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der Arbeit gab es keine Vorbilder dafür, und bis auf den heutigen Tag ist auch kein anderes Land der hessischen evangelischen Landeskirche gefolgt. Ursprünglich war nur an die Inventari­sation der Pfarrarchive gedacht. Später machte sich aber eine Erweiterung des Plans ndttiHnbig. Es galt auch, die Bestände der kirchlichen Zen­tralbehörden, ter Dekanate, der Kreisämter, der standesherrlichen Archive, soweit sie kirchen­geschichtliche Akten aufbewahren, zugänglich zu machen. So konnte dem im Jahre 1920 in zwei Halbbänden unter dem TitelInventare der evangelischen Pfarrarchive in Hessen" erschiene­nen ersten Band des Gesamtwerks dieser Tage der Abschluhband folgen, der als Festgabe der hessischen kirchengeschichtlichen Vereinigung 8« ihrem Iubiläumstage überreicht werden konnte und den Titel trägtInventar der älteren Re­gistratur des Evangelischen Landeskirchenamtes, mit Ergänzungen aus Registraturen der Deka­nate und Kreisämter sowie den Archiven früherer Landesherren, Patrone usw."

Archivrat Dr. Herrmann, dessen Aus­führungen mit lebhaftem Beifall angehört wur­den, hat als Leiter der Inventarisation und als Herausgeber genannter Bände eine entsagungs­volle Arbeit geleistet, auf die Hessen stolz sein darf. Ihm und seinen Mitarbeitern, unter denen wir außer Prälat D. Dr. Diehl, Studienrat Dr. Becker (früher Alsfeld, jetzt Darmstadt) u. a. auch Pfarrer A. Hartmann (Großen- Buseck) nennen, kann nicht genug gedankt werden für die hervorragenden Dienste, die sie der Wissenschaft und vor allem auch der neuen Heimatschulbewegung geleistet haben. Ein ge­waltiger Stoff ist gesichtet unh jedem, der sich mit Heimat- und Kirchengeschichte beschäftigt, be­quem zugänglich geworden. Ein Werk liegt vor, das auf Iahrzehnte hinaus Ratgeber und An­reger sein kann und hoffentlich auch recht viel benutzt wird.

Zum Schluß der Versammlung gab die schon von Geheimrat Prof. Dr. Krüger bedauerte Tatsache, daß seit Iahren an der Landesuniversi­tät keine hessische Kirchengeschichte mehr gelesen wird, Veranlassung zu dem Antrag, in irgend einer Form Abhilfe zu schaffen, damit unsere hessischen Theologen wie früher wieder in das Studium der hessischen Kirchengeschichte einge­führt werden könnten. Ein zweiter Antrag, den Archivrat Dr. Herrmann stellte, richtet an das Landeskirchenamt die Bitte, am Prediger­seminar in Friedberg Kurse einzurichten, in denen die Kandidaten mit dem allernotwendigsten Hand­werkszeug der Heimatsorschung vertraut gemacht werden sollen. "d.

Nr. 250 Zweites Blatt

Freitag, Oktober 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Der europäische Hexenkessel.

Der Balkan hat seit dem großen Kriege die Rolle, die er früher in Europa spreite, einigermaßen verloren: er ist nicht mehr der ewige Explosionsherd, der nur auf einen Junten wartet, um sein Feuer nach allen Seiten aus­zuschütten. Tatsächlich war er ja auch, mit den gefährlichen Zündstoffen nicht aus sich selbst her aus geladen: nein, die eigentlichen Ver­antwortlichen waren dieienigen, die hin- t e r diesem gefährlichen Spiel standen, weil sie den Balkan und seine Volker für ihre ehr- geizen machtpolitischen Traume mißbrauchtem Das gilt in erster Linie von Rußland, das die Serben und Bulgaren nicht zur Ruhe kommen ließ, das den Serben den Größenwahn künstlich aufredte und sein gerütteltes Maß Schuld für die Schüsse trägt, die m Serazewo dem E^- herzog-Thronsolger von Oesterreich das Leben kosteten, die gleichzeitig den europäischen Krieg cinleiteten. , , . .. . , _.

Seither hat sich mancherlei geändert. Die Serben haben sich mit Bruchstücken aus der alten österreichisch-ungarischen Monarchie so an- gereichert, daß sie fast ein Grohstaat geworden sind, die Griechen haben sich dafür in Maze­donien bis über Saloniki nach Kawalla hinaus entschädigt, auch die Rumänen haben Beute­stücke von allen Seiten an sich gerafft, nur die Bulgaren haben ihre Bundesgenossenschaft für Deutschland schwer büßen müssen und sind auf einen Teil ihrer alten Größe zurückgeschraubt.

Kein Wunder, daß von ihnen aus die erste Unruhe wieder auf den Balkan kam. Die Bul­garen konnten nicht darauf verzichten, daß sie um Mazedonien betrogen, waren. Sie haben sich für die wahren Herrscher Mazedoniens ge­halten und als sie es nicht selbst haben konnten, haben sie wenigstens den Serben ebenso wie den Griechen die Freude an ihrem jungen Besitz versalzen wollen. Sie haben die Dandenkämpfe organisiert, die zu dauernden Grenzstreitigkeiten ausarteten, bis auch chnen schließlich die Dinge über den Kopf wuchsen und sie heute nicht mehr die Führer, sondern die Geführten der ganzen mazedonischen Bewegung sind.

Aber die Wirkungen dieser Grenzlämpse sind einstweilen wenigstens nicht mehr so gefährlich, wie ehemals. Hauptsächlich deswegen, weil Iugo- slawien und Griechenland saturiert sind und fein Interesse daran haben, einen Brand entstehen iu lassen, dessen Ausmaß sie nicht übersetzen können. Zumal die Serben haben ein un­gewöhnliches Maß von politischer Klugheit an den Tag gelegt; sie erkennen genau, daß ihr aus Serben. Kroaten und Slowenen gemischter Staat unbedingt der Ruhe bedarf, um sich zu amalgamieren, daß also kriegerische Abenteuer das Gefährlichste sind, was chnen geschehen kann. Sie haben deshalb ihren eigenen Ehrgeiz vor­läufig vertagt und nur zielbewußt darauf hin- gearbeitet, aus den verschiedenen Völkerschaften, die heute in chrem Reiche wohnen, so etwas wie einen Nationalstaat zu machen. Die Grie­chen dagegen haben ihre kleinasiatischen Träume schwer bezahlen müssen, sind zudem durch chre inneren Unruhen so festgelegt, daß sie keine Zeit haben, Politik nach außen hin treiben zu können, lind die Rumänen schließlich, denen der bessarabische Dissen noch schwer im Magen liegt, weil sie sich vor den Rachegelüsten Ruß­lands fürchten, sind froh, wenn man sie in Ruhe läßt.

So sind denn die Kräfte am Balkan selbst einigermaßen ausbalanciert. Die Einflüsse, die sich von draußen geltend machen können, stoßen daher heute auf sehr viel stärkere Widerstände, als vor dem Kriege. Zumal, da der Einfuh Rußlands ziemlich weggefallen ist und auf dem Umwege über die Kleine Entente Frankreich fast unbestreitbar die Vorherrschaft über den Dalkan ausübte. Ie mehr sich aber der fran­

zösisch-italienische Gegensatz am Mittelmeer zu­spitzt, desto eifriger hat sich Italien bemüht, die Franzosen aus dem Sattel zu heben und sich selbst die Präponderanz auf dem Dalkan zu gewinnen. Auch Italien sucht auf dem Dal­kan kaum mehr Ländergewinne, was es in erster Linie braucht, ist Absatzgebiet für seine wirtschaftlichen Produkte und daneben eine Ein­flußsphäre, die der Gefahr einer ümilam» merung durch Frankreich vom Osten her ent­gegenarbeitet.

Dieses Ziel hat Italien zunächst gemein­sam mit Iugoslawien zu erreichen gesucht, dem es in Albanien Vorteile versprach. Iugosla-- toien aber hält sich im Grunde doch selbst für die kommende Dalkangroßmacht, und da die wirtschaftlichen wie die nationalen Gegensätze an der Adria zwischen den beiden Ländern ohnehin groß genug sind, ist dieser Versuch für Italien gescheitert. Es hat daher jetzt seine Angel weiter ausgeworsen und legt eine Politik darauf an, Iugoslawien zu isolieren, indem es mit den (Bulgaren, den Ungarn und den Rumänen Verbindungen sucht. Am raschesten ist dieses Spiel begreiflich genug bei den Bul­garen gelungen, bie Bundesgenossen um jeden Preis suchen. Aber auch bei den Rumänen, die vor wenigen Wochen einen neuen Freund­schaftsvertrag mit Italien geschlossen haben, der chnen eine Anleche gab und ihnen die Aussicht auf Italiens Unterstützung bei der Lösung der bessarabischen Schwierigkeiten eröffnete. Die Ru­mänen haben zwar vorläufig das Gefühl, daß bei diesem Vertrage Italien das bessere Geschäft gemacht hat; voraussichtlich aber wird darüber hinaus noch ein Geheim- abpminen existieren, worin Mussolini seine guten Dienste in Moskau anbietet, ilnb wenn er den russischen Alpdruck von Rumänien nimmt, wird er der beste Freund Rumäniens sein.

Der Leidtragende bei dieser ganzen Ent­wicklung ist Frankreich, das eine Zeitlang bereits glaubte, die russische Erbschaft auf dem Balkan angetreten zu haben, das die Puppen so fest an der Strippe zu haben glaubte und jetzt schon sehen muh, wie ihm die Kleine Entente entwächst und wie Italien Schritt für Schritt an Boden gewinnt. Wir haben keinen Grund, einer solchen Entwicklung nachzutrauern, Frank­reich wollte letzten Endes ja doch nur Hilfsvölker gegen uns anwerben. Die Rückenbedrohung aus dem Balkan her wird also für immer geringer und in freundlichem Wettbewerb mit Italien haben wir eher Gelegenheit, unsere Produktions­gebiete auf dem Balkan zu erweitern, als wenn Frankreich uns durch politische Intrigen Tür und Tor vollständig verschlösse.

Die französisch-türkische Freundschaft.

Don unserem K.-Korrespondenten. Konstantinopel, Ende September.

Die von Zeit zu Zett in der beiderseitigen Presse gern besungene französisch-türkische Freund­schaft ist in den letzten Iahren stets gewissen Schwankungen unterworfen gewesen, Kurs­schwankungen, die sich daraus ergaben, daß Frankreich die aus ihr entspringenden Porteile regelmäßig im politischen Handel mit Eng­land irgendwo gegen irgendwelche erwünschten Zugeständnisse nutzbringend auszuspielen pflegte. So war es zu einem gewohnten Spiel der fran­zösischen Politik geworden, größere polttische Ak­tionen mit gesteigerter Aktivität im nahen Orient einzuletten, ohne sich nach Erreichung seines Ziels um eingegangene Scheinverträge sonderlich zu kümmern. Der große Türkensremrd Franklin Bouillon schloß seinerzeit mit den damals noch nicht anerkannten Kemalisten den An­gora vertrag, der jedoch hernach nie recht

zur Ausführung gelangte, da Frankreich in­zwischen in seiner Rheinpolitik seine erwünschten Kompensationen von England erhalten hatte. In Lausanne sah sich daher Ismet Pascha ver­geblich nach der erhofften französischen Hilfe um.

Im vorigen Iahre wurde als Ersatz des Angoravertrages ein neues Abkommen von Iouvenel abgeschlossen, der für die Türken besonders hinsichtlich des drohenden Kampfes um Mossul große Vorteile versprach. Kaum war die Unterzeichnung vollzogen, da erschien der fran­zösische Botschafter Sarraut in Angora, um wesentliche Aenderungen des ursprüng­lichen Abkommens vornehmen zu lassen, vor allem in der Frage der zugestandenen freien Beförde­rung türkischer Truppen durch nordshrisches Ge­biet, durch die England sich bedroht fühlte. Angora war daraufhin gezwungen, die ungünstige Entscheidung des Völkerbundes in der Mossul- rage anzunehmen, da es über keine im Ernst- alle brauchbare Verbindung zu seiner Mossul- provinz verfügte. Der arg beschnittene zweite Iouvenelvertrag ist in Frankreich immer noch nicht ratifiziert worden. Es durste auch wohl kaum große Hoffnung bafür vorhanden sein, da inzwischen die beiden Unterzeichner, der französische Botschafter Sarraut wie Ion- v e n e I, der Gouverneur von Syrien, a b be­ruf e n sind. Die im Vertrage zugestandene Re­gulierung der syrischen Grenze ist eine große Enttäuschung und erstreckt sich nur auf wenige kleine Dörfer. Anstatt der versproche­nen nahezu völligen Selbständigkeit der nord- syrischen Gebiete von Alexandrette und Aleppo, die vorwiegend türkische 'Bevölkerung aufweisen, haben die Franzosen Jeit einigen Monaten hier mit der systematischen Unterdrückung der türki­schen Sprache und Kultur begonnen. Auch in der Frage her Regelung der türkischen Vor- kriegsschuld ist man immer ntxf> nicht zu einer Einigung gekommen, die den berechtigten Wünschen der Türkei entgegenkommt.

Genügt schon dieser kurze Ueberblick, um den Türken die große Freundschaft mit den Fran­zosen in recht einseitigem Lichte erscheinen zu lassen, so haben sich in der allerletzten Zeit pein­liche Zwischenfälle gehäuft, die den Schlag­schatten merklich verstärken. In seinem vielbeach­teten Briefe an den Präsidenten C o o l i d g e batte Clemenceau darauf hingewiesen, daß man in der Kriegsschuldenfrage Frankreich nicht so behandeln könne, wie es vielleicht der Tür­kei gegenüber angebracht wäre. Mit wohl zu verstehender Empfindlichkeit hat die türkische Presse auf diese unhöfliche Entgleisung desTigers" heftig reagiert, der anscheinend nicht imstande sei, eine Unterscheidung der heu­tigenfreien neuen Türkei" mit der Türkei der Kapitulationen unter den Sultanen zu treffen, doppelt schmerzlich, daß man eine solche Be­handlung gerade von Frankreich erfahre.

Ieht hallt die gesamte türkische Presse vom Lotuszwischenfall" wider, als Reaktion auf die Art, wie die öffentliche Meinung in Frankreich eine rein juristische Angelegenheit zu einem ernsten politischen Zwischenfall aufge­bauscht und im antitürkischen Sinne gehässig aus- genuht hat. Der französische DampferLotus" brachte vor einigen Wochen den türkischen DampferBos-k..rt" bei einem Zusammenstoß un­weit Smyrnas zum Sinken, wobei sieben türkische Untertanen ums Leben kamen. Der veraittwort- liche Offizier der Lotus, Kapitän De sm o ns, wurde daraufhin bei seiner Ankunft im Hafen von Konstantinopel verhaftet und dem zu­ständigen türkischen Gerichte überführt. Eine Kundgebung der Seeleute in Marseille und eine großangelegte französische Pressekompagne führte dann gewisse Hochspannung in den diplomatischen Beziehungen beider Länder herbei. Poincarö berief den türkischen Botschafter Fethi Dey zu sich und Roten flogen hin und her. Inzwischen war der französische Kapitän gegen Stellung

einer Kaution frei gelassen worden, und unter dem Drucke der diplomattschen Intervention erklärte sich Angora bereit, den Streitfall dem Haager Schiedsgerichtshof zu unter­breiten, ohne jedoch die Zuständigkeit des tür­kischen Gerichtes anzutasten. Der Prozeß «ahm seinen normalen Verlauf und endete in den letzten Tagen mit einer Freiheitsstrafe von drei Mo­naten für den französischen, von fünf Monaten für den türkischen Kapitän, da beider Verschulden festgestellt wurde. Beide befinden sich auf freiem Fuße und dem französischen Kapitän wurde so­gar gestattet, die Heimreise anzutreten.

Die türkische Delegatton für die Haager Verhandlungen wird in b$n nächsten Tagen unter Führung des Iustizministers Mahmud Essad Bey abreisen. Es handelt sich vor allem darum, daß das Haager Gericht darüber entscheidet, ob die Türkei auf Grund des neuen türkischen Straf­gesetzes, das dem italienischen nachgeblldet ist, berechtigt ist, fremde Staatsangehörige wegen Vergehen im Auslande (der Zu­sammenstoß geschah außerhalb der Hoheits­grenze) vor ein türkisches Gericht zu stellen, wenn dabei türkische Staatsangehörige ums Leben tarnen. Die Art der Behandlung des Falles von feiten Frankreichs hat insofern hier äußerst ver­stimmend gewirkt, da es nicht um Anspielungen an die frühere Zeit der Kapitulationen fehlte, in der fremde Staatsangehörige in der Türkei nur denKonsulargerichten unterstanden.

Peinlich überrascht war man sodann, daß der französische Admiral Degouh in der Zei­tungExcelsior" bei der Besprechung des Lotus- zwischensalls noch einen weiteren Streitfall öffent­lich ausgrub, indem er darüber Klage führte, daß die Türken planen, die an den Dardanellen zum Sinken gebrachten Kriegsschiffe zu heben, vor allem denBo uv et", der die Leichen von 600 französischen Matrosen in sich berge. Er bezeichnet das als eine Art von Grabschänderei, die bezeichnend sei für dieotto- manische Mentalität, die gegen die französische Kultur noch um einige Iahrhunderte im Rück­stände fei". Die türkische Presse bringt darauf­hin Beispiele dafür, daß Frankreich durchaus nicht so pietätsvoll mit fremden Soldatengräbern umzugehen pflege. Äurg, man sagt sich auf beiden Seiten offen die Meinung und es tverden den Türken inzwischen Wohl gründlich die Augen darüber geöffnet sein, was sie von der oft be­dungenen französisch-türkischen Freundschaft zu halten haben, von der der PariserFigaro" so rührend schreibt:Das türkische Volk liebt Frank­reich als seine geizige Mutter, die ge­genwärtig vielleicht als einzige Ration eine un­eigennützige Freundschaft für die Sürfei emp­findet. Frankreich hofft, daß Angora seine Polittk der ruhigen Höflichkeit bald wieder aufnehmen wird". Dabei sei hier offen anerkannt, daß die türfifebe Regierung, ganz im Gegensatz zu dem französischen Verhalten, von Anfang an eine höflich gehaltene Mäßigung an den Tag gelegt hat in dem Bestreben, den an sich traurigen Zwi­schenfall in einer den Gefühlen und der Ehre beider Rattonen entsprechenden Weise zu lösen.

Die Abkühlung der französisch-türkischen Freundschaft hat sich feit langem schon in seinen Folgen in mehrfacher Richtung bemerkbar ge­macht. Die über 30 französischen Schulen Kon­stantinopels (zumeist französische Ordens- und Kongregattonsschulen), die die Hauptträger der Verbreitung des französischen Gedankens sind, klagen längst über eine sich stetig vermindernde Schülerzahl. Trotz der beim sinkenden Franken günstigen Konjunktur geht der französische H a n - d e L relativ zurück und Frankreich sieht sich von längst überholt geglaubten Konkurrenten über­flügelt. So ist es nur zu verständlich, wenn bei der letzten Feier des französischen Rationalfestes im Iuni der französische Grsandtschaftsvertreter De Druyere in bewegten Worten Klage dar­über führte, daß immer größere französische

25 Jahre Vereinigung für hessische Airchengeschichle.

Die Vereinigung für hessischeKirchengeschichte, der zur Zeit 370 Mitglieder, zumeist aus dem geistlichen Stande beider Bekenntnisse angehören, rann in diesem Iahre-aus ein 25jähriges Bestehen und auf eine äußerst erfolgreiche Tätigkeit zurück- blicken. Aus diesem Anlaß hatte sie für Montag nachmittag zu einer Hauptversammlung nach Friedberg, dem Gründungsorte, eingeladen. Im Saale des Predigerseminars fanden sich Mit­glieder und Freunde in sehr stattlicher Zahl ein.

Prälat D. Dr. Diehl (Darmstadt), der Dor- siyende und Mitbegründer der Vereinigung, hieß die Gäste herzlich willkommen, besonderen Gruß entbot er den Vertretern der Behörden und be= freundeten Verbände, vor' allem Präsident Dr. Dernbeck vom Landeskirchenamt, Geheimrat Pros. D. Dr. Krüger (Gießen) von der theolo­gischen Fakultät der Landesuniversität, Archiv­direktor Dr. Dietrich (Darmstadt) vom hessi­schen Staatsarchiv, und Universitätsbibliotheks­direktor Dr. Ebel (Gießen), der den Ober- hessischen Geschichtsverein vertrat. Dann gab Prälat D. Dr. Diehl die Glückwunsch­schreiben befamrt, die in größerer Zahl eingelaufen waren, u. a. auch von dem bekannten Züricher Kirchenhistoriker Prof. Dr. Walter Köhler, dem früheren Dozenten für hessische. Kirchen­geschichte an der Landesuniversttät in Gießen, der zu den Mitbegründern der Bereinigung zählt und sich um die Forschung auf dem Gebiete der hessi­schen Kirchengeschichte große Verdienste erwor­ben hat.

Den Reigen der Glückwunschansprachen er­öffnete Präsident Dr. Dernbeck (Darmstadt), der die Grüße der Kirchenregierung überbrachte. Er würdigte die grundlegende Bedeutung der historischen Forschung für die theologische Wissen­schaft und überreichte der Bereinigung in Würdi­gung ihrer Verdienste ein Geldgeschenk zur För­derung der Bestrebungen. In Vertretung des am Erscheinen verhinderten Dekans der Gießener theologischen Fakultät übermittelte Geheimrat Pros. D. Dr. Krüger deren Glückwünsche. Der Redner, der der Vereinigung selbst von Anfang an zugehört, würdigte die Bedeutung Walter Köhlers, der a/s Lehrer in Gießen einst dem älteren Geschlecht, das heute kirchengeschichtlich arbeUe, das wissenschaftliche Rüstzeug gegeben. Es sei zu bedauern, daß nicht auch die jüngere Generation in die hessische Kircheugeschichte ein­geführt werden könne. Die Fakultät, die den Bestrebungen der Vereinigung ganz besonders sympathisch gegenüber stehe, würde es daher be­

grüßen, wenn die empfindliche Lücke ausgefüllt und wieder ein Lehrauftrag für hessische Kirchen- geschichte erteilt werden könnte. Archivdirektor Dr. Dietrich (Darmstadt) beglückwünschte für hen Historischen Verein für Hessen, die Historische Kommission für Hessen, das Staatsarchiv und den Verband der Geschichts- und Altertumsvereine. Der Historische Verein blicke am heutigen Ehren­tage mit Stolz auf seine Tvchtergründung, die in 8 starken Bänden ihrerBeiträge zur hessischen Kirchengeschichte" eine Fülle von Forschungsarbeit niedergelegt habe. Der Historische Verein könne seine Glückwünsche nicht besser zum Ausdruck bringen als durch die Ernennung von Pros. Dr. Walter König (Zürich) zum korrespondierenden Mitglied und von Prälat D. Dr. Wilhelm Drehl zum Ehrenmitglied, welch letzterer dem Historischen Verein seit 36 Iahren angehöre und sich um die hessische Geschichte, besonders auf dem Gebiete der hessischen Kirchen- und Schulgeschichte un­schätzbare Verdienst« erworben habe; er wolle nur auf die von Diehl verfaßten Standartwerke Hassia sacra undDie Schulordnungen des Großherzogtums Hessen" Hinweisen. Direktor Dr. Ebel grüßte für den Oberhessischen ®e- schichLsverein, der sich allzeit innig ver­bunden fühle mit der Arbeit, die die kirchen- geschichtliche Vereinigung geleistet habe und rwch leiste. Der Redner wies vor allem auf die Bedeu­tung der OrjsgesHichte hin, eines Gebietes, auf dem sich die Bestrebungen der Vereinigung und der heimatgeschichtlichen Vereine eng berühren, und sagte bereitwilligst die Hilfe der Universitäts­bibliothek zu, die freudig ihr reiches ortsgeschicht­liches Material der Heimatforschung zur Verfü­gung stelle und auch Anfragen jederzeit gern be­antworte. Prälat D. Dr. Diehl dankte für alles, was der Vereinigung zum Gruß gesagt worden war, unh für die ihm zuteil gewordene Ehre, die er als eine Ehrung der Vereinigung be­trachte und ihn mit Stolz erfülle, knüpften sich bod) die schönsten Erinnerungen seines Lebens an seine Tätigkeit im Historischen Verein.

Den Festvortrag hielt dann Prälat D. Dr. Diehl über das Thema25 Iahre Arbeit aus dem Gebiete der hessischen Kirchengeschichte. In übersichtlicher Dar­stellung gab der Redner Rechenschaft darüber, was die Vereinigung in den 25 Iahren ihres Bestehens geleistet hat. Die Arbeit ist vielseitig und eindringend getoefen. Dadurch, daß der Redner die einzelnen Arbeiten einrahmte in größere Zusammenhänge, wurde der Vortrag äußerst anschaulich und fesselnd. Was an wissen­schaftlichen Forschungsergebnissen aus den Zeiten des Mittelatters, der Reformationszeit, des Pie­tismus in der obengenannten Zeitschrift nieder- gelegt ist, wurde eingehend gewürdigt, dabei

auch mancher Gießener Forscher ehrend genannt. Der Ueberblick zeigte, daß es seit dem Iahre 1901, mit dem eine neue Epoche in der kirchen- geschichtlichen Forschung begann, erfreulich vor­wärts und aufwärts gegangen ist, daß die Gröhe des Erfolges erst dann richttg er mellen werden kann, wenn wir Vergleiche mit anderen Ländern anstellen. Aber, so führte der Redner aus, die Arbeit sei noch nicht am Ende, sie müsse Wetter Fortschritte machen. Roch manche Quelle sei auszuschöpsen, so z. B. die alten Kasten­rechnungen, die bei uns in Hessen zumeist mit dem Iahre 1555 beginnen und für die Familien-, Orts- und Kulturgeschichte reiches Material lie­fern. Auch mangele es noch an Arbeiten auf dem Gebiete der hessischen theologischen Gelehr­samkeit. Aus der Zeit des Mittelalters fei noch manches nachzuweisen über die Herkunft her Pfarreien, wie auch das große Gebiet der Ge­schichte einzelner Gemeinden und einzelner Theo­logen noch wenig beackert sei. Auch die Geschichte der theologischen Parteien sei verlockend, ebenso wie die vollständig vernachlässigte Geschichte des 19. Jahrhunderts; es sei eine dankbare Auf­gabe, einmal Klarheit über die Zeit des Ra- ttonalismus zu bekommen.

Die Ausführungen des Vorsitzenden, die nicht nur Tatsachen über geleistete Arbeiten, sondern auch reiche Anregung boten, wurden mit dank­barem Beifall ausgenommen. Freudigen Wider­hall fand auch die Mitteilung, daß Prälat D. Dr Diehl seine unter dem TitelEvangelische Bewegung und Reformation im Gebiet der heu­tigen hessen-darmstädtischen Lande" zum hessi­schen Reformationsjubiläum herausgegebene Fest­schrift der Vereinigung für hessische Kirchen­geschichte zur Feier ihres 25jährigen Bestehens gewidmet hat.

Das ThemaDie kirchliche Inven­tarisation in Hessenund ihr Ertrag" behandelte dann der Leiter dieses bedeutsamen Unternehmens, Archivrat Dr. Fritz Herrmann vom Staatsarchiv in Darmstadt. Wie der Red­ner ausführte, handelt es sich um die Inventari­sierung der kirchlichen Akten und Urkunden, die in der hessischen evangelischen Kirche nun zum Abschluß gekommen, während die katholische Kirche noch nicht soweit sei. Die Anregung zu dem Riesenwerke ist 1904 von der Vereinigung ausgegangen, die an das Oberkirchenamt die Ditte richtete, die Pfarrarchive aufnehmen zu lassen, einmal zur Sicherung der Bestände, dann aber auch, um ihre Benutzung zu ermöglichen. Die Anreger fanden beim damaligen Ober- konsistorium und der Landessvnode Verständnis, ebenso bei der jetzigen kirchlichen Leitung, die es ermöglichte, das begonnene Werk trotz der großen Kosten zu Ende zu führen. Bei Beginn