Ausgabe 
25.12.1932 Erstes Blatt
 
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ernannt Von -er Pressestelle der Landesum- oersität wird weiter mitgeteilt: Dem Universitäts- Musikdirektor Dr Stephan Temesoary wurde die BezeichnungProfessor" verliehen.

* Dien ft Jubiläum beim Elektrizi­tätswerk. Am 27. Dezember kann der Verwal­tungsinspektor Fritz Jaeggle auf eine 25jährige Dienstzeit bei der Verwaltung des Städtischen Elek­trizitätswerkes zurückblicken. j)err Jaeggle trat am 27. Dezember 1907 als Kaufmann in die Dienste des Elektrizitätswerkes ein. Später wurde ihm die Lagerverwaltung übertragen, die er stets mit großer Umsicht und Gewissenhaftigkeit ausübte. Seine An- stcllung als Beamter erfolgte mit Wirkung vom 1. April 1919 an. Arn l.Mai 1923 wurde er zum Verwaltungsinspektor ernannt. Der Jubilar hat die Belang, seines Werkes stets mit großem Interesse zu wahren gewußt und es während seiner 25jährigen Dienstzeit verstanden, sich das Vertrauen der Werk- direition und seiner Mitarbeiter, durch sein hebens- würdiges und gefälliges Wesen aber auch große Wertschätzung in weiten Kreisen der Bürgerschaft zu erwerben.

Stadttheater-Abonnement. Die Einlösung des 4 Abschnitts des Stadttheaterabonne- mcnts betrifft eine städtische Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil. Interessenten seien besonders darauf aufmerksam gemacht.

** Zur Berufswahl weist der Deutsch- nationale Handlungsgehilfen-Verband, Ortsgruppe Gießen, im heutigen Anzeigenteil darauf hin, daß er Lehrstellen für den Kaufmannsberu-f vermittelt und zur Auskunftserteilung in der täglichen Sprech­zeit von 10 bis 13 Uhr bereit ist. lieber die Vor­aussetzungen, die ein junger Mensch für den Stauf- mannsberuf mitbringen muß, und über die Aus­sichten in diesem Beruf wird von dem Verbände ebenfalls Aufschluß gegeben. (Siehe Anzeige.)

Amtsgericht Giehen

Am 20. August zur Mittagszeit fuhr der ange- klagte Chauffeur einen beladenen Lastkraftwagen von hier nach der Badeburg. Er bog von der Lol- larer Straße links in einen dorthin führenden Nebenweg ein, als zur gleichen Zeit ein Motor­radfahrer im Begriff war, ihn auf der Landstraße links zu überholen Das Einvieaen war diesem ent­gangen, oder zu spät von ihm wahrgenommen worden, so daß er dem Wagen in die Flanke fuhr. Das Rad wurde zertrümmert, der Fahrer auf die Straße geschleudert und verletzt. In der Verhand­lung blieb die Schuldfrage ungeklärt, die Beweis­aufnahme war nach eidlicher Vernehmung der drei Augenzeugen erschöpft, und es mußte Frei­sprechung des Angeklagten wegen mangelnden Beweises erfolgen. Dieser erklärte, allen ihm in derartigen Fällen nach 9 26 KVO. vom 10.5.1932 obliegenden Verpflichtungen nachgekommen zu fein, namentlich habe er rechtzeitig den sog. Winker nach links gestellt und sei langsam gefahren. Die Bei­

fahrer bestätigten beides. Der verunglückte Motor­radfahrer. sowie ein weiterer Motorradler, der zur nämlichen Zeit die Straße befuhr, erklärten, der Winker sei nicht nach links eingestellt gewesenl wenn dies geschehen wäre, hätten sie es sehen müssen. Doch bleibt immerhin die Möglichkeit offen, daß der Win- ter, insoweit es sich um die Sicht von hinten han­delt, an dem Führerhaus unübersichtlich angebracht und diese durch irgendwelchen Umstand, etwa durch zu hohe Beladung der Pritsche, verdeckt war. Für eine derartige etwa vorhanden gewesene mangel- hafte Anbringung des Richtunaszeigers kann aber der Chauffeur nicht verantwortlich gemacht werden. Der Verletzte will die Ueberholungsvorfchriften ein­gehalten haben, aber ohne seine Schuld durch das plötzliche Einbiegen des Wagens in eine wenig ver­kehrsreiche und laum auffallende Nebenstraße völlig überrascht worden fein, so daß ein rechtzeitiges Stoppen unmöglich gewesen fei. Dies mag richtig fein, vermochte aber an dem oben angegebenen Be- weisergebnis nichts zu ändern.

Ein Kaufmann, bzw. nachdem dessen Laden­geschäft auf seine Ehefrau als alleinige Geschäfts- Inhaberin übergegangen war, deren Prokurist, er­hielt von einem auswärtigen Kunstmaler, der sich durch besonderen Vertrag sein Eigentumsrecht Vor­behalten hatte, kommissionsweise 6 wertvolle Ge- malbe zum Verkauf Drei davon wurden in dem Ladengeschäft verkauft, die Erlöse aber nicht ab­geführt, so daß gegen den Kaufmann Anzeige we­gen Unterschlagung erfolgte. Er erklärte aber, nicht er, sondern seine Ehefrau, der der Kommissionsver­trag unbekannt gewesen sei, mit der er auch darüber nie gesprochen habe, sei die Verkäuferin, er habe von dem Verkaufe nichts gewußt. Diese Angaben, so unwahrscheinlich sie auch z. T. klingen, konnten nicht widerlegt werden; die Ehefrau verweigerte das Zeugnis, so daß Freisprechung wegen mangelnden Beweises erfolgen mußte.

Eine Derhan-lung, die im Rahmen des Feld­gerichtsoerfahrens ftaftfanb, ergab die altbekannte Tatsache, daß derTrieb" mit seinen zahlreichen städtischen Kirschbäumen zur Erntezeit den uner­zogenen Jungen Gießens ein ergiebiges Feld für Obstfrevel bietet, daß auch von jeher das Feldschutz, personal, mag es auch noch so rührig sein, den jugendlichen Frevlern ihrer flinken Beine wegen nur schwer beuutommen vermag. Wenn es sich um gelegentliches Abpflücken von Obst handelt, wird das Feldschutzpersonal wohl auch Nachsicht üben. Im Fragefall hatte es sich aber ein Junge auf dem Kirschbaum bequem gemacht, oben ganze Aeste ab­gerissen und sie seinen unten stehenden kleinen Komplizen zugeworfen in der offensichtlichen 2lb- sicht, spater in irgendwelcher verborgenen Ecke eine opulente Kirschmahlzeit zu halten. Gegen einen Jungen hatte sich der Verdacht derart verdichtet, daß es zur Verhandlung kam, in der aber Entlastungs­zeugen für den Jungen auftraten, die sein Alibi nachwiesen. Auch hier mußte Freisprechung erfolgen

VitthundMchreEvangelischespsanMGießen ^on Pfarrer Heinrich Äechtolsheimer.

Während des Mittelalters gehörte Gießen in kirchlicher Beziehung zur Diözese Trier. Eine eigentliche Gießener Pfarrkirche hat in dieser Zeit nicht bestanden, vielmehr war damals die Kirche zu Selters die Pfarrkirche der Stadt, wie Karl Ebel, dem ich hier folge, in einer AbhandlungZur Kirchen- und Schulgeschichte Gießens im Resormationszeitalter" (Mitteilungen des Oberhof! ischen Geschichtsvcreins, Heue Folge, 27. Band, 1926) überzeugend nachgewiesen hat. Die Kirche zu Selters hat vermutlich da gestan­den, wo freute der Wetzlarer Weg in die Frank­furter Straße einmundet. Dort wurden nämlich be.m Ausschachlen Gebeine gefunden, eine Tat­sache, die zu dem Schlüsse berechtigt, daß hier einst der Kirchhof von Selters gelegen hat. Wo heule die Stadtkirche steht, lag damals die Pan- kraliuslapelle. Als die Stadt Gießen sich immer mehr ausdehnte, wurde diese Kapelle allmählich zur Pfarrkirche; auch neben ihr lag ein Kirch­hof. Beide Kirchhöfe bestanden, bis Philipp der G oßmütige im Jahre 1530 den Friedhof am Nahrungsberg anlegen lief), den heutigenAlten Friedhof". B.elleicht war die Kirche zu Selters damals baufällig, jedenfalls ließ Philipp sie niederlegen, als er die Stadt befestigt, da er an­nahm, daß das Gebäude bei einer Belagerung dem Angreifer als Stützpunkt dienen könne. Wann die Pankratiusk.rche erbaut worden ist, ist nicht bekannt; sie wurde im Laufe der Jahrhunderte zur Kirche umgebaut. Wie es bei Umbauten oft geschieht, so wurde auch hier nichts Halbes und nichts Ganzes aus der Umgestaltung. Jahrhun­dertelang wurde über den erbärmlichen Zustand der Kirche getlagt, schon im Jahre 1613 wurde sie als baufällig bezeichnet, aber erst in den Jahren 1810 bis 1821 erfolgte der Neubau, wo­bei der Kirchturm, mit dessen Erbauung man vermutlich 1484 begonnen hat, stehen blieb.

In der Zeit unmittelbar vor der Reformation scheint das religiöse Leben in Gießen recht leben­dig gewesen zu fein. Don den Pfarrern, die zu­letzt der alten Lehre ergeben waren, feien genannt Dr. Johannes Sile, 1457 bis 1471, Martin R« - Vermont, 1467 bis 1474, Dr. Johann Schicke- berg, 1486 bis 1496. Don religiösen Brauchen aus dieser alten Zeit sei erwähnt, daß am Escherstag" (Aschermittwoch) der Schulmeister auf dem Markte mit feinen Schülern und mit Bür­gerssöhnen ein Stück aufführte, so wurde einmal die KomödieSusann" aufgeführt. An diese Aufführung schloß sich ein Imbiß auf dem "Rat- Hause an, die Kosten wurden von dem Rate be­stritten. Dieser Brauch bestand noch in der Zeit, da Giehen bereits evangelisch geworden war.

Run darf man, wie Ebel gleichfalls ausführt, nicht denken, daß nach der Hornberger Synode des Jahres 1526 in Giehen sofort die Refor­mation völlig zur Einführung gekommen sei. Roch jahrelang amtierten hier katholische Geistliche, so der aus Giehen stammende Georg E b e 1, der bis 1539 fein Amt noch in der alten Art versah, von diesem Zeitpunkte aber sich der neuen Lehre zu- wandte .Giehen hat auch nicht sofort vom Jahre 1526 an einen evangelischen Pfarrer gehabt, ver- mutl'ch haben in den ersten Jahren hier auswär­tige Prediger gewirkt.

Der erste Pfarrer, der hier Im Amte stand, war Daniel Greser (auch Greifer geschrieben). Er kamfür den heiligen Christfeyertagen" 1532 hierher und trat sein Amt am ersten Weihnachts­tage an. Ueber seinen Lebensgang sind wir genau unterrichtet, da er ihn in feinem Alter selbst be­schrieben hat. Ilse Matthes hat in Ar.9 des Jahrganges 1931 derHeimat im Bild" des (Sie­bener Anzeigers das Wichtigste hieraus mitgeteilt, so daß ich mich hier auf kurze Angaben beschränken

kann. Greser war am 6. Dezember 1504 in Weilburg geboten, er erhielt an verschiedenen Or­ten seine Dorbildung, in Butzbach war der Rek­tor Heinrich B e yn i n g , ein Freund des Eras­mus von Rotterdam, fein Lehrer. Er studierte in Kassel und Mainz und wurde Priester. Rachdem er mit Martin Luther zweimal zusammengetroßen war, schloh er sich der neuen Lehre an. Ehe er nach Giehen kam, war er Pfarrer in Marburg. Im Jahre 1542 berief ihn Herzog Moritz von Sachsen als Hofprediger nach Dresden, wo er im hohen Alter von 87 Jahren am 29. September 1591 gestorben ist.

Aus seiner Giehenet Tätigkeit ist bekannt, daß er den Grund zu den späteren Kirchenkonventen legte. Diese hielten in der Gemeinde auf Zucht und Ordnung, bis sie im Anfang des 19. Jahr­hunderts eingingen. Interessante Mitteilungen machte Greser über das Grassieren der Pest während seiner Gießener Zeit. Am Jakobustage 1538 kaufte er hier ein Haus, in dem Kaufbriefe ist auch seine EhefrauCreyngen" (Katharina) genannt. Das Haus lag zwischen dem Markt- platz und den Reuen Dänen, nach derSonne" (Sonnenstraßes zu, und zwar da, wo die Wagen­gasse in die Schulstraße einmündete; es kostete 110 Gulden. Im Jahre 1543 wurde es an den Schultheißen Adam Sauer verkauft. Qlugen- scheinlich war es Privatbesih des Gießener Pfar­rers. Das geht auch aus einer Aeuherung Gre- sers vom Jahre 1542 hervor, denn hier sagt er. daß er mit den Seinen Gießen ungern verlassen habe, denn dort habe er eine ihn sehr liebende Gemeinde, ehrliche Besoldung, ein eigenes Haus. Aecker. Gärten. Wiesen und einen ziemlichen Hausrat zurücklassen müssen. Sein Rachfolger in Gießen war Johann U l i ch i u s (Uhl) aus Geln­hausen

Im Jahre 1645 erhielt Gießen em zweites Gotteshaus. Man baute zu diesem Zwecke das Universitätsballhaus um. Diese gottesdienstliche Stätte sollte dem Militär dienen, man nannte sie die Durgkirche. Sie stand am Rande des heu­tigen Botanischen Gartens. Das heute Herrn Spe­diteur Adam gehörende Haus war das alte Durgpsarrhaus. An seiner Rückwand findet sich ein längst xugemauerter Türrahmen, der vermut­lich einen Eingang zur Kirche bildete. 3m Jahre 1824 wurde die allmählich baufällig gewordene Durgkirche niedergelegt; leider findet sich von ihr keine Abbildung. Im Jahre 1893 wurde die Jo­hannes kivche eingeweiht. 1927 wurde die Kapelle des Alten Friedhofs wieder eine ständig benützte Gottesdienststätte. Erst vor wenigen Wochen wurde die Petruskapelle eingewe ht und dem Gebrauche übergeben Sechs Gemeindepfarrer, ein Pfarrer der Krankenanstalten und ein Pfarrassistent sind zur Zeit hier tätig

Rund hundert Pfarrer sind feit dem Jahre 1532 hier tätig gewesen, eine verhältnismäßig ge­ringe Zahl. Es ist aber zu bedenken, daß die mei­sten sehr lange hier im Amte waren, so der Ge­heime Kivchenrat Pfarrer Dr. Engel, der von 1810 bis 1864 hier amtierte. Die meisten Gieße­ner Pfarrer waren geborene Hessen, nur zwei von ihnen sind auf der linken Rheinseite geboren. Zu einer Bedeutung in weiten Kreisen ist kaum einer von ihnen gekommen. Rur der Pfarrer Johann Philipp Fresenius, der von 1734 bis 1736 zweiter Durqprediger war, ist allgemein be­kannt, denn er hat, nachdem er nach Frankfurt am Main gekommen war, dort Goethe getauft, und dieser hat ihm inDichtung und Wahrheit" ein schönes Denkmal gesetzt.

Weihnachten in aller Welt.

Oer papierne Wechnachtsbaum

Im amerikanischen Dölkergemisch von Reuyork hat sich ein eigener Weihnachtsstil noch nicht her­ausbilden können, und so kommt es, daß die ein­zelnen Faniilien, je nach ihrer deutschen, franzö­sischen, italienischen oder englischen Abstammung das Fest aus ihre eigene Weise begehen. Don allen Weihnachtsgebräuchen sagt dem Durch­schnittsamerikaner jedoch das deutsche Weihnach­ten mit Adventskranz, Tannenbaum und Gaben­tisch am meisten zu; allerdings werden unsere alten, guten Gebräuche mehr und mehr amerika­nischer Zweckmäßigkeit angepaßt: Der Tannen­baum, falls er überhaupt zu finden ist, ist häu- ftg aus Papier (Papier wirft keine Radeln ab) und die Kerzen find natürlich elektrisch, weil Wachskerzen verboten sind und weil keine Der- sicheiungsgesellschaft ihre Haftpflicht anerkennt, falls ein Feuer durch Tannenbaumkerzen entsteht. In jüngster Zeit hat sich sogar die Mode des Tan­nenbaums bemächtigt, und so kann man in allen Blumenläden meterhohe, papierneTannen- bäume" in krassem Blau, Rot und Weiß und Gelb erstehen.

In Dororten und Gartenstädten hat sich die Sitte eingebürgert, im Dorgarten einen ober mehrere Tannenbäume, die ej-tra für diesen Zweck angepflanzt sind, abends elektrisch zu beleuchten, ebenso wie in vielen Großstädten riesige illumi­nierte Tannenbäume die Hauptplätze und Anlagen zieren ganz wie bei uns.

Amerika ke.mt nur einen offiziellen Weihnachts­feiertag, und wenn dieser auch von allen Schich­ten weidlich zumFeiern" ausgenuht wird, so bedeutet er für einen Beruf doch den arbeitsreich­sten Tag des Jahres, für den Briefträger. Der Amerikaner hat nämlich die entsetzliche Sitte, ober besser Unsitte, zu ben Festtagen außer ben Geschenkpaketen an feine näheren Freunde ganze Wagenladungen von Weihnachtskarten und Brie­fen auch an die weitläufigsten "Bekannten und Ge­schäftsfreunde zu verschicken, und so kommt es, daß man in den Weihnachtstagen wahre Stoße von Glück- und Segenswünschen nicht nur von feinen Bekannten, sondern auch von seinem Fri­seur, seiner Waschfrau, seinem Zahnarzt, seinem Schneider usw. erhält, die man natürlich mit ent­sprechenden Glückwünschen zum Reuen Jahre be­antworten muß eine ebenso langweilige, wie durchaus unpersönliche und kostspielige Arbeit.

Während in Deutschland Weihnachten das Fest der Familie ist, feiert ein großer Teil der Groft- stadtbevölkerung in ben Restaurants, in ben Son­dervorstellungen der Kinos ober imSpeakeasy". ber sogenannten Flüsterkneipe. Unb wenn dann bas Fest vorüber ist, bann beginnt für die Ame­rikanerin die eigentliche Festsreube, nämlich die Geschenke, bie sie erhalten hat, in den Geschäften gegen solche umzutauschen, die ihrem eige­nen Geschmack entsprechen.

Was in England die Feiertage kosten.

Mag das Gebot der Stunde auch noch so ver­nehmlich zur Sparsamkeit mahnen an den Weihnachtsseiertagen wird es doch nach Möglich­keit außer Geltung gefetzt. Es find ganz erheb­liche Summen, die in diesen Tagen in allen Län­dern ihren Besitzer wechseln. So berechnet man, daß in London allein rund 70 Millionen Mark für Weihnachtsgeschenke ausgegeben werden. Da­bei sind die Kosten für Festtagsreisen und Ver­gnügungen, wie Theater- und Kinobesuch, nicht mit eingerechnet. In den Londoner Restaurants gilt der Preis von 14 Mark für ein Gedeck als recht bescheiden. Selbst daheim stellt sich das Weihnachtsmahl, bestehend aus dem traditionellen Truthahn, Plumpudding und Bier oder Apfel­

wein auf zwei bis drei Mark. Wie anders war es doch einst, da man vier Gänse für eine Mark ober ein Hühnchen für 7 Pfennige kaufen konnte! DaS war, wie alte englische Haushaltsbücher berichten, im 14. Jahrhundert, wo das Leben zwar weniger bequem1 als heute, die Rahrungsmittel aber viel billiger waren. Diese Rechnungsbücher, von denen einige sich bis auf unsere Tage erhalten haben, sind eine sehr interessante Lektüre, aus der wir er­fahren, daß di« wöchentlichen Ausgaben einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, auf deutsches Geld umgerechnet, selten 3,50 Mk. überschritten. Alle einheimischen Rahrungsmittel waren äußerst wohlfeil. So kostete z. D. ein ganzes Schwein nur 2,40 Mk. Man lieft es sich daher auch an den Feiertagen an nichts fehlen, und wir lesen z. B. bei Chaucer, daft es zu WeihnachtenSpei­sen unb Getränke schneite"'. 3n einer Weihnachts­rechnung aus dieser Zeit finden wir vier Spanfer­kel, jedes zu 40 Pf., 12 Kapaune für 3,00 Mk., 10 Schnepfen für 9,50 Mk., sechs Regenpfeifer, das Stück zu 7 Pf., dazu Rind-, Hammel- unb Schweinefleisch für 12 Personen zum Preise von 3,50 Mk., und ein Diertel Faß Bier für 1,40 Mk. angeführt. Die Familienmütter werden den Zei­ten nachseufzen, da 600 Heringe nur 2,80 Mk. kosteten. 3n einem bescheidenen Gasthaus konnte man ein reichliches Mahl für 28 Ps. einnehmen. Diele der guten Dinge aber, die uns heute unent­behrlich wie Brot und Butter scheinen, waren da­mals überhaupt nicht erhältlich. Orangen z. B. waren äufterst selten, und Zucker ein Luxusgegen- stand, kostete doch ein Pfund 2,80 Mk., Tee, Kaf­fee und Kakao waren ganz unbekannte Dinge; eine Biersuppe zum Frühstück stand an ihrer Stell«. Zu den Kostbarkeiten zählte auch der seltene ReiS und das Salz. Ueberhaupt waren alle Gewürze außerordentlich teuer; so zahlte man für ein Pfund Pfeffer 4,20 Mk. Natürlich war auch das Geld in jener Zeit mehr wert als heute. Roch in 15. 3ahrhundert galt jeder für reich, der jähr­lich 700 Mark zum Ausgeben hakte, und in dem ganzen Lande gab es nicht so viel Geld, wie die Engländer des 20. Jahrhunderts an den beiden Weihnachtstagen verbrauchen.

OaS städtische Christkindchen.

In der ungarischen Stadt Kalocfa pflegt ber unbekannte Weiynachtsengel" alljäyrlich Einkehr zu halten und erfreut eine kinderreiche Familie mit einem wahrhaft fürstlichen Weihnachtsgeschenk: mit einer Kuh!

Das Geschenk, von der Stadtverwaltung gestiftet, wird kurz vor dem Fest überreicht, und zwar in ber schönen romantischen Form, als wäre es in der Tat eine Gabe des Christkindes. Es zum letz­ten Augenblick wird geheimgehallen, wer die Kuh bekommt, und erst am späten Nachmittag macht sich Knecht Ruprecht auf den Weg, verkörpert vom leweiligen Bürgermeister oersönlich, begleitet von mehreren Stadtvätern und der Bevölkerung.

Nach einem feierlichen Umzug hält die mehrhun- dertköpsige Prozession vor dem Hause des noch Ahnungslosen, ruft den Glücklichen auf die Straße undüberreicht" das Geschenk. Um technischen Schwierigkeiten vorzubeugen, sorgt der Magistrat nicht nur für entsprechende Stallung, sondern auch für die Nahrung ber städtischen Weihnachtskuh.

In diesem Jahre wurde der Arbeiter Franz Kollar mit der Ehrenkuh ausgezeichnet; nun wer­den seine acht Kinder reichlich Milch haben. Wohl­tätige Bürger sorgten dafür, daß die Kollarschen Kinder die Feiertage auch sonst in dankbarer Er­innerung behalten: man stiftete noch allerlei Ge­schenke, und so erlebt die arme Familie ein gerade­zu märchenhaftes Christfest.

Der städtischeEngel hat feine Sache gut ge­macht ...

Kunst und Wissenschaft

Rektor unb Senat der Breslauer Universität für Abberufung von Professor Lohn.

Rektor und Senat der schlesischen Friedrich-Wil- helm°Universität zu Breslau veröffentlichen eine Erklärung in der es u. a. heißt: Rektor und Senat halten es für ihre wichtigste Pflicht, die aka­demisch Lehrfreiheit unbedingt zu schützen. Des- Hall» sind sie mit aller Entschiedenheit für die unbehinderte Lehrtätigkeit des Professors Cohn eingetreten. Leider hat Professor Cohn neuestens die pflichtgernäfte Zurückhaltung durch sein unnö­tiges Hervortreten in einer umstrittenen politischen Frage vermissen lassen. Deshalb halten Rektor und Senat eine weitere Lehrtätigkeit deS Profes­sors Cohn an unserer schlesischen Universität im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung und des ungestörten Lehrbetriebes für nicht trag­bar.

Die Pressestelle der Universität Breslau über­mittelt folgende Erklärung des Senats: In der letzten Zeit sind gegen unseren Rektor, einen Mann von bewährter nationaler Gesinnung, in der Presse und im Landtag unerhörte Angriffe und Be­schimpfungen erfolgt. Der Senat verurteilt diese Vorkommnisse auf bas schärfste Er spricht dem Rek­tor sein volles Vertrauen und seinen Dank aus, da­für, daß er sich mit Ruhe, Umsickt und Entschieden­heit für die Autorität unserer Hochschule und für die akademische Lehrfreiheit eingesetzt hat.

Einschränkung des Opernbetriebs in Frankfurt.

WSN Frankfurt a. M., 23. Dez. In einer Pressebesprechung teilte der Theaterdezernent, Stadtrat Dr. Michel, mit, daß Theaterbeputation und Finanzausschuß die Frage, ob durch Schlie­ßung der Bühnen wesentliche Ersparnisse er­zielt würden, verneint haben. Die Ersparnisse würden sich lediglich auf 119 000 Mark belaufen. Der Magistrat hat nun die Ermächtigung erteilt, die Engagements für 1933 abzuschließen. Stattrat Dr. Michel legte Aufstellungen über die finan­zielle Entwicklung der Theater vor, aus denen her- oorgeht. daß sich ihr Zuschußbedarf von 3,05 Mill. Mk. im Jahre 1928 auf voraussichtlich 1,63 Mitt. Mk. im Jahre 1933 vermindert hat. Allerdings werden auch die Einnahmen für 1933 nur mit 1,30 Mitt. Mk. geschätzt, nachdem sie 1928: 1,89 Mitt. Mk. und 1932 etwa 1.26 Mitt. Mk. be­tragen haben.

Im neuen Spieljahr wird die Oper, wie Prof. T u r n a u mitteilte, voraussichtlich nur Diens­tags, Donnerstags, Samstags und Sonntags spielen. Zur finanziellen Entlastung der Bühne werden aber Mittwochs, Freitags und Sonntags nachmittag Operetten gegeben, wofür ungefähr bas bisherige Operettenensemble, ergänzt durch ältere Mitglieder des Opernpersonals, zur Verfügung stehen wird

Spiclplan der Frankfurter Theater

Opernhaus. Sonntag, 25. Dezember, von 15.30: Der gestiefelte Kater. Don 19 Llhr: Rosen- kavalier. Montag, 26., von 15 Uhr: 3m weihen Röhl. Don 19.30 Uhr: Erstes Gastspiel Margit Suchy (Wien-Berlin) die Es rbassirrstin. Diens­tag, 27., von 20 Uhr: Die Entführung aus dem Serail. Mittwoch, 23., von 15.30 Uhr: Der ge­stiefelte Kater. Don 19.30 Uhr: Don Carlos. Donnerstag. 29., von 20 Uhr: Undine. Freitag. 30., von 19.30 Uhr: Die Zauberflöte. Samstag. 31., von 15.30 Uhr: Der gestiefelte Kater. Don 19 Uhr: Zweites und letztes Gastspiel Margit Suchy (Wien-Berlin) Die Csardasfürstin.

Schauspielhaus. Sonntag, 25.Dezember: 17 Uhr an: Zum Abschluß des Goethes ahres Faust l.Teil. Montag, 26., von 15 Uhr an: Der Hauptmann von Köpenick. Don 20 Uhr an: Der Verschwender. Dienstag, 27., von 20 Uhr an: Der Derschwender. Mittwoch, 28., von 20 Uhr an: Hedda Gabler. Donnerstag, 29., von 20 Uhr an: Moral. Freitag, 30., von 20 Uhr an: Der Derschwender. Samstag, 31., von 19 Uhr an: Die Journalisten.

Wettervoraussage.

Nachdem die kräftige Island-Störung feuchtmilds Luft nach dem Festlände vorgeschoben hat, bie zu verbreiteten Nebenbildungen und vereinzelt auch zu leichtem Nebelregen Anlaß gab, setzt nunmehr über Frankreich und der Biscaya kräftiger Barometer­anstieg ein. Mit dem steigenden Druck gelangt zu­nächst noch maritime Luft östlich vor, so daß das Wetter vorerst mellt diesig bleibt, ohne baß babei wesentliche Niederschläge auftreten. Wenn der hohe Druck aber auf dem Festlande Platz ergriffen unb sich mit dem Balkanhoch vereinigt yat, kommt ab­sinkende Lustbeweaung zustande, wodurch ber Him­mel dann zeitweise aufklaren wird. Die Tempera­turen gehen dabei in der Nacht wieder stark zurück.

Vorhersage für Sonntag: Zunächst noch verbreitete Nebel, und Dunftbilbungen, nachts leich­ter Frost, trocken.

Vorhersage für Montag: Neblig, bewölkt, aber auch zeitweise aufklarend, Nachtfrost sich etwas verschärfend, trocken.

Lufttemperaturen am 23. Dezember: mittags + 1,9 Grad Celsius, abends + 0,5 Grad; am 24. De­zember: morgens + 0,3 Grad. Maximum 2 Grab, Minimum 0,5 Gra^ Erdtemperaturen in 10 an Tiefe am 23 Dezember: abends2,5 Grad; am 24- Dezember: morgens0,5 Grad.

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