Ausgabe 
31.10.1932 Frühausgabe
 
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Deutschland und der plan HerriotS!

Oie Beurteilung der französischen Vorschläge in Berlin.

Berlin. 29. Ott. (TU.) Zu den Erklä- rungen Herriots in der Kammer über das Abrüsiu.gsproblem erklärt man an Der- linerzuständiger Stelle, dah der Wort­laut der Herriot-Erklärung noch nicht in Berlin vorliege. Man könne sich daher noch kein ab- schließendes Bild über die Erklärungen machen. Man könne aber schon jetzt sagen, das)

die Rede herriots insofern sehr interessant sei, als der französische Ministerpräsident ;um erstenmal den Standpunkt verlassen habe, daß der Versailler Vertrag "in noli me tangere bedeute.

Es sei falsch, wenn Herriot das deutsche G l e i ch- berechtigungsverlangen mit einer For­derung auf Aufrüstung identifiziere. Was von Deutschland unter keinen Umständen an­genommen werden könne, sei, daß nach zwei­erlei Mast gemessen werde. Darüber vermisse man noch e-ndeut'ge klare Ausführungen Her­riots. Zu der Behauptung Herriots, daß die gröhte Kriegsgefahr in den Berufsarmeen liege, erklärt man an Berliner zuständiger Stelle, eine solche Berufsarmee könne Deutschland unmöglich zum Borwurf gemacht wer­den, da diese Heeresform ihm ja im Versail - ler Vertrag aufgezwungen worden sei. Was die Erklärung Herriots über die Miliz an­bei rosse, so könne man sagen, dast Frankreich die Miliz ja als D e fe n s i v - W a f f e auf- fasse. Es sei also unlogisch, wenn die deutsche Forderung nach einer Miliz als Bedrohung anderer Staaten aufgefaßt werde. Die Ausführungen Herriots seien teils unklar und teils wideriprechend. Wenn Frankreich in Genf der Aussprache mit Deutschland nicht ausgewi­chen wäre, hätte man damals schon die ganzen Angelegenheiten klären können.

Jür Deutschland sei allein mastgebend, dah alle Abrüslungsm^hnohmen für alle Staaten gleich- mähig gellen mühten.

Es fei auffällig, dah Herriot in feiner frommer» crtlärung nicht die Frage der Sicherheit in den Vordergrund gestellt habe. Was die Vorschläge Herriots im einzelnen angehe, jo müsse man sagen, daß Deutschland nicht alle annehmen könne. Da Herriot aber Verhandlungsmöglichkeiten offengelassen habe, so sei gegen eine even­tuelle Aussprache über diese Punkte nichts einzu­wenden. Auch über die internationale Polizeimacht könne man reden. Sie habe aber nur Zweck, wenn sie so stark sei, dah keine Macht sich dagegen wehren könne. Der bisherige fron- fische Plan sei nicht durchzuführen, da er nur zur Stärkung der Starken und zur Schwächung der schwachen Staaten geeignet sei. Herriot habe aber anscheinend nunmehr diesen Standpunkt aufgegeben. Wenn Deutschland in gleichem Maste wie die an­deren Staaten an einer solchen Polizeimacht betei­ligt würde, so hätte es nichts gegen diese Institution einzuwenden

Die Schiedsgerichtsbarkeit müsse die Sicherheit dafür bieten, dah auch politische Fragen gerecht und unparteiisch behandelt würden.

Zusammenfassend könne man sagen, so' unbe­stimmt die Vorschläge Herriots seien, so sei doch festzustellen, daß die Belange anderer Staaten dies­mal in höherem Maste gewahrt würden, als bis­her. Eine Erörterung der französischen Vor­schläge sei immerhin möglich Vorbedingung sei selbstverständlich, dah die Gleichberechtigung aller Staaten, also auch die deutsche Gleich­berechtigung, gewährleistet sei.

Oer Amerikaner OaviS informiert sich in Paris.

Paris. 29. Olt. (WTB.) Ministerpräsident Herriot hatte heute nachmittag eine fast 8/4- stündige Unterredung mit dem Führer der ame­rikanischen Delegation aus der Abrüstungskon­

ferenz, Rorman Davis. Hierüber berichtet die Agentur Havas, Davis habe Herriot über seine Unterredungen in London mit Macdo- n a I d und Sir Jo(jn Simon berichtet, in der Hauptsache aber habe die Besprechung dem kon- struktiven Plan gegolten. Davis habe näm­lich ergänzende Aufklärungen über ge­wisse Punkte der Ausiührungen, die Herriot gestern in der Kammer gemacht hat, gewünscht, insbesondere über die die Bereinigten Staaten direkt angehenden Fragen.

3m Anschluß an diese Besprechung hatte Davis eine Unterredung mit Kriegsminister Paul- Doncour, um sich über das Vers ähren zu unterrichten, das Paul-Boncour auf der Ab­rüstungskonferenz einzuschlagen gedenke. 3n diesem Zusammenhang bezeichnet es die Agen­tur Havas als wahrscheinlich, dah Paul-Boncour sich in der Sitzung der Abrüstungskonferenz am 3. Rovernber darauf beschranken wird, den f ran» zösischenPlan in seinen Grundzügen mündlich mitzuteilen, da ein Memoran­dum ausgearbeitet werden soll, das erst nach der Rückkehr des Ministerpräsidenten nach Paris, die für Ende kommender Woche vorgesehen ist, in Angriff genommen werden kann.

Doch noch Viermächlekonserenz?

Amerikanische Bedenken gegen Herriots Plan.

Paris, 30. Oft. (WTB.) Die gestrige Unter­redung des amerikanischen Senators Rorman Da- vis mit Ministerpräsident Herriot wird vom 3ournal dahin beurteilt, dah sie Veranlassung gegeben habe, den Gedanken der Einberu­fung einer Vier- oder Fünfmächte­konferenz wieder aufleben zu lassen.

Rorman Davis soll,Chicago Tribüne" zu­folge, sich gestern abend vor seiner Abreise nach Genf optimistisch geäußert haben.

Jn pariser amerikanischen Kreisen glaube man, dah man mit Deutschlands Rückkehr auf die Abrüstungskonferenz in zwei oder drei Wochen rechnen könne. Den konstruktiven französischen plan halte man für eine gesunde Verhandlungs­grundlage. Allerdings verhehle man nicht eine gewisse Abneigung gegen den von herriot an­geregten konsullativpakt, da ja bereits das Jieunmädjteabfommen, der Londoner Vertrag und das Pazifikabkommen derartige Konsultatio­nen im Falle einer Vertragsverletzung vorsähen.

Aach den von einigen Blättern gegebenen Be­richten hat P a u l - D o n c o u r bei der gestrigen Besprechung auch betont, daß die Luftflotte und die M a r i n e als zu den im Mutterland stehenden, für die Rüstungsherabsehung in Frage kommenden Waffengattungen anzusehen seien. Der konstruktive Plan sehe übrigens nicht nur eine Herabsetzung der Personalstärke. sondern auch des Kriegsmaterials vor.

Paul-Boncour über den plan.

Paris, 30. Oft. (WTB.) Kriegsminister Paul-Boncour hat einem Havas-Dertreter u. a. folgendes erklärt:

Der allgemeine Gedanke des konstruktiven Planes ist, zu einer effektiven und ge­recht verteilten Herabsetzung der Rüstungen zu gelangen und den verschiedenen im Mutterland stehenden Armeen Kontinental­europas rein defensiven Charakter zu geben, wobei der geographischen Lage jeder Macht Rechnung zu tragen ist Dieser Defensivcharakter soll so start wie nut möglich ausgeprägt sein. Da es sich um eine internationale Frage handelt, ist die Dauer der Dienstzeit im nationalen Rah­men abhängig von den für die Allgemeinheit in Aussicht genommenen Reduktionen.

Erst wenn und sobald dieser allgemeine plan angenommen ist, darf die Herabsetzung der

Die Eröffnung der pariser Goethe-Ausstellung.

Den Höhepunkt der französischen Veranstaltungen zum Goethe-Jahr 1932 bildet die große Goethe- Ausstellung, die jetzt in der Nationalbibliothek in Paris feierlich eröffnet wurde. Don links nach rechts: Attache Forster von der Deutschen Botchaft: der franzöfische Luftsahrtrninister Pa in- 1 e v e , der Direktor der Nationalbibliothek C a e n : Unterrichtsminister de Monzie, der bekannte Dichter und Goethe-Fnterpret Paul Valery, Mitglied der Französischen Akademie.

Dienstzeit in Angriff genommen werden, wobei selbstverständlich ihre Errechnung und An­passung Sache der technischen Stellen des

Generalstabes sein muh.

Der konstruktive Plan sei von einer Reihe von Sicherheitspakten umrahmt zuerst der all* gememe Konsultat vpakt, der die B e r e i n i g t e n Staaten miteinbegreifen könne, ferner der Völkerbundspakt und die aus ihm abgeleiteten Abkommen wie der Locarno-Pakt, ferner der auf den Beitritt der Kontinentalmächte beschränkte, oben analysierte Militärpakt, aus dem sich außer der gegenseitigen Hilfeleistung die Vereinheit­lichung und Einschränkung der Armeen ergeben würde. Die Grundsätze dieses Planes seien in Genf im Einvernehmen mit den militärischen Sachverständigen der französischen Delegation und im Einvernehmen mit Benes ch, Politis und anderen Delegierten der Abrüstungskonferenz aus­gestellt worden

Aus oller Welt.

Deutsches postflugzeug London-Köln verunglückt. Die Piloten vermißt.

Berlin, 30. Oft. Das Postflugzeug D2017 der Strecke LondonKöln, das am Samstag um 19 Ahr von London abgeflogen war, sandte etwa 40 Minuten nach dem Start sunkentelcgraphische Hilferufe. Da sich .s Flugzeug zu dieser Zeit in der Rähe des Kanals befinden mußte, wurde sofort der gesamte Küstenwachtdienst alar­miert. Es gelang jedoch nicht, eine Spur von dem vermißten Flugzeug zu finden. 3m Kanal herrschte schweres stürmisches Wetter. Auch die Besatzung eines heute nach Tagesan­bruch zur Rachsuche von Köln nach London ent­sandten Flugzeuges tonnte keine Feststellungen machen, so daß man wegen des Schicksals der Flieger bereits starke Besorgnisse hegte. Ent­gegen einem Gerücht aus Brüssel, das von der Rettung der Besatzung des verunglückten deut­

schen PostslugzeugS sprach, fehlen bi- Aur Stunde alle Rachrichten über deren Schick­sal. Wie verlautet, sollen Teile der Maschine nahe der englischen Küste westlich treibend gesich­tet worden sein. Das deutsche Gegenslugzeug D 2009 hat sich auf die Suche nach den Resten und nach der Bemannung des verunglückten Flugzeugs begeben und wird über dem Kanal kreuzen. Man nimmt an, daß ein Brand den Unfall verursacht hat, weil Kanaldampser in den gestrigen Abendstunden Flammen in der Lust be­obachtet haben wollen. Die verunglückten Post­slieger sind der Flugzeugführer Wilhelm Cuno, der bereits 300 000 Kilometer im Luftverkehr und davon allein auf der Rachtstrecke nach London 120 000 Kilometer zurückgelegt hat, und der Fun­ker und Maschinist Werner Drebes, der be­reits feit zwei 3ähren mit Cuno auf dieser Linie fliegt.

Gronau in Bagdad.

Der deutsche Flieger Wolfgang von Gronau hat am Sonntagmorgen mit der Bordstation im Dornierwo!" wieder die direkte Funkoerbin- düng mit der Heimat ausgenommen. Trog der großen Entfernung und trog der geringen Energien, die diese Bordstation besitzt, ist die Ver­ständigung ausgezeichnet. Der folgende erste Radio­spruch des Weltfliegers erreichte die Hai> >>irqer Heimatstation am -conntag in den frühen Mit­tagsstunden:Wir freuen uns, Sie rou^r zu hören. Bitte grüßen Sie Deutschland." Start heute 5 Uhr 43 MEZ. in Dender Abbas, Standort 6 Uhr 24 Rasna (Persien), 6 Uhr 43 Lujhir, 6 Uhr 58 Breite 29 Grad 20 Minuten Nord, Länge 49, 25 Ost Fliegen mit 120 Kilometer Stundendurchschnitt. Landen in 50 Minuten in Basra, um zu tanken. Start dann gleich wieder nach Bagdad. Gehen nicht nach Alexandrette, sondern nach Limassol auf Zy­pern, Eintreffen dort voraussichtlich Montag."

Gronau ist, wie ein Funkspruch aus Bagdad meldet, dort eingetroffen.

Oer bucklige Geiger.

13on Wilhelm Schäfer.

In Honnef war ein buckliger Geiger mit solcher Kunst begabt, daß, wer ihn einmal horte, nicht gern mehr nach einer andern Musik tanzen mochte, jo sehnsüchtig quoll sein Ton. Sie riefen ihn weithin zu spielen, und wenn's ihm nur ums Geld gewesen wäre, so hätte er ein schönes Leben haben können. Doch'war er inwendig voll Gram und Sehnsucht, denn weil er selber noch ein Jüngling war, geschah es einmal daß er mit seiner Geige dazwischen sprang und miltanzte: obwohl sein Ton nun erst recht wie eine Amsel zur Freude lockte, stob alles im Gelächter um seinen Buckel auseinander

So kam es, daß er wochenlang in seiner Kammer faß und nirgendhin spielen ging, so daß die Mutter, eine kranke Frau, viel Not mit ihm und den sangen Leuten hatte, die seiner zum Tanz benötigten. Da ging er einmal tief hinein ins Land, weit über das Gebirge und spielte in einem fremden Dors, und als sie alle luftig waren und die Augen der Tänzerinnen vom fr lang seiner Geige brannten, da wagte er es noch einmal und hüpfte mitten unter sie Die Mädchen aber kreischten auf, und die Burschen klopften ihm den Buckel wie eine Trom­mel: drum holte er sein Messer vor, schnitt die Saiten mitten durch mit einem Schnitt und lief hinaus bis in die sieben Berge, sich aufzuhängen.

Doch als er in der stillen Waldluft an die blasse Mutter dachte, und daß sie keinen Sorger hätte, oe* sann er sich und schlich um Mitternacht nach Haus, die Nachtigallenschluchl hinunter. Da trat ihm aus bei Waldrand ein feines Mädchen In den Weg: bas war zu weiß unb windig für die Nacht ge­kleidet und hatte eine Stimme, die dünn wie Heim- chenzirpen klang. Sie bat ihn innig, er möge hier am alten Eichenbaum zum Tanz aufspielen, damit sie auf dem Wiesenplan dahinter tanzen könnte, und als der Geiger ihr mürrisch seine Fiedel zeigte, darauf kein Steg und keine Saite mehr war, nahm sie Mondstrahlen her und stellte ihren Silberkamm darunter. Er hatte sich schon selber um seiner Bos­heit willen gescholten, griff freudig in die Saiten, und als sie heil und silbern klangen, nahm er den Bogen in die Hand und spielte, was der Mond ihm sagte.

Es war kein Walzer und kein Rheinländer, und roa die Elfenkönigin mit ihren Gespielen danach tanzte, sah aus, wie wenn ein Rauch von Wind im Kreis getrieben würbe. So spielte er bis in den Morgen unb buchte nicht daran, selbst mitzutanzen.

so wohl tat feinen Augen bas Gewoge ber silbernen Gewänder. Und als die erste Frühe kam, da wur­den ihre Leiber blaß: doch sah er sie noch alle, wie sie in stiller Ruhe tarnen, ihm für fein Spiel zu danken. Und während er bedachte, daß dies viel schöner als mit Gold zu lohnen sei, tat ihm die Königin einen Schlag auf seinen Buckel, daß er den Stab zerbrechen hörte. Sogleich verschwanden alle in ber Helligkeit, unb nur ihr klingendes Ge­lächter blieb lange in ber Lust. Da glaubte er sich hier wie sonst verhöhnt und stieg mit bitterem Herzen in fein Tal zurück.

Zu Hause stand seine Mutter vor der Tür am Wasser und wusch sich den Schlaf aus ihren Augen, sie tat vor Freude einen Schrei: unb als er seine Geige fast in den Strom geworfen hätte, so weh tat ihm das: da riß sie ihn am Arm zum Wasser hin, unb in ber grünen Morgenflut sah er sein Spiegelbild wie einen schlanken Lebensbaiiin------

Bayerisch.

Was nicht im Wörterbuch steht.

3n ber bei Piper & Co. in München erschei­nenden SerieWas nicht im Wörterbuch steht" aus der wir früher schon den BandSäch­sisch" vvn Hans Reimann hier angezeigt haben ist ein neues Büchelchen erschienen, das sich äußer­lich zwar kanariengelb präsentiert, innerlich aber und seinem Wesen nach brav und kernig die blau-weiße Rautenfahne hochhält, denn es han­delt vom Lande und Volksstamm der Bayern.

Der Verfasser heißt 3oseph Maria Lutz, und es ist ein schönes, lustiges und äußerst anschauliches Buch') geworden, mit Liebe und tiefer Sach­kenntnis geschrieben von einem, der dazu beru­fen war, weil feine Wiege in Altbayern stand. Wer es gelesen hat, der weiß Bescheid: er wird mit Gründlichkeit. Schritt für Schritt gewisser- maßen, in die weihblauen Bezirke und 'Belange eingeführt. Lind wer im nächsten 3ahr nach Bay­ern fährt, in die Sommerfrische oder aus an­derem Anlaß, der stecke sich das gelbe Bändchen ein als Baedeker und Wörterbuch.

*) Dayerisch. Don 3oseph MariaLutz. Mit vielen Federzeichnungen von Karl A r - nolt) und Paul Reu. Farbiger Umschlag von Walter Trier. Flexibel kartoniert 3,20 Mk., in Ganzleinen 4,50 Mk. München, R. Piper & Co. (256.) -

Erst lernt man die Landschaft kennen, den Men­schenschlag und den Dialekt. Die Graminatik ist mit vielen kernigen Beispielen ausgestattet, mit Redensarten, Sprichwörtern, Schnadahüpfln und Bildern. Dann wird man mit Wesen und tie­ferem Sinn der altbayerischen Geräte und Werk­zeuge vertraut gemacht, als da sind der Mah- frug, die Pfeife und dasim Griff feststehende" Messer, welches bekanntlich in der Hintertasche derkurzen Wichs" getragen wird und den ver­schiedensten Zwecken dient.

Das Hauptkapitel, sozusagen mit drei Sternen versehen, handelt natürlich vom bayerischen Bier, und es ist sehr lehrreich zu lesen für alle, die sich im Hofbräuhaus mit Anstand zu benehmen und nicht unliebsam-preußisch oder sonst als Ausländer aufzusallen wünschen. Aber auch die bayerische Speisekarte wird gewürdigt, und die weibliche Leserschaft wird ihr Kochbuch gern mit Originalrezepten fürHallertauer Bauern- Echmalznudeln" oderBayerische Topsenratzl" bereichern.

Ein merkwürdiges und recht spannendes Ka­pitel handelt vom Wildern: ein anderes, volks­kundlich sehr aufschlußreich, von der altbayerischen Bauernhochzeit: ein weiteres von bayerischen Teufeln und Ge'penstern: und den Beschluß ma­chen die tiefsinnigen BetrachtungenVom rich­tigen bayerischen Sterben" undDon der schönen ßeicb.

Das Ganze ist, mit vielen heiteren unb illu­strativen Zeichnungen von Karl Arnold und Paul Reu geschmückt, kurzweilig unb mit großem Ruhen zu lesen. 7

Oie Pechsträhne.

Heber allerlei Spieler plaubert Hans Kafka im Rovemberheft von Delhagen & Kla­st n g s Monatsheften.Den echtesten unb leidenschaftlichsten", so erzählt er,fand ich in einem Manne, der an der Mole eines Riviera- Hafens herumlungerte. Ein Ausländer trat auf ihn zu und sagte: .Wollen wir nicht ein kleines Spiel riskieren?' Gewiß, warum sollte er nicht, es war Samstag, und in seiner Tasche klimperte ber Lohn. .Also Passe auf. fuhr ber Frembe fort, .das ist ein neues Spiel. 3ch nehme bie eine Pflaume in die Hand, schließe bie Hand, lege sie auf den Rücken und bu rätst nun,

ob die Pflaume ganz ist oder zerquetscht Ver­stehst du! Wenn Du richtig rätst, bekommst bu von mir fünf Solbi, wenn nicht, hast bu sie zu be­zahlen.' Der Spieler riet: .Zerquetscht' der Frembe nahm bie Hanb nach vorne, öffnete sie, bie Pflaume war ganz. Der Spieler riet: .Ganz' aber als er dann in die Hand sah. lag bie Pflaume zerquetscht darin. Das ging so eine Weile weiter, der Mann hatte bereits den Wochenlohn verspielt und setzte nun seine Mühe, seine Weste, seine Schuhe 3d) nahm ihn einen Augenblick beiseite: .Sind Sie wahn­sinnig? Das kann doch niemals für Sie gut ausgehen. Sagen Sie ganz', so zerquetscht er die Pflaume eben rasch hinter seinem Rücken, sagen Sie .zerquetscht', so zeigt er sie 3hnen ganz.' Der Spieler sah mich an: ,3a. ja, es handelt sich um eine Pechsträhne. 2lbcr jetzt kann ich nicht aufhören, wo ich soviel« verloren habe. Einmal muß ich doch gewinnen.'"

Oer Ausbrecher als Plastiker.

Eine nicht unbedeutende plastische Begabung offenbarte ein berüchtigter Einbrecher namens Balog bei feinem Versuch, aus dem ungarischen Gefängnis von Györ auszubrechen. An dem Abend, bevor er die Flucht durchführen wollte, knetete er aus Brot, das er sich aufbewahrt hatte, eine ziemlich ähnliche Porträtbüste von sich selbst unb legte sie in sein Bett, um die Wärter au täuschen. Den eisernen Ofen in seiner Zelle stellte er so, daß der übrige Teil deS Körper- verbor­gen war. Rachbem er die Vergitterung burch- gcfeilt hatte, lieh er sich an einem Seil, das er aus Streifen seine- Bettuches gedreht hatte, aus dem Fenster herunter. Aber da- Seil war zu kurz: er mußte herunterspringen und verstauchte sich dabei den Fuß. so daß die Wächter, die durch den Lärm des Falles aufmerksam geworden waren, den angehenden Plastiker leicht wieder einfangen konnten.

£od)fd)ulnacf)rid)fcn.

Dr. Hermann Mark, außerordentlicher Pro­fessor an der Technischen Hochschule in Karls­ruhe und Leiter des Physikalisch-chemischen La­boratoriums der 3G-Farbenindustrie AG. in Ludwigshafen, hat den Ruf an die Universität Wien als Rachfolger von Professor R. Weg- scheider angenommen und bereits feine Ernennung zum ordentlichen Professor für Chemie erhalten.