Ausgabe 
31.12.1932 Drittes Blatt
 
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nr. 308 Erstes Blatt

182. Jahrgang

Samstag, 31. Dezember 1932

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MetzenerAnzeiger

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Zwischen Tod und Teufel.

Oer deutsche Weg in ein neues Jahr.

-13 on Curt Hohel.

3n ruhigen Zeiten war der Jahreswechsel An- lah zu Glückwünschen und zu Selbstbetrachtun­gen. man schaute zurück und schaute voraus, man zog das Fazit und verglich. 3n unserer Zeit ist es kaum möglich, einen Zeitabschnitt wie ein Kalen­derjahr zum Gegenstand abschließender Tetrach­tungen zu machen. Das abgelaufene Jahr kann kaum von uns lebenden Deutschen als eine innere Einheit ausgesaßt werden: es ist ein beliebiges <5tüd in demAblauf" eines chaotischen Ge­schehens, das nur das Grundgefühl unseres Le­bens verstärkt hat; die große Unsicher­heit alles Menschlichen. Aus diesem Grundgefühl steigt etwas auf, das wir die allge­meine Resignation nennen könnten, ein Schatten über allem, was sich regt, ein Schatten, der alles erstarren läßt. Das ist die große innermenschliche Gefahr dieser Zeit. Aeuherlich flutet das Leben der Zivilisation weiter und weiter. Jahre bilden keine Grenzen, es gibt überhaupt keinHalten" mehr. Wie der Ablauf eines Automaten schnurrt das Leben ab, die Befriedigung der äußeren Rot- wendigkeiten, die wiederum nur als Funktionen empfunden werden, ohne Ditte und ohne Dank. Millionen empfinden Wohl dunkel, daß das kein wahrhaftigesLeben" mehr ist, sondern nur noch ein Funktionieren oder Vegetieren. Mühsam er­hält eine kleine Illusion den Schein des Lebens­wertes noch aufrecht. Innerlich aber steigt die große Resignation.

Ist es erlaubt, den Deginneines neuen Jahres in solch trüben Farben zu malen? Es ist notwendig, wenn damit eine Rot gewen­det werden kann. Sie kann gewendet werden, wenn Selbstbesinnung geistiges Leben erweckt. Der un­übersehbare Riederbruch des Menschen, den man heute dieWeltkrise" nennt und mit Wirtschafts- Maßnahmen bekämpfen will, hat immer und immer wieder muß es gesagt werden innere, g e i st i g e Tlrsachen. Kein heute Lebender wird diese Llrsachen je auf einen Renner bringen kön­nen, keiner wird aussprcchen können, worin die Leere besteht, die die Menschen resignieren läßt. Aber wer Ohren hatte zu hören, der vernahm schon vor dem Kriege die Llnsicherheit desUr­teils letzter Instanz", des Werturteils über Men­schen und Einrichtungen. Geschichtlich gesehen ist es die Folge des Zusammenbrmchs eines Glau­bens. die das deutsche und in weiterer Folge das europäische Leben aushöhlte. Das unbedingt Ver­antwortliche. das Luthersche: Hier stehe ich, ich kann nicht anders..., dieses unbedingte Stehen zu einer Wahrheit hatte keinen Raum mehr im Leben der modernen Zivilisation. Vis dann der Krieg kam und die Menschen vor den Tod, den blutigen Tod durch Menschenhand stellte. Plötzlich war das Llnbedingte da und da­mit das Opfer. Aber es verrauchte, es ver­sank. verlosch, dennOpfer steigt nicht in ver­ruchter Zeit" ... Gerade das ungeheure wütende Geschehen, dieser gigantische Totentanz des Krie­ges hat die grauenvolle Oede erst zum Dewußt- sein gebracht. Das ist ja das Erschütternde der wirklichen Kriegsbücher, der Aufzeichnungen und Ausdeutungen der Frontkämpfer. Alle Versuche, mit Quacksalberrezepten oes Geistes sich darüber wegzutäuschen, müssen kläglich versagen. Das er­leben wir nun, ganze zwölf Jahre nach dem Ende des großen Dlutens und Sterbens.

Aus dieser inneren Leere und Oede steigt d i e Resignation. Sie ist das Zeichen, daß die Leere noch unausgefüllt blieb. Gegen sie an- kämpfen - und das ist unsere einzige sichere Pflicht in diesen Schicksalstagen heißt: dem Menschen, dem Deutschen eine Lebensbestimmung geben. Als vor mehr als hundert Jahren die Grundfesten des alten Europa unter den Stößen der Revolution zusammenbrachen, als Rapoleons Heere wie Scharen apokalyptischer Reiter über die Länder rasten, da schrieb Johann Gottlieb Fichte, der Webersohn aus Schlesien, seine 3deen nieder. Es gibt von ihm ein Büchlein: Die Bestimmung des Menschen". Fichte wollte

i j^h^vsophie seiner Zeit, die klassische Denk- x nrf deutschen Idealismus, für denLaien" darstellen unb aus ihr eine Lebenslehre ableiten l}11: l^dermann. Wenn wir Heutigen in diesem kleinen Buche lesen, so finden wir etwas, das uns in Verwunderung setzt: hier spricht ein Philo­soph mit der tiefen Gläubigkeit eines starken Herzens, hier glaubt ein Denker an die Be­stimmung des Menschen. die er in feiner Schule des Denkens aus der Philosophie gefunden hat. Tlnd es geht in der mächtigen Sprache dieses gro- bfn Redners etwas auf uns über: wir stehen plötzlich in einem Lichte, das so fühlen wir aAyilfc?et Seit nottut Fichte spricht von dem »Ruf k^sunendlichen, alle Einzelne vermitteln­den Willens . der an uns ergeht als Aufforde­rung zu einer bestimmten Pflicht. Lind er fol­gert:sogar das in der Welt, was wir böse nennen, die Folge des Mißbrauchs der Freiheit, ist nur durchihn"... Der ..unendliche Wille" ober ist göttlicher Ratur.Wäre es nicht in dem Plane unserer sittlichen Bildung, unb ber Bil- uUNg unseres ganzen Geschlechtes, bah gerade diese Pflichten uns auferlcgt werden sollten so wurden sie uns nicht auferlegt, und dasjenige wodurch sie uns auferlegt werden, unb was wir bofe nennen, wäre gar nicht erfolgt. Insofern ist alles gut, was ba geschieht und absolut zweck- Usuhlg. Das ist der tiefeGlaube. der Fichte die Bestimmung des Menschen schauen läßt. Es ist die Religion des deutschen Idealismus. Sie hat sich in unserem Volke nicht erhalten können. Sie hat zweifellos neben den Kirchen jahrzehntelang

Wirtschaftliche Zuversicht für 1933.

Das Ergebnis einer Umfrage bei führenden Persönlichkeiten des deutschen Wirtschaftslebens.

Geheimrat Kastl präfibialmifgheb bes Reichsvervanbeö ber Deutschen Znbunrie:

Wenn ich «inen Wunsch zum Jahreswechsel 1932/33 habe, so ist es dieser, daß endlich der völlig schiefe Begriff derAnkurbelung der Wirtschaft" aus der wirtschaftspolitischen Er­örterung verschwindet. Die Wirtschaft ist kein Explosionsmotor, der plötzlich einmal stillsteht, weil dieZündung" versagt, sondern sie ist höch­stens mit einer Maschine zu vergleichen, die nach dem Tempo schneller oder langsamer, nach dem Effekt stärker oder schwächer arbeitet. Für die Erzielung einer größeren wirt­schaftlichen Leistung bedarf es daher weder einer Ini'lialzündung", noch irgendeinerAnkurbe­lung", sondern, es bedarf einzig und allein der Schaffung aller Bindungen, unter denen eine Maschine reibungslos arbeiten kann.

Wie diese Bedingungen aussehen müssen, haben die berufenen Vertreter der Wirtschaft seit Jahr und Tag oft genug zum Ausdruck gebracht. Es helfen weder Versprechungen über den Berg hin­weg (sonst sollte man den größten Märchen­erzähler Deutschlands zum Diktator einsetzen), noch kann von künstlichen Eingriffen auf der Geldseite her ein Dauererfolg erzielt werdew Rotwendig ist vielmehr harte Einzel­arbeit mit dem einen Ziel, alle Pro­duktionskosten und Produktionsbedingungen so zu gestalten, daß die Wirtschaft wieder ren­tabel arbeiten kann und sich lieber» schüsse über den Verbrauch für eine Kapitalbildung ergeben, und mit dem an­deren Ziele, daß dem Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft endlich die Cren- zen geschaffen und innegehalten werden, die für die Entwicklung der privatwirtschaft­lichen Initiative und auch für die Wie­derherstellung der Risikofreudig» keit des LInternehmertums ausschlag­gebende Voraussetzung sind.

Dr. Georg Golmssen

präfibenf bes Centralverbanbes bes Deutschen

Bank- unb Bankiergewerbes:

Trotz aller Gegenwartsnöte erscheint der Aus­blick in die Zukunft an der Jahreswende 1933 Heller als vor Jahresfrist. Nicht als ob ein rosenroter Optimismus am Platze wäre, der alle Gefährnifse und Schwierigkeiten beiseite schiebt und die Ansätze wirtschaftlicher und vielleicht auch politischer Kon­solidierung maßlos überschätzt. Tatsache ist aber, daß diese Ansätze vorhanden sind und bei pfleglicher Behandlung verbreitert werden können. Nach den tiefgehenden Erschütterungen der Kreditkrise 1931 hat das Jahr 1932 den lieber« gang von der Krise in die mildere Form der Depression gebracht. 1933 kann das Jahr des Uebergangs von der De­pression zu neuem Konjunkturanstieg werden, wenn Rückschläge durch politische Ereignisse und durch verfehlte wirtschaftspolitische Eingriffe ausbleiben. Die Privatwirtschaft ist bereit, ihre Initiative einzusetzen. Was wir brauchen, ist freie Entfaltuna ber Persönlichkeit, Verzicht auf planwirtschaftliche Experimente aller Art und Wiederher st ellung der alten Begriffe des ehrbaren Kaufmanns. Der Kapitalis­mus, einer der stärksten Förderer der menschlichen Entwicklung, ist nicht tot; man lasse seine Trieb­

kräfte sich frei entfalten, und er wird es auch dies­mal schaffen!

Graf von Kalckreuih

präsibent bet' Reichslanbdunbes:

Im Jahre 1932 hat sich die Krise der deutschen Landwirtschaft weiter verschärft. Der Haupt­grund hierfür ist darin au sehen, daß außer der Zerrüttung der Märkte für landwirtschaftliche Wa­ren durch die seit Jahren anhaltende Schleuder- einsuhr des Auslandes sich der Kauf­kraftschwund der Verbraucher s ch aft infolge der Arbeitslosigkeit immer stärker auswirkt. Diese Entwicklung führt auf dem Gebiete der land­wirtschaftlichen Veredlungswirtschaft dem Haupt- erzeugungsgebiet der Millionen bäuerlicher Betriebe zu einer Katastrophe mit unabsehbaren Folgen für die gesamte deutsche Wirtschaft. Die Frage der schnellen Wiederher st ellung der Ren­tabilität der landwirtschaftlichen Veredlungswirtschaft ist zur Schlüssel­frage der gesamten Agrarpolitik geworden. Aufs engste hiermit verbunden ist die Notwendigkeit, alle Möglichkeiten zur Arbeitsbeschaffung, be­sonders in der Landwirtschaft unb den ländlichen Gemeinden, auszuschöpfen. Ohne die umgehende Lösung dieser Aufgaben im kommenden Jahre sind die bisherigen Hilfs- und Notmaßnahmen zur Wirkungslosigkeit verurteilt.

Dr. Joachim Tiburtius

Vorsianbsmitglieb ber Hauptgemeinschaff bes Deutschen GinzeldanbelS:

Das deutsche Volk tritt an diese Jahreswende mit stärkerem Vertrauen in die Stetigkeit seiner staat­lichen Verhältnisse als in früheren Jahren. Die Reichsregierung hat den deutschen Staatsbürger und Verbraucher darüber beruhigt, daß er im nächsten Jahr weder Steuererhöhungen noch Gehaltskürzungen zu befürchten braucht. Die Reichsregierung will sich auf Autori­tät stützen. Diese wächst am stärksten aus überzeu­genden Plänen und Taten. Die stärkste Tat wäre im Neuen Jahr eine Belebung ber deutschen Wirt­schaft von ihren schwächsten Punkten her, dies sind die Produktionsmittelindustrie mit ihren Millionen Arbeitslosen und die Landwirt­schaft des O st e n s mit ihren überschuldeten und kaufunkräftigen Grundbesitzern. Beiden wäre zu helfen durch eine fortschreitende Siedlung, für die der Programmspruch des Herrn Reichskanzlers hoffentlich nur den Beginn, nicht aber die Grenze bedeuten sollte. Mit dieser starken Sicherung des deutschen Ostgebietes würde der deutschen Wirtschaft und dem staatsbürgerlichen Denken ein Ziel gesetzt werden. Wenn die Jahre von 1881 bis zur Gegen­wart der Einbürgerung der Arbeitnehmerklasse in Staats- und Volksleben gewidmet waren, dann müßten die bevorstehenden Jahre die Wieder­gewinnung eines festen staatsbürgerlichen Funda­ments im Mittelstand bringen.

Friedrich Derben

Dorsihenber bes Reichsverbanbes bes beutjchen HanbwerkS:

In Jahresbetrachtungen herrscht zwar gemeinhin die Farbe der Morgenröte oder der Hoffnung vor, ich kann sie beide nicht verwenden. Im Hand­werk sieht es bitterböse aus, materiell unb ideell. Nahrungsmittel-, Bekleidungs- unb Bedie­

nungsgewerbe leiden unter der allgemeinen Dtoi der Bevölkerung, nur den Bau- und Bauneben­gewerben ist durch die Reichszuschüsse zu den Haus- reparaturen einige Erleichterung gebracht worden. Allerdings nur der bekannte Tropfen auf den heißen Stein. Wo die Behörden, hoch und niedrig, Auf­träge au vergeben haben, bevorzugen sie die Min­destfordernden, während sie anderseits selbst die Höchstfordernden in Hinsicht auf Steuern, Gebüh­ren und Auflagen aller Art sind. Ideell liegen die Dinge so, daß das Handwerk die Grundlage seiner Betätigung, die Lieferung von Qualitäts­arbeit, mehr und mehr erschüttert sieht. In Handwerkskreisen herrscht deshalb eine große Er­bitterung. Wer das nicht glaubt, der gehe in die Versammlungen, wo er die Urtöne der schaffenden, richtiger gesagt der schaffen w o 11 e n d e n Hand­werker hört.

Kommerzienrat

Dr. h. c. Hermann Röchlina:

Wir dürfen zuversichtlich hoffen, daß die Auf­wärtsbewegung der Weltwirtschaft, die in den letzten Monaten einsetzte, im neuen Jahr a n - halten und sich verstärken wird. Da die Preise unserer hauptsächlichsten Rohstoffe und land­wirtschaftlichen Erzeugnisse ihren Tiefpunkt über­schritten und wir also nunmehr den Zeitpunkt des billig st en Einkaufs erreicht, vielleicht sogar schon hinter uns haben, kommt es jetzt zu der zurückgestellten Bedarfseindeckung. Wenn Preissteigerungen für industrielle Erzeugnisse im Jnlande vermieden werden, so haben wir Aus­sichten auf ein mengenmäßig gutes Geschäft. Mit einer namhaften Senkung der Arbeitslosigkeit im Frühjahr ist bestimmt dann zu rechnen, wenn die im normalen Ablauf der Djnge eintretende Ver­mehrung der Arbeitsgelegenheiten nicht etwa den Lohnwünschen der noch beschäftigten Arbeiter ge­opfert wird. Nur eins von bciden ist möglich.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Wirtschafts­führung ist und bleibt: mit niedrigen Selbstkosten, niedrigen Preisen und höchster Qualität im Jn- unb Ausland konkurrenzfähig zu bleiben. Nur so können wir Arbeit und damit Brot für unser Volk schaffen!

Walter Lambach

Geschäftsführer bes Gesamtoerbanbes beutscher Angeffelltenverdänbe-.

Die christlich - nationalen Angestelltenverbände gehen in ihren Wünschen für das Jahr 1933 von der Notwendigkeit einer ft arten, auf Vertrauen möglich st großer Volks­kreise gestützten Staatsführung aus. Sie erwarten darin vorn neuen Jahr, daß d i e beständigen Elemente des Volkswil­lens ihre staatserhaltende Kraft wirksam machen können. Zu diesen beständigen Elementen werden die Kräfte gezählt, die aus der Landschaft, von dem Beruf, vom geistigen und sittlichen Leben her wir­ken. Ihre Nutzbarmachung und ihr Einbau in die Reichsverfassung wird in der Form erwartet, daß die Vertreter der Länder, der Wirtschaftsberufe und des geistigen und religiösen Lebens ein Stände­haus bilden. Aufgabe der erwarteten Verfassungs­reform ist es, Reichspräsident, Reichstag und Stände so zueinanderzustellen, daß eine zwar auf Auto­rität und Vertrauen gestützte Führung, aber kein Absolutismus, Beteiligung und Mitverant­wortung, aber kein Uebermaß an Partei oder Parteicliquen Einfluß möglich ist.

das Gesicht des deutschen Bürgertums bestimmt, aber sie hielt dem Ansturm der Moderne nicht stand. Rach dem Beginn des industriellen Zeit­alters, bald nach dem Tode der letzten großen Philosophen, als vor hundert Jahren Goethe und Hegel starben, da schwand auch der tiefe Glaube an die hohen Gedanken und Ideen der klassischen Philosophie. Lind es brach der Materialismus in unser deutsches Denken ein. Rach diesem Ein­bruch stand nichts mehr fest. Es gab kein ver­pflichtendes Denken mehr, keine Idee, die die Ra­tion einte, so wie sie einst in ihren besten Ver­tretern im alten Preußen zu Füßen Fichtes in Berlin gesessen hatte, als sich innerlich in den Menschen der Befreiungskampf gegen Napoleon vorbereitete.

So stellt sich geistesgeschichtl'ch die Lage dar. W:r müssen die Formen und Begriffe dieser Ge- sch.chte des bewußten Geistes benutzen, um uns in dem Chaos der Leere und Dunkelheit zu- rechtzufinden, das uns umgibt. Wir wollen ein 2ahr beginnen und wir wollen Glauben schöpfen an uns selber. Dazu benötigen wir Formen des Geistes, so wie sie uns über­liefert wurden. Denn ohne Lieberlieferung gibt es kein Leben, kein Wollen, keine Zukunft. Wir müssen immer irgendwo anknüpfen, wenn wir den Faden in die Zukunft fortspinnen wollen. Der Blick in Fichtes tröstendes Buch zeigt uns die Stelle, wo Anknüpfung möglich ist.

Mit tiefem Mißtrauen in alle Werte treten wir in jedes neue Jahr. Wir wissen, daß wir alle Werte auf ihre Gültigkeit prüfen müssen. Aber wir fühlen auch, daß es eine Bestimmung des Menschen geben muß, daß wir nicht als Spreu im Winde der Zeiten zerstieben. Wir fühlen heute, dreizehn Jahre nach dem Ende des Kampfes auf den Fronten des Krieges, daß

uns gerade diese Pflichten auferlegt wurden, diese furchtbaren Pflichten bis zur tiefsten Er­niedrigung hinabzusteigen und bis zur tiefsten Ohnmacht, damit wir unserem Wesen und un­serem Charakter in allen seinen Schwächen auf den Grund gehen. Wir haben es tausendfach zu hören bekommen, daß die Welt diesem unserem Charakter mißtraute, diesem deutschen Charakter, weil er undurchschaubar sei und gefährlich. Wir hören seit dem Kriege immer wieder, daß die deutsche Seele und der deutsche Geist im Bunde mit dem Osten, mit Asien, die europäische Ge­sittung bedrohe und die Lieberlieferung zerstöre. Wir haben es gelernt, uns zu prüfen, wir Wehr­losen inmitten der starrenden Waffen der an­deren, wir Verleumdeten inmitten der Selbst­gefälligkeit der anderen. Lind wir haben gefun­den, daß es an uns ist, eine neue Idee in die Welt zu bringen, die die Menschen wieder einander vertrauen läßt.Vertrauenskrise" heißt das große dunkle Wort dieserWeltkrise": sie sprechen es aus, weil sie damit etwas zu bannen hoffen, was sie mit Schaudern erfüllt. Es ist fein Glaube mehr unter den Menschen des Erdenrunds, sie sehen die Bestie im anderen, weiter nichts. Zu Bestien wurden sie alle, weil sie dem deutschen Charakter miß­trauten: heißt das nicht; in dem Deutschen steckt ein großes Rätsel, das alle nicht zu lösen ver­mochten, weil ihnen der Sinn dafür fehlte? Es kann kein Zufall sein, daß das Doll der Mitte des Rordens, daß die Deutschen Mitte des größten Kampfes wurden. Gegenstand des ungeheuersten Ringens, das diese alte Erde sah. 2a, was wir das Döse nennen, hätte uns nie­mals dies« Pfticht auferlegen können, wenn nicht ein Sinn darin läge eben auch für diese böse Welt. Wir müssen nur unserem Leben diesen i

Sinn geben, wir müssen dem Anruf folgen, der aus demunendlichen Willen" an uns ergeht. Wir werden es nicht mehr, wie die großen Philo­sophen unserer Klassik, versuchen, diese Pflicht log sch zu rechtfertigen. Wir haben zuvielSinn­widriges" erfahren, als daß wir erpicht sein könn­ten, alles in ein System zu filtern. Wir haben aber ein so ungeheures Schicksal selber erfahren, daß wir kein System der Philosophie mehr brau­chen, sondern nur einen Glauben an die Werte, die übriggeblieben in der großen Prüfung. Es sind die reinen Werte des Deutschen, des Geistes, der sich über die tiefste Riederlage erhebt mit einem Dennoch, mit jenem deutschen Trotz, der die Wurzel der Treue ist. Lind im Dunkel unserer Gegenwart sehen wir dann die Fackel eines Hölderlin schimmern, mit der er die Pfade des Chaos erleuchtete, ehe es ihn verschlang:Wir sind nichts, was wir suchen, ist alles", hören to-.r feine Geisterstimme rufen. Er gab die Fackel weiter dem anderen Seher, der in di« Rächt ein- ging, Riehsche. Lind wir hören wieder eine ge­quälte Stimme: er wollte am Ende der furcht­baren Kometenbahn seines Geisteswirklich den Pessimismus überwinden, ein Goethcscher Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat" ge­nügte ihm, der doch dem Deutschen alle Ge­fahr und alle Fährnis wüillchte, damit erim Zustande der zusammengebissenen Zähne" sein Bestes gäbe ...

So können wir dieses schicksalsschwere Jahr getrost beginnen, wenn wir den Rachtanblick unserer Lage ausgehalten haben, um alle Wen« zu prüfen, ob sie standhalten. Wir wissen dann, daß wir wie Dürers Ritter immer zwischen Tod und Teufel reiten müssen. Amor fall Liebe zum Schicksal, feit uns gegen beide.