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Nr. 204 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, l. September 1926

Aus Natur und Technik.

Das Telegraphon.

Don Dipl.-Ing. Mangold.

Rachdruck verboten.

Das ^Fernsprechwesen hat sich in kurzer Zeit zu einem länderumfassenden Verkehrsmittel ent­wickelt. Die große Schnelligkeit und Bequemlich- keit, mit der man sich durch den Fernsprecher auf weite Entfernungen verständigen kann, hat dem Apparat zu seiner großen Verbreitung ver- holfen. Mit der Geschwindigkeit der Uebermitt- lung mußte jedoch bisher ein schwerwiegender Rachteil in Kauf genommen werden. Vergänglich wie das gesprochene Wort war auch jede tele­phonische Vereinbarung, zumal es an einem Zeu- ?;en fehlte, der Rede und Gegenrede verfolgen onnte. Dis zum Eintreffen der schriftlichen Be­stätigung ging viel kostbare Zeit verloren, wobei manche wesentliche Aeußerung dem Gedächtnis entschwand. Es fehlte die Möglichkeit, das Zwie­gespräch in der Originalstimme der beiden ver­bundenen Teilnehmer festzuhalten. Diese Lücke füllt das Telegraphon aus, das von der Ferdi­nand Schuch ardt 21.-®.. Berlin, konstruiert worden ist.

Schon seit vielen Jahren wünschte man sich eine Verbindung zwischen Fernsprecher und Phonograph. 2lber blieb bei dem Wunsche, da die technische Lösung in praktisch einwandfreier Weise nicht gelang. Erst der jüngsten Zeit war es Vorbehalten, diesen Apparat zu schaffen und ferne Konstruktion zu einer solchen Vollkommenheit zu entwickeln, daß er in brauchbarer Form dem Publikum in die Hand gegeben werden kann.

Der Telephonbesihcr. der sich diese Errungen­schaft zunutze machen will, kann seinen bisherigen Telephonapparat weiter benutzen. Reben dem Fernsprecher in seiner Rahe oder auch im Reben- zimmer wird das Telegraphon ausgestellt. Es besteht aus einem Holzkasten, der das Gestell mit dem Träger für die Wachswalze und den

Telegraphon.

verschiebbare» Schlitten trägt, an dem sich der Schreib- und Abhörmechanismus befindet. Sein Oberteil ist durch eine verschiebbare Haube gegen Staub und unbefugte Benutzung geschützt. An der Stirnwand befindet sich ein Schalthebel zur Bedienung des Apparates; aus verschiedenen Aufschriften ist seine Bestimmung ohne weiteres ersichtlich. Der Anschluß an den vorhandenen Fernsprecher geschieht mittels einer zweiadrigen Leitungsschnur und ist bei gewöhnlichen Anlagen in wenigen Minuten zu bewerkstelligen.

Die von dem Hörer des Fernsprechers aus in das Telegraphon gelangten Sprechströme wer­den durch eine besondere Einrichtung verstärkt und in den.Schreiber geleitet. Dieser verwandelt die verstärkten elektrischen Schwingungen in mecha­nische und überträgt sie durch einen besonderen Mechanismus auf die Wachswalze. Diese Eneraie- umsehung, die ohne Verzerrung der Sprechwellen vor sich gehen muß, bildete lange Zeit eine der schwierigsten Aufgaben des Tclegraphon-Pro- blems. Sie ist hauptsächlich durch die eigenartige Durchbildung des Schreibers gelöst worden. Eine Leitungsschnur verbindet den in dem Holzkaston befürdlichen kleinen Antriebsmotor. dessen Stromverbrauch nicht größer ist als der einer gewöhnlichen Glühbirne, mit der elektrischen Lichtleitung.

Zu jedem 2lpparat gehört ein kleiner Bei® kästen sowie eine kleine dreizellige Akkumula­torenbatterie. Der Deikasten enthalt die Der- stärkereinrichtung, sowie andere wesentliche Teile der elektrischen 2lusrüstung.

Die Benutzung des Telegraphons beim Auf- zeichncn eines Gespräches ist folgendem Auf Schreiben eingestellt, seht der Schalthebel die Walze in Gang. AufAus" kommt sie zum Stillstand! das Telegraphon ist dann vom Fern- sprechapparat getrennt Anfang und Ende eines Gespräches werden durch zwei Dleistiftstriche auf einem Papierblock, über den der Zeiger des Schlittens gleitet, bezeichnet 3n den Zwischen­räumen schreibt man die Zeit und den Ramen des Teilnehmers auf, mit dem man verhandelt hat Wünscht man ein aufgenommenes Gespräch wieder abzuhören, so schiebt man den Schlitten auf den Anfangsstrich des Gespräches, stellt den Schalthebel aufHören" und kann mit Hilfs der durch einen Abhörschlauch mit dem Telegraphon verbundenen Hörmuscheln das vorher aufgenom­mene Gespräch wieder abhören.

Das Telegraphon kann durch Verwendung eines Tischdiktiermikrophons auch als Diktier­maschine verwendet werden. Das Tischdiktter- Mikrophon steht auf dem Tisch vor dem Sprechen­den, nimmt das freigesprochene Wort auf und überträgt es auf die Wachswalze. Ein kleines mit einem Umschalter versehenes Steuerkästchen dient in diesem Falle der wahlweisen Einschal, tung des Telegraphons zur Aufnahme von Tele- phongesprächen oder von Diktaten. Eine besondere Annehmlichkeit bietet das Telegraphon beim Dik­tieren dadurch, daß fein Sprechtrichter zur Der-- lr-endung kommt, und daß es selbst nicht in dem Arbeitsraum des Sprechenden zu stehen braucht. 3n akustisch günstigen Räumen kann man mit einem oder je nach Bedarf mehreren Diktier- mikrvphvnen auf diese Weise auch mündliche Verhandlungen ohne Zeugengegenwart verbind­lich festhalten. Telephongespräche, Diktate und Besprechungen rönnen sofort nach Beendigung von der Walze wieder abgehört werden, und zwar auf dem Telegraphon selbst oder auf einer be­sonderen Abhörmaschine. Das Auswechseln einer vvllbesprvchenen Walze ist nur möglich, wenn der Schalthebel äüfAus" steht. Der Schalt­

hebel ist nämlich sowohl mit dem Schreib- und Abhörmechanismus. als auch mit einer Ver­riegelungseinrichtung. die die rechte Seitenwand in ihrer senkrechten Lage sesthält. mechanisch ge­kuppelt Beim Schalten ausAus" wird sowohl der Schreib- als auch der Abhörmechanismus von der Walze abgehoben, und gleichzeitig der Verschluß der rechten Seitenwand entriegelt, so daß sie durch Betätigen eines an ihr befindlichen Knebels umgelegt werden lann. Runmehr wechselt man die Walze aus. ohne daß sie durch den Schreib- oder Abhörmechanismus verletzt wird. Der Papierstreifen, der zum Einstellen des wchlit- tens diente, wird von feinem Block abgerissen und mit der Wachswalze in einer Papphülle aufbewahrt Die Wachswalzen sind so bemessen, daß Gespräche von etwa halbstündiger Dauer, und wenn man den Apparat bei unwesentlichen Gesprächsstellen auswechselt, auch erheblich län­gere Unterhaltungen aufgenommen werden können.

Sind die aufgenommenen Gespräche von Wichtigkeit, so wird man die entsprechenden Walzen der Registratur übergeben. Haben die

Einrichtung zum Fernsprechen und Diktat.

Gespräche jedoch kein dauerndes Interesse, so schleift man sic zur geeigneten Zeit auf einer elektrisch betriebenen Abschleifmafchine ab. Die Walze ist dann zu einer neuen Aufnahme be­reit und kann auf diese Weise über 50 mal benutzt werden. Eine Erweiterung stellt das Telegraphon mit Fernsteuerung dar Diese ermöglicht, daß ein z. D. bei der Fernsprech­zentrale oder im Vorzimmer der Direktion auf«» gestelltes Telegraphon von mehreren, im allge­meinen bis zu fünf Stellen besprochen werden kann. Die angeschlossenen Stellen haben an ihrem Platz lediglich ein Steuerungskästchen. Die Be­tätigung eines Druckknopfes ober eines Schal­ters seht bei der Zentrale den Apparat in Gang. Das Steuerungskästchen, das im wesent­lichen aus einem Schauzeichen besteht, gibt den angeschlossenen Stellen dadurch, daß im Schau- zeichen^oin weißes Kreuz erscheint. Rachricht, daß das Telegraphon beseht ist. Durch sinnreiche Relaisschaltung wird verhindert, daß gleichzeitig zwei Gespräche auf genommen werden können, was ein wirres Durcheinander ergeben würde. In der Zentrale vermag die Bedienung an einem Scheinzeichen zu erkennen, welche Sprech­stellen das Telegraphon gerade benutzt. Das ist zur Markierung der Gespräche auf dem Merk­block nötig. Ein Wecker beim Ein- und Aus» schalten unterstützt die Ueberwachungsperfon bei ihrer Arbeit.

Der große Fortschritt des Telegraphons be­steht darin, daß das Telegraphongespräch ur­kundlich festgelegt ist. Irgend ein Zweifel über eine Abmachung oder eine gemachte Bestellung, über einen Abschlußpreis ist nicht mehr möglich. Durch Kammergerichtsurteil ist die Beweiskraft des Telegraphons bereits anerkannt worden. Der bedeutungsvolle Vorteil der phonographischen Auf­zeichnung gegenüber jeglichem Schriftstück beruht in der außerordentlichen Zeitersparnis, denn in dem­selben Augenblick, in dem ein Gedanke ausge­sprochen wird, ist er auch schon aus der Wachs­walze festgehalten. Das Telegraphon - Gespräch ist auch dem Telegramm nicht nur durch die Ge­schwindigkeit der Vermittlung überlegen, sondern auch dadurch, daß jede menschliche Bermittlung einer Rachricht. wie sie bei einem Telegramm heute noch die Regel bildet, fortfällt.

Leidet der Funkhörer durch den Anodenstrom?

Von Rolf Braun.

Unsere Doppelkopffernhörer und Lausprecher- dosen enthalten als wichtigen Bestandteil Dauer­magnete, auf deren Polschuhen die von den niederfrequenten Sprechströmen durchflossenen hochohmigen Wicklungen sitzen. Beim einfachen Detektorempfang haben diese Ströme keine be­sondere Vorspannung. Bei einigen Schaltungen mit schwingenden Kristallen jedoch, wo mit Vor­spannungen von etwa 10 bis 12 Volt gearbeitet wird, und ganz besonders bei Röhrenempfängern und -Verstärkern, wo eine Atzodenspannung von 60, 90 oder gar 120 Volt verwendet wird, fließt durch die Wicklungen des Fernhörers ständig ein Gleichstrom, der eine Stärke von mehreren Milli­ampere erreichen kann.

Dieser Gleichstrom erzeugt nun in den Spulen der Fernhörer ein Magnetfeld, dessen Richtung je nach der Stromrichtung, also dem Anschluß des Hörers an die Apparatklemmen, entweder in der Richtung« des Dauermagneten liegt, also dessen Kraftlinien verstärkt, oder diesen entgegenwirkt, sie also schwächt. Es ist nun behauptet worden, daß der Hörermagnet bei dauerndem falschen Anschluß der Wicklungen an die Steckbuchsen mit der Zeit schwächer wird, 'd daß die Leistung des Hörers im Verlaus von einigen Monaten merklich nachläht. Hierüber sind eingehende Untersuchungen angeftellt worden. Sie erstreckten sich einmal darauf, ob die Empfindlichkeit des Hörers beeinflußt wird, wenn das durch den Gleichstrom hervorgerufene Magnetfeld dem des Dauermagneten entgegenwirkt, und zum anderen auf die Ermittlung, ob bei einer Dauererregung im entgegengesetzten Sinne ein Rachlassen des Magnetismus eintritt.

Die Versuche der ersten Reihe wurden mit Stromstärken von etwa 4 bis 5 Milliampere durchgeführt. Dabei zeigte es sich, daß es für die Lautstärke des Hörers ziemlich gleichgültig ist, in welchem Sinne er in den Batteriestromkreis eingeschaltet wird. Irgendwelche nennenswerten Unterschiede in der Empfindlichkeit waren nicht feststellbar. Diese hing an sich sehr von dem Grade der Räherung der Membrane an die Pol-

schuhc des Magneten ab. Hörer mit Seinem» stellung find daher vorzuziehen, da man bei diesen den mit der Anodenspannung, der Polung und der Empfangslautstärke jeweils schwankenden günstigsten Membranenabstand einstellen kann. Der Lustzwischenraum kann bei mittlerer Emp­fangslautstärke etwa ein Zehntel Millimeter oder noch weniger betragen.

Die sich auf das Rach lassen erstreckenden Untersuchungen wurden in der Weile vorgenom­men, daß durch einen Hörer über 400 Stunden ein Gleichstrom von etwa 5 Milliampere im ent­magnetisierenden Sinne geschickt wurde. Alle 24 Stunden wurden Messungen vorgenommen, die im Durchschnitt alle gleich ausfielen. Daraus wird gefolgert, daß keine dauernde Schwächung des Magneten eintritt und daß ein etwa beob­achtetes Rachlassen andere Gründe haben müsse, die in natürlichen Alterungserscheinungen schlech­ten Baustoffs zu suchen seien.

Bei den Versuchen scheint aber einem wich­tigen Punkt feine Bedeutung beigelegt worden zu sein, denn die Versuchsbedingungen entspra­chen nicht ganz der Wirklichkeit. Der geprüfte Hörer wurde nämlich nur vom Gleichstrom, nicht aber von Wechselströmen erregt. Es erscheint jedoch durchaus möglich, ja sogar sehr wahrschein­lich, daß durch die mechanischen Erfchütterungen der Membrane und den Einfluß des Wechsel­stromes eine langsame Entmagnetisierung ein­tritt. Es sei an den bekannten Versuch erinnert, einen unmagnetischen Stahlstab, der in der Rich­tung des Kraftlinienfeldes der Erde aufgehängt ist, lediglich durch Beklopfen mit einem Holz­hammer magnetisch zu machen. Durch die me­chanischen Erschütterungen ordnen sich die wirr durcheinanderliegenden Molekularmagnete des Stabes in die Richtung des Erdfeldes ein. Kehrt man nun den Stab um und beklopft ihn aufs neue, so kann man ihn dadurch wieder vollstän­dig entmagnetisieren und sogar bei weiterem Klopfen im umgekehrten Sinne magnetifieren. In genau der gleichen Weise wird sich auch die Entmagnetisierung der Fernhörermagnete ab- spielen, denn die dauernden mechanischen Er­schütterungen der Membrane übertragen sich durch das Magnetgehäuse auch auf den Mag­neten selbst, der also fortwährend geschüttelt wird. Außer diesen mechanischen Erschütterun­gen wirkt aber auch die dauernde Ummagneti­sierung durch den Wechselstrom lockernd auf die Qlncrönung der einzelnen Molekularmagnete ein, so daß es dem Gleichstrom nun leichter wird, die Teilchen im andern Sinne zu richten.

Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Hörer jedes­mal beim An stöpseln im falschen Sinn angeschlos­sen wird, ist gering, es fei denn, daß er einen unverwechselbaren Stöpsel hat, der falsch an- geschlossen ist. Im allgemeinen wird der Hörer gleich oft im richtigen und im falschen Sinn an- geschlossen werden. Dadurch wird die Entmag­netisierung beim richtigen Anschluß wieder auf­gehoben, allerdings nicht ganz, da der Gleich­strom erheblich schwächer ist, als die Ströme, mit denen die Magnete bei dec Herstellung magnetisiert werden.

Eins ist aber noch zu bedenken: Wenn die Hörer eines Doppelkopffernhörers entgegengesetzt angeschloffen sind, so daß der Magnetismus des einen beim Durchfliehen von Gleichstrom gestärkt, der des andern aber geschwächt wird, so tönen sie verschieden laut, was unter Umständen den Eindruck erweckt, als käme der Ton von der Seite. Der Eindruck der Seitlichkeit wird zwar im allgemeinen nicht durch die Lautstärke, son­dern durch die Phasenungleichheit hervorgerusen, mit der die Schallteile bei Seitlichkeit der Schall­quelle beide Ohren treffen, aber die verschiedenen Schallstärken wirken doch mit und können schon bei geringem Unterschied allein den Seitlich- keitseindruck Hervorrufen. Wie in der Optik durch die Perspektive und andere Mittel räumliche Eindrücke hervorgerufen werden können, so kann eben oft auch beim Hören ein Mittel das andere vertreten.

Die ersten Todesopfer der Luftfchiffahrt.

Don Oberregierungsrat Max Wilm.

mk Am 7. Januar 1785 hatte der bekannte Luftschiffer Blanchard in Begleitung des ameri­kanischen Arztes John Ieffries von Dover bis Calais den Aermelkanal innerhalb zweier Stun­den überflogen. Eine Denksäule gibt der Rach- wett Kunde von dieser Großtat: Blanchard erhielt von König Ludwig XVI. eine Ehrengabe von 12 000 Franken und eine Iahresrente von 1200 Franken.

Dieser Erfolg Blanchards versetzte den Luft- schiffer Pilätre de Rozier in eine hochgradige Erregung. Dieser ließ sich sofort von sieben des Seewesens kundigen, in Boulogne ansässigen Per­sonen bescheinigen, daß die Schuld, warum Blanchard ihm zuvorgekommen sei, nicht an ihm, sondern an Regen und Stürmen, hauptsächlich aber an widrigen Winden gelegen habe, die für Blanchards Fahrt von Dover nach Calais günstig gewesen seien, ihm jedoch die Fahrt von Bou­logne nach Dover unmöglich gemacht hätten. Um seiner Sache ganz sicher zu fein, hatte Vozier sein Luftschiff so ausgebildet, daß es zunächst durch Wasserstoffgas emporgetrieben wurde, unö daß der hierbei auftretende Gas­verlust durch Beheizen eines Luftsackes aus­geglichen wurde. Um diese Eigenart seines Fahr­zeuges zum Ausdruck zu bringen, benannte es RozierAero-Montgolsiere".

Der auf den 27. Januar 1785 angesehte Auf­stieg verzögerte sich bis zum Vormittag des 15. Juni, nachdem drei kleine Probe - ßuftbäHe emporgelassen waren und eine günstige Wind­richtung ergeben hatten. Schnell erreichte der Ballon, in dem außer Rozier der Suftfcfoiffer Romain Platz genommen hatte, eine Höhe von 60 Meter. Run aber wurde er von verschiedenen Luftströmen hin und her bewegt, bis er schließ­lich zur französischen Küste zurücktrieb, wobei er bis auf über 500 Meter emporstieg. Plötz­lich ging der Ballon in Flammen auf und fiel, anfangs langsam, dann aber mit größter Schnel­ligkeit, Rozier war sofort tot, 'Romain verstarb

nach zehn Minuten, ohne noch ein Dort äußern zu können.

Aus verschiedenen Briefen Roziers ging her­vor, daß er das ihm widerfahrene Unglück vor­geahnt hatte. Von verschiedenen Seiten tonrbc ihm der Vorwurf gemacht, daß sich sein Luftschiff in einem sehr verwahrlosten Zustande befunden, und daß er den Aufstieg vorzeitig unternommen habe, lediglich in der Absicht, von Blanchard nicht in den Hintergrund gedrängt zu werden.

Uebrigens hat Rozier bereits am Beginn seiner Tätigkeit als Lustschiffer zwei rätselhafte Borgänge erlebt, die geeignet waren, seine Tat- Iraft zu erschüttern. Bei seinem ersten Aufstieg übergab ihm nämlich eine Dame ein versiegeltes Paket mit dem Bemerken, daß er dessen Inhalt vielleicht gebrauchen müsse. 2lls Rozier das Paket öffnete, fand er darin zwei Pistolen. Die Dame war nicht aufzusinden. Wohl aber erhielt Rozier unmittelbar vor seinem zweiten Aufstieg eine Kugelform und Kugeln, die zu beit Pistolen paßten.

Der Zeppelin mit Gasmotoren.

Don Franz Reumann.

Es ist bekannt geworden, daß die Zeppelin­werft beabsichtigt, die Motoren der von jetzt an zu bauenden Luftschiffe nicht mehr mit Benzin, sondern mit Gas zu speisen, uird zwar mit einem Gas, das dasselbe Gewicht hat wie die Luft. Der Witz" dabei ist, daß dieses Gas in unzusammen- gedrücktem Zustand mitgenommen werden soll. Raum genug ist dafür im Luftschiff vorhanden, da infolge des Wegfalls des Benzins viel weni­ger Traggas gebraucht werden wird: bisher muhte ja das Luftschiff so viel Auftrieb haben, daß es nicht nur sein Eigengewicht und die Rutz- last trug, sondern auch den Motorenbetriebsstosf. Dabei war es sehr mißlich, daß der Teil des Traggases, der den Motorenbetriebsstoff zu tra­gen bestimmt war, bei jeder Fahrt verloren ging; denn in dem Mah. wie Benzin verbraucht wurde, muhte Traggas abgelassen werden, wenn man das Schiff im Gleichgewicht, d. h. in einer bestimmten Höhe halten wollte. Da das Traggas teuer ist, ganz besonders natürlich, wenn man wie die Amerikaner Helium als solches verwendet, kam dieser Mihstand zu dem Rachteil hinzu, daß die Vermehrung des Traggafes zum Tragen des Motorenbetriebsstoffs wieder eine Vergrößerung des Schiffs und damit seines Eigengewichts bedinte, zu dessen Tragung wieder ein Zuschlag an Traggas erforderlich war

Wenn man nun aber als Motorenbetriebs­stoff ein Gas verwendet, das ebensoviel wiegt wie die Lust, und wenn man dieses Gas in unver­dichtetem Zustand beispielsweise in Ballonen im Tragekörper des Luftschiffs zwischen den mit Traggas gefüllten Ballonen mitführt, so wird das Schiff durch dieses Gas überhaupt nicht be­lastet, es wird auch nicht leichter, wenn von diesem Gas etwas verbraucht wird, denn das Schiff hat eben nur das Gewicht der Hüllen für das Gas zu tragen einerlei ob sie voll oben leer sind. Man kann sich dies leicht klar machen, wenn man sich einen solchen mit Betriebsgas ge­füllten Ballon irgendwo auf gehängt denkt. Run denkt man sich die Hülle weg: Das Gas wird nicht heruntersinken, sondern Windsttlle vor­ausgesetzt bleiben wo es ist, es wird in der umgebenden Lust schwebend verharren, da es ja nicht schwerer oder leichter ist als diese. Es taim also auch die Hülle, die es vorher umgeben hat, nicht belasten, und die Aufhängevorrichtung hat in der Tat nun das Gewicht der Hülle zu tragen, nochmals: einerlei ob sie voll, teilweise oder ganz leer ist.

Man könnte eina>enben, dah man die Er­leichterung, die da» Schiff durch den Verbrauch von Benzin erfährt,dynamisch" ausgleichen kann, d. h. so, dah man mit gesenkter Spitze fährt und das Schiff auf diese Weise durch die Drachen- wirkung auf seine Oberseite herunterdrückt. Von dieser Möglichkeit macht man auch Gebrauch aber das geht nur bis zu einem gewissen Grade. Insbesondere zur Landung muh man bann doch Gas opfern, um auf die Erde her- unterzukommen. Außerdem aber findet das Sdjiff in einer solchen Stellung mehr Luftwiderstand, kommt also langsamer vorwärts, wodurch die Fahrtdauer ungebührlich verlängert wird, und das kostet auch Geld, denn wenn man länger fährt, so braucht man mehr Betriebsstoff.

Reben den aufgeführten Vorteilen hat die Verwendung eines Motorenbetriebsstoffes, durch dessen Verbrauch sich das Schiffsgewicht nicht än­dert, eine wesentliche Vereinfachung der Schiffs­führung, der sogenannten Ravigation. zur Folge. Es unterliegt daher keinem Zweifel, dah das Fahren mit einem solchen Gas einen der größten Fortschritte vielleicht sogar den größten Fort­schritt bebeutet, seit man angefangen hat, Luft­schiffe zu bauen.

Wie Gasbeleuchtung und elektrisches Licht durch ihren Wettbewerb einander immer geför­dert haben, wie das elektrische Licht die Gas­männer zur Schaffung des Gasglühlichts getrie­ben hat, das dem elektrischen Licht wirtschaftlich überlegen war und so die Glühlampenhersteller zur luftleeren und schließlich zur gungefüllten Metallfadenlampe geradezu gezwungen hat, so hat ganz entschieden der Kampf zwischen Flug­zeug und Luftschiff die Erbauer beider Arten von Luftfahrzeugen immer wieder zu Anstren­gungen angespornt, die Vorteile der andern Gat­tung durch Fortschritte einzuholen und womöglich äu überflügeln. Fast schien es. als sei baß Luft- fdjiff durch das Großflugzeug endgültig geschla­gen: Der neue Fortschritt aber ist durchaus ge­eignet, dem Luftschiff wieder neues Leben ein- zuflöhen und es vielleicht doch in vielen Be­ziehungen dem Großflugzeug überlegen zu ma­chen. Jedenfalls aber werden die Flieger, die oft schon recht geringschätzig auf dieaufgeblasene Konkurrenz" herabsahen, durch die neue Erfin­dung angeeifert werden, auch ihrerseits wieder Verbesserungen vomunehmen. Wie bas Ende dieses Wettkampfes sein wird, ist noch nicht vor- auszusehett: 2Tber das Gute hat er zweifellos, bah er bie Technik beider Arten vorwärts treibt und ihre Entwicklung fördert.