Ausgabe 
28.7.1932 Frühausgabe
 
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ßt. U5 Svühausgabe

Donnerstag, 28. Juli 1952

182. Jahrgang

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Der Untergang derNiobe".

Teilnahme in aller Welt an der Trauer unserer Reichsmanne. Oie Fachleute zur Tragödie im Fehmarn-Belt.

Das Urteil von Geeleuten.

Hamburg, 27. Juli. (TU.) DasHamburger Fremdenblatt" hat verschiedene Sachverständige darunter einen der erfahrensten Segelschiffkapitäne in Hamburg und den Leiter der Marinedienst- stclle, Kapitän zur See Menche, um ihre Ansicht befragt, worauf das plötzliche Kentern derNiobe" z u r ü ck z u f ü h r e n i ft. Nach Meinung dieser Sachverständigen, gehört das Kentern zu den selten st en Unfällen in der Segelschiff-Praxis der letzten Jahrzehnte. Kapitän zur See Menche, der vor noch nicht allzu langer Zeit bei der Marinewerft in Wilhelmshaven Zeuge der ausgedehnten Versuche war, die beim Um­bau der Takelage auf derNiob e" vor­genommen wurden, steht hinsichtlich der Entstehungs- urfache des schweren Schiffsunfalls vor einem Rätsel. Kapitän Menche hat bei den Umbau­arbeiten beobachtet, welch ausgedehnte Krängungs­und Schlingeroersuche mit derNiobe" angefteöt worden sind. Das Schiff wurde unter Aufsicht er­fahrener Ingenieure und Schiffbautechniker nach beiden Seiten abwechselnd belastet. Durch die einseitige Belastung wurden hohe Schlagsei­ten künstlich hergestellt, wie sie in diesem Umfange selbst in der Praxis kaum möglich sind. Das Schiff hat damals allen Anforderun- gen und allen Experimenten voll ge­nügt. Eine besondere Sicherheit bestand noch darin, daß dieNiobe" einen f e st eingebauten Ballast hatte, der durch eine plötzliche eintretende Schlagseite sich nicht verschieben und das Schiff aus feiner Gleichgewichtslage bringen konnte. Es besteht nach verschiedenen anderen Urteilen nur die eine Möglichkeit, daß dieNiobe" von einer s o plötzlich überrascht worden ist, daß infolge Schlagseite große Mengen Wasser durch offene Bullaugen in die Räume ein­drangen und dadurch das Schiff zum Kentern ge­bracht wurde.

Der frühere Kommandant des Schiffes, Kor­vettenkapitän K ii m p e l. der das Schiff 23/4 Jahre lang geführt und das Kommando am 1. April dieses Jahres an Kapitänleutnant Ruh­

Oie Unglücksstelle zwischen der deutschen Ostseeinsel Fehmarn und der dänischen Insel Laaland.

X Unglücksstelle

fuß abgegeben hat. erklärte, dah dieRiobe" e i n voll seetüchtiges Schiff gewesen ist, das allen seetechnischen Anforderungen vollauf ge­nügte. Korvettenkapitän Kümpel stellt dem jetzi­gen Führer des Schiffes, der unter feiner Leitung über ein Jahr lang Wachoffizier und stellvertre­tender Kommandant gewesen war, das beste Zeug­nis aus. Kapitänleutnant R u h f u h sei einer der erfahrensten Kapitänleutnants der Reichsmarine. Auch die übrigen Offiziere des Schiffes, die fast alle ein bis zwei Jahre an Bord waren, haben die allerbesten seemännischen Kennt­nisse besessen.

Zu dem Bericht des Kapitäns derTheresia Ruh", die hervorragend an den Rettungsarbeiten beteiligt war, erklärt Korvettenkapitän Kümpel, wenn in diesem Bericht davon die Rede ist, dah im Augenblick der Katastrophe sämtliche Luken derRiobe" geöffnet gewesen seien, so dah das Schiff sofort voll Wasser lief, so beruhe dies auf einem Mihverständ- n i s. Es handelt sich dabei nicht um Luken, son­dern um Riedergänge, die selbstverständlich geöffnet fein müssen, um die unter Deck befind­liche Mannschaft zu den Segelmanovern her­auszulassen. Im übrigen liehen sich diese Riedergänge überhaupt nicht dicht verschließen.

Gin Geretteter über den Untergang derRiobe".

Hamburg, 27. Juli. (TU.) Ein Feldwebel ber Marine, der einen der Geretteten derRiobe" gesprochen hat, machte demHamburger Frem- benblatt über die -Ursachen des Unglücks fol­gende Angaben:Der Erste Offizier sah die CBöe, die derRiobe" zum Verhängnis wurde, heraniMen. Er erhob seine Stimme zu dem KommandoRuder scharf SteuerbordI" Kurz nach­dem der Offizier das Kommando gegeben hatte, legte sich dieRiobe" schon auf die Seite und innerhalb weniger Minuten war sie auf dem Meeresgrund. Die Ueberleben- den haben sich dadurch gerettet, dah sie Schwimmwesten und Rettungsgürtel

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Das FeuerschiffFehmarnbett", das Zeuge derNiobe"-Katastrophe war und sofort sein Rettungsboot an die Unglücksstelle entsandte, um die erste Hilfe zu leisten.

ergriffen oder sich an umherschwimmende Holz­stücke anklammerten. Verwundet ist nur der Koch, der sich bet dem Unglück durch siedendes Waffer schwer verbrüht hat. Trotzdem hatte der Koch noch die Energie, ins Wasser zu springen und sich durch Schwimmen oben zu halten."

Zwei Todesopfer derNiobe" geborgen?

Kiel, 27. Juli. (TU.) Dom Marinearsenal Kiel sind die beiden SchlepperHund" und Sperber" mit Tauchern an Bord nach der Unglücksstelle derRiobe" abgegangen, um zu versuchen, in das Innere zu gelangen. Wie in Kiel verlautet, soll es ihnen gelungen sein, zwet Todesopfer aus dem Schiff herauszubringen. Eine amtliche Bestätigung war noch nicht zu er­langen. Die Suche nach den Vermißten wird an der Unfallstelle.durch den KreuzerKöln" und andere Fahrzeuge fortgesetzt.

Wie der Strandvogt von R o d b y auf Laaland telephonisch mitteilt, hat er durch sämtliche Fischer­dörfer an der Küste Rachforschungen nach geretteten Ueberlebenden derRiobe" anstellen lassen, hat jedoch bisher nur verneinende Antworten erhalten. Dagegen ist am Strand von Laaland ein kleines gekentertes G u m m i - boot angetrieben, das wahrscheinlich von derRiobe" stammt. In der Rähc des Hafens Rodbh wurden einige Bojen gefunden, die zu dem untergegangenen Schulschiff gehört hatten. Weiter ist nichts gefunden worden. Aus Rödby wird weiter mitgeteilt, dah man gestern über der Ostsee eine Wasserhose bemerkte und dah der furchtbare Wirbelsturm, der sie begleitete, auch über dem Lande zu bemerken war, als der Wtnd gleichzeitig plötzlich vonSüdost nach Südwest umsprang.

Trauerfeier im Rundfunk

B e r I i n , 27. Juli. (WTB.) Der Rundfunk ver­anstaltete heute abend eine Trauerseier für die Opfer derRiobe", die von Hamburg auä über alle deutschen Sender übertragen wurde. Aach dem Vortrag des Riederländischen Dankgebetes schtl- derte der Inspekteur des Bildungswesens der deutschen Reichsmarine, Konteradmiral Kolbe, in einer Ansprache den Bau, die Einrichtungen, die Bestimmung und die Besetzung des ^kenter­ten Schiffes und gab dann eine eindringliche Dar- ftellung der Katastrophe, währcmd der sich die Ereignisse in Sekundenschnelle überstürzten. Mit Trauer und Stolz und inniger Anteilnahme ge­baute er zum Schluß der Opfer, die rn treuer Pflichterfüllung starben und ihrer Angehörigem Auch die Gedenkrede des Marmepsarrers Haupt, der den Angehörigen ber Verunglück- ten Trost zusprach, wurde von Vortragen und Chorälen und des Liedes »Ich hakt einen Ka­meraden" umrahmt.

Beileidstelegramm des Reichskanzlers.

Berlin, 27. Juli. (WTB.) Der Reichs­kanzler hat an den Reichswehrminister nach­stehendes Beileidstelegramm gerichtet:

2lufs tiefste erschüttert von dem schweren Schick- salsschlag, den unsere Reichsmarine durch den Untergang des Schulschiffes JIli-obe erlitten hat, bei dem nach den bisherigen Meldungen 69 Mnnn der Besatzung den Tod in den Wellen fanden, spreche ich Ihnen meine mmgft e -L eil - nähme aus. Ich bitte, diese auch den Angehorr«

gen der ums Geben Gekommenen übermitteln zu wollen und den Verletzten meine besten Wünsche für ihre baldige Wiederherstellung auszusprechen. Ich bin überzeugt, dah dieses beklagenswerte Un­glück die deutsche Reichsmarine in der pflicht­treuen Arbeit an ihrer Fortentwicklung nicht hem­men wird."

An die Wehrmacht.

Berlin, 27. Juli. (WTB.) Der Reichs­wehrmini st er hat an den Ches der Marine­leitung nachstehendes Telegramm gerichtet:

Ihnen und der ganzen Reichsmarine spreche ich mein herzlichstes Beileid zu dem schweren Un­glücksfall aus, der die Reichsmarine getroffen hat. Ich gedenke in tiefer Trauer und Teilnahme all der jungen Kamera­den, die in treuer Pflichterfüllung ihr Leben im Dienst des Vaterlandes gelassen haben.

Der Reichswehrminister hat folgenden E r I a h herausgegeben:

An die Wehrmacht! Aus der Blüte des Le­bens, aus dem Dienst für Volk und Vaterland hat der Seemannstod 69 Kameraden der Reichsmarine herausgerissen. In tiefer und starker Trauer gedenkt die Wehrmacht der Toten derRiobe". Ihr Opfer weist uns den Weg: Alles f ü r Deutschland!

gez. v. Schleicher.

Dänemarks Teilnahme.

Kopenhagen, 27. Juli. (TU.) Die Rach- richt von dem Untergang derRiobe" hat in Dänemark den tiefsten Eindruck ge­macht. 2m Laufs der Rächt haben sich fünf Schiffe der dänischen Kriegsmarine und meh­rere Flugzeuge nach der Unglücksstätte be­geben, um nach Ueberlebenden zu suchen. Auch 0 - Doote wurden an die Unglücksstelle be­ordert, ebenso das JnspettionsschiffJsland- falf. Die Flugzeuge muhten berichten, dah b i s- her keine Ueberlebenden gefunden werden konnten.

Der dänische Verteidigungsminister Ras­mussen und der kommandierende Admiral Rechnitzer haben dem deutschen Gesandten Freiherrn v. Richthofen zu dem Untergang der Riobe" das Beileid der dänischen Re­gierung ausgesprochen. Der König hat an den Reichspräsidenten von Hinden­burg ein herzlich gehaltenes Beileidstelegramm gerichtet.

Oie Teilnahme des Auslandes.

Berlin, 27. Juli. (TU.) Anlählich des Untergangs des SegelschulschiffesRiobe" haben der König von Italien und der König von Dänemark dem Reichspräsidenten von Hindenburg telegraphisch ihr herzliches Beileid ausgesprochen. Der Erste Lord der briti­schen Admiralität, Sir Bolton Eyres- Monsell, hat an den Reichswehrminister General v. Schleicher folgendes Telegramm ge­sandt:Ich bin tief betrübt über die Tragödie, die Ihnen so viele junge Leben gekostet hat. Ich erlaube mir, Ihnen mein tiefgefühltes Beileid auszusprechen." Der französische Bot­schafter Francois Poncet hat dem Reichsminister des Auswärtigen einen Besuch abgeftattet. um ihm die aufrichtige Anteilnahme der sranzösifchen Regierung zum Ausdruck zu bringen. Im Reichswehrministerium haben ferner ihr Delleid ausgesprochen: der grie­

chische Geschäftsträger, dieMarineattacheS von England, Frankreich, Japan, Italien, Ver­einigte Staaten, und die Militärattaches von Bulgarien, Polen, Spanien und Ungarn.

Auch ein Boot mit einer deutschen Familie bei Gjedser untergegangen?

Kopenhagen, 27. Juli. (TU.) 2m Zu­sammenhang mit dem Untergang derRiobe" wird befürchtet, dah der gestrige Windstoß noch weitereMenschenopfer gefordert hat. Von dem Leuchtfeuerschiff bei Gjedser wird gemeldet, dah ein kanuähnliches Fahr­zeug, das zwei Tage lang in Gjedser gelegen hatte, Dienstagnachmittag kurz vor Ausbruch des Windstoßes in See gegangen war. Rach dem Windstoh war es plötzlich verschwun­den, so dah angenommen wird, dah das Fahr­zeug untergegangen ist. An Bord befand sich eine deutsche Familie, ein Eltern paar mit ihren vier Kindern.

pariser Scho her Schleicher-Rede.

Hysterisches Angstgcschrci der französischen Presse.

Paris, 27. 2uli. (TU.) Die Pariser Presse hat mit ihrer Antwort auf die Aus­führungen des Generals von Schleicher nicht auf sich warten lassen. Die Abendblätter widmen den Erklärungen des Reichswehrministers ausführliche Betrachtungen, in denen auf die angebliche Gefahr hingewiesen wird, die eine Wiederaufrü- stung Deutschlands für den europäischen Frieden bedeuten würde. DerTemps" sieht in diesen Erklärungen das neue Deutsch­land, das aus dem Zusammenbruch des demo­kratischen Regimes und aus der nationalsoziali­stischen Bewegung geboren sei und das nunmehr mit den Methoden des alten imperia­listischen Regimes seinen Weg suche. Ge­neral von Schleicher habe unumwunden die wahre Ratur der R e i ch s r e g i e r u n g dargelegt, in der man die Wiedergeburt der alten preußischen Ueberliefe-

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Reichswehrminister Generalleutnant von Schleicher vor dem Mikrophon während seiner großen Rund­funkrede, die von sämtlichen deutschen Sendern über­nommen wurde.

rungen erkenne und die außerhalb jeder indi­viduellen oder Parteidiktatur nur für das Heer und mit dem Heer regierte. Er habe bei feinen Ausführungen nicht einmal die elemen­tarsten Grundregeln 8er Diplomatie bewahrt und man könne ihm das Verdienst einer, wenn auch brutalen, Offenheit, nicht abfprechen. Die Er­klärungen Schleichers bedeuteten unter diesen Um­ständen eine Warnung für alle Völker. Die nationalistischeLiberte" bezeichnet die Aus­führungen von Schleichers als eine Unver­schämtheit, deren Tragweite um so größer sei, alssieausdemMundedeswahren Füh­rers einer Diktaturregierung kämen. Das2oumal des Debats" sagt, die Ausfüh­rungen des Reichswehrministers bewiesen wieder einmal, wo man nach den Beratungen der Ab­rüstungskonferenz angelangt sei. Während man i n (SenfüberQIbrüftung spreche, denkeman in Berlin nur an Aufrüstung.

DerM a t i n" bezeichnete die Ausführungen von Schleichers als eine Haßrede gegen Frank­reich. Der Berliner Berichterstatter des Jour­nal" hebt die Stelle in der Rede des Generals von Schleicher hervor, in der für den Fall, daß Deutsch­land Sicherheit und Gleichberechtigung vorenthalten werde, ein Umbau der deutschen Wehrmacht ange­kündigt wird.Echo de Paris" zeigt sich sehr ver­ärgert darüber, daß es General o. Schleicher ge­lungen ist, den Gegensatz zwischen der Feststellung des Abgeordneten Lamoureux, der erklärte, daß Frankreichs Sicherheit durch die neuen B e - festigungslinien weitgehend gewährleistet sei, und der Stellungnahme H e r r i o t s in Genf aufzu­weisen, wo der französische Ministerpräsident Ga­rantien für diese gleiche Sicherheit gefordert hat.Paris Midi" veröffentlicht einen Bericht seines Berliner Korrespondenten, in dessen Ueberschrist es heißt:Mit General von Schleicher greift die gesamte deütsche Presse Frankreich an und roröert militärische Freiheit d e s Reiches." Der Artikel bezeichnet die Rundfunk­rede des Reichswehrministers als eine Sensation und erwartet von ihr tiefgreifende Rückwirkungen