Er. 98 Zweiter Blatt
„Schanghai-Expreß."
Ein Tonfilm mit Marlene Tietrich.
Berlin, im April.
Drei Tage rast der Schanghai-Expreß durch das von Bürgerkriegen zerrissene China, man sollte also erwarten, etwas von Landlchost und Weite zu sehen: aber der Film rollt in den engsten Bäumen ab. in den Gängen der Wagen, in den Abteilen, im Speisesaal des Zuges, auf einigen Bahnhofen. Mehr kann nicht gezeigt teerten, tenn alles geschieht im Atelier, und dahinter ist Hollywood. Daß man Atelier und Filmstadt vergessen kann, ist die große Leistung des Re- gilseurs Josef von Sternberg, der vor der Kamera ein unerhört naturnahes, dicht bevölkertes Treiben vorüberziehen läßt, ein Völker» gewimmel, geballte Internationalität: man denkt manchmal an Wochenschau-Ausschnittc aus einem chinesischen Bürgerkrieg, dessen verworrenes und wüstes Treiben unheimlich nahe kommt: hier ist kein Film mehr, sondern krasse Wirklichkeit, wie man sie aus der Leinwand selten erlebt
Im Schanghai-Expreß reisen Passagiere aus aller Herren Länder. Unter ihnen die Schanghai-Lili, eine große Kokotte, „bic Chinas Küsten unsicher macht", wie es im Manuskript heißt: natürlich Marlene Dietrich. Cie begegnet aus dieser verhängnisvollen Fahrt dem englischen Militärarzt Donald Harvey: sie haben sich einmal geliebt und werden sich wieder finden, denn am Schluß leuchtet das unvermeidliche happy end. das alle- vergoldet, auch die Tat der Chinesin Huei Fei, die den aufständischen General Chang, ter ihr zu nahe kam. erdolcht und sich so die hohe Prämie verdient, die auf seinen Kopf gesetzt ist.
Beben der erschreckend echten Gestaltung der Umwelt eine andere Leistung I. von Sternbergs: die starke HerauSarbeitung des Schauspielerischen. Marlene Dietrich zeigt weder ihre weltberühmten Beine noch andere Körperreize, sie spricht nur mit halber, verhaltener Stimme, sic wirkt mit gleichsam unterdrückten, nur angedeuteten Mitteln: so auch ihr Partner, der englische Militärarzt: Clive Brook, und die tugendhafte Chinesin: Anna Mav Wong.
Das Manuskript ist flach und trivial, aber es verzichtet wenigstens darauf. Marlene ein Chanson singen zu lassen, und gibt sich als ernster Filmstoss: nur manchmal wird ein Grammophon angestellt. Sternberg hätte Gelegenheit gehabt, in Edelmut und Sentimentalität .zu versinken, er hat auch diese Versuchung vermieden. bo.
Indianische Zeichensprache im Film.
Jene Tage, da die Indianer noch die Herren ter weiten Prärien Amerikas waren und auf dem Kriegspsad gegen die Bleichgesichter ihre Heldentaten verrichteten, die das Ideal unserer Jugend waren, wurden wieder wachgerusen durch eine seltsame Versammlung, die vor einiger Zeit zu Browning in Montana abgehalten wurde 14 In» diancr-Hauptlingc. die Vertreter der wichtigsten noch lebenden Stämme, waren auf Veranlassung der Regierung der Vereinigten Staaten zusammengetreten. um die indianische Zeichensprache durch eine sorgfältige Filmaufnahme der Rachwelt zu erhalten. Diese stumme Verständigung. die zwischen den Angehörigen ter verschiedenen Stämme, die verschiedene Dialekte sprachen, üblich war. bevor die Weißen ihren Fuß auf den amerikanischen Kontinent setzten, gerät jetzt immer mehr in Vergessenheit und wird nur noch von den alten Häuptlingen bewahrt. Da saßen nun diese 14 Häuptlinge im Alter von 55 bis 82 Jahren im Scheine des Lagerfeuers und tauschten
3m Bilde sein . ..
Impressionen aus dem Tonfilm-Atel er.
Don (shrista Winsloe
Wahrend es im gewöhnlichen Leben die Hauptsache ist, „im Bilde zu fein", so ist es im Film- atelicr unter Umstanden eine Todsunde. Gesetzt den Fall, daß man eben nicht im Bilde zu sein hat. Und das trifft zu auf alle jene, die nicht ins Bild gehören. Zu den nicht ins Bild Gehörenden zahlen alle, von den Beleuchtern angefangen, dis hinab zum Autor. Ausgenommen diejenigen Schauspieler, die momentan die Szene darstellen.
Betritt man nun das Atelier, so empfängt einen zuerst ein Hc^lb. oder Ganzdunkel. Cs zahlt als Glückssall, wenn einem nicht sofort eine Wand den Weg versperrt. Unerkennbare Balken, Stücke, Gitter, Mabel, elektrische Schaltschränke, Gestelle aller Art, bilden ein undurchdringliches Dschungel. Hoch oben ahnt man irgendwo Licht Während man nun auf weichumwickelten Leitungsschnuren weiter balanciert, sich an Wänden halten will, die fofort nachgeben, weil sie gar keine Wände sind, sich an (Eifengitter klammert, die sich biegen, wie Rohr im Winde, lauscht man wie ein Jäger im Walde auf die Ge- rausche, in der schwachen Hoffnung, sich zu orientieren. Hammern, Sägen, Klirren von Glas, 2higft- schreie, von denen man nicht weiß, ob sie zum Spiel gehören oder echt sind, Zischen, Fluchen — mehr oder weniger parlamentarisch —: „Ach was, den Mops schneiden wir ab", — „Komm mal her, alte Krähe", — „Mensch, gib doch die Bratpfanne her ", und endlich: „Na, können wir nun?" Wenn das kommt, hat man füll u stehen und den Atem anzuhalten, denn jetzt kommt das Kommando: „Achtung! Los!" Ein Autohupensignal und Toten- stille. Ein paar Worte klingen ganz einsam und verlassen durch den Riefenraum, dann eine Kom- mandostimme: „Aus!" — und das große Durcheinander von Stimmen, Hämmern, Klopfen fetzt , wieder ein. „Was, die Prinzessin ist aus dem Bild gelaufen?" Der Operateur erklärt dem Regisseur, daß die Darstellerin den Kopf ein ganz klein wenig weiter nach rechts ... nämlich, wenn man „im Bilde" zu fein hat, darf man nicht raus. Ein Schauspieler muß nicht nur spielen, nein, er muß die Kamera im Auge haben, ohne hineinzusehen (das ist auch so eine Todsünde). Er muß das Mikro. Phon „wissen", um hineinzusprechen, ohne daß man sieht, daß er hineinspricht. Hat er im Gehen zu sprechen, und das ist sehr beliebt beim Film, wo alles auf Bewegung ankommt, so nagelt man ihm Brettchen als Hindernisie in den ®eg,_bamit er ja .acht zu weit läuft und genau an der Stelle spricht.
Mittwoch, 27. April (932
. 1 . ___L”*1 I
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Aus der Wett des Films.
Erinnerungen an die Heldenzeit ihres Volkes aus. ohne daß ein Laut vernehmlich tourte. Im tiefen Stillschweigen führten sie mit den Händen ihre Unterhaltungen, erzählten lange Geschichten mit ausdrucksvollen Gebärden, während die Filmkamera die Folge ter 1300 Zeichen fest hielt, aus denen diese merkwürdige auSstertende Sprache besteht.
Die Häuptlinge zeigten sich als die geborenen Filmstars, denn sie schienen durch die Filmaufnahme nicht im geringsten in der Ratürlichkeit ihrer Haltung und ihrer Gesten beeinflußt zu sein. Aus dem Ehrenplatz in der Milte des KreiseS saß ein weißer Mann. Es war ter Generalmajor Hugh L. Scott, der als junger Offizier während ter Kämpfe mit den Indianern ihre Zeichensprache erlernt hatte und sich nun mit den Häuptlingen geläufig unterhalten konnte. Wenn auch die ganze lange Konferenz wortlos verlief, so war doch ter Filmapparat auch mit einer Tonfilm-
Vorrichtung versehen, tenn man wollte die gelegentlich auSgestohenen Laute des Beifalls oder ter -bettounterung mit auf nehmen, die die Häuptlinge bei den Erzählungen ihrer Genoslen hören neben. Solche Laute waren besonders häufig in ter dramataikchen Erzählung, die ein 80jähriger Häuptling. Ditterwurzel-Iim. von einem Jagd- ad enteuer gab. bei dem er mit seiner Büchse eine Bnzahl von Bären tötete, um seinen Stamm vor dem Verhungern zu retten. Eine Stunde lang erzählte die alte Rothaut von dieser Leistung in ter anschaulichen Form und der poetischen Ausschmückung^ die ter indianischen Beredsamkeit eigen ist. Der Berg-Häuptling des Schwarzfuß-Stam- mes. der schon über 80 Jahre und fast blind ist, gab eine packende Beschreibung von einer Büsfel- jagd in seiner Jugend, und geriet in große Erregung. als er mit seinen Fäusten auf den Boden trommelte, um das dumpfe Geräusch tes Getrampels der dahinjagenden Büffelherden anzudeuten.
Aus den Archiven des Tonfilms.
Seine Propheten. —Erste Schritte und Entwicklung.—Honorare vor30Iahren.
Don A. K. von Hübbenet.
Große Ereignisse werfen ihre Schallen voraus. Auch ter Tonfilm hat seine Propheten gehabt. Schon im Mai 1847. «in halbes Jahrzehnt vor Erfindung tes Grammophons, schrieb ter französische Dichter Theophil« Gautier, beeindruckt von den Fortschritten der damals erfundenen Photographie: „So wie man das Licht gezwungen hat. eine blanke Platte mit Bildern zu trüben, wird man es so weit bringen, durch eine Materie, die noch empfindlicher und subtiler ist als Jod. die Schallwellen aufzusangen und festzuhalten und auf diele Weise eine Arie Marios, einen Monolog der Rachel oder eine Srrophe von Frederic ßemaitre zu konservieren." Der Tonfilm als künst- lerifche Darbietung hat jedoch einen primitiven Vorläufer, der noch um 2000 Jahre älter ist: die chinesischen Schattenspiele, die bereits in historischen Urkunden aus dem Jahre 121 v. Chr. erwähnt werden.
Heute sind aus den Schattenspielen Lichtspiele geworden.
Der erste Erfinder, der sich mit dem Tonfilm praktisch beschäftigt hat. war wohl Thomas A. Edison. In einem Buch, das von seinen. Mitarbeitern. den Brüdern Dickson. 1894 in London herausgebracht wurde, findet sich folgende Eintragung von ihm: „3m Jahre 1887 kam mit der Gedanke, daß es möglich sein müsse, ein Instrument zu erfinden, das für das Auge das gleiche wäre, wie der Phonograph für das Ohr. um bei einer Kombination der beiden gleichzeitig eine Bewegung und einen Ton aufzunehmen und zu reproduzieren." Hier ist die technische Funk- tfon des TonsllMs bereits 'eindeutig lestgelegl, und auch an der Verwirklichung dieser Idee hatte Edison maßgebenden Anteil. Schon 1877 hatte Edison den ..Phonographen" ersunden. den ersten Sprechapparat, der Töne aufzeichnete und sie auch wieder abzuhören gestattete. Sein Guckkasten „Kinetoskop" war ein wesentliches Glied in der Entwicklung tes Bildfilms, dessen rascher Aufschwung ater erst durch di« 1889 erfolgte Erfindung des lichtempfindlichen Zelluloidstreifens ermöglicht wurde.
Zu Anfang des Jahrhunderts waren einerseits der Dildfilm. andererseits der „Phonograph" und das von dem Deutschen Berliner 1887 konstruierte Schallplatten-Grammophon technisch
soweit entwickelt, daß eine rege Tonfilmproduktion einsetzen konnte. Besonders in Deutschland wurde in den Jahren 1905 bis 1910 eine Unmenge von sogenannten Tonbildern hergestellt. Da diese Filme nur sehr kurz waren, etwa ein Viertel der Länge eines heutigen Beiprogrammfilms. bereitete die Wahl der Manuskripte den Herstellern keine großen Sorgen. Verfilmt wurden hauptsächlich Teile aus Opern und Operetten, in denen die berühmtesten damaligen Opern- gröWr auftraten, wie Mia Werba, Hedwig Francillo-Kaufsmonn, Kuttner usw.
Die Honorare bewegten sich in sehr bescheidenen Grenzen. Fritzi Massary erhielt zwar mit ihrem Partner Henry Bender für ein Tanz- und Gesangsduett die riesige Gage von 500 Mark. Das war jedoch eine Ausnahme, die in Herstellerkreisen heftiges Kopsschütteln hervorries. Ueblich waren Honorare zwischen 10 und 20 Mark, ater auch nur für Hauptrollen Komparserie mußte sich mit 2 Mark pro Tag begnügen. So erhielt die Hauptdarstellerin Rosa Porten für ihre Mitwirkung im 72 Meter langen Weihnachtstonbild ..Der Bries an den lieben Gott", den ihr Vater Franz Porten, einer der ältesten deutschen Filmregisseure, inszenierte, ganze 15 Mark. Ihre jüngere Schwester Henny, die damals noch nichts von kommendem Weltruhm ahnte, bekam 6 Mark Jetzt macht he einen Film nicht unter 60 000 — eine hübsche Karriere!
Die Aufnahmearteit litt damals nicht unter der Tyrannei technischer Vervollkommnung. Bild und Toy wurden getrennt .pufgcjwmmcn. Zunächst wurde das Gefangfoück und der Dialog auf einer Grammophonplatte festgehalten, nachher führte man die Platt« im Atelier vor und probierte mit den Darstellern so lange, bis sie den Tert im gleichen Rhythmus nachsprechen oder nachfingen konnten. Rach bieten Vorbereitungen wurde die Bildaufnahme gemacht. Zur Wiedergabe im Kino diente ein Phonograph ober Grammophon, die man mit Hilfe von allerlei sinnreichen Vorrichtungen mit bem Projektor sychron zu koppeln wußte.
So primitiv die Ansprüche damals auch waren, bi« man an das Kino stellt«, di« Tonbilder scheiterten schließlich an der mangelhaften Tonwiedergabe. Die Lautstärke war ungenügend, da man Verstärker und Lautsprecher noch nicht
an der er zu sprechen hat. Denn das Mikrophon Hegt unbeweglich in molligweiche (Bummififfcn ein gebettet da und starrt in die Lust.
Ein kleiner Kasten mit einem Gittersensterchen hangt an mehreren Drähten als Ohren, kontaktlos mit der Umwelt im Raum. Das Mikrophon ist das einzig Heilige im ganzen Raum. Jeder darf gepufft und herumgefchubbft werden, wenn es eilig ist. Ueberfahren werden von Männern, die Gestelle und Apparate tragen. Aufstehen, Platzmachen, hierhin — dorthin — nur das Mikrophon ist souverän.
Fünf Männer sind zu seiner Bedienung da. Mit der Hand wird es kaum berührt. Es hat eine ganze Auswahl von Gestellen zum Ruhen. Sein Wunder, daß es manchmal einfchläft. Dann nimmt es ein Sachverständiger höflich in die Hand, ergreift einen kleinen Holzhammer (poliert) und schlägt sanft, vor- sichtig an die harten Wände. Rebellisch denkt man wohl: „Haben wir ihn denn nötig, diesen eingebildeten Kasten? Der den Film verteuert, die Schau- fpider oerückt macht durch seine Ansprüche mit „Zu kife", „Zu laut", der mit konstanter Bosheit das für ihn gesprochene Wort nicht hört, wohl aber den Flieger über dem Dache und das Knistern der Bogenlampen. Und sich bann nicht anpaßt an Wie bergabeapparatc und den schönsten Dialog zu einem Geräusch macht, als spräche man in eine Gießkanne. Muß er denn fein, dieser Tyrann?
Erlauben Sie eine Gegenfrage: Gehen die Leute, die gegen den Tonfilm sind, in Stummfilm-’?
Antwort: Nein.
Also: Er muß fein.
Sind Sie jetzt im Bilde?
Anna Sie».
Ein ausgehender Filnistern.
Anna Sten ist in Kiew zur Welt gekommen. Ihr Vater war ukrainischer Kosak, bie Mutter schwedischer Abkunft. Sie selbst wurde so Erbin verschiedenartiger 'Temperamente. Ihre Eltern waren mit ganzer Seele Künstler. 'Der Vater leitete eine Ballettschule, die Mutter litt ihr Leben lang an den Vorurteilen ihres Milieus, die sie daran verhinterten, Schauspielerin zu werben, obwohl sie Talent unb Reigung für bi den Beruf in sich trug. Den unerfüllten Traum ihres Lebens hoffte bie Mutter in ihrem Kinbe verwirklicht zu sehen. Sie förberte schon in Anna Etens frühester Iugenb die romantischen Wünsche unb bie ersten Zeichen ter Begabung unb führte bas Mädchen mit verstänbnisvoller Hanb seiner 2eten8aufgate entgegen.
Ein Glüctsfall fügte es. bah schon tem zwölfjährigen Mädel Gelegenheit gegeben wurde, die
Prob« aufs Exempel seines Theatertalents zu machen. Bei einer Schüleraufführung im Gymnasium fiel ihr die Hauptrolle zu. In die schöne sorgenfreie Entwicklung, die aus dieses Debüt folgte, brach jäh der Krieg. Anna Stens Vater fiel an ter Front, die Mutter verarmte, die Revolution vermehrte das Elend und bie Hngetoififeit ter Zukunft. Cs kam eine Zeit bitterer Rot, schwersten Kampfes um bie nackte Existenz. Sie muhte körperlich hart arbeiten. Der Winter traf bie krank unb mittellos gewordene Mutter doppelt schwer. Anna Sten entschloß sich, Hilfsarbeiterin in einem Restaurant zu werden. Aber selbst in dieser kritischen Zeit gab Anna Sten ihre Kunst nicht auf. Sie fand Anschluß an eine Vereinigung junger Künstler, wurde engagiert und war wieder in ihrem Clement. Finanzielle Schwierigkeiten führten aber bald zur Aufflösung des Llnternch- mens, und Anna Sten war glücklich, vorübergehend in einen anderen Beruf hinüterwechseln zu können. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Journalistin.
Dann kam, 1924, unerwartet ter große Aufschwung tes Films. Eine bisher von der Presse und vom Publikum als fragwürdig betrachtete Einrichtung wurde in den Mittelpunkt des Kunstlebens gehoben, unb in Kiew wurde der Theaterhochschule eine Filmfakultät angegliedert. Das war ein ausgesprochenes Schicksalszeichen. Kurz entschlossen trat Anna Sten in bie neue Akabemie ein. Sie bestaub nach anftrengenter Arbeit ihr Examen unb erhielt wegen betonterer Befähigung ein Stipendium Mit tem Geld fuhr sie nach Moskau. wo junge Darsteller für den Film gesucht wurden. Da erfuhr sie zufällig, daß eine Filmgesellschaft in Jalta eine Darstellerin ihres Faches such«. Anna Sten bewarb sich und war kurz darauf in ihrem ersten Film zu sehen. Er hieß „Die Spinne" und war «in Treffer. — Das Glück blieb Anna Sten von dieser ersten Station an treu. Eie schließt einen Vertrag mit dem Meschrapom in Moskau, schon der erste Film, der dort mit ihr hergestellt wird: .Moskau, wie es weint und lacht", ist ein Erfolg.
Es kommen Angebote aus tem Ausland. Die Gesellschaft, ter Anna Sten verpflichtet ist, entschließt sich dazu, einige Filme in Berlin her- zustellen. So tonimt sie nach Deutschland. Die Terra engagiert sie für bie Rolle ter .Gruschin- ka" in den .Brüdern Karamasofs", und nach diesem Intermezzo bietet ihr die Ufa einen Vertrag, dessen Erfüllung mit den .Bomben auf Monte Carlo" beginnt. Zuletzt spielte sie bie Aussen- Anna in tem Iannings-Pommer-Film der Alfa .Stürme der Leidenschaft".
kannte, unb immerzu traten Störungen bes Gleichlaufs auf. So lief ter Stummfilm tem Tonfilm bavon
Der erste Angriff des Tonfilms war abgeschlagen. In ter Stille bereiteten sich jedoch neue Ereignisse vor. Der R adelte naufzeich- nung ter Grammophon-Schallplatte und ter Phonograph-Walze erstand ein Konkurrent in Gestalt ter photographischen Tonaufzcichnung, auS ter allmählich der LichltonfiIm entwickelt wurde, der jetzt die Tonsilmwelt beherrscht. Die Erfinder waren Deutsche
Dem Physiker Ernst Ruhmer gelingt es im Jahre 1900 alS erstem, bie in Lichtschwankungen umgdormten Schallwellen auf einem Zilmband zu photographieren. Die Aufzeichnung hat bei ihm bic Form einer Reihe von Ouerstreifen verschiedener Tönung. Diese Art der Lichttonaus- zeichnung hat heute als ..Intensitätsverfahren" bic größte Verbreitung von allen Tonfilmmetho- ten gesunben. Die andere optische Tonauszeichnungsart. das fpgciianntc TranSversalverfähren, führt auf Untersuchungen des deutschen Physikers Professor Arthur Korn (1905) zurück.
Bei der Ersindung ter photographischen Ton- auszeichnung hatten 'owohl Ernst Ruhmer wie Professor Korn keineswegs den Tonfilm, sondern bic Lichttelegraphie im Auge Der Oszillograph Korns wurde erstmalig im Jahre 1916 von dem Fernfeherfinber Denes von Mihaly in bic Tonfilmtechnik eingeführt Als die eigentlichen Schöpfer des modernen Lichttonfilms können die ter deutschen Erfinder Vogt. Engi und Mas - solle gelten, bic sich 1919 zu der Arbeitsgemeinschaft Tri-Vrgon (Werk ter Drei) zu- fammenfchlofscn.
Am 17. September 1922. an einem Sonntag, vormittags 11 Ahr, traten bic brei Erfinber zum erstenmal an bic Oesscntlichkeit, unb bie „Alhambra" am Äurfürftcnbanun in Berlin tourte zum Schauplatz der ersten „richtigen" Tonfilmvorführung ter Welt Rose Li chtenstein sprach im Tonfilm den Prolog, Cornelis Bronsgeest, ter Mann des Rundfunks, fang den Bajazzo, unb als Glanzpunkt folgte ter erste hundertprozentige Sprech film: „Der Brandstifter" von H e y e r m a n n s. Das Tonfilmproblem ist hier bereits restlos gelöst.
Aber auch dieser zweite Ansturm d«S Tonfilms ist zum Scheitern verurteilt. Wieder, wie zehn Jahre vorher, bleibt der Stummfilm Sieger Diesmal sind es allerdings weniger technische, als finanzielle Schwierigkeiten, die den Ausschlag geben.
Im Frühjahr 1926 macht die amerikanische Firma Warner Bros, einen neuen Versuch mit dem Tonsilm. Weniger aus Lieber,zcugung, als auS Verzweiflung, denn ihre Stummfilmc gehen miserabel, sic steht am Rande des Ruins. Und diesmal klappt cs! Der Siegeszug des Tonfilms ist unaufhaltsam. Al Iolson zieht um ten Erdball, unb, zwei Jahre später sind Warner Bros, bic zweitgrößte Filmgesellschaft ter Welt!
1929 nimmt bic deutsche Filmindustrie unter Führung ter Ufa, die sich mit der Klangfilm verbünden, unb der Tobis, bic bic freien Produzenten ersaßt, den Konkurrenzkampf mit bem amerikanischen Film auf. Dabei stellt sie sich von Anfang an auf ten Lichttonfilm ein, während bie Amerikaner in ben ersten Jahren fast ausschließlich nach tem Rabeltonvcrsahren, d. h. mit Schallplattcn, arbeiten unb damit bie bereits hochentwickelte Grammophontechnik nützen. Aber ter Vorsprung der Schallplatte ist bald eingeholt und sogar überflügelt, und heute ist bie Filmprobuk- tion in ter ganzen Welt fast restlos aus Lichtton umge stein.
Oie verbesserte Tonfilm-Stimme.
Der schnellebige Mensch von heute vergißt Vergangenes rasch, und so denken wir heute kaum noch an jene furchtbaren, das Ohr marternden Geräusche, bie uns in ben Anfängen bes Tonfilmes biefeS neue Vergnügen fo sehr verleiteten. Der Tonfilm hat sich in feiner Klangwirkung in erstaunlicher Weife verbessert, wenngleich noch manches zu wünschen übrig bleibt Diese Mängel liegen ater weniger an ter Apparatur alS an ter immer noch verbesserungsbedürftigen Aussprache und besonders an der Mischung der Töne, die häusig auf die Klarheit des Eindruckes keine Rücksicht nimmt. Ein englischer Phonetiker, Arthur Lloyd James, der bie phonetischen Gesetze bes Tonfilms untersucht hat, hebt hervor, baß es in jeder Sprach« eine gewisse markante Betonung gibt, bie hörbar fein muß, damit man versteht, was gesprochen wird. Telephon, Grammophon und untere Sprcchmaschinen übermitteln dieses Mindestmaß von Deutlichkeit der Aussprache, sonst wären sie ja auch nutzlos. In ten Anfängen tes Tonfilms wurde ater beim Sprechen dieser notwendige Grundton, der eine Mischung aus Betonung, Rhythmus und Klangfarbe dar- ftellt, oft nicht vernommen. Wenn ter Sprechende sichtbar ist, dann kann das Auge daS Ohr unterstützen und durch das Auffangen ter Mundstellung beim Bilden bet Worte unb ter Gebärten bie Verstänblichkeit erhöhen. Das ist aber beim Tonfilm — besonders früher — nicht in bem Maße ter Fall gewesen. Heute wirb im allgemeinen ter für bas Verstehen unbebingt nötige Grunb- ton ter Sprache km Tonfilm gut totebergegeben. Ein anderes Problem ist bie Schnelligkeit des Sprechens. Es gibt da eine gewisse Grenze: wenn diele überschritten wird, dann entsteht ein unverständliches Tongewirr Die Geschwindigkeit ist größer, wenn der Sprecher sichtbar ist, als wenn er nicht zu sehen ist. Das sollten bie Leute am Rundfunk bedenken, die durch schnelles Sprechen sich um ihre Wirkung bringen. Die Schnelligkeitsgrenze darf jedenfalls beim Tonfilm nicht überschritten werden: sonst macht sich dies sofort störend bemerkbar, wie man z. D. bei dem letzten Pallenberg-Film bemerkte, bei tem die sonst so bewundernswerte Zungenfertigkeit des großen Schauspielers die Verständlichkeit störte. Er sprach eben für den Tonfilm zu schnell. Ein anderer schwerer Fehler ter Aussprache ist das Sprechen durch bie Rase, bas stets mit mangelhafter Verständlichkeit verknüpft ist. Wenn solche phoncti- schen Gesetze km Tonfilm noch strenger angewandt würden, dann würden bie großen Verbesserungen ter Apparatur klarer hervortreten.


