Nr. 249 Zweites Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 22. Oktober (932
Aus der Provinzialhauptstadt
Gießen, den 22. Oktober 1932.
verlaufen ist, wird der Sender auf der bisherig
teilst
Die
andern zu verdächtigen? Doch nein! Die Adresse I mit dem Stempel der völlig unbekannten fremden
Firma, eine Farbstoff-Firma, besagte ja alles.
Nachdruck verboten!
20. Fortsetzung.
das
Wo
wir
und vor
und
Ge-
spruch, 60 Pf.
„Chefliebchen!" brüllte er.
Totenblaß saß Traute auf ihrem Platz, ringsum sah sie so schadenfrohe, gehässige sich ter.
Der Beamte hatte mit dem Buchhalter
hatte er kaum einige
Mädchens seit heute für immer fort!
folgt.)
pro Stunde herabgesetzt wurde.
Oie neuen Rundfunksender Leipzig und Zrankfurt.
Nachrichtenstelle des Reichspostministeri-
aber mit ihr, seiner Frau, Worte gesprochen.
Er packte mit Hilfe des früh. Also wollte er wohl (Fortsetzung
Traute wartete. Und dann hörte sie drinnen eine tiefe, jetzt zornige Stimme sagen:
„Ich wollte nicht gestört sein. Wer ist es denn?" „Fräulein Bolscher! Sie sagt, es sei sehr wichtig", erklang die Stimme des alten Dieners.
Eine Weile war es still: dann sagte Lohgarten:
„Ich lasse bitten!"
Nach einigen Minuten stand Traute vor Fritz Lohgarten. Befremdet ruhte sein Blick auf ihr, dann streifte er das dicke Buch, das sie unter dem Arm trug und das ihr augenscheinlich sehr schwer wurde. , ,r
„Guten Abend, Fräulein Bolscher. Weshalb schleppen Sie sich mit dem schweren Ding da herum? Dazu ist der Diener da oder einer der jüngeren Leute im Büro. Was wünschen Sie also von mir? Biel Zeit habe ich nicht."
Er nahm ihr das Buch ab und legte es auf einen Tisch, dann schob er ihr einen Stuhl hm.
Nachdem sie sich gesetzt, nahm er wieder in seinem Schreibsessel Platz, so daß sie seitlich neben ihm sah.
Traute nahm den letzten Mut zusammen und versuchte, so kurz und sachlich wie möglich ihm zu erzählen, was sie herführte.
„Herr Lohgarten, ich kann heute mit meiner Arbeit nicht s 0 vorwärts, wie es wohl sein mußte. Nun wollte ich die angefangene Arbeit mit nach Hause nehmen und suchte zu diesem Zweck iin Vorzimmer des Büros in dem großen -Regal einen passenden Dogen Papier für das große Buch. Dabei fand ich dies hier."
Ihre schmalen, weißen Hände bekamen das einfache kleine Schloß der Aktentasche nicht gleich auf und der Mann sah, wie erregt das Mad-
chen war. , ....
Gleich darauf lagen die gestohlene Liste das Kuvert mit Buchhalter Eckerts Adresse ihm.
Büro verlassen. Seine Tat, seine Verhaftung waren nicht mehr wesentlich. Die Hauptsensation bildete sein letztes Wort: „Chefliebchen!"
Und Traute hörte es flüstern:
„Aha, das Chefliebchen! Das hat man ja gewußt. Eckert hatte wenigstens den Mut, einmal die Wahrheit ausmsprechen. And wie hochmütig sie immer tut, und dabei — hm, man wäre sich zu gut dazu, und sowas will nun noch auf unser- einen herabsehen. Ich würde mich schämen. — Sagtest du was, Ierschel?"
Die zwei Mädchen kicherten und flüsterten, und die Herren warfen vorwurfsvolle Blicke auf Traute, die sich kaum noch aufrechthalten konnte.
„Chefliebchen!"
So tönte es plötzlich hinter ihr, wenn sie sich auf dem Nachhausewege befand.
„I, da braucht man sich ja nich zu Wundern, warum die Traute durchaus in ein Pensionat mußte. Große Herren stellen eben Ansprüche", sagte die • Nachbarin eines Tages zu Frau Bolscher.
Tie sah sie sprachlos an, dann aber flammte Zorn über ihr altes, gutes Gesicht.
„Reden Sie meinem Mädel nichts Schlechtes nach, ich verbitte mir das: und Herr Lohgarten ist noch heute Vormund über die Traute. Es dürfte Ihnen sehr schlecht bekommen, denn noch wohnen Sie auf seinem Grund und Boden. Es ist ein schlechter Dank, der ihm für seine Güte erwiesen wird", sagte sie und ging.
Ein bißchen beschämt zog sich die Nachbarin zurück.
Frau Bolscher aber weinte drinnen in ihrer blitzblanken Küche. Daß sie sich so etwas über die Traute sagen lassen muhte! So etwas! Und dabei war das Mädel jeden Abend daheim. Nie
Don der Dürgermeisterei Gießen wird uns geschrieben:
Stimmscheine, mit denen man bei zwingenden Anlässen auch außerhalb seines Wohnortes sein Wahlrecht ausüben kann, werden nach Beendigung der Offenlegung der Stimmkartei, vom 24. Oktober ab, vom W a h l a m t ausgestellt. Den Grund zur Ausstellung eines Stimmscheins muß der Antragsteller auf Erfordern glaubhaft machen. Ueber seine Berechtigung, den Antrag zu stellen und den Stimmschein in Empfang zu nehmen, muß er sich ausweisen können. Dies gilt namentlich dann, wenn Dritte mit der Empfangnahme eines Stimmscheins beauftragt werden. Lediglich das Vorbringen, daß man am Wahltage abwesend sei, begründet noch nicht das Recht auf Erlangung eines Stimmscheins. Berufliche und persönliche Gründe irgendwelcher Art (Berufs- oder Geschäftsreisen) können die Abwesenheit begründen, doch müssen es zwingende Gründe sein. Das Reichswahlgesetz hat die Notwendigkeit der Beziehung des Wählers zu einem bestimmten Wahlbezirk aufrechterhalten. Diesen Grundsätzen würde es widersprechen, wenn unterschiedslos, „also auch aus nicht zwingenden Gründen", Stimmscheine er-
ums teilt mit:
Nachdem die betriebsmäßige Erprobung des neuen Großrundfunksenders Leipzig einwandfrei
würden.
Lohn-Schiedsspruch in der Metallindustrie.
c.'Im 9m Frankfurter Welle 770 kHz.* (389,6
Srnnnncheme für OIC Rerchstagswayl. Meter) am 28. Oktober, mit dem Tagesprogramm
♦* Besichtigungszeiten der Museen. Das Oberhessische Museum im Alten Schloß, das Völkermuseum, das Kriegsmuseum und die Städtische Gemäldesammlung im Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Ahr geöffnet.
** D i e Volkshochschule wird ihr diesjähriges Wintersemester am Samstag, 29. Oktober, 20 Ahr, mit einer Feier im Großen Hörsaal der Aniversität eröffnen. (Siehe heutige Anzeige.)
** Weihnachtsarbeiten in der Alice- schule. Man schreibt uns: Da vielen Frauen und Mädchen die Anregung fehlt, schöne und ge
beginnend, in Betrieb genommen.
Gleichzeitig damit wird auch der neue Rundfunksender Frankfurt a. M. auf der bisherigen Leipziger Welle 1157 kHz. (259,3 Meter) seine Tätigkeit aufnehmen.
GicHrner Wochenmarktpreise.
' Gießen, 22. Okt. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Süßrahmbutter 130 Pf., Landbutter 120, Kochbutter 100, Matte 25 bis 30, Wirsing 6 bis 8 (pro Zentner 4 bis 4,50 Mk.), Weißkraut 4 bis 6 (pro Ztr. 2,20 bis 2,50 Mk.), Rotkraut 7 bis 8 (pro Zentner 5 Mk ), gelbe Rüben 8, rote Rüben 8, Römischkohl 8, Spinat 15, Rosenkohl 20 bis 25, Kürbis 5 bis 6, Anterkohlrabi 5 bis 6, Tomaten 15 bis 30, Zwiebeln 8 bis 10, Schwarzwurzeln 30 bis 35, Meerrettich 30 bis 60, Pfirsiche 30 bis 50, Kartoffeln 3 (pro Zentner 2,30 bis 2,50 Mk.), Aepfel 15 bis 30 (pro Zentner 12 bis 25 Mk ), Birnen 10 bis 20, Dörrobst 30 bis 35, Nüsse 35, Honig 40 bis 45, Suppenhühner 60 bis 80, junge Hähne 70 bis 80, Gänse 70 bis 80 Pfennig pro Pfd.: Tauben 50 bis 60, Käse 5 bis 10, Eier (ausl.) 10 bis 12, (inl.) 12 bis 13, Blumenkohl 30 bis 60, Endivien 10 bis 15, Lauch 5 bis 10, Rettich 8 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Oberkohlrabi 5 bis 8 Pfennig pro Stück: Radieschen 10 Pf. pro Bund.
wurde, i st im Verebben, die Unternehmungslust schwindet, kurz, alles beginnt auf derStelle zu treten — da niemand weiß, was denn nun Roosevelt für ein Programm hat, oder was er davon durchführen wird. Denn die Eigentümlichkeit des amerikanischen Wahlkampfes bringt es mit sich, daß der Kandidat in jedem Staate der USA. seinen Wählern etwas anderes versprechen muß. Wie soll man sich da ein Bild machen, was dieser Mann als Präsident tun wird? Und so wartet man eben, bis sich die Dinge einigermaßen „gesetzt" haben — eventuell bis zum Sommer nächsten Jahres!
ging sie allein aus, nie! Sie mußten bann immer mit, wenn sie wirklich einmal gern ein Theater oder ein Konzert, vielleicht auch einmal ein gutes Kino besuchen wollte. Unb nun redete man hinter ihr her. wie hinter der Erstbesten. Das war ja fürchterlich! Wenn Herr Lohgarten das wüßte! Kein wahres Wort war daran. Kein wahres Wort! Sie kannte doch das Mädel am besten. Die würde so etwas nie tun. And der Herr Loh- garten? Ganz ausgeschlossen war das. Ganz ausgeschlo---—!
Frau Bolscher setzte sich plötzlich ganz stiU und blaß auf einen Stuhl.
Wie merkwürdig Traute jetzt immer war! So still und traurig und blaß. Sie hatte nie rechten Appetit, und gesungen und gelacht hatte sie schon lange nicht mehr. Wenn sie ihr Herz an den hoch- gewachsenen Mann verloren hätte? Möglich wäre es schoii, denn der Herr Lohgarten war ein eigenartiger, schöner Mensch. Aber so unvernünftig konnte doch Traute nicht sein, daß sie die Kluft nicht bemerkte, die zwischen ihr und Herrn Lohgarten war? And — zu etwas anderem würde sie sich doch zu schade sein?
Mein Gott, wie ihr die Beine zitterten. Sie konnte gar nicht wieder aufstehen. Wenn doch Traute bald käme! Sie muhte sie sofort auf Ehre und Gewissen fragen.
Vater Bolscher kam eher. Er sagte seiner Frau nicht einmal „Guten Abend", sondern er setzte sich, wie er war, in eine Ecke, aber die Frau hörte sein lautes, rasches Atmen. In der Dunkelheit tastete sie sich zu ihm hin.
„Vater, du hast das Häßliche auch schon gehört? Vater, das ist doch nur ein böser Klatsch. Die zwei stehen doch da himmelhoch darüber."
„Das weißt du doch nicht, Mutter. Komisch genug hat has Mädel sich ja benommen in dieser letzten Zeit. And dieses Kranksein obendrein. Was wird denn da nicht noch für Schmutz dran- gehängt werden. Wenn man doch tot wäre! And ich habe das Mädel so lieb, als wäre es mein eigenes. Aber Schande darf sie mir nicht machen. Es trifft mich auch, als wäre es meine eigene Ehre."
„Du hast recht Vater. Es ist bestimmt kein wahres Wort daran — glaub es nur. And wir wollen gleich mit Traute sprechen, wenn sie kommt."
Sie warteten. Aber Traute kam nicht.
Da erfaßte eine riesengroße Angst die alten Leute. Keiner aber wagte es auszusprechen, was er dachte. Endlich fragte Frau Bolscher:
„Willst du nicht essen, Väterchen?"
„Rein, es schmeckt mir nichts. Laß gut sein, Mutter, aber ich werde doch lieber noch mal hinübergehen."
And die Frau sah ihm nach, wie er den dunklen Weg an den Gärten entlang schritt.
Zwölftes Kapitel.
Hilma Altendorf las oft den Brief, den man ihr anonym gesandt. Sie lächelte. Was konnte dieser Brief noch helfen oder schaden? Heinz Altendorfs Schicksal war beschlossen.
Er hatte dieser Tage in Berlin gesungen, und die Zeitungen Überboten sich im Lob des großen Sängers. Seit gestern war er daheim,
Der Schlichtungsausschuß in Wetzlar fällte in der Frage der Neuordnung der Löhne in der Metallindustrie im Lahngau und Oberhessen einen Schieds- durch den der Spitzenlohn von 64 Pf. auf
Zwischen Roosevelt und Hoover Drei Wochen vor der präsidentschastswahl in USA.
Von unsere^ s.-Berichterstatter.
velt auszeichnet. Hoover hat sich in Des Maines (Iowa) zwar wider alles Erwarten als ein guter Redner gezeigt, etwas, was man von ihm merk- würdiaerweise noch nicht wußte, und der wiederholte Beifall während seiner Rede bewies, daß er seine Zuhörer auch mitzureißen verstand — aber alle Welt zweifelt, ob das Gesagte genügt, um die Stimmung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Denn Hoovers geschickte Selbstverteidigung hat erst enthüllt, wie gr 0 ß die K r i f e i st, und wie schwerwiegende Fragen zu lösen sind — und damit hat er zwar vielleicht die Verantwortlichen aufgerüttelt, aber nicht an das Herz der Massen appelliert, die immer noch in echt amerikanischer Weise von ihrem Führer Optimismus und nichts als Optimismus verlangen.
Bisher, so heißt es, habe niemand gewußt, daß auch der Dollar gewackelt habe, oder doch, es habe niemand geglaubt. Jetzt aber wisse jeder, daß schon in einigen Monaten, wenn die abermalige Verlängerung der Kredite zur Debatte stehe, der Dollar gefährdet sein werde. Und man erinnert sich der Erklärungen des Macmillan-Berichts in England, der Gefahren für das Pfund feststellte, die bis dahin niemand kannte, und die bann erst die Pfundkrise richtig auslösten. Hat das Hoover am Ende auch getan? Um eines billigen Ruhmes willen, nämlich als Retter des Dollars auftreten zu können? Der Eindruck gerade dieser Erklärung war jedenfalls so außerordentlich, daß sie wohl noch lange nachwirken wird...
Und auch das, was Hoover der Kerntruppe seiner Anhängerschaft, der Landwirtschaft in Des Moines zu bieten hatte, hat Nicht befriedigt. Hoover hat dieHochzollschutzpolitik verteidigt und erklärt, daß ohne hohe Zölle (in der Hauptsache auf Jndustrieartikel anderer Länder!) die Landwirtschaft nicht zu schützen sei — in einem Augenblick, in dem man in Amerika einzusehen beginnt, daß diese amerikanischen Jndustrieschutz- zölle die Hauptschuld daran tragen, daß die amerikanischen Agrarprodukte in der Welt keinen Absatz finden, weil die Industriestaaten ja nur mit industriellen Waren bezahlen können, was ja eben die Zölle unmöglich machen! Hoover hat die Aufrechterhaltung der Kriegsschuldenzahlungen gefordert und erklärt, jeder Cent der Kriegsschulden würde dazu verwandt werden, um den amerikanischen Agrarprodukten einen ausreichenden Markt zu sichern — obwohl endlich auch der Mann auf der Straße weiß, daß diese Zahlungen nur noch auf dem Papier stehen und uneinbringlich geworden sind, so daß ihm hier niemand glaubt/Und Hoover hat schließlich den Farmern neue Kredite und Kreditverlängerungen versprochen — obwohl niemand mehr neue Kredite haben will, die doch nur neue Schulden bedeuten würden, da es so schon zweifelhaft ist, ob
Buchhalter Eckerts Schuld war so gut wie erwiesen! And jetzt würde er auch sofort die Polizei anrufen, damit diese ihre Re«cherchen beginnen konnte.
Fritz Lohgartens Augen brannten auf dem stillen, schönen Mädchengesicht. Es läßt sich nicht beschreiben, was in ihm vorging.
Er hatte ihr unrecht getan! Schweres Anrecht! Sie hatte gelitten um dieses Anrechtes willen. Das muhte er gutmachen.
Noch immer liebte er sie! Noch immer fühlte er eine wilde Sehnsucht nach ihr. Wenn sie nicht Heinz Altendorfs Geliebte gewesen wäre?
Wenn er ihr auch hierin unrecht getan hätte? Wenn sein schwarzer Verdacht auch hier in ein Nichts verfiele?
„Fräulein Bolscher, ich glaube, Sie haben mir einen riesengroßen Dienst erwiesen. Ich muß Sie um strengstes Stillschweigen bitten, bis die Polizei die Sache untersucht hat. Eckert muß vollkommen, überführt werden. And dann soll ihn die Strafe treffen die er verdient. Ich danke Ihnen. Fräulein Bolscher."
Seine Hand umschloß die ihre mit festem, warmem Druck. Traute sah ihn fest an, und da wphte der Mann, daß auch sie ihn liebte!
Doch Altendorf?
Wenn er doch nur die Wahrheit über das alles ergründen könnte! Behutsam ließ er die feine Mädchenhand fallen.
„Wollen Sie also schweigen über alles?"
„Ia! Ich tue alles, wie Sie es bestimmen."
Seine Arme hoben sich. Doch gleich sanken sie wieder herab.
Nein! Sie war keine Diebin! Doch sie kannte Altendorf, stand in Beziehungen zu ihm! And das schied ihn auf ewig von ihr. Wenn Altendorf sie hatte küssen dürfen, bann hatte sie für ihn, Lohgarten, keinen Wert mehr.
Die Dankbarkeit blieb für bas, was sie heute getan. Aber es würbe mit Geld gedankt werden können.
Traute ging zur Tür.
„Gute Nacht!"
Nun stand er doch wieder neben ihr, öffnete ihr die Tür.
„Gute Nacht, Fräulein Bolscher und — ich werde mich erkenntlich zeigen."
Sie zuckte zusammen, sah zu ihm auf. Schmerz und Zorn standen in den blauen Augen.
„Sie brauchen sich für nichts erkenntlich zu zeigen, Herr Lohgarten. Ich habe nur meine Unschuld selbst bewiesen, denn ich wurde von Ihnen verdächtigt — ich weiß es ja. Es ist mir Dank genug, wenn der wirkliche Schuldige überführt wird."
Sie ging. And der Mann stand da, starrte auf die Tür.
Traute Bolscher die Geliebte eines verheirateten Mannes? Niemals! Soweit ging nicht einmal die Macht des unwiderstehlichen Heinz Altendorf.
Traute war rein und unschuldig auch in dieser Beziehung. Aber — sie kannte ihn doch? And ein Heinz Altendorf betete die Frpuen nicht nur von weitem an!
„Kleine Traute, wenn doch noch alles gut würde, wenn irgendein gütiger Zufall mir doch einwandfrei beweisen könnte, daß Heinz Alten- borf fein Recht an bir hat.
die geschuldeten Kredite je zurückgezahlt werden können.
Damit ist natürlich nicht gesagt, wie die Dinge in vier Wochen stehen werden, aber es ist doch so wahrscheinlich geworden, daß Roosevelt gewählt werden wird, daß man auch bereits zu spüren beginnt, wie Hoover verloren hat. Die große Pause in der Weltpolitik, die Roosevelts Wahl zur Folge haben dürfte — weil er ja bis zu seiner Geschäftsübernahme im Februar nichts machen kann, Hoover aber natürlich inzwischen auch nichts Rechtes zu tun vermöchte — kündigt sich daher auch jetzt bereits an. Der Konjunkturumschwung, der noch vor wenigen Wochen allerseits verzeichnet
Er sprang auf.
„Fräulein Bolscher, bas ist ia unglaublich, haben Sie bies gefunben?"
Sie erklärte es ihm noch einmal kurz.
Es ist eine auslänbische Firma, nut ber gar nicht in Verbindung stehen, Anb wenn wah- renb meiner Krankheit mit dieser Firma korrespondiert worden wäre, dann trüge das Kuvert doch wohl die Adresse der Firma Lohgarten und nicht die eines Angestellten", sagte sie noch leise.
Ein furchtbarer Zorn durchtobte ihn.
Eckert.? Der? Dem er vertraute? And diesmal kam der Betrug von einer ganz anderen Seite, diesmal hatte Heinz Altendorf nichts damit zu tun And er war r > fest von dessen Arheberschast überzeugt gewesen! And weil er überzeugt war, daß wieder er und kein anderer in Frage komme, hatte er geschwiegen. And er hatte auch um des Mädchens willen jede Anzeige unterlassen. And nun waren sie beide in dieser Angelegenheit unschuldig, und einer seiner Angestellten, den er für treu und ergeben gehalten, hatte dieses Ver- brechen begangen.
Da stieg Noch einmal das Mißtrauen in ihm hoch Wenn Traute nun dies alles geschickt arrangiert hätte? Wenn sie jetzt nur versuchte, einen
Dos Md W Den Weg
Vornan von Gert Nothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Neuy 0 rk. Oktober 1932.
Je näher der 8. November rückt — der Tag, an dem sich entscheiden wird, wer der k ü n f t'i g e Präsident der Vereinigten Staaten i|t — um so deutlicher zeigt es sich, daß die Aussichten des demokratischen ftanbibaten Roosevelt steigen und daß Hoovers Hoffnungen sinken. Ob Roosevelt nun tatsächlich gewählt werden wird, das muß man wohl noch abwarten; Hoover kann immer noch auf eine sehr beträchtliche Anhängerschaft rechnen, so daß jedenfalls Roosevelt der Sieg schwer werden dürfte. Aber immerhin ist es für die Lage bezeichnend, daß z. B. die P r 0 b e a b ft i m = mung ber Zeitschrift Literary Digest, die immer sehr charakteristisch ist, eine Zweidrittelmehrheit für Roosevelt ergab, und auch der Wahlsieg der Demokraten in Maine zeigt, wie stark die Neigung im Publikum ist, Hoover abzulehnen und die bisherige Verwaltung „hinauszuwerfen". Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs werden Hoover zur Last gelegt, und der allgemeine Glaube geht eben dahin, daß ein neuer Mann in ber Lage fein werde, dem Unheil Einhalt zu tun und eine Besserung herbeizuführen. Wenn Roosevelt keine Fehler macht, ober wenn nicht ein Wunder Hoover zu Hilfe kommt, muß man also wohl damit rechnen, daß diese Stimmung sich durchsetzt und Roosevelt im Früjahr nächsten Jahres die Geschäfte im Weißen Hause in Washing- . ton übernehmen wirb.
Allerdings wird diese Ansicht — bas verdient besonders hervorgehoben zu werden — im Lager Hoovers keineswegs geteilt. Man ist hier vielmehr des Glaubens, daß Hoover immer noch gut im Rennen liegt, und daß lediglich kleinere Fehler vorgefallen feien, die aber leicht wieder gutgemacht werden könnten. Vor allem habe Hoover den Einfluß der Wahlreden seines Gegners unterschätzt, der in nicht zu leugnender geschickter Weise die Massen aufgeputscht und allen alles versprochen habe. Hoover brauche aber nur persönlich einzugreifen, dann werde es sich zeigen, wie die Stimmung wieder Umschläge. Aus diesem Grunde hat man die feit Wochen angefünbigte erfte große Wahlrede Hoovers in Iowa, ber seit Wochen geschwiegen hatte, mit großer Spannung erwartet. Hoovers „Gegenoffensive" mußte ja, wenn sie wirklich wirksam fein sollte, eine innerpolitische Sensation ersten Ranges für Amerika werden um ganz von der Rückwirkung auf die übrige Welt zu schweigen.
Nun aber, nachdem die Rede gehalten worden ist, muß man feftfteUen, daß die Erwartungen, die die Republikaner auf Hoover gesetzt hatten, enttäuscht worden sind. Selbst die eingeschworenen Freunde Hoovers geben mit (eifern Bedauern zu, baß ihr Kandidat fo gar nichts von dem Volkstümlichen an sich habe, bas nun einmal zur Zeit Roose-
Heinz Altendorf stand also in keinerlei Zusammenhang mit dem Diebstahl, den der Buchhalter Eckert aller Wahrscheinlichkeit nach ausgeführt hatte.
Die Polizei untersuchte in aller Stille den Fall. And nach einigen Tagen war die Korrespondenz Eckerts mit der Brüsseler Firma einwandfrei festgestellt.
Als man dem Buchhalter auf den Kopf zusagte, wessen er sich schuldig gemacht, sank er in sich zusammen. Völlig teilnahmslos ließ er sich fortführen. Als er wieder durch das Büro kam — er war im Laboratorium verhört worden :—, da war es, als wollte er sich auf Traute Bolscher stürzen. Niemand hatte ihm gesagt, wer und wo man die Liste gefunden.
.Eckert schrie:
„Du elende Spionin. Dich hat der Chef hierher gesetzt, um mir nachzuspionieren. Nur du hast mir das wertvolle.Papier gestohlen, und nun war alles umsonst, alle Gefahr — alles, alles war umsonst. And ich wäre ein reicher Mann geworden, wenn du nicht gewesen wärest."
Fast besinnungslos hatte der Mann es herausgeheult, und er hatte drohend die Fäuste gegen das Mädchen erhoben.
„Das war ein volles Geständnis, Buchhalter Eckert. Sie sind verhaftet!"
Wie aus einem Traum erwachend, blickte Eckert sich um. Schaum stand vor seinem Munde.


