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29.12.1932 Erstes Blatt
 
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Ur. 306 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 29. Dezember (952

Der freiwillige Arbeitsdienst und die Gemeinden

Generaloberst Karl von Einem kann am 1. Ja­nuar seinen 80. Geburtstag begehen. Von Einem, der 1900 der militärische Organisator der China- Expedition war und von 1903 bis 1909 das preußi­sche Kriegsministerium leitete, führte 1914 das 7. Armeekorps siegreich durch Belgien und wurde dann Oberbefehlshaber der 3. Armee, mit der er sich in der Winterschlacht in der Champagne gegen sechsfache Uebermacht hielt. Auch 1917/18 vermochte er mit den ihm unterstellten Korps alle französischen Durchbruchsoersuche abzuweisen.

Chinas Große Mauer.

3n letzter Zeit war viel von Plänen die Rede, daß Chinas Große Mauer, dieses ehrwürdige hi­storische Bauwerk von 2450 Kilometer Länge, in eine moderne Automobilstraße umgewandelt wer­den sollte. Runmehr aber hat sich ihr Schicksal ent- schieden: das malerische Wahrzeichen des gewal­tigen Reiches der Mitte wird auch ferner unan­getastet in seiner heutigen Gestalt erhalten bleiben. 2>ie Eack.verständigen des chinesischen Eisenbahro- Ministeriums, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, sinh zu der Ansicht gelangt, daß die Um­wandlung der Großen Mauer in eine moderne Verkehrsstraße infolge ihrer lleberquerung gewal­tiger Gebirgsketten allzu schwierige Arbeiten und daher zu hohe Kosten erfordern würde. Diese wür­den sich in keiner Weise lohnen, da das Gebiet das den Ruhen von dieser Erschließung ziehen würde, sehr arm und zum größten Teil Wüsten­land ist. Mit einem wirtschaftlichen Aufschwung ist daher nicht zu rechnen. Außerdem ist immer nach der Meinung der Sachverständigen eine solche Umgestaltung der Mauer unvereinbar mit der nationalen Verteidigung und Sicherheit. Es scheint also, daß die Sachverständigen auch heute noch die Große Mauer für ein militärisches Boll­werk halten, genau so wie ihre Erbauer es taten, die sie den von Rorden eindringenden Eroberern als Schutzwall entgegengesetzt haben. B

schließenden Tür geduldig Posten gefaßt hat und die rotblonde Angela wohlgefällig und amüsiert betrachtet. Er lächelt ein bißchen, als sie ihre-Zei- chenkunste jäh unterbricht und sich mit konzentrier­ter Aufmerksamkeit wieder dem Apparat zuwendet:

Jawohl", sie hat schon einmal in einem kauf­männischen Betriebe gearbeitet und ist auch mit Propaganda-Angelegenheiten vertraut. Sie ist 22 Aah/e. das scheint glücklicherweise nicht zu viel zu fein für den in Frage stehenden Posten wohnt in Berlin und ist vollkommen unabhängig. Gewiß auch eine Reisetätigkeit könne sie aufnehmen, sogar sofort, wenn es sein muß, und erste Referenzen stunden zur Verfügung.

!?6t der Herr Doktor und bittet um ihre Adresse,oie bekommen Bescheid."

Ms Angela abhängt, ein bißchen erhitzt und er­regt und die kleine Filzkappe viel weiter auf dem achten Ohr sitzt als vorher, ist sie mit dem Verlaus öer Unterredung sehr zufrieden. Spätestens über­morgen kann der Bescheid da sein sie pudert rasch noch einmal über, denn nun muß sie sich ja wohl bei dem draußen wartenden Herrn für das ungebührlich lange Gespräch entschuldigen.

Aber als sie hinausttttt, ist von dem Herrn mit den Klugen grauen Augen keine Spur mehr.

benft sie, und eine kleine Enttäuschung mijdjt sich ln das aufsteig ende Glücksgefühl, endlich wieder eine Beschäftigung gefunden zu haben. Lang­sam macht sie sich auf den Heimweg, und erst un­terwegs fallt ihr ein, daß sie zwar von ihrer Per­lon alles Wissenswerte erzählt hat, der Herr Dok­tor es aber vermieden hat, irgend etwas Informie­rendes zu sagen. Ja, wenn sie es recht überlegt, weiß sie noch nicht einmal den Namen der Firma f5lan hat sich dort nur mit der Rufnummer ge- me>e1 g^ichweige denn etwas anderes. Und am nächsten Morgen, bei nüchternem Tageslicht er­scheint ^es ihr beinahe sicher, daß es sich um irgend­einen schwindel handelt, und sie ist sehr überrascht, als gleich die erste Post chr den Brief eines Herrn Sr. «chrader bringt: Zur Ergänzung Ihrer tele­phonischen Bewerbung bitte ich Sie, mich liebens­würdigerweise im Laufe des Tages aufsuchen zu

Beginnen wir mit hem Einkommen, das ja die Grundlage der gesamten Lebensführung bildet, so muffen wir feftftelLen, daß bei uns in Deutsch- lanb die aus der Unterstützung fließenden Bezüge nach den Kürzungen durch die verschiedenen Not­verordnungen heute so gering sind, daß davon kaum das nackte Leben gefristet werden kann. So beträgt die einer Familie (Ehepaar mit zwei Kindern) in einer Großstadt gewährte Unter­stützung im rohen Durchschnitt 17 bis 18 Mark wöchentlich. Dazu kommen freilich noch andere kleine Bezüge, so z. B. durch die Verbilligungsaktionen des Reiches und der Gemeinden, die den Erwerbslosen Nahrungsmittel zu ermäßigten Preisen geben, durch die private Wohltätigkeit (Winterhilfe), in letzter Zeit auch durch dieSelbsthilfe der Erwerbslosen", die Gemeinschaftsküchen errichtet haben, die billiges und doch nahrhaftes Esten liefert. Weiter darf aber aud) die U ehern ahme von kleineren Arbeiten durch Erwerbslose, wodurch ein kleiner Verdienst ersteht, nicht verschwiegen werden. Denn, daß durch diese sog.Schwarzarbett" eine sehr große wohl die weit überwiegende Zahl der dem Arbeiterstande angehörenden Erwerbslosen gelegentlich Nebenein­nahmen hat, ist zweifellos. Aber alle Liefe Zuschüsse fließen doch zu sehr unstet und sind auch nur recht gering. Sie dürften im Durchschnitt genom= men 1,50 bis 2 Mark wöchentlich kaum über­schreiten, so daß man als Gesamteinnahme einer Familie etwa 19 bis 20 Mark wöchentlich annehmen kann. Und davon ist alles zu bestreiten: Ernährung, Wohnung, Heizung und Beleuchtung, Bekleidung, sowie auch alle die anderen kleinen Be­dürfnisse: denn selbst bei bescheidenstem Einkommen kann und will der Mensch auf Lektüre und geistige Unterhaltung ebenso wenig verzichten wie auf qe- wisse Genußnrttel. Und er soll auch nicht daraus verzichten, soweit nur irgend die Mittel cs erlauben denn das gibt ihm in seiner sonst so trostlosen Lage doch einige Lichtblicke.

Daß unter diesen Umständen die Ernährung ganz kümmerlich fein kann, ist wohl selbstver­ständlich, und geht auch aus den Untersuchungen in dem oben genannten Werk des Völkerbundes her­vor: Starker Mangel an den hocheiweißhaltigen uaö vitaminreichen Nahrungsmitteln, wenig Fleisch und geringe Fettzufuhr, dagegen verhältnismäßig mol Kohlehydrate , so charakterisiert der Bericht des Völkerbundes die Ernährung der Arbeitslosen Das

heißt also: Fleisch, Milch, Butter, Eier, Käse. Obst kommen nur selten und dann in u n z u ° reichender Menge auf den Tisch des Erwerbs­losen, als Fett wird Margarine und billiges Schmäh; genommen, auch der Verbrauch an Gemüse ist sehr gering; der Hunger wird gest llt durch Auf­nahme voluminöser kvhlehydrathatt.ger Nahrungs- mittel, vor allem Kartoffeln und grobes Brot. So Zeigen z. B. die Küchenzettel der untersuchten ar­beitslosen Familien als Mittagsspeise fast nur Kar­toffeln, Brot, billige Maggisuppen, ab und zu Bohnengemüse und Grießkloße, kaum einmal in der Woche Fleisch, dagegen dreimal in der Woche Kaffee, dazu Brot mit Maigarine oder Marmelade; nie­mals Butter, höchstens ein Ei. Also eine Unter­ernährung, die man schon fast alsverschleierte Hungersnot" bezeichnen muß.

Die tiefe Tragik dieses Zustandes liegt aber darin, daß eine solche Unterernährung nicht nur den Kör­per schädigt und damit die physischen Kräfte herab­setzt, sondern zugleich auch g e i st i g und see­lisch zermürbt, also die notwendige psychische Widerstandsfähigkeit mindert. Und diese furchtbar deprimierende seelische Wirkung der Arbeitslosigkeit ist gerade bei den wertvollsten Elementen am größ­ten. Sie leiden am meisten unter der fortgesetzten vergeblichen Suche nach Arbeit. Denn schon vom frühen Morgen an versucht der strebsame Arbeits­lose durch die Zeitungen eine Stelle zu finden. Er jagt von einem Bureau zu dem anderen, und eine Enttäuschung reiht sich an die andere. Daß eine solche vergebliche Stellungssuche mit ebenso großen körperlichen wie seelischen Anstrengungen verbunden ist, ist wohl klar. Und deshalb hat die Ernährungs­frage bei den Arbeitslosen eine so große Bedeutung. Denn mit gesättigtem Magen und gekräftigtem Kör­per läßt sich alles, auch das Schwerste, viel leichter ertragen, während bei hungrigem Magen und ent­kräftetem Körper das seelische Gleichgewicht viel leichter gestört ist, und als Folge davon Mutlasig- te.t, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung den Ar­beitslosen ergreift.

Aber wehe, wenn es fowett kommt, wenn das Streben und fortgesetzte Suchen nach Stellung und Arbeit aufhört und eine stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben Platz gemacht hat. Dann ist dieser Mensch auch für die spatere Zukunft verloren. Das aber ist cs, was verhütet werden muß, und alle unsere Kräfte müssen wir daransetzen, durch

(Sie bekommen Bescheid."

(Sine kleine Geschichte von Vera Graener.

Angela Brückner hat den Führerschein 3b, per­fekte englische und französische Sprachkenntnisse, fchrerbt 180 Silben in der Minute, versteht etwas vom bibliophilen Antiquariat, beherrscht, von der Tätigkeit in einem Ambulatorium her, die Abrech- nuna mit den Krankenkassen und ist imstande, einen Topfenstrudel auf Wiener Art zuzubereiten.

Außerdem ist sie herrlich goldblond, schmal in öen Hüsten und 22 Jahre alt. Sie hat Bewerbungs­chreiben mit und ohne Bild an die Personalabtei- *ung einer großen Maschinenfabrik und an das Sekretariat »eines Jndustriekonzerns gerichtet, hot bei einem älteren Herrn Vorgesprächen, der gebildete ^ame zur Führuna seines frauenlosen Haushaltes sucht, hat sich um die Stellung einer Reisesekretärin bemüht, und ist aus der Menge der Bewerberin- einer Empfangsdame für einen Schonheitsfalon in die engere Wahl gezogen wor°

sie rechnet mit einiger Sicherheit darauf, daß irgendeine dieser Hoffnungen sich realisieren wird, aber nach Wochen vergeblichen Wartens muß sie einsehen, daß weder die Union Handelsbetriebe, Greene auf ihre angebotenen Dienste zu- ruckkommen werden.

Und selbst der alleinstehende Herr dessen offen­sichtliches Wohlaesatten sie erregt hat läßt Nichte ff sich Horen Angela beschließt, sich nun d°ch aus das Inserat zu melden, das sie schon ein paar Mal in der Zeitung gefunden hat, und das lohnenden Verdienst bei leichter Tätigkeit verheißt Zu^melden täglich von 95 unter Hansa 1004

eie überlegt, welcher Art die Tätigkeit sein mag at9J*e sch au, den Weg zum nächsten Fernsprecher mad>Lm Denn ihr kleines möbliertes Zimmer das ^Un\AlfcS! ¥ Mk- schon eine Couch' und oru^utf m btegi, bietet nicht auch noch dis

-lt, elncs eiaenen Telephons.

Wahrscheinlich handelt es sich um irgendeinen ^rooiftonsverkauf" denkt Angela und Zegt leise Zweifel an ihrer Fähigkeit, f- Damenluxuswäsche und Staubsauger auf Abzahlung die geeignete

als Träger des Dienstes treten häufig die Gemein­den auf. Die städtischen Jugendämter sind bemüht, die Jugendlichen auf überparteilicher Grundlage im Sinne einer wahrhaftigen Volksgemeinschaft zusarn- menzufassen. Man muß feststellen, daß sich dies ganz ausgezeichnet bewährt hat. Die Erfolge regen zu weiterem Vorgehen in dieser Werse an.

Wenn in den jetzigen Wintermonaten der Ar­beitsdienst infolge der Witterungseinflüsse zwangs­läufig eingeschränkt werden muß, so muh man diese Zeit zur Vorbereitung oon neuen Auf­gaben verwenden. Auf Anregung des Deutschen Stadtetages haben sich in den Ländern und in den preußischen Provinzen städtische Vertreter zur Ver­fügung gestellt, die im Winter gemeinsam mit den Bezirkskommissaren des Arbeitsdienstes eine Art General st abs plan für das kommende Jahr aufstellen: sie ermitteln zusammen mit den einzelnen Gemeindeverwaltungen, welche Arbeiten vorhanden sind, die für den freiwilligen Arbeits­dienst in Frage kommen können, und ermöglichen auf diese Weise die Inangriffnahme größerer Vorhaben im kommenden Frühjahr. Der dringende Wunsch der stadte geht hierbei dahin, die Zahl der xi u g e n b l i d) c n , die im freiwilligen Arbeits­dienst beschäftigt werden, wesentlich zu er­höhen Immer noch melden sich weit mehr Ju­gendliche, als zugelassen werden können. Das Reich Mittel zur Beschäftigung von mindestens 400 000 Dienstwilligen bereitfteUen. Hierbei sollte aber auch das offene Lager gefördert werden, da es den Jugendlichen ermöglicht, abends zu ihren Familien zurückzukehren. Man öarf bei den großen Vorzügen des geschlossenen Lagers nicht vergessen, daß in vielen Fällen auch das offene Lager seine große Bedeutung hat. Daneben wirb der Ar- beitsdienst für Mädchen auszubauen fein; die kürzlich hierfür herausgegebenen eineiigen- den Vorschriften werden wahrfcheinlich gelockert werden müssen.

matenteUe und moralische Hilfe den Arbeitslosen ihre Hoffnung auf bessere Zukunst und damit ihre körperliche wie geistige Spannkraft zu erhalten. Denn einmal wird diese Wirtschaftskrise, und s« sie auch noch so- schwer, Überwunden, und dann brauchen wir klare Köpfe, kräftige Hände, ganze Menschen, um uns wieder emporzuarbeiten. Und wir haben keinen Uebersluß an Menschen in unserem Daterlande. Die große Zahl der Arbeits- losen ist nur einescheinbare Ucbervölkerung", bedingt durch die schweren und grausamen Folgen des Krieges und des ungerechten Diktats von Ver- falles. Es wird die Zeit kommen vielleicht sehr bald wo wir alles Menschenmaterial ansetzen müssen, um uns vor der drohenden wirtschaftlichen und damit auch pollttschen Ueberflügelung durch untere Nachbarvölker zu schützen.

Deshalb sind auch die gesundheitlichen Schädigungen der Arbeitslosen so sehr ernst zu nehmen. Freilich treten diese in her amt­lichen Mortalitätsstatistik (Sterbefälle) noch nicht zu­tage, aber doch nur deshalb, weil die Arbeitslosig- kett glücklicherweise noch nicht so lange gedauert hat, daß ihre gesundheitsschädigenden Wirkungen in größerer Zahl Sterbefälle zur Folge gehabt hätten. Dagegen zo.gen bie Berichte von Gesundheitsbehör­den, Krankenanstalten und Aerzten, in welcher Weise die Arbeitslosigkeit den Gesundheitszustand der von ihr Betroffenen in Mitleidenschaft gezogen hat. So wirb uns aus vielen Städten ein A n - [teigen insbesondere ber Tuberkulose und der Rachitis, dieser beiden schweren Volks- krankheiten gemeldet. Der Gesundhettsbericht der Stadt Stuttgart vom Juli 1932 führt z. B. an, daß die Zahl der Kinder, die wegen beginnenber Tuber­kulose derReichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kle'mkindersterblichkeit" zugeführt wurden, von 1929 auf 1931 sich verdoppelt hat. Die Krankenanstalt am Kreuzberg in Berlin meldet eine fortgesetzte Gewichtsabnahme der auf- genommenen Patienten. Gelsenkirchen meldet eine Zunahme von Tuberkulose und Rachitis unter den Kindern und Schülern. Dies nur ein kleiner Aus­schnitt. So müssen wir zusammenfassend sagen, daß die Bekämpfuna der Arbeitslosigkeit die erste u n d größte Aufgabe ist, die wir alle Haden, nicht nur die Behörden: eine vaterländische Pflicht, der sich keiner entziehen darf.

Wir haben die kommunalen Spitzen-Or- gantfationen gebeten, zu bem Problem des freiwilligen Arbettsdienstes in dem Sinne Stellung zu nehmen, wem die oolkserziehe- risch und volkswirtschaftlich gleich bedeutungs­volle Erfüllung der Aufgaben Hilfe bringe. Das Ergebnis dieser Rundfrage veröffent­lichen mir nachstehend: D. Red.

Or. Memelsdorff

vom Deutschen Gtadteiag:

Die Städte haben es von jeher als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachtet, sich der jugend­lichen Arbeitslosen anzunehmen. Ganz bewußt haben sie es seit Kriegsende unternommen, beson- | pere Einrichtungen und Veranstaltungen zu schof- ten, um die Jugendlichen körperlich und geistig zu | schulen: Jugendheime, Juaenddüchcreien, Fortbil­dungskurse, Umschulungsteyrgänge dienten diesen Zielen. Manche Städte haben auf ihren Sport­plätzen regelmäßig die jugendlichen Arbeitslosen gesammelt, daneben wurden besondere Fürsorge­arbeiten für Jugendliche eingerichtet. Meistens waren die Jugendämter Tröger dieser Veranstal­tungen

Die Gemeinden hoben es sehr begrüßt, als in Fortentwicklung ihrer Arbeiten im Sommer o I. der freiwillige Arbeitsdienst geschaffen wurde. Sie haben sich mit größter Bereitwilligkeit in den Dienst der Sache gestellt. Wenn heute' bei den meisten Vorhaben des freiwilligen Arbeitsdienstes die Ge­meinden Träger der Arbeiten sind, so zeigt dies deutlich, wie sehr sich die Gemeinden des freiwil­ligen Arbettsdienstes annehmen und weiterhin, daß der Arbeitsdienst ohne die Kommunen gar nicht durchführbar märe. Aber auch

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Kundschaft zu finden. Aber natürlich muß man alles versuchen sie betritt also beherzt die Tele­phonzelle, in der es nach Kunstleder und kalter Asche riecht, und deren Tür nicht recht schließen

»Fasse Dich kurz!" leuchtet ein Plakat, doch die Leitung Hansa 1004 erweist sich zweimal als be­setzt, und Angela ist fast versucht, das Ganze auf­zugeben. Sie ist nicht abergläubisch, bewahre, aber das ist doch wirklich kein gutes Omen und der Herr, toi nat$ ^kommen ist, hat schon ein paar -Ulal fragend hineingesehen. Sie will ihn gerne üoriajien in der einzig noch vorhandenen 'Zelle nebenan hat sich nämlich ein Dauergespräch ent- mideü, dessen Ende gar nicht abzusehen ist, und in öem es sich um komplizierte Verkäufe von Radio- Apparaten handelt doch der Herr behauptet, Zett zu haben und bittet, sich durch ihn keines­wegs stören zu lassen. Ein freundlicher Blick aus klugen, grauen Augen trifft Angela, die es darauf- bin noch einmal mit Hansa 1004 versucht i scheint s'5 Glück zu haben, denn eine sympathisck)e Männerstimme meldet sich, die ihr mitteitt, daß Bewerbungen auf das Inserat immer noch angenommen werden, und man sie sofort mit der betreffenden Abteilung verbinden wird An- ichelnendeln größerer Betrieb" denkt Angela''unö ift plötzlich sehr zuversichtlich.

Es dauert einige Zeit, bis die andere Abteilung ar r° La9! und ZU wissen wünscht, in welcher Angelegenheit sie Herrn Doktor sprechen wolle. . Angela ist überzeugt, daß es sich hier keines­falls um den Vertrieb von Damenluxuswäsche han­deln kann und wartet gespannt auf die Verbindung jmt dem hohen Herrn, der im Augenblick noch auf einem anderen Apparat spricht und sie bitten läßt, sich noch einen Moment gedulden zu wollen.

Sie malt Wunderblumen auf das vor ihr lie­gende Telephonbuch und gibt sich freundlichen Il­lusionen hin. Vielleicht ist es wirklich eine ange­nehme Tätigkeit irgend etwas mit Reklame oder Verlag, sie entwirft m Gedanken bereits Werbe­briefe und zeichnet Plakate für Bücherfreunde ...

Der Herr Doktor am anderen Ende der Leitung meldet sich immer noch nicht, während der Herr draußen vor der Telephonzelle mit der schlecht

Wieleben unsereArbeitslosen?

Von Or. von Tyszka, Professor an der Uni erfifäf Hamburg.

Der Verfasser, ein bekannter Statistiker, hat selbst an den vom Völkerbund über das Problem angestellten Untersuchungen teil- genommen. D. Schr.ftttg.

Ueber die Lebenshaltung und Ernäh- r u n g ro e i f e der unglücklichen Opfer der Wirt- schaftsknise. der Erwerbslosen, war bislang recht wenig bekannt. Und chre Zahl ist wahrlich groß ge­nug, daß es sich verlohnte, Näheres über ihre Le­bensweise zu ei fahren. Beziffert doch die amtliche Statistik ihre Zahl gegenwärtig auf fast 5,4 MU- lionen, wozu noch die sog.unsichtbare Arbeitslosig­keit" tritt, d. h. diejenigen Erwerbslosen, die nicht bei den Arbeitsämtern gemeldet sind, und deren Zahl das Institut für Konjunkturforschung auf fast VA Millionen schätzt. So hätten wir in Deutschland 6 bis 7 Millionen Erwerbsfähige und einschließlich ihrer Angehörigen 14 bis 15 Millionen Personen, die in unserer Wirtschaft keine Unterkunft finden, sondern von Unter st ützungen, öffentlichen wie privaten, leben müssen. Und auch in den übrigen Industriestaaten ist die Zahl der Arbeitslosen erschreckend groß: das inter­nationale Arbeitsamt in Genf schätzt ihre Zahl auf 20 bis 25 Millionen und einschließlich den Ange­hörigen sogar auf 50 bis 60 Millionen.

Da war es nun ein dankenswertes Unterfangen 'öes Völkerbundes durch eine Untersuchung über die Lebenshaltung, Ernährungslage und den Gesund­heitszustand der Arbeitslosen einen Beitrag zur Klärung dieser wichtigen Fragen geliefert zu haben. D>e Ergebnisse der Untersuchung sind in der vor kurzem erschienenen Schrift:La crise economique et la sante publique" (Genf, September 1932) veröffentlicht. In eingehender Weise habe ich dar- über in medizinischen Fachzeitschriften, insbesondere der Münchener Medizinischen Wochenschrift" und derMedizmischen Well" berichtet. Hier möchte ich einer breiteren Oeffentlichkeit das Wichtigste mite teilen.

So geht der freiwillige Arbeitsdienst mit bedeut- fernen Aufgaben und großen Erwartungen in das neue Jahr.

©er 'Hetdteffdötefcunö:

Der Reichsstädtebund hat als Spitzenorganisation von 1600 Klein- und Mittelstädten die Einrichtung des freiwilligen Arbeitsdienstes lebhaft begrüßt. Welches Interesse gerade die Gemeinden dieser Einrichtung entgegenbringen, beweist die Tatsache, daß etwa die Hälfte der durch den freiwilligen Arbeitsdienst zur Durchführung kommenden Arbei­ten von den Gemeinden und Gemeinde- verbänden getragen werden. Vom ethischen Standpunkt aus verdient die Beschäftigung Jugend­licher durch den freiwilligen Arbeitsdienst besondere Anerkennung. In staatsbürgerlichem Interesse ist die Befriedigung des Dranges zur Tätigkeit von besonderer Bedeutung. Vom arbeitsmarktpolitischen Standpunkt aus ist der freiwillige Arbeitsdienst ge­eignet, Arbeiten in Angriff zu nehmen, die vielleicht nicht als unbedingt notwendig anzusehen, aber volkswirtschaftlich förderungsbedürftig sind. Gerade in den kleineren und mittleren G c - meinden liegen zahlreiche Möglichkei- t e n der Betätigung im freiwilligen Arbeitsdienst vor, ohne daß die Gefahr besteht, den eigentlichen Arbeitsrnarkt zum Schaden der auf Arbeit harren­den Arbeitslosen einzuengen. Als besonders fördc- rungsbebürftige Arbeiten kommen Bodenverbesse­rungen, Aufforstungen uny Urbarmachung von Oedland in Betracht. Die deutschen kleinen und mittleren Städte werden, wie bisher, so auch in Zukunft dem freiwilligen Arbeitsdienst ihre Unter­stützung leihen.

präsideni von (Stempel vom Deutschen £ünbfret0<og:

Der freiwilliae Arbeitsdienst hat sich im Laufe des letzten Jahres gegenüber mancherlei Wider­ständen mit sichtbarem Schwünge und Erfolge durchgesetzt. Seine ethische und erzieherische Bedeu­tung wird immer mehr anerkannt. Aber auch als Maßnahme zur Arbeitsförderung ist der freiwillige Arbeitsdienst positiv zu werten. Die Landkreise haben neben dem volkserzieherischen Moment von vornherein die praktische Frage in den Mittelpunkt gestellt, inwieweit sie als Träger der Arbeit zu­gleich volkswirtschaftlich wertvolle Maßnahmen fördern und die seeli­schen Werte des Arbeitsdienstes her­an sheben können. Von den gesamten Arbeits- dienstoorhaben sind bisher etwa 50 v. H. auf solche entfallen, bei denen Landkreise oder Gemeinden als Trager der Arbeit auftreten. Als praktische Arbettsmaßnahmen bleiben Arbeiten zur För­derung der Bodenoerbesserung und Landeskultur besonders wichtig, weil bei

Das Haus Kurfürstenstraße 212 beherbergt eine tfilrn- und Foto-Firma, die Redaktion einer Sporte Kitsch nist, die Gewebe-Handelsgesellschaft und die Raume einer Versicherungsbank Angela ist eini­germaßen erstaunt, Herrn Dr. Schrader nicht in einem der Büros zu finden, sondern in einer klei­nen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung im drit­ten Stock. Und ihr Erstaunen wächst ins Grenzen- lose, als dieser Herr Dr. Schrader sich als der Herr von der Telephonrelle entpuppt, der Herr mit den klugen, grauen Augen und der Engelsgeduld.

Und was er chr vorzuschlagen hat, ist durchaus fein Schwindel.