Ausgabe 
21.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 21. 3uli 1932.

Schierling ist Gist.

Immer wieder hört man, daß Personen vor allem Rinder nach dem Genuß von Schierlings- knoUen sterben. Der Schierlingsbecher, den Sokrates trank, lebt auf in der Erinnerung angesichts der Opfer der blühenden Umbelliferen. Sie sind nächst dem Bärenklau die Riesen unter unseren dolden- blutigen Gewächsen. Wir unterscheiden an unseren Flußufern auf den Wiesen und in unseren Gärten 12 Arten,' teils giftig, teils verdächtig. Die gefähr­lichsten von ihnen sind der Gefleckte Schier- l i n g der Wasserschierling und der Gar- t e n s ch i e r l i n g. Der Gefleckte Schierling (Conium Maculatum) soll den sokratischen Trank geliefert haben. In einer Höhe von ein bis zwei Metern setzen die zartgerillten Stengel die zahlreichen Sel­ben mit den vielen weißlichen Blüten an. Häufig sind bie Stengel am Grunde braunrot und die hohlen Blattstiele am Grunde rotgefleckt, ein Umstand, dem diese gefährliche Giftpflanze ihren Beinamen ver­dankt. Ihr etwas kleinerer Bruder, der Wasserschier­ling (Cicuta virosa), ist unsere giftigste Dolden- pflanze. Der Genuß bet grünen Blätter oder der hohlen, fächerigen, nach Sellerie duftenden Wurzel- knallen kann für Menschen und Vieh tödliche Folgen haben. An Sümpfen und Wasserläufen prangen über den zwei- und dreifach gefiederten Blättern mit vielen scharfgesägten Blättchen die unangenehm rie­chenden weißen Blütendolden. Auf Schutthaufen und in Gärten zwischen Petersilie usw. sproßt der Garten­schierling, auch Hundspetersilie genannt. Wenn sie jung ist, kann die Pflanze leicht mit der echten Pe­tersilie verwechselt werden, sie unterscheidet sich aber von dieser durch den starken Glanz der Blätter, die übrigens auch spitzer sind und beim Reiben einen widerlichen Geruch von sich geben. Der Genuß die­ser Giftpflanze bewirkt Erbrechen, Schwindel, ja manchmal sogar die völlige Lähmung des Nerven­systems.

Die übrigen giftigen Doldenblütler sind weniger gefährlich. Der betäubende Kälberkropf (Chaerophyllum tomulum) mit seinen dunkel-grau­grünen Blättern und violetten, in dichten Dolden stehenden Früchtchen ist ebenfalls ein Schierlings» Artgenosse. Lediglich verdächtig ist der Riese unter unseren Umbelliferen, der Bärenklau, die K ü m m e l s i l g e und die Röhrige Reben­dolde. Diese Umbelfiefcren gleichen sich äußerlich, wenn sie auch von verschiedener Größe sind, bevor- zugcn nasse Wiesen oder Wasserläufe und Schutthal­den, fallen durch ihr imposantes und stolzes Aeußere auf, sind aber meist trotz ihrer Giftigkeit wenig be­kannt.

Kürzung der Militärrenten.

Vom Versorgungsamt Gießen wird uns ge­schrieben:

'Auf Grund der Verordnung des Herrn Reichs­präsidenten vom 14. Juni 1932 über Maßnahmen zur Erhaltung der Arbeitslosenhilfe und der Sozial­versicherung, sowie zur Erleichterung der Wohlfahrts­lasten (RGBl. 1, S. 273) muß auch ein Teil der Renten für die Kriegsbeschädigten und »Hinterblie­benen neu festgestellt werden. Eine Kürzung der Versorgungsgcbührnisse tritt aber nur bei kinderlosen Leichtbeschädigten ein, sie beträgt 20 v. H. Der An­spruch auf Kinderzulage und Waisenrente erlischt nunmehr allgemein mit dem Ablauf des Monats, in dem das-Kind das 15. Lebensjahr (bisher 18. Le­bensjahr) vollendet. Kinderzulagen und Renten für Kinder, die am 1. August 1917 oder früher geboren find, kommen mit Ende Juli 1932 in Wegfall; sic können jedoch weitergewährt werden, wenn das Kind infolge körperlicher oder geistiger Gebrechen außer­stande ist, sich selbst zu unterhalten, ober sich noch in der Schul- ober Berufsausbildung befindet, und wenn ein Bedürfnis vorliegt. Eine Weiterbewilligung von Kinderzulagen für Kinder von Leichtbeschädig­ten, die nach dem 31. Juli 1917 geboren sind, wegen Schul- und Berufsausbildung kommt nicht mehr in Frage. Nähere Auskunft erteilen das Versorgungs­amt und bie amtlichen Fürsorgestellen.

Zur Nachahmung empfohlen?

Ein französischer Schriftsteller hat seine Lands- leute einmal in einer etwas boshaften Weise gekenn­zeichnet: Der Franzose auf Reisen, das sei der Herr, der nochma! Brot nachbestellt und sich in der Geo- graphie nicht auskennt.

Wie alle Wahrheiten, so scheint auch diese im Fleisch der Getroffenen eine Spitze hinterlassen zu haben. An ihre Vorliebe für Brot (es ist ja auch be­sonders gut, wenngleich das ewige Weißbrot nicht jedermanns Geschmack ist) bas sie zu jeder Mahlzeit in Mengen essen, lassen sie nicht rühren. Aber das mit der Geographie? Ist das nicht doch ein bißchen blamabel? Jedenfalls ist urplötzlich in Frankreich eine neue Mode aufgetaucht: Tischdecken mit allen Karten der alten und der neuen Welt.

In der Nähe der Pariser Oper hat sich ein tun­tiger Kaufmann aufgetan und verkauft Wachstücher mit den Landkarten aller Erdteile, sowohl in ihrem heutigen Zustand, wie auch nach Mustern alter Stiche. Es sieht seltsam aus, und ist nicht ganz ohne Reiz. Aber das ist doch nicht alles! Wachstücher auf dem Eßtisch brauchen noch nicht jedem zu gefallen! Und barum werden jetzt die Teegedecke aus zartem Batist oder Seinen mit allen nur möglichen geo­graphischen Gegenden bestickt.Wollen Sie an der Riviera Tee trinken? Bitte sehr, hier auf hellblauem Grund, eine Karte von der ganzen Mittelmeerkuste. Lockt Asien Sie? Eine Batistdecke aus zartem Gelb ist mit Ländern, Städten Gebirgen und Flüssen des großen China bedeckt. Südsee? Bitte, auf zartem Grün sind alle bie paradiesischen Inseln verzeichnet." Sie lieben boch Bali so, liebste Iosy, bitte nehmen Sie an meiner Linken Platz!"Unb du, Hetti, dein Traum ist es ja, wir wissen es, Waikiki, hier rechts ist dein Gedeck!"

Es ist kein Scherz, es ist keine Phantasie, es ist lautere Wirklichkeit. Bestellungen werden entgegen« genommen. Welcher Teil des Globus? Auf welcher Farbe und aus welchem Material? Bitte sehr, wird Ihnen in ... sagen wir 10 Tagen geliefert."

Wenn die Franzosen jetzt ihr geliebtes Brot ver­zehren, können sie nebenher rasch ein bißchen Geo­graphie lernen!

Vielleicht könnte diese Sitte auch bei uns eingeführt werben?! * V. N.

** Falsche Reichsbanknoten zu 20 RM. Die Frankfurter Kriminalpolizei hat festgestellt, daß neue Fälschungen von 20-Mark-Noten in ben Ver­kehr gekommen sind, unb zwar handelt es sich um Fälschungen, die bisher unbekannt waren. Die Falsch« scheine tragen das Ausgabedatum vom 1. Oktober 1924 unb finb in ber Höhe ein unb in der Breite zwei Millimeter kleiner als die echten. Die Pflanzen» fasern sind durch braune Farbstriche vorgetäuscht. Die ^ummernzahlen sind höher unb enger anein»

anbergeftellt, und die Rückseite ist unsauber. Da die Hilfe des Publikums zur Aufdeckung dringend not- wendigist, hat die Reichsbank eine Belohnung von 3000 Mark auf bie (Ergreifung der Falschmünzer ausgesetzt.

Massen-Verhasiungen in Homberg und Umgebung.

* Homberg, 21. 3ull Bei der weiteren Hn- tersuchung des kommunistischen Heber« fallet auf S A. - Leu t e aus Alsfeld in der Macht zum Sonntag zwischen Homberg und Mie­der-Ofleiden erfolgte gestern in Homberg, Rüd- dingshausen und Londorf eine ganze Anzahl wei­terer Verhaftungen. Die feftgenommenen Personen wurden dem Amtsgericht in Homberg vorgeführt. Mach der Vernehmung der Verhaf­teten erließ das Amtsgericht Homberg allein im Lause des gestrigen Tages gegen 20 Perso­nen Haftbefehl. Da am Sonntagabend be­reits 7 Personen wegen dieser Vorfälle in Unter­suchungshaft abgeführt wurden, ist nunmehr d i e Zahl der durch das Hornberger Gericht in Haft genommenen Personen auf 27 gestiegen. Bei sämtlichen Verhafteten handelt es sich, wie wir zuverlässig hören, um Kommunisten. Die Ver­hafteten wurden von Homberg aus zum Teil dem Landgerichtsgefängnis in Gießen, zum Teil der Zellenstrafanstalt in Butzbach zugeführt.

Heben der hessischen Polizei und Gendarmerie trat in dem angrenzenden preußischen Gebiet auch die preußische Gendarmerie in Tätigkeit. Dort wurden ebenfalls zahlreiche Verhaf­tungen vorgenommen. Die dortigen Verhaf­teten, deren Anzahl wir zur Stunde noch nicht erfahren konnten, wurden dem Amtsgerichts­gefängnis in Kirchhain zugeführt.

Die älntersuchung nimmt ihren Fortgang. Es sind voraussichtlich noch weitere Verhaf­tungen zu erwarten.

Der in das Krankenhaus zu Alsfeld eingelie­ferte, von den Kommunisten schwer verletzte 621.« Mann Willy Weber befindet sich, wie uns auf Anfrage in Alsfeld mitgeteilt wird, auch heute morgen noch in Lebensgefahr.

Kommunalpolitiker-Konflikt nach derButzbacherBürgermeisterwahl

0 Butzbach, 20. Juli. Als Nachklang zu dem k o m m u n a l p o l i t i s ch e n Kampf um die W i e d e r b e s e tz u n g unserer Bürger« m e i ft e r ft e 11 e ist es jetzt zu einem Konflikt zwischen dem Beig. Dr. Schmidt, der seit Ja­nuar b. I. bie Bürgermeistergeschäfte führt, unb bem Stabtratsmitglieb Oberjustizinspektor Vierheller gekommen. Beig. Dr. S ch m i b t hat in einem Brief an bas Stabtratsmitglieb Vierheller Vorwürfe erhoben, bie besten Tätigkeit beim Gericht unb sein Wirken als Dorsitzenber ber Bürgermeister-Wahl- kommission zum Gegenstanb haben. Das Schreiben bes Beig. Dr. Schmibt, bas abschriftlich auch einer Anzahl Stadtratsmitglieber zugestellt wurde, hat dem Stadtratsmitglled V i e r h e l l e r Veran­lassung gegeben, durch einen Gießener Rechtsanwalt Klage gegen den Beig. Dr. Schmidt beim Gericht einzureichen und zugleich gegen sich leibst ein Disziplinarverfahren beim Amtsgericht Butzbach zu beantragen, um hierdurch ben Beweis zu führen, baß bie gegen ihn erhobenen Vorwürfe unbegrünbet finb. Auf ben Ausgang biefes Konfliktes ist man hier außerorbentlich gespannt.

Gericht über das System Kühn in Wetzlar.

WSA. Wetzlar, 20. 3uli. Am 19. Februar verurteilte das Erweiterte Schöffengericht den Direktor der Städtischen Betriebswerke in Wetz­lar, Diplom-3ngeni«ur Leo Ehlert, wegen Untreue zu 4 Monaten Gefängnis. Ge­gen dieses Urteil hatten sowohl Chlert wie auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Die Große Strafkammer in Limburg verhandelte ge­stern 9 Stunden lang über diese Berufungen. Sie verwarf die Berufung der Staatsanwaltschaft und verurteilte Ehlert an Stelle einer an sich ver­wirkten Gefängnisstrafe von einem Monat zu 300 Mark Geldstrafe. sowie zur Tragung der Hälfte 6er Kosten der Berufung. Gegen das Urteil gibt es kein Rechtsmittel.

Die Verhandlung nahm ihren Ausgangspunkt bei den Arbeitszetteln, auf Grund deren Material für den Dau der Wasserleitung an dem dem früheren Bürgermeister Dr. Kühn gehörigen 3agdhaus in Werdorf verrechnet wurde, und nicht auf dem entsprechend gekennzeichneten Konto, sondern auf Konten der internen Ver­waltung, wobei die Zettel von Ehlert unterschrie­ben wurden. Die Unterschrift leistete Ehlert ent­gegen der sonstigen Gepflogenheit, um, wie er sagte, dadurch die Zettel als für Werdorf be­stimmt zu kennzeichnen. Auf die Einwendungen des Eerichtsvorsitzenden erwiderte Ehlert, er habe die strikte Anweisung von Dr. Kühn erhallen, die Lieferungen auf diese Weise zu verschleiern. Chlert gab dabei eine Charakte­risierung von Dr. Kühn, der seinerzeit nach Aufdeckung des Wetzlarer Kommunalskan­dals bekanntlich Selbstmord begangen hat. Es sei völlig ausgeschlossen gewesen, den Anordnungen Dr. Kühns entgenzuhan- de In.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 20. Juli. Am 13. Mai fuhren zwei Arbeitslose auf der Landstraße Nieber-Wöllstabt Okarben mit ihren Fahrräbern nebeneinanber. Ein Arbeiter aus Ilbenstadt überholte sie mit seinem Fahrrab unb unterhielt sich währenddessen mit ihnen. Plötzlich hörten die beiden Arbeitslosen das Signal eines von hinten kommenden Autos; da war es auch schon da.Es war ein Knall und Schlag, da lag der Jlbenstädter auch schon tot etwa zehn Meter vor unseren Rädern", sagte der eine Zeuge. Das Auto hielt ein Stück entfernt. Wie der Unfall in seinen Einzelheiten sich zugetragen hat, konnten die er chreckten Zeugen nicht angeben. Em dritter Radfahrer etwa 200 Meter zurück, hatte zwar das sehr schnell an ihm vorbeifahrende Auto beobachtet und auch befürchtet, daß es nicht ohne Unglück an Öen drei Radfahrern vor ihm vorbeikomme; auch er tonnte aber genaue Angaben über den Vorfall nicht machen. Der Angeklagte bestritt, im Gegensatz zu früher den Toten angefahren zu haben; er be- hauptete dieser müsse ohne sein Verschulden vom Rad gefallen sein und sich dabei verletzt haben. Nach Ansicht der medizinischen Sachverständigen war dies jedoch nach der Art und Schwere der Verletzungen nicht möglich.

Das Gericht vertagte nach längerer Beratung die Sache, damit noch weitere Ermittelungen vorgenom­men werden.

DeuWe Änersefoiwreine in aller Well.

3um 11. Deutschen Sängerbundesfest in Frankfurt am Main.

Don Fritz Heinz Neimefch.

Das 1L Deutsche Sängerbundesfest, das vom 21. bis 24. Juli in Frankfurt a. M. stattfindet, steht im Zeichen des ge- lamtdeutschen Gedankens, der Zu­sammengehörigkeit der Deutschen innerhalb unb außerhalb der Reichsgrenzen in Europa und Ueberfee.

In einer Volksdeutschen Weihe- ftunbe und in einer Volksdeutschen Kund­gebung in der Paulskirche werden die Ver­treter aller deutschen Gruppen diesem Ge- meinschastsbewußtsein Ausdruck geben.

Der vierstimmige Männergesang, der in den Freiheitskriegen zum Ausdruck nationalen Hochgefühls wurde, forderte kategorisch eine Der« einsmäßige Zusammenfassung der Sänger, die sich willig der leitenden Hand 'bes Chormeisters unter« ordnen. Es entstand der Männergesangver­ein, und überall in deutschen Landen wachsen fast zu gleicher Zeit Vereine in die Höhe, die sich die Pflege des vierstimmigen Männergesanges zur Auf­gabe machten. Don allem Anfang steht aber neben der Musik das Treubekenntnis zu Volk und Vaterland. Möge der deutsche Vereins« meier auch noch so viel belächelt, auch noch so sehr mit ätzendem Hohn übergossen worden sein, d i e Sehnsucht nach einem größeren Deutsch« lanb, nach einer Vereinigung aller Stämme lebte in ben Gesangvereinen, was den Sängern für alle Zeiten hoch anzurechnen ist. Da überall, wo Deutsche leben, gesungen wird, so entwickelten sich selbstver- ständlicy auch in all den Gebieten des alten Oester« reich-Ungarn, aber auch in Ueberfee, in Nord­amerika, Südamerika, Afrika, ja sogar im fernen Australien Männergesangvereine, lieber ihre kul­turelle und nationale Bedeutung für das Auslands« deutschtum sei in folgendem kurz berichtet.

In der uralten Kultur des fubetenöeut« schen Volkstums sind Musik und Gesang von alters her in hoher Blüte gewesen und schon früh­zeitig haben sich auch im Böhmerlande Gesangver­eine gegründet. Die Sudeten deutschen waren auf allen Sangerfesten in großen Scharen vertreten, ihr Panier, die blaue Leier auf weißem Grund ist in ganz Deutschland bekannt. Als nach dem Zusammenbruch der öfterreichisck)-ungarfichen Monarchie die dreieinhalb Millionen Deutschen, die in die Tschechoslowakei eingepreht wurden, ihr na­tionales Leben neu aufbauten, schufen sich auch die Gefangoereine eine mächtige Organisation, den Sängerbund der Sudetendeutschen", dem bie Sängerbünde in Böhmen, Mähren und Schlesien angehören und dem sich auch die Gesang­vereine der Zipfer Sachsen, die m dem herrlichen Ländchen zu Füßen ber Hohen Tatra leben, an» glieberten. Runb 900 Vereine mit 25 000 Sängern und 8000 Sängerinnen find in dem Bunde vereint, der sich in 20 Gaue gliedert und auch eine eigene Zeitschrift herausgibt. Diese Gesangvereine stehen in der vordersten Front des schweren Volksdeutschen Abwehrkampfes gegen die Tschechen, und es gibt keine Tagung der sudetendeutlchen Schutzvereine, in denen der deutsche Schargesang nicht eine be­deutsame Rolle bei der feierlichen Ausgestaltung hat.

Im ältesten auslanddeutschen Siedlungsgebiet, i n Siebenbürgen, sind die Sänger und Turner die Träger der nationalen Begeisterung. Die alten und großen Gesangvereine 'ber alten Sachsenstädte haben hier eine ganz besondere kulturelle Mission zu erfüllen. Umgeben von Millionen von Magya­ren und Rumänen wirken diese Vereine durch ihren hochkultivierten Gesang eminent kulturpropagan« disti' ch. Ihre Oratorien und Opernaufsührungen sind Ereignisse von bebeutfamer Tiefenwirkung. In allen deut chen Landgemeinden Siebenbürgens bestehen deut che Gesangvereine und schon im Jahre 1892 haben sich die Siebenbürger Sänger zumS i e - benbürgischen Deutschen ngerbunb" zusammengeschlossen. Ihre Sängerfahrten nach Ru­mänien, nach der Bukowina, ja selbst ins Mutter­land haben Zeugnis davon abgelegt, auf welch hoher gesanglicher Stufe diese Vereine stehen. Neben die­sem deutschen Sängerbund in Siebenbürgen wächst im heutigen Großrumänien ein anderer Sänger­bund heran, dessen Wirken in nationaler Beziehung überaus wichtig ist. Wie bekannt, waren die zwei Millionen Donauschwaben durch die scharfe Magya- risierungspolitik des alten Ungarn in ihrem völ­kischen Bestand schwer bedroht. Die an Rumänien gekommenen sogenannten Banater Schwaben, ein überaus sangesfrohes Volk, haben im August 1922 denBund Banater Deutscher Sänger" gegründet, dessen Aufgabe es zunächst war, überall neue Gesangvereine zu gründen. Heute gibt es deren schon mehr als hundert, und diese Gesangver­

eine sind die stärkste Stutze der deutschen Bolksge- meinschaft im Banat. Seit 60 Jahren wirkt der Czernowitzer Männergesangverein", der der Dorortverein für die deutschen Gesangvereine des Buchenlandes ist, und schon im Jahre 1852 wurde in Bukarest dieLiedertafel" gegrün­det, die imöstlichen Paris" aus in künstlerischer Beziehung eine Rolle spielt.

Im heutigen Rumpfungarn wird dem (Be- fang verein von der politischen Führung des ungar- ländischen Deutschtums eine große Aufgabe 311 ge­rieten. Der Budapester Gassenhauer, der seit Jahr­zehnten auch in der ländlichen deutschen Bevölke­rung gewütet hat, kann nur durch das Volkslied vernichtet werden. Der ungarländische -deut­sche Volksbildungsverein bemüht sich daher, überall Gesangvereine zu gründen, denn mit Ausnahme von Budapest und der Umgebung von Oedenburg,, wo sowohl in der Stadt als auch in den umliegenden großen deutschen Gemeinden al:e zroße Gesangvereine bestehen, gibt es in den Dör« em nur wenige Vereine. Es werden Musikwett- treite und Wettsingen abgehalten, die der Bevölke­rung so rechte Lust am deutschen Sang machen sol­len. Die Erfolge sind erstaunlich gut. Daß es in dem vom Reiche abgetrennten (gebieten zahlreiche hervorragende Gesangvereine gibt, ist ja selbstver­ständlich. Auch in Siids 1 awien sind die deut- fchen Sänger immer dort zu finden, wo das Deutschtum zu verteidigen ist. So alt wie die Ge« fangDereinsiöe-e ist, so alt sind auch die Gesang­vereine in den baltischen Städten. Und überall dort, wo in den Großstädten Europas grö­ßere oder kleinere deutsche Kolonien bestehen, gibt es ebenfalls Gesangvereine.

Doch wir wollen nun unseren Blick auch nach Ueberfee lenken. Der erste Shinftgcfang, der in Nordamerika erklang, ist deutsch gewesen. Es waren die Herrenhuter Bruder, die ihre frommen Lieder fangen, über deren Wohllaut nicht nur Angelsachsen und Spanier, sondern auch die Indianer gestaunt haben. Die Gründung des ersten weltlichen Gesangvereins erfolgte vor bald hundert Jahren, und zwar im Jahre 1835 in Phila­delphia. Es folgen dann in kurzen Abständen Baltimore, Cincinnati, Neuyork, Louisville, unb als in den vierziger Jahren die deutschenRevo­lutionäre" Hoffmann von Fallersleben, Freiligrath, Herwegh, später dann Carl Schurz und die vielen anderen, denen Deutschland zu eng war, nach Amerika kamen, da gab es bald feine Stadt mit deutscher Bevölkerung mehr, die nicht einen oder auch zwei Gesangvereine gehabt hatte. Schon in den fünfziger Jahren gründet sich derOestl'iche Sängerbund" und derDeutsch-Texanische", der Nordwestliche" und derNordamerikanische Sän­gerbund", denen sich später derPazifische Sänger­bund" angliederte. Es ist nur zu natürlich, daß das Land der Riesenströme und Riesenschluchten, der Riesenbrücken und Riesenbauten auch riesige Ge­sangvereinsveranstaltungen aufweift. Am Sänger- fest zu Broocklyn im Jahre 1900 nahmen etwa 6000 Sänger und 174 Vereine teil. Millionen deutscher Menschen sind in Amerika dem Deutschtum schon allmählich verloren gegangen, auf die aber, die deutschen Gesangvereinen angehörten, kann man sich verlassen, denn die Bindung an die Seele des Mutterlandes ist das deutsche Lied.

Auch bei den Deutschen in Brasilien, in Chile und Argentinien gibt es deutsche Ge- jangoereine. In Chile sind 22 Vereine zu einem Bund vereinigt, und eine recht stattliche Prozent­zahl des etwa 30 000 Seelen zählenden Deutschtums sind singende oder unterstützende Mitglieder der Vereine. In Brasilien steht das Gesangvereinswesen noch am Anfang feiner Entwicklung Noch find die Gebiete der vorwärts fchreitenden Kolomstendörfer für den deutschen Männergesang nicht gewonnen, denn die weiten Wege in Camp und Busch hindern die Dereinsgründung; doch in den großen Städten blüht das '«ängeroereinswesen, und die deutschen Sängertage find hier ebenso wie überall in der Welt wichtige deutsche Greigniffe. Im ehemaligen Schutzgebiet Südwestafrika wurde im Jahre 1902 zu Swakopmund der erste Männerge- fangaerein gegründet. Durch den herrlichen Roman Hans Grimms haben wir alle 'das weite Sonnen- land Südwest lieben gelernt. Vor fünf Jahren hat der tapfere Südwesterstamm seine Gesangvereine in denSüdwestafrikanischen Sängerbund" mit dem Sitz in Windhuk vereinigt, und mit seinem Wahl­spruch sei diese gedrängte llebersicht über die deut­schen Gesangvereine in aller Welt beschlossen: So lange hier das deutsche Lied erklingt, geht uns das deutsche Wesen nicht verloren.

Buntes Allerlei.

Eine moderne Vogelwarte.

Die Vogelwarten von heute verfolgen neben wissenschaftlichen Aufgaben die Ziele, Vogelschutz zu treiben und in der Oeffentlichkeit aufklärend zu wirken. 3n musterhafter Weise geschieht dies durch die Vogelwarte in Essen, über, deren Einrichtung R. Korte in derGartenschönheit" berichtet. Das 3nftitut untersteht dem städtischen Gartenamt, das wieder der Forstabteilung an­gegliedert ist. Durch Aushang von Aisthöhlen, Winterfütterung, Anlegung von Vogelschutz-Ge­hölzen usw. wurde der Vvgelbestand so vermehrt, daß er die Schädlinge in den Essener Waldungen vernichtete. Die 6500 Aisthöhlen, die von der Warte eingerichtet wurden, sind bis zu 96 Pro­zent besetzt. Diese Zunahme der Vogelwelt hat neben dem praktischen Wert der Schädlingsver­tilgung auch sein« ideellen Auswirkungen für alle Besucher der Forsten, die sich an dem Ge­sang erfreuen. Außer den bereits vorhandenen Vogelarten fanden sich neue hinzu, und im Essener Wald wurden die vorher vertriebenen Pirol, Girlitz, Schwanz- und Haubenmeise. Specht usw. wieder seßhaft. Die Bevölkerung nahm immer mehr Anteil am Vogelschutz und besucht die Warte, die ein reichhaltiges Anschauungsmaterial zusammengebracht hat. 3m Stadtwald, in der Aähe des Wald-Theaters, wurden große Flug- käsige errichtet. Ein geräumiges Blockhaus nahm die Sammlungen auf, soweit sie nicht im 8reiert ausgestellt werden können; hier befinden sich außer Vortragsraum und Dibliothekzimmer die Futterküche und 14 heizbare Käfige für die äleberwinterung der Zugvögel. Zwei weitere Hat- len dienen zur äleberwinterung der großen Zug­vögel; all« Aäume können auch im Winter jeDer- zeit besichtigt werden. 3n den 45 Flugkäfigen sind gegen 800 Tiere in 200 verschiedenen Arten

untergebracht, von denen 100 auf einheimische Vogelarten entfallen. Diese einheimischen Vögel sind in ihren natürlichen Gemeinschaften zusam- mengestellt, so toi« sie in der Heide, im Misch­wald, im Feld, Garten, Sumpf usw. Vorkommen. Der Charakter der natürlichen Landschaft ist möglichst genau gewahrt. 3n halbdunklen großen Käfigen sitzen auf Baumstümpfen und im Ge­mäuer die Aachtvögel, Eulen, Waldläuze, auch ein Llhu. Die Raubvögel haben besonders ge­räumige hohe Flugkäfige, und ein eigenes Ge­biet ist auch den Wasservögeln eingeräumt. Wie rege der Anteil an dieser Ausstellung der Vogel­warte ist, zeigt, daß sie seit ihrer Eröffnung zu Ostern 1930 von 162 400 Erwachsenen und 67 600 Kindern besucht wurde.

Oer Trick des Schlossers.

Durch den einfachen Trick, sich allabendlich am Eingang des Theaters aufzustellen und die Be­sucher zu beobachten, war es einem bekannten und sehr geachteten Kunstschlosser der spanischen Stadt Eheste in der Provinz Valencia möglich, mehrere 3ahre hindurch Einbrüche auszuführen, ohne entdeckt zu werden. Seine erfolgreiche Tätigkeit fand schließlich ein Ende, weil ein Theaterbesucher vorzeitig nach Hause zurückkeyrte, da er etwas vergessen hatte, er fand hierfeinen Freund, den Schlosser", der gerade den Geldschrank ausge­knackt hatte. Dadurch, daß er nur bei Leuten ein* brach, die sich gerade im Theater befanden, durch seine' Geschicklichkeit und die Vorsicht, daß er immer nur einen Teil des Geldes oder der Schmucksachen mitnahm, entstand gewöhnlich der Verdacht, daß das Verbrechen von einem Be­diensteten oder einem Familien-Mitglied ausge* führt worden sei, und häufig wurde von der Ver­folgung abgesehen. Run hat man endlich den ge­fährlichen Einbrecher, der alle Tresors der Stadt unsicher machte, gefaßt.