nr. 281 SvühauSsabe
182. Zahrgang
Dienstag, 29. November 1952
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil i.D.TH.Kümmel sämtlich in Gietzen.
Landnöten.
Die Portemvnnaiefabriken haben große Zeiten, der Deutsche muß sich wieder einmal umstellen. Nachdem wir während der Inflationszeit auf das Hartgeld mehr und mehr verzichten und nur mit Papiergeld auskommen mußten, also auch unsere Geldbörse entsprechend einrichteten, hat die Reichsbank den Kurs um» gestellt und arbeitet jetzt wieder in weitestem Umfange mit Silber. Darauf aber sind unsere Rotentaschen nicht eingerichtet. Der Staatsbürger ist also gezwungen, sich wieder ein Portemonnaie zuzulegen von der Art, wie es in Friedenszeiten üblich war. Erstaunlich ist das nicht, denn die Vilbermünzen, mit denen wir jetzt rechnen, sind schwer und unhandlich. Sie bedeuten rein körperlich «ine starke Belastung; und wer einmal die Tasche eines Gedbriesträgers in der Hand gehabt hat, unmittelbar nachdem er das Postamt verließ, der wird sich eine Borstellung machen können von den Gewichten, die jetzt umgesetzt werden müssen.
Wirklich müssen? Könnten wir nicht ebenso gut bei dem handlichen und leichten Papiergeld bleiben? Das ganze ist eine Angelegenheit der Währungspolitik. Die Reichsbank hat ein Interesse daran, um das internationale Vertrauen zur Mark zu erhalten, die ohnehin reichlich kurz gewordene Golddecke zu strecken. Nach dem Gesetz aber gilt Silber als Scheidemünze und wird bei der Berechnung der Golddeckung nicht in Ansatz gebracht. Deshalb ist seit der Inflation das Recht zur Ausprägung von Silbermünzen in rascher Folge von ursprünglich zehn auf zwanzig und zuletzt dreißig Mark für den Kopf der Bevölkerung gestiegen. Wir können also bei sechzig Millionen Einwohnern über zwei Milliarden Silbergeld in Umlauf setzen. Doll ist diese Quote noch nicht ausgenutzt, aber wir kommen doch langsam hart an die Grenze l>eran. Denn das Reich verdient außerdem bei dem Geschäft. Das Silber ist im Vergleich zum Gold stark unterwertig, so daß bei einer Neuausgabe von Silbergeld jeweils einige hundert Millionen in den Händen des Reiches bleiben, die zum Ausgleich des Etats gut benutzt werden können.
Die Schwierigkeit bestand nur darin, daß der Verkehr sich gegen diese Ueberschwemmung mit Silbergeld wehrte und das Geld sehr rasch wieder an die Reichsbank zurückfließen ließ. Deshalb hat zunächst der Zehnmarkschein dran glauben müssen, der fast spurlos verschwunden und zwangsweise von der Reichsbank durch Silbergeld ersetzt worden ist. Es scheint auch, als ob jetzt der Zwanzigmarkschein einen ähnlichen Weg gehen soll. Jedenfalls wird er immer seltener. Dafür werden die Beträge, die in Silber ausgezahlt werden, dauernd größer. Die Reichsbank sollte ober doch den Bogen nicht überspannen. Denn tatsächlich bedeutet der Silberzwang für jeden einzelnen eine Unbequemlichkeit, die im Interesse der Währung in bestimmten Grenzen in Kauf genommen wird, die aber doch Verstimmung schafft, wenn sie schließlich dazu führen sollte, daß alle Beträge unter fünfzig Mark überhaupt nur noch in Silber ausgezahlt werden können.
Es gibt wohl kaum «in« Ration, di« nicht über sogenannt« Wehr verbände verfügt. Rur unterscheiden sich die ausländischen Organisationen von den deutschen grundsätzlich darin, daß sie «in« ausgesprochen militärische Reserve darstellen, daß sie zumeist bewaffnet sind und ihre Mitglieder im Waffengebrauch üben, wah- rend di« deutschen Verbände weder mit der Landesverteidigung etwas zu tun haben, noch Waffen besitzen, sondern lediglich erzieherisch« vaterländische Arbeit leisten. Trotzdem gibt es viele Deutsche, die an di« in der französischen und polnischen Press« ausgestreuten Märchen glauben und dabei gänzlich die Verhältnisse jenseits unserer Grenzen übersehen.
Frankreich, der stärkste Militärstaat, kennt zwar keine Wehrverbände, dafür ist die militärische Iugendausbildung so gut durchorganisiert, das) heut« jeder junge Franzose über 16 Sabre einem Durchschnittssoldaten gleichgesetzt, werden kann. Besonders ausgeprägt ist das System der bewaffneten Militärverbände in Polen. Die Föderation der vaterländischen Verbände umfaßt 26 Militärbünde mit 400 000 Mitgliedern. Der Sokolverband zählt 120 000 Angehörige, beim Schützenverband sind es 300 000 Mann. Außerdem gibt es noch die großpolnische Legion. Alle Organisationen sind offiziell als „ziviler Grenzschutz" anerkannt, straff organisiert und zum Teil bewaffnet.
In der Tschechoslowakei sieht «s ähnlich aus. Die Sokolverbände umfassen 630 000 Männer, di« zu einem hohen Prozentsatz mit allen modernen Waffen vertraut gemacht werden. Die Ausbildung wird durch aktiv« Offiziere und Unteroffizier« vorgenommen. Hebungen finden regelmäßig statt. Der Staat stellt erhebliche Geldmittel zur Verfügung. Da die Sokolver- bände als Bestandteil der Arme« angesehen werden, genießen ihr« Mitglieder den gleichen Schutz, der den Heeresangehörigen zu- steht. Reben den Sokolverbänden gibt es noch einen „Tschechoslowakischen Schützenverband", der ebenso wie di« „Rationalgarde" über die besten Beziehungen zur Armee verfügt. Auch hier wird auf die praktische militärische Ausbildung, vor allem aber auf die Pflege des Schießsportes hoher Wert gelegt. Die Heeresverwaltung stellt den Bünden sämtliche Schieß- und Hebun^splätze zur Verfügung.
Heber den Charakter dieser Verbände schweigt sich die gegnerische Press« natürlich nach Kräften
Das Ringen um die Kriegsschuldenzahlung.
Amerikas Einstellung
Für England Verständnis, füt Frankreich glatte Ablehnung.
Washington, 28. Rov. (WTB.) Präsident Hoover hatte heute mehrstündige Beratungen mit Staatssekretär S t i m s o n und Schatzsekretär Mills über die Schuldensrage.
Man bedauert hier sehr, daß England sein Anliegen gleichzeitig mit Frankreich anmeldet; denn wahrend die englische Finanznot hier Verständnis und Anteilnahme findet, stößt Frankreichs Forderung auf allseitige glatte Ablehnung.
In der Presse wird in Leitartikeln und Karikaturen immer wieder betont, daß Frankreich, das über reichliche Goldreserven verfüge, nicht den geringsten Grund habe, sich seiner Zahlungsfrist jetzt zu entziehen. Dagegen wird die Stimmung für eine f reundliche B e- handlung Englands täglich besser. Man wird nicht auf die Zahlung der Dezemberraten verzichten; aber man dürfte gestatten, England den fälligen Betrag in Pfund Sterling zugunsten .Amerikas zu kreditieren.
Inzwischen traf heute ein Memorandum des lettischen Generalkonsuls in Reuyork ein, in dem der Wunsch ausgesprochen wird, die am 15.Dezember fälligen Z inszahlungen von 111 000 Dollar a u f z u s ch l« b e n. Für die let- tisch« Kapitalschuld hat Lettland bereits ein Moratorium erklärt. „Washington Rews" erklärt, daß offenbar jetzt alleGläubgerDeulsch- lands sich um die Bezah.ung ii)ter Schulden an Amerika drücken wollten. Das Blatt betont, daß die Tschechoslowakei, deren Amerikaschuld nur 1,5 Millionen Dollar betrage, behaupte, diese Schuld nicht zahlen zu können, während sie in diesem Jahre über 53 Millionen Dollar für Rüstungen ausgegeben habe.
Eng andszwelleAoteonAmerika
London, 28. Rov. (TH.) Am Sonntagabend setzten Macdonald, Simon, Reville Chamberlain und Baldwin die Antwort auf die letzte Rote Amerikas, in der Schuldenfrage auf. In der Rote werden die Gründe auseinander gesetzt, die England zu dem Etundungs- antrag für die am 15. Dezember fällige Schuldenrate veranlaßt haben. Die Frag«, ob England am 15. Dezember zahlen solle, wurde nicht erörtert, da man in Kabinettskreisen der Ansicht ist, daß zunächst der Eindruck der jetzigen englischen Rote an Amerika abgewartet werden muh. Die^englische Regierung hofft, daß die amerikanische Antwort bald erfolgt.
Heber den Inhalt der neuen englischen Rote an Amerika macht die „Times" eine Reihe von Andeutungen. Die Rote werde sich nicht mit der allgemeinen Frage der Schuldenrevision befassen. Di« Schwierigkeit sei, aus der Wucht des Teweisrnaterials die Gründe auszusuchen, die am überzeugendsten auf den Durchschnittsamerikaner wirken wurden. Eine Steuererhöhung in England würde ihn nicht interessieren.
Amerika würde jedoch unmittelbar durch die Rückwirkungen auf die Währung und den internationalen handel berührt, da durch die Geldüberweisung der Sterling sinken und die amerikanische Ausfuhr sich verschlechtern müßte. Roch ernster wäre es, daß das Abkommen von Lausanne ins Wanken geraten und dadurch das vertrauen wieder erschüttert werden würde, das sich schon etwas gestärkt habe. Die welt- wirtschaftskonferen; würde schließlich jede Aussicht auf Erfolg verlieren.
Sollte Amerika auf der Zahlung bestehen, so würde England trotz der weitgehenden und schädlichen Folgen bezahlen.
„Daily Telegraph" sagt, der Amerikaner müsse davon überzeugt werden, daß die großen Goldvorräte die Hrsache für den Fall der Preise, den Fehlbetrag im Staatshaushalt, die Arbeitslosigkeit und die Krise seien. Es liege weder
im Interesse Englands, noch Amerikas, das Pfund weiter sinken zu lassen.
Die „M orningpost" macht den Vorschlag, die Zahlung in Gold zu leisten. Bei einer Zahlung in Gold würde man nur 23 Millionen Pfund benötigen, gegenüber 23 Millionen bei einer Bezahlung 'in Sterling. Die 23 Millionen Pfund würden ungefähr dem Gyldzuwachs der Bank von England in den letzten 12 Monaten entsprechen.
Dem Washingtoner Berichterstatter der „R e w - York Herald Tribüne" zufolge wird in Washingtoner nichtamtlichen Kreisen die Möglichkeit erörtert, daß England die Vereinigten Staaten gemäß dem englisch-amerikanischen Fundierungsabkommen um eine Stundung der Kapital- rückzahlungssurnrne der am 15. Dezember fälligen
Schuldenrate ersuchen würde, die sich zur Zeit auf rund 30 Millionen Dollar beläuft, während die nicht stundbaren Zinsen 65 553 000 Dollar betragen. In diesem Fall« müßte Amerika sich zu einem Verzicht auf die Bedingung der dreimonatigen Kündigungsfrist des Stundungsgesuches für die Kapitalsvmme bereit erklären, die England seinerzeit ungenützt verstreichen ließ.
Differenzen in London?
London, 29. Rov. (WTB.-Funkspruch.) Verschiedentlich wird in der Morgenpresse angedeutet, daß über di« britische Haltung im Falle einer Ablehnung des Zahlungsaufschubs Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Gouverneur der Bank von England und dem Schatzamt bestehen, und daß diese Wei-
Schleichers Aesprechimen vor dem Abschluß.
Bemühungen um eine außerparlamentarische Basis. — Fühlungnahme mit den Gewerkschaften.
Berlin, 28. Roo. (ERB.) General v. Schleicher hat seine Fühlungnahme mit einer Reihe von Persönlichkeiten des wirtschaftlichen, fozialen und politischen Lebens heute fortgesetzt, und diese Besprechungen werden auch morgen weitergehen. 3n politischen Kreisen wird die überaus sachliche Darstellung viel beachtet, die die Freien Gewerkschaften von dem Empfang ihrer Vertreter Lei- part und Eggert beim Reichswehrminister gegeben haben. Ob die Besprechung auch mit den E h r i st - lichen Gewerkschaften schon stattgefunden hat, läßt sich im Augenblick nicht feststellen, da der Vertreter dieses Gewerkschaftskreises, Bernhard Otte nicht in Berlin zu sein scheint. Dagegen hat General v. Schleicher auch schon mit führenden Kreisen der Arbeitgeber Fühlung genommen.
vielleicht lassen sich die Besprechungen so erklären, daß es sich immer mehr als unmöglich herausstellt, im Reichstag eine Mehrheit zu finden, die eine neue Reichsregierung durch tätige Mitarbeit unterstützen oder zum mindesten tolerieren würde. Dann würde es notwendig sein, die Basis des kommenden Präsidialkabinetts durch eine engere Verbindung auch mit anderen als nur parlamentarischen Kräften zu verstärken. Es seht sich immer mehr die Auffassung durch, daß es in den nächsten schweren Monaten vor allem darauf ankommt, alle Anstrengungen auf die Besserung der wirtschaftlichen Lage und die Eindämmung der Arbeitslosigkeit zu konzentrieren, und so dürften auch in den Besprechungen des Generals v. Schleicher nach der sachlichen Seite hin die wirtschaftlichen Fragen die Hauptrolle spielen.
Am Montagabend hatte der Reichswehrminister auch noch eine sehr lange Aussprache mit dem Prälaten K a a ß. 3m Lause des Dienstags wird auch eine Besprechung mit zwei führenden Persönlichkeiten derRSDAP. slatlsinden. Erst dann wird der Reichswehrminister einen a b - schließenden Ueberbl 1 ck über die Situation haben. Es ist in Aussicht genommen, daß darauf eine neue Konferenz beim Reichspräsidenten gleich der vom letzten Samstag folgt. Sie wird wahrscheinlich et ft am Mittwoch möglich fein, von ihr wird die Entscheidung des Reichspräsidenten abhängen, so daß also Mitte der Woche über di e Persönlichkeit des neuen Reichskanzlers Klarheit zu erwarten ist.
Bisher haben die Besprechungen des Reichswehr- minisiers sich offiziell noch aufderBafi seines neuen Kabinetts Papen bewegt; die Aussichten für die praktische Verwirklichung dieses Gedankens haben sich aber, auch nach der Stimmung
in den Kreisen der Wirtschaft, zumindest nicht gebessert, und so steht nach Auffassung gut unterrichteter politischer Kreise als wahrscheinlichste Lösung ein Kabinett Schleicher im Vordergrund. Man kann wohl annehmen, daß auch dieser letzte Ausweg in den augenblicklichen Besprechungen bereits erörtert wird. Uebrigens haben auch Staatssekretär Meißner und Reichskanzler von P a p e n in den letzten lagen Unterhaltungen mit einer Reihe von Persönlichkeiten gehabt, die außerhalb des parlamentarischen Getriebes stehen. Dadurch wird der Eindruck verstärkt, daß die hauptsächlichste Bedeutung schon bei Öen Besprechungen liegt, die der Heranziehung außerparlamentarischer tragender Volkskräfte zur Untermauerung der Regierungsplattform dienen.
GimMerGindruck beimZentrum
Die Unterredung zwischen Kaas und Schleiche r.
Berlin, 29. Nov. (TU.) lieber Schleichers Unterredung mit dem Führer des Zentrums, dem Prä- laten K a a s, verlautet aus Zentrumskreisen, daß der General in der Unterredung über Art und Umfang des ihm vom Reichspräsidenten zuteilgeworde- neu Auftrages berichtet. Wie es heißt, ist der Gesamteindruck beim Zentrum günstig und es wird nicht für ausgeschlossen gehalten, daß aus der Grundlage dieses Auftrages eine Verständigung zu erreichen sei. Als Begründung hierfür wird angeführt, daß ine gesamte Lage neuerdings auch bei der Linken nüchterner als bisher beurteilt werde. Auch sei den Gewerkschaften ein starkes Entgegenkommen hinsichtlich der sozialpolitischen und lohn- politischen Notverordnungen, zum Teil sogar auch ihre Aufhebung zugesagt worden.
Oie Besprechungen mit dem AOGB.
Berlin, 28. Nov. (ENB.) Wie der Allge- meine Deutsche G e w e r k s ch a s t s b u n d mitteilt, hat Reichswehrminister v. Schleicher heute vormittag Vertreter des Vorstandes des A D G B. zu sich gebeten. In der Besprechung, an der ßeipart und Eggert teilnahmen, wurden die vordringlichsten wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Fragen erörtert. Die Vertreter der Ge° werkschgften haben als d i e wichtigste Aufgabe die Arbeitsbeschaffung im Wege öffentlicher Arbeiten bezeichnet und außerdem erneut die Aufhebung der lohnpolitischen Bestimmungen der Notverordnung vom 5. September gefordert; sie haben sich auch für eine unter wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten durchgeführte Siedlung eingesetzt.
aus. Es gilt eben nur, ben deutschen Wehrsport als fried«vsstör«nd anzuprangern und ihm eine übertriebene militärische Bedeutung beizulegen. Wir glauben, daß unsere Verbände froh wären, wenn sie auch nur einen Bruchteil dessen sein könnten, was di« polnischen und tschechischen Schützen- und Sotolvereine sind. Aber selbst das ist nicht der Fall. Sie sind reine Sportabteilungen mit vaterländischem Einschlag, während di« Organisationen der anderen Staaten die stille militärische Reserve darstellen, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann und di« wegen der ausgezeichneten Ausbildung der Mitglieder ebenso gut funktionieren wie die Reservistenjahrgänge der Armee.
Ist der Urwald krieg zu Ende? Oder fließt noch immer Blut um die Blockhütten im Herzen des Chaco, die in den Schlachtenmeldungen recht hochtönend als Forts bezeichnet werden? Bald heißt es, die Regierungen in La Paz und in Asuncion hätten die Friedensvermittlung in Washington angenommen, dann wieder werden aus Paraguay neue Siege gemeldet, und in Bolivien schwört man, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen zu wollen, um die Ehre der Nation zu retten. Die sonst so friedlichen Paraguayer sind tapfere Soldaten, sie
haben eine Heldentradition, um die sie manche beneiden könnten, wenn sie um einige Jahrzehnte zurückblicken wollten. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mußte das kleine Paraguay nach drei Fronten, gegen den brasilianischen Riesen, gegen Argentinien und Uruguay Krieg führen. Der Diktator Lopez kämpfte durch zwei Jahre wie, ein Löwe gegen die erdrückende Uebermacht. Schließlich im Urwald in die Enge getrieben, umgeben von nur noch 300 Getreuen, überredeten ihn seine Offiziere, sich zu ergeben. Lopez sah, daß jeder Widerstand vergeblich gewesen wäre. Da besohl er seiner Ordonnanz, ihm eine Lanze in die Brust zu stoßen. Verblutend rief er seinen Leuten zu: „Sterbt, aber ergebt euch nicht!" Und die Soldaten starben, wie einst die Garden Napoleons. Wenige Männer überlebten den blutigen Dreiländerkrieg, in dem zuletzt auch die Frauen zu den Waffen griffen und „Bataillone der Freiheit" bildeten. Als dann der Frieden geschlossen war, da gab es keine jungen Männer mehr. Die Väter gaben ihre Töchter an durchziehende Fremde, damit sie ihrem Lande Soldaten schenkten. Die Großsöhne jener Generation kämpfen heute im Chaco gegen Bolivien. Sie haben ihrer Heldentra- dition Ehre gemacht.
Stteifkolonnen der Paraguayer sind im dichten Dschungel des Chaco Boreal auf die Leichen
von 15 0 Bolivianern gestoßen, deren Todesursache der Durst gewesen zu sein scheint. Ein furchtbares Drama muß sich dort abgespielt haben. Die Bolivianer sind inmitten unbeschreiblicher Fülle verschmachtet, inmitten eines Orchideenpar- terres, inmitten eines Treibhauses von insektenfressenden Blumenungeheuern. Rund herum stehen blütenschwere Bäume, um die sich in wilder Umarmung von Ast zu Ast Lianen emporschlingen, und schwüle Feuchtigkeit steigt aus dem Boden. Das Fieber muß sie im grünen Tropenparadies überwältigt haben, so daß sie nicht mehr die Kraft fanden, sich einen Weg zu den vielen Wassertümpeln zu bahnen, und, umgeben von Ueberfluß, verdursteten. Die Bolivianer sind Söhne der Berge, sie leben auf einer rauhen, in den Nächten eiskalten Hochebene von über 4000 Meter. Dort herrscht die furchtbare Höhenkrankheit, die Puna, die das Blut aus den Ohren und aus der Nase herausfließen läßt, Schwindel verursacht und den Blick ttübt. In ihre Decken aus Lamawolle gewickelt, am glimmenden Feuer aus Lamadung in niedrigen Steinhütten leben die bolivianischen Indianer ihr primitives Leden und verehren die sagenhafte Gottheit, die angeblich im Eistempel auf dem 7200 Meter hohen Jllimani über der Hauptstadt La Paz thront.


