71r. 3/1926
Der Lessen freund
Gelte 3
Oer Zauberkünstler
Der Finanzminister hat vor ein paar Wochen Zahlen mitgeteilt, die unweigerlich aus ein Defizit von vielen Millionen für das Rechnungsjahr 1927 schließen ließen. Jüngst aber hat er, ossenbar erheitert durch die Atmosphäre des bevorstehenden Volksentscheides, erklärt: er gedenke für 1927 einen Staatsvoranschlag mit null Mark Fehlbetrag vorzulegen. Diese Jonglierkunst eines Staatsmannes hat den Verfasser derart begeistert, daß ihm die nachstehenden Huldigungsverse spontan entströmt sind-
Auch unser Zeichner, der dieser Tage einer Zaubervorstellung beigewohnt hat, konnte es sich nicht versagen, angeregt durch das Motiv des Gedichtes, die Zeichnungen dasür zu liefern. (Anmerkung der Schristleitung.)
Was halt' ich hier in meiner schlanken Hand, Mein Fräulein? Bitte! „Ein Bukett V* Scharmant I Ich senke es in des Zylinders Tiefen.
Nun tun Sie, Herrn von rechts, als ob Sie fchliefen!
Herrschaften links: ich wende mich zu Ihnen! Wer sähe nicht aus Ihren ernsten Mienen, Daß Sie die Dinge innerlich ergründen Und nicht zu täuschen sind durch matte Finten! Doch — mögen Sie von Spree und Havel kommen, Finanzgenies: Sie werden hochgenommen l
Ich tauche — achten Sie auf meine Hand, Aus meinen Fuß: ich stehe frei aus Sand! — Die Finger in den Hut, der nur den Strauß Von Rosen birgt. Doch was hol' ich heraus?
Hier einen Wechsel, der bald fällig ist, Hier einen Schuldschein, der nur Zinsen frißt, Hier ein Akzept, es ist von mir giriert, Hier eine Bürgschaft, die mich auch geniert.
Zieht eure Börsen, Herren aus Berlin, Ihr müßt mir helfen, sonst bin ich dahin!
Aha, die Gruppe rechts nimmt dies für Emst? Nun passe auf, damit Du etwas lernst!
Was ich jetzt zeigte, war ja nur ein Spiel, Verwandlungskunst, in der ich mir gefiel!
MH'
Ich lege nun den Wechsel und den Schein Akzept und Bürgschaft in den Hut hinein Und blase drüber. Kommen Sie herbei, Herrschaften rechts: ich bin von Schulden frei: Dem Hut entquillt von neuem das Bukett (Minister nennen's Budget, deutsch Budschett!)
Ich bin es, Ich, Henricus Bellachini, Bellacho's Sohn; dem Publikum nur dien' i. Sie sehen: hier ist ein Zylinderhut, Wie jeder Gentleman ihn tragen tut. Darin wird nun von mir ein Ding gedreht, Daß Ihnen der Verstand bald stllle steht!
Herrschaften, treten Sie mal in zwei Gruppen Nach rechts und links! Dann werden — wie die Puppen
Der Kölner Kasper an dem Draht regiert — Sie alle gründlich von mir angeschmiert.
N Ä
Schnäker: Du hoscht kaan Vestehtermich. Die Rewoluzzion is gemacht. Awwer es werd jetzert meh' an aa'm Dag regiert wie srieher in eme Monat. Es werd als fort regiert.
Dawettche: Ach gell, die schreiwen die viele serchterliche Steierzettel aus, die wu unjeraa'm heitzedag ins Haus Hagelen?
Schnäker: Des grad net, des werd wisawi vun dene Finanzer gemacht. Ehr wissen kaan Bescheid; ich wer' Eich emol e bisje erumsichre. (Die drei biegen in der Richtung aus das Landesbildungsamt ein, in dessen Torgang langsamen Schrittes acht reputabel aussehende Herren mit Zylinder treten.)
Aowes: Was sein dann des sor Podendade?
Schnäker: 'S iS halwer Else, do sangt's an ze regiere. Des sein unser Owerschulrät'. Se hun sich in ehrn beschte Staat geworse, well de öwwerscht Schess heif vier neie Kollege sor se ernennt, daß se dann e Duzzend sin. Es werd vum hessische Staat viel sor die Bülding gedahn!
Bawettche: Jetzert kannschte unS emol nooch dem Finanz- minischder siehre, mer hun dort ze duhn.
Schnäker: Gell, Ehr wollen Eich iwwer die Hoche Steiern beschwere?
Bawettche: Richtig gerote! Un a'gucke wollten mer uns aach ebbes dort.
Schnäker: Was soll dann deS hernoochert sein? Mit dem Minischter redde kennen Ehr schunn; heif werd jeder Trambel bis zum Staatsbresedend vorgelosse. Die ewige Besuch' treten aa'm die scheene Läufer ab, daß mer se nemmeh' in die Reih' lriet. Awwer — was wollen Ehr Eich begucke?
Kowes: Ei, die hessisch Steierkuh! Uns' Borjemanschter Hot mer gesa't, die deht seit de Rewoluzzion vor dem Finanzminischter sei'm Haus stehe. Er seggt: vun Rheinhesse frißt se, Owwerhesse friet aach nor ehrn Mischt, awwer de Henrich duht se in sein löcherige Aamer melke.
Schnäker: Ja, ja, awwer heit' kennen Ehr se net sehe. Wie velaut't, Hot sich en reicher Käufer gefunne, un do werd je sor die Besichtigung im Stall e bische uffgepumpt.


