Ausgabe 
25.6.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Ur. UZ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 25. Zuni 1952

Polen-Dämmerung?

Don Or. Arthur Dix.

Weltgeschichtlich ist die Erscheinung weder neu noch vereinzelt, dass ein Staat um so an- griff-lustiger wird, j« mehr die Erkennt­nis wächst, dass er seine hoch angeschwol­lenen Rüstungsausgaben nicht mehr lange zu tragen befähigt sein werde. Auch der Zeitpunkt für den Ausbruch des Weltkriegs war recht wesentlich mitbestimmt durch die Ein­sicht Russlands und Frankreichs, dass die verlän­gerte Dienstpflicht und die enormen Kosten der Kriegsvorbereitung den Völkern nur noch ganz kurze Zeit zugemutet werden könnten Tritt dazu noch eben infolge der finanziellen ileber- lastung die Gefahr umfassender in­nerer Unruhen oder einer richtigen Revolu­tion, fr, erreicht die Versuchung zu der berüch- tigtenäusseren Ablenkung" ihren Höhepunkt.

3n dieser Lage aber befindet sich zur Zeit offensichtlich unser Polnischer Vachbar und dieser Tatbestand verleiht der unheimlichen Vervosität, in der sich seit Monaten Danzig und O st Preussen befinden, eine tiefe De» grundung. 3n Danzig hegt man die Ueberzeu- gung. dass in der Hauptsache nur das vielstündige Telephongespräch, durch das ein dortiger eng­lischer 3ournalist Anfang Mai seine Londoner Redaktion von der unmittelbar drohenden De- fahr zu überzeugen und sie zu dem bekannten Alarmruf zu veranlassen gewuht hat, diese Ge­fahr vorläufig abgewandt habe, sieht aber mit Schreien die neuerlichen polnischen Heraus­forderungen. Auch in Ostpreussen haben die mancherlei amtlichen Bekundungen nur zeit­weise beruhigend gewirkt, zumal sie trotz drin­gender Mahnungen eingeweihter Persönlichkeiten reichlich spät kamen. Inzwischen haben polnische Agenten sich erneut an die Arbeit gemacht, für die Verbreitung von Gerüchten zu sorgen, die von der Wahrheit oft vielleicht nicht einmal sehr weit entfernt in Ostpreussen Ver­zagtheit und Kopflosigkeit herbeiführen sollen.

3n Wahrheit ist die Lage in Polen selbst so Niederdrücken!) und für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung so bedrohlich, dass das Experiment einer Ablen­kung nach aussen nur zu naheliegend scheint. Die öffentliche und private Verschuldung gegenüber Frankreich ist so gross, dass diese- Land es sich heute schon reiflich überlegen muss. i>6 es noch möglich uM rätlich ist, dem schlechten Gold immer noch wieder gutes nach­zuwerfen. Die polnische Propaganda in Frank­reich arbeitet fieberhaft, aber mit abnehmendem Erfolge. Wohl ist es ihr erst neulich wieder ge­lungen, in die PariserIllustration" einen Auf­satz mit reichem Bilderschmuck zu lancieren, der ein unerhört irreführendes Bild von den Ver­diensten Polens um denKorridor" und seiner angeblichen Belanglosigkeit für das Reich ent­rollt. Aber es fliessen nicht nur die französischen Kredite spärlicher, sondern Frankreich hat auch, um die sich zunehmend bemerkbar machende Ar­beitslosigkeit nach Möglichkeit vom eigenen Volke sernzuhalten, neben den tschechischen und nord- afrikanischen Arbeitern vor allen Dingen d i e sehr bedeutende Zahl früher be­schäftigter polnischer Arbeiter ab- g e sch oben, die nun, zerlumpt und mittellos in der Heimat einqetroffen. den polnischen Säckel mit ihrem Unterstützungsbedürfnis empfindlich be­lasten.

Der polnische Staatshaushalt mit seinen enor­men Rüstungsausgaben, deren Deckung durch Frankreich immer unsicherer wird, lässt sich aus eigener Kraft des Landes nicht im Gleichgewicht 6 al tcn. Um die Beamten-

gehälter und ihre Auszahlung ist eS in Warschau noch viel schlimmer bestellt als in Berlin Don weit geringeren Grundgehältern sind weit höhere Abstriche vorgenommen worden als bei uns. Wenn auch di« AahrungSmitlel drüben wesentlich billiger sind, so erfordern die unwahrscheinlich hohen Zölle doch für den sonstigen Lebensunter­halt. besonders Kleidung und Schuhwerk, so hohe Aufwendungen, dass he bei dem heutigen Tief­stand der Deamtengehälter geradezu unerschwing­bar sind. 3n Mark umgerechnet, bezieht ein mittlerer Beamter kaum so viel, wie in Deutsch­land bisher ein gelernter erwerbsloser Arbeiter an Unterstützung erhiell, und das Gehalt eineS älteren Studienrats steht kaum wesentlich über dem eines' deutschen Briefträgers. Voller Reid blicken diese polnischen Staatsdiener auf chre Danziger Berufsgenossen!

Die Stimmung im Lande ist miserabel, die Ge­sa h r e i n c r Revolution gilt als sehr nahe­liegend. Der finanzielle Zusammenbruch kann nur durch ganz energische Abrüstung vermieden wer­den. sofern nicht Frankreich wieder tief in den Deutel greift. Aber gerade an Abrüstung denkt Polen zu allerletzt. Einstweilen spielen seine Staatsmänner vielmehr mit dem Gedanken, praktischen" Gebrauch von dem er­reichten Höchststand der Rüstung zu machen und es mit der Verwirklichung deS Traumes:Gross-Polen von der Dwina bis zur Oder" zu versuchen!

Dieses vor dem wirtschastlichen. sinanziellen und innerpolitischen Zusammenbruch stehende und nach dem gewaltsamen Ausweg einer Bereiche­rung um weite deutsche Landstrecken strebende Polen ist die schwerste und aktuellste

Gefahr für den Frieden Europas. Die Befriedung Europas erheischt heute eine gleich­zeitige Lösung des Weichsel- und Donauproblems unter dem Gesichtspunkte wirtschaftlicher Vernunft und nicht politischer Un­vernunft! Und eS gibt nur einen fried­lichen Ausweg: Die Entlastung Polens von Aufgaben, denen es finanziell nicht gewachsen ist. wie: deramerikanische" Aufbau GdingenS und der ebenso überflüssige Ausbau der Kohlen- (und Kanonen-»Bahn von Oberschlesien dorthin, und die Entlastung von seinen ungeheuerlichen militärischen Aufwendungen durch Zwang zur Abrüstung auf einen Stand, der im Einklang steht mit der militärischen Situation seines grossen westlichen Rachbarn.

Die Staatsmänner in D'nf und Lausanne, die sich gegenüber diesen Dingen taub und blind stellen, laden eine schwere Verantwortung vor der Geschichte auf sich. Es wäre jedenfalü ein grosser 3rrtum, gelassen darauf zu warten, dass angesichts deS HineintreibenS ihrcS Lande- in den finanziellen Zusammenbruch die Leiter der polnischen Geschicke von sich aus Vernunft an- nehmen und auf dem gefährlichen Weg« um» kehren müssten und würden. 3m Gegenteil: Alle Anzeichen deuten bisher wenigsten- darauf hin. dass sie, den Zusammenbruch oder die Revolu­tion oder beides vor Augen, nur auf den an­deren. d« n unfriedlichen AuSweg be­dacht sind, unbekümmert um die unabsehbaren Konsequenzen.

Der polnische Staat steht vor einer Schick­sal s st u n d e. Sie ist aber auch deutsche ist europäische Schicksalsstunde!

Krisensorgen der Provinz Oberhessen.

Aus dem Provinzialtag der Provinz Oberhes­sen. der am vorigen Mittwoch in Giessen seine diesjährige ordentliche Tagung hielt, drang eine Anklage in die Oeffentlichkeit, wie man sie früher erfreulicherweise nicht hören musste, die aber verdient, in ernster Weise beachtet zu wer­den. Der Provinzialausschuh ergriff in dieser Sitzung mit seinem Protest gegen die Strei­chung des Staatszuschusses für die Strassenunterhaltung die Flucht in die Oeffentlichkeit, geleitet von der Hoffnung, dass durch die Qlnlpenbung dieses Mittels unsere Pro­vinz Oberhelsen vielleicht die Erfüllung ihres Rechtsanspruches an den Staat auf Zahlung des Strahenunterhaltungszuschusses erreichen kann.

Wer die von uns in dem Sitzungsbericht am Donnerstag (Giess. Anz. Vr. 145 vom 23. 3uni) veröffentlichte Protestschrift des Provinzialaus- schufses an die Staatsregierung unvoreingenom­men liest, wird nicht im Zweifel darüber sein können, dass durch die staatliche diktato­rische Beseitigung des Strassenunterhal­tungszuschusses an die drei Provinzen ein Rechtsti tel der Provinzen verletzt worden ist. Aus der Vorgeschichte des Heber- gangs der Landstrassen in die Verwaltung der Provinzen ergibt sich u. E. ohne weiteres die rechtliche Verpflichtung des Staates zur Leistung des Unterhaltskostenzuschusses in dem vertraglich festgesetzten Ausmass. Die Tatsache, dass die Staatsfinanzen durch die Wirtschaftskrise not­leidend geworden sind, stellt keinen stichhaltigen Grund zur einseitigen Aushebung der Zahlungs­verpflichtung des Staates dar, zumal die staat­liche Finanzverwaltung für viele andere Dinge noch Aufwendungen macht, die nicht im entfern» I testen von solcher Bedeutung sind, wie die mög- | lichst ordnungsmässige Pflege des Strassennetzes.

Der hessissche Staat hat bisher seine ZahluiMs- unsähigkeit nicht erklärt. Allerdings hat die Ver­waltung der Staatsfinanzen sich in den letzten Monaten dadurch zahlungssähig erhalten, dass sie wa- in ähnlichen Fällen einer Privatperson übel bekommen würde Steuergelder der Ge­meinden und anderer Behörden monatelang zu- rückbehielt und für ihre Zwecke verwandte, sich aber nicht im mindesten Kopfzerbrechen über die Bedrängnis der Kommunen usw. machte, ebenso­wenig wie sie gewillt war. die den rechtmässigen Eigentümern der zurückbehaltenen Gelder durch Kapitalaufnahme an anderen Stellen entstan­denen Mehrbelastungen für Zinsen und Provi­sionen zu übernehmen. Jetzt ist man in Darm­stadt noch ungenierter geworden. Man geht ein­fach über eine rechtliche Zahlungs­verpflichtung zur Tagesordnung über und fragt keinen Pfifferling danach, wie der Vertragspartner zurecht kommen kann und welche bedenklichen Auswirkungen eine derartige Missachtung von Zahlungsverpflichtungen für die allgemeine Rechtsmoral des Volkes haben wird. Provinzialdirektor G r a e f bemerkte in feiner Etatrede, dass der ursprünglich erwogene Plan, den hessischen Staat auf Zahlung des Staatszuschusses zu verklage n, fallen- gelassen worden sei, da der Ausgang eine- sol­chen Prozesses immerhin zweifelhaft erscheine. Statt dessen hat man sich mit einem Protest und mit schärfster Verwahrung begnügt, die in Darmstadt natürlich einfach zu den Akten gelegt wurden. Wir bedauern, dass die Provin­zen gegenüber der Rechtsverletzung des Staates eine solche Selbstentäusserung bekundet haben, zu der für sie kein Anlass vorliegt. Wir sind der Meinung, dass der Prozess gegen den Staat auf Erfüllung seiner Vertrag-Pflicht u n*

bedingt durchgesührt werden muh. Die Steuerzahler'und die mit Sonderabgaben (Straft- fabrjicugfteuer und StempelgebührenN nochmal« reichlich belasteten direkten Verkchr-interefsenten haben ein Recht daraus, den Staat zur Er­füllung seiner Derpslichtungen ge­genüber den Provinzen ungehalten zu sehen. Wenn der Staat derartige Wege geht, wie im vorliegenden Falle, so bleibt eben nut der Selbstschutz der Geschädigten durch Anrufung de - Gericht - übrig. Zu unserer 3uftU haben wir da- Vertrauen, dass sic im vollen Bewusst­sein ihrer Verantwortlichkeit vor,dem Gesetz und vor den gesunden Moralbegrillen de- Volke« auch da unbeugsam Recht sprechen wird, wo eine Rechtsverletzung durch die Staatsgewalt vorliegt. Wir würden e- begrüben, wenn die Provinzen ihre jetzige Stellungnahme auf heben und sie durch die Entschliessung ersetzen würden, den Prozehweg gegen den Staat zu beschreiten.

Dem neugewählten Landtag soll, wie Provin­zialdirektor Graes mitteilte, der Beschluss de- Prvvinzialau-schusse- der Provinz Oberheslen al-bald oorgelegt toerben. Damit kann man sich einverstanden erklären. Ader der Appell an den Landtag darf einen Vernicht auf die gerichtliche Geltendmachung des Rechtsansprüche- der Pro­vinz nicht in sich schliessen. Vielleicht wird der neugewählte Landtag von sich au- sofort dafür sorgen, dass die unhaltbare Entscheidung der Regierung schleunigst rückgängig gemacht wird und dem Recht der Provinzen Genüge geschieht. Solange darüber noch keine Ent­scheidung gefallen ist, wäre von der Inanspruch­nahme der Gerichte abzusehen. Sollte aber auch vom neuen Landtag der unmögliche Standpunkt der Regierung gebilligt werden, durch den doch jeder Begriff von Treu und Glauben, von Ach­tung vor Verträgen verletzt wird, so hätte eben da- Gericht zu sprechen Angesicht- der Grösse des Objekts es handelt sich um eine jährliche Zuschusssumme von 3Z0000 Mk., die neben dem Au-fall an Steuern usw. in Höhe von 674 OOO Mark wirklich keine Kleinigkeit ist und im Hinblick auf die Folgen für die weiteren Jahre, in denen sich der Staat seiner Verpflichtung dann auf die Dauer entziehen würde, darf ein so resi­gnierter Verzicht, wie er in der gegenwärtigen Haltung der Provinzen vorliegt, nicht Platz grei­fen. Der Staat mag d i e Million, die er al« Staatszuschuss für die Unterhaltung der Strassen jährlich an die drei Provinzen zu zahlen hat. durch zweckmässige R e f o r m m a ss n a h m e n aus anderen Gebieten der Staatsverwaltung, ins­besondere durch Beseitigung von man­cherlei überflüssigen Dingen in der Zentralverwaltung ersparen, aber nicht die Provinzen unter Verletzung von rechtlichen Verpflichtungen schädigen. ProvinzialauS- s chüsse werdet hart!

Mit Befriedigung wird die Bevölkerung unserer Provinz zur Kenntnis genommen haben, dass der Provinzialtag durch einstimmigen Beschluss einen von dem Abgeordneten Dr. Riepoth (Schlitz) im Rainen bar Parteien der Mitte eingebrachten Antrag gutgeheissen hat, in dem zur Schaf­fung von Arbeit-möglichkeiten und im 3ntereffe der Gasversorgung eine- grö­sseren Teils der Provinz Oberhessen der Vorstand der H e k o g a ersucht wird, im Einvernehmen mit der RuhrgaS-AG die Finanzierungsfrage für die Verlegung der Ferngasleitung von Sie­gen über Giessen bis Friedberg bald­möglichst zu lösen, damit diese langgehegten Pläne wenigstens schrittweise zur Durchführung kommen können. Während die Regierung durch die Dor­enthaltung des Strassenunterhallung-zufchusses die Denrühungen zur Besserung der Verhältnisse auf

Rachdruck verboten!

19 Fortsetzung.

Wenn sie mit ihm zusammen war, plauderte er oberflächlich über belanglose Dinge, so dass Elisabeth immer verzweifelt war. wenn er von ihr ging. Ein wehes, nagendes Gefühl war in ihrem Herzen, wenn sie an Eckertsburg dachte. 3mmcr wieder fragte sie sich, warum er so zu ihr war. Sie konnte fein Verhalten nicht begreifen.

Auch Frau Schelmer war wütend über den Reffen, der wie ein Stock dabeisass. wenn sie ihm von Elisabeths Erfolgen berichtete und von den Einladungen, die für den neuen Star ins Haus regneten. Er war doch sonst so liebenswürdig ge­wesen, wenn seine Schützlinge vorwärtskamen.

Was mochte schuld daran fein, dass er sich hier so verändert zeigte?

3eht war Eckertsburg wieder abgereift. Elisa­beth hatte befreit auf geatmet, als er sich ver­abschiedet hatte. Frau Schelmer und Elisabeth wollten das Alleinsein geniessen, sich zusammen den neuesten Film ansehen.

3m letzten Augenblick, ehe sie ausgingen, er­hielt Frau Schelmer ein Telegramm. Sie musste zu einer Kusine fahren, die im Sterben lag.

Elisabeth begleitete Frau Schelmer zur Bahn. Als sie gerade die grosse Halle betraten, liefen sie Kurt Lampert in die Arme. Frau Schelmer be­grüßte ihn erfreut; hatte sie doch jemand, dem sie Elisabeth für die Zeit ihrer Abwesenheit an» empfehlen konnte. Elisabeth brauchte dann nicht soviel allein zu fein.

Der Maler sagte natürlich bereittmlhg zu, sich Elisabeths anzunehmen. e v ,

Frau Schelmer hatte nichts davon bemerkt, dass der Maler Elisabeth seit ihrem ersten Bühnen- auftreten förmlich verfolgte. Immer war er im Theater, wenn sie fang. Zuerst hatte er sie in d<m Pausen in ihrer Garderobe ausgesucht, und als sie ihm das untersagt hatte, stand er fo lange vor dem Bühneneingang, bis Elisabeth das Thea­ter verliess. .

Alle Opernmitglieder kannten den verrückten Maler, wie man ihn im Theater nannte; alle wussten, dass er rettungslos in Elisabeth Demarrt war. Elisabeth war froh gewesen, als Eckerts- burg da war und sie in feinem Wagen nach icber Vorstellung abholte; da hatte sie es leicht, dem Maler zu entrinnen.

Sie hatte Frau Schelmer nichts von den Zu­dringlichkeiten des Malers erzählt. Sie wollte nicht, dass Eckertsburg etwas davon erfuhr; er sollte nicht glauben, sie prahle mit ihren Erobe­rungen. , . ,

Aber es war ihr höchst unangenehm, dass sie ihm gerade jetzt in die Arme liefen und dass <yrau Schelmer sie sogar noch seiner Obhut empfahl. Da hatte er die schönste Ausrede, noch aufdring­licher zu sein. _ , x

Elisabeth musste indes gute Miene machen, und fte nahm feine Einladung an, mit ihn, ein Stünd­chen inS Safe zu gehen. Dann wurde fte müde

Ettsabeil, erobert sich das Glück Vornan von Margarete Antelmann Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.

Zwölftes Kapitel.

Elisabeths Leben hatte mit einem Schlage eine andere Richtung genommen. Sie stand auf einmal Ritten drin in einer Künstlerlaufbahn die ic sich auch in ihren kühnsten Traumen nicht hatte einfallen lassen. u ,

Heute schon war sie eine Kraft ersten Ranges. Stets war das Theater ausverkauft, wenn ihr Harne auf dem Zettel stand. Sie hatte in Leipzig noch die Elisabeth inTannhäusers gelungen, dann die Hauptrolle inDie toten Augen von

T^u^ber Form halber ging Elisabeth noch bis zum Semesterschluss in das Konservatorium. Zu lernen hatte sie da nichts mehr, die Stunden mit Perlberg waren mehr eine Aussprache über da^ was Elisabeth in den Theateraufiuhrungen alles bemerkt hatte. Ausserdem probte man noch die Lieder durch, die Elisabeth bei ihrem grossen Kon­zert vor tragen würde.

Weihnachten stand wieder vor der Tur. Eckerts- bürg war für einige Sage in Leipzig gewesen, ehe er mit einer Kommission nach Russland reiste, wo er als Geldmann an einer grossen-L-ransakNon ^Cr^hatw°Elisabeth als Elsa gehört und als Elisabeth, und er hatte den Gastspielvertrag ge­lesen. den man Elisabeth PfiliPV von ^rl.n aus angeboten hatte. Sie sollte wahrend der Weih- nachtsseiertage an der Lindenoper gastieren, ate Elsa. Myrtocle inDie toten Augen und als L Kcln^Won'^alle er über diefenBertrag getagt. Elisabeth nur mit seinem merkwürdigen Bllck angesehen, der ihr wieder Herzllopfen verursacht

war überhaupt ein seltsames Verhältnis zwischen diesen beiden Menschen. Elsbeth'konnte sich ein Leben ohne Eckertsburg nicht, mehr vor- stellen. Er war eben da. gehörte in ihr Dasem, ohne dass sie sich je näherkamen. O nein, nicht um ein freundliches Wort. Keine.j^^nnung hatte er gesunden für ihre Kunst, nicht mit einem Wort hatte er ihre Zukunft berührt.

Rur Blumen hatte er geschickt immer wieder Blumen: Rosen. Flieder. Relken. Orchideen Veil­chenkörbe. auserlesen schöne Blümern Das War alles. Was er dachte, fühlte, ob er sich über ihren Fortschritt freute und ihren Erfolg, davon wusste sie nichts, das behielt er völlig für sich.

fragte jetzt Elisabeth, die die Tafel aufgehoben zu sehen wünschte.

Oh. gleich, wenn Sie eS wünschen, Elisabeth", sagte der Maler.

Man erhob sich, ging inS Atelier hinüber.

In der Mitte des grossen Raume- stand ein verhülltes Bild. Der Maler trat an da- Bild heran, riss die Hülle herunter. Gin entsetzter Auf­schrei, der von dem allgemeinenOh!" verschlun­gen wurde.

Venus, die Schauqrgeborene. trat auS einer Meereswoge ans Land, und unter ihren Füssen wandelte sich die kahle Erde in blühende Flur. Strahlend in ihrer Schönheit schritt sie inS Leben; der Wind spielte mit ihrem goldblonden Haar, die Augen leuchteten in innerem Glanz, der Mund lächelte glücklich, bezwingend. Diese Frau auf der Leinwand war niemand ander- al- Elisabeth Psilipp.

Das lebende Ebenbild dieser Venu« stand tief erblasst da. abgewandt, hatte da- Gesicht mit den Händen bedeckt. Sie wagte nicht, die Augen zu heben und dieses Bild noch einmal anzusehen.

Wo- war da geschehen? Roch konnte sie eS nicht fassen. Sie hörte nicht- von der Begeisterung der anderen, die dieses Kunstwerk wohl ganz anders auf faßten als sie. Sie empfand weiter nichts als die tiefe Deleidiguna. die der Maler ihr angetan hatte. Ein qualvolle- Stöhnen ent­rang sich ihren Lippen.

Elisabeth!"

Bei dem Klang dieser Stimme fuhr sie in die Höhe Sie sah. dass sie allein mit ihm war. dass die anderen ins Rebenzimmer zurückgekehrt toaren. Mit einem verächtlichen Blick sah sie zu Lampert hinüber.

Verzeihen Sie mir. Elisabeth...

Eine kurze Handbewegung schnitt ihm da-Wort ab. Dann trat sie einen Schritt zurück, biS sie vor dem Bild ftanb.

Wie konnten Sie das wagen, Herr Lampert?"

Sehen Sie denn nicht, dass es ein Kunstwerk geworden ist? Sin Kunstwerk, das die Kühnheit meines Vorgehen- entschuldigen muh?"

Und haben Sie nicht bedacht, wa- diese- Vor­gehen für mich bedeuten wird? Oh. eS ist schreck­lich!"

Mit Elisabeths Selbstbeherrschung war es vor­bei. Sie war auf einen Sessel gesunken und weinte bitterlich.

Lampert stand daneben, zerbiss sich die Lippen, spielte nervös mit den Händen. So einen Aus­bruch hatte er nicht erwartet. Er hatte gehofft, Elisabeth durch die Gewalt seiner Kunst, durch die Schönheit seines Bilde- zu gewinnen. Und jetzt hatte er sie völlig verloren, war weiter von ihr entfernt als je zuvor.

(Fortsetzung folgt)

und wollte nach Hause gehen. Widerstandslos gehorchte der Maler und war die Höflichkeit und Zurückhaltung selbst, bis er sich an der Haustür von Elisabeth verabschiedete.

Frau Schelmers Reise hatte sich als unbedingt notwendig erwiesen. Die Kusine war bald ge­storben. nachdem Frau Schelmer den Gutshof betreten hatte. Sie musste einige Zeit dort blei­ben. um dem frauenlosen Hause so lange vorzu­stehen. bis der Witwer einen Ersah für die tote Hausfrau gesunden hatte.

Elisabeth fühlte sich allein sehr unbehaglich. Frau Schelmer fehlte ihr an allen Ecken und Enden, und sie hoffte, dass da- unangenehme Zwischenspiel bald sein Ende gefunden haben würde.

Kurt Lampert erwies sich als vernünftiger, wie sie gedacht hatte. Ab und zu hatte er fie zu einem Spaziergang, einem Kinobesuch abgeholt, aber nie war die kleinste Ungebührllchkelt vor­gefallen. Lamperts Benehmen war tadellos.

Eines Tages erhielt Elisabeth eine Einladung zu einem Künstlersest in Lamperts Atelier. Elisa­beth hatte erst absagen wollen, aber dann willigte sie doch in die Bitte der Konservatorium-kottegen ein und kam mit.

Man sollte im Abendkleid kommen, und Elisa­beth trug ein schmuckloses, schwarzes Kleid, das entzückend aussah zu dem Blond ihrer Haare und dem durchsichtig klaren Teint ihres Gesichts und ihres Halses.

Kurt Lampert bewohnte ein grosses, helles Atelier mit drei anschliessenden Zimmern. Seine Einnahmen hatten ihm erlaubt, die ganze Woh­nung elegant, fast luxuriös einzurichten. Heute, zu dem Fest, hatte er sich noch besondere Muhe gegeben. Ueberall standen Blumen, überall leuch­tete gedämpftes Licht durch das Blumengewirr.

Bald war die kleine Gesellschaft versammelt, lauter Künstler, Musiker und Maler. Die Herren im dunklen Abendanzug, die Damen in ausge­schnittenen Kleidern. Elisabeth war von den an­wesenden Frauen nicht sonderlich entzückt. Äusser den ihr bekannten Kolleginnen vorn Konservato­rium waren da noch einige Malerinnen, die sie recht abstossend fand, nicht nur ihre- allzu frei­gebigen Dekolletes wegen, sondern auch wegen des Tones, den sie von Anfang an den Herren gegenüber anschlugen.

Auch die Kolleginnen waren bald angeheitert und nahmen es mit der weiblichen Wurde nicht mehr sehr genau. Man tafelte lange, und es gab ausgesuchte Leckerbissen. Der Sekt floh in Strömern

Lampert fass neben Elisabeth, hatte nur Augen für sie und konnte sich nicht sattsehen an ihrer Schönheit. Seine Augen hatten schon den Glan­der Trunkenheit.

Und wann bekommen wir das Bild zu sehen, um desseiMvillen diese- Fest veranstaltet wird?"