n l e n wä h r u n g hat in der Zeit schlimmster Markinflation die Saarbevölkerung eine kurze Zeit der deutschen Inflationsforgen überhoben. um sich dann um so bitterer an Dolk und Volkswirtschaft zu rächen. Bei der augenblicklichen Llmrechnungsbasis oon: eine Reichsmark ist gleich ca. 6,5 Arants herrscht im Saargebiet und in den wirtschaftlich von ihm abhängigen Randgebieten eine geradezu trostlose Rotlage. Insbesondere sind davon die sogenannten „S a a r g ä n g e r", d. h. jene Arbeiter, die in den angrenzenden Reichsgebieten wohnen und im Saargebiet beschäftigt sind, schwer in Mitleidenschaft gezogen. Don den Saarberg- leuten wohnen im angrenzenden pfälzischen Gebiet etwa 4500, während im Regierungsbezirk Trier 4000 und im Birkenfeier Lande 700 ansässig sind. Zu diesen Saargängern im Bergbau kommen noch etwa 3 — 4000 Hütten- und Bauarbeiter, so daß die Zahl jener Llnglücklichen, die Frankenlohn empfangen und Reichsmark für den Lebensunterhalt ihrer Familie au5g?bcn mässen. sich auf rund 13 000 beläuft. Der Höchstlohn eines Heuers kommt in Mark umgerechnet pro Monat auf 100 bis 120 Mark. Rach Abzug der Soziallasten, Fahrtkdsten und besondere Mehrkosten für getrennten Haushalt bringt dieser best- bezahlte Saargärger noch einen Monatslohn von 60 bis 80 Mark für den Llnterhalt seiner Familie nach Hause. Daß dabei von einer Rormaler- nährung und anständigen Kleidung keine Rede mehr sein kann, versteht sich von selbst. Darin liegt eine große Gefahr für die gesundheitlichen Verhältnisse dieser Arbeiterbe'oölkerung, aber auch eine große Gefahr für die Entlassung wegen Arbeitsunfähigkeit, wobei dann das lebendige Band zwischen dem Reichs- und Saargebiet zerschnitten und der Ersatz aus Polen und der Tschechoslowakei herangeholt wird, wie dies jetzt schon zu fonftatieren ist.
Die Saarkohlengruben und industriellen Betriebe unterliegen jetzt in sozialer Hinsicht rückständigen f r a n z ö s i's ch e n Verhältnissen, denn der Saararbeiter darf dock) nicht besser gestellt sein als der französische, und deshalb erfährt er eine unsozialere Behandlung als der deutsche Arbeiter. Entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages hat man die Sozialversicherung im Saargebiet von der deutschen Sozialversicherung l o s g e l ö st. zum Verhängnis der Pensionäre und Sozialrentner, welche heute kaum die Hälfte oder ein Drittel von den Bezügen ihrer deutschen Kameraden erhalten. Wohl hat die deutsche Reichsregierung mit der Regierungskommissivn des Saargebietes seit Ende Oktober des verflossenen Jahres Verhandlungen geführt, um die Angleichung an die deutsche Sozialversicherung wieder herzustellen. Bis jetzt haben diese Tlnterhandlungen noch lein abschließendes Ergebnis gebracht.
Besonders unangenehm empfindet die Bevölkerung in den Grenz bezirken des Saargebietes die unnatürliche politische Abgrenzung und die damit verbundenen Plackereien und Schwierigketten bei der Zollkontrolle im kleinen Grenzverkehr. Sehnsüchtig erwartet man bis Ende Februar dieses Jahres die Ratifizierung des Saarabkommens und erhofft dabei die Erwetterung des kleinen Grenzverkehrs, welcher den armen Frankenlohnempfängern die Lebenshaltung dadurch zu erleichtern verspricht, daß sie das zum Leben unbedingt Rotwendige an Rahrung und Kleidung für Frankenlohn im Saargebiet eindecken und zollfrei über die Grenze bringen können.
Ruf dem Wege der Wohlfahrtspflege haben Preußen und Bayern in den letzten Monaten schon erhebliche Summen zur Linderung der Arbeiternot in den Randgebieten des Saargebietes aufgebracht (Preußen z. B. 400 000 Mark). Der Reichstagsausschuß für das besetzte Gebiet befaßte sich in seinen letzten Sitzungen auf Grund eines Antrages Hofmann-Ludwigshafen haupt-
allen Ständen von Nutzen sein können. Selbiger Actor wird genennet in englischer Zunge Shakespeare, heißt auf deutsch Schüttelspeer, was sicherlich ein kriegerischer Name ist.
Besuchte ich darauf dieses Theatrum des öfteren. Ist eine Art überdachter Hof, von dem abgeschlagen ist durch erhöhte Bretter ein gut Stück oon der hinteren schmalen Seite gegenüber der Eingangspforte. Wird nun dieses Gerüst, das etwa bis zur Schulterhöhe eines hochgewachsenen Mannes reicht, zum Beginn des Spieles verhüllet mit Vorhängen, so zwischen zwei hohen Fahnenpfosten hängen, die mit Blumen umwunden sind und mit freundlichen Farben, wenn das Spiel lustig werden soll, oder auch mit schwarzen Trauertüchlein, wenn das Spiel mit Tränen endigt. Solche Tränenspiele schon Aristoteles sehr empfiehlt zur Purgierung der Seelen von überflüssiger Schwermut und Reinigung vom schwarzen Sinne, da ja eine geweinte Zähre nicht einmal buillen kann, und ist solches Mitanschauen und Weinen für das Gemüt wie ein Aderlaß für das hitzige Blut des Körpers. Tritt Abkühlung ein, und es kann Trauer nicht gefährlich werden, wie ein Fieber nach dem Aderlaß nicht allzusehr wüten kann.
Vor dem besagten Gerüste, das mit dem Vor- hang zwischen den beiden Gerüsten verhüllet ist, raget gleichsam eine breite runde Zunge wett in den Hof hinaus, so daß die, so zuschauen, im Kreise dicht darum sitzen. An den Wänden des Hofes aber find Galerien, in denen sich gerne die Herren und Damen vom Adel aushalten, während der Boden des Hofes von dem schlichten Manne be- setzt wird. Da kommen sie denn schon sehr früh und bringen sich mit Körbe und Säcke mit Speise' und Trank. Ist viel Getümmel, Gram und Aergernis zuvor. Sobald aber einer den Zinken vom oberen Turm blaset, wird alles still. Alsdann geht ein Prologius vor und gehet denen, so zuhören, ein wenig um den Bart, auf daß sie günstig und gewogen seien, danach beginnet die Comedia.
Erstaunte ich sonderlich über die Ordnung und Pracht, mit der sie das spielen. Haben gute und tüchtige Rüstungen von Mailänder oder Nürnberger Arbeit, schön ziselierte Degen, viel Federn und Diel herrlich gestickte seidene Banner. Wird die hintere Wand gerüstet als Treppe, als Haus, als Toreingang, so wie das Spiel und die Szene es erfordert.
Da ich solchermaßen große Freude über das bezeugte, was ich sah und hörte, so ward der Herr Franziscus voller Eifer, mir noch mehr Ein- sicht zu gewähren, und führte mich in die Ta- verne, allwo die Verfertiger der Szenen und die
Actores trinken. Dachte ich in meinem Herzen: hast es früher auch nicht geglaubt, daß deiner Mutter Sohn mit einem Herrn vom Adel geht zu einem Volke, das doch nicht viel besser ist wie die Possenreißer vom Jahrmarkt. Fand aber hernach, daß es Männer sind, die ihren Geist gerne in die kastilischen Quellen tauchen, um ihn gesättigt mit der erhabenen Weisheit der unerreichten Griechen herauszuziehen. Sonderlich einer, so sie den Johnson hießen, ein rüstiger Mann, geübt im Becherschenken, wie in Zitaten aus dem Plutarch und Aristoteles, gefiel mir gar wohl. Hat auch auf den hohen Schulen studiert. Daneben sah neben einem Becher spanischen Würzweines der erste Leiter der Lord-Kämmerertriippe Burbage, ein feister Gesell, der über alles, was der Herr Johnson über das Theater redete, lochte und sagte: „Wartet nur, bis der Szenenschüttler kommt, alsdann wird es anders lauten!"
War aber mit dem Szenenschüttler kein anderer gemeint als der Schüttlerspeer, der das Stück gemacht hatte, das wir soeben gesehen hatten, und erklärte mir Herr Franziscus, daß ein neidischer, aber schon gestorbener Szenendichter Green, den Schüttelspeer so genennet in einem bösen Traktat und noch ärger ein Tigerherz gehüllet in Spielers Haut, womit er den Actor, so sich unterstand xu dichten, verhöhnen wollte mit einem Vers, den dieser selbst gedichtet. War aber das Traktat längst vergessen, nur den Hetznamen Szenenschüttler vergaßen sie nicht, ibeil der gleichsam die Szenen aus dem Wamse schüttle.
Kam denn auch bald der so benennete Szenen- schüttler, und wurde begleitet von zwei jungen Herren vom Adel, dem Lord Rutland und dem Lord Southampton, der sehr im Ansehen steht bei dem Herren Grafen von Essex.
Stellte sich der Szenenschüttter bar als ein tauberer Mann, der gut ein Aldermann ober ein Vorstanb einer ehrlichen Innung hätte fein können, anständig in spanisches Kostüm gefleibet, mit nicht zu großem Kragen, spanischen Knebelbart und wenigen Haaren auf dem Scheitel. Er hatte starke, dunkle Augen, die wohl eingebaut waren unter den Vordächern seiner Brauen, und ein feister Nacken und die gesunde Röte seines Gesichtes verrieten, daß er einer wäre, der zu tauen und zu schlucken verstünde.
Die edlen Herren setzten sich zu uns an unseren Tisch und winkten dem Herrn Burbage und dem Herrn Johnson, während sie den Herrn Franziscus freundschaftlich und mit Handschlag und Umarmung begrüßten, wie es Sitte ist unter dem Adel.
Merkte ich halb, daß wir zu Rate sitzen sollten über ein Spiel, so zur Hochzeit des edlen Herrn
sächlich mit der Arbeiterfrage innerhalb und außerhalb des Saargebietcs und hat am 28. Januar 1926 einstimmig beschlossen, sofort 350000 Mark unter der Voraussetzung einer gleich großen Beihilfe durch die beteiligten Länder als einmalige Beihilfe den bedrängten Saargängern zukommen zu lasten. Ein weiterer einmütiger Beschluß verlangt im Rachtrag des Haushalts 1925 die Summe von 1,5 Millionen für einmalige und lausende Zulagen dieser Rotleidenden.
Das deutsche Volk hat in seiner Gesamtheit die zwingende moralische Pflicht, seinen armen Brüher", und Schwestern im Wirtschaftsbereiche des Saargebietes die rettende Hand zu reichen, damit nicht das Gefühl der Verlassenheit und des Ausgestoßenseins zu den leiblichen Röten noch die seelischen Qualen hinzukommen läßt. Aus eigener Erkenntnis darf ich sagen, trotz Fremd- herrschaft. trotz leiblicher und seelischer Rot habe ich nirgends in deutschen Landen den deutschen Gedanken so rein, bekenntnismutig, treu und opferfreudig gesunden wie hier im Saargebiet. Wenn der Geist von Locarno im Völkerbund wirklich lebendig lebt, so hätte er im Saargebiet Gelegenheit zur Auswirkung in einer Verkürzung der Abstimmungsfrist. Das Resultat wird im Jahre 1926 dasselbe fein wie 1935: Hin zum deutschen Mutterland!"
Italiens Ruf nach Kolonien.
Rom. 27. Februar.
Immer stärker ertönt seit einiger Zett in der italienischen Presse der Ruf nach Kolonien. Dia Rationalisten sind es gewesen, die die Rotwendigkeit von Kolonien für Italien dem Volke klar gemacht haben. Es gibt — so führten sie aus — ..Herrennationen" und „Helotennationen". Letztere hätten einen großen Bevölkerungs- Überfluß, den das Land nicht ernähren könne und der daher ins Ausland wandern müste, wo er im Dienste und zum Ruhen anderer Staaten arbeite, meist entnationalifiert werde und für die Heimat verloren sei. Die Herrennationen dagegen besäßen Kolonien und Rohstoffe, die es ihnen erlaubten, infolge einer entwickelten Industrie immer mehr Leute im eigenen Lande zu ernähren und den Tieberschuß in eigenen überseeischen Besitzungen unterzu-- bringen, wo er national und wirtschaftlich zugunsten der Heimat weiter wirken könne. Soll daher Italien nicht ewig eine Helotennattoir bleiben, dann müsse es danach streben, Kolonien und Rohstoffe zu besitzen.
Run h a t zwar Italien Koionien in Rord- afrifa und am Roten Meere, aber keine baaort eignet sich bisher für eine Besiedelung im großem Italien weiß daher nicht mehr, wohin es mit seinem Devölkerungsüberschuß soll, besonders seitdem die Vereinigten Staaten diesem fast ganz den Zutrttt verwehrt haben. So erklärt sich der Ruf nach Kolonien in der Presse, in der öffentlichen Meinung. Man sucht diese Kolonien überall in der Welt, besonders aber imMi11el - m e e r. Am meisten würde wohl Italien als Bevölkerungskolonie Tunis zusagen, weil dort bereits viele Tausende von Sizilianern festen Fuß gefaßt haben und durch ihren Fleiß dieser Kolonie zur Ehre gereichen. Aber Tunis gehört Frankreich, das, gerade um dieser italienischen Gefahr zu begegnen, die dortigen Italiener zu entnattonahfieren sucht. Andere werfen den Blick auf Albanien und auf die Umgebung von Adalia, südlich von Smyrna in Kleinasien. Aber der ruhige Besitz dieser Landstriche mühte zuerst, ganz abgesehen von intemattonalen Schwierigkeiten, durch große militärische und wirtschaftliche Opfer erkauft werden. Dann hatte man sich gefragt, ob es nicht möglich sei, mit Hilfe der Sowjet-Republik italienische Siedlungen in (Süb- rttß land, am Schwarzen Meer, anzulegen. Es wurde jedoch nichts daraus. Mit Portugal sollen gleichfalls Unterhandlungen gepflogen worden fein, um die italienische Auswanderung nach Angola zu leiten. Man hat aber nie wieder etwas Roheres darüber gehört. Alle diese Fehl-
Thomas Heneage, des Schatzmeisters der Königin, mit der Mutter des Herrn Grafen Southampton, welche eine Wittib war, geschehen sollte.
Hatte darüber jeder sem Wort zu sprechen und seine Würze zu geben zu dem Brei. Nur der Szenenschüttler blieb stille und hörte mit an, was ein jeder sagte. Folgten seine Augen eines jeden Worte und hefteten sich auf die Lippen des Sprechers, als wollte er sie fchnell und rüstig fortstehlen, ehedem sie gesprochen würden.
Wollte Herr Franziscus, daß es ein schön alle- gorisch Spiel würde, maßen sich die Herren vom Adel gerne an Göttern und Göttinnen ergötzen und mit ihnen verglichen würben.
Wollte ber junge Graf Southampton, baß es ein rührenbes Spiel würbe, maßen sich seine Mutter nicht scheute einen neuen Ehebunb zu schließen, er selbst aber von der Königin nicht die Erlaubnis erhielt, seine Herzallerliebste, Lady Vernon, ber er verlobet unb vertrauert war, zu ehelichen, unb wollte ber Graf, baß bas Spiel ber Königin Herz bewegte, unb einen Kuppler machte zwischen ihm und dem edlen Fräulein.
Hatte Herr Rutland einen besonderen Bolzen auf seinem Bogen, maßen ein Poet namens Spencer dem englischen Adel spartanische Verachtung ber Künste unb ber Dichtung nachgesagt habe, unb wollte, baß bas Spiel bewies, es wäre nicht also.
Vermeinte auch Herr Burbage, ba wäre eine Gelegenheit, ber Frau Königin sanft eine Melobie heimzugeigen, maßen sich die Frau Königin agieren unb tränieren ließe oon ihren Pagen, anmaßlichen jungen Herren, bie nachher in alle Spiele liefen unb öffentlich alle Aetoren bemängelten1; unb bem Volke gleich vormachten, wie zu spielen sei, durch welche Alfanzerei oft Gelärm und Störung erfolgt sei.
Nahm es mich wunder, was alles noch zu bem Hochzeitsspiel geniertet unb cingemebet werden sollte. Nur der, den es anging, ber Herr Schüttek- fpecr, blieb ruhig und schaute gelassen drein.
Kamen sie denn mit vielen Vorschlägen, was für eine fabula zu erwählen wäre, unb hatten sie Bücher in ber Tasche voller welscher unb spanischer Novellen. Jeglicher pries sehr an, was er gelesen unb was ihm gefallen.
Lachte insonderlich ber Johnson, als ein jeder eifrig das seine anpries, und spottete des Schüttlers, weil diesem Gelehrsamkeit mangelte, um alles auf- zufassen und zu ergreifen.
Gab ber Schüttler eine Antwort, bie alle lachen machte, benn er verglich den gelahrten Johnson mit einer schwerbelabenen spanischen Galeere, sich aber mit einem englischen Schnellsegler unb meinte, er wollte schon bald erobern, was die Gallione In sich bürge.


