Ausgabe 
23.12.1932 Erstes Blatt
 
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LarovonderAnklagedesMineids freigesprochen

Oer pr vatkläger Veifchek bezahlt die Kosten.

Berlin, 23. Dez. (2D 16. Funkspruch.) Das Landgericht sprach heute nach sechsmonatiger Ver­handlung des Prozesses gegen Geheimrat Caro den Angeklagten von der Anklage des Meineids frei. Dem Nebenkläger, Laros Schwiegersohn P e l s ch e ck, einem Sohn des bekannten tschechischen Kohlenmagnaten, wurden die ko st en des Ver­fahrens und die dem Angeklagten er­wachsenen ko st en auferlegt. In der Be­gründung des Freispruches wird gesagt, daß dos Gericht alle Verdachtsmomente erwogen habe, ober es sei zu der veberzeugung gekommen, dah nicht nachgewiesen ist, dah der Angeklagte die Mitgift nicht gegeben habe. Ls müsse zwar, wenn keine Mitgift gegeben sei, die Quittung gefälscht sein.

Ls sei unwahrscheinlich bei dem Verhältnis Laros zu seiner Tochter, dah Laro keine Mitgift gegeben habe. Line besondere Belastung sei der Lid Ignaz Petfcheks in Auhig. Das Gericht nehme nicht an, dah Ignaz petschek einen wissentlichen Meineid geleistet habe, aber es halte es für möglich, dah petschek nach zwölf Jahren die Quit­tung einfach vergessen habe. Lin Racheplan Laros sei ebenfalls unglaubwürdig. Schliehlich spreche auch gegen seine Schuld, dah er immer darauf gedrungen, daß Ignaz petschek vor einem deutschen Gericht als Zeuge aussage. Das Gericht

sehe nach allem als nicht widerlegt an, dah Laro die Mitgift gegeben habe und zweitens, dah er die von ihm beschriebene Quittung erhalten habe. Der Vorwurf der Lidespflichtverlehung falle also zu­sammen.

Nach Aufhebung der Sitzung wurde Caro vor dem Gerichlsgebäude von einer großen Menschen­menge empfangen, die in Bravorufe oucbrach. Photographen und Filmoperateure hatten vor dem Gericht Ausstellung genommen. Caro nahm, einen Blumenstrauß in der Hand, weinend in seinem reich geschmückten Auto Platz, während Polizei­beamte sich bemühten, hie Menge, die Verwünschun­gen gegen die Petscheks ausstieß, zu zerstreuen. Wie wir hören, werden die Vertreter des Neben­klägers Dr. Petschek gegen die Freisprechung Ge­heimrat Caros Berufung beim Reichsgericht beantragen. Die Kosten des Prozesses, die dem Nebenkläger auferlegt worden sind, sind noch nicht berechnet worden, dürften sich aber ent­gegen phantastischen Schätzungen um 1000 00 bis 150000 Mark herum bewegen, da sie sich ja nur aus den eigentlichen Gerichtskosten, den Gebühren für Zeugen und Sachverständigen (von denen die letzteren das meiste kosten werden) und den gesetzlichen Gebühren der Verteidiger zusam­mensetzen. Natürlich werden die privatim ver­einbarten Honorare, die Dr. Petschek nicht zu er­setzen hatte, bedeutend höhere Summen ausmachen.

Aus alter Welt.

Frecher Juwelenraub in Hannover.

Mit einer Dreistigkeit, die trotz allem, was man in neuerer Zeit schon erlebt hat, ihresgleichen sucht, wurde in Hannover ein großer Raub von Brillantenschmuck ausgoführt. Am Hause des Juweliers Richard Levin fuhren zwei Un­bekannte in einem dunkelfarbigen Kraftwagen vor. Einer von ihnen sprang heraus, zerschlug mit einem, in Papier gewickelten Backstein die große Schaufensterscheibe des Ladens, riß mit größter Geschwindigkeit ein Tablett mit Brillantringen heraus und sprang wieder in das Auto. Ohne daß einer der vielen Passanten der verkehrsbelebten Straße es zu hindern vermochte, fuhr der Kraftwagen in schnellstem Tempo davon, um die kostbare Beute, dis einen Wert von etwa 20 000 Mark hat, in Sicherheit zu bringen. Das Auto trug das Erkennungszeichen IP 2881, das aus dem Her­kunftsbezirk Schleswig-Holstein schließen läßt, falls es nicht gefälscht sein sollte. Firma hat ein Zehntel des Wertes der geraubten Schmuckfachen für deren Wiederherbeifchoffuna und bis zu 2000 Mark Belohnung für die Ergreifung der Täter aus­gesetzt.

Drei Todesurteile im Lemberger Ukrainer-Prozeß.

Mit drei Todesurteilen hat dieser Tage der Protest gegen die vier Ukrainer-Mitglieder der geheimen ukrainischen Militärorganisation vor dem Lemberger Ausnahmegericht geendet., Tie Angeklagten Danhlyßyn, Dilas und Zu- rakowski wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Sache des vierten Angeklagten K o s s a k wurde dem gewöhnlichen Gerichtsver­fahren überlassen. Die drei zum Tode verurteilten Goaren des Raubüberfalls auf das Po st amt Grodeck bei Lemberg angeklagt, i Den Ueberfall haben sie ihren Aussckgen gemäß I auf Befehl ihres Geheimbundes als Terror- I a kt zu dem Zweck vollführt, für die Organisation I Geld zu beschaffen. Die Sach« des Mordes gegen I

den Regierungsabgeordneten Holowko, der im August v. 3. in Truskawiec verübt wurde, wird nach Erklärung des Staatsanwalts Gegenstand eines gesonderten Verfahrens bilden. Cs ist auf­fallend, daß es der Polizei bislang nicht mög­lich gewesen ist, in diese dunkle Mordgeschichte etwas Licht zu bringen.

vom Auto ersaht und schwer verletzt.

In dem Dorf Weiler bei Bingerbrück bemerkten spielende Kinder infolge des dichten Nebels ein herannahendes Personenauto zu spät und versuchten sich auf die Gartenmauer am Straßenrand zu retten. Der Wagenführer bremste so stark, daß das Auto infolge des Glatteises ins Rutschen kam und gegen die Gartenmauer geschleudert wurde, auf der der elfjährige Karl Scheid Zuflucht gesucht hatte. Ein Bein des Kindes geriet zwischen Mauer und Auto: dabei wurden die Fleischteile von dem Bein- knochen gerissen. Der Knabe wurde ins Krankenhaus gebracht, wo ihm das Bein amputiert wurde. Er liegt hoffnungslos darnieder. Den Wagen­führer dürfte keine Schuld treffen.

Mordkol in einem memelländischen Dorf.

3n dem memcllündist.,en Dorf Grabuppen wurde ein bestialischer Word entdeckt. Als der Besitzer Schnell sein 30jähriges Dienstmädchen Emilie Platuschaite wecken wollte, war die Kammer des Mädchens leer. Man durchsuchte das ganze Gehöft und fand das Mädchen im Diehstall ermordet auf. Der Kopf war fast ganz vom Rumpfe getrennt Reben der Leiche fand man eine schwere Kartoffelhacke, an der Dlutspuren und Haare des Mädchens klebten. Dem Morde muß ein erbitterter Kampf voraus­gegangen fein. Die Kriminalpolizei nahm den 17jährigen Kutscher Ewald Matze lei fest, an dessen Kleidern frische Blutspuren bzw. frisch gewaschene Stellen gesunden wurden. Zwischen dem Kutscher und der Ermordeten bestand seit langem eine heftige Feindschaft.

Aus -er Provinzialhauptstadt.

AZeihnachtsferien.

Als wir noch Kinder waren und versuchten, für unser Butterbrot etwas Marmelade oder Bienen­honig zu fordern, lehnte das die sparsame Mutter ab.Das können sich nur Leute leisten, die zwei Häuser haben", sagte sie.

Wenn ich heute von meinen Kindern das Wort Weihnachtsferien" höre, fällt mir manchmal meine Mutter ein, die uns ein doppeltes Bestreichen des Brotes nicht erlaubte. Hier aber in diesem Wort sitzt die doppelte Freude: Weihnachten, das schönste Fest für die Kinder: Ferien, ein Wort von seltsam starkem Wohlklang für jedes Schülerherz! Und trotz der Fallen, die ja unsere deutsche Rechtschreibung in fast allen schönen Wörtern stellt, können es die kleinsten Kinder richtig schreiben, dieses Wort: Weihnachtsferien! Es zeigt sich auch schon hier die Wahrheit des allen Sprichwortes: Lust und Lieb' zum £>ing, macht jede Müh' gering!

Wir wissen alle, daß nach den schönen Sommer­monaten, wenn Ernte- und Herbstferien vorüber sind, in der Schule ziemlich scharf gearbeitet werden muß. Da kommen nun diese Ferien wie gerufen. Die Kinder werden am heutigen Tage erleichtert aufahnen. Für zwei Wochen sind sie schulfrei. Da kann jeder treiben, was er will. Und wenn das Wetter hält und die Eisbahn bleibt, bann haben sie keine Angst vor den nächsten Tagen. Vielleicht fällt auch gar noch Schnee! Das wäre herrlich!

Weiter kommt hinzu, daß es jetzt an Weihnach­ten keine Zeugnisse mehr gibt. Auch dies ist für viele eine große Erleichterung. Wie oft mischte sich früher in die Freude und in die Weihnachtshoff­nung eine trübe Ahnung von allerhand Zahlen, die immer größer als eins und zwei waren! Und unter manchem Weihnachtsbaum fehlte die rechte Stim­mung weil gar noch eine kleine Bemerkung über ^künftige Ereignisse an Ostern unter den Noten land. All dies gibt es nicht mehr. Unbekümmert, orgenlos liegen die nächsten Wochen vor unserer Jugend.

Zu diesem Wonnegefühl über die freien Tage gesellt sich der feste und starke Glaube unserer Kin­der an die Herrlichkeit des Weibnachtsfestes. Etwas wird es schon geben, denken sie wohl alle, wenn Vater und Mutter abwehren und von den schlechten Zeiten reden. Und sicherlich haben die Kinder auch recht, denn für sie wird immer noch etwas zu er­schwingen sein. Schon ein kleines Geschenk macht da große Freude.

Tag für Tag haben sie nun gezählt, sorgfältig den Abreißkalender studiert, ob nicht bald der 23. ist. Nun ist es so weit. Die Kinder stehen am Vor­abend großer Ereignisse. Schon morgen können sie schön in den Tag hineinschlasen, dann das Weih­nachtsbäumchen schmücken und mit klopfendem Her­zen den Heiligen Abend erwarten.

Unfern Landkindern aber sind die Weihnachts­ferien die schönsten Tage im ganzen Jahre. Nun können sie wirklich einmal ausruhen. In den an­dern Ferien gab es immer noch etwas Arbeit draußen im Feld. Da mußte kräftig zugegriffen werden. Nun aber sind die paar häuslichen Ver­richtungen rasch erledigt, und draußen wartet die glatte Eisbahn ...

Hoffen wir, daß ihnen der Wettergott keinen Strich durch die Rechnung macht und sie sich alle gut erholen können. Sie haben es nötig und müssen neue Kraft sammeln: denn im neuen Jahre beginnt das längste und schwierigste Semesterstück, das bis Ostern dauert. P.

Oer postdienff

an den Weihnachisfeieriagen.

Das Postamt Gießen hat für die Weihnachts- tage folgende Anordnungen für den Postdienst getroffen:

Samstag, 24. Dezem der : Schalterdienst bis 16 lUhr wie werktags, ab 16 Uhr nur noch 1

Annahme von Telegrammen und Gesprächen? Briefkastenleerungen wie werktags, die beibeit letzten Leerungen fallen aus: Orts-Driefzustel- lang, Orts-Geldzustellung, Orts-Paketzustellung und Land-Zustellung erfolgen wie werktags: Der- zollung von Weihnachtspostpaketen beim Haupt- zollomt von 7.30 bis 13.30 Ähr.

Sonntag, 25. Dezember: Schalterdienst wie Sonntags: außergewöhnliche Briefkaftenlee- rung von 6.15 bis 7.30 21 hr, die Leerung von 8.30 bis 9.45 Ähr fällt aus, Briefkastenleerung am Rachmittag wie Sonntags: Orts-Brieszuste^ lang wie Sonntags, aber keine Geldzustellung, Ortspaketzustellung von 8.30 bis 13 älhr, eine Dries- und Paketzustellung nach allen Landorten.

Montag, 26. Dezember : Schalterdienst und Briefkastenleerung wie an Sonntagen, der übrige Bestelldienst fällt aus.

Hauptzollamt und Iveihnachtspostverkehr.

Zur Abfertigung von Weihnachtspostfenbungen, die aus dem Auslände eintreffen, sind die Amts­räume des Hauptzollamtes Gießen, ßiebigftr. 8, am ersten Weihnachtsfeiertag von 10 bis 12 Ahr geöffnet.

Hessische Landwirtschaftliche Woche.

Die Hessische Landwirtschaftliche Woche wirb vom 3. bis 5. Januar 1933 in Darmstadt stattfinden. Mit der Tagung ist ein Vortragskursus verbunden, der fol­gende Vorträge bringen wirb: Dienstag, 3. 3 an u ar: Dr. Schindler vom Deutschen Landwirtschaftsrat überDer Kampf der land­wirtschaftlichen Veredelungserzeugung um die Er­haltung und Erweiterung ihres Absatzes auf dem 3nlandmarkt"; Dr. S ch m i t t von der landwirt­schaftlichen Versuchsstation Darmstadt überDie Voraussetzungen für die beste Wirksamkeit der künstlichen Düngemittel unter besonderer Berück­sichtigung ber Phosphorsäure-Düngemittel"; Mittwoch, 4.3anuar: Professor Dr. K r ae- mer, Direktor des Tierzuchtinstituts ber Univer­sität Gießen, überDie Fleckviehzucht und ihre Bedeutung für die hessische Landesrindviehzucht"; Kreis-Oberinspektor Braun, Radolfzell, über Umstellung im deutschen Obstbau"; Donners- tag, 5. 3 a nu ar: Direktor Straßburger dvn der Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft Darmstadt überAktuelle Fragen in der Ge- treideverwertung": Direktor Feldmann, Köln, überWirtschaftskrise im genossenschaftlichen Geld- und Kreditgeschäft".

Die Veranstaltungen der landwirt­schaftlichen Fachvereine und Or­ganisationen bringen folgendes: Diens- t a g, 3. 3 a n u a r: Landesversammlung des Hes­sischen Landbunbes mit dem HauptthemaDer Verzweiflungskampf des hessischen Bauernstan­des (vier Redner). Mittwoch, 4. 3 an u ar: Hauptversammlung des Vereins zur Förderung der Grünlandwirtschaft in Hessen und des Hes­sischen Silorings, verbunden mit Silo» Futterschau und Vortrag von Dr. Hildebrand, Königs­berg, überDie Silo-Futterbereitung in der bäuerlichen Wirtschaft": Generalversammlung des Landes-Pferdezuchtvereins für Hessen mit Vor­trag von Tierzuchtdirektor B ö l l h o f, Münster i. W. Donnerstag, 5. 3 an u ar: Bezirksbe- sprechung des Verbandes ber hessischen landwirt­schaftlichen Genossenschaften und seiner Zentral­stellen: Versammlung des Landesverbandes der landwirtschaftlichen Haussrauenvereine für Hessen.

Daten für Freitag, 23 Dezember.

1827: der österreichische Admiral Wilhelm von Tegethoff in Marburg an der Drau geboren; 1865: der deutsche Heerführer Herzog Albrecht von Württemberg in Wien geboren; 1870: Rom wird Hauptstadt 3taliens.

13 Fortlktzung

Nachdruck verboten

Set Am ooi M

Roman von Margarete Anlelmann.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)

3oe war klug genug, die Vorteile zu sehen, me ein Geben mit dem Fürsten mit sich brachten. 6ie wäre mit ihm gegangen, auch wenn sie nicht bettelarm gewesen wäre.

Der alternde Fürst war bald völlig im Banne der Frau. Es bauerte nicht lange, und seine Geliebte beherrschte ihn, konnte von ihm haben, was sie wollte. Wenn ihr an einer Ehe mit dem Fürsten gelegen gewesen wäre, hätte er sie ohne weiteres geheiratet. 2(ber 3oe wollte nicht ge­bunden sein. Riemand konnte wissen, was noch kommen würbe.

Rikolai Potapow überschüttete 3oe mit jebem erdenklichen Luxus. Sie besaß die herrlichsten Kleider, den kostbarsten Schmuck; sie besuchte Theater und Bälle; sie machte weite Reisen.

Trotz der Eifersucht und ber Wachsamkeit des Fürsten verstand sie es, andere und jüngere Männer zu betören.

Dis sie endlich selbst die Liebe fennenlemte und mit einem jungen Rumänen auf und davon ging, dem alten Manne nichts hinterlassend als einen kalten Abschiedsbrief

.Don da an begann ein abenteuerliches Leben für 3oe Rowakowska.

Zwei Monate nur dauerte die Liebe zu Karol Korku, dann kam ein anderer an die Reihe, ein Italiener, mit dem sie nach Paris ging.

Zu spät erst merkte sie, daß sie einem Hoch­stapler und Verbrecher in die Hände gefallen war; dann erst, als sie allein und verlassen In ber Srofjen Stadt sah, als ber Italiener mit ihrem eld unb ihrem Schmuck bavongegangen war. 3oe wäre in der Gosse verkommen, wenn sie nicht den deutschen Maler gefunden hätte, Hans Paris arbeitete unb ber sich in ba« bildschöne Mädchen verliebte. Gr nahm sie m L Dlodell unb als seine Freundin,

und die beiden verlebten in 3talien zwei glückliche 3abre, die immer verklärt in 3oes Erinnerung standen. u

Hans Richter mußte 3talien fluchtartig verlassen, ohne daß er 3oe mit sich "Amen tonnte Gr mußte sofort in den Krieg unb fiel schon in den ersten Monaten.

rsn ^Hweiz geblieben, mit dem wenigen Geld das ber Maler ihr hatte geben über gelang es 3oe, sich als Pflegerin durch bas Leben zu schlagen.

Krieg zu Ende war, das Inter- nationale Geben wieder pulsierte, hielt sie eS auf ihrem stillen Posten nicht mehr aus.

Die kam nach Monte Carlo, und dort lernte sie den Mann kennen, ber ihr Geben unheilvoll umbiegen sollte: Titus van 3olliet, einen bel­gischen Hochstapler.

Zetzt wußte sie erst, daß sie nie zuvor in ihrem Geben einen Mann geliebt hatte. Mit einer rasenden, gierigen, unersättlichen Giebe hing sie an diesem Menschen, ber alles mit ihr anfangen konnte, was er wollte.

Titus van 3olliet hatte 3oe bald da, wo er sie brauchte. Gangfam und allmählich erzog er sie zur Verbrecherin.

Mit kleinen Warenhaus- und Hoteldiebstählen fing es an. Dann, als 3oe sah, dah sie Erfolg hatte, merkte sie selbst die kribbelnde Freude am Verbrechertum, wurde sie immer gewandter unb immer großzügiger in der Entwicktong ihrer ver­brecherischen Fähigkeiten.

3hr Aussehen und ihr Giebreiz waren ihre beste älnterstühung.

ileberall, wo bas bilbschöne, zarte Geschöpf auftauchte, war eS von einem Kreise von männ- licpen und weiblichen Freunden umringt. 3hr süßes Gesicht, ihre Unschuld, ihre Kindlichkeit bezauberten die Menschen, und man zog sie überall sogar in- die exklusivsten Kre.se.

Sie wurde zu Bällen unb Privatfestlichkeiten eingeljiden. Unb niemand wäre auf den Gedanken aetommen, das entzückende Mädchen des Dieb- stahlS zu beschuldigen, so oft auch Schmuckgegen- ftänbe unb anbere Kostbarkeiten bei solchen Ge­sellschaften verschwunden waren. 3o:s un'chulds- volles Kindergesicht, ihr labhlikes Wesen täuschten immer und überall.

Die ließ sie sich mit Titus zusammen in der rri sehen. Sie wohnten immer im

selben Hotel, aber sie kannten sich nicht, wenig­stens nicht vor der Welt. Daß sie sich des Rachts heimlich trafen, wußte kein Mensch.

Titus van 3olliet war ein schöner und sehr eleganter Mann. Er galt als reich, und er tat alles, diesen Rimbus aufrechtzuerhalten. Daß er falsch spielte, war sein Geheimnis und die Quelle seines Reichtums.

Dkit Gelassenheit faß er stundenlang am Bakkarattifch, keine Miene verziehend, wenn er an manchen Abenden hohe Summen verspielte. So lange, bis er die Zeit reif fand, feinen Coup to^ulaffen.

Er war so geschickt, daß er nicht zu ent­larven war.

Aber er brauchte unheimlich viel Geld; die Tausender zerrannen ihm nur so unter den Sünden. Deshalb war er entzückt, als er in 3oe endlich die Partnerin gefunden hatte, die er brauchte und die er seinen Zwecken nutzbar machen konnte.

Skrupel kannten die beiden nicht; auch darin paßten sie vorzüglich zueinander.

Die brandschatzten ihre Umgebung, wo eS ging.

Zahre hindurch führten sie dieses Geben. An allen mondänen Plätzen tauchten sie auf: überall baß gleiche Spiel treibend. Unb es war wunder­bar genug, daß man bisher keinen von ihnen erwiscyt hatte.

3oe liebte Titus nach wie vor mit glühender Leidenschaft; auch er hing an 3oe, deren Ge­schmeidigkeit ihn entzückte.

Aber wertvoller war sie ihm noch als Gehilfin.

3eht waren sie schon seit einigen Wochen in Berlin. Ter letzte Winter war schlecht gewesen und unergiebig. Sie hatten keine großen Fänge machen.iren, dir Menschheit war ausgepowert; es war schwer, zu Geld zu kommen. Und dabei rann das wenige, was erbeutet worden war, wie immer, unter den Händen weg.

Ein ordentliches Hotel konnten sie sich schon nicht mehr leisten, sie wohnten in einer kleinen Pension; hier hatte 3oe das Qnferat gefunden.

Es mußte etwas geschehen; die Leute im Hotel sahen sie schon mit scheelen Augen an, weil sie die Rechnung lange nicht mehr bezahlt hatten.

Ohne sich weiter um Titus zu kümmern, hatte 3oe ihre Toilette beendet. Sie sah fabelhaft aus in ihrem dunkelblauen 3ackenkleid mit dem Silber­fuchs und dem kleinen Hütchen. 3hren Kleider­fundus hatten sich beide erhalten; ohne dieses Handwerkszeug waren sie verloren, das wuß­ten sie.

Eine halbe Stunde später meldete sich 3oe Rowakowska beim Portier des HotelsAdlon"; ein Liftboy führte sie hinauf in das zweite Stockwerk.

Magdalene Winter war fast ein wenig müde. Achs Damen waren schon dagewesen, ohne daß ihr eine davon sonderlich gefallen hätte.

©ie wollte keine dieser ein wenig armseligen, larmoyanten Damen, denen man bie Srjiebung unb bie Äinöerftube zwar an ber Nasenspitze Sa? a .. ouch bie Langweile unb die ilnmög- lichkeit, amüsant zu sein unb angenehm.

Eine war spießbürgerlicher gewesen als die andere; alle hatten sie angeftaunt wie ein Wun- bertier als ob sie noch nie eine Frau in einem schwarzseldenen Phmma gesehen hätten.

Rein, das war alles nichts.

Sie hatte eigentlich keine Lust mehr, heute noch mehr Damen zu empfangen. Ra, diese eine wollte fte sich noch ansehen. Der Rame klang nicht schlecht: 3oe Rowakowska. Vielleicht, daß eS enb- lich doch etwas war.

Interessiert sah sie auf, als sie die neue Be­werberin jetzt vor sich stehen sah.

Die sah ganz anders aus als alle bie übrigen. Unter dem kleinem bunteiblauen Strohhütchen quollen braunrote Locken hervor, die ein feines Gesicht überschatteten

Das dunkelblaue Kostüm faß wie angegossen, bie ganze Erscheinung wirkte damenhaft unb doch mondän. Graziös, elegant, raffiniert fast so ungefähr hatte sie sich ihre Gesellschafterin vorgrstellt.

Gnädige Frau...!"

Wie voll und schön diese dunkle Stimme klang; es war angenehm, sie zu hören.

Haben Sie schon einmal einen ähnlichen Posten bekleidet. Fräulein Rowakowska?" fragte sie, nachdem die ersten Sätze gesprochen waren.

Eigentlich nicht, gnädige Frau! 3ch bin zwar sehr viel gereift, aber immer mit Verwandten, habe allerdings hier unb da Gesellschafterin bei ihnen gespielt..."

Sie sind keine Deutsche?"

Rein, ich bin Russin, habe aber viele 3ahre in Deutschland gelebt. 3ch spreche ebenso perfekt deutsch wie russisch, französisch, englisch unb ita­lienisch."

Magdalene war entschlossen, 3oe Rowakowska zu engagieren. Ein Gkückszufall hatte biese Frau zu ihr geführt.

Wie alt finb Sie, wenn ich fragen darf?"

Dreißig 3ahre, gnädige Frau!"

Dreißig 3ahre? Oh, ich hätte Sie für viel jünger gehalten. Sie sind also fünf 3ahre älter als ich, das paßt mir sehr gut. 3ch glaube fast. Sie finb das Richtige für mich."

Oh, gnäbige Frau...!"

3a, ich will Sie engagieren! Was bisher da war, war nichts für mich. Sie gefallen mir. 3ch suche keine Angestellte, sondern einen Menschen, ber zu mir paßt, dem ich vertrauen kann, der mir freundschaftlich nahesteht. Unb es scheint mir, baß Sie ber Mensch finb, ben ich suche."

Sie machen mich glücklich, gnäbige Frau, burch fo viel Güte unb Freundlichkeit..."

Erzählen Sie mir, bitte, etwas von sich, da- mit ich weiß, mit wem ich gufammenleben werde", bat Magdalene.

3oe Rowakowska berichtete. Sie erzählte von ihrer 3ugenb in dem polnischen Gutsbesitzerhause, von ber Liebe ihres Vaters, bog alles so, wie es für sie am vorteilhaftesten war. Sie erzählte von ihremStiefbruder" Titus van 3olliet, der nach dem Tode ihres Vaters liebevoll für sie S-sorgt hatte, durch eine unglückselige Veickettung bon Ereignissen um fein Vermögen gekommen toar unb ihr jetzt nicht mehr helfen tonnte, so' baß sie gezwungen war, sich selbst chr Brot zu verdienen.

Magbalene Winter war sehr befriedigt von dem, was sie erfuhr. Tas alles bestätigte ihre gute Meinung unb ihr Gefallen an dem schönen Mädchen. Schnell war alles erledigt, bie Be­dingungen festgesetzt.

(Fortsetzung folgt.)

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