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Nr. 72 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)Samstag, 26. Mär; (952

Hauptversammlung der Hessischen Landwirffchastskammer.

Die Forderungen der hessischen Bauernschaft an CReid), (Staat und Kommune.

WSR. Darmstadt, 24. März. Die Hessi- sche Landwirtschastskammer hielt hier ihre 4. Hauptversammlung ab, um den Vvran- schlag 19 3 2 zu beraten. AIS Vertreter der Re­gierung war Ministerialdirektor Pros. Röhler anwesend.

Kammerpräsident Hensel

eröffnete die Versammlung und führte u. a. ouö: Die deutsche Landwirtschaft war. ist und bleibt der Jungbrunnen für Deutschlands Bevölkerung. Ihn Untergang wird auch der Untergang des Deutschen Reiches fein.

Bei den meisten Produkten werden heule dem Bauer Preise gezahlt, die weit unter den Bor- kriegspreisen liegen. Davon soll dcr Landwirt mit seiner Jamilic leben, wenn Steuern und hohe Zinsen das Einkommen aussresscn, und wo soll er das Geld hernehmen, um die Wirt­schaft weiterzuführen?

Zu dieser aus der Wirtschaftspolitik und infolge deS verlorenen Weltkrieges entstandenen Bauern­not sind für unsere hessische Landwirtschaft in vie­len Teilen des Landes »931 durch höhere Gewalt noch die großen Srntewitterungs-, Wasser- und tieberschwemmungSschä- d e n hinzugekommen. Schäden bis zu 80 Prozent sind keine Seltenheit. Die hessische Regie­rung zeigte zwar guten Willen, aber der wenige Steuererlaß, den sie gewährte, ist nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Ich glaube tagen zu dürfen, sie hätte gern mehr gegeben, wenn der Staatssäckel nicht leer wäre. Soeben teilte die Regierung mit. daß der ReichstinanAminjster er­kläre. die erbetenen Steuer Nachlässe konn - ten nicht bewilligt werden, da Prcu- ßen gegen eine einseitige Bevorzugung der Hessin scheu Landwirtschaft Einspruch erhebe und gleiche ^orberung auf Berücksichtigung in Aussicht stelle. Präsident Hensel erklärte, die h e s s i s ch e Re­gie r u n g habe in der tinwettersache d i e Bauern restloS unterstützt und es wäre unrecht, wenn man ihr nicht bantbar sein wollte. Die Landwirtschastskammer habe sowohl direkt, wie auch indirekt über den Deutschen Landwirt­schaftsrat zu allen Fragen, welche heute den Land­wirt schwer bedrücken, Stellung genommen und entsprechende Anträge gestellte

Die Notverordnungen hätten wohl einige Lr- telchterungen gebracht, aber wesentliches könne man für die Landwirtschast davon nicht buchen. 3m Gegenteil, die Erhöhung der Umsatzsteuer für Dich, vichprodulte und sonstige Erzeugnisse der Beredelung^wirtschast sei erneut eine schwere Belastung für die Landwirtschaft. Die Preis­senkungsaktion habe die Landwirtschaft mehr geschädigt, als genützt.

Die furchtbare Rot der hessischen Landwirt- schast sei nicht ohne Auswirkung auf die Finanz- Verhältnisse der Landwirtschastskammer geblieben. Die großen Ausstände zwangen dieLandwirt - s ch a s t S k a m m e r, um die ordnungsmäßige Ge­schäftsführung zu gewährleisten, Kredite auf­zunehmen, welche durch die hohen Zinsen eine auf die Dauer unerträgliche Belastung bedeuten. Leider seien unter den Schuldnern auch Gemein­den. deren Rechner die Kammer-Umlage zwar er­hoben, aber nicht abgeliefert hätten. Sie hätten die Gelder für die Bestreitung ihrer Wohlsahrts- llasten und für andere Zwecke verwendet. Diese Handlung sei durch viele Kreisämter dankenswer­terweise tn den letzten Tagen als ungesetzlich ver­

boten worden. Rachdem sich gezeigt habe, daß die seitherige Wirtschaftspolitik auf falfchen Bahnen wandelte, müsse verlangt werden, daß eine Um­kehr von der seitherigen Wirt­schaftspolitik erfolge. Rachgewiesenermahen hatte die Industrie der Vorkriegszeit 60 Prozent ihres Absatzes auf dem Inlandsmarkt.

Der Absatz auf dem 3nland»markt könne nur wieder hergestellt werden, wenn die Landwirt­schaft rentabel gemacht werde.

Man sollte doch in Deutschland endlich einsehen, daß wir uns Den Auslandsmarkt mit unseren In­dustrieerzeugnisfen nicht mehr zurückerobem könn­ten. Der Aufstieg auS der Wirtschastsnot in Deutschland werde mir durch Stärkung deS In­landsmarkt möglich sein. Dazu sei die Rentabili­tät der Landwirtschaft erforderlich.

Generaldirektor Or. Hammann

erklärte in seinem Tätigkeitsbericht u. a.: Wohl noch kein Jahr nach dem Kriege war für untere deutsche, insbesondere hessische, Landwirtschaft so ungünstig, wie das Jahr 1931. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte erreichten einen Tief­stand. der zu einer Katastrophe für bie Betriebe führen muß Trotzdem durch Han­delsverträge zugunsten der deutschen Industrie und zum Rachteil der deutschen Landwirtschaft besondere Vereinbarungen getroffen wurden, hat unsere deutsche Industrie von diesen Maßnahmen bis jetzt keinen Vorteil gehabt.

Dir müssen un» mehr denn je auf den Binnen­markt einfteUen, und das ist um so mehr berech­tigt, als 80 v. f). der Insgesamt in Deutschland gewonnenen Industrie- und sonstigen Erzeugnisse auf dem Binnenmarkt abgescht wurden.

Katastrophal entwickelt haben sich die Preise für Vieh und für die Erzeugnisse der Deredelungs- produktivn, für Milch, Butter, ferner auch für Bier. Wenn auch der Rampenpreis für Lieferung in die Großstadt höher liegt, so ist doch mit Be­dauern festzustetten, daß die Spannung zwischen Dem Kleinverkaufspreis und dem Erzeugerpreis immer noch zu hoch ist. Im Gegensatz dazu muß fcftgcftetlt werden, daß die Preise der land­wirtschaftlichen Betriebsmittel und Bedarfsstoffe des täglichen Leben- sich diesen Erzeugerpreisen der Landwirtschaft nicht anpaßten. Daß unter solchen Umständen in Der Landwirtschaft von einer Rentabilität nicht geredet werden kann, vielmehr eine starke Zunahme der Schulden festzustellen ist, bedarf keiner weiteren Begründung. Dazu kommt, bah bie Zinsen für kurzfristige Kredite, wie sie gerade von der Landwirtschaft in größerem Umfange in den letzten Jahren ausgenommen werden muhten, fast keinen Rückgang aufweisen. Es bedarf keiner Beweisführung, daß Zinsen von 10 bis 12 Pro­zent für die Landwirtschaft, die in Friedenszeiten schon kaum über 2 Prozent rentierte, nicht tragbar sind. Die tinwetterschäden, sind in keinem Teil des Reiches in dem Ausmaß zu beobachten gewesen wie in Hessen. Es ist deshalb

Der hessischen Landwirtschaft nicht verständlich, daß von Reichs wegen keinerlei Zuschüsse für die Beschaffung von Saatgut zur Sicherstellung der neuen Ernte bereit gestellt wurden,

obwohl man weiß, daß vom Reich hunderte von Millionen im Laufe des letzten Jahres für andere Zwecke als verlorene Zuschüsse Verwen­dung fanden. Die öffentlichen Steuern und Lasten haben ebenfalls keine Verminderung er-

Buo linier Sronraroetöto

Roman von 3 GchneiderAoerstl.

Urheber-Rechtsschutz: Verlag D. Meister, Werdau.

12. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Sann gehen Sie nur, Herr Malnow!" nahm Suse das Wort.Der Stephan kann mich auch nach Hause begleiten. Ich will nur noch rasch ein paar Tannenzweige mitnehmen. Bleiben Sie noch ein paar Minuten, Stephan", wandte sie sich an Den Knecht.Sie können mir tragen helfen." Sie nickte Malnow flüchtig zu unD be­gann von den herabhängenDen Aesten Zweige zu brechen.

Am Wiesenrand sah Malnow noch einmal nach ihr zurück. Ihr weißes Kleid leuchtete zwischen Den Büschen, unD Stephan löste ihr eben das blonde Haar aus einer Mispel, in die es sich verfangen hatte. Sein Blut pulste in raschen Stößen. (Sine Angst ohnegleichen drückte ihm die Kehle zusammen. Es gab keinen Zweifel: Die Stunde war da, in der er Frau von Recklin- hausen Rechenschaft geben muhte. Daß sie ein­mal kommen würde, hatte er sich nie verhehlt. Aber daß sie so rasch genaht war, das dünkte ihn niederschmetternd. Sein Schritt wurde immer langsamer.

Als er durch das Hoftor bog. glich er einem alten Mann, der es nötig hatte, so bald als möglich eine Stühe für seinen Körper zu bekom­men. Schweißgebadet trat er in seine Wohnung. Rur ein anderes Hemd, einen anderen Rock wollte er Überwerfen, dann wollte er den Gang tun, der der schwerste seines Lebens war.

Der Knecht kam zur Herrin und bat sie um bie Hand der Tochter. Ein gelinder Schwindel drückte ihn für Sekunden auf dem Stuhl neben seinem Bette. Dann lösten seine zitternden Fin­ger bie Knöpfe des Hemdes. Er hatte schon so vieles durchgemacht. Auch das würde vorüber­gehen. Um Suscs willen! dachte er. Mit häm­mernden Schläfen setzte er sich die Worte zu­recht, die er sprechen wollte, sein Glück nicht ver­lieren zu müssen.

Zehn Minuten später drückte er die Türe seiner Zweizimmerwohnung hinter sich zu.

..Es tut mir leid, Sie so abgehetzt zu sehen?" bedauerte Zxau von Recklinhausen, als er mit gewaltsam zur Ruhe gezwungenem Körper vor ihr stand. Sie zeigte nach einem Stuhl, Der in ihrer Rähe stand und wartete, bis er sich gesetzt hatte. Seine Füße trugen ihn in der Tat nicht mehr. Sein Gehirn weigerte sich, auch nur eines der Worte wiederzugeben, die er sich zurecht­gelegt hatte.

S, tefj mit verjchwvvmrndem SM tote Fsc»

von Recklinhausen ein Blatt vom Schreibtisch nahm und es ihm reichte. Er war dankbar, daß sie ihm wenigstens den Ramen dessen, der sein und SuseS heiwlicheS Glück betraten hatte, wissen ließ.

Mit verschleiertem Blick hastete er über die Buchstaben hin:

IhrS Mutter an Herzschlag verschie­den. Erbitte sofortiges Kommen.

Schwester Gertraud."

Im ersten Schrecken, in der ersten Größe maß­losen Schmerzes saß Malnow aufrecht, dann drückte ihn eine dumpfe Schwäche an die Lehne des Stuhles zurück. Auf den Lippen trug er noch Suses Küsse. In seinen Augen brannte noch ihr Bild, fein Ohr trank noch ihre Stimme in sich hinein und dicht neben sich hörte er jetzt die teilnehmend gütige ihrer Mutter:

..Es tut mir unendlich leid. Herr Malnow, daß Sie einen solch schweren Verlust zu befiagen haben Ich wußte gar nicht, daß Ihre Mutter noch lebt. Sie haben mir nie von ihr gesprochen. Das Telegramm kam irrtümlicherweise auf meinen Schreibtisch. Ich habe es. ohne weiter auf die Adresse zu achten, geöffnet und so Kenntnis von dieser schmerzlichen Rachricht bekommen. Ich bitte Sie, meiner herzlichsten Teilnahme versichert zu sein und das Versehen entschuldigen zu wollen."

Er sah sie mit völlig erloschenen Augen an, rang nach Fassung, machte eine hilflose Gebärde mit Der Linken und zog sich in seinem Stuhle hoch. Als er zu sprechen beginnen wollte, war Der Platz, an welchem Frau von Recklinhausen ge- ftanDcn hatte, leer. Erst als er nach langen Mi­nuten die Türe hinter sich zuDrückte, trat sie ihm wieder entgegen und legte teilnehmend die Hand auf feinen Arm:

Sie reifen selbstverständlich sofort ab. Herr Malnow. Ich habe bereits Auftrag gegeben, daß Der Wagen Sie zur Station bringt. Bleiben Sie ruhig weg. bis alles erledigt ist. Wo hat Ihre Mutter ihren Wohnsitz gehabt?"

..In München, gnädige Frau!"

Sie schien etwas erstaunt, wollte fragen, warum er sie nicht öfter besucht habe und unterließ es dann. Schließlich hatte sie als Fremde keinerlei Recht, ihn Darum auszusorschen. Sie nahm nur feine Hand zwischen die ihren und drückte sie schweigend.

Durch die geöffnete Tür verfolgte sie Malnow, wie er schleppenden Schrittes nach den Oekvnomie- gebäuden ging und in denselben verfchwand. Leonore, die eben die Treppe herabkam hatte einen wehen Ausdruck um Den Mund:Wie hat et es auf genommen, Mama?"

Frau von Recklinhausen hob die Achseln und suchte nach Worten. ..Er war völlig verstört. Schade, daß er sv verschlossen ift Ich habe gar toe CEtati Les L-rHes fts tz» gerades. 2ch

fahren Es war unter solchen schwierigen Ver­hältnissen für die Landwirtschastskammer nicht leicht, auch im abgelaufenen Jahr die Fördc- rungsmaßnahmen auf Dem Gebiet Der Landwirt­schaft durchzuführen. Das war um so schwieriger, als eine erhebliche Kürzung der Zuschüsse des Staates für Die Förderung Der Landwirtschaft er­folgt ist. Trotzdem wurden unter Berücksichtigung deS Zieles, daß Die Landwirtschastskammer mit ihren Förderungsmaßnahmen verfolgt. Die im Aufgabengebiet vorgesehenen Maßnahmen durch­geführt

Ministerialdirektor Prof. Rößler überbrachte die Glückwünsche der Regierung und teilte die Vorstellung der Regierung mit, um nach Den 600 000 Mk Landessteuererlah auch einen Reichssteuererlaß zu erhalten. Hessen unterstütze besonders aktiv die Forderung nach Einstellung Der auslänDischen Einfuhr, unter Der im Umkreise des Frankfurter Marktes namentlich Die hessische Landwirtschaft leide.

Einstimmige Annahme fand Dann nach ausführ­licher Begründung Die folgende

Entschließung:

Die Hauptversammlung bittet Den VorstanD Der Landwirtschaftskammer, Die nachstehenden An­träge und Wünsche bei den zuständigen Reichs- und Landes st eilen vertreten zu wollen:

1. Die Wiederherstellung der Rentabilität kann nur durch Annäherung der landwirt­schaftlichen Erzeugerpreise und Der Bedarfs st vffpreise herbei geführt werden.

2. Es ist eine allgemeine Erleich­terung der Zinsbelastung herbeizufüh- ren, auch im Interesse der Gläubiger. Die hohen Zinsspannungen und Provisionssätze der Geldin­stitute sind herabzusetzen.

3. ihn eine Schließung der Preisschere zu er­möglichen, müssen die Preisbindungen be­seitigt und die Handelsspannen für landwirtschaftliche Erzeugnisse verringert werden. Ferner ist auf dem Arbeitsmarkt, einschließlich des Lohn« und Tarifwesens, -die freie Wirtschaft 'wieder einzuführeitz.

4. Zur steuerlichen Entlastung ist eine Herabsetzung der Einheitswerte in Annäherung an die stark gesunkenen, tatsächlichen Ertragswerte herbeizusühren, und zwar sowohl aus Gründen der steuerlichen Gerechtigkeit, wie auch aus außen- und innenpolitischen Rücksichten heraus, die es verbieten, daß überhöhte Werte beibc galten werden, Die eine nicht mehr vorhan­dene Steuerkraft vortäuschen. Auch die Real- steuern sind baldmöglichst, zum Zwecke der Steuervereinheitlichung, auf die herabgesetz­ten Einheitswerte auszuschlagen. Im übrigen ist das gesamte Steuerwesen zu verein­fachen und zu verbilligen. Insbesondere sind land­wirtschaftliche Erzeugnisse aller Art von der Um­satz st e u e r zu befreien oder höchstens dem frühe­ren Steuersatz von 0,85 Prozent zu unterwerfen, da durch Rücküberwälzung der timsatzsteuer auf Den Erzeuger ein Preisdruck auf Die Erzeuger­preise entsteht. Diejenigen Verbrauchs­steuern, Die Den Absatz von Bier, Branntwein, Wein unD Zucker hemmen unD damit den Be­schäftigungsgrad innerhalb der Landwirtschaft und ihrer Rebengewerbe verringern, sind zu beteiligen. Die öffentlichen Gebührensätze, die Handwerkerlöhne und Strompreise, ferner die Ge­bühren der städtischen Viehmärkte usw. sind durch den Preiskommissar weitgehendst zu senken.

5. Zum Schuhe Der einheimischen Erzeuger sinD gewisse Einfuhrverbote zu erlassen und be­stimmte Einfuhr-Kontingente für land- wirtschaftliche Erzeugnisse festzusehen. Der Be­schluß auf Wiedereinführung des Gefrierfleisch­

Kontingents ist sobald wie möglich rückgängig z» machen.

6. Die Frachtsätze der Reichsbahn sind, soweit dies bei einzelnen Gütern, wie z. B. Dunge- mittcln. Heu, Stroh usw. noch nicht geschehen ift herabzuseyen. Ausländische Güter Dürfen nicht nach billigeren Tanten bei ordert werden als Die inländischen Erzeugnisse. Die im ReerpeDition-- v.rkehr dem Ausland gewährten Vergünstigu»- gen sind baldigst zu beseitigen

Weitere Entschließungen betreffen die Absatznot Der hessischen Wein- und Zrühgemüse-Produktimr.

Oie Aussprache.

3n der Aussprache wurde gefordert, daß bet den Sparmaßnahmen Der Regierung nicht einseitig Die landwirtschaftlichen Institute Der llniberfität Gießen herangezogen würden.

Eine von dem nationalsozialistischen Landtags- abgeorDneten Göckel (Sangen) eingebrachte Ent­schließung. in der der Reichsregierung das Mißtrauen ausgesprochen und der Rücktritt DeS Kabinetts Brüning gefordert wird, bezeichnete Ministerialdirektor Röhler als außerhalb der Kompetenz der Landwirtschafts- kammer liegend. Unter teilweiser Zustimmung Der Versammlung forDcrtc Abg. Göckel Ab­stimmung über seine Entschließung auch auf Die Gefahr hin. Daß Die Kammer von Der Regierung ausgelöst tocrDc. Präsident Hensel erklärte es im Interesse der Landwirtschaft für schädlich, politische Dinge hier anzuschneiden. (Lebhafter Beifall.)

Prof. Dr. S e s f o u S (Universität Gießen) gab der Befürchtung Ausdruck, daß die geplanten Sparmaßnahmen Der Regierung das Ende der landwirtschaftlichen Forschung und deS Institutes in Gießen Mir Folge haben konnten. Gerade die Landwirtschaft, Deren Milch­produktion allein so hoch sei, wie D°r W^rt der gesamten deutschen Kohlen- und< Ölindustrie, habe ein unbestreitbares Recht, daß auch ihre ForschungSanstalten mit den nötigen öffentlichen Mitteln unterstützt würden.

Einige Einzelanträge. Die Reform Der Arbeits­losenfürsorge, Arbeitsdienstpf licht unD Ausdeh- nung des freiwilligen Arbeitsdienstes, Garantie von Mindestpreisen, sowie Reichsgarantie für Saatgut und Erntesicherung verlangen, wurden angenommen.

Eine lebhafte Debatte entspann sich dann noch­mals über den Antrag deS nationalsozialistischen Abgeordneten G ö ck e l. Rachdem der Antrag vom Kammerpräsidenten zur Abstimmung nicht zugelassen wurde, fand gegen sechs Stimmen eine Entschließung An nähme, in der es heißt.Die hessische Landwirtschaft, welche in Deutschland stets an führender Stelle stand, ist durch die falsche Wirtschafts­politik der letzten 13 Jahre trotz ein­dringlichster Warnungen aller behördlichen und berufsständischen Vertretungen heute zum größten Teil ruiniert und - usammengebrochen. Hier liegt unbedingt Schuld seitens der Regierung vor. Des­halb beschließt Die heutige Hauptversammlung der hessischen Landwirtschaftskammer: Die R e i ch s r egi er ung kann nicht damit rechnen, daß Die hessische Landwirtschaft einer Reichsregierung Vertrauen entgegenbringt die die bisherige Wirtschaftspolitik beibehäl t.

Oer Voranschlag angenommen.

Sodann wurde der V o r a n s ch l a g für 1932 33 gegen zwei Stimmen angenommen. Der Voranschlag balanciert mit 2,031 Millionen Mark, ist also um 128 000 Mark gegenüber Dem Vorjahr gesenkt Schließlich tourDe die IahreS- rechnung 1 930 genehmigt und Dem Vor­stanD debattelos Entlastung erteilt.

weiß ja nicht, wie er zu Der Toten stand!"

Aber Mama, sie war doch seine Mutter", sagte Leonore verwundert.

Gewiß, mein Kind. Aber glaube mir, es ist zu­weilen sogar möglich, daß das Leben auch zwi­schen Mutter und Kinder eine Bresche schlägt. Bei ihm scheint es der Fall gewesen zu sein."

Suse tauchte im Flur auf und drückte einen Riesenstrauh von Tannengezweig und wehenden Farn gegen sich. Ihre Augen suchten unsicher zu Mutter und Schwester hinüber. ..Was habt ihr denn, daß ihr so ernst seid?" fragte sie be­klommen.

Malnow hat die Rachricht erhalten, daß seine Mutter gestorben ist", beschied Frau von Recklin­hausen und streichelte dabei die Wangen ihrer Jüngsten, da sie deren Erblassen falsch deutete. Wir wollen hoffen, daß Gott uns noch lange zusammen sein läßt, mein Liebling!"

Aus Suses Arm glitt Der Strauß achtlos zu Boden.Wußtest Du, daß er noch eine Mutter hat?"

Rein, Kind? Ich habe es erst durch dieses Telegramm erfahren."

Leonore sah der Schwester nach, wie sie lang­sam Die Treppe hinaufstieg. Fünf Minuten später kam sie wieder herab und ging Durch Den Garten, um Den Weg nach Malnows Wohnung zu neh­men. Sie klopfte nicht, als sie bet ihm eintrat. Das Leite Knarren Der Angeln überhörte er. Den Kops in Die Arme gewühlt, laß er an seinem Schreibtisch und fuhr auf, als sie ihm die Hand auf Die Schulter legte.

Daß er geweint hatte, erschütterte sie über Die Maßen. Sie zog sein Gesicht gegen ihre Brust unD hielt ganz stille, als sie fühlte, wie seine Achteln zuckten.

Ihre Finger streichelten sein Haar entlang. Dann neigte sich ihr Mund und blieb auf feinem Scheitel ruhen. In dieser Minute war sie nicht mehr Kind, war ganz Weib, das Dem Manne seiner Liebe Trost zu bringen suchte. Rie hatte ihre Stimme so weichen Klang gehabt, als eben jetzt, wo sie zu ihm sprach:Ich habe gar nicht gewußt, Dieter. Daß du noch eine Mutter hast. Aber ich hätte sie so gerne gekannt. Ich leide mit Dir. Allen Schmerz. Den Du trägst, trage ich auch. Kann ich etwas für dich tun, mein Guter? Soll ich Dir Die Koffer packen, ja? Du brauchst mir nur zu sagen, was du mitnefjmen willst, dann finde ich mich schon zurecht."

Er hob das verstörte Gesicht und schob sie angstvoll von sich:Alm Gottes willen, geh! Ich bitte dich, Sille!" Er sprang entbot, riß Die Türe zu seinem Schlafzimmer auf und schob sie hinein. Eine Sekunde später klopfte es und Dettermann streckte den Kopf zur Türe herein.

Der Wagen floht am Tor. Herr Malnow. Es ist höchste Zeit. Ste «reifen fönst Den Anschluß

Ich komme sofort!"

Als die Türe wieder zuschnappte, öffnete Suse die andere für einen Spalt und zog Den Ge­liebten zu sich herein.Gott, Dieter, warum hast Du mir nie davon gesprochen, wie armselig du wohnst!"

Er sah sie mit müden, verständnislosen Augen an.Was fragtest du?"

Weshalb du mir nie etwas davon sagtest, wie es hier aussieht!"

Ein schwaches Rot trat in seine Wangen.Die anderen Kuschte wohnen auch nicht besser. Es genügt mir, Suse!"

Ihr waren die Tränen nahe

Wo schläfst du denn eigentlid) ?"

Er zeigte mit. einer knappen Wendung nach der eisernen Pritsche, auf der ein einziges Kissen und eine große Decke lag. Ein Stuhl, ein braun­gebeizter Kasten und ein Waschtisch, von Dem sie sich erinnern konnte, daß er einmal auf Dem Speicher gestanden hatte, machte das ganze Mo- biiiar aus.

Er fand eS ganz 'm Der Ordnung. Was brauchte man mehr? Ein Mann behalf sich auch nur mit einem Blätterwipfel als Dach und einer Schütte Stroh wenn es sein mußte. Ihr schnitt es beinahe das Herz entzwei. Ob die Mama daS wußte?

Bis Du wiederkommst", sagte sie und schmei­chelte sich enger an ihn,werde ich es dir hier gemütlich machen!"

tim Gottes Witten nidtft, Suse!" wehrte er. Es ist alles gut so. Aber geh jetzt, Kind! Ich zittere bei jedem Schritt. Der vorüberkommt. Laß mich zuerst auf Den Gang treten, daß ich sehe, ob niemand um Die Wege ist."

Er öffnete Die Türe, durchschritt das kleine Wohnzimmer und wollte nach Dem Gange spähen, als er mit Margret zusainmenprallte. Die eben bei ihm klopfen wollte.Meine Teilnahme, Herr Malnow. Ich möchte Ihnen zugleich sagen, daß Sie mit Dem Kraftwagen, Der mich ge­bracht bat. zum Bahnhof fahren können. Sonst erreichen S:e Den AbenDzug nicht mehr."

Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein!" Er verbeugte fich und drückte, noch ehe sie ihm Den Rücken wandte, die Tür hinter sich zu. Das Blut schlug ihm bis zum Halse. Er wagte erst wieder richtig zu atmen, als er ihre Schritte auf Dem Pflaster des Hofes vernahm.

Sufe kam auf den Zehenfpitzen zu ihm heraus. Seine Stimme flüsterte aufgeregt.Du mußt den Weg durch die Stallungen nehmen, Kind. An­ders ist es zu gefährlich. Tu das nicht wieder, ich bitte dich. Sute!" Er nahm sie in die Arme und küßte sie auf Mund und Wangen. Mit klopfenden Pulten wartete er. bis fic um die Ecke des Ganges verschwunden war.

Fortsetzung folgt!