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Nr. 101 Erster vlati

182. Jahrgang

Samstag, 30. April 1932

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Derantwonlich für Polliik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr.H.Tkyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Mar Filter, fämtlid) in Gießen.

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Flucht aus Genf.

Allzu lange, saft vier Monate hindurch, haben häusliche Angelegenhetten Deutschlands Blick uom großen politischen Welttheater obgelenkt und nun, wo es wieder sein ungeteiltes Interesse dem Schau- plast der Außenpolitik zuwendet, tritt dort grade einer der .Hauptakteure von der Buhne ab, um erst dann wieder vor den (Genfer Kulissen zu erscheinen, wenn daheim klare Entscheidungen gefallen sind. Wir haben hier stets die Auffassung vertreten, daß sa dicht vor den französischen Mommerroah(en für d'e ttlarung der großen außenpolitischen Probleme, Xributfrage, Abrüstung, wirtschaftliche Sömerung des Donauraums nichts oder jedenfalls nicht sehr viel werde geschahen können. Als der amerikanische Staatssekretär Stimson auf Grund von allzu optimistischen Informationen seiner Genfer Ver­trauensleute die '.Reife über den großen Teich an» trat, mochte er hoffen, sein persönliches Erscheinen in Genf werde genügen, auf ivohlvorbereitetem Vaden durch einen letzten energischen Druck das un­einige Europa zusammenzubringen. Auch er brauchte |a für feinen Ehes, den Präsidenten Hoover, sichtbare außenpolitische Erfolge, die sich im Wahlkampf um die Präsidentschaft gegen die scharfen .Kritiken aus den eigenen Reihen her Republikanischen Partei so­wohl wie der Demokraten als stärkste Werbung für die Wiederwahl Hoovers hätten verwenden lassen. Nun kehrt er mit leeren Händen heim, schwer ncr- stimmt über eine peinliche Situation, in die ihn der unberechtigte Optimismus der amerikanischen Dele­gierten hineinmanovriert hat und die ihm drüben leicht als politische Niederlage angekreidet werden kann, wenn es ihm nicht gelingt, die wahren Schul­digen gebührend bloßzustellen. Er nimmt nur den Troff mit, daß seine beiden Kollegen Macbonald und Brüning, die die unter'der Oberfläche lie­genden Schwierigkeiten der Lage richtiger hatten einschatzen können, sich offenbar ebenfalls täuschen ließen, als sie sich der Hoffnung Hingaben, durch eine offene Aussprache der Hauptbeteiligten werde man dte beiden Konferenzen von Gens und Lausanne für schnelle und durchgreifende Entscheidungen reif machen können Dein war eben nicht so. Die Franzosen lallen sich das Tempo nicht vor­schreiben,, mag auch den andern die Not noch so sehr auf den Nageln brennen.

Der 'Verlauf der Abrüstungskonferenz mochte die irrige Vorstellung genährt haben, daß vielleicht jetzt schon die Zeit für den entscheidenden Schlag gegen die französische These gekommen sei. Frankreich war in Gens isoliert, die fronten klar abgesteckt, die große Krisis der Konferenz mochte tatsächlich schon vor der Tür stehen. Die gespannte Lage rief die Ministerpräsidenten und Außenminister derGroßen Fünf" auf den Plan. Aber die Fran- ,zofen brachen noch ersten Vorfeldgefechten den Kampf ab. Erst nach Wochen wird er vielleicht unter anderen Verhältnissen wieder ausgenommen werden, denn ohne daß er zum Austrag gekommen ist, wird die Welt nicht klar sehen, wohin der Kurs gehen soll. Worum es geht in Genf, muß ja aus den De­batten der Abrüstungskonferenz auch den Schwer­hörigsten klar geworden fein. Frankreich verteidigt mit verbissener Zähigkeit und raffiniertester Taktik feine Vormachtstellung in Europa, deren Hauptstützen neben dem Geld die unvergleichliche Rüstung und das Bündnis mit bis an die Zähne bewaffneten und in absoluter politischer und finanzieller Hörig- feit gehaltenen Vasallen sind. Feder Punkt des Ab­rüstungsprogramms bedeutet einen Vorstoß gegen die französische Allmacht und fordert die Franzosen zu schärfster Abwehr heraus. Sehr bezeichnend da­für war der Kampf um die Abschaffung der schweren Angrissswafsen, die von den Engländern beantragt worden mar. Der Antrag, der wichtigste und grundlegendste für das ganze Ab- rüftungsproblem nach der qualitativen Seile hin, fand die selbstverständliche Unterstützung Amerikas, Deutschlands und Italiens wie sich überhaupt hier zum erstenmal ein ganz deutliches und be­tontes Zusammenarbeiten der beiden angelsächsischen Mächte mit den beidenrevisionistischen" Mächten Deutschland und Italien abzeichnete aber auch sämtliche kleineren Staaten von einiger Bedeutung traten dem radikalen englischen Antrag bei. Mit Ausnahme natürlich der französischen Gruppe. Die schickte einen ihrer gewiegtesten Diplomaten, den Rumänen Titulescu, vor, um aus einer prekären Situation noch zu retten, was zu retten war und mit Unterstützung einiger kleinen süb- und mittel» amerikanischen Staaten, die in Wahrheit an der Abrüstungskonferenz keinerlei praktisches Interesse hatten, gelang cs den Franzosen, einen sofortigen Beschluß zu verhindern mit der fadenscheinigen Be- griinbung, durch völlige Abschaffung der schweren Angriffswaffen entziehe man dem Völkerbund, als dem Garant der internationalen Sicherheit die Hauptmasse, mit deren Hilfe er im Falle einer Be­drohung des Friedens gegen den Angreifer ein- schreiten könne.

Daß bei einer radikalen Beseitigung der schweren Angriffswaffen ein Bruch des Friedens überhaupt, wenn nicht ganz unmöglich, fo doch sehr erschwert wird, wird bei dieser Beweisführung natürlich mit voller Absicht übersehen. Man steuerte bewußt wie- der auf das schon zu Beginn der Abrüstungskonfe­renz von Tardieu selber vorgelegte französische Pro- gramm einer internationalen, im Bedarfsfälle dem Völkerbunde zur Verfügung zu stellenden Armee l)in, um unter vieler Deckmarke die eigenen Rüstun­gen natürlich nur im Interesse der Wahrung der internationale;! Sicherheit aufrechterhalten zu können. Es ist bedauerlich, daß die Engländer offen­bar auf persönliche Intervention Tardieus hin sich mit Rücksicht auf dessen innerpolitisches Prestige zu Zugeständnissen bereitfinden ließen, die den ur­sprünglichen englischen Antrag stark verwässerten. In dem bann angenommenen Kompromiß fanb neben bem Verbot der schweren Angriffs-

Wiederaufnahme der Genfer Besprechungen für Mitte Mai in Aussicht genommen.

Oie amtliche Mitteilung.

Eine letzte Besprechung der Telcgationsfüßrer ohne inrbicn.

Gens, 24. April. (1DIB.) lieber die Befpredjuh- 9*n zwischen den Ministern der fünf großen Mächte wurde folgendes (Kommunique vereinbart:

3n der Villa Beffinge, dem gegenwärtigen Wohn­ort des amerikanischen Staatssekretärs Stimson, hat heute nachmittag unter dem Vorsitz Hamlet) Macdonalds eine Besprechung zwi­schen den gegenwärtig in Gens weilenden haupt­delegierten Deutschlands, Amerikas, Gtohbrttcm- niens, Frankreichs und Italiens stattgesunden. Es herrschte Einverständnis darüber, daß es dringend e r w ü n sch t fei, daß die mit der Aussicht auf gute Ergebnisse zwischen den Führern dieser Delegationen eingeleiteten Unterredun­gen sobald w i e möglich wieder aus­genommen würden, nachdem sie dadurch unver- meidlicherweise unterbrochen wurden, daß der französische TTTiniflerpräfibcnt Tardieu im Augen­blick nicht nach Genf zurückkehren konnte. Es ist beabsichtigt, daß die Wiederaufnahme der Unterredungen innerhalb der nächsten 1 4 läge stattfindet. Der genaue Zeitpunkt wird die­ser Tage festgefeht.

Der Genfer Sonderberichterstatter des ,/Dlatin" behauptet, in der gestrigen Genfer Sitzung der De- legationsführer habe Macdonalb vorgeschlagen, jede weitere Diskussion der Abrüstungskonferenz möglichst bis zum 1.9 u n i z u vertagen. Gr habe dies mit der Notwendigkeit begründet, die Konserenzgebiete vorzubereiten, das heiße, daß die bisher geleistete Arbeit seiner Ansicht nach leinen Zweck gehabt habe. S t i m f o n habe sich dieser Ansicht Macdonalds angeschlossen, aber doch ge­meint, daß eine z u lange Aussetzung der politischen Aussprache die öffentliche Mei- nung unangenehm beeindrucken würde. Er habe deshalb an Paul Boncour die Frage ge­richtet, ob er glaube, daß nach den franzö­sischen Wahlen ein Kompromiß zwischen den deutschen Forderungen und dem französischen Sy­stem leichter zu erzielen sein würde. Paul- B o n c o u r habe nur erwidert, daß die französische Delegation bereit sei, in privater oder öffentlicher Sitzung den Mechanismus ihres Bor- schlages einer internationalen Orga - nifation der Sicherheit darzulegen.

waffen auch auf französischen Wunsch die Möglich­keit einer Internationalisierung Platz. Der Streit über die Frage, was sind denn nun schwere Angriffswaffen" wurde ebenfalls aus Entgegenkommen sjßr die stark prestigebedürftige französische Regierung hinter die Kulissen in die technischen Kommissionen verlegt. Allerdings nicht, ohne daß es deutlich wurde, daß namentlich Ame­rika, aber auch England und Italien die im Ver­sailler Diktat niedergelegte Definition für die Be­stimmung der schweren Angriffswaffen als Richt­schnur anzunehmen geneigt waren. Das ist zweifel­los trotz aller französischen Winkelzüge und Ab- schwachungsversuche ein Erfolg Deutschlands. Die deutsche Politik in Gens kann immer nur auf die Erlangung der Gleichberechtigung hinarbeiten. Sie kann sich niemals mit einer einfachen Beschränkung der Rüstungen zufrieden geben, die das gegenwär­tige ungleiche Rüstungsniveau aufrechterhält. Des­halb müssen entweder die uns aufgezwungenen Ent­waffnungsbestimmungen des Versailler Diktats als Richtschnur für die allgemeine Abrüstung gelten oder man muß Deutschland bas Recht zubilligen, seine eigenen Rüstungen auf den gleichen Stand zu brin­gen, der von der Abrüstungskonferenz als allge- meine Norm festgesetzt werden wird.

Um diesen Grundgedanken der deutschen Ab» rüftungspolitif ist dann in Genf in den vertrau­lichen Besprechungen zwischen den leitenden Mi­nistern der fünf großen Mächte mit großer Zähigkeit gerungen worden. Wie weit namentlich die Ver­einigten Staaten diesem Gesichtspunkt an­scheinend Rechnung zu tragen gewillt waren, geht aus etimfons Vorschlag hervor, die Heere ent­sprechend dem deutschen Beispiel auf ein Maß zu beschränken, das ausschließlich zur Verteidigung der Grenzen und der Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern ausreiche. Die völlige Beseitigung der schweren Angrissswafsen würde nach Auftastung Stimjons ein erster wesentlicher Schrill für die Gleichstellung Deutschlands mit den anderen Natio­nen sein. Es müsse nun noch eine Formel gesunden werden, um neben der qualitatiocn Gleichstellung auch quantitativ also ziffernmäßig die bestehende Ungleichheit zwilchen dem entwaffneten Deutschland und seinen ausgerüsteten Nachbarn zu beseitigen. Amerikas Dermitllungsvorschlag lief nun offenbar darauf hinaus, durch eine zahlenmäßige Vermeh­rung der deutschen Streitkräfte einen Rüstungs angleich an Frankreich zu schaffen. Man sieht, mit welcher Eneraie Stimson auf entscheidende Klar­stellungen lossteuerte und wie west die Dinge schon gediehen waren, als sich der Gegenspieler, Herr Andrö Tardieu, durch schleunige Flucht in die Krankheit jeder wetteren Pression der tret Mächte

Daraufhin habe man grundsätzlich beschiofsen, die nächste Sitzung der Delegationsfuhrer am 1 2. M a i abzuhasten.

Oeuischland erstrebt schnelle Entscheidung.

Genf, 29. Avril. (Hl.) Bei der deutschen De­legation wird die soeben veröffentlichte Veradre- dung über die Fortsetzung der Besprechungen um so mehr begrüßt, al6 Reichskanzler Dr. Brü­ning vor seiner Abreise in seinem dringenden Appell an die Weltpresse die Notwendigkeit be­tont hat, die großen politischen Fragen, zu denen vor allem die Abrüstungssrage gehört, ent­schlossen und unverzüglich anzu- baden. Trotz der französischen Haltung haben sich also die fünf Mächte darauf geeinigt, die Be­sprechungen wieder aufzunehmen. Es handele sich hierbei um die beiden Hauptfragen der Ab­rüstungskonferenz. die Gleichberechtigung Deutschlands und die Stellungnahme zu den französischen E i ch e r h e i t s v o r s ch 1 ä- gen, von deren Regelung der weitere Verlaut

der Abrüstungskonferenz m entscheidendem Maße abhängig fei. In maßgebenden Kreisen sei man jetzt zu der Ueberzeugung gelangt, daß ohne eindeutige Regelung dieser beiden Fragen ein Fortgang der Arbeiten der Abrüstungskonferenz undenkbai sei, und daß deshalb in Kreisen der fünf maß­gebenden Mächte eine eindeutige Stellungnahme und Klärung dieser Frage berbeigefübrt werden müf fe. Aus deutscher Seite wird der Mcberbriidung der deutsch-französischen Gegen­sätze sowohl in der Rüdwirkung aul die Reparationsfrage als auch für die ge­samte deutsche Abrüstungspolitik weittragende Be­deutung beigemessen Die neue Füns-Mächtekon- ferenz wird jetzt zunächst in diplomatischen Ver­handlungen zwilchen den Hauptstädten vorberei­tet werden, in denen auch der endgültige Zeitpunkt festgesetzt werden wird. Bon deut­scher Seite wird festgestellt, daß somit der Ver­such Frankreichs, ein Zustandekommen der Fünfer- Besprechung zu verhindern, vorläufig als gescheitert angesehen werden muß

Oie pariser presse Über Brüning aufgebracht.

OerTemps" verfällt in Kriegspsychose.

Paris, 29. April. (TU.) Die Erklärungen, die Reichskanzler Dr. Brüning vor den Vertretern der internationalen Presse abgab, veranlaßen einige große Pariser Blätter zu Kommentaren, daß Dr. Brüning besonderen Nachdruck auf die Notwendig­keit einer deutsch-französischen Annäherung habe legen können. Das3 o u r n a 1" betont, es (ei ge­radezu überralchend, Dr. Brüning von der bringen- den Notwendigkeit einer deutsch französischen An­näherung sprechen zu hören und nach dem Wahl erfolg der Nationalsozialisten aus seinem Mund zu erfahren, daß alle Deutschen in Frieden zu arbeiten wünschten. Der Friede, an dem die Deut- schon mitzuarbeiten wünschten, sei jedoch nicht derjenige, der augenblicklich bestehe. Wenn der Reichskanzler ferner besonderen Nach­druck auf eine rasche Lösung der schwebenden Fragen und auf die Notwendigkeit der Wiederher­stellung des Vertrauens gelegt habe, so könne man ihm nur Recht geben. Eine andere Frage sei aber die, ob seine Erklärungen wirklich geeignet seien, in Frankreich besonderes Vertrauen zu erwecken.

DerT e m p s" schreibt u. a.. der Reichskanz­ler habe Formeln gefunden, deren schein­bar e H a r m l o s i g k e i t recht beunruhi­gend sei. Dr. Brüning habe von den allzu zahl­reichen Enttäuschungen gesprochen, die Deutschland aus aussenpolitischem Gebiet erfahren habe. Die Tatsachen bewiesen aber doch offen­kundig. daß Deutschland nur Vorteile er­zielt habe, w'e sie fein für die absicht­liche Entfesselung des Krieges ver­antwortliches Volk, das diesen Krieg nach vierjährigem harten Kamps und beständiger Verletzung des Völkerrechts verloren habe, jemals von der Edelmütigkeit sei­ner Besieger hätte erhoffen können Dec ,Temps" findet, daß Deutschland für all die großen Wohltaten, die es empfangen hätte, nichts getan habe, es sei denn die nationalsozialistische Agitation und Ausreizung, der sich Deutschland mit einer Art Raserei hin­gebe und die in so gefährlicher Weise die Aus- söhnungS- und Friedenspolitik kompromittiere.

entzog. Man wirb nicht einmal bezweifeln brau­chen, daß der französische Ministerpräsident im Wahlkampf tatsächlich seinem Kehlkopf etwas zuviel zugemutet hat, aber die Heiserkeit kam Herrn Dar» bieu gewiß ganz auherorbentlich gelegen, um einer Fortsetzung der ihm unbequem werdenden Genfer Zusammenkunft ans dem Wege zu gehen. Es hat Staatsmänner gegeben, die sich trotz ernster War­nung ihrer Aerzte in schwer leidendem Zustand zu großen Konferenzen begaben, weil sie es für ihre Pflicht ansahen, bis zum letzten Atemzuge ihrem Daterlanbe zu bienen. Strefemann war schon ein vom Tobe Gezeichneter, als er im Haag um die Be­freiung des Ryeinlandes rang. Auch Herrn Tardieus Kameraden in Genf find Rekonvaleszenten. Mac- donald riskierte trotz des ärztlichen Protestes den Flug nach Genf, wo er in verdunkelten Zimmern fein krankes Auge schonen muß, und der amerika­nische Staatssekretär wäre seine Influenza gewiß auch schneller losgeworden, wenn er in Washington geblieben wäre.

Aber Herr Anbr6 Tardieu, ihnen allen an kör­perlicher Robustheit weit überlegen, wagt nicht den Sprung von Paris nach Genf aus Furcht, er könne 'einem Hals zuviel zumuten. wenn in Genf von ihm auf klare Fragen eine klare Antwort verlangt werde. Dazu brauchte er feine schonungsbedürftigen Stimmbänder nicht einmal so arg zu strapazieren, denn mit den vier antwortheischenden Mächten wollte die West von Herrn Tardieu nur wissen, wie Frankreich es mit der Abrüstung halten will. Mit dem ausweichenden Disputieren kommen wir nicht einen Schritt weiter. Reichskanzler Dr. Brüning bat vor der Presse in aller Offenheit erklärt, daß die Beratungen in ein schnelleres Tempo kommen müssen, wenn die gefundenen Löiungen nicht zu spät kommen sollen. Aber Frankreich, in Genf bedenklich in die Enge getrieben, trotz immer noch rücksichtsvoller Behandlung isoliert, sieht, vor die Frage gestellt entweder ober, keinen anderen Ausweg als die Flucht aus Genf. Das ent­spricht natürlich auch den innerpolitischen Bedürf- nisten Herrn Tardieus, der am Vorabend der Wah­len sich nicht in den weittragendsten außenpolitischen Problemen persönlich sestzulegen wünscht, um damit je nach bem Ausgang der Wahl seine Stellung bei der nationalistischen Rechten zu erschüttern, ohne bauir die Gunst der Radikalen Herriots einzu- tauschen. Er will freie Hand behalten für alle Som­binationen und kann daher irgendwelche außen­politischen Bindungen nicht brauchen. Und bi ei er taktisch wohlbegründete Rückzug aus Genf wird be­gleitet von lauten Warnungssignalen der Pariser Presse an die Adresie der dort zurückgebliebenen Staatsmänner. Nehmen wir ein Blatt für viele

Wenn man in gewissen englischen Kreisen mit einer befremdenden Ruhe die Gleichberechtigung Deutsch­lands in der Nüstiingsfrage und die Politik des .Schwamm-brüber' in der Reparationsfrage behon- beit, so mag man sich auf keinen Fall der Hoffnung hingeben, daß es gelingen wird, auf diese Bahn d i e Nationen zu verleiten, die sich bewußt sind, was die Wahrung der Sicherheit für Europa er- heischt." So der vom Quai d'Orsay inspirierte Temps".

Wir Deutschen müssen uns indessen bei nüchterner Betrachtung der Lage bewußt werden, daß die Gen­fer Zusammenkunft auch für uns nicht unbedenklich hätte auslaufen können. Wir haben schon erwähnt, baß ben Amerikanern alles barnn liegen mußte, baheim etwas greifbares vorzuweisen, aus ben glei­chen Rücksichten auf die Wahlen, aus benen Tardieu mit Erfolg irgendwelche Entscheidungen zu verhin dem juchte. Stimson hat bei seiner Initiative in Gens das Hauptgewicht auf die Abrüstung vermut­lich deshalb gelegt, weil ohne irgendwelche Ergeb­nisse in dieser (frage bei der in den Vereinigten Staaten herrschenden Stimmung über Reparationen und Schulden überhaupt nicht zu reden fein wird. Werden diese Dinge in Zusammenhang gebracht, wie es die amerikanische Oesfentlichkeit zu tun liebt ohne Senkung der Rüstungskosten kein Schulden- nachlaß so erwächst für uns daraus die große Ge'ahr, in eine Zwangslage hineinmanövriert zu werden, dadurch, daß Aorüstung und Tributzahlung gegeneinander ausgespielt werden. Unsere Forde­rung auf Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage Hot, wie wir sahen, bei den beiden angelsächsischen Mächten Verständnis gefunden. Wird aber dieses sich auch in der Praxis bewähren, wenn man sich durch den üblichen Kuhhandel müht, die Franzosen zum Einlenken zu bewegen? Die Amerikaner könn­ten leicht der durchaus irrigen Ueberzeugung fein, doh irgendwelche Zugeständnisse in der Tributfrage etwa unsere Abrüftungsforderung herabmindern könnte, womit man dann ben Franzosen entgegen- kommen könne. Das wäre natürlich für Deutschland ein sehr gefährlicher Weg. Heute, wo unser Unver­mögen, noch irgendwelche Reparationszahlungen zu leisten, durch internationale Sachverständige fest- gestellt und von den Regierungen anerkannt ist, werden wir nicht mehr für ein Linsengericht unser Recht auf Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage eintauschen. Tardieus Flucht aus Genf hat vorerst diese heikle Situation nicht zu einer akuten Gefahr werden lasten. Aber wir müssen uns besten bewußt bleiben, daß die gleiche Lage früher ober später während der Verhandlungen in Lausanne ober Genf wieder auftauchen w-.rd. Doch die Gefahr er- kennen, ist schon der erste Schritt, sie zu vermeiden.