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Nr. K Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Auzeiger für Gberheften)

Somstag, 2. Januar 1926

Außenpolitische Umschau.

Von Professor Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

Bedeutet die Entscheidung des Völkerbundes über Mos su l etwas für die große Politik und ihre Zusammenhänge, und was bedeutet sie im Hinblick auf unsere Sorgen?

Deutschland ist heute ausgeschlossen von diesen Kampf im nahen Orient, ausgeschlossen auch von den großen dahinter stehenden Kämpfen um die DeL quellen Mesopotamiens. Nur mittelbar wird es von den Wirkungen dieser Entscheidung oder eines dar­aus hervorgehenden Konfliktes berührt. Der Völker­bund hat bekanntlich gegen die Türkei das Moftul- qebiet in der Hauptsache England zugewiesen. Die Türkei hat dagegen in einem Vertrag mit Rußland vom 17.12. oorgestoßen. Führen die Dinge weiter, zum bewaffneten Konflikt, so könnte auf der einen Seite Rußland der Türkei helfen, also in den Kon­flikt eintreten. Andererseits aber würde, da England den Völkerbundentscheid bedingungslos angenommen bat, es den Konflikt wieder auf das gleiche Gleis treiben. Das bedeutet, daß die ganze Maschinerie des Artikels 16 und der Völkerbundsakte dann gegen ein Mitglied des Völkerbundes einsehen müßte.

Zwar ist nicht wahrscheinlich, daß der Gegensatz so zu kriegerischem Ausklang fuhrt. Die Türkei ist nicht in der Lage, einen großen Krieg zu ris­kieren, in dem sie um ihr ganzes Schicksal erneut spielen würde, und die englische Politik tut alles, um eine solche Verwicklung zu vermeiden. In den sechs Monaten, die bis zum Abschluß der ganzen Sache noch Zeit ist, und in denen der Vertrag Eng­lands mit dem Irak geschlossen sein soll, bemüht sich England zugleich auch um einen Vertrag mit der Türkei. Ganz im Hintergnmd kann immerhin auf etwas hingewiesen werden, was die Türkei dringend braucht, nämlich die Anleihe, die sie von Rußland sicher nicht erhält, und nur von der an deren Seite kommen kann.

Aber wenn das auch so ist, es ist doch recht not­wendig, sich diese Sache ernsthaft durchzudenken und auch auszumalen. Einmal dreht es sich im Gut­achten des Haager Gerichtshofes und der Völkerbundsentscheidung um Gesetzesänderungen und Entscheidungen über Grenzen. Das ist eine Frage, die auch Deutschland, wenn es im Bund ist, außerordentlich nahe angeht und interessiert! Darum ist das Studium der Vorgänge, die zu solcher Ent­scheidung geführt haben, mit allen Bestimmungen und Auslegungen für Deutschland sehr notwendig, weil es für unsere Wünsche von Grenzänderun gen einmal von Bedeutung werden kann. Roch -Mehr aber: Stellt man sich gegen die Wahrscheinlichkeit vor aber heute ist nichts ganz unwahrscheinlich den englisch-türkischen kriegerischen Konflikt um Mossul, so würde dieser also auf der einen Seite zum Völkerbundskonflikt gegen die Türkei, und aus der anderen kann er zur Teilnahme Rußlands an ihm führen. Wir haben bis zur Ermüdung in der Erörterung des Artikels 16 immer nur den Fall des russisch-polnischen Konfliktes durchgesprochen, ohne daran zu denken, daß der Fall für Deutschland auch akut werden könne unter anderen Umstanden in Südosten oder eben im nahen Orient. Hier isl ist eine solche Möglichkeit, theoretisch vielleicht, aber ft ist da, und sie ist erneut Veranlassung für die deut­sche Außenpolitik, den Artikel 16 uno alles, was damit zusammenhängt, oorzunehmen, erneut zu prüfen, ob die Auslegung der Mächte in Locarno, die ja direkt das Genfer Protokoll abgeschrieben bat, unseren Lebensnotwendigkeiten entspricht, und vor allem die Zeit bis zum Eintritt in den Völker­bund zu benutzen, um diese Lebensfrage unseres Vaterlandes zu klären. Wir versieben unter Klärung die diplomtische Aktion gegenüber der anderen oeite, beim Völkerbund und den diesen bestimmen­den Großmächten, die Aktton auf Legalisierung jenes Schreibens aus Loarno zu Artikel 16, mit der zweck- mäßiaerweise auch die erneute Diskussion über den Inhalt dieser ganzen Bestimmung verbunden werden muh. Ob die deutsche Außenpolitik wohl daran denkt, daß sie derarttge Aufgaben hat, und daß eine so ent­legene Sache, wie der Mossulkonflikt es ist, Ver­anlassung gibt, sie in die Hand zu nehmen?

Im übrigen ist für Deutschland noch ein anderes daraus wichtig: Moftul, Syrien, Marokko, Aegypten, Palästina, Arabien, Türkei wir haben uns ge­wöhnt (und mit Recht), etwa in den Jahren zwi­schen 1919 und 1925 das Spiel der Mächte dort so zu betrachten, daß England auf der einen, Frank­reich und daneben Italien auf der anderen Seite ständen, daß Frankreich und England gegeneinander ständen. Aus diesem Gegeneinander hat die Türkei die Kraft gezogen, die Fesieln des Friedens von Stzvres abzuwerfen, uniersttitzt natürlich durch ihre heroische Abwebr des griechischen Angriffes. Aus diesem Gegeneinander ergab sich immer zu Deutsch- lgnds Ungunsten das Spiel, daß Zugeständnisse an

Anekdoten von der" kleinen Exzellenz".

Es war ein französischer Schriftsteller, der einmal sagte, man werde erst lange nach Menzels Tod er­kennen, daß dieser große Künstler auch einer der klügsten Menschen und eine der eigenartigsten Per- «eiten feiner Zett war. Heute an seinem eburtstage, da wir schon einen gewissen Ab­stand zu seinem Wesen und Werk gewonnen haben, beginnt üch dies Wort zu bewahrheiten, nachdem uns durch die Veröffentlichung seiner Briese, durch die Mitteilung zahlreicher Erinnerungen an ihn seine Persönlichkeit nähergerückt worden ist. Die kleine Exzellenz", wie er in seinem Alter als stadtbekannte Berliner Persönlichkeit allgemein ge­nannt wurde, liebte es, eine stachelige Hülle zur Schau zu tragen und die innere Weichheit und Güte, die so oft im Leden enttäuscht worden war, hinter bärbeißiger Drummigkeit zu verstecken. Wenn ein Besucher tarn, der ihm nicht paßte, so pflegte er zu sagen:Hier ist nichts zu sehen, ich bin keine Menagerie." Aber wie viele haben doch, wenn sie in dem Hinterhause der Sigismundstraße die vier Treppen bis zu seinem Atelier emporgeklettert waren, freundlichen Einlaß und einen hilfsbereiten '.Berater gefunden. Den Eintritt suchte er allerdings auf alle Weise zu erschweren, hauptsächlich durch Zettel, auf denen etwa zu lesen stand:Man bittet, nicht zu klingeln" oberBin nicht zu Hause". Von einem merkwürdigen Anschlag dieser Art wird uns aus seinem letzten Lebensjahr berichtet. Ein paar Tage vor der letzten Feier seines Geburtstages schickte Prof. H. fein Dienstmädchen zu ihm, um für Freitag zum Abendessen bitten zu lassen. Das Mädchen kümmerte sich nicht um die an der Tür hängenden Zettel, sondern klingelte heftig und richtete, als Menzel erschien, seinen Auftrag aus. Statt jeder Antwort wies Menzel stumm auf einen Zettel oit der Tür und verschwand. Die Magd aber las

England mit Zugeständnissen an Frankreich am Rhein bezahlt und ausgewogen wurden. Darin hat sich eine erhebliche Verändern g vollzogen, sowohl unter den Wirkungen des Vicarnopertroges, wie unter denen der französischen inanzmisere und der Verwicklungen in Marokko und oqrien. Ferner stehen Frankreich und Englan ' in all diesen Fragen durchaus in gleicher Position, insofern sie in gleicher Art davon^ berührt, durch das Streben der zu nationaler Selbständigkeit erwichten Völkerschaften gegen die europäischen Herren angegriffen werden. Es ist dieselbe Sache im Widerstand Abd el Krims gegen Frankreich um Marokko wie Zagluls in 'Aegypten gegen England, wie der Drusen und Syrier gegen Frankreich und wie der Widerstand Ibn Sands im Hedschas gegen England. Das sind große und weitgreifende Verwicklungen, Kämpfe und Perspektiven, die jedenfalls im wesentlichen dazu führen, daß Frankreich, in einem (gerade für '.Brianb bemerkenswerten) Frontwechsel, heute in Oriemdingen parallel m i t England geht und gehen muß, nicht gegen England geht und überall ver­mittelnd eingreift, also in birem Falle des Mossul- streites ohne Zweifel gegen die Türkei auftrat und auftreten wird.

Ist das die Gruppierung auf der einen Seite, so heißt es auf der anderen Seite, der im 'Augen­blick jönrdj den Vertrag vom 17.12. besonders be­stimmten türkis ch-russis.chen Gruppierung, vor allem die russische Politik genau zu erkennen In diesen Tagen hat der Kommunistenparteitag in Moskau wieder getagt, einer der wichtigsten Kon­gresse im heutigen Rußland, in dem ja Staat und Partei identisch sind. Dabei interessiert uns die Aus­einandersetzung der Richtungen im Bolschewismus weniger-als die Frage nach dem Wesentlichen. Und das Wesentliche für Sowjetrußland heute ist,- ob zu diesem Zwecke der Abschluß mit Frankreich, Eng­land, womöglich die Anerkennung Amerikas zu er­zielen ist, und hinter alledem Handelsverträge und vor allem Anleihen und Kredite. Das ist das Wesentlichste. Das ist das Entscheidende für die Sowjetregierung, wenn sie das erste Gebot jeder politischen Gewalt, nämlich das, sich selbst zu er halten, erfüllen will.

So aber muh man dann auch die Erklärnnaen dieses Parteitages gegen Locarno und den Völker­bund ober Tschitscherins in der gleichen Richtung lesen, dann auch das russisch-türkische neue Bünd­nis bewerten. Es wirkt sicherlich für die Türkei gut in den neuen beginnenden Verhandlungen mit Eng­land. Aber feine reale Bedeutung ist gering. Kann Rußland der Türkei heute die Sicherung, die An­leihe geben, die sie braucht, und später, wenn Ruß­land wieder erstarkt ist, die Sicherung für Kon­stantinopel und die Meerengen geben, die die Türkei wünschen muß? Kann die Türkei umgekehrt Ruß­land zur Realisierung der Ernte, zur Befriedigung seines Kreditbedürfnisses etwa helfen? Sicherlich nicht!

Mehr als je hat die russische Außenpolitik heute cm doppeltes Konto. Auf dem einen Konto wird die Internationale weitergefuhrt, die Gemeinsamkeit mit allen Unterdrückten namentlich in Asien hervor­gehoben und zum Kampf gegen den Kapitalismus und Imperialismus vor allem Englands und Frankreichs geblasen. Aus dem anderen Blatt ober erstrebt man den Anschluß an das kapitalistische Europa und Amerika, ohne den man sich einfach nicht Helsen kann, und wird diesen Anschluß zu finden suchen, selbst wenn dieser Weg in den Völker bunt) hereinführt. So hat man mit Recht gesagt, daß, wenn Tschitscherin gegen den Völkerbund schmetternd sprach, der Außenminister Tschitscherin in Europa nicht gehört werden möge. Aber das ist nun allmählich dach etwas plump, und wenn im Januar die französisch-russischen Verhandlungen wieder beginnen, um die Tschitscherin sich bemüht hat, so wird er vermutlich seine Position durch den Vertrag mit der Türkei gerade nicht erleichtert sehen.

Das ist das, was unmittelbar aus dem Moftul- fonflift für die deutsche Politik und politische Ueber- legung dieser Wochen von Bedeutung ist. Im übrigen blicken wir nun auf 1926, insonderheit auf die Konferenzen, die, wenn das Jahr normal ver­läuft, sich abspielen sollen: Abrüstung, Weltwirt­schaftskonferenz, Dawesplan und nicht zu vergessen deutsch-französische Verhandlungen, für die am 19.12. ein Protokoll unterzeichnet wor­den ist, und die am 12.1. wieder beginnen sollen.

Roch hat Frankreich Locarno nicht ratifiziert. Aber die Ausschußverhandlungen haben, was keine Ueberraschung war, gezeigt, daß Frankreich mit Vriand und Frankreich sehr zufrieden ist. Deutsch­land wartet, ob Rückwirkungen und Auswirkungen dieses Locarno-Systems 1926 das mit der Tat be­tätigt werden, was mit dem Wort, ja mit der Phrase sol aut beim Abschluß gepriesen wurde. Und Deutsch­

land wartet des weiteren, inwieweit Frankreich in den heraufziehenden Wirtschaftsverhandlungen gewillt ist, eine Annäherung zustande zu brin­gen. von der Painlevö einmal gesagt hat, sie sei der Eckstein für den Frieden Europas. Es ist sehr be- guem, eine solche Phrase auszusprechen und vom an­deren zu verlangen,, daß er Steine und Mörtel für diesen Friedensbau allein, aus eigener Straft und mit eigenen Opfern herbeischaffen soll. Was für Lo­carno galt, gilt für die deutsch-französischen Wirt­schaftsverhandlungen, die wirtschaftlich wie politisch wichtig sind, erst recht. Es ist keine G I e i ch b e r e ch t i g u u g , wenn der eine in Waffen starrt und vom anderen verlangt, daß er, entwaffnet und machtlos, alles mit sich geschehen lasse. Und es ist ebensowenig Gleichberechtigung, wenn in Wirtschaftsverhandlun- gen der eine an der niedrigsten Stelle der Zoll­mauer herübersteigen will und dem anderen die Mauer so hoch wie irgend möglich entgegenstellt.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

* Garbenteich, 2. 3an. Am heutigen Tage feiert Frau Eleonore Bur! Witwe im Kreise ihrer Kinder, Enkel und Urenfel ihren 9 3. Geburtstag. Frau Burk ist die älteste Einwohnerin mlseres Dorfes.

* Mainzlar, 31. Dez. Die Gefolg­schaft Lahn-Lu in da des I'ungdeut- fchen Ordenz veranstaltete bei Gastwirt Mül­ler einen Theaterabend. Der Andrang war über alle Erwartungen groß, der Saal vermochte mit ihren Leistungen allseitigen Beifall, der Eröffnung durch den Gefolgmeister sprach Komtur-Bruder Lohmeyer aus Marburg über Ziel und Zweck des Ordens. Darauf folgten drei kleinere Theaterstücke. Die Spieler ernteten reichen Beifall. Der Abend schloß nicht, wie ge­wöhnlich, mit Tanz, sondern mit Musik und lustigen Vorträgen.

Lich, 31. Dez. Gelegentlich der Ein­weihung der hiesigen neuen Turnhalle war, wie seinerzeit bereits berichtet wurde, der G i ebener Turnverein 1846 hier zu Gast und hat mit seinen turnerischen Aufführungen viel Freude bereitet. Besonders der Riege der Alten fand Bewunderung und lebhaften Beifall. 3n einer Ansprache brach Turner Erle eine Lanze für das Alt erst urnen. Seine Worte, sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Es wurde hier eine Altherren riege im Turnverein gegründet. Daß sie mit Lust und viel Eifer bei der Arbeit ist, das tonnte man bei ihrem ersten Auftreten gelegentlich der Weihnachts­feier des Turnvereins sehen. Die Biege fand mit ihren Leistungen allerseitigen Beifall.

ri. Lich, 2. Ian. Im vergangenen Jahre wurden in der hiesigen Gemeinde 33 Kinder getauft (im Vorjahr 47), und zwar 14 (18) Kna­ben und 19 (29) Mädchen. Es fanden 16 (17) Trauungen statt und 23 (38) Beerdigungen. Vach altem Brauch wurden die Vamen der drei älte­sten Leute unter den Verstorbenen am Neujahrs- tag in der Kirche auf der Kanzel verlesen. Diese drei, die der Volksmunddie drei Kirchenälte- sten" nennt, waren diesmal 1. Friedrich Men­ges (geboren 1841), ein Glied einet alten Licher Familie: er war im Alter lange Iahre blind. 2. Heinrich Launspach (geboren 1842) aus dem nahen Ettingshausen, der hier im Spital unter der treuen Pflege der Schwestern seine letzten Lebensjahre verbrachte. 3. Heinrich K o - reit (geboren 1839), gebürtig von Köddingen, Kreis Schotten, der älteste Einwohner von Lich: ter war zuletzt blind imd taub dazu, bis ihn der Tod erlöste.

Kreis Friedberg.

ss. Friedberg, 31. Dez. Mit Musikdirektor Friedrich S ch m l d t, der gestern im 86. Le­bensjahre verstorben ist, scheidet eine nicht nur in Friedberg und Umgebung, sondern im ganzen Hessenlande geachtete und bekannte Persönlichkeit von uns. Jahrzehntelang wirkte der Verstorbene als Musiklehrer am hiesigen Lehrerseminar, und viele seiner früheren Schüler, die jetzt als Lehrer in den verschiedensten Gegenden Heftens wirken, werden sich gerne und dankbar des stets wohlwollenden und gütigen Lehrers erinnern. Auf das Musikleben un­serer Stadt übte er einen bestimmenden Einfluß aus; als langjähriger Dirigent des Gesangvereins Lieder- fran$ und ganz besonders des Musikvereins entfaltete er eine segensreiche Tätigkeit. Ihm ist es in erster Linie zu verdanken, daß dem musikliebenden Publikum Friedbergs Genüsse durch die Aufführung größerer und schwieriger Chorwerke und Oratorien oargeboten wurden, die sonst wohl selten in einer kleineren Stadt gehört werden. Auch in weiteren Kreisen war

er besonders als Vorsitzender des Maintaljängerbun- des befannt, und seine Meisterschaft im Dirigieren größerer Majsenchöre war überall anerkannt.

Dad - Vauhei m. 31. Dez. Unter hoch- enitrictcltes Gefchäftslebc n, das in bezug auf Vielseitigkeit und reichhaltige Auswahl sich in den verschiedensten Branchen führender Ge­schäfte wett größerer Städte an die Seite stellen kanu, hak, wie allerorten, auch unter den Folgen der Wirtschafts not und Geldknapp­heit zu leiden. Früher war es hier io daß eine gute Saison die meisten Geschäftsleute in die Lage setzte, über den Winter sorgenlos Hin­wegzukommen Die diesjährige Saison die zwar yn Besucherzahl nicht zu wünschen übrig lieh, hat nicht die Hoffnungen erfüllt, die man zu Be­ginn der guten Monate auf sie sehen durste. Die Mehrzahl der Kurgäste konnte, wie wir im Laufe Les Sommers schon einmal Mitteilen tonn­ten, nur die notwendigsten Kurausgaben bestrei­ten. mußten mit weiteren Geldausgaven aber sehr zurückhaltend sein. So hat ein größeres Geschäft, das Luxus- und Badeandenkenartikel führt, im November, wo immer noch über 1000 ,.Kurgäste gleichzeitig anwesend waren, inner­halb 14 Tagen keinen Pfennig ver­einnahmt. Größere Rücklagen konnten sich infolge des nicht erstklassigen Saisongeschäftes in diesen, Jahre nur wenige Kaufleute leisten. Mancher setzte seine Hossnyngen nun auf das Weihnachtsgeschäft >aber auch dieses blieb, wie wir aus führenden Kreisen des hie­sigen Einzelhandels erfahren, hinter den gewiß nicht zu hoch gestellten Erwartungen zurück. Am Vorjahre gemessen, blieb der .Umsatz im Dezem­ber durchschnittlich um 3 0 bis 40 Prozent zurück. Einige Geschäftszweige haben besser ge­arbeitet, andere aber noch erheblich schlechter. Am silbernen und goldenen Sonntag am kupfernen Sonntag bleiben hier die Geschäfte ge­schlossen vermißte man besonders die leistungs- fähigen Käufer vom Lande, die früher und auch im Vorjahre noch gerne hier ihre Einkäufe tä­tigten. weil sie wußten, daß ihnen gerade in den besseren Preislagen die hiesige Geschäftswelt Qualitätswaren in reicher Auswahl zu bieten ! vermochte. Diese Käufer aus der Wetterau blie­ben in diesem Fahre aus, denn auch auf dem Lande ist zur Zeit nur wenig Geld. An genann­ten beiden Sonntagen unterschied sich der Ver­kehr kaum von dem der dazwischen liegenden Wochentage. Die Zahl der wirklichen Käufer war gering. Nur in den letzten Tagen vor dem Feste belebte sich Verkehr und Kauflust. Mit­teilungen aus Kreisen dcs Einzelhandels zeigen etwa das gleiche Bild, wie es dieser Tage der ..Gießener Anzeiger" vom Gießener Weihnachtsgeschäft entworfen. Einige Beispiele nur mögen hier genannt sein. Ein größeres Geschäft der Tertilbranche mit 5 An­gestellten hatte bis zum 16. Dezember nur einen Damenmantel verkauft. Ein anderes gleichartiges Geschäft erzielte am goldenen Sonntag einen Umsatz von ganzen 9 Mark. Ein führendes Geschäft in der Luxuswaren» branche hatte am 24. Dezember abends 5 Uhr ganze 30 Mark Tageseinnahme in der Kasse. In der Spielwarenbranche und in den Schoko* lobegeschäften war regerer Verkehr, und auf An­fragen in diesen Kreisen über das Weihnachts­geschäft erhielt man die Antwort:Zufrieden im Hinblick auf die diesjährige Lage". Im Vorjahr war auch hier das Geschäft wesentlich besser. Ein großes führendes Geschäft in der ©alanterie- und Spielwarenbranche, das früher zu Weihnach­ten jedesmal nahezu ausverkaufte, vermochte Heuer aber nur seine Vorräte in den unteren und mittleren Preislagen zum Teil an den Mann zu bringen. Die Firmen der Herren- und Da- menfonfeftion, der Modeartikel, Kurzwaren, Schuhwaren. Haushaltungsgegenstände, Luxus­waren und des Buchhandels berichten fast über­einstimmend. daß das Wechnachtsgeschäst nur die letzten Tage etwas reger war, in Teineip Gesamt­ergebnis aber kaum mittelmäßig gewesen und weit hinter dem Vorjahre zurückgeblieben fei. Hur in vereinzelten Fällen, so in der Uhren- und Zuwelierbranche, tonnte ein größerer Um­satz als im Vorjahre festgestellt werden, womit nicht gesagt sein-soll, daß bei den hohen Lasten, die heute auf den Gewerbetreibenden liegen, auch ein größerer Verdienst erzielt worden wäre. Mit Recht klagen die Geschäftsleute, daß viele Einwohner ihre Einkäufe in Frankfurt a. M. getätigt haben, in der falschen Meinung, dort billiger zu kaufen. Dabei muß in Frankfurt bar bezahlt werden, während dieselben Käufer, wenn sie hier etwas kaufen, mitunter kleine Summen aufschreiben lassen. Heute sollte jedermann wissen, daß alle Einwohner eines Gemeinwesens

II »«»MIHI 11 HlI I

staunend die Worte:Freitag bin ich krank. Menzel", und berichtete das getreulich zu Hause. Woher kam diese Prophezeiung? Menzel wußte, daß er am Donnerstag, seinem Geburtstag, beim Esten und Trinken zuviel des Outen tun würde, und batte sich deshalb vorsichtigerweise schon vorher für Freitag allen Besuchern gegenüberkrank gemeldet".

Zahllos sind die Geschichteri, die von dem un­ermüdlichen Eifer des Schaffens berichtet, der in diesem kleinen Körper mit Riesenmacht wirkte. Da hören wir, wie er, müde im Chausseegraben sitzend, seinen verstaubten Stiefel mit dcr umge­krempelten Hose zeichnet, wie er das laltgewordene Stück Eierkuchen, das er auf dem Teller hat liegen lasten, abkonterfeit, wie er beinahe den Einzug der Sieger 1871 über dem Abzeichnen eines Mäuschens versäumt hätte. Anton v. Werner erzählt, daß er in den Sitzungen der Akademie der Künste bei langen Beratunaen ausrief:Lasten Sie mich zu- frieoen, ich verstehe nichts davon und höre auch nichts, denn das Studium des Tintenfasses da vor mir beschäftigt mich weit mehr als alles, was Sie sagen!" Ihm war das schärftte Auge und die sicherste Hand zuteil geworden, mochte er nun mit der Linken den Bleistift oder mit der Rechten den Pinsel führen, aber zugleich besaß er eine fast wissenschaftliche Kühle der Beobachtung. Als ihn einmal Otto Hach vor einem Blatt mit einem schönen Frauengesicht fragte:Exzellenz haben doch wohl auch einmal ein Herz für die Frauen ge­habt?", da wehrte er mit feinen feinen nervös zuckenden Fingern ab:Nein, nein, Herz nicht, nur Auge!" Und Meyerheim gegenüber klagte er ein­mal, daß man von ihm verlange, er solle jede Dame, die in fein Atelier kommen, wie eine Art höheres Wesen behandeln.Ich verstehe das nicht," fuhr er fort und richtete an den Freund die Frage: Sehen Sie denn ein weibliches Krokodil mit an­deren Augen an als die männlichen?" Damen, die sich geschmeichelt fühlten, wenn er sie in Gesell­schaften, m denen auch sein Bleistift nie ruhte,

.zeichnete, konnten bittere Enttäuschungen erleben. So blickte er einmals viel nach einer eleganten Frau und warf hastige Striche aufs Papier. Als man ihm aber dann neugierig über die Schulter sah, war es die Reversseite, die ihn gefesselt hatte. Ein ander­mal in Kissingen hatte er sich über einen Herrn und eine Dame geärgert, die ihn anglotzten. Er zog sein Skizzenbuch und begann eifrig zu zeichnen, wobei er ab und zu die Dame ins Auge faßte. Darauf trat der Herr auf ihn zu und sagte wütend: Die Dame läßt es sich verbitten, von Ihnen ge­zeichnet zu werden." Menzel aber hielt ihn voll Seelenruhe sein Skizzenbuch hin, worauf sich der andere verwirrt zurückzog. Was er da erblickt hatte, war eine meisterhaft ausgeführte wohlgenährte Gans. Menzel, der Unermüdliche, befaß eine unbarm­herzige Selbstkritik und hat Meisterwerke unvollendet gelassen, weil er sich nicht mehr imstande fühlte, die letzte Hand daranzulegen. So erging es ihm mit feinem wundervollenLeuthen"-Bild, an dem der leere Fleck in der Mitte, der die Gestatt Friedrichs enthalten sollte, nie ausgefüllt worden ist. Er hat sich oft deswegen mit seinem Alter und dem Nach­lassen seiner Augen entschuldigt, aber der Wahrheit kam wohl ein Bekenntnis am nächsten, das er dem amerikanischen Botschafter Andrew White machte.Es ist die Beratung Friedrichs mit seinen Generälen unmittelbar vor der furchtbaren Schlacht," sagte er,und Männer sehen nicht so aus un­mittelbar vor einem Kampf, in dem die ganze Existenz ihres Vaterlandes auf dem Spiele siebt." Aus einem anderen Grunde vollendete er fein herrliches Bild, das die Bestattung der März­gefallenen barfteUte, nicht.Niemals werde ich dieses Bild zu Ende malen," erklärte er einem Besucher.Es stellt die Bestattung der beim Auf­stand am 18. März 1848 Gefallenen dar. Bis ich an diese leere Stelle hier kam, glaubte ich an das, was ich malte. Als ich jedoch soweit war, sagte ich mir:Es hat keinen Zweck. Deutschlands Einigkeit wird nie aus Straßen kämpfen hervorgehen!

Des Oberhessen Heimattreue.

Robert Schneider, der treffliche Darmstädter Mundartdichter, zu dessen 50. Geburtstag wir kürz­lich aus der berufenen Feder des Professors Dr. Esselboru eine Würdigung seines dichterischen Schaffens sowie Glückwünsche in unserer heimischen Mundart veröffentlichten, in denen er als echter Oberhesse in Anspruch genommen wurde, über­sandte der Redaktion mit seinem Bildnis folgende Äankesverse, die wir unseren oberhessischen Lands­leuten als Kostprobe seines Humors nicht vorent­halten möchten. Die Verse lauten:

Ich dank Derr froh un herzlich, Mei' Hemer FreundF. G.". For däß Gedicht, däß kerzlich Im A'zeiger dyat steh. Jedoch, men** bei meim Name Nor net gleich iwwerzwerch, '

Du siehst es ja, der Same dämmt aus em Vogelsberch. .Bedracht met Bild, un sprachlos Werrd Dir sofort es klar: Derhadde Kopp" is fraglos ..Aecht Owwerhefter Maar. Haab ich aach, fuffzigjährig, Kaa Locke un kaa Glatz, Mei Borschte stehn strackhäärig weck wie bei're nasse Katz!

Doch: Wer wos iwwes is hell, Däß is en Owwerheß, Mer sieht däß mit Gewißheit Lengst in Berlin beimBöß"! Aach 'sLohrche", net zu schuwe Hott Owwerhefter Blut, Wann sie aach mit deBuwe" Als Englisch babble dhut.

So zehl aach ich ganz hetter Ze Eich mich, ohne Frag, Un stand mei Wieg' aaä) leider Nor bloß amgroße Woog"! /