Seiner Hände Werk ZRoman von Klothilde von StegmanmStein. Copyright by Martin Feuchtwangrr, Halle (Saale)
28 ^ortleRung Nachdruck verboten
Hebet? die Gesichter der beiden jungen Männer ging ein jähes Zucken des Schreckens und der Wut: aber sie faßten sich und folgten in anscheinend harmlosem Gespräch dem Herrn wieder zurück ins Hotel. Wie drei Geschüftsbekannte, die ein Geschäft fortführen, wandten sie sich dem Lift zu und fuhren zu dreien hinauf in den ersten Stock.
Riemand von den Gästen, die nun in steigender Zahl die Halle des Hotels durchquerten, ahnte etwas davon, was der Herr im braunen Allster in Wahrheit mit den beiden Herren zu verhandeln hatte, mit denen er jetzt in einem Zimmer der ersten Etage verschwand. Rur der Geschäftsführer sah mit einem fassungslosen Gesicht immer noch auf den Lift und wandte sich völlig geistesabwesend seiner Post zu.
Mit bleichem, verkniffenen Gesicht standen nun in dem stillen Zimmer Axel Ivarsen und Gerj- stam dem Kriminalkommissar gegenüber.
„So, meine Herren", meinte der und setzte sich, den entsicherten Revolver griffbereit vor sich, ..bitte, nehmen Sie doch Platz! Wir wollen uns einmal ganz in Ruhe über die Vorgänge auf Dremerwert unterhalten. Ze offener <5ie_ Ihre Karten aufdecken, um so besser wird es für Sie sein. Zeder Versuch, die Angelegenheiten zu verschleiern, wird späterhin die llntersuchungs- haft verlängern. Aber ich denke, daß ich mich mit so intelligenten Männern, wie Sie es doch finö, schnell verständigen werde. Also bitte, Herr Ivar« sen!" lind während er das Rotizbuch hervorzog, stellte er seine erste scharfe Frage.
Prokurist Degener war inzwischen mit feinem Auto wieder davongefahren. Fritz fuhr auf De- geners Geheiß ein ziemlich scharfes Tempo, wobei der Wagen ab und zu durch die Schneelöcher auf der Chaussee bedenklich ins Schleudern geriet.
Fritz sah, wenn eine Stelle glücklich passiert war, durch den Devbachtungssp ,?l ein wenig besorgt in den Fond, in dem Degener sah. Eigentlich war solch eine wilde Fahrt doch nichts für den alten Herrn, der eben vom Krankenlager aufgestanden war. Aber wenn er durch die Scheibe ein fragendes: „Langsamer, Herr Degener?" sandte, so schüttelte Degener nur den Kopf, und auf seinem Gesicht lag ein ungeduldiger, angespannter Zug.
Zn der Kreisstadt angekommen, suchte Degener sofort seinen Freund, Direktor Schallert, auf, dem er seinerzeit Erika und ihren Vater empfohlen hatte. Schultert horte mit immer großer werdenden Augen dem Bericht des alten Freundes vom Dremerwerk zu. Dann drückte er auf den Klingelknopf auf seinem Schreibtisch. Alsbald erschien ein junger Mann.
„Die Briefe und Ausfertigungen der Schriftstücke an die Nordischen Motorenwerke sind nicht zu befördern: sie sollen aus der Driefabteilung sofort zurückgebracht werden. Außerdem schicken Sie mir einmal den Dotenmeister Schmitt hierher!"
Mit einem diensteifrigen Ricken verschwand der junge Angestellte.
„Das ist die tollste Geschichte, die mir je in meiner Geschäftspraxis vorgekommen ist", wandte sich Direktor Schallert dann an seinen Freund Degener. „Za, ja, wir werden Großstadt, mein guter Degener. Derartige Hochstapeleien passierten bisher nur an internationalen Plätzen. Wir waren noch nicht soweit."
„Zch habe auch gar nicht den Ehrgeiz, daß wir dahinkommen", erklärte der Prokurist wütend. „Das kommt von den ausländischen Firlefan- zereien der Gnädigen: dem gnädigen Herrn wäre so etwas nicht passiert. So gute Freundschaften und Geschäftsverbindungen er im Ausland unterhielt — in unser Dremerwerk hätte er nie jemand anders hineingelassen. Unsere Znduftrie- werke sind ja das einzige, pflegte er zu sagen, was uns Deutschen geblieben ist. Das müssen wir festhalten und ausbauen. — Aus diesem Grunde hielt er auch nichts von ausländischen Beteiligungen, obwohl sie ihm zur Ausnützung der verschiedenen Erfindungen oft genug angeboten wurden. Selbst ist der Mann, war sein Wahlspruch. Was er nicht aus eigener Kraft konnte, das stellte er zurück, bis es möglich wurde. So sind wir im Dremerwerk grvßgeworden, so hätten wir bleiben sollen. Aber der alte Herr starb zu früh, und der Herr Kurt, der ganz sein Ebenbild ist, ist ja noch nicht volljährig. Rur so allein waren solche Vorkommnisse möglich. Run wird's ja damit ein Ende haben."
„Hoffentlich noch zur rechten Seit", erwiderte der Direktor der Landschaftsbank ernst. „Ich will Ihnen nicht das Herz schwer machen, mein guter Degener: aber sagen muß ich es Ihnen doch — dazu fühle ich mich nun einmal verpflichtet. Man munkelt von den großen persönlichen Krediten, d'.le sich ihr feiner norwegiischer Schwiegersohn im Romen der Frau Kommerzienrat Dremer hat geben lassem
Ich bin ja nicht genau über die Vorgänge in der Kreditabteilung unterrichtet, weil die nicht zu meinem Arbeitsbereich gehört: aber bei der letzten Vorstandssihung hat man darüber gesprochen. Ich hatte sogar vor, an einem der nächsten Sonntage zu Ihnen hinauszufahren, um über diese Gerüchte mit Ihnen zu sprechen. Run aber kommen Sie mir mit Ihrem Desuch zuvor."
Der Prokurist war bleich geworden. „Das sind ja sehr unangenehme Rachrichten: aber ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich aufklären. Mir ist von größeren Krediten nichts bekannt — das muh alles in der Zeit eingeleitet worden fein, als ich infolge eines eigentümlichen Anfalls in der Fabrik krank und außer Gefecht gesetzt war. Wenn uns die Spitzbuben das Dremerwerk heruntergewirtschaftet haben, dann soll sie der Teufel holen!"
„Ra, zuerst holt sie der Staatsanwalt einmal", meinte der Direktor.
Er unterbrach sich. Es klopfte. Auf der Schwelle erschien mit unruhigem Ges'cht der alte Schmitt, Erikas Vater.
„Rur keine Angst, lieber Schmitt", ermunterte der Direktor, „hier ist nur ein guter, alter De- kannter, der Ihnen mal guten Tag sagen möchte."
Während der Prokurist dem erstaunten Schmitt herzlich die Hand schüttelte, verlieh Direktor Schallert leise das Zimmer.
Was Degener dem alten Manne zu erzählen hatte, wurde besser ohne seine Anwesenheit erörtert.
Während das Telegramm Degeners an Kurt durch den Aether flog, lag Erlla in hohem Fieber. In ihren wilden Fieberphantasien tief sie immer wieder angstvoll nach Kurt, wehrte sie sich verzweifelt mit umherschlagenden Händen gegen die vermeintlichen Angriffe Axel 2var- sens.
Unermüdlich legte Schwester Raffaela, die man aus dem Kloster zur Pflege herangeholt» Eiskompressen auf die fieberglühende Mädchenstirn.
Ab und zu öffnete sich die Tür vom Reben- zimmer, und das besorgt-freundliche Gesicht der Frau Baumeister blickte herein: sie zog sich seufzend zurück, wenn immer wieder die sinnlosen Fieberreden des jungen Mädchens von dessen Lippen herübertönten.
„Wir müssen Geduld haben, Frau Baumeister", sagte beruhigend die blasse, stille Schwester Raffaela. „Die Krisis ist noch nicht da — der Herr wird schon helfen, das junge Leben zu erhalten."
Dann flog ein Hoffnungsschimmer über das gute Gesicht der Frau Baumeister, und diesen Hoffnungsschimmer brachte sie mtt zu dem alten Manne, der da nebenan in verzweifelter Sorge sah und wartete, ob der Tod an seinem einzigen Kinde vorübergehen würde, denn Prokurist De- genec hatte den alten Schmitt im Auto herübergebracht. Der Direktor der Landschaftsbank hatte dem alten Manne bereitwillig llrlaub gegeben.
Prokurist Degener hatte inzwischen weitere Schritte unternommen. Er hatte eine ausgedehnte Konferenz mit Iustizrat Coswig, dem alten Sachwalter der Familie, der von Frau Melanie auch auf Betreiben des Schwiegersohnes kaltgestellt worden war.
Der Iustizrat hörte mit ernstem Gesicht dem Bericht des treuen Angestellten zu. Das Resultat war, dah er mit Degener zusammen sich auf den Weg zum Bremerwerk machte.
Als sie gegen Mittag dort eintrafen, fanden sie alles im Bremerwerk in Heller Aufregung. In dem Hauptkontor, wo Axel Ivcrrsen sein Privatbureau hatte, sah der Kriminalkommissar Brettschneider aus der nahen Stadt mit dem Ober-Ingenieur zusammen und lieh sämtliche Telephongespräche zu sich herüberlegen sowie die Post zu sich bringen. Die wildesten Gerüchte durchschwirrten das Werk, ohne dah irgend etwas Genaues zu erfahren war.
Endlich kam Degener im Auto in rasender Fahrt in den Hof gerollt. Moeller atmete auf.
„Endlich! — Run werden wir wohl bald weitere Schritte tun können ..."
Er unterbrach sich, denn es klopfte: ein vor Aufregung und Reugierde zitternder Angestellter brachte eine Depesche.
„Eintreffe morgen früh, Wagen zur Dahn senden. Kurt Bremer", lasen die Herren.
„Gottlob", sagte Degener aus tiefstem Herzen.
23. Kapitel.
Mit hochmütigem und ärgerlichem Gesicht betrat Frau Melanie Bremer in einem kostbaren Schlafrock aus gestickter japanischer schwarzer Seide das Zimmer, in dem die beiden Herren auf sie warteten.
„Was soll das heißen. Herr Degener?" fragte sie sofort beim Hereinkommen brüsk den Proku
risten, ohne seinen höflichen Gruh zu erwidern, „dah Sie mich einfach wecken lassen und auf keinerlei Vorstellungen meiner Zofe eingehen, die weih, dah ich durchaus nicht gestört werden will? Es scheint, als hätten Sie das Gefühl für das, was Sie sich in Ihrer Stellung erlauben dürfen, verloren."
In diesem Augenblick erst erblickte sie den chr unbekannten Oberkommissar, der sich in der Fensternische verborgen gehalten hatte. „Und was bedeutet der Besuch dieses Fremden hier? W.e können Sie hier frühmorgens einen unbekannten Herrn in mein Haus mitbringen? Sie scheinen die Gewohnheiten Ihres Kontors mit den gesellschaftlichen Sitten in einem Hause, wie dem meinen, zu verwechseln."
Eine dunlle Zornesrote war bei diesen Worten der Kommerzienrätin über das Gesicht Degeners geflossen — er wollte etwas antworten: aber die Kränkung würgte ihm die Stimme in der Kehle, llnd schon trat auch der Kommissar mit einer entschiedenen Bewegung vor die Frau Kommerzienrat hin.
„Sie machen Herrn Prokuristen Degener unberechtigterweise Vorwürfe, gnädige Frau", sa^te er ruhig. „Es ist nur feine Pflicht, mich hier- herzubringen — wie es meine Pflicht ist, Sie um eine Unterredung zu ersuchen, und zwar trotz der frühen Stunde. Mein Rame ist Kriminalkommissar Drettschneider."
Frau Melanie erbleichte. „Kriminalkommissar", wiederholte sie erschreckt. „Was, mein Herr, führt Sie in mein Haus?"
„Die Betrügereien des Barons Axel Ivarsen, Ihres Schwiegersohns", erklärte der Kriminalkommissar bestimmt. Frau Melanie schrie auf; aber sofort faßte sie sich wieder.
„Mein Herr", sagte sie eisig, „entweder sind Sie nicht im Besitz Ihres Verstandes oder Sie sind betrunken. Betrügereien meines Schwiegersohnes? Das ist ja eine äußerst lächerliche Behauptung. Sofort verlassen Sie mein Zimmer — und Bremerschloß! Soll das vielleicht Erpressung sein? Man liest ja jetzt häufig derartige Dinge; Sie haben es sich jedenfalls merkwürdig ausgesucht. — Warum machen Sie mir diese lächerliche Mitteilung gerade an dem Morgen, an dem mein Schwiegersohn geschäftlich in der Hauptstadt zu tun hat? Sie würden es nicht wagen, ihm ins Gesicht solche Infamie zu be- hcmpten! Entfernen Sie sich, mein Herr — und Sie, Herr Degener, gleichfalls! Ihres Bleibens im Dremerwerk dürfte auch nicht mehr lange fein. Wenn mein Schwiegersohn heute zurückkehrt, werde ich ihm Ihr unerhörtes Verhalten schildern, und er wird seine Folgerungen daraus ziehen."
Der Kriminalkommissar sagte sehr ruhig: „Gnädige Frau sollten froh fein, Herrn Prokuristen Degener zu haben. Er wird in der nächsten Zeit der einzige sein, der aus Dremerwerk für Sie und die Ihren etwas retten kann. Auf die Rückkehr Ihres Schwiegersohns werden Sie nicht rechnen dürfen: Herr Daron Ivarsen ist wegen Patentspionage und Betrugs verhaftet worden."
Ein Aufschrei entrang sich dem Munde der Frau Kommerzienrat. Sie wollle etwas sagen: aber plötzlich wurde sie fahl, griff mit den Händen wie suchend um sich und sank ohnmächtig in die Arme des schnell zuspringenden Kriminal- kommissars.
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