Ausgabe 
21.9.1932 Frühausgabe
 
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man sich deshalb darüber klar geworden, baß nicht immer nur dieselben Vertreter an den Be­ratungen teilnehmen sollen. Man beabsichtigt vielmehr wechselnd Fachbearbeiter aus den in Frage kommenden Ressorts heranzuziehen. 3n zwei bis drei Wochen soll der Ausschuß einer neuen Konferenz der Finanzminister seine Vorschläge unterbreiten. Natürlich wird auch das Reich sich sehr stark an der Tätigkeit des Aus­schusses beteiligen. Das kommt schon darin zum Ausdruck, daß die Verhandlungen unter dem Vorsitz des Leiters der Etatabteilung des Reichs­finanzministeriums. Ministerialdirektors Dr. O l - scher, stehen. Anderseits ist bemerkenswert, daß die Länder, während sie früher vom Reich doch mehr nur gutachtlich herangezogen wurden, in diesem Gremium zum ersten Male praktisch an der Ausarbeitung von Maßnahmen für die verschiedenen Verwaltungsgebiete beteiligt werden. Das ist ein Fortschritt, der nach Auffassung politischer Kreise gerade vom Stand­punkt der Länder aus lebhaft zu b e g r ü ß e n ist.

Die Zinssenkung.

Am Sonntag voraussichtlich Kabinettsbeichlutz.

Berlin, 20. Sept. (ERB.) Wie wir erfah­ren, hat heute eine Besprechung der beteiligten Ressorts mit Wirtschaftsvertretern stattgefun­den, in der die Frage der Zinssenkung behan­delt wurde. Don der Reichsregierung waren dar­an beteiligt das Reichsernährungs-, das Reichs- Wirtschafts-, das Reichsfinanz- und das Reichs­außenministerium. Don unterrichteter Seite wird betont, daß die Aussprache informatori­schen Charakter hatte mit dem Zweck, auch die Ansichten der Wirtschaftskreise kennen zu ler­nen. Beschlüsse werden natürlich erst in der Ka­binettssitzung, die für Freitag in Aussicht ge­nommen ist. und vielleicht am Samstag noch fortgeführt wird, gefaßt werden, damit dann eine endgültige Regelung des Problems vorliegt, wenn der Reichsernährungsminister nach München fährt, um dort am Sonntag über die beiden Maßnahmen zu sprechen, mit denen die Lage der Landwirtschaft erleichtert werden soll, nämlich außer der Zinssenkung auch über das Kontingentierungsproblem. Selbstver­ständlich ist an den heutigen Beratungen auch die Reichsbank beteiligt gewesen.

Der Bayern-Besuch in Berlin

Gngere Zusammenarbeit

zwischen Reichskabinett und Ländern.

München, 20. Sept. (TU.) Zu dem Besuch des Ministerpräsidenten Dr. Held und des Staatsrats Schäffer beim Reichskanzler tei­len die Münchener Morgenblätter weitere Ein­zelheiten mit. DieMünchener Reuesten Nach­richten" stellen fest, bei Erörterung der Wahlen sei baherischerseits die Erwartung aus­gesprochen worden, daß die Reichsregierung nicht nur Wahlen anberaume, sondern auch mit allen Mitteln sich bemühe, sie unter allen Umständen st a t t f i n d e n zu lassen. Ueber die Unmöglich­keit des Gedankens einerPräsidialpar- t e i habe offenbar EinmütiAeit bestanden, we­niger dagegen über einen Hindenburg- Block. Bei der Reichsreform hätten sich keine Dinge ergeben, die über die bayerische Denk­schrift hinausgingen. DerBayerische Kurier" be- merktz im ganzen habe man den Eindruck, daß die Darstellungen, als ob in der Frage der Reichs­reform zwischen dem Reich und Bayern oder an­deren Staaten keine oder keine sehr großen Schwie­rigkeiten mehr bestünden, völlig falsch seien. Die Reichsregierung habe ganz bestimmte Pläne, bei denen man da upd dort warnend die Stimme erheben müsse. Das sei die Aufgabe der allernächsten Zeit. Zu der Konferenz der Länderfinanzminister schreibt dieBayerische Staatsztg." u. a., das Reichskabinett habe deutlich erkennbar die Absicht, die Länderregie­rungen st ä r k e r als in den ersten Monaten zur Unter st ützung ihrer Politik her­anzuziehen und eine enge Zusammen­arbeit mit dem Reichsrat zu pflegen. Dabei begegneten sich die Absichten der Reichs-

regierung mit den Plänen, die tn einzelnen Län­dern beständen. Wie weit sich diese politischen Abschten verwirklichen ließen, lasse sich nicht Vor­aussagen.

Kommt es zur Landtags­auflösung in Hessen?

Darmstadt, 20.Sept. (WHP.) Wie gemeldet, haben die S o z l a l d e m o k r a t e n Auflösung des Landtags und Neuwahl zusammen mit den Reichstagswahlen gefordert. Zur Wahrung der Wahlfristen sind in Hessen mindestens drei Wochen erforderlich. Die Entscheidung über Auf­lösung oder Fortbestand des Parlaments müßte daher s e h r b a l d fallen. Der Landtagspräsident hat daher den sozialdemokratischen Antrag bereits a u f di e Tagesordnung der Plenarsitzung am 4. Oktober gesetzt. Zur Annahme des An­trags ist eine Zweidrittelmehrheit not­wendig. Bisher hoben sich für den Antrag lediglich Sozialdemokraten und Kommuni st en ausgesprochen. Eine parteiamtliche Erklärung der Nationalsozialisten ohne deren Zustim­mung die Auflösung nicht möglich ist liegt bisher nicht vor, wenn auch in einem Teil der Presse bereits mitgeteilt wird, daß eine Führer- be s p r e ch u n g der Nationalsozialisten in Gießen einti zu stimmenden Beschluß gefaßt habe. Wie verlautet, wird das Zentrum den Antrag auf Auflösung des Landtags a b l e h n e n.

Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

Darmstadt, 20.Sept. (WHP.) Der Finanz- ausschuß des Hessischen Landtags stimmte einem Zentrumsantrog zu, der Vorstellungen bei der Reichsregierung wünscht, um eine Aenderung des Art. 32 Abs. 2 des Reichsbewertungsgesetzes zu er­langen. Dieser Artikel dient in Hessen als B e - steuerungsgrundlage für die staat­liche und kommunale Grundsteuer und hat in der Praxis zu Härten und Ungerechtigkeiten geführt, die jetzt beseitigt werden sollen.

Einstimmige Annahme fanden weiter Anträge des Zentrums, wonach das Deckgeld für die Stu­ten den gesunkenen Ertragspreisen angepaßt wer­den soll. Weiter soll die Landesregierung bei der Reichsregierung die Streichung der Winzer­kredite verlangen. Finanzminister Kirnberger teilte mit, daß von der Reichsregierung eine Ent­scheidung noch nicht vorliege.

Einmütig gebilligt wurde das sozialdemokratische Verlangen, durch die Landwirtschaftsämter und die Schulen Aufklärungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers durchzuführen.

Don der Regierung wurde erklärt, daß zwischen ihr und der Reichsregierung und den Vermögens­verwaltungen der ehemaligen Fürsten Verhandlun­gen schweben, um eine Aenderung der Ab­findungsverträge zwecks Anpassung an die veränderten finanziellen Verhältnisse herbeizuführen. Der Antrag der Kommunisten, der entschädigungs­lose Enteignung des ehemaligen Großherzogs for­dert, und der sozialdemokratische Antrag, der eine Neuregelung der Fürstenabfindung wünscht, wurden darauf für erledigt erklärt.

Saalschlacht um Grzesinski in Kopenhagen.

Kopenhagen, 20. Sept. (TU.) Der frühere Berliner Polizeipräsident Grzesinski sprach am Montagabend im Kopenhagener Gewerk- s ch a f t s h a u s. Als Grzesinski im Saal erschien, wurde er von den in ziemlicher Stärke erschienenen Kommunisten mit Rufen wie:Bluthund!" be­grüßt. Die Sozialdemokraten antworteten mitFrei- Heit!"-Rufen. Ein wahrer Orkan gegen Grzesinski brach los, als er mit seinem Vortrag beginnen wollte. Gleichzeitig sauste ein Tomatenregen durch den Saal. Grzesinski selber wurde von eini­gen Tomaten getroffen und mußte sich hinter das Rednerpult zurückziehen. Im selben Augenblick kam es im Saal zu einer Schlacht zwischen Jungsozialisten und Kommuni st en, die

mit Stühlen und Fäusten aufeinander losgingen. Der ganze Saal war ein wüstes Durcheinander. Erst nach 20 Minuten waren die Kommunisten aus dem Saal entfernt und Grzesinski konnte mit sei­nem Vortrag beginnen. Er erklärte, die Kommu­nisten hätten Schuld daran, daß die Arbeiter nicht die Mehrheit in allen Parlamenten hätten. 34 Jahre stehe er in der gewerkschaftlichen und politischen Arbeit, aber so etwas wie in Kopenhagen habe er noch niemals erlebt. Ein solcher Skandal wäre in Deutschland zwischen Arbeitern u n möglich. Auch vor dem Gewerkschaftshause kam es zu Ausschreitungen der Kommunisten, gegen die etwa 150 Polizisten mit dem Gummiknüppel vor­gingen. Sieben Kommunisten wurden festgenom­men. Mehrere Verletzte wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Grzesinski konnte nur unter dem Schutz der Polizei sein Hotel aufsuchen.

Auslanddeutschtum zusammenhängen. Dr. Schnee schloß feine Ausführungen mit dem Hin­weis darauf, daß wirkliche Gleichberechtigung erst vorhanden sein würde, wenn das Versailler Diktat in seiner Gesamtheit beseitigt fein würde.

Der Maler Max Glevogi f.

Landau (Pfalz), 20. Sept. (TU.) Auf feinem Gute in Neu°Kastel ist Prof. Max Slevogt an einem Herzleiden gestorben. Prof. Slevogt hat mit dem Riesen-Fresko in der Friedenskirche zu Ludwigshafen am Rhein, das er erst vor eini­gen Wochen fertiggestellt hat, das größte Kunst­werk geschaffen, das in der Pfalz zu finden ist. Nach Abschluß der Arbeit hatte sich Slevogt zur Erholung auf sein Landgut Neu-Kastel zurück-

Eröffnung des holländischen Parlaments.

Kommunisten stören die Verlesung der Thronrede.

Haag, 20. Sept. (WTD.) 3n der herkömm­lichen feierlichen Weise ist heute mittag die neue Sitzungsperiode des Parlaments von der Kö­nigin mit der Verlesung der Thron­rede eröffnet worden. Die Thronrede steht völlig unter dem Eindruck der Verschärfung der Wirtschaftsdepression und ist daher in sehr pessimistischem Tone gehalten. Cs wird in ihr betont, daß weitere Maßnahmen zur Be­kämpfung der Krisenfolgen, unter denen alle Wirtschaftszweige in Holland wie in seinen Ko­lonien zu leiden hätten, ergriffen werden müssen. Die Wiederherstellung des inter­nationalen Handelsverkehrs wolle die Regierung durch den Abschluß von Verträgen fordern, die von einem Geiste der Weitherzig­keit beseelt seien. Daneben müsse sie fortwährend ihre Aufmerksamkeit der Abwehr von Gefahren zuwenden, die sich aus Maßnahmen des Auslandes für den Absatz der hol­ländischen Produkte ergäben. Während der Verlesung der Thronrede durch die Königin ereignete sich ein Zwischenfall, wie er in dieser sensationellen Form in der parlamen­tarischen Geschichte der Niederlande bisher noch nicht zu verzeichnen war. Nachdem die Königin die Thronrede verlesen hatte, erhoben sich die beiden einzigen kommunistischen Mit­glieder des Parlaments, die Abgeord­neten David Wynkoop und Lou de Visser, und riefen mit lauter Stimme:Weg mit der Krone! Wegmitder Königin!" Sämt­liche übrigen Mitglieder des Parla­ments erhoben sich darauf wie ein Mann eben­falls von ihren Plätzen und stimmten, um die fortwährend wiederholten Rufe der Kommu­nisten zu übertönen, die holländische Na­tionalhymne an.

Herzlicher Empfang Dr. Schnees in Berlin.

3n Berlin traf Gouverneur Dr. Schnee, aus Ostasien kommend, auf dem Bahnhof Zoologi­scher Garten ein. Bekanntlich war er deutsches Mitglied der Völkerbundskommis- f io n für den chinesisch-japanischen Konflikt. Dr. Schnee hat auf dieser Reise insbesondere eng mit Lord Lytton zusammen­gearbeitet, dem Führer der Kommission und früheren Vizekönig von Indien. Neben Frau Ada Schnee hatten sich der japanische Bot­schafter und eine große Anzahl von Persönlich­keiten auf dem Bahnhof eingefunden. In einer für die Ufawochenschau aufgenommenen An­sprache brachte Dr. Schnee zum Ausdruck, daß er es als feine Pflicht erachte, seine Kräfte jetzt einzugliedem in den großen Kampf um Deutsch­lands Gleichberechtigung, d. h. um die Erringung der nationalen Sicherheit für Deutsch­land, die Beseitigung der Kriegsfchuld- l ü g e, die Wiedergewinnung deutscher Kolo­nien, die Lösung der Fragen, die mit dem

gezogen. Dieses letzte Monumentalwerk scheint je­doch die physischen Kräfte des Meisters über­mäßig angegriffen zu haben; wenigstens glau­ben intime Freunde Max Slevogts hierauf di« Verschlimmerung des alten Herzleidens in erster Linie zurückführen zu müssen, die jetzt dem Le­ben eines der größten deutschen Maler der Ge­genwart ein vorzeitiges Ziel setzte.

Max Slevogt würde 1868 in Landshut (Nieder­bayern) geboren. Er erhielt seine erste Aus­bildung auf der Münchener Akademie, als Schüler von Professor Diez unternahm er große Studienreisen nach Italien, nach Frankreich, nach Dänemark und siedelte dann auf Veranlassung Liebermanns nach Berlin über, wo er seitdem zu den Führern der Sezession und der nord­deutschen Impressionisten gehörte.

Das erste Bild, mit dem er auf der Münchener Sezession 1894 debütierte,Der Ringer" erregte sofort die Aufmerksamkeit der Kritik. Einen brei­teren Erfolg hatte er mit dem TriptychonDer verlorene Sohn", das schon die Vorzüge seiner späteren Bilder kraftvolles Kolorit, sicheres Erfassen des Stofflichen, breiten Vortrag be­saß; 1899 entstand fein BildDie Feierstunde"; 1902 vollendete er ein Bildnis des bekannten spa­nischen Sängers d'Andrade.

Einen breiten Raum im Schaffen des Künstlers nahmen seine graphischen Werke ein, zu deren Gunsten S. in jüngster Zeit auf größere Bildkom­positionen fast vollständig verzichtet hat. Nach dem Urteile Karl Schefflers hat Slevogt einen neuen deutschen Jllustrationsstil geschaffen,er ist reich an schlagenden Einfällen, stark im Erfassen spre­chender Situationen, hat die Phantasie des Psn- chologen, des farbliebenden und dramatischen Zeich­ners und eine Erzählerfreude, die Schwind und Ludwig Richter in den Schotten stellt nur ist er zugleich ein moderner Maler."

So entstanden seine Bilderfolgen fürAli Baba und die vierzig Räuber"Sindoad der Seefahrer", Benvenuto Cellini",Achill",Hektor", Mozarts Don Giovanni",Eine Passion" und die Illustra­tionen zu GoethesFaust II. Teil".

Oie Ziege ist arm.

Das ist eine sonderbare Geschichte; eine Kinder­geschichte und also, wie die meisten von ihnen, ohne eigentliche Pointe. Es handelt sich um jene märchenhafte Ziege, die imTischchen deck dich" der guten Brüder Grimm eine so verhängnisvolle Rolle spielt. In unfernKinder- und Haus­märchen" gibt es sogar Bilder dazu, wo man die Ziege kahlgeschoren, den Esel niesen und den Knüppel tanzen sieht. Lauter schone Dllder.

Damit haben wir angefangen: an Winter- abenben Bilder betrachten. Das Buch heißt übrigens in der abgekürzten, aber kennzeichnen­den Sprache unserer TochterBös Hex". Hol mal die bos Hex! Hexen gibt es hier mehrere; gemeint ist das alte Scheusal ausHänsel und Gretel": es ist, stets aufs neue, die schauder­erregende, dennoch prickelnde Sensation des Bu­ches ... neben vielen freundlichen, immer wieder belachten Gestalten, als da sind: vor allem Herr und Frau Igel, schon Hühnchen, schon Hähnchen und du, schone bunte Kuh (Duks, sagten die Tiere") und das Lumpengesindel.

Die kleine Tochter kam in die Jahre, er­schreckend schnell für ihre Eltern, nächste Ostern soll sie schon in die Schule. Bilder allein tun's nicht mehr. Sie interessiert sich, ganz ohne un­sere Anregung, für den bunten Globus und sucht Gießen in Europa, das doch insgesamt noch nicht so groß ist wie eine Kinderhand. Schwierige Sache. Sie Krät, angesichts einer Hausnummer oder eines Driefstempels, in einen Zahlenrausch. Sie malt ein Auto, ein Ähiff, sich selber und was sie sonst so in ihrem kleinen Herzen und hinter dem runden Stirnchen bewegt.

Um auf die Ziege zurückzukommen: viele schöne Geschichten gibt es zu erzählen oder vorzu­lesen. Da ist auch dasTischchen deck dich" dabei. Weil das aber so lang ist und die Kernstellen unzählige Male wiederholt werden müssen (nochemal!") sind wir über die Einleitung, eben jenes Vorspiel mit der Ziege, nie hinauS- gediehen.

Der Witz dabei sind diese ungemein eindring­lichen, gereimten Wechselreden: Ziege, bist du satt? Ich bin so satt, ich mag kein Blatt! Meh, meh. (In der Tierstimmenimitation bringt man es nach und nach zu erstaunlichen Fertig­

keiten; die schwierigeren Spezialitäten sind, der verschiedenartigen Begabung beider Eltern ent­sprechend, ziemlich gerecht verteilt.) Aber wie sagt das hinterhältige und verlogene Geschöpf nachher, als es heimkommt? Wovon sollt ich satt fein? Ich sprang nur über Gräbelein und fraß kein einzig Blättelein. Weh, meh.

Eines Tages treibt mich der Dämon, zu fragen: wie gefällt dir das? Verkündet die kleine Tochter ohne sich zu besinnen und im wehleidigen Tone tiefsten Mitgefühls: Arme Ziege!

Das ist stark. Haben wir uns verhört? Die Ziege, ein gemeines, scheinheiliges und bös­artiges Geschöpf mit gelben Augen lügt, dick voll­gefressen, den biederen Schneider an, sie habe nichts gekriegt, und dieser kurzsichtige und jäh­zornige Mann prügelt um ihretwillen nachein­ander seine drei hoffnungsvollen Söhne zum Hause hinaus, die doch ihr Bestes getan haben und ganz unschuldig leiden müssen.

Wir versuchen mit Nachdruck den Tatbestand zu beleuchten und dem Mitleid unserer Tochter ein würdigeres Objekt zuzuführen. Ohne Erfolg. Sie bleibt dabei, unerschütterlich, jenseits von Gut und Döse die Ziege ist arm!Arm" hechtbedauernswert"; wer einem leid tut, ist arm. Die soziale Bedeutung des Wortes ist ihr noch ziemlich dunkel. Mir ist dunkel, warum die Ziege arm sein soll, wo sie doch dreimal hintereinander furchtbar gelooogen hat. Aber die lügnerische Rede des verstockten Tieres hat unserer Tochter einen unauslöschlichen Eindruck gemacht.

Ich habe gleich gesagt: dies ist eine Kinder- geschichte ohne Pointe. Eine Geschichte bloß so.

-y-

Merkwürdiger Indianer-Sport.

Einzelne Sportarten, die heute allgemein beliebt sind, wie z. B. Ballspiele mit dem Rakett, das Hockey, Laufen auf Schneeschuhen usw., sind bereits in uralten Zeiten von den Indianern ausgeübt wor­den. Der Sport war überhaupt bei diesen Urein­wohnern Amerikas außerordenllich reich entwickett, wie Prof Richard N. Wegner in einem Aufsatz der Frankfurter Wochenschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und TechnikDie Umschau" ausführt. Wie überall tn den Anfängen der Kultur, so wurde auch von ihnen der Svort auf religiöser Grundlage entwickelt. Bei ihnen herrschte der Glaube, daß der

Sieg eines Stammes der Gesamtheit reichen Segen brächte und böse Geister machtlos machte. Der Sie­ger genoß daher, ähnlich wie bei den alten Griechen, die höchste Auszeichnung, und er konnte sich sogar durch eine solche Leistung von der Todesstrafe ret­ten, vorausgesetzt, daß von dem Rat der Aeltesten edlere Motive für seine Tat angenommen wurden. Feierliche Zeremonien ut0 umständliche Vorberei­tungen für die großen Sportfeste unterstrichen ihren heiligen Charakter. Rakell-Spiele wurden auch auf dem Eise veranstaltet. Das Rackett besaß im Ver- ?leich mit den bei uns üblichen Tennisschlägern eine leine Schlagfläche, aber einen langen Stiel, so daß es einem Krummftab glich, in dessen Krüm­mung ein Netz gespannt ist. Wie uralt dieser Sport in der Neuen Wett ist, geht aus einem Grabfund in Peru aus vorcolumbischer Zeit hervor, der in einem kleinen Rackett besteht, das vielleicht als Kinderspielzeug mit ins Grab gegeben war. Die Achtung vor hervorragenden Sportleistungen ist in den Jnoianern immer wach geblieben. So wird von dem berühmten Häuptling Tekumseh berichtet, daß er einmal einen Weißen namens Wagner verfolgte und ihn schon beinahe erreicht hatte, als dieser einen riesenhaften Sprung schräg über eine Schlucht voll­brachte. Diese außerordentliche Leistung imponierte dem Indianer so, daß er die bereits erhobene tod­bringende Waffe wieder finken ließ. Unter den süd- amerikanischen Indianern ist besonders Freude am Ruder- und Segelsport verbreitet. Im Wettlauf haben diese Eingeborenen Erstaunliches vollbracht. So wird von den Taharumaras in Nordwest-Mexiko berichtet, daß bei ihnen ganze Ortschaften sich zur Austragung von Wettläufen gegenübertreten, und es kommt dabei zu Dauerlauf-Leistungen bis zu 273 Kilometern. Die alten Spanier bewunderten bei der Eroberung von Peru die Stafettenläufe, durch die die Eingeborenen wichtige Nachrichten oder frische Seefische nach der fernen Hauptstadt der Inka im Hochlande in mengen Tagen brachten. Eine be- sondere Form des indianischen Zweikampfes ist der Schiebekampf, bei dem jeder Streiter einen großen bunt bemalten Schild trägt; mit diesem versucht man, den Gegner vom Platz zu drängen oder zu Fall zu bringen. Von den Ringkämpfen südameri- kanischer Stämme wird auch bereits von alten Mis­sionaren berichtet. Solche Kämpfe mußten beim be­treten eines fremden Ortes bestanden werden, ehe man aufgenommen wurde. Alle Fremden, die sich einer Ortschaft nahen, werden zum Ringen heraus­gefordert und erst als Gastfreunde nach einer Kraft­probe Zugelassen Der Kampf selbst dauert nur eine bis zwei Minuten und als besiegt gilt, wer mit dem Rücken die Erde berührt. Bleiben die Gegner gleich

gewandt, so wird der Kampf abgebrochen. Beim Kopfball-Spiel der Chiquitos-Jndianer treten zwei Parteien von 4 bis 6 Personen einander gegenüber, und der gummiartige Ball wird mit dem Kopf gegen die Seite des Gegners gefloßen. Dabei kommt es hauptsächlich auf ein möglichst rasches Nieder- werfen an, um den schon fast die Erde berührenden Ball noch mit dem Kopf vorwärts flößen zu kön­nen. Es gibt auch ein Ballspiel mit der rechten Schulter, wobei das Spiel als verloren gilt, wenn der Ball mit irgendeinem andern Körperteil berührt wird. Die Spieler erhalten davon harte Schwielen an der Schulter.

e Zeitschriften.

Der Kunstwart". (Verlag G. D. W. CaUwey, München), schließt mit dem September- Heft seinen 45. Jahrgang ab. Das Heft wird ein­geleitet durch einen Aufsatz von Hermann Ull- mannDom Volk zur Nation", der zeigt, worauf es dem Kunstwart bei seiner polittschen Dildungs- arbeit ankommt. Alles engsichtig Parteiliche tritt zurück hinter der einen wesentlichen Aufgabe: zu einer Gemeinsamkeit politischer, sittlicher und gei­stiger Grundausfassungen zu gelangen. Zur deut­schen Außenpolitik steuert Karl Megerle wieder einen scharf beobachtenden Beitrag bei. Der künst­lerische Teil des Heftes wird bestritten u. a. durch einen AufsatzUeber den Schweizer Dichter Ro­bert Faesi" von Carl I. Durckhardt, mit einigen Gedichtproben; ferner durch eineKleine Reise" von Paul Alverdes, drei kleine Erzählungen des mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichneten Dichters Ernst Wiechert und einen Aufsatz mit Bildern über den Maler A. Kremer und über Französische Kunst" aus Anlaß der großen Aus­stellung in der Londoner Königlichen Akademie.

Hochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor an der Universität Breslau, Karl Bräuer, ist zum ordentlichen Professor für Nationalökonomie, Finanzwissen­schaft und Statistik an der Universität Würz­burg als Nachfolger von Professor v. Schanz ernannt worden. Vor seiner Berufung nach Bres­lau lehrte Bräuer an der Technischen Hochschule in Dresden. Berufungen an die Universität Konstanttnopel, an die Technische Hochschule in Darmstadt, sowie an die Universität Innsbruck hat der Gelehrte abgelehnt.