Ausgabe 
21.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 21.September 1932.

Oer MatthäuStag.

Der 21. September führt im Kalender den Damen Matthäustag. Man sagt von ihm. daß er für das Wetter der nächsten Wochen von ausschlaggebender Bedeutung sei. Die Winzer an den Rheinhängen und In der Woselgegend haben den Glauben, daß Sonnenschein am Mat- thäustage noch mindestens vier Wochen schönes Wetter verbürgt. Der MatthäuStag ist von der katholischen Kirche als Gedenktag für den Apostel Matthäus eingesetzt worden. 3n den letzten Zeiten unserer heidnischen Dorfahren wurde dieser Tag als Fest der Taa- und Dachtgleiche gefeiert. Man betrachtete ihn damals schon als den De- Sinn des Winters, was bei dem früher herrschen- en rauhen Klima verständlich erscheint. 3n hoch­gelegenen Geb^raSgegenden, wo sich Rebel und Schnee schon frühzeitig einzustellen pflegen, heißt der Watthäustag heute noch der .Wintertag". Ruch der Volksglaube hat naturgemäß an den MatthäuStag angeknüpft, Kinder, die am Mat- thäustag geboren sind, sollen Sehergabe besitzen. 3n abgelegenen Orten findet man noch mancher­lei Bräuche an diesem Tage, bei deren Befolgung sich allerlei aus der Zukunft erkennen lassen soll: so werden in manchen Gegenden verschiedene Gegenstände ins Wasser geworfen, die von den jungen Mädchen wieder herausgefischt werden müssen. Zieht ein Mädel ein Büschel Blumen, einen grünen Zweig oder etwas Aehnliches, so soll dieS nichts anderes bedeuten, als daß dieses Mädchen bald Braut wird.

Bekennen Sie sich zu Zhrem Theater!

Di« 3ntendanz des Stadttheaters schreibt und:

..Auch Sie werden einen Abend in der Woche Zeit finden mit 3hrer Frau. 3hrer Familie eine Vorstellung in unserm Theater zu besuchen. 3hr Theaterbesuch wird ein doppeltes, gutes und schönes Werk. Sie sorgen für schöngeistige Unter- Haltung und Bildung und werden mit wenig Geld ein wertvoller Helfer und Förderer an dem, was in 25 3ahren in mühevoller Arbeit aufgebaut wurde: an Gießens künstlerisch hoch­stehender Bühne, dem Stadttheater, dem Stolz unserer Stadt. Oder möchten Sie es in unserer Stadt missen? Wie öd« und trostlos würde es an den langen Winterabenden bei uns werden! Welche Einbuße an Verkehr und im Geschäfts­leben, wenn Stadtverwaltung und Stadtverord­neten sich durch das indifferente Verhalten der Bürgerschaft eines Tages gezwungen sähen, das Theater zu schließen! Haben Sie sich darüber schon «inmal Gedanken gemacht? Darum in letzter Stunde! Gießener! Sucht Euch Euer Theater in seiner 25jährigen 3ubiläumsspielzeit zu erhalten und unterstützt es durch fleißigen Besuch! Denke jeder noch einmal darüber nach: wie mancher Groschen, manche Mark wird für nebensächliche Dinge ausgegeben! Sparen Sie davon nur «inen Teil, Sie werden sehen, wie schnell das Geld für ein Theaterabonnement zusammen ist. Sie machen mit einem Abonnement 3hrer Fa­milie eine große Freude und leisten gleichzeitig praktischen Dienst an den schönen Kunst- und Kulturanfgaben unserer Stadt. Die Theaterkasse nimmt Bestellungen auf Abonnements täglich schriftlich entgegen, und ab 25. September auch mündlich während der Kassenstunden werktags von 10 bis 13 Uhr und von 16 bis 17 Uhr."

Gießener Herbstpferdemarkt.

Am 5. Oktober findet auf den Marktanlagen an der Rodheimer Straße der von der städtischen Pferdemarktdeputation unter Mitwirkung des Hessi­schen Landespferdezuchtvereins Darmstadt und des Landwirtschaftskammerausschusfes für Oberhessen der Gießener Herbstpferdemarkt statt. Mit dem Markt, der um 7.30 Uhr beginnt, ist gleichzeitig wieder eine Prämiierung verbunden, für die Geldpreise in Höhe von über 2000 Mark zur Verfügung stehen. Der Landwirtschaftskammerausschuß für die Provinz Oberhessen hat außerdem 150 Mark und der Hessische Landespferdezuchtverein 100 Mark für die Prä- miierung gestiftet. Der Gießener Herbstpferdemarkt dürfte, wie bisher stets, auch diesmal wieder seine Anziehungskraft ausüben.

Talen für Mittwoch, 21. September.

1832: der schottische Dichter Walter Scott in Ab­botsford gestorben: 1860: der Philosoph Artur Schopenhauer in Frankfurt a. M. gestorben: 1890: der Fliegeroffizier Max Jmmelmann in Dresden geboren.

** Sitzung des Provinzialausschus. s e s. Am Samstag, 24. September 1932, 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgras-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Prooinzialausschusses der Provinz Ober­hessen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Klage des Bäckermeisters Samuel Katz in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 11. Juli 1932 wegen Versagung der Erlaubnis zum Betriebe einer Kaffeewirtschaft im Hause Neustadt 14 (8 30 Uhr): 2. Berufungen des Ludwig Widdersheim in Obbornhofen und anderer gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 5. Sep­tember 1931 i. S. Kanalisation in Ober-Widdersheim: hier: Einwendungen gegen die Voranschläge 1929, 1930 und 1931 (8.45 Uhr): 3. Berufung der Bürger­meisterei Hungen gegen das Urteil des Kreisaus- schufses des Kreises Gießen vom 19. Mai 1932 i. S. Einspruch des Gemeinderechners W e ck in Hungen gegen den Voranschlag der Gemeinde Hungen für 1931 Rj. (9.15 Uhr).

** Freie Lehrer st elle. Nach einer Bekannt­machung des hessischen Ministeriums für Kultus und Bildungswesen ist die Stelle eines Reallehrers bei dem Landeszuchihaus Marienschloß (Butzbach) zum 1. Februar 1933 frei geworden. Eine Dienstwohnung ist vorhanden.

** Mitwirkung der Sparkassen bei der Hindenburg-Spende. Nach einer Mit­teilung des Deutschen Sparkassen- und Girooerban­des nehmen nunmehr auch sämtliche deutschen Spar­kassen Beiträge zur Hindenburg-Spende an.

* Sonntagsrückfahrkarten zum Hes­sischen Grenadier-Tag. Vom 30. September bis 2. Oktober findet in Gi e ß e n der 1. H e s s i s ch e Grenadier-Tag statt. Zu der Veranstaltung werden von allen Orten im Umkreis von 150 km um Gießen Sonntagsrückfahrkarten nach Gießen mit folgender Geltungsdauer ausgegeben: zur Hinfahrt vom 30. September 0 Uhr bis 2. Oktober 24 Uhr, und zur Rückfahrt bis 3. Oktober, 12 Uhr, zu welchem Zeitpunkt die Rückfahrt angetreten sein muß.

* Sonntagsrückfahrkarten zurTa- gung des Bundes Königin Luise. Vom 24. bis 25. September d. 3. findet in Köln die Tagung des Landesverbandes Rheinland des Bundes Königin Luise statt. Zu der Veranstal­tung werden von allen Bahnhöfen im LlmkreiS von 250 Kilometer um Köln also auch von Gießen und umliegenden Bahnhöfen Sonn­tagsrückfahrkarten nach Köln gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte ausgegeben. Die Mitglieds­karte ist mit dem Dienststempel der die Sonntags­rückfahrkarten ausgebenden Dienststelle zu ver­sehen. Die Sonntagsrückfahrkarten gelten zur Hin­fahrt am 24. September von 0 Uhr ab und am 25. September, und zur Rückfahrt bis 26. Sep­tember 12 Uhr, zu welchem Zeitpunkt die Rück­fahrt angetreten sein muß.

" Reiseverkehr in die Schweiz. Das zwischen Deutschland und der Schweiz am l.Iuli 1932 in Kraft getretene Abkommen, wonach die deut­schen Reisenden auf Antrag durch die zuständige De- oisenbewirtschaftungsstelle die Genehmigung zur Uebebringung von Zahlungsmitteln nach der Schweiz neben der Freigrenze von 200 RM. bis 500 RM. erteilt wird, ist bis zum 31. Dezember 1932 ver­längert worden.

" Derbandsschießen der Ehemali­gen 8. 3 ä g e r. Das Derbandsschießen deS Verbandes ehem. 8. (Rhein.) 3äger brachte einem Gießener Schützen einen großen Erfolg. Das Mitglied der Ortsgruppe Wetzlar, Karl P e p p l e r, wohnhaft in Gießen, errang den 1. Wanderpreis mit 59 Ringen (3 Schuß auf 20er Ringscheibe) und damit den Titel .DerbandS- meisterschütze 1932. 3m Gruppenschießen stellte Hamburg die beste Mannschaft, gefolgt von Wetz­lar und Saarbrücken mit gleicher Ringzahl. 3m Rheinpokalschiehen rangiert Wetzlar mit seiner Fünfer-Mannschaft an 5. SteUe. Die beste Mann­schaft im Pokalschiehen stellte Berlin. An den Wettkämpfen beteiligten sich insgesamt 28 Grup­pen des Verbandes.

Schulfrei an Hindenburgs Geburtstag.

Wiesbaden, 20. Sept. Der mit der Wahr­nehmung der Geschäfte des preußischen Kultusmini­sters beauftrage Staatssekretär Dr. Lammers hat an die Prooinzialschulkollegien und Regierungen fol­genden Erlaß herausgegeben: Zur Feier des 85. Ge­burtstages des Herrn Reichspräsidenten von Hinden­burg bestimme ich, daß am 1. Oktober oder, so­weit dieser Tag in die Ferien fällt, am letzten Schultag der Unterricht ausfällt.

Aushebung von Behörden in Wehlar.

Wetzlar, 20. Sept. (WSN.) Im Zuge der preußischen Verwaltungsreform, die den Kreis Wetz­lar am 1. Oktober zu Hessen-Nassau schlägt, kommen in Wetzlar selbst einige Behörden in Wegfall. So wird das Preußische Hochbauamt in Wetz­lar zum 1. Oktober a u f g e l ö ft. Der seitherige Lei­ter, Regierungsbaurat Schrader, in in gleicher Eigenschaft nach Koblenz versetzt. Auch das Ge­werbeaufsichtsamt Wetzlar, dem wie dem Hochbauamt auch die Kreise Altenkirchen und Neu­wied zugeteilt waren, dürfte der Auflösung verfallen. Italienischer Besuch an den Wetzlarer

Goethe-Stätten.

WSR. Wetzlar, 20. Sept. Unter Führung von Professor Farinelli von der Llniversität Turin, dem bekannten italienischen Germanisten und Herausgeber der in Briefform verfaßten ita­lienischen Tagebuch-Aufzeichnungen von dem Va­ter Goethes, weilte am Montag eine Reisegesell­schaft italienischer Gelehrter in Wetzlar, um die Goethe^tättcn zu besichtigen. Sie besuchten das Lottehaus und das Museum, das ehemalige Reichskammergericht und das Wohnzimmer Goe­thes. 3n Professor Dr. Gloel (Wetzlar), dem bekannten Goetheforscher und Schriftsteller, sowie in Fabrikant Coers, der als Dolmetsch fun­gierte, hatten die Gäste interessante Führung. Sie schieden dankbar am nächsten Morgen, um nach Weimar zu reisen.

3 000 Mark Belohnung für Aufklärung von Brandstiftungen.

)s Biedenkopf, 19. Sept. Bekanntlich wurde am 12. September die Scheune des Landwirts P. W a g n e r in Herzhausen bei Gladenbach durch einen Brand in Asche gelegt, nachdem in fast gleichen Abständen von je 14 Tagen vorher auf die Anwesen von dessen zwei Geschwistern der rote Hahn gesetzt wurde. 3n allen drei Fällen wird, den merkwürdigen Begleitumständen nach zu urteilen, Brandstiftung vermutet. Wegen Brandstiftungsverdachts wurde nunmehr der Landwirt Wagner verhaftet. Man hat eine Prämie von je 1000 Mark zur Ermittlung des Täters bei jedem Brand, also insgesamt 3000 Mark ausgesetzt.

Schenkungen für den Sranffurfer Zoo.

WSR. Frankfurt a. M., 19. Sept. Der Frankfurter Zoologische Garten hat durch die großzügige Schenkung eines Deutschen, des In- genieurs Werner, der soeben aus Sumatra zu­rückgekehrt ist, in seinem Bestand an Menschen­affen eine Erweiterung erfahren, durch die er zur größten Menschenaffenschau der Welt geworden ist. Gestern abend trafen in Begleitung des Stif­ters und des Direktors des Zoologischen Gar­tens Dr. Priemet von Rotterdam kommend vier Orang-Utangs, zwei Männchen und zwei Weibchen, hier ein, so daß der Zoo nun ingsge- samt sechs Orangs. drei Schimpan­sen, einen Gorilla und einen Gibbon be­sitzt eine Zahl, die kein anderer Zoologischer Gar­ten 'aufweisen kann. Die Liere im 2llter von sechs bis 11 Jahren haben die vierwöchige Seereise gut überstanden, so daß zu hoffen ist, daß sie trotz des Klimawechsels dem Garten lange erhal­ten bleiben. Augenblicklich ist das neue, Men- schenaffenhous im Bau, in dem spater sämtliche Anthropoiden vereinigt werden sollen. Gleichzei­tig ist in einer Kiste eine 8\ ; Meter lange Riesen­schlange eingetroffen, die ebenfalls von dem 3n- genieur Werner dem Garten geschenkt wurde.

Oo X kommt nicht nach Frankfurt.

WSR. Frankfurt a. M., 20. Sept. In den letzten Tagen werden von den verschiedensten Stellen Meldungen über einen bevorstehenden Besuch des Riesenflugschiffes vo X" in Frank­furt verbunden mit einer Wasserung auf dem Main in Umlauf gesetzt. Rach zuverlässigen In­formationen ist festzustellen daß m dem Reise- Programm des Zlugschiffes bis zeht em An- fliegen der Stadt Frankfurt nicht vorgesehen ist.

10 000 Besucher des Bergsträßer Winzerfestes.

WSN. Bensheim, 20. Sept. Nach Schätzung der Bahnhofsoerwaltung Bensheim wurden am Sonntag 810 000 Menschen mit der Bahn zum Bergsträßer Winterfest befördert. Es mußten vier Sonoerzüge gefahren werden. Alle fahrplanmäßigen Züge waren voll besetzt, ja zum großen Teil über­füllt.

SMcher Sraugerflentag in Groß-Gerau.

WSR. Groß-Gerau, 19. Sept. Die Hes­sische Landesgerstenstelle bei der Land­wirtschaftskammer für Hessen veranstaltet am Dienstag, 27. September, eine Braugersten­schau. verbunden mit einem öffentlichen Bräu­ge r st e n t a g, bei dem Dr. Finger von der Landwirtschaftskammer Darmstadt und 06er- landwirtschastsrat Dr. Lung, Groß-Gerau Vor­träge halten werden.

Aus aller Welt.

Gedenkfeier am Lchwedenslein auf dem Lützener Schlachtfeld.

Am Schwedenstein bei Lützen hielt der G ufta d Adolf-Berein heute eine Gedenkfeier ab. Vor Beginn der Feier wurde am Schützenhause von Lützen eine Gedenktafel für Christian Groß­mann, den Gründer des Gustav-Adolf-Vereins, enthüllt. Am Schwedenstein begrüßte zunächst Pro­fessor Dr. Heinzelmann (Halle) die tausend­köpfige Versammlung. Dann trat Oberkirchenrat D. Rüdel (Ansbach) an den Gustao-Adolf-Stein und gab den geschichtlichen Erinnerungen, die diese Stätte umweben, beredten Ausdruck. Der finnische Bischof Gummerus (Tammerfors) feierte dann Gustav Adolf als den gemeinsamen Helden für Schweden, Deutschland und Finnland. Im Namen des Zentralvorstandes legte hierauf der Präsident des Gustav-Adolf-Verein, Geheimer Kirchenrat Professor D. Dr. Rendtorff, einen Kranz, ge­schmückt mit den schwedischen Farben, am Gedenk­stein nieder.

Gandhi im Hungerstreik.

Am Dienstag mittag punkt 12 Uhr begann Gandhi, einer Meldung aus Bombay zufolge, im Gefängnis zu Peavda seinen angekündigten Hungerstreik. Er will ihn bis zum Tode durchführen, falls die Absicht, den unterdrückten Klassen ein getrenntes Wahlrecht zu geben, nicht zurückgezogen wird. Gandhi lehnte seine von der englischen Regierung vorgeschlagene Entlassung aus dem Gefängnis glatt ab, da er mit den vor­gesehenen Freiheitsbeschränkungen nicht einverstan­den war. Er wird daher seinen Hungerstreik im Gefängnis durchführen, da die Behörden ihn kaum mit Gewalt entfernen werden. Er hat jedoch volle Freiheit in seinen Bewegungen und darf ungehin­dert aus dem Gefängnis ein. und ausgehen und Besuche empfangen, wie er will. Bevor er seinen

Hungerstreik begann, nahm er ein letztes reich­liches Mahl ein, bestehend aus Brot, in Wasser aujgeweichten Datteln, Tomaten, Orangen und gc ronnener Milch. Als er mit dem Essen fertig war, reichte ihm jein Sekretär Desai mit zitternden Händen seinen gewohnten Zitronensaft mit Sv du wasser. Dann verkündete Gandhi:Meine Fastenzeit hat begonnen", worauf er, sein Sekretär und der anwesende Hinduführer Patel ein langes Gebet sprachen. Drei Stunden nach Beginn seines Hungerstreikes verkündete der Arzt Gandhis, daß dieser vorerst keine Besuche mehr empfangen könne. In Ahmedabad fani es am D enstafl zu schweren Unruhen, als dort versucht wurde, die heiligen Hindutempel für die Parias zu öffnen. Orthodoxe Hindus veranstalteten eine große Kund­gebung "vor den Tempeleingängen und rissen die Plakate herunter, auf denen die Zulassung der Parias angekündigt wurde.

Gandhi wurde nach Beginn seines Fastens m feiner Zelle von Pressevertretern besucht, denen er unter anderem sagte:Gleich dem Propheten des Islam und gleich Jesus, wenn auch auf niedrigerer Stufe, l>abc ich den Kampf für die Geruch, tjgkeit begonnen. Mit dem Fortdauern meines Fastens wird der Schrei meiner Stimme gen Him­mel steigen zu Gott dem Allmächtigen." Der Ma­hatma erklärte, er wolle kein Mitgefühl erregen: Tränen werden in einigen Tagen sinnlos sein. Das Verlangen nach Nahrung wird mir vergehen, und ich werde mich in Gedanken verwünschen. Alles Interesse für die Außenwelt wird schwinden. Ich werd« eins werden mit der Sache, um die es geht. Dennoch werde ich unmenschliche Anstrengungen unternehmen, um am Leben zu bleiben, denn ich bin ebenso begierig weiterzuleben, wie irgendein anderer Mensch. Es gibt kein besseres Lebenselixier als Wasser, und ich merbe es ge­nießen, um meine Hoffnung zu stärken, bk- das Gewissen der britischen Regierung und der Hindus erwacht."

Mißglückter Sprengslosfanschlag auf den Schnellzug BerlinMoskau.

2lm Montagabend wurde, wie erst jetzt bekannt wird, auf den Schnellzug Moskau Ber­lin auf estländischem Gebiet in der Röhe von Dünaburg ein Sprengstoffanschlag ver­übt. An den Schienen war mit Draht eine scharfe, noch aus der Kriegszeit stammende deutsche Feldgeschühgranate befestigt. Die Zunder waren so angebracht, daß bei einer Berührung mit den Rädern die Explosion erfolgen mußte. Glücklicherweise schoben die Räder des Schnell­zuges die Granate beiseite, wodurch eine Explo­sion vermieden wurde. Die sofort eingeleiteten polizeilichen Rachforschungen sind bisher ergeb­nislos verlaufen.

Choleraepidemie in China. 2500 Tote.

Rach Meldungen aus Peking ist in der chine­sischen Provinz Schcmsi eine schwereChole- raepidemie ausgebrochen. Tie Seuche hat bisher 160 Ortschaften heimgesucht und bereits 2500 Todesopfer gefordert.

Bald hebt sich auch das Herbsten an..."

Dom Wein und

Don Peter

Bald hebt sich auch das Herbsten an, Die Kelter harrt des Weines;

Der Winzer Schutzherr Kilian Beschert uns etwas Feines. Scheffel. Aus der Kelter in Franken heißt sie Kalter rinnt der süße Saft der Trauben, der Most: 06 sich der Most noch so absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch 'nen Wein." Er sieht trübe und nichtssagend aus, wenn er aus der Presse rinnt, aber in den Fässern beginnt er sich bald zu regen, er gluckst und poltert an ihre hölzernen Wände und rauscht in den Gläsern; in den Fässern, in den unterirdischen Kellern beginnt der Gärungsprozeß, der den Most zum Wein wandelt.

Daher sind Keller und Fässer immer sehr wesentliche und pfleglich behandelte Requisiten des Weinbaus gewesen. Die alten Stifte und Klöster, die Landadelsherrschaften und die Bür­ger und Dauern in den deutschen Weingebieten haben seit je darauf gesehen, daß unter ihren Häusern dem Wein eine würdige und gedeihliche Wohnung geschaffen werde. Ein sauberer, guter Keller, in dem die Temperaturschwankungen der Jahreszeiten nur gering sind, ein tüchtiger Keller mit dicken Mauern, die gegen Witterung be­währt sind, ein Keller mit trockenen Decken und Mauern: das ist der Stolz jener Leute, denen die Wartung des Weins anvertraut ist, der Büttner. 3m Keller muß Ordnung und Sauber­keit herrschen, in jeder Hinsicht: auch die Be­sucher und Arbeiter haben sich anständigen 'Be­nehmens und ehrfürchtigen Schweigens an der Stätte zu befleißigen, an der die Ratur ihre geheimnisvollen Kräfte entfesselt. Daher hat sich ein förmliche«Kellerrecht" ausgebildet, eine Art Gesetzbuch, das ehemals strenge und ohne Unterschied der Person und des Standes ge­handhabt wurde. DasHerrschaftliche Kellerrecht" in Wertheim gibt diese Strafbestimmungen in folgenden Versen wieder:

Tas Zanken, Fluchen, Zotenreiben, Mit groben Worten um sich schmcnhen, Tas Kratzen, Schreiben an den Wänden, Tas Klopfen an die Faß mit Händen, Fürwih und ander Hnbegier Geziemt sich durchaus nicht hier.

Von den Fässern ist dasweingrüne Faß" besonders geschätzt, weil man weiß, wie wichttg die Lagerung des Weins in einem Fasse ist, in dem sich schon gute 3ahrgänge befunden haben. Man liebt also die alten Fässer, unter diesen wieder besonders die ovalen, weil es ein alter Büttnerglaube ist, daß sich in diesen der Wein besonders gut entwickele und kläre. Es gibt die kleinen und kleinsten Wässer zum Ausbrni be­sonderer Spezialitäten und daneben die Gigan­ten, die besonders zur Erreichung einer glelch- mähigen Qualität hergestellt wurden. So ließ der Würzburger Fürstbischof Franz Ludwig von Er t Hal 1784 die noch heute vorhandenen Riesenfässer erbauen, um darin denBeamten­wein" zu lagern, der damals einen Teil der Gehälter ausmachte, um so allen Klagen über ungleiche Güte des Wein» zu begegnen.

Aus dem Faß in die Flasche. Eine Radierung Goethes aus dem 3ahre 1768 für den Leip­ziger Gastwirt Christian Gottlieb E ch ö n k o p f zeigt auf einem Postament drei verschiedene Flaschen: rechts die frm^ösische Rotweinbouteille, links eine Äkörkarasfe der Zeit, in der Mitte

feinen Geräten.

Warmund.

aber einen Bocksbeutel, das bekannte Behältnis der Frankenweine, die gedrungene, feste, ver­trauenerweckende Flasche, die inmitten anderer immer so hübsch drollig wirkt. Woher er stammt? Vielleicht ist er einer der ersten Versuche, die Flaschen, die ursprünglich rund geblasen wurden, durch Abplatten der Seiten und Eindrücken des Bodens zum Versand und Aufstellen geeigneter zu machen. Die bocksbeutelähnlichen flaschen ziehen sich durch die gesamte bildende Kunst, man begegnet ihnen bei Watte au, auf den (Sitten» schilderungen Hogarths, auf den Meißener Porzellanen. Allnrählich wuchs sich der Bocks­beutel zur fränkischen Besonderheit aus, übrigens schon recht früh, denn .wir hören, wie E. T. A. Hoffmann der Kapellmeister in Bamberg war und die Vorzüge der Frankenweine aus­giebig gekostet haben dürfte seinen Pater Hilarius imKater Murr" sagen läßt:Echter Dolksbeutel, carissirne 3ohannes, echter Bocks­beutel aus dem St. Johannis-Hospital zu Würz­burg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in bester Qualität ergo bibamus! Das ist ungefähr um 1820 geschrieben worden. Und woher der komische Rame? Vielleicht vom niederLndischen bookesbeutel, von dem Teufel also, in dem Bücher getragen wurden und der mit dem 'Bocksbeutel eine gewisse Aehn- lichkeit hat.

Und von der Flasche ins Glas! Seltsam genug, daß das Glas für jeden deutschen WeinRö­mer" heißt! Aber wir wissen auch, daß diese- Glas wer kennte es nicht! mit Rom und den Römern nichts zu tun hat und ein ganz deutsches Erzeugnis oarstellt. Das dürfte feine Geschichte wohl beweisen können. Schon das alte deutsche Trinkglas, das Ruppen- oder Warzen- glas zeigt die wesentlichen Teile des Römers in ihren ersten Formen: der zunächst eingetniffene Lippenrand erweitert sich zur Kuppe des Römers, indem er sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr wölbt; der frühere warzenbedeckte Körper des Glases reckt und streckt sich, bis er im 18. 3ahrhundert ein reiner Zierknauf geworden ist. Der Dodenrand endlich vergrößert sich dadurch, daß eine Spirale an den Fuß angesponnen wird. Und woher der Rarne? Er ergibt sich vielleicht, wenn man sich der großen Verkaufsplätze für die alte Glasindustrie erinnert, die ihren Haupt- sih im Spessart hatte: in Frankfurt am Main wurden am Rathaus, amRömer", die Glas­messen abgehalten. Roch heute gibt es dort das Haus zu denDrei Römern" und das andere, dasZum kleinen Römer'' heißt. Hier mögen die Kaufleute den Spessartern ihre Gläser abgekauft haben, die dann nach dem Ort, an dem das ge­schah, genannt wurden. Der Römer war ehe­malswaldgrün", was weniger mit den Wäldern des Spessart als mit den technischen Llnzuläng- lichkeiten der alten Glasbläserei zusammenhing. Heute, ist er klarer oder ganz kristallklar ge­worden. und nur sein Fuß trägt noch bisweilen den grünlichen Ton, der an seine jahrhunderte­lange Geschichte erinnert.

Sein eigentlicher Kelch ist so durchsichtig, damit man sich der Farbe des Weins erfreue, und er ist so apfelartig ausgebaut worden, damit man den Duft genieße:

Es glänzen die Wolken, es teilt sich -er Flor, Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vvr, Wir klingen und fingen: bibamus!