Montag, 1. November 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (vderhessen)
Nr. 256 Zweites Blatt
Reformationsgedenkfeier in Gieszen
stehen.
Die Fesigollesdienste
an.
Der Inspizient fiebert nach seinen Requisiten.
Dom Mittelrheinischen Fabrikanten-Derein.
Außer uns stiegen im wesentlichen Frauen mit großen Kiepen aus.
Die Mitglieder schlendern in die Quartiere; der Spielleiter rast zum Spiellokal. Wahrhaftig: kein Auto! In der Turnhalle nur die vierhundert leeren Stühle. Zwei kleine Löcher, das sind die Garderoben. Die Bühne? Ein nacktes Bretterpodium von zehnmal acht Meter. Sonst nichts. Ich stehe allein. In drei Stunden soll die Vorstellung anfangen! Der Fahrtleiter kommt, die Windjacke weht — er hat telephoniert, was der Draht hielt, und nichts erfahren. Eine Panne? Ein Unglück?! In zweieinhalb Stunden soll die Vorstellung ansangen! — Da: Geratter, Lärm — das Auto ist da!
Die fünf Techniker fasten zu — Wände laufen, ein Wald rast vorüber und wird an die Mauer gestellt, Thronsessel, Kisten, Kasten, Hocker, Stangen, Körbe bekommen Beine. Der Beleuchter schleppt seinen Stolz, seinen Augapfel, den selbstaebauten Schaltschrank, darin Nacht und Morgen, Hell und Dunkel, Sonne und Mond — alles auf prima Widerständen; der Garderobier packt seine Körbe aus, und auf der Bühne stehen schon die großen Eisenreckstangen im Geviert, acht Meter hoch, und auf den Leitern hängen die beiden Tapezierer, den Mund voller Nägel und hämmern am ersten Dorhangzug. In einer Stunde fängt die Vorstellung an: ja, es wird gehen. Der Hauptoorhang ist fertig, die Soffitten, die roten Vorhänge des Hintergrundes sind's auch, nun noch die gelben — Vorhang zu.
Und wie die ersten Leute kommen, eine halbe Stunde vor Anfang der Vorstellung, da ahnen sie nichts mehr von der Unruhe, der Hast und der Hetze:
lose Hatur aufgefordert in das Lob Gottes einzusttmmen. Der Himmel soll jauchzen, die Erde soll rufen, die Berge, der Wald und alle Bäume sollen frohlocken. Frohlockende Bäume, redende Bäume, daS ist ein Bild, da» in der Heiligen Schrift mehrfach wiederkehrt. Frohlockende Bäume, redende Bäume wachsen auch im Bereiche unserer Stadt, streben hier aus der Heimaterde hinauf zum Himmel. Heute sind gerade 109 Jahre verflossen, dah man oberhalb des Alten Friedhofes, des Ortes, wo man durch vier Jahrhunderte die Toten bestattet hat, die Luthereiche gepflanzt hat. Es war damals im Jahre 1817 eine arme Zeit, Krieg und Hungersnot waren vorausgegangen, aber unser Volk war ideal gerichtet und hochstrebend. Zwei Jahre zuvor hatte es das Joch der Rapoleoni- schen Zwingherrschaft abgeschüttelt, allenthalben lohten damals am Abend des 13. Oktober, des Schlachttages von Leipzig, die Freudenfeuer auf den deutschen Bergeshohen. Ein frommer Geist ging durch die deutschen Gaue, und so sollte diese Eich« frohlocken, daß Gott unserem Bolle einen Martin Luther geschenkt hatte. Zweiundvierzig Jahre spä er reihte sich diesem Baume i die Schillereiche an; das geschah im Jahre 1859. am 100. Geburtstage des großen Dichters, in schöner, friedlicher und glücklicher Zeit. Heber- all ehrte man den Dichter, der in dem Herzen unseres Volkes ein so heiliges Feuer der Begeisterung entzündet, der vor den Deutschen eine Welt von so großer Schönheit aufgebaut hatte, der deshalb auch von unserem Volke geliebt worden ist, wie selten ein führender Mann. Als man im Jahre 1883 auf dem Ludwigsplahe die Lutherlinde pflanzte, stand unser Doll auf dem Gipfel seiner Macht und Größe, es war hoch angesehen im Bäte der Völler. Darum sollte diese Linde frohlocken, daß die Deutschen durch den groTT". Wittenberger Mönch zu den Quellen üjrer K ast, zum Evangelium zuruck- geführt worden waren und daß dem evangelischen Christen Vaterlandsliebe, Berufstreue, Pflichterfüllung und Gewissenhaftigkeit etwas Selbstverstäni liches sind. Endlich steht draußen vor unserer Stadt, im akademischen Forstgarten, die Dismarckeiche; sie wurde am 80. Geburtstage des großen deutschen Politikers, am 1. April 18°5, gepflanzt. Sie soll uns an den Mann erinnern, der die Einigung Deutschlands zustande gebracht und in glücklichen, guten Jahren, in Jahren auffteigenber Entwicklung unseren Staat geleitet hat. Alle diese Bäume sind frohlockende, sind redende Bäume, sie preisen die Gnade, die Gott in vergangenen Tagen an unserem Volke getan hat, sie reden zu den Vachkommen vom Kampf, vom Vingen, vom Siegen derer, die vor ihnen gelebt haben.
Vun wollen wir heute eine Reformatio n s l i n d e pflanzen. Was soll dieser Daum? Auch e-c soll frohlocken, auch er soll reden. Vier Jahrhunderte sind verflossen, daß in deir althessischen Landen die Reformation zur Einführung kam, daß auch die Stadt Gießen eixm» gelisch wurde. In Dankbarkeit erinnern wir uns heute der Väter unseres Glaubens, die damals
Wo sind wir? Wo ist das Podium, zehnmal acht, aus nackten Brettern? Verschwunden; über ihm schwebt eine Welt aus Farben und Licht. — Von dem dunklen Rot heben Bogen sich golden ab, und ein zartes Gelb zu beiden Seiten, sanft geschwungen, nimmt jede Schwere fort. Wo ist das Unerträgliche des Leides? Verschwunden im Schein aus dem Schaltschrank, über dessen Werklampe der Beleuchter seine speckige Mütze gehängt hat, damit kein falsches Licht auf die Bühne fällt — im Scheine dieses lichten Traumes wird Leid zu Lust, und selbst das Schicksal befreit zur ewig schönen Form.
Und wo sind die Menschen aus der Bahn — die Skatspieler, die unruhig Begeistetten und die so schnell Verzweifelten, die Frauen, die heute hasten, wen sie gestern liebten, und die morgen verachten, was sie heute himmlisch finden? Verschwunden im Zauber verwandelter Gestalten, und Worte schwingen und schweben aus ihnen so rein und so tief, als klage und juble die unschuldige Kreatur. Für einen Augenblick vielleicht nur — aber es ist der Augenblick, für den sie leben ...
holt die Spielkarten aus der Brusttasche: „Wer gibt?"
Der Zug setzt sich in Bewegung. „Scheußlich, immer diese Verspätungen", mault Liselene, weil sich niemand um sie kümmert. Sie setzt ihr Hütchen ab. Ihr Haar ist wie ein Iungenkopf geschnitten und gescheitelt. Dem ehrbaren Herrn ihr gegenüber klappt vor Schreck der Mund auseinander. Sie ist befriedigt.
in den beiden Kirchen waren außerordentlich stark besucht; trotz der reichen Sitzgelegenheiten mußten viele Gemeindeglieder sich mit einem Stehplatz begnügen. In der Iohanneskirche predigte Pfarrer Aus e l d auf Grund des Bibelwortes Markus 1. Kav., 14. und 15. Vers über die hohe Bedeutung der Reformation und den rechten evangelischen Glauben. Der Gottesdienst wurde durch den Gesang eines Kinderchores, vor allem aber durch das Musikkorps des 1. Batl. 15. Jnf.-Rgts. unter der Leitung des Obermufikmeisters L ö b e r , das die kirchliche Fest-Ouvertüre über „Ein feste Burg ist unser Gott" spielte, in reichem Maße verschönt. In der Stadtkirche hielt Pfarrer Decker die Gedenkpredigt auf Grund der Einleitung der Bergpredigt Matthäus 5, Vers 1 bis 12. Hier sang der Kirchengefangverein unter der Leitung von Studienassessor Dr. R o l l e r, ferner die Chorschule, die beide den Gottesdienst eindrucksvoll verschönten.
Nach den Gottesdiensten versammelten sich die Geistlichen beider Kirchen, die Pfarrer B e ch t o l s- heimer, Ausfeld, Mahr, Becker, Schult- heiß, Hertel, ferner die Mitglieder des Gesamt- ki-chenvorstandes, Vertreter der Theologischen Fakultät der Landesuniversität, die Vertreter der Stadtverwaltung und der Kommandeur unserer Garnison in der Iohanneskirche, um von hier aus die Reformat.onslinde zu ihrer Pflanzstätte zu bringen. Beim Läuten der Glocken bewegte sich der fcier- iiche Zug, in dessen Mitte der Gedenkbaum von Kirchenvorstehern getragen wurde, unter Vorantritt der Geistlichkeit durch die Iohanneskirche, durchschritt das Hauptportal und begab sich durch eine große Menge gläubiger Kirchenglieder zur Südseite der Kirche, wo die
Pflanzung der Reformationslinde
in einem Anlagenbeet vorgenommen wurde. Die Militärkapelle unter Obermusikmeister Löber leitete die Feier mit dem Spiel einer Strophe des Chorals „Lobe den Herren" ein.
Darauf hielt Pfarrer Bechtolsheimer die nachstehende Weiherede:
Jesaias 44, 23: Jauchzet, ihr Himmel; denn der Herr hat es getan; rufe, du Erde, herunter; ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darinnen; denn der Herr hat Jakob erlöset und ist in Israel herrlich.
Das Gotteswort, das wir gehört haben, ist ein Wort des Frohlockens und Dankens. Gottes Gnade wird hier gepriesen, die freie Gnade Gottes, die sich dem Menschen zuneigt, die ihn erlöst, die ihn selig macht. In wunderbarer, dichterischer Form wird hier die seelen-
heimische Berarmung gesteigert worden sind. Der internationale Stahlpakt ist ein unentbehrliches Glied in der handelspolitischen Verständigung mit Frankreich, ja mit allen anderen großen Industrieländern. Ohne im Inneren Preisveränderungen vorzunehmen, kann man durch Erhöhung der Aus- siihrpreife England und Amerika zeigen, daß diese Selbschilfe der westeuropäischen Industrie auch geeignet ist, die von den angelsächsischen Ländern nur ungern gesehenen Preisunterbietungen auf dem Weltmarkt zu unterbinden und so dem höheren Preisniveau Englands und Amerikas nahezukom- men. Kurz eine großzügig geführte internationale Stahlgemeinschaft steht nicht nur im kontinental- europäischen, sondern auch im englischen, ja Im Weltintereste.
In der anschließenden Aussprache wies Dr. Kalle besonders darauf hin, daß die Opposition gegen den Abschluß des Eisenpaktes davon überzeugt werden müsse, daß der Abschluß im volkswirtschaftlichen Interesse erfolgt sei. Dipl.-Ing. R ö m h e l d bezeichnete es als besonders wichtig, daß die eisenschaffende Industrie eine maßvolle Preispolitik der eisenverarbeitenden Industrie gegenüber betreibe.
wirtschaftlichen Spitzenverbände stattfinde und forderte zu zahlreichem Besuch dieser Veranstaltung auf. Endlich berichtete er über die letzte Sitzung des Wirtschaftsausschusses des besetzten Gebietes. Dann
„Bühne frei! Saal dunkel?"
„Ja!"
„Achtung!". Gong. Vorhang auf.
„Der Ruf der Feste hat mich hergeführt, die Barcelona weltberühmt gemacht: O, schöner Tag! O, vielmals fdjönre Nacht! ...'
Am gestrigen Sonntag, 31. Oktober, wurde die V i e r b u n d e r t j a h r f e i e r der Resorma- tion in Hessen — wie überall im Hessenlande — auch in den Kirchen unserer Stadt Gießen festlich begangen. Im Anschluß an die Festgottesdienste wurde gegenüber der Iohanneskirche eine Reformationslinde gepflanzt, als Zeichen des Dankes an unsere Vorfahren im evangelischen Glauben, als Mahnung an unsere Nachkommen, allezeit in Treue und Liebe zu der Lehre Martin Luthers zu
Zwei Lampen brennen noch im Saal. Wirres Durcheinander der Stühle. Die Türen klaffen — die Kälte zieht herein. Der Beleuchter hustet, daß es einem selbst weh tut in der Brust. Die Bühne ist ein nacktes Bretterpodium von zehnmal acht Meter. Der Garderobier packt seine Körbe ein. Wände werden geschlevpt, ein Wald wird fluchend abserviert und ins Auto geschoben Stangen, Hocker, Kisten, Kasten, Thronsessel wandern aus einer müden Hand in die andere: „Verdammter Zinnober!"
Drei Wochen wird es so gehen: einundzwanzig- mal ausladen und aufbauen und abbauen und wieder verladen — einundzwanzigmal, und dann das nächste Stück und fo weiter.
„Junge, Junge', sagt der Bühnenmeister und schüttelt mit dem Kopf. „Vier Jahre lang machste das nun schon mit!"
„Mach dich nicht wichtig, Theo", antwortet ihm der Chauffeur, der gerade unter das Auto kriechen will. „Und so 'n Eisdeen, so jroß wie heute abend, für eene Mark, und noch mit Bratkartoffeln, bet kcinnste lange suchen.'
Mit dem Thespiskarren IT 8680
Von Herbert Kranz.
Alle sind rechtzeitig am Bahnhof — der souveräne Graf von Barcelona, die Erbvrinzessin, seine Tochter, die beiden Hofdamen, die Prinzen von Ur- guel und Bearne (jeder mit dem Koffer in der Hand), der Souffleur, der Inspizient, der Regisseur, der Direktor — nur Liselene (bitte in einem Wort), die Naive, ist natürlich noch nicht da.
Die Prinzen fluchen, der Direktor wird blaß, der Fahrtleiter fingert im Fahrplan: „Kann sie mit dem D-Zug noch nachkommen?" — der Regisseur starrt gedankenvoll auf die große Uhr, wo der Zeiger wie ein Hammer von Minute zu Minute fällt, die Blicke der Damen werden dunkel („das macht sie nur, damit es nach was aussieht") — der Inspizient rast durch das Gewühl zurück an den Eingang (ein Zweck ist nicht ersichtlich, aber der junge Mann will eingreifen, eingreifen) — es sind noch drei Minuten, die Empörung wird laut — nur der schwere Held steht ruhig und mit Genuß seine Brasil rauchend.
Mit einem Male ist sie da, die Liselene, lächelnd, gepudert, ein wenig Rot auf den Lippen. „Gott, ist es denn schon so spät?"
„Sie haben eine Viertelstunde vor Abgang des Zuges am Bahnhof zu sein, das steht in Ihrem Kontrakt!" — Der Fahrtleiter brüllt beinahe.
„Ist der Zug denn schon weg?" fragt Liselene; wie alle Naiven des Theaters ist sie im Theater des Lebens alles andere als naiv. Keiner antwortet, alle rennen. In den Zug! Wir sind drin. Die Vorstellung heute ist gerettet.
Aber nun müssen wir noch zehn Minuten auf den Münchner Schnellzug warten, der Verspätung hat.
„Da bin ich ja noch viel zu früh gekommen", sagt Liselene und bläst sich — und ihr Luftkissen auf. „Die Züge fahren überhaupt nie pünktlich ab!" Das ist für den Fahrtleiter nebenan bestimmt.
In ihm kocht es hoch auf. Etwa 250 Mal in der Spielzeit wird man sich am Bahnhof zur Abreise treffen — wird das überhaupt auszuhalten sein mit dieser — Dame?! Aber er saßt sich als Mann, antwortet nicht, was er gern geantwortet hätte, und
In feierlichen Falten, ruhig und ernst, sehen sie den Vorhang hängen, und voll Erwartung sitzen sie vor einer anderen Welt. In zehn Minuten fängt es
Draußen die Landschaft dreht vorüber, nur die blauen Berge am Horizont scheinen zu ruhen. Der Direktor hat das Spielplanbuch auf den Knien, wo er nach monatelanger Vorarbeit endlich hinter jedem Datum einen Spielort hat schreiben können. In Gedanken geht er — zum wievielten Male? — die kommende Reise noch einmal durch: „Werden die Städte die Abmachungen halten können? Wird unser Lastauto auch immer zur Stelle fein? Wird mir auch keiner krank? Und vor allem: das Auto — das Auto! Die Kurbelwelle ist neu, die Reifen sind neu, Kosten über Kosten, man sollte doch meinen — jedenfalls darf keine Vorstellung ausfallen."
„Werde ich auch Proben genug haben für das nächste Stück?" denkt der Regisseur. „Und wenn ich nur immer einen geheizten Raum zum Probieren bekomme."
Die Landschaft draußen dreht vorüber und nur die blauen Berae am Horizont scheinen immer noch zu ruhen. Spricht da die gewichtige Stimme des Direktors: „Die Wanderbühne ist die Stätte im Theaterleben der Gegenwart, die noch eine Mission hat."
Plötzlich werfen alle die Karten hin und die Zeitungen, und der Disput bricht ab. „Das Auto! Das Auto!"
Alles drängt an die Fenster: Richtig, da fährt es — das graue Lastauto mit seinem vier Meter langen Anhänger, unser Thespiskarren, in dem die ganze Herrlichkeit des Abends mit ihren bemalten Wänden, Vorhängen und Möbeln und Kostümen durch das ahnungslose Land rattert.
-trägen und Bündnissen wäre eine grundsätzliche Ablehnung internationaler Wirtschaftsverbande am Katze. Mehr als je zwingt die Wirtschaftsumwäl- j ung des Erdballs, namentlich die Wirtschaftskrise Europas dazu, solche Wege der Wirtschaftsführung zu gehen, die die Kaufkraft der breiten Massen eher erhöhen als daß sie dazu fuhren, auf dem Rücken der Arbeiterschaft ruinöse We.'tbe- werbskämpfe auszutraaen. Internationale Wirt- chaftsverständigungen hegen deshalb im Interesse der Arbeiter. Auch die mdnopolistische Tendenz, die in der Bewirtschaftung wichtiger überseeischer Roh- tosse, die im Außenhandelssystem Sowjetrußlands zu beobachten ist, weist auf die Notwendigkeit der internationalen Verständigung der Industrie hin, wenn man einer solchen Ausbeutung steuern will. Es kam hinzu, daß die Inflation erst der Mark und dann nach der Rentenmarkfestsetzung die Franken- Inflation auf dem Weltmarkt zu einem Dumping unerhörten Grades führte, um so mehr als die Friedensoerträge mit der Austeilung der früheren Zollgebiete Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Rußlands die Ueberproduktion und die Zahl der alten Ausfuhrländer verdoppelten, ferner weil die Kapazitäten der Eisenhütten ohne Rücksicht auf die
aaaam (Hvtnnh I dels ist also nicht etwa em Zeichen für die ^DOtfiCQr€ QCydl -OVlCiriUe I Stärke der französischen Stellung, sondern um-
Von unserem ^-Berichterstatter. gekehrt der Beweis dafür, datz es Poincarä
m -.-ja Oktober 1926 bisher noch nicht gegluckt ist, Washington it- JJüt s, O gendwie seiner Politik geneigt zu machen.
(Aachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Darüber hinaus verdient aber festgehalten
Die Gegensätze innerhalb des französischen werden, daß nach den einwandfreien De-
Kabinetts, insbesondere zwischen Briand und richten der französischen Presse selbst, eine Poincarö sind ja nun kein Geheimnis mehr. Mit Schwenkung Washingtons in seiner Haltung Behagen erzählt die linke wie die rechte Oppo- gegenüber Frankreich ein Ding von höch- sitionspresse von angeblichen Auseinandersetzung ft e r Unwahrscheinlichkeit ist. Denn die gen dieser beiden Manner und von den D e r - Haltung der Wasyii g oner Regierung wird im schiedenen Wegen derPolitik, die beide Gegensatz zu der französischen nicht von außen- zu gehen gedenken. Vatürlich ist das, was hier- politischen, sondern von innerpolitischen Motiven über berichtet wird, weit übertrieben, und wohl bestimmt. Amerika, das sich zur Zett im ent- meistens Kombinationen findiger Presseleute, die I scheidenden Wahlkampf für die im nächsten sich ein Vergnügen daraus machen, di« beiden Jahre zu erwartenden.Präsidentenwahlen be- innerpolitischen Gegner auseinanderzuhehen. Und fjnbet, kann nämlich tatsächlich seine Haltung dennoch muß auch der Unbefangene zugeben, nicht ändern, ohtte die Regierung des Präsidenten daß der Gegensatz zwischen Briand und Pomcare tzoolidge aus das schwerste zu gefährden. Eoo- tatsächlich besteht. Rur daß Poincare selbst- [t&ge, der sich für die Eintreibung der europäi- verständlich sich nkcht direkt in die Angelegen» Schulden Amerikas eingesetzt hat, kann
beiten des Quai d'Orsay mischt und gezwungen I mitten im Wahlkampf einfach nicht auf diese ist, die Ziele seiner Politik auf indirektem Politik verzichten, weil sie praktisch zu einem Wege zu verwirklichen, weil er die Stellung Anziehen der Steuerschraube in Amerika führen seines eigenen Kabinetts, mit der der Kurs des würde, einer Tatsache, die nicht nur bei uns,
Franken und das französische Sanierungspro- sondern auch über dem großen Wasser eine
gramm auf das engste verknüpft sind, durch Regierung unbeliebt zu machen geeignet ist.
eine Regierungskrise nicht gefährden kann. Das Daß die gegenwärtige Haltung Amerikas an- schlieht also aus, daß sich Poincar6 direkt in die pererseits nicht das letzte Wort Amerikas in
deutsch-französischen Beziehungen hineinmischt. Er j^r Frage der internationalen Schulden zu sein mutz im Gegenteil hier alles Briand überlassen braucht, darf natürlich auch nicht irreführen, und selbst bei Kriegervereinsreden seinen Deut- selbstverständlich eine mögliche Aenderung der schenhaß zügeln, um sich nicht mit dem Eingriff Haltung in der Zukunft die gegenwärtige 6itua- in die Angelegenheiten seines Ministerkollegen tion nicht ohne weiteres zu beeinflussen braucht, ins Unrecht zu setzen. Das ist dasjenige Ergebnis der bisherigen
Dieses innerpvlitische Moment hindert aber polttischen Arbeit Poinmres in Amerika, das nicht, daß Poincare auf seinem Gebiete — dem ni$t genug unterstrichen werden kann, wenn von der Finanzen — ein Gegengewicht gegen Thoiry die Rede ist. Frankreich, so muh immer die Politik Briands zu schaffen,versucht, das im wieder betont werden, muh das Washingtoner Ergebnis die versöhnlich« Haltung Briands doch Schuldenabkommen ratifizieren, «he es daran den- tatsächlich wesentlich modifizieren könnte. fen kann, eine Anleihe auf dem amerikanischen Da feine innerpolitische Ausgabe vorläufig gelöst Markt aufzunehmen, ist (das Poincaresche Sanierungsprogramm ist, soweit man das beurteilen kann, fürs erste erfolgreich), bleibt ihm also nur das Gebiet der Regelung der auswärtigen Schulden Frankreichs übrig, um seine eigenen Pläne durch
zusehen. So kommt es, dah di« sranzösisch-ameri. , m »9 Okt Der Mittelrheinische Fabri-
Poincaröschen auswärtigen Politik geworden sind, heunrats Dr. h. c. $) a e u s er eine gutbefi ch e von deren Zustand es abhängt, wie weit Poin- Ä^versammlung Begrüßung d E
car£ die Briandfcben Pläne durchkremen kann. I schienenen berichtete zunächst .
Äiätei "Ärunh 6ic SaI' bte
KS-KMM WMWMW »äX-SSSS ri&tetassÄS«
standigung über die . 8 nhh öffentlichen Verwaltung in vollem Umfange u n -
ter st ütz t e. Es fei dringend zu wünschen, daß bie= ob! n Dieinner- sen Worten nun auch bald Taten folgten. In einer
MMMLMIS5KWT-MW kanntlich immer noch die bedingungslose Ratifizierung des Schuldenabkommens zur Voraussetzung aller weiteren französisch-amerikanischen Verhandlungen macht, zu beeinflussen. . . > -
Das Kernproblem, auf das es in der Poin- IP™0’ . m b K Berlin
careschen Politik ankommt, ist demnach die Frage Dr. Reichert, M.d. R„ öerlin
nach den Aussichten einer Aenderung der Hal- über: „Die allgemeinen Ursachen der internationalen tung des amerikanischen Schatzamtes unter dem Syndizierung und der internationale Eisenpakt , Drucke der französischen Propaganda, und di« wobei er u. a. aussuhrte: Die internationalen lÄrage auf di« es für Deutschland hierbei an- Verständigungen, die dem vernichtenden Wirtjchafts- kommt' ist die ob tatsächlich eine Schwenkung der kampf den Wirtschaftsfrieden folgen lassen, sind na= amerikanischen Politik erwartet werden kann. Da mentlich dann zu begrüßen, wenn sie, wie Kartelle die französisch« Presse zum Teil in Riesenaus- und Syndikate, die Selbständigkeit der machung seit Wochen nunmehr die öffentliche Nationalwirtschaft aufrecht erhalten Be- Meinung der Welt mit Rachrichten über einen denklich können dagegen internationale Verstandi- bevorstehenden Umfall der amerikanischen Re- gungen werden, wenn sie mit der Vertrustung den Gierung bombardiert, ist es zunächst wichtig, V e r l u st deutschen Eigentums oder einwandfrei sestzustellen, dah alle diese Rach- deutscher Wirtschaftsführung oder son- richten hier in Paris fabriziert sind, ftige schwere Schädigungen der Volkswirtschaft her- Die Wiederholung des propagandistischen Schwin- I beiführen. Ebensowenig wie gegenüber Friedensoer-
l


