Ausgabe 
21.10.1932 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Aus Oer Provinzialhauptüavt.

Gießen, den 21. Oktober 1932.

Warnung

vor Versammlungssprengungen.

WSR. Unter Bezugnahme auf die an anderen Orten mehrfach vorgekommenen Versammlungs­sprengungen wird von maßgebender Stelle in Darmstadt für die Zukunft besonders strenges Eingreifen angekündigt. Cs ' wird darauf hin­gewiesen, daß Sprengung und Störung von Der- sammtunaen Hausfriedensbruch bedeutet, der nach den Bestimmungen der Notverordnung vom 9. August beim Vorliegen politischer Beweg­gründe unter bestimmten Voraussetzungen mit Zuchthaus bis zu zehn Zähren bestraft wird. Mindeststrafe ist ein Jahr Zuchthaus: mildernde Umstände sind ausgeschlossen. Der Tatbestand des Hausfriedensbruchs ist gegeben, wenn die Störer sich nach erfolgter Aufforderung des Dersamm- lungsleiters nicht entfernen. Darüber hinaus sieht die Rechtsprechung Hausfriedensbruch vielfach auch ohne solche Aufforderung als gegeben an, wenn der Besuch der Versammlung wikterrechtlich erfolgt, d. h. wenn der Täter mit der Absicht der Störung in die Versammlung gekommen ist. Der Erwerb einer Eintrittskarte ändert nichts daran. Es kann deshalb nicht dringend genug vor Der- sammlungsstörungen gewarnt werden. Ferner setzen sich Parteien und Organisationen, deren Anhänger die Versammlungstätigkeit ihrer po­litischen Gegner offenbar planmäßig in ungesetz­licher Weise behindern oder stören, der Gefahr aus, daß ihre eigenen Veranstaltungen polizei­lich verboten werden.

Weltwirtschaft und nationaler Wirtschastsraum.

Die Ortsgruppe Gießen im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband hat für das Winter- Halbjahr 1932/33 wieder einen reichhaltigen Bil- dungsplan aufgestellt. 3m Vordergründe steht die Berufsbildung. Daneben werden eine An­zahl allgemeinbildender Veranstaltungen durch­geführt, so Vortragsreihen über Grenzland­fragen, Kultur- und Sozialpolitik, Volksbürger­kunde, Heimatkunde, Gesetzeskunde.

Mit einem Vortrag von Gauvorsteher Auer­bach, Frankfurt a. M., über Weltwirtschaft und nationaler Wir tsch af tsraum wurde vor den Mitgliedern und Gästen im voll­besetzten Saale des Verbandsheimes die Winter­bildungsarbeit eröffnet.

Der Redner ging wie man uns berichtet von den Gründen aus, die zu dem gegenwärtigen Durcheinander in der Wirtschaft geführt haben. Die Voraussetzung des Funktionierens der Welt­wirtschaft, das Vorhandensein wirtschaftlich noch unerschlossener Gebiete, allgemeiner Weltfrieden, Freihandel und internationale Kredite, fehlen heute vollkommen. Die Weltwirtschaftskrise ist nicht so sehr eine Krise des Kapitalismus, sondern des verhinderten Absatzes und Güteraustausches infolge des Krieges, einer Strukturwandlung in der Weltwirtschaft und politischer Eingriffe. Dar­aus folgt, daß in weltwirtschaftlicher Beziehung der Sozialismus unserem Lande nicht helfen kann. Rot tut eine Verständigung der Völker, die Frankreich aber hintertreibt.

Die FrageAutarkie oder Weltwirtschaft?" sei in dieser radikalen Fassung unrichtig. Völlige Autarkie bedeute Abschluß vom Weltmarkt, so­wohl auf der Einfuhr-, wie auf der Ausfuhr­seite. Schon jetzt gehen Ein- und Ausfuhr ständig zurück. Es seien aber für den Export in Deutsch­land 3,6 Millionen Arbeitnehmer tätig. Sie wür­den bei völliger Autarkie ihre Arbeitsplätze verlieren. Darüber hinaus würde die Gesamt­wirtschaft in schwerste Mitleidenschaft gezogen. Die Antwort des Auslandes auf die Kontingen­tierungspolitik der gegenwärtigen Reichsregie­rung zeige deutlich, wohin dieser Weg führe. Das autarke Wirtschaftsideal sei der sich selbst versorgende Bauer, der alles auf dem eigenen Hof herstelle. Die Verwirklichung dieses 3deals würde Deutschland auf die Zeit vor dem 3ahre 1800 zurückwerfen. Autarkie sei die Resignation eines Volkes, das sich vor Schwierigkeiten ver­kriecht, keinen Willen zur Weltpolitik, keinen Expansionsdrang mehr habe. Rach der ganzen politischen, geographischen und klimatischen Lage Deutschlands sei die vollkommene Autarkie für uns unmöglich. Wir brauchen die Verbindung mit der Weltwirtschaft. Eine beschränkte Autarkie sei vielleicht vorübergehend eine Waffe im außen­politischen Freiheitskampf, aber kein erstrebens­wertes Ziel. Ziel sei die möglichst weitgehende Durchdringung der Welt mit deutschen Wert­erzeugnissen, aber nicht der Abschluß vom Welt­markt.

Lim dieses Ziel zu erreichen, seien eine Reihe innerwirtschaftlicher Maßnahmen notwendig. Die erste sei die Herstellung möglichster Rahrungs- freiheit, damit auf die Einfuhr von Rahrungs- Mitteln aus dem Ausland verzichtet werden könne. Zweitens müsse der nationale Wirtschaftsraum durch Urbarmachung unX) Siedlung ausgenutzt werden. Ein Weg hierzu sei der freiwillige Ar­beitsdienst. Umsiedlung aus dem übervölkerten Westen des Reiches in den menschenleeren Osten tue not. Die dritte wichtige Maßnahme sei die Kaufkraftstärkung des Binnenmarktes. Die bis­herige verhängnisvolle Deflationspolitik müsse deshalb verlassen werden, vor allen Dingen aber müßten weitere Lohn- und Gehaltskürzungen un­bedingt verhindert werden. 3m Unternehmertum müsse das Verantwortungsbewuhtsein wieder ge­weckt werden. Der Zustand, daß Unternehmer Wohl die Gewinne einstreichen, die Verluste aber dem Staat aufladen, müsse aufhören. Reubau des Aktienrechts und strenge Bestrafung der Wirt­schaftsverbrecher seien nötig. Weiter sei erforder­lich die Kontrolle der Kartelle, Syndikate und Trusts, sowie die Förderung der Mittel- und Kleinbetriebe. Das gelte besonders für den Ein­zelhandel, wo Kettenläden, Warenhäuser und Ein­heitspreisgeschäfte eine Gefahr bedeuten. Ferner müsse eine grundsätzliche Reuordnung des volk- lichen und staatlichen Lebens in der Richtung auf eine ständische Ordnung erfolgen, damit der Staat von den Lasten innerpolitischer Maßnahmen be­freit wird und sich seinmn eigentlichen Zweck, durch die Außenpolitik für t.n freiheitsliebendes Staats­volk Lebensraum zu schaffen, widmen könne. Eine der großen außenpolitischen Aufgaben sei die wirtschaftliche Verbindung mit dem Donauraum. Hier seien auf weite Sicht große wirtschaftspoli­tische Möglichkeiten vorhanden. Sie mühten von der deutschen Außenpolitik genutzt werden, leider sei bei den letzten Verhandlungen das Gegenteil getan worden. 3n dem großen Wirtschaftsraum zwischen Rordsee und Schwarzem Meer müsse Deutschland führen. Erreiche Frankreich die Be­

friedigung Europas beim gegenwärtigen Zustand, bann könne Deutschland seine Freiheitshoffnun­gen begraben. Rur wenn alles gärt, dürfen wir hoffen, unsere Fesseln abzuwerfen. Wir müßten die Unruhe in Europa wachhalten, das Dyna­mit sein, mit dem Versailles gesprengt wird. Die dynamische deutsche Kraft dürfe sich nicht durch Paragraphen knebeln lassen. Wenn das deutsche Volk innerlich einig sei und von seiner Kraft Ge­brauch mache, dann sei das Ende der Knebe­lungsverträge gekommen. Deshalb fei nicht Re­signation und Selbstgenügsamkeit, sondern kraft­volles kämpferisches Streben auf allen Gebieten not. Leben und Freiheit erobern sich nicht die Halben, sondern die Starken und die Ganzen.

An die mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen schloß sich eine kurze Aussprache an.

Vornotizen.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute 20 Uhr unter der Spiel­leitung von Karl H e y s e r Wiederholung des Lust­spiels:Freie Bahn dem Tüchtigen" von August Hinrichs. 3. Vorstellung im Freitag-Abonnement. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 20 bis 22 Uhr. Zum letzten Male gelangt unter der szenischen Leitung des Intendanten und her musikalischen Leitung von Unioersitätsmusikdirektor Dr. T e - mesvary das TrauerspielEgmont" von Goethe am Sonntag, 23. Oktober, als Fremden- und Schüleroorstellung zur Aufführung. Mit diesem Trauerspiel wurde die Jubiläumsspielzeit erfolgreich eröffnet. Die Besetzung ist die der Erstaufführung. Fremde zahlen ermäßigte Preise, für Schüler gelten Schülerpreise. Anfang 18.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr. In Vorbereitung ist unter der Spielleitung des Intendanten die erste Operette dieser Spielzeit:Die Toni aus Wien" Musik von Ernst Steffan. Erst­aufführung am Dienstag, 25. Oktober, 20 Uhr.

Lichtbildervortrag im Deutsch- Oesterreichischen Alpenverein. Heute um 20.15 Uhr auf Einladung des Deutsch-Oester- veichischen Alpenvereins, im Hörsaal des Geo­logischen 3nstituts Lichtbildervortrag von Frau Dr. R a u, Darmstadt, überDer weihe Berg von Chamonix nach Courmaheur".

*

"* Schuh der Weidenkätzchen undHa- selnuhblüten. 3m neuesten Amtsverkün­digungsblatt wird eine Polizeiverordnung des Kreisamts Giehen bekanntgegeben, nach der das Feilhalten und der Verkauf von wildwachsenden Weidenkätzchen und Haselnuhblüten im Kreise Giehen verboten sind. Ausnahmen von dem Ver­bot können mit Zustimmung des zuständigen Forst­amtes und der zuständigen Bürgermeisterei vom Kreisamt zugelassen werden. Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mk., im Richtzahlungsfalle mit Haft­strafe belegt. Die Verordnung ist mit ihrer gestri­gen Veröffentlichung im Amtsverkündigungsblatt in Kraft getreten.

** D i e Weihnachts-Rückfahrkarten der Reichsbahn sollen für die Zeit vom 21. De­zember bis 9. Januar ausgc^eben werden, also, wie ichon angetünbigt, eine verlängerte Gültigkeitsdauer haben. Im vorigen Jahr galten sie nur bis zum 4. Januar. Die Ermäßigung beträgt 33z Prozent. Daß keine besonderen Winter-Urlaubs- oder Winter- Sport-Karten ausgegeben werden, wurde schon berichtet.

Do X in Mainz

Mainz, 20. Oft. (WSR.) Das Flugschiff D o X ist heute gegen 11 Uhr in Mainz eingetroffen. Es kam auf dem Wasserweg mit eigener Kraft von Schierstein und machte am Kaisertor fest.

Mainzer Stadtrat lehnt 600-prozentige Bürgersteu r ab.

Mainz, 20. Oft. (WSR.) Der Stadtrat hat in seiner gestrigen Sitzung die von der Stadtverwal­tung vorgeschlagene 600prozentige Bür­gersteuer einstimmig abgelehnt.

S00-prozentigeBürgersteuerin Wehlar.

Kommunistische Ltörungsversuche im Rathaus.

WSR. Wetzlar, 20. Oft. Die Stadtverord­netenversammlung beschloß nach längerer Ver­handlung eine Erhöhung der Bürger- steuer für 1 933 auf 500 b. H., um damit die Staffel zu erreichen, die die Anwartschaft auf die Reichshilfe für die Wohlfahrtserwerbs­losen gewährleistet. 3n der gleichen Sitzung stan­den einige sozialdemokratische Anträge zur De­batte, die sich mit Winterhilfsrnahnah- men befaßten. Da die Anträge von erheblicher finanzieller Auswirkung waren, erhob der Bür­germeister Widerspruch, und daran scheiterte die sofortige Beratung, für die nach der Geschäfts­ordnung Dreiviertelmehrheit vorhanden fein mußte. Als das Abstimmungsergebnis bekannt wurde, erhob sich im dichtgefüllten Zuschauerraum ein Kommunist und rief dem Bürgermeister mit lauter Stimme zu, die Kommunisten hätten be­reits seit fünf Wochen Anträge eingereicht, die im Interesse von mehr als zwei Drittel der Wetz­larer Bevölkerung lägen. Der Bürgermeister sei nicht einmal so anständig, die Antragsteller einer Erwiderung für würdig zu erachten. Man werde nicht dulden, daß künftig die Anträge in den Papierkorb wandern. Der Bürgermeister ver­suchte vergeblich, dem Rufer das Wort zu ent­ziehen. Zahlreiche anwesende Kommunisten stimm­ten in die Ruse mit ein. Schließlich unterbrach Bürgermeister Dr. Bangert die Sitzung, und als sich der Tumult noch nicht legte, wurde Polizei herbeigerufen, die den heftig protestieren­den Hauptschreier aus der Sitzung entfernte. Erst dann konnte die Beratung weitergeführt werden.

Sühne für die Bluttat in Oöereisenhausen.

Marburg, 20. Oft. (WSN.) Vor dem hiefigen Schwurgericht hatte sich der 22jährige Schuhmacher Heinrich Hinn aus Niederhörlen (Dillkreis) wegen Körperverletzung mit Todeserfolg und zwei weiteren gefährlichen Körperverletzungen zu verantworten. Hinn geriet in der Nacht vom 9. zum 10. Februar gelegentlich eines Tanzvergnü­gens in Obereisenhausen (bei Biedenkopf) mit dortigen Burschen in Streit, wobei er sein Taschenmesser als Waffe benutzte. Bei dieser Ge­legenheit brachte er dem Arbeiter Petri zwei schwere Stichverletzungjn in Gesäß und Bauch bei und tötete den Arbeiter Konitzer durch einen Herzstich auf der Stelle. Der Schmied Becker, der den flüchtenden Messerheld in Niedereisenhausen feststellen wollte, wurde von Hinn ebenfalls durch einen Stich in die Leber schwer verletzt. Hinn wurde vom Marburger Schöffengericht, vor dem er angegeben hatte, in Notwehr gehandelt zu haben, wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr Gefäng­nis verurteilt. Als der Verurteilte Berufung ein­legte, überwies die Strafkammer den Vorfall dem dafür zuständigen Schwurgericht, das nach etwa fünfftünöiger Verhandlung Notwehr verneinte und wegen Körperverletzung mit Todesevfolg auf ein Jahr Gefängnis erkannte. Das Gericht be­dauerte, den Messerstecher nicht in eine höhere Strafe nehmen zu können, weil es aus gesetzlichen Gründen nicht über die vom Schöffengericht erkannte Strafe hinausgehen dürfe.

Eine deuffche Haussta« reist nach Rußland.

Streifzüge durch russische Läden und Warenhäuser.

Bon Victoria T. Wolf.

Kostüme zu verkaufen?

Einkäufen gehen und Golfplätze gibt es nicht im Sowjetstaat. Allmählich jedoch beginnt auch der Sport die Männer dort zu beschäftigen: einige Städte haben Stadien gebaut: in Moskau stand ein Tenniswettkampf Leningrad gegen Moskau ausgeschrieben, in Balta ertebte ich sogar den grotesken Anblick zweier aktiver Tennisspieler, aber den beliebtesten Frauensport Einkäufen gibt es nirgendwo. Das ist bitter für die Frauen. Man soll nur nicht glauben, daß die Warenknappheit, die große Armut und die Trauer des Bürgerkriegs die begehrliche, weib­liche Seele umgebaut hätten. Frau bleibt Frau. Das große Sehnen nach den Dingen, die den All­tag verschönern, ist geblieben. Die Ausländerin, die gewiß nicht in ihren besten Sachen reist, wird angestaunt, angesprochen, angefaßt. und nicht sel­ten gefragt, ob sie nicht ihre Kleider ver­kaufen wolle. Mir hat die Frau eines sehr hochgestellten und überzeugten Kommunisten so­lange zugesetzt, bis ich nicht anders könnte. Da­bei war die Seide abgetragen und in Deutsch­land kaum mehr zu verschenken. Aber was sollte ich denn mit den Rubeln beginnen? Es war doch auch für mich fast unmöglich, Sachwerte dagegen einzu tauschen.

Torgsin.

3a, es gibt Läden für Ausländer. Torgsin heißt der Trust, dem sie gehören. 3n jeder Stadt, in jedem Hotel fjat er seine Filialen, aber er ver­kauft nur gegen Valuta. Er ist die Organisation, die Konzession an das Ausland macht und so will er auch das vom Ausland wieder, was ihm das Wesentlichste ist, Devisen.

Doch selbst im Torgsin gibt es keine Import- Ware: man denkt in Rußland nicht daran, für lächerliche Spielereien der Westler Devisen zu Verbrauchern Man fabriziert lieber selbst Export- Ware, die nur für Fremden- und Torgsin-Bedarf verwendet wird. Man kann dann dort eine bessere Sorte der russischen Fruchtbonbons kaufen, Leinen- decken der bäuerlichen Heimarbeit, Spielzeug, Uralfteinc in Filigranfassung, 3konen, aus Kir­chen und Klöstern gestohlen, und ähnlichen un­nötigen Krimskrams. 3ch war einmal auf der verzweifelten Suche nach Briefumschlägen: nicht einmal im Torgsin ist es mir gelungen: Papier ist immer noch nicht so lebenswichtig, daß es ausreichend fabriziert werden würde.

3m Lebensmittel-Torgsin bekommt der Daluta- besitzer für sehr viel Geld nur ganz wenig Dinge.

Oie Kooperative.

Der Russe ist und bleibt auf seine Kooperative angewiesen. Jede große Fabrik, jeder große Trust hat seine eigene Kooperative, seine eigenen Läden. Hier und nirgends anders kann er kau­fen, natürlich nur gegen Karten und völ­lig rationiert. Die Frau des Ingenieurs kauft in der Kooperative für Ingenieure: sie muh an der Türe ihr ^.uch vorweifen, sonst findet sie keinen Einlaß, die Arbeiterin der Traktoren- fabrik hat ihren eigenen Laden: dort kann sie bis um 24 Uhr ihre tägliche Ration beziehen. Mei­stens muß sie eine halbe Stunde anstehen, bis sie an die Reihe kommt.

Sie hat Anspruch auf zwei Pfund Brot am Tag: drei Pfund Fleish im Monat: drei Pfund Zucker und ein Pfund Fett, ebenfalls pro Monat. Wenn beide Teile arbeiten, verdoppelt sich die Ration, man hat dann auch oftmals die Auswahl zweier Kooperativläden. Wir können uns nur in Er­innerung an die Kriegszeit einen Be­griff dieses rationierten Bedarfs machen.

Hart wird es erst, wenn der Beruf so zweit­rangig ist, daß sich die Organisation noch feine Kooperative leisten kann. Man ist exklusiv in der Bezeichnung lebenswichtig. Die Schwerindustrie ist es vor allem, sie wird immer und überall be­vorzugt. Der Maschinen wahn des Russen geht so weit, daß in der Fibel der ersten Schul­klasse der Sah zu finden ist: Untere Maschine ist unsere Mama.

Dies und vor allem eine immer mehr sich steigernde Warenknappheit läßt es erklären, daß jeder Beruf, der nicht auf Maschinen hinarbeitet, als zweitrangig behandelt wird.

Oer freie Markt.

Wer nicht in der Kooperative kauft, ist ganz auf den freien Markt angewiesen. Dort herrschen Marktpreise, die um ein vielfaches höher sind, als die Staatspreise. Freilich, es ist kein Schleichhandel, und fein Hintenherum, es ist das den Dauern zugestandene Recht, 90 Pro­zent ihres Ertrages von Obst, Gemüse und Eiern auf dem freien Markt zu verkaufen. Sogar Pflau­men werden dort stückweise berechnet. Kohl gibt es hier, Kohl, Kohl und noch einmal Kohl für den Borschtsch, die russische Suppe. Das Obst ist klein und nicht gepflegt: Trauben, die von der Krim hier herauf kommen, sind schön, aber teuer, sechs bis acht Rubel das Pfund: da­bei wiegt das russische Pfund nur 400 Gramm. Dann die Melonen in riesigen Mengen uni) Größen.

Dort auf den Märkten ist ein einiger grauet Knäuel Menschen, sie stehen herum, starren, han­deln und beraten, und doch liegt eine fast lah­mende Ruhe Über dem dichtesten Dolkshaufen. Keine Hetze, kein Geschrei, keine großen Gesten; man kauft, oder man kauft nicht, man ißt oöefi! man hungert weiter, ganz ruhig und so unsagbar gewohnt und ergeben.

Dre Dauern kommen von ihrem Kolchos, dem Kollektivgut, vom Sofkos, dem Staatsgut oder aus ihrer kleinbäuerlichen Besitzung: der Kollektiv- Zusammenschluß ist kein Zwang sie fahren oft stundenweit mit ihren kleinen Holzwagen, den ein noch kleineres Pferd zieht, in die Stadt, sie schlie­ßen mit derselben Ruhe ihre kleinen Geschäfte ab, wie sie auch ihre Mißerfolge einstecken. Für die paar Rubel, die sie bekommen, können sie auch in der Stadt nicht viel dagegen eintauschen. Ein Kopftuch für die Frau vielleicht, aber man hätte wichtigere Dinge nötig. Schuhe oder Arbeitsge­räte. Aber Schuhmacher, die noch frei arbeiten dürfen, es gibt solche Schuhmacher und Uhr­macher gehören dem individualistischen Sektor an, sehen auch ihre Preise hoch ein. Rohr­stiefel sind nicht unter 100 Rubel zu haben, und das Arbeitsgerät wird bevorzugt an. die Kollek- tmgüter geliefert. Der Einzelbauer geht bei der großen Güterknappheit leer aus. So zieht er also ergeben heim; er kann auch nicht auf dem langen Wege in einer Kneipe einkehren und beim Wodka die Welt vergessen, wie es einstens so üblich war. Cs gibt keine Kneipen mehr, es gibt keinen Wodka mehr, nur noch in den teuren Hotels.

Will der Dauer doch etwas kaufen, will der Fremde gegen Rubel kaufen, teuer natürlich, so muh er ins staatliche Warenhaus. 3n Moskau nennt es sich Mostorg, in jeder anderen Stadt nennt es sich angelehnt an den Rainen der Stadt.

Das staaiüche Warenhaus.

Hier gibt es alles, was nicht zum Leben no­tig ist. Dlumen aus Papier, Kinderspielzeug, Gipsbüsten von Lenin und Stalin, Bilder von Lenin und Stalin und nochmal Dilder von Lenin und Stalin: es gibt Kätzchen aus Porzellan, Dlu- menvasen im 3ugendstil und seit neuestem wie­der Krawatten, die bisher als unproletarisch ab- gelehnt, ja verpönt waren.

Zwischen den Hausgreueln etwas gute Volks­kunst, gestickte Leinenkleider, und kleine gestickte Käppchen, die nur den Hinterkopf bedecken, Te- bitehkas, die Tracht des Kaukasus. Die Preise in Rubeln für Decken und Kleider bewegen sich, nicht schüchtern, zwischen 50 und 100 Rubeln; wenn man den amtlichen Kurs rechnet, gibt das die ansehnliche Summe von 100 bis 200 Mark. Aber wer glaubt denn dem amtlichen Kurs? Reulinge, die den ersten Tag in der Änion sind. Man merkt schon am zweiten, daß man sich in­mitten einer netten kleinen 3nflation bewegt, nun zugegeben wird es von keiner amtlichen Stelle. Oben im ersten Stock des Warenhauses werden auf Karten Gummischuhe abgegeben; man sieht es an der Treppe, die in einer gekrümmten Schlange die Wartenden bis nach unten stehen läßt. Der Hintere Teil des Hauses ist meistens remon t. Das ist das große Wort der Union, es kommt gleich nach dem neuen praktischen Gott Pjatiletka Fünfjahresplan. Remont heißt im Umbau begriffen, verbesserungsbedürf- tig.

Das für Frauen große Erlebnis des Kaufens vollzieht sich auch in einer bei uns nicht ge­kannten Zeremonie, die ihren tieferen Sinn in der völligen Papierarmüt hat, was man erst zum Schluß kapiert.

Ich habe für mein Töchterchen eine Puppe aus­gesucht, ein blondes, drolliges Dauerngesicht mit Kopftuch und buntem Rock;, die Bedienung geht mit mir zur Kasse, sagt den Betrag der Kassie­rerin an, die ihn ohne Quittung kassiert, mein Dedienfräulein assistiert während dieses Aktes, sie hilft mit, den Restbetrag an der Zählmaschine, die neben der Kasse steht, zu subtrahieren. Diese Zählmaschine ist das wichtigste Requisit je­des russischen Schreibtisches, es gibt kein Bureau, keime Kasse, kein noch so kleines Geschäft, daß nicht dieses Kugelzählgestell, das nicht denRa- men Maschine verdient, neben sich liegen hat. Es ist das, womit bei uns Kinder zwischen 4 und 6 3ahren spielen, bunte Kugeln auf Draht, ver­schiebbar.

Als ich dann meine restlichen 9 Rubel 60 wie­der verstaut hatte, es war viel häßliches Papier­geld, ging ich mit dem Fräulein zurück an das Puppenlager. Dort legte sie mir die Puppe vor­sorglich in den Arm; ihre Liebenswürdigkeit sollte das fehlende Papier und den Bindfaden ersetzen, den es im Warenhaus nicht gibt. Verpackung ist eine Art bürgerlicher Luxus, der erst wieder im dritten Fünfjahresplan gestattet wird.

Oer Kommäsions-Laden.

Das Schaufenster eines Kommissionsladen er­zählt ohne jedes Pathos die traurige Ge­schichte des toten Bürgertums. Da liegen Spazierstöcke mit Silbergriff, Zylinder mit sich sträubendem Gefieder, eine Gitarre ohne Sai­ten neben wertvollem Porzellan; ein Spihen- schleier, wie er bei Hofempfängen getragen wurde, neben alten, auf Holz gemalten Ikonen.

Der Laden steht voller Dinge und Menschen. Mehr Schaulüsterne als Käufer, natürlich. Das Volk verbringt hier eine tote Stunde seines 6. Ta­bes, des freien Tages, es ist eine Art Schauspiel früherer Bürgerlichkeit. Kausen? Rein, kaufen tut es hier nicht.

Ausländer, jawohl, die Spezialisten und In­genieure, die die feuchten Wände ihrer Woh­nungen verdecken wollen. Ein paar Fremde und vielleicht auch die Destverdiener der Russen, ihre Professoren und Funktionäre, die schon wieder einen tüchtigen Schritt hinein in die so verachtete Bürgerlichkeit getan haben; allerdings trägt sie den Decknamen derneuen Kultu r. Auch diese Kommissionsgeschäfte sind staatlich verwal­tet. Sie arbeiten ohne Risiko, nehmen die Ob­jekte entgegen und zahlen nach Abzug der Aln- kosten erst nach dem Verkauf. Diesmal ist Pa­pier in den Derwaltungsunlosten einkalkuliert. 3ch bekam eine grüne Samtdecke, die früher einmal in einer Kirche lag, in das russische, graue Ein­heitspapier eingewickelt.

Diele dieser kirchlichen und fürstlichen Kostbar­keiten sind, wie man es dort rechtfertigt,neu-i tralifiert worden; ein Wort, das dem im Krieg geläufigen Requirieren entspricht und nach Lage der Dinge erklärlich ist. Die Tragik dieses De- sitzwandels liegt vor dem Verkauf. 3d> dachte, als ich aus dem staatlichen Trödlerladen ging, mit diesen lebendig-toten Gegenständen, wie gut es ihnen doch gehe, daß sie keine Seele haben, die nun schreien müßte; ich dachte an Leben und Tod, Sinn und Unsinn, an lauter unnütze Dinge, die nur traurig machen, und trollte mich.