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Mittwoch, l- Dezember 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 281 Drittes Blatt

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Für den Weihnachtsbüchertisch.

Neue Romane.

- Jakob Schaffner, der fcudjtbare Schweizer Dichter, dessen zahlreiche Romane sich auch in Deutschland längst eine grobe und treue Lesergemeinde erworben haben, greift mit letnem neuen Roman .Das große Erlebnis (Union Deutsche Derst.gsgefellfchaft m Stuttgart. Gzlbd. 7,50 anr.) in die Gegenwart und IN die, für das chaotische, nach neuen formen suchende Leben typischste deutsche Stadt. Derlin. Es liegt jedoch Schaffner fern, zu den zahlreichen, breit- gemalten, mehr oder weniger treffenden Zeit­gemälden ein neues zu fügen. Er greift aus dem wilden Strom der Zeit drea Menschen her- airi: einen deutschen Wissenschaftler von klarem Siim für di« Dinge um ihn herum, von einer tiefen Menschenkenntnis und einer in der un­gesunden internationalen Atmosphäre des Ber­lins von 1919/20 besonders erfreulich heraus- tretenden starken und sich verantwortlich machen­den Liebe zum eigenen Doll. Reben ihm seine Frau, noch jung, kinderlos, von dem viel­beschäftigten Gatten ein wenig vernachlässigt, auf ein ganzes Tierreich von Hunden, Katzen und Vögeln angewiefen, über die alle sie ihre mütter­lich« Fürsorge breitet. Reben die beiden Gatten und bald zwischen sie tritt ein junger, hoch- strebender, aber in den Strömungen der Zeit noch wild umhertorkelnder Student aus reichem Groß- industriellenhause. Bei bolschewisttschen Studenten in der russischen Kolonie ftndxt er auch nicht die Befriedigung, die ihm das tradittonelle Leben seines Standes versagte. 3n der Frau-sucht er das grob« Erlebnis. Um die stille reizvolle Gattin feines Prozessors zieht er seine Kreise, aber die innere Ruhe und Herzensweite des Ge­lehrten wenden den überschäumenden Impuls des Jünglings in di« rechte Dahn. Um diese drei, sehr subtil gegliederten Charaktere hat Schaffner eine bunte Welt von Persönlichkeiten und Ein­drücken gestellt, durchglüht von dem feinen warm­herzigen Humor und der stillen Besinnlichkeit, die schon die früheren Werke des Schweizers so vorteilhaft auszeichneten. (581)

Ouftao Fre n f s e n: Otto Ba ben- dick, Roman (geh. 12 Mk., Ganzleinen gebunden 15 Mk. bei G Grotefche Verlagsbuchhandlung, Ber­lin SW 11). Ein volles Dierteljahrhundert ift^ nun schon darüber hingegangen, seit der3öm Uhl" den Namen Gustav Frenssen In aller Munde bracht»?, seit derJörn Uhl" der viclbeftaunte, viel bekrittelte größte Bucherfola feiner Zeit wurde. Seitdem sind in unerhörtem Tempo Entwicklungen auf uns eingestürmt, die andere Probleme brachten, alle Probleme neu faßten, und wir Jüngeren sind schier verwundett, daß Frenssen sich wieder zu Wort mel­det, einer, den wir saft schon zur Literatur zahlten. Der Dichter selbst entschuldigt sich fast dafür, wenn er seinen neuen Roman eine Autobiographie nennt und sich selbst als der kleine Otto Babendick vor­stellt, dessen Lebensgeschichte er hier gibt. Doch die Visitenkarte täuscht. Vom Leben des Menschen mag vieles darinnen (ein, denn jede Dichtung, wenn sie echt und wahr ist, ist ein Stück Menschentum des Dich­ters, aber vom Werden des Dichters, vom Ringen und Kämpfen um feine Lebensarbeit, von (einer dichterischen Entwicklung, feiner Stellung in feiner Zeit und zu feiner Zeit enthält das Buch kaum mehr als «in paar Aeuherlichkeiten, ein paar Monologe, die man als Abschweifungen fast unorganisch emp­findet. Aber Menschenleben und Menschenfchicksal breitet der Dichter vor uns aus in einer unendlichen Füll« von Gestalten, von denen jede einzeln« so scharf gesehen, mit dem warmen, liebevollen Auge des Dichters und Menschenfreundes, daß keine ein­zige uns entfällt, daß sie alle mit uns wandern den weiten Weg durchs Leben. Aber eine Entwicklung haben sie im Grunde alle nicht, so wenig wie der kleine btto Babendick, hinter dem sich der Dichter verbirgt. Als merkwürdig reife Menschen treten diese Kinder in unfern Gesichtskreis, als fertige Charak­tere. die als schon Vollendete ihren Lebensweg an­treten. Und eine Entwicklung hat auch eigentlich der Roman selber nicht, wenn man vom Gang der äußeren Dinge absieht. Trotzdem wird man gefesselt von der ersten bis zur letzten Seite dieses dicken Bandes durch das gütige Menschentum dieses Dich­ters, der sich selbst und seiner eigensten Künst getreu bleibt Das schönste dieses Buches sind die ersten Kapitel, die von den Zugendjahren des Dichters in der holsteinischen Dorfschmiede und später beim Onkel Peter in der kleinen Gymnasialstadt erzählen. Das sind Figuren und Schicksale, die wie einstmals bi« Gestalt des kleinen David Copperfield als Begriff weiter leben werden. Und das bedeutet heute schon Diel. (631)

Clara Rahka: Das Bekenntnis. Roman. 4C9 Seiten. 8°. Deutsche Derlagsanstalt. Stuttgart, Berlin und Leipzig. Der neue Roman von Clara Rahka trägt w eder das Ge­präge ihrer künstlerischen Eigenart, es- ist ein Frauenroman in bestem Sinne. Boll heißen, ftar'en Erlebens, ist er von der Frau aus ge­sehen, Menschen und Landschaft nur in der Heldin wiederfpiegelnd. sie nur in deren Ent­wicklung erfassend. Diese Heldin ist ein Mädchen aus einem gefunden, wohlbehüteten Hause in Finnland mit blühenden Farben ist die Land­schaft gemalt, in der sie verwurzelt ist, erdhaft und kraftvoll to e das mütterliche Land das durch eine ungewollte Schuld aus ihrer Bahn gerissen und gezwungen wird, ihr eigenes Leben aufzugeden und das einer anderen weiterzu­leben/ Wie sie unter ihrem Schicksal erstar.t, es erst leidend und widerwillig auf sich nimmt, es bann aber bewußt lebt und bezwingt zum harmonischen Ausklang, das ist der Inhalt des Tekenntnisses". Ein gutes Buch von reinem, starkem Empfinden. 693.

A; e 1 Lübbe : Der Kainsgrund. Ro­man. (Engelhorns Romanbibliothek, Band 1002 03.) 285 6. 8°. Ganzleinen 3L0 Mk. I. Engelhorns Nach- folger, Stuttgart. 1926. Die Eindrücke, die dieser Roman hinterläßt, sind zwiespältig. Man hat das Gefühl, als ob der ganze Inhalt jener Pandorabüchse gerade recht gewesen sei. das Stoffliche, das real Tatsächliche für die Erzählung herzugeben: es ist so Diel Schreckliches, Grausiges und Abstoßendes in dieser Geschichte eines Verbrechens Krieg, Mord, Flucht, Verfolgung. Leiden und Laster der Fremden- legion, Gesangenichast. Hinrichtung, Tod, daß man mehr als einmal versucht ist, dos Buch ab­lehnend aus der Hand zu legen. Aber bann lieft man es dennoch zu Ende. Gefangen von dem Stil, der nur selten befremdet, viel öfter doch eine erstaunliche

Reisen und Abenteuer.

Bengt Berg: Abu Markub. Mit der Filmkamera unter Elefanten und Riesen­störchen. 200 Seiten 8°. Verlag von Dietrich Reimer, Berlin 1926. Wir hatten vor län­gerer Zeit die Freude, Bergs köstlichen ..Regen­pfeifer" anzuzeigen: unsre Freude ist heute nicht geringer, wenn wir das neue Wcrl des Schwe­den,2lbu Markub". als ein außerordentliches und bewundernswertes Buch unseren Lesern aus das tbärmste ans Herz legen. Was der un­vergeßliche Schillings zu Anfang dieses Jahr­hunderts toagemutig begann, haben Bengt Berg und sein Freund unö Reifekamerad, der schottische Major Roß. mtt größeren Mitteln glänzend vollendet. Da wandern zwei Weiße, von einem Häuflein Eingeborener begleitet. Tage und Rächte mit Filmkamera, Büchse unö Stizzenbuch durch die afrikanischen Steppen und Wälder und Sümpfe, suchten Wildwechsel und Flußufer ab, mutig, ausdauernd, unendlich geduldig und mit einer heißen Freude an Tier und Landschaft im Herzen. In dem Buche Bergs tut sich eine ferne, wilde und großarttge Welt auf. Bilder von solcher Wucht und eindringlichen Schönheit ziehen vorüber, daß man, betrachtend und die wunderbar lebendigen und naturnahen Schil­derungen verfolgend, seine Umgebung vergißt und, wenn man am Ende ist, sich erstaunt und fast befremdet mit einem tiefen Atemholen in unserer kalten, gefahrlosen, nördlich gemäßigten Zone wiedersindet, in Bann geschlagen vom großen Zauber aftikanischen Landes, afrikanischer Tiere und Menschen. Die Ausbeute dieser ge­nialen Forschungsreise ist erstaunlich: wenn man die Aufnahmen der Elefantenrudel, der Fluß­pferde. Krokodlle, Giftschlangen und des seltenen und scheuen Bogels Qlbu Markub betrachtet dann ahnt man wohl, was die Aufnahmen an Ausdauer, Entbehrung, Geduld und Kaltblütig­keit gekostet haben mögen, und das Herz klopft einem vor Freude über dieses Buch, das einen Lebenskreis voll abenteuerlicher Zivilisations­feme überwältigend vor uns aufschlieht. 646

Ewald Danse, Das Buch vom Morgenlande. Einführung und Gestaltung (mit 32 Tafeln, R. Doigtländers Verlag in »Ganzleinen 17 Mk.). Cs sind nun genau ahre her, als ich Ewald Danse kennen lernte, in Göttingen sprach er im feldgrauen/ Gefreitenrock vor uns jungen Soldaten in seiner schlichten, aber fo außerordentlich markanten und anschaulichen Art von den Wundem des Morgen­landes, von Rordaftika, von der Landschaft und ihrer Gestaltung, von den Menschen und ihrem Leben, kein trockenes Dozieren, kein Bluff mit Zahlen und Statistiken, kein Langweilen mit geo­graphischen Theorien, sondern Leben, blutvolles Leben. And so sind auch seine Bücher, vor allem dies vorliegende, das ähnliches behandelt wie damals sein Bort vag. Die Länder des Islams sind sein Steckenpferd geblieben, und er hat sie auf vielen Reisen, in emsigem Studium kennenlernen dürfen, wie kaum ein anderer. Die Ergebnisse gründlichsten Forschens, eindringlichster Wisfen- schaft liegen diesem Buche zugrunde, aber farben­

froh und lebensfreudig, wie der Stoff selbst ist er auch behandelt. Die Art der Darstellung hat vieles gemein mit der Gwrg Wegeners, des großen Weltreifenden. Derrn ein Reisender ist auch Ewald Banfe und bleibt es trotz allem wissen- schaftlichen Emst und aller gdebrtcn Gründlich­keit, die sein Buch zu einem der wertvollsten Mittel für die Erkenntnis drS nahen Orients machen. Ausgezeichnete ganzseitige Abbildungen in reicher Fülle geben ein unerschöpfliches An­schauungsmaterial. 558

Pierre Loti, den französischen Romancier, dem wir so viele anregend« Rcis.Pesch rcibungen zu verdanken haben, hat fein Weg auch durch das Wunderland Persien geführt. SeineReise durch Persien" hat die Deutsche Buch- gemeinschaft (Berlin SW 61) in einem prächtigen Haidle" erband mit sechs Abbildungen neu heraus- gebracht. Loti erzählt von der interessanten Zwi- fchenkultur dieses Landes, das. einst die Wiege der Menschheit, heute ein Pufferstaat zwischen den widerstreitenden Interessen der asiatischen Großmächte Rußland und England nur mit Mühe seine Selbständigkeit behauptet, seine kulturelle Eigenart bewahrt. Auf einsamen Karawanen­fahrten zieht der Dichter durch trostlose Wüsten zum persischen Hochland hinan, er besucht die Märchenstädte dieses Dolkes, dringt in feine hei­ligen Stätten ein und gibt von allem Geschauten ein überaus farbiges und anregendes Bild. Man wird der Deutschen Duchgemeinschaft, die in zwei­einhalb Jahren schon über 300 000 ständige Mit­glieder um sich gesammelt hat, denen sie für einen Mitgliedsbeitrag von 3,90 Mark pro Viertel- jahr nicht nur einen Halblederband nach eigener Wahl, sondern auch noch ihre illustrierte Zeit­schriftDie Lesestunde" zur Verfügung stellt, Dank wissen, daß sie dies prächtige Reisewerl in so schöner Ausstattung wieder in die Oeffent- lichkeit gezogen hat. 661

Graf Paul Vork von Warten- bürg: Italienisches Tagebuch. 241 Seiten 8°. Otto Reichl, Verlag, Darmstadt 1927. Es handelt sich hier um Tagebuchaufzeichnungen, bie Graf Hott (18351897) auf feiner zweiten Italicnfahrt im Jahre 1891 in Form von Briefen an seine Frau niedergeschrieben hat. DieseBttefe, deren Edierung Sigrid v. d. Schulenburg besorgt hat. können als ein willkommener Auftakt zu den noch unveröffentlichten philosophischen Schriften betrachtet werden. Das Ganze stellt sich dar als das sehr persönlich, sehr eigenwillig gefaßte Werk eines spekulativen und umfassend gebildeten Gei­stes, der sich gewissenhaft über die innere Aus­beute seiner Reise Rechenschaft zu geben versucht hat. Das Buch umschließt eine Fülle von Ein­drücken. Gedanken und Reflexionen allgemeiner, ästhetischer, historischer und kultureller Art, wirkt durchaus nicht antiquiert, bleibt nie an der Oberfläche und kann als ein anregendes und nachdenkliches Dademecum auch für den deutschen Jt^ljenreisenden unserer Tage gelten. Die ve^iegensche Ausstattung des Buches ist tadellos.

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Künstlerschaft sichtbar werden läßt: ein« episch über­legene Reife, die der Gesamtgestattung ebenbürtig ist. Die Komposition dieser Geschichte muß bewun­dernswett genannt werden: sie rückt den abstoßend­sten Kolportagestosf in einer unheimlichen Der- tettung von Ursache und Wirkung an die äußersten Grenzen des sinnlich Faßbaren, und macht den Ro­man in manchen Teilen zu einem erschütternden Schicksalsbuch. 739

Julius Derstl: Die Fahrt ins Rosenrote. Roman. 263 Seiten 8°. Verlag Georg Westermann, Braunschweig und Hamburg. Derstl hat sich bereits als Dramatiker (mit dem chinesischen Spiel vom lasterhaften Herrn Tschu, mit dem Kabylendrama2Iini und dem LustspielDoverCalais"), wie als Erzähler (der Bürger-RomanUeberaH Molly und Liebe" ist vor allem zu nennen) einen sehr guten Ramen ?«macht. Er hat auch mit seiner .Fahrt ins kosenrote" eine feine und nachdenkliche Arbeit gegeben. Von den bewegten und ungewöhnlichen Schicksalen eines Mannä erzählt der neue Ro­man. dessen Schauplatz Deutschland und Amettka umfaßt von den Schicksalen eines Mannes, der in gewissem Sinn« einen Typus verkörpert, obwohl er auf den ersten Blick als einzigartig erscheint. Er ist der nach vielen Dichtungen be­gabte Dilettant, der Mensch, der berufen scheint, etwas Positives im Leben zu leisten, der aber doch immer wieder an den wenn nicht entschuld- baren, so doch begreiflichen Schwächen seiner Ratur scheitert. Darüber hinaus ist er der Mensch, der aus der Grenz« zwischen Jugend und Alter angelangt ist, und der nun einem Phantom nach- jagt, das er niemals erreichen kann, eben weil es die entschwindende Jugend ist. Wie Don Quichote zieht Gras Morion aus, das Leben zu be­zwingen. um am Ende mit leeren Händen und Beulen an der Stirn, aber uiN die Erfahrungen eines Lebens reicher, zu seiner selbstlosen, cha­rakterstarken Gattin heimzuftnden. Derstl ist in der .problematischen Ratur" des Grasen Morion ein Charakter gelungen, der sich denHelden" feiner früheren Romane würdig anreiht. Darüber hinaus empfängt das Duch, dessen originelle Handlung besticht, aus der Schilderung der tragi­komischen Entdeckungsreise des alternden Mannes, der seine Jugend sucht einen besonderen Glanz.

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LInd hätte der Liebe nicht... Ein Zettrvman von Artur Drausewetter. (Dergstabt Verlag, Breslau. Ganzleinenbaad 6,80 Mark.) - Im Schaffen Dra: sewrtters bildet die tiefe, echte Menschenlttbe das Leitmotiv, i t keinem aber ist dies Motiv mächt ger als in diesem seinem jüngsten Werke. 3m Mittelpunkt stehl die von dem Dichter überaus fein g ze.chnete fe.se nd? Gestalt des Dr. Drabttius. Als D.r ktor einer höheren Mäbchmschule zunächst in dem engen Kreis von Amt. Pflicht und Gerechtg'eft be­fangen, findet Dr. Drabttius schll.'ßlich über dem durch feine li blose Streng? verschuld ften Selbst­mordversuch einer seiner Schülerinnen sein Da­maskus und damit den Weg zu der Erkenntnis, daß Erziehung ohne Li:be nur kümmerliches, totes Handwerk ist. Und di se Liebr bre:bt nun auch sein Leitstern, als er zum Ersten Geistlichen

am Dom zu Kronburg berufen wird und damit der Kreis feiner Pflichten über die Schule hinaus sich weitet und ausdehnt auf die ganze große Gemeinde, die seiner Obhut anbertraut ist. Die Rebenfiguren des Romans, der in des Dichters Heimat Danzig spielt und infolgedessen warm durchpulste MUieuschilderungen aufweist, sind feinen Blickes aus dem Leben geschn tten: die Lehrer und Lehrerinnen der Diktoriaschule b'ten Direktor Dr. Drabttius ist: di« Schar der Schüle- ttnnen, deren jede ihr eigenes Gesicht trägt und deren Entwicklung man teilnehmend miterlebt; der Kaufmann Josef Cverling. ein Mann mit einem rauhen Aeußeren. aber einem goldenen Herzen, der aus kleinen Verhältnissen sich zumRahob des Freistaates" emporgearbeitet hat und, nach­dem er alles wieder verloren, tapfer von neuem den Fuß auf die Leiter seht, die nach oben führt, eine typische Gestalt unserer Zeit, von Draufe- tnetter mit besonderer Liebe gezeichnet. Dieses Geschenk des Dichter-Pfarrers von St. Marien zu Danzig an sein« groß? Ledrgeme nd? erweist sich als ein starkes Werk voll innerer Wahr- Hastigkeit, em Zeitroman im besten Sinne des Wortes, den man all denen in die Hand geb'm möchte, die sich hinaussehnen ans dem trüben Dunkel der ®^o»--mqrt. Eine köstliche Gabe für den Weihnachtstisch! 765

pKaric Heinrich. Gin Heimatrvman von Paul Keller. (D rgstadtverlag. Breslau. Ganzleinenband 7 Mk.) Di ser ne-t? Roman Paul Kellers weist alle Varzüge der K ll'rschm Erzähttmgskunst auf: Reichtum der Erfindungs­gabe. Wärme und 3TTrlnf?it der Darstell ng. Duft der heimatlichen Stolle, alles vereinigt durch di« Kraft der Lebensbejahung und die ilrfbr'mg- lichkeit e'nes frohen Gemütes. M't briben Füßen steht Keller in diesem neuesten RomanMatte Heinttch" auf dein B d'N feiner schief schm Hei­mat. Der Grundton des Buches ist wohl ernst, aber von jenem köstlichen, herzbezwingenden Humor durchsonnt, der Kellers beste Heimatbücher auszeichnet. Da ist vor allem d'efer Dengll. der Gymnasiast und Dr"der der Matte Heinrich ein Prachtkerl, "rg'sinb. manchmal ein bißchen frech und voll spitzbübischer Schelmere'. Aber di? Matte Httnrich weiß, wie man's anfängt, einen solchen Durschen zum tüchtigen M'nn zu erziehen. Ohne daß viel von Erzi?hung im D ich? d'e Rede ist, ist b efer fesselnde Roman doch lehrreicher als ein Dutzend Erziehungsbücher. Das ist aber nicht das wichtigste daran. D'e Hauptsache ist. daß aus jeder Zell« dieses schönen Romans e'ne Welt von Güte und Schön beit spricht und die feg hafte Kraft der Lebensbejahung. Di' ..Matte Heinrich" ist ein Duch vom Kampf und S eg über alles Riederdrückende und Zermürbende. Es ist ein Duch für unsere Zeit. 696

Thea von Harbou.Metro­polis". Roman. (August Scherl. G m. b. H., Terlin. Ganzleinen 5.50 Mk.) 3m obersten Stockwett des Wolkenkratzers sitzt John Fre- tersen. der Leiter einer utopischen Riesenstadt, Metropolis. Seine Finger ruhen auf einer magi­schen blauen Metallplatte, mit der er die Riesen­stadt unter sich in Bewegung setzt ober zur Ruhe

bringt. Eine ungeheure Kluft trennt ibn und die Teiiyenden von jener unterhalb der Erdober­fläche hausenden Schicht der Arbeitenden, die zu willen- und namenlosen Werkzeugen emes durch Technik entseelten Lebens geworden find. Freder, der Sohn des Herrn von Metropolis, liebt ein jungfräulich keusches Mädchen. Matta, das aus tielftem christlichen Empfinden heraus sich für die Besserung des Loses der Arbeitermassen einfeht. Mit gan-er Seele ersaßt Cr die Tragik der sozial Entrechteten und macht sich das Wort Mariens zu eigen,Mittler zwischen Hirn und Händen, muß das Herz fein'. Dieser Roman, der feiner Partei, keiner Klasse und keiner Tendenz dienen will, ist der dichterische Bersuch, den ins Phan­tastische gesteigerten sozialen Gegensatz durch bie Kraft des mitfühlenden Herzens zu überwinden.

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RudolfStrah, der beliebte Romancier, hat nun auch schon seine Lebenserinne­rungen in zwei Banden niedergelegt (1.Schwert und Feder", II.Reisen und Reifen", beide bei August Scherl G. m. b. H. in Berlin. Preis Ganzleinen je Mark 5.50). Es ist ein buntes Dichterleben, was sich hier in anschaulich farbiger Schilderung vor uns auftut. Unb drum herum gibt der Dichter ein Bild seiner Zeit, einer Zeit, in der wir mit einem Fuße noch selber stehen, das. mit seinen kritischen Augen gesehen, für uns ein ganz anderes Interesse gewinnt, uns vieles anders schauen läßt und Zusammenhänge offenbart, bie uns die Rähe der Erscheinungen oftmals verfchwotnmen machte. Daß Stroh auch in diesen Erinnerungsbänden den gewandten, anmutigen Plauderer, den sicheren Gestalter nicht verleugnet, bedarf feines Wortes. (698 99)

Das Reh Luzifers. Roman. Bon Otto Pietsch. 390 Seiten. In Leinenband Mark 6.. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. Atemraubend ist das Tempo dieses Romans. Die aufregenden Ereignisse der Juni- und Juli­tage 1914 sind mit gewaltigem Griff erfaßt und gestaltet. Petersburg ist der Schauplatz: hier wird das Reh zusammengeschnürt, in dem Deutschland gefangen werden soll. Die Flamme der Revo­lution schwelt schon unter der Decke und bricht bann' lobernb hervor. Don ibyllisch-heiteren Som­mertagen des Jahres 1914 bis zur russiscl-en Revolutton erleben wir fieberhaft jebe Phase ber Entwicklung. Die wahren Ursachen bes Welt­krieges sinb hier weit eindringlicher und über­zeugender geschildert, als irgendeine Attenpudli" kation es vermag. 723

Ernst Wiechert: Der Knecht Got­tes Andras Rhland. Roman. (Grote'sche Sammlung von Werken zeit genös, sicher Schr ft» steiler Db. 167.) G. Grote. Derlin 1926. Das neue Werk bes Dichters ist bas erschütternde Do­kument bes uralten Ringens Jakobs mit dem Engel, bas jedes neue Menschengeschlecht neu erlebt, bes GotteSkampfes, ben im Morgenrot, einer neuen Zett auch die Generation, bie in jungen Jahren durch den entsehlichsten aller Kriege geschritten ist, furchtbarer durchstritten hat und noch durchstreitet wie je eine anders vor ihr. Andreas Rhland, ber Knecht Gottes, ist burch bie große Wanblung gegangen, er nimmt bas Kreuz auf sich, ein Diener ber Wahrheit unb der Liebe, er will ben toten La­zarus erwecken, ben begrabenen Christus leben­dig machen und wird auf feinem Leidenswege zum Märtyrer seiner Berufung. 767

MinnaFalk: Meta Gragert. Roman. August Scherl G. m. b. H., Berlin. Ganzleinen 4,50 Mark. Meta Gragert, die frühreife unb kern­gesunde Tochter eines Marschbauern saßt den eigen­sinnigen Plan, Medizin zu studieren. Pastor Cornels im heimatlichen Dors und Professor Ingenfels in Wandsbeck bereiten sie auf das Abitur vor, das sie ohne sonderliche Begabung, aber mit zäher Energie erreicht. Schon im Kindesalter halte das charakter­volle, eigenwillige Mädchen einen starken Hang, sich mit der Problematik der Geschlechter, der Ehe und der Mutterschaft zu beschäftigen. Die Frage: Heirat oder Studium? erwuchs ihr daher von selbst zum stärksten Problem ihres eigenen Lebens. Dieser Ein­zelfall wird der Verfasserin zum Ausgangspunkt einer Anklage geaen unsere heutige Gesellschaftsord- nuny, die den tieferen Problemen der Ehe bisher zu wenig Beachtung geschenkt hat. Die natürliche Sprechweise, in der die Verfasserin diese uns alle angehenden Fragen des Lebens behandelt, stempelt dos Buch zu einer feinsinnigen Lektüre für ernst­hafte Leser. 810

Novellen.

Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle. Drei Rovellur. 273©eiten 8°. Insel- Verlag, Leipzig. 1927. Dieses Buch ist der dritte Ring eines RovellenkreisesDie Kette". Der erste Ring hießErstes Erlebnis", Ge­schichten aus Kinderlanb, ber zweit»Amok", Rovcllen einer Leidenschaft, der Dritte nun führt tiefen Kleistsichen Begriff in ben Titel ein unb man muß Dem Dichter, ber sich an anderer Stelle (Der Kampf mit dem Dämon") in ein» dringendster, Verständnis tief er Wes- um den Dichter desPenthcsllea" bemüht hat, bie Be­rechtigung hierfür zugestehen, wnl er ber hohen Verpflichtung, bie in der Rameng bang brschlosicn scheint, sich bewußt ist unb Genüge tut Man liest bie Drei Rovellen bes neuen Bandes mit ter gleichen Atemlosigkeit zu Enbe, wie jene früheren, mit benen sie tief unb innerlich ver­bunden find. Die Menschen, deren Schicsale hier gestaltet werden, haben alle etwas von jener dämonischen Desessenh it bes Dichters Kleist, sie stehen mit ihrem Fühlen unb Handeln alle an einer Grenze, an einem Wrnbepunkt. vor einer großen Entscheidung, in einer übermenschlichen Verstrickung des HerzenS, die ihr Dasein ben alltäglichen, gewohnten, geregelten Bezirken ent» vüdt, sie laufen alle, von maai'chen Kräften vorwärtsgestoßen, einer übermächtig gewordenen Leidenschaft nach, blindlings, fanatisch, mit ge­schloffenen Augen gleichsam, unter einem rätsel­haften Befehl stehend, unb sie gehen zugrunde im Labyrinth ihres eigenen Innern. Der Dichter leuchtet in diesen Erzählungen mit einer so un­heimlichen Bewußtheit, mit fo feinem Empfinden unb zartem Takt in bie Herzkammern geheimsten menschlichen Fühlens unb Trachtens hinein, baß man wenn man sich zugleich ber unglaublich beherrschten Kunst bes Stils erinnert, mit ber dies geschrieben ist sich zugestehen wird: Diese