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Roman von Gert Gothberg.

Copyright by Markin Feuchtwangsr, Hall«.

4. Fortsetzung. Nachdruck verboten I

Aenne Ohlen stand nun fertig angekleidet in dein hohen schönen Zimmer. Hell und strahlend warf der Spiegel dieses vornehmen Ankleide­raumes ihre schlanke Gestalt zurück. Das Mädchen griff sich immer wieder an den Kopf. Es mußte doch ein Traum fein, was sie hier erlebte? Ein wunderschöner, unfaßlicher Traum?

Eine Rolle!

Kein Traum! Nur eine kleine Nolle im Macht­dasein eines Mannes! Nichts weiter!

Sie hatte nur dafür Sorge zu tragen, daß sie diese Rolle gut spielte. Weiter verlangte man von ihr nichts. Uni) sie hatte gar keine Ursache, jetzt hier zu stehen und an ein Märchen zu glauben.

Da erschrak sie bis ins Herz hinein. Die Mutter und Marga warteten!

Sie hatte keine Gelegenheit mehr, noch heute abend in die Stadt zu fahren. Sie mußte, wenn es spät würde, gleich hier bleiben bis morgen früh. Aber dann mußte sie ihre Angehörigen verständigen, denn die Mutter würde sich doch furchtbar ängstigen. Und Marga auch. Wenn die Schwester auch nach außen hin immer hart und unfreundlich schien, so liebte sie sie doch sehr, das wußte Aenne.

Es klopfte. Gleich darauf trat Doktor Ans- brück über die Schwelle.

Er blieb stehen. 3n seinen Augen war etwas, was sic nicht enträtseln konnte.

Eine Märchengcstalt!

Das silbcrdurchwirkte Kleid schmiegte sich um den schlanken Mädchcnkörper. Ganz lang war es und umgab die weichen Linien wie ein schil­lernder Schleier. Goldig schimmerten die blonden Locken. Die kleinen Füße steckten in weißseidenen Schuhen mit silbernen Agraffen. Die Hände hiel­ten ein bißchen ratlos eine herrliche künstliche Rose von mattestem Rosa.

Aenne wußte nicht: Sollte sie diese Rose an der linken Schulter befestigen oder wollte er, daß sie Schmuck trage? Beides ging nicht. Sie besaß einen äußerst guten Geschmack. Madame Endiee rief sie zuweilen zu sich in ihr Privat- »immer, wenn es einmal wieder etwas ganz Be­sonderes auszudenken gab für irgendeine der reichen verwöhnten Kundinnen.

,,©ie sind - sehr schön, kleines Mädel. Möchten Sie nicht die Blume da auf der Schul­ter befestigen? Ich nehme an, daß diese Blume zu dem Kleide bestimmt war?"

3a. Aber Madame Gndiee ließ sie nicht be­festigen, weil weil Frau Doktor Ansbrück gern Schmuck trug und die große auffallende Blume dann nicht mit in den Rahmen paßte."

3<b möchte aber, daß Sie keinen Schmuck, sondern nur diese matte Rose tragen", sagte er leise.

Aenne trat vor den Spiegel, befestigte mit einer feinen Nadel die Blume. Hinter sich sah sie den Mann stehen, der ihr diesen Vorschlag, diesen ganz abenteuerlichen Vorschlag gemacht. Groß, elegant, dunkel, ein Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle. Und sie, das kleine Nichts, die kleine Modistin Aenne Ohlen!"

Eine Nolle!

Marionetten! Es gab vielleicht viele Mario­netten im Leben dieses Mannes. Und heute war sie eben auch einmal eine dieser Puppen, die ohne eigenen Willen waren und sich in das Leben dieses Mannes einzusügen hatten, wenn er ihnen einen Platz anwies.

Sonderbar! Aenne wußte nichts von ihm. Sie wußte nur. daß seine Frau eine der besten Kun­dinnen der Madame Endiee war und daß der Gatte bisher jede noch so hohe Rechnung bezahlt hatte, wenn sie ihm vorgelegt wurde.

Die andern jungen Mädchen hatten die schöne, elegante Frau Doktor Ansbrück stets beneidet, und Trude Meller hatte einmal ein bißchen ge­hässig gesagt:

..Und sie ist auch arm gewesen, ganz arm. Aber ihre Eltern haben bis zuletzt einen großen Hausstand geführt, und da hat eben keiner hinein­blicken können in die wahren Verhältnisse. Nun hat sie sich eben diesen reichen Mann eingefan­gen und kann sich nun jeden Wunsch erlauben. Vielmehr, er erfüllt ihn ihr. Wahrscheinlich ist er toll verliebt in sie. denn schön ist sie ja. Meint ihr nicht auch, daß sie sehr schön ist?"

Und alle elf jungen Mädchen hatten zugestimmt. Auch sie. Aenne Ohlen.

Aber nun stand sie hier, im Heim dieser Frau, deren Gatten gegenüber, und sie trug das kost­bare Kleid.

Er trat plötzlich zu ihr. Seine Hand zupfte die Rose auf ihrer Schulter zurecht, berührte dabei die weiße, samtweiche Haut.

Aenne zuckte zusammen. Sie wollte zur Seite treten, von ihm fort. Da wankte sie: es wurde ihr schwarz vor den Augen. Vornüber, nach dem Spiegel zu neigte sie sich.

Seine Arme legten sich um sie.

..Was ist Ihnen denn, kleines liebes Mädel?"

Noch zitterten die Knie, aber das Mädchen strebte fort aus den starken Armen, während ein rasendes Herzklopfen ihr bis im Halse saß.

Da lächelte Doktor Rudolf Ansbrück. Deine Stimme klang ruhig, fast väterlich:

-Diese völlig unerwartete Rolle, die ich Ihnen

-zuschiebe, die verwirrt sie natürlich etwas. Das ist zu verstehen. Ist Ihnen wieder besser?"

,.3a!"

Fast unverständlich klang dieses 3a zu ihm herüber. Dann aber besann sich Aenne:

..Herr Doktor, meine Mutter muß wissen, wo ich bin. Die sorgt sich sonst. Sie hat nur erfahren, daß ich heule später heimkomme, weil ich noch ein Kleid auswärts abliefern mußte. Ich bin noch nie so spät heimgekommen. Wie lange werden die Gäste hierbleiben?"

..Cs wird sicher spät werden. Zwei Uhr be­stimmt. Aber mein Auto bringt Sie selbstver­ständlich dann sofort heim."

..Nein! Wenn jemand merkt, daß ich so spät heimkomme? Man kommt so schnell in ein schlech­tes Licht. Dürfte ich hier in irgendeinem Winkel­chen warten? Ich fahre dann lieber gleich von hier aus ins Geschäft. Nur Mutter muß wissen, wo ich bin.

..Sie haben recht. Schreiben Sie also ein paar Feilen. Ich werde anrufen. Mein Chauffeur kann den Brief zu Ihrer Frau Mutter bringen. Meine Dienerschaft ist leider zum größten Teil fort. Doch es wird auch so gehen. Bitte, hier!"

Er durchquerte das Zimmer, öffnete die Tür links, die in ein ganz in Hellblau gehaltenes Damenzimmer führte.

In der Ecke stand ein Schreibtisch, und Aenne schritt hinüber. Nach einigem Zögern schrieb sie die Zeilen an die Mutter.

Doktor Ansbrück entschuldigte sich und ging, um den Boten herbeizurufen.

Der Chauffeur wohnte mit seiner Frau im Gartenhause: er war ein sehr zuverlässiger Mann. Die Frau meldete sich.

..Guten Abend, gnädiger Herr! Mein Mann ist noch nicht zu Hause. Er wird aber gegen zehn Uhr da fein.

.Danke. Frau Iordan. Es ist zwar ärgerlich, läßt sich aber nicht ändern. Na. schicken Sie ihn mir herüber, sobald er kommt. Im übrigen hatte ich ganz vergessen, daß er heute seinen freien Tag hat. Guten Abend. Frau Iordan."

..Guten Abend, gnädiger Herr!"

Das war ärgerlich. Nun. dann mochte Iordan gleich mit dem kleinen Wagen in die Stadt fahren, denn der letzte Zug ging gegen einviertel zwölf Uhr in die Stadt. Wann sollte der Mann denn da den Brief überbringen? Inzwischen würde die Mutter des Mädchens sich schon halbtot geängstigt haben, denn das schienen sehr ehr­bare Leute zu fein.

Nafch ging Doktor Ansbrück jetzt den Gang hinunter. Er mußte doch noch feinen alten Diener instruieren.

Der wartete schon in feiner besten Livree und in weißen Handschuhen.

Karl!"

Gnädiger Herr?"

Die gnädige Frau ist abgereift. Hier befindet sich eine junge Dame, die für heute abend ein­mal die Rolle meiner Frau übernehmen wird, damit der Besuch Mister Harrisons und seiner Gemahlin nicht abgesagt werden muß. Verstehst du? Du nennst die junge Dame also .Gnädige Stau' und paßt gut auf, damit eventuelle kleine Versehen unauffällig wieder gutgemacht wer­den können. Ich bin der jungen Dame zu großem Dank verpflichtet. Richte dich danach!"

Iawohl, Herr Doktor"

Im Hirn des alten Mannes wirbelte ?s. Es wirbelte schon seit Tagen darin, denn der Alte hatte doch schon die ganze Zeit über Unheil ge­ahnt.

Seit dem Tage, an dem der Baron Ilzenescu hier gewesen war. Zu einer Zeit, in der der Herr Doktor nie zu sprechen war. Diese zwei Stunden gehörten seit Iahren feinen Direktoren zwecks Besprechungen.

Und da hatte eben der Baron bei der gnä­digen Frau gesessen.

Die gnädige Frau fuhr auch oft allein zur Stadt. Freilich, sie hatte die Ausrede, daß sie zu ihren Eltern fahre. Vielleicht war es auch die Wahrheit! Vielleicht auch nicht!

Er, der alte Karl, hatte die schöne junge Her­rin immer mit Mißtrauen betrachtet. Das hafte nie jemand bemerkt, selbstverständlich nicht. Er war doch ein wohlgeschulter Diener. Doch sein Inneres war wirklich voll Mißtraue^, gegen triefe schöne junge Frau.

Karl war schon im Hause des alten gnädigen Herrn Doktor Ansbrück gewesen. Er war dann jahrelang mit seinem Herrn, mit dem jungen Herrn, allein gewesen, bis der sich mit fünfunb- dreißig Iahren verheiratete.

Seitdem waren Ruhe und Frieden vorüber ge­wesen. Immer war irgend etwas los. Entweder war hier das ganze Haus voll Gäste, oder die Herrschaft ging ins Theater, zum Konzert oder zu irgendeinem Fest.

Dabei war der Herr Doktor immer so ge­duldig gewesen? Immer!

Nicht eine Miene hatte er verzogen, wenn er gegen Abend müde nach Hause kam. Und er hätte es sich doch gewiß lieber ein bißchen ge­mütlich gemacht, statt wieder in Gesellschaft zu gehen und Abend für Abend unter fremden Menschen zu sein.

Aber er hatte seine Frau geliebt? Hatte ihr jeden Gefallen getan.

Erst feit einem halben Iahr waren oft Reibe­reien entstanden. Bis ein tiefer Riß in dieser Ehe entstanden war. den vielleicht schon heute nichts mehr kitten konnte?

Der alte KarlUvußte dAs alles nur zu genau, und Trauer war in seinem alten treuen Hirzen, weil sein geliebter Herr kein Glück gefunden hatte.________ sFortsetzung folgt.)

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