Deutschland und der plan HerriotS!
Oie Beurteilung der französischen Vorschläge in Berlin.
Berlin. 29. Ott. (TU.) Zu den Erklä- rungen Herriots in der Kammer über das Abrüsiu.gsproblem erklärt man an Der- linerzuständiger Stelle, dah der Wortlaut der Herriot-Erklärung noch nicht in Berlin vorliege. Man könne sich daher noch kein ab- schließendes Bild über die Erklärungen machen. Man könne aber schon jetzt sagen, das)
die Rede herriots insofern sehr interessant sei, als der französische Ministerpräsident ;um erstenmal den Standpunkt verlassen habe, daß der Versailler Vertrag "in noli me tangere bedeute.
Es sei falsch, wenn Herriot das deutsche G l e i ch- berechtigungsverlangen mit einer Forderung auf Aufrüstung identifiziere. Was von Deutschland unter keinen Umständen angenommen werden könne, sei, daß nach zweierlei Mast gemessen werde. Darüber vermisse man noch e-ndeut'ge klare Ausführungen Herriots. Zu der Behauptung Herriots, daß die gröhte Kriegsgefahr in den Berufsarmeen liege, erklärt man an Berliner zuständiger Stelle, eine solche Berufsarmee könne Deutschland unmöglich zum Borwurf gemacht werden, da diese Heeresform ihm ja im Versail - ler Vertrag aufgezwungen worden sei. Was die Erklärung Herriots über die Miliz anbei rosse, so könne man sagen, dast Frankreich die Miliz ja als D e fe n s i v - W a f f e auf- fasse. Es sei also unlogisch, wenn die deutsche Forderung nach einer Miliz als Bedrohung anderer Staaten aufgefaßt werde. Die Ausführungen Herriots seien teils unklar und teils wideriprechend. Wenn Frankreich in Genf der Aussprache mit Deutschland nicht ausgewichen wäre, hätte man damals schon die ganzen Angelegenheiten klären können.
Jür Deutschland sei allein mastgebend, dah alle Abrüslungsm^hnohmen für alle Staaten gleich- mähig gellen mühten.
Es fei auffällig, dah Herriot in feiner frommer» crtlärung nicht die Frage der Sicherheit in den Vordergrund gestellt habe. Was die Vorschläge Herriots im einzelnen angehe, jo müsse man sagen, daß Deutschland nicht alle annehmen könne. Da Herriot aber Verhandlungsmöglichkeiten offengelassen habe, so sei gegen eine eventuelle Aussprache über diese Punkte nichts einzuwenden. Auch über die internationale Polizeimacht könne man reden. Sie habe aber nur Zweck, wenn sie so stark sei, dah keine Macht sich dagegen wehren könne. Der bisherige fron- fische Plan sei nicht durchzuführen, da er nur zur Stärkung der Starken und zur Schwächung der schwachen Staaten geeignet sei. Herriot habe aber anscheinend nunmehr diesen Standpunkt aufgegeben. Wenn Deutschland in gleichem Maste wie die anderen Staaten an einer solchen Polizeimacht beteiligt würde, so hätte es nichts gegen diese Institution einzuwenden
Die Schiedsgerichtsbarkeit müsse die Sicherheit dafür bieten, dah auch politische Fragen gerecht und unparteiisch behandelt würden.
Zusammenfassend könne man sagen, so' unbestimmt die Vorschläge Herriots seien, so sei doch festzustellen, daß die Belange anderer Staaten diesmal in höherem Maste gewahrt würden, als bisher. Eine Erörterung der französischen Vorschläge sei immerhin möglich Vorbedingung sei selbstverständlich, dah die Gleichberechtigung aller Staaten, also auch die deutsche Gleichberechtigung, gewährleistet sei.
Oer Amerikaner OaviS informiert sich in Paris.
Paris. 29. Olt. (WTB.) Ministerpräsident Herriot hatte heute nachmittag eine fast 8/4- stündige Unterredung mit dem Führer der amerikanischen Delegation aus der Abrüstungskon
ferenz, Rorman Davis. Hierüber berichtet die Agentur Havas, Davis habe Herriot über seine Unterredungen in London mit Macdo- n a I d und Sir Jo(jn Simon berichtet, in der Hauptsache aber habe die Besprechung dem kon- struktiven Plan gegolten. Davis habe nämlich ergänzende Aufklärungen über gewisse Punkte der Ausiührungen, die Herriot gestern in der Kammer gemacht hat, gewünscht, insbesondere über die die Bereinigten Staaten direkt angehenden Fragen.
3m Anschluß an diese Besprechung hatte Davis eine Unterredung mit Kriegsminister Paul- Doncour, um sich über das Vers ähren zu unterrichten, das Paul-Boncour auf der Abrüstungskonferenz einzuschlagen gedenke. 3n diesem Zusammenhang bezeichnet es die Agentur Havas als wahrscheinlich, dah Paul-Boncour sich in der Sitzung der Abrüstungskonferenz am 3. Rovernber darauf beschranken wird, den f ran» zösischenPlan in seinen Grundzügen mündlich mitzuteilen, da ein Memorandum ausgearbeitet werden soll, das erst nach der Rückkehr des Ministerpräsidenten nach Paris, die für Ende kommender Woche vorgesehen ist, in Angriff genommen werden kann.
Doch noch Viermächlekonserenz?
Amerikanische Bedenken gegen Herriots Plan.
Paris, 30. Oft. (WTB.) Die gestrige Unterredung des amerikanischen Senators Rorman Da- vis mit Ministerpräsident Herriot wird vom „3ournal“ dahin beurteilt, dah sie Veranlassung gegeben habe, den Gedanken der Einberufung einer Vier- oder Fünfmächtekonferenz wieder aufleben zu lassen.
Rorman Davis soll, „Chicago Tribüne" zufolge, sich gestern abend vor seiner Abreise nach Genf optimistisch geäußert haben.
Jn pariser amerikanischen Kreisen glaube man, dah man mit Deutschlands Rückkehr auf die Abrüstungskonferenz in zwei oder drei Wochen rechnen könne. Den konstruktiven französischen plan halte man für eine gesunde Verhandlungsgrundlage. Allerdings verhehle man nicht eine gewisse Abneigung gegen den von herriot angeregten konsullativpakt, da ja bereits das Jieunmädjteabfommen, der Londoner Vertrag und das Pazifikabkommen derartige Konsultationen im Falle einer Vertragsverletzung vorsähen.
Aach den von einigen Blättern gegebenen Berichten hat P a u l - D o n c o u r bei der gestrigen Besprechung auch betont, daß die Luftflotte und die M a r i n e als zu den im Mutterland stehenden, für die Rüstungsherabsehung in Frage kommenden Waffengattungen anzusehen seien. Der konstruktive Plan sehe übrigens nicht nur eine Herabsetzung der Personalstärke. sondern auch des Kriegsmaterials vor.
Paul-Boncour über den plan.
Paris, 30. Oft. (WTB.) Kriegsminister Paul-Boncour hat einem Havas-Dertreter u. a. folgendes erklärt:
Der allgemeine Gedanke des konstruktiven Planes ist, zu einer effektiven und gerecht verteilten Herabsetzung der Rüstungen zu gelangen und den verschiedenen im Mutterland stehenden Armeen Kontinentaleuropas rein defensiven Charakter zu geben, wobei der geographischen Lage jeder Macht Rechnung zu tragen ist Dieser Defensivcharakter soll so start wie nut möglich ausgeprägt sein. Da es sich um eine internationale Frage handelt, ist die Dauer der Dienstzeit im nationalen Rahmen abhängig von den für die Allgemeinheit in Aussicht genommenen Reduktionen.
Erst wenn und sobald dieser allgemeine plan angenommen ist, darf die Herabsetzung der
Die Eröffnung der pariser Goethe-Ausstellung.
Den Höhepunkt der französischen Veranstaltungen zum Goethe-Jahr 1932 bildet die große Goethe- Ausstellung, die jetzt in der Nationalbibliothek in Paris feierlich eröffnet wurde. — Don links nach rechts: Attache Forster von der Deutschen Botchaft: der franzöfische Luftsahrtrninister Pa in- 1 e v e , der Direktor der Nationalbibliothek C a e n : Unterrichtsminister de Monzie, der bekannte Dichter und Goethe-Fnterpret Paul Valery, Mitglied der Französischen Akademie.
Dienstzeit in Angriff genommen werden, wobei selbstverständlich ihre Errechnung und Anpassung Sache der technischen Stellen des
Generalstabes sein muh.
Der konstruktive Plan sei von einer Reihe von Sicherheitspakten umrahmt zuerst der all* gememe Konsultat vpakt, der die B e r e i n i g t e n Staaten miteinbegreifen könne, ferner der Völkerbundspakt und die aus ihm abgeleiteten Abkommen wie der Locarno-Pakt, ferner der auf den Beitritt der Kontinentalmächte beschränkte, oben analysierte Militärpakt, aus dem sich außer der gegenseitigen Hilfeleistung die Vereinheitlichung und Einschränkung der Armeen ergeben würde. Die Grundsätze dieses Planes seien in Genf im Einvernehmen mit den militärischen Sachverständigen der französischen Delegation und im Einvernehmen mit Benes ch, Politis und anderen Delegierten der Abrüstungskonferenz ausgestellt worden
Aus oller Welt.
Deutsches postflugzeug London-Köln verunglückt. Die Piloten vermißt.
Berlin, 30. Oft. Das Postflugzeug D2017 der Strecke London—Köln, das am Samstag um 19 Ahr von London abgeflogen war, sandte etwa 40 Minuten nach dem Start sunkentelcgraphische Hilferufe. Da sich .s Flugzeug zu dieser Zeit in der Rähe des Kanals befinden mußte, wurde sofort der gesamte Küstenwachtdienst alarmiert. Es gelang jedoch nicht, eine Spur von dem vermißten Flugzeug zu finden. 3m Kanal herrschte schweres stürmisches Wetter. Auch die Besatzung eines heute nach Tagesanbruch zur Rachsuche von Köln nach London entsandten Flugzeuges tonnte keine Feststellungen machen, so daß man wegen des Schicksals der Flieger bereits starke Besorgnisse hegte. Entgegen einem Gerücht aus Brüssel, das von der Rettung der Besatzung des verunglückten deut
schen PostslugzeugS sprach, fehlen bi- Aur Stunde alle Rachrichten über deren Schicksal. Wie verlautet, sollen Teile der Maschine nahe der englischen Küste westlich treibend gesichtet worden sein. Das deutsche Gegenslugzeug D 2009 hat sich auf die Suche nach den Resten und nach der Bemannung des verunglückten Flugzeugs begeben und wird über dem Kanal kreuzen. Man nimmt an, daß ein Brand den Unfall verursacht hat, weil Kanaldampser in den gestrigen Abendstunden Flammen in der Lust beobachtet haben wollen. Die verunglückten Postslieger sind der Flugzeugführer Wilhelm Cuno, der bereits 300 000 Kilometer im Luftverkehr und davon allein auf der Rachtstrecke nach London 120 000 Kilometer zurückgelegt hat, und der Funker und Maschinist Werner Drebes, der bereits feit zwei 3ähren mit Cuno auf dieser Linie fliegt.
Gronau in Bagdad.
Der deutsche Flieger Wolfgang von Gronau hat am Sonntagmorgen mit der Bordstation im „Dornierwo!" wieder die direkte Funkoerbin- düng mit der Heimat ausgenommen. Trog der großen Entfernung und trog der geringen Energien, die diese Bordstation besitzt, ist die Verständigung ausgezeichnet. Der folgende erste Radiospruch des Weltfliegers erreichte die Hai> >>irqer Heimatstation am -conntag in den frühen Mittagsstunden: „Wir freuen uns, Sie rou^r zu hören. Bitte grüßen Sie Deutschland." Start heute 5 Uhr 43 MEZ. in Dender Abbas, Standort 6 Uhr 24 Rasna (Persien), 6 Uhr 43 Lujhir, 6 Uhr 58 Breite 29 Grad 20 Minuten Nord, Länge 49, 25 Ost Fliegen mit 120 Kilometer Stundendurchschnitt. Landen in 50 Minuten in Basra, um zu tanken. Start dann gleich wieder nach Bagdad. Gehen nicht nach Alexandrette, sondern nach Limassol auf Zypern, Eintreffen dort voraussichtlich Montag."
Gronau ist, wie ein Funkspruch aus Bagdad meldet, dort eingetroffen.
Oer bucklige Geiger.
13on Wilhelm Schäfer.
In Honnef war ein buckliger Geiger mit solcher Kunst begabt, daß, wer ihn einmal horte, nicht gern mehr nach einer andern Musik tanzen mochte, jo sehnsüchtig quoll sein Ton. Sie riefen ihn weithin zu spielen, und wenn's ihm nur ums Geld gewesen wäre, so hätte er ein schönes Leben haben können. Doch'war er inwendig voll Gram und Sehnsucht, denn weil er selber noch ein Jüngling war, geschah es einmal daß er mit seiner Geige dazwischen sprang und miltanzte: obwohl sein Ton nun erst recht wie eine Amsel zur Freude lockte, stob alles im Gelächter um seinen Buckel auseinander
So kam es, daß er wochenlang in seiner Kammer faß und nirgendhin spielen ging, so daß die Mutter, eine kranke Frau, viel Not mit ihm und den sangen Leuten hatte, die seiner zum Tanz benötigten. Da ging er einmal tief hinein ins Land, weit über das Gebirge und spielte in einem fremden Dors, und als sie alle luftig waren und die Augen der Tänzerinnen vom fr lang seiner Geige brannten, da wagte er es noch einmal und hüpfte mitten unter sie Die Mädchen aber kreischten auf, und die Burschen klopften ihm den Buckel wie eine Trommel: drum holte er sein Messer vor, schnitt die Saiten mitten durch mit einem Schnitt und lief hinaus bis in die sieben Berge, sich aufzuhängen.
Doch als er in der stillen Waldluft an die blasse Mutter dachte, und daß sie keinen Sorger hätte, oe* sann er sich und schlich um Mitternacht nach Haus, die Nachtigallenschluchl hinunter. Da trat ihm aus bei Waldrand ein feines Mädchen In den Weg: bas war zu weiß unb windig für die Nacht gekleidet und hatte eine Stimme, die dünn wie Heim- chenzirpen klang. Sie bat ihn innig, er möge hier am alten Eichenbaum zum Tanz aufspielen, damit sie auf dem Wiesenplan dahinter tanzen könnte, und als der Geiger ihr mürrisch seine Fiedel zeigte, darauf kein Steg und keine Saite mehr war, nahm sie Mondstrahlen her und stellte ihren Silberkamm darunter. Er hatte sich schon selber um seiner Bosheit willen gescholten, griff freudig in die Saiten, und als sie heil und silbern klangen, nahm er den Bogen in die Hand und spielte, was der Mond ihm sagte.
Es war kein Walzer und kein Rheinländer, und roa die Elfenkönigin mit ihren Gespielen danach tanzte, sah aus, wie wenn ein Rauch von Wind im Kreis getrieben würbe. So spielte er bis in den Morgen unb buchte nicht daran, selbst mitzutanzen.
so wohl tat feinen Augen bas Gewoge ber silbernen Gewänder. Und als die erste Frühe kam, da wurden ihre Leiber blaß: doch sah er sie noch alle, wie sie in stiller Ruhe tarnen, ihm für fein Spiel zu danken. Und während er bedachte, daß dies viel schöner als mit Gold zu lohnen sei, tat ihm die Königin einen Schlag auf seinen Buckel, daß er den Stab zerbrechen hörte. Sogleich verschwanden alle in ber Helligkeit, unb nur ihr klingendes Gelächter blieb lange in ber Lust. Da glaubte er sich hier wie sonst verhöhnt und stieg mit bitterem Herzen in fein Tal zurück.
Zu Hause stand seine Mutter vor der Tür am Wasser und wusch sich den Schlaf aus ihren Augen, sie tat vor Freude einen Schrei: unb als er seine Geige fast in den Strom geworfen hätte, so weh tat ihm das: da riß sie ihn am Arm zum Wasser hin, unb in ber grünen Morgenflut sah er sein Spiegelbild wie einen schlanken Lebensbaiiin------
Bayerisch.
Was nicht im Wörterbuch steht.
3n ber bei Piper & Co. in München erscheinenden Serie „Was nicht im Wörterbuch steht" — aus der wir früher schon den Band „Sächsisch" vvn Hans Reimann hier angezeigt haben — ist ein neues Büchelchen erschienen, das sich äußerlich zwar kanariengelb präsentiert, innerlich aber und seinem Wesen nach brav und kernig die blau-weiße Rautenfahne hochhält, denn es handelt vom Lande und Volksstamm der Bayern.
Der Verfasser heißt 3oseph Maria Lutz, und es ist ein schönes, lustiges und äußerst anschauliches Buch') geworden, mit Liebe und tiefer Sachkenntnis geschrieben von einem, der dazu berufen war, weil feine Wiege in Altbayern stand. Wer es gelesen hat, der weiß Bescheid: er wird mit Gründlichkeit. Schritt für Schritt gewisser- maßen, in die weihblauen Bezirke und 'Belange eingeführt. Lind wer im nächsten 3ahr nach Bayern fährt, in die Sommerfrische oder aus anderem Anlaß, der stecke sich das gelbe Bändchen ein als Baedeker und Wörterbuch.
*) Dayerisch. Don 3oseph MariaLutz. Mit vielen Federzeichnungen von Karl A r - nolt) und Paul Reu. Farbiger Umschlag von Walter Trier. Flexibel kartoniert 3,20 Mk., in Ganzleinen 4,50 Mk. München, R. Piper & Co. — (256.) -
Erst lernt man die Landschaft kennen, den Menschenschlag und den Dialekt. Die Graminatik ist mit vielen kernigen Beispielen ausgestattet, mit Redensarten, Sprichwörtern, Schnadahüpfln und Bildern. Dann wird man mit Wesen und tieferem Sinn der altbayerischen Geräte und Werkzeuge vertraut gemacht, als da sind der Mah- frug, die Pfeife und das „im Griff feststehende" Messer, welches bekanntlich in der Hintertasche der „kurzen Wichs" getragen wird und den verschiedensten Zwecken dient.
Das Hauptkapitel, sozusagen mit drei Sternen versehen, handelt natürlich vom bayerischen Bier, und es ist sehr lehrreich zu lesen für alle, die sich im Hofbräuhaus mit Anstand zu benehmen und nicht unliebsam-preußisch oder sonst als Ausländer aufzusallen wünschen. Aber auch die bayerische Speisekarte wird gewürdigt, und die weibliche Leserschaft wird ihr Kochbuch gern mit Originalrezepten für „Hallertauer Bauern- Echmalznudeln" oder „Bayerische Topsenratzl" bereichern.
Ein merkwürdiges und recht spannendes Kapitel handelt vom Wildern: ein anderes, volkskundlich sehr aufschlußreich, von der altbayerischen Bauernhochzeit: ein weiteres von bayerischen Teufeln und Ge'penstern: und den Beschluß machen die tiefsinnigen Betrachtungen „Vom richtigen bayerischen Sterben" und „Don der schönen ßeicb“.
Das Ganze ist, mit vielen heiteren unb illustrativen Zeichnungen von Karl Arnold und Paul Reu geschmückt, kurzweilig unb mit großem Ruhen zu lesen. 7’
Oie Pechsträhne.
Heber allerlei Spieler plaubert Hans Kafka im Rovemberheft von Delhagen & Klast n g s Monatsheften. „Den echtesten unb leidenschaftlichsten", so erzählt er, „fand ich in einem Manne, der an der Mole eines Riviera- Hafens herumlungerte. Ein Ausländer trat auf ihn zu und sagte: .Wollen wir nicht ein kleines Spiel riskieren?' Gewiß, warum sollte er nicht, es war Samstag, und in seiner Tasche klimperte ber Lohn. .Also Passe auf. fuhr ber Frembe fort, .das ist ein neues Spiel. 3ch nehme bie eine Pflaume in die Hand, schließe bie Hand, lege sie auf den Rücken — und bu rätst nun,
ob die Pflaume ganz ist oder zerquetscht — Verstehst du! Wenn Du richtig rätst, bekommst bu von mir fünf Solbi, wenn nicht, hast bu sie zu bezahlen.' Der Spieler riet: .Zerquetscht' — der Frembe nahm bie Hanb nach vorne, öffnete sie, bie Pflaume war ganz. Der Spieler riet: .Ganz' — aber als er dann in die Hand sah. lag bie Pflaume zerquetscht darin. Das ging so eine Weile weiter, der Mann hatte bereits den Wochenlohn verspielt und setzte nun seine Mühe, seine Weste, seine Schuhe — 3d) nahm ihn einen Augenblick beiseite: .Sind Sie wahnsinnig? Das kann doch niemals für Sie gut ausgehen. Sagen Sie ganz', so zerquetscht er die Pflaume eben rasch hinter seinem Rücken, sagen Sie .zerquetscht', so zeigt er sie 3hnen ganz.' Der Spieler sah mich an: ,3a. ja, es handelt sich um eine Pechsträhne. 2lbcr jetzt kann ich nicht aufhören, wo ich soviel« verloren habe. Einmal muß ich doch gewinnen.'"
Oer Ausbrecher als Plastiker.
Eine nicht unbedeutende plastische Begabung offenbarte ein berüchtigter Einbrecher namens Balog bei feinem Versuch, aus dem ungarischen Gefängnis von Györ auszubrechen. An dem Abend, bevor er die Flucht durchführen wollte, knetete er aus Brot, das er sich aufbewahrt hatte, eine ziemlich ähnliche Porträtbüste von sich selbst unb legte sie in sein Bett, um die Wärter au täuschen. Den eisernen Ofen in seiner Zelle stellte er so, daß der übrige Teil deS Körper- verborgen war. Rachbem er die Vergitterung burch- gcfeilt hatte, lieh er sich an einem Seil, das er aus Streifen seine- Bettuches gedreht hatte, aus dem Fenster herunter. Aber da- Seil war zu kurz: er mußte herunterspringen und verstauchte sich dabei den Fuß. so daß die Wächter, die durch den Lärm des Falles aufmerksam geworden waren, den angehenden Plastiker leicht wieder einfangen konnten.
£od)fd)ulnacf)rid)fcn.
Dr. Hermann Mark, außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule in Karlsruhe und Leiter des Physikalisch-chemischen Laboratoriums der 3G-Farbenindustrie AG. in Ludwigshafen, hat den Ruf an die Universität Wien als Rachfolger von Professor R. Weg- scheider angenommen und bereits feine Ernennung zum ordentlichen Professor für Chemie erhalten.


