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21.7.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 169 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheften) Donnerstag, 2(. Juli (952

I

Abkehr vom Staats-Kapitalismus!

Das deutsche Handwerk fordert Wirtschastsfreiheit.

Die Stetigkeit der politischen Entwicklung, die Bewahrung des deutschen Kulturgutes, die ver­antwortliche Stellung zum Ligentumsbegriff im Sinne einer sozialen Verantwortung, waren so­lange gewälirleistet, als der bürgerliche Mittel- stand Hauptträger des staallichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens war. Unter den Schichten, die den Mittelstand ausmachten, nahm das deut­sche Handwerk wiederum einen der ersten und wichtigsten Plätze ein. Erst durch den Zerfall des deutschen Mittelstandes, durch das Hochkommen des Monopol-Kapitalismus auf der einen und des Proletariats auf der anderen Seite setzt« jene Krise der verschiedenen mittelständischen Gruppen ein, die schließlich zu einer Krise des gesamten Bürgertums führte und heute zu einer schweren Staats-' und Wirtschafts- k r i s e geworden ist. Hochkapitalismus, Dertru- stung und Konzernierung, wie auch Zusammenbal­lung von der Lohnarbeit lebender Menschen auf engem Raume schalteten die Verantwortung des Einzelnen aus und ersetzten sie durch die Massen­verantwortung anonym wirkender und unsichtbarer Werks- ober Parteileitungen. Die bürgerlichen Werte wurden in Frage gestellt, Rationalisierung und leichtfertige Ueberproduktion untergruben die Lebensgrundlage des soliden deutschen Handwerkes. Der Staat, der di« Aufgabe gehabt hätte, die Wirt- schaftskontrolle in dem Sinne auszuüben, daß jede ungesunde Ueberentwicklung vermieden und die handwerklichen Mittel- und Kleinbetriebe erhalten worden wären, griff leider in entgegengesetzter Weise ein. Er mischte sich unmittelbar in die Wirtschaft ein, er wurde teilweise zum hochkapitalistischen Unter­nehmer, er unterdrückte die Existenz des Einzelhand­werkers und Einzelkaufmanns durch eine Konkurrenz von oben, gegen die der einzelne nicht aufkam. Der Staatskapitalismus oder was teilweise auf dasselbe hinauskommt, der Staatssozialismus, war geboren.

Der Mittelstand und das Handwerk haben sich sehr spät auf eine aktive Gegenwehr besonnen. Wenn in diesen Tagen der Reichsoerband des Deut- scheu Handwerks in einer programmatischen Erklärung die wirtschaftspolitischen Grundforderungen dahingehend umreißt, daßdie Volkswirtschaft als die wirtschaftliche Or­ganisation des deutschen Volkskörpers auf der Grund­lage der Privatwirtschaft aufgebaut werden muß", so kommt dieser handwerklichen Folgerung diesmal eine erhöhte Bedeutung zu, weil sic gegenüber einer Regierung erhoben wird, die sich den Abbau des Staatskapitalismus und die Rückkehr zur Privatwirtschaft zum Ziele gesetzt hat. Wenn das deutsche Handwerk fordert,unter unbe­dingter Ablehnung aller sozialistischen Tendenzen die neue Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Volkswirtschaft und die Anerkennung der selbstän­digen Unternehmertätigkeit als einer dem Staat fremden und mit der Ausübung feiner Hoheitsrechte unverträglichen Tätigkeit" durchzuführen, so ent­spricht dies durchaus den Plänen der Reichsregie­rung. In der Abkehr vom Staatskapitalismus liegt vielmehr sogar der wesentlichste Unterschied der jetzi­gen Regierung zu allen vorhergegangenen seit 1918.

Wie ist es zu dem immer.stärkeren Eindringen des Staates und zu dem immer stärkeren Abbau der privaten Initiative gekommen? Es scheint, daß sich auch hier wieder ein volkswirtschaftliches Gesetz be­stätigt hat, wonach jeder Konjuntturabstieg, jede Pe­riode der Einschrumpfung des Wirtschaftsraumes zu Konkurrenzverboten und zu Konkurrenzbeschränkung, zur Konzentration der Produktionsmittel in der Hand einzelner und des Staates und damit zur ge­bundenen, halb sozialistischen ober staatskapitalisti­schen Wirtschaft führt. Ein Konjunkturanstieg da­gegen, der zu einer Belebung der Volkswirtschaft und zu einer Erweiterung des Wirtschaftsraumes drängt, führt umgekehrt zu Monopol- und zu Koa­litionsverboten, zu einer Besinnung des

Staates adf seine eigentlichen Hoheitsaufgaben und damit zur freien Wirtschaft, die wiederum den Aufschwung des Mittel st andes und desHandwerks zur Folge hat. Vor etwa einem Jahre begann der Staatskapitalismus, dessen Beseiti­gung zumAufbauplan der Reichsregierung" gehört, solche Formen anzunehmen, daß man z. B. Deutsch­land und Rußland in Amerika ohne weiteres in einen Topf warf und vomStaatssozialismus" Brü­nings sprach. Der große Unterschied zu Rußland lag jedoch darin, daß der Bolschewismus die gesamte Privatwirtschaft der staatlichen Planung unterstellte, also keine Privatwirtschaft neben der Staatswirtschaft duldete, während in Deutschland die vorhandenen Spannungen noch erhöht wurden durch das Nebeneinander von Staatskapitalismus und Privatwirtschaft. Es ist jedoch nur eines möglich, wenn man vom Grundsätzlichen absieht: entweder Privatwirtschaft, die eine weitestgehende Initiative und Verantwortung des einzelnen auf- richtet, oder aber Sozialismus, der alle Wirtschafts­fragen vom Staate her regelt.

Vom Reichslandbund erhallen wir den folgenden Aufsatz zur Verfügung gestellt, dessen sachlicher Inhalt auch für Gegner der Landbundforderungen bemerkenswert ist.

Die Zollpolitik des Reiches ist von den An- hängern des Freihandelgedankens, vor allem was die landwirtschaftlichen Zölle betrifft, angefeindet wor­den. Es wird erklärt, der landwirtjchaftliche Zoll verteueredenLebensunterhaltbis zum Unerträglichen und vermittle der Landwirtschaft un­verdiente Geschenke. Was ist durch die Zölle bisher tatsächlich erreicht worden Weiterhin klafft die ge­waltige Spanne zwischen Agrarpreisen und Industriepreisen. Die Handels­spannen, die bei Milch, Fleisch, Kartoffeln usw. das Mehrfache dessen ausmachen, was der Landwirt für feine Produkte erhält, sind fast dieselben geblieben. Die landwirtschaftlichen Preise jedoch sanken trotz der angefeindeten Zollpolllik zumeist in katastrophaler Weise ab. Vergleicht man die Preise im April d. I., gemessen an den Durchschnitts-April- Preisen der Jahre 1925 bis 1929 (= 100 v. H.), so ist Butter auf 68 o. H., Eier und Schweine sind auf 57 v. H., Kühe und Kälber auf 55 v.H., Roggen auf 87, Gerste auf 80 und Kartoffeln auf 64 o. H. des damaligen Preises abgesunken. Allein Weizen hielt sich auf 101 v.H. Nun lagen die Preise zwischen 1925 und 1929 zum großen Teil schon unter Frie­denspreis. Bei der Preissenkungsaktion wurde von allen Seiten her der Wille bekundet, auf dem Agrar­gebiete nicht die Preise des Landwirts, sondern die Handelsspanne äu vermindern. Statt dessen fielen die landwirtschaftlichen Preise.

Einzig und allein der Weizen hat seinen Preis gegenüber 1925 bis 1929 behaupten können 101 v. H. Weshalb sank nicht auch der Weizen? Beim Weizen - wurde eine Kontingentie­rung durchgeführt! Für uns zeigt sich nun die ausschlaggebende Bedeutung einer Kontingentierung, die sich ausschließlich nach dem deutschen Zuschuß­bedürfnis richtet. Denn der in Deutschland geltende Weizenvermahlungszwang ist ja im'Grunde genom­men nur eine besondere Form der Kontingentierung der ausländischen Weizeneinfuhr.

Auch von der anderen Seite her gesehen, hat die Zollpolitik ohne Kontingentierung Mißerfolg er­litten. Es wird von feiten des Freihändlers hervor­gehoben, daß die Einfuhr jener Agrar-

Als die Regierung Brüning berufen wurde, mußte zuerst einmal die deutsche Gesamtwirtschaft gerettet werden. Zwischen 12 und 13 Milliarden Mark des deutschen Volksvermögens sind in wirtfchaftlich er- schlitterte Großbetriebe hineingesteckt worden, ohne daß der Staat dadurch an Macht gewonnen ober den mittelständischen Klein- und Handwerkerbetrieben ge­holfen worden wäre. Der Brüningsche Weg erfolgte aus Zwang. Nach der Sanierung der Großbetriebe mit Staatsmitteln aber besteht ein nicht minderer Zwang, jetzt den Staatskapitalismus wieder abzubauen. Diese Ausgabe läßt sich selbstverständlich nur im Zusammenhang mit der Wiederbelebung der deutschen Land­wirtschaft durch Stärkung des Binnen­marktes, mit dem K ampfgegendas mono­polkapitalistische Kartellunwesen, mit dem Abbau der staatlichen und kommunalen Kon­kurrenz und einer großzügigen Steuerre­form durchführen. In dieser Richtung liegt das eigentliche Ziel einer jedenRegierung der natio­nalen Konzentration". DennNationale Konzentra- tion" wird so lange unmöglich fein, als nicht die- jenige Schicht wieder hergestellt ist, die nun ein­mal die breite und in sich gefestigte Grundlage des Staates und der Volksgemeinschaft bildet: das deutsche Bürgertum und das deutsche Handwerk.

länder wie Holland und Dänemark sich rechnungsmäßig sehr verschlechtert haben. Eine solche Betrachtung ersaht zwar den rechnungsmäßi­gen Wert, nicht aber bie Me nge ber Ein­fuhr. Denn mengenmäßig betrachtet, hat Holland vom ersten Quartal 1931 bis zum 1. Quartal 1932 seine Gesamtausfuhr nach Deutschland von 448 000 auf 512 000 Tonnen, also um annähernd 15 v.H. fteigern können. Die Dänen haben ihre Gesamt­ausfuhr nach Deutschland innerhalb des letzten Jah-

Die derzeitige Wirtschaftslage fordert gebieterisch Einsparungen in jeder Unternehmung. So entschließt sich mancher Firmeninhaber in ber Absicht, (eine Spesen herabzumindern, wenn oft auch nur für vor­übergehend, seine Kraftwagen außer Dienst zu stellen. Was ist nun hierbei zu beachten?

Ersparnisse an (Steuern.

Gemäß den einschlägigen gesetzlichen Bestimmun- gen erfolgt gegen Rückgabe der Steuer- karte eine Erstattung für die noch reftjerenben Monate, unb zwar für jeben noch oerbleibenben Mo- nat ein Zwölftel ber Iahressteuer. Wesentlich ist hier der Hinweis, daß eine Rückzahlung der Restsumme nur bann erfolgen kann, wenn bie Abmelbung volle 30 Tage vor Ablauf der Steuerkarte erfolgt. Für geringere Zeitabschnitte als ein Monat ist eine Er­stattung nicht möglich. Diese Bestimmung ist be­sonders wichtig,

sofern es sich um bie Außerbienslsiellung eines alten Magens handelt und gleichzeitig ein neuer

Magen dafür eingesetzt werben soll.

Läuft beispielsweise eine Steuerkarte am 20. August 1932 ab, und wird der neue Wagen am 25. Juli eingestellt unb der bisher gefahrene (gleichzeitig) ab- gemelbet, so besteht keine Möglichkeit einer Erstat­tung. Man wird in einem derart gelagerten Fall gut tun, bie An- unb Abmelbung am 19. Juli zu tätigen, denn nur so ist eine doppelte Belastung zu vermeiden.

res von 84 000 auf 91 000 Tonnen pro Quartal ver­mehren können. Wo liegt des Rätsels Lösung zwischen diesen Widersprüchen? Man bedenke, daß die landwirtschaftlichen Weltmarkt- p r c i f e von 1931 zu 1932 abgefunfen sind So hat sich trotz verminderten Einfuhrwerts die entlchei- dende Einfuhrmenge aus Dänemark unb Holland erhöht! Währenddessen ist die mengenmäßige deutfche Ausfuhr nach diesen Ländern um etwa 30 v. H. abgefunten. Weder Holland noch Dänemark haben also Veranlassung, sich über deutsche Einfuhrschranken zu beklagen. Die Tatsache, daß trotz des Exports dieser Länder nach Deutschland die Anti- Deutschland- unb die Pro-England-Propaganba immer neue Blüten treibt unb zu einer Abschnü­rung Deutschlanbs führt, zeugt für die Problematik der Handelsbeziehungen.

Von der Unwirksamkeit zahlreicher Zollmaßnah. men ist gegenwärtig am s ch w e r st e n bie 33 c r eblungswirtschaft betroffen, beren Be- stand geradezu gefährdet erscheint. Wir fordern daher und glauben, daß alle landwirtschaftlichen Or­ganisationen uns darin zustimmen werben.eine Kontingentierung ber Einfuhr von Dereblungsprodukten, wir fordern ein Globalkontingentssystem, welches die Gejamteinfuhr- mengen der verschiedenen landwirtschaftlichen Pro­dukte ausschließlich nach dem wirklich vor- handenen Zuschußbedarf regelt. Die bis­herigen Zölle haben als Kesamtmaßnahme versagt, sind stecken geblieben. Soll die deutsche Landwirt­schaft erhalten bleiben, bann muß man ihr Preise geben, bie ber allgemeinen Pr e i s b i l b u n g unb bem Preisinbex entsprechen. So­lange diese Forderung, die die deutsche Landwirt­schaft an die Reichsregierung richtet, nicht erfüllt wird, bleibt die deutsche Landwirtschaft in einem Zu­stand zwischen Leben und Tob, bas wichtigste Or­gan des Wirtschaftskörpers befindet sich in Gefahr, aussetzen zu müssen.

Man spricht in Deutschland oft von einer Gewalt­politik der Zölle und sieht die Dinge grundsätzlich nur von innen her. Tatsache ist, daß nicht Deutschland, sondern Englands Wirtschaftsmaßnahmen gestal­tend auf die Handelspolitik eingewirkt haben, unser Verhalten ist nichts anderes als eine Ä b - wehr.

Ersparnisse an Versicherungsprämien.

In dieser Hinsicht ist der Wagenhalter ausschließ­lich auf das Entgegenkommen der Versicherungsgesell­schaft, bei ber bas Kraftfahrzeug in Versicherung ge­geben worben ist, angewiesen. Die Versicherungs» bebingungen der führenden deutschen Versicherunas- gesellschaften enthalten ausschließlich einen Passus dahingehend, daß der Vertrag zu erfüllen ist, unab- hängig davon, ob der Wagen in Betrieb gehalten ist ober ftiUiegt, mit anderen Worten,

die Prämie muß auf jeden Fall vereinbarungs­gemäß entrichtet werden.

Ist z. B. im vorhin erwähnten Fall das Fahrzeug, das am 25. Juli außer Betrieb gestellt werden soll, ab 1. Juni gegen Unfall, Haftpflicht und Kasko ver­sichert worden mit der Vereinbarung, daß die Prä- mien jeweils vierteljährlich entrichtet werden sollen, unb ist bie Versicherungsbauer vielleicht zunächst nur für ein Jahr abgesprochen worden, so muß trotz der Stillegung gezahlt werden. Die Prämienanteile müssen am 1. September, am 1. Dezember und letzt­mals am 1. Februar des folgenden Jahres genau so entrichtet werden, als wenn das Kraftfahrzeug noch in Betrieb wäre.

Diese Bestimmung wird von den Versicherten aus- nahmslos als eine unbillige Härte empfunden wer­den, da, wie vorerwähnt, durch Außerbetriebstellung des Wagens kein Anspruch gegenüber der Lersiche- rung mehr geltend gemacht wird.

Rettung der Veredtungswirtschast!

Was fordert die Landwirtschaft von der Reichsregierung?

Kraftfahrzeug und Gparmögtichkeit

Von £)iplomfdufmann Or. W. Bachenheimer, Gießen.

Oie Märchenkutsche.

Von Werner Bergengruen.

Don allen Erinnerungen des Menschen find keine wunderbarer beschaffen als die aus seiner Kindheit: denn während sonst jeder Erinnerung cm Erlebnis zugrunde liegt, kann es hier ge­schehen, daß wir uns bis zur Schwurbereitschaft deutlich eines Vorfalles erinnern, von dem wir wissen, daß er sich unter gar keinen Umständen ereignet haben kann. Vielleicht entsinnt man sich aus TolstoisKrieg und Frieden" jener bezau- beruhen Szene, in welcher die Geschwister Rostow, Nikolai und Natascha, nach längerer Zeit wieder im alten väterlichen Herrenhause von Otradnoie vereint, von Kindheitserlebnissen sprechen und darunter von jenem Mohren, der plötzlich in der Dämmerung im Zimmer des Onkels gestanden hatte. Die Eltern haben ihnen später bewiesen, daß da ganz unmöglich ein Mohr gewesen fein könne, aber sie sehen ihn noch jetzt so gewiß vor sich, daß sie den Auftritt eidlich erklären möchten.

Von Kindheitserinnerungen solcher Art sprachen wir eines Abends, als wir in Ueber- lingen imHecht" sahen und Seewein tränten. Ich selbst habe mich lange Zeit im Besitz einer Erinnerung von ähnlicher Beschaffenheit geglaubt unb erzählte sie an jenem Abend der kleinen Tischninde. Soweit ich zurückdenke, ich finde den Punkt nicht, da man mir nicht schon Märchen er­zählt oder vorgelesen hätte. Auf kindliche Art glaubte ich an diese zauberischen, hexen- und feenhaften Vorfälle, wobei ich es freilich als ord­nungsgemäß hinnabm, daß mir selbst noch nie die Begegnung mir einem Heinzelmännchen oder einer verzauberten Prinzessin zuteil geworden war. Als ich die Lesekunst erlernt hatte, erprobte ich sie zunächst an einigen Büchern, die ich auf meines Vaters Nachttisch fand. Es waren Shaws Arzt am Scheidewege", SudermannsEs lebe das Leben", und das Textbuch zurWeißen Dame". Indessen waren diese Bücher mühsam zu lesen, und es schien mir in ihnen recht viel Ent­behrliches gesagt und getan zu werden. Bald dar­auf machte ich die erlösende Entdeckung, daß man Märchen nicht nur erzählt oder vorgelesen bekom­men, sondern ja auch selber lesen konnte, und daß in diesen Büchern im Gegensatz zur Abendlektüre meines Vaters alles mit rechten oder doch mit besseren Dingen zuging. Von da an las ich Mär­chenbücher mit Leidenschaft, ja ich hatte selbst ein Märchen in ein blaues Heft geschrieben und es mit selbstkolorierten Bildern verziert. Die ich aus dem

Weihnachtskatalog einer Buchhandlung ausge­schnitten und mit Bächen von Gummi arabikum in die sorgfältig ausgesparten Textlücken 'geklebt hatte. So befand ich mich denn in einer Verfas­sung des Wohlvorbereitetseins auf das Außer­ordentliche, das mir begegnen sollte. Eines Nach­mittags ging ich allein den Thronfolger-Boule­vard entlang. Cs war Schneeluft und Dämme­rung, und ich fühlte mich von diesem Doppelein­druck zu einer ahnungsvollen Traumbereitschaft aufgefordert. Dazu begannen jetzt im Blauen die Gaslaternen ruckhaft aufzuflammen, denn in der Stadt gab es Gasbeleuchtung, während in den entfernteren Vorstädten auf hohen, ungestriche­nen, viereckigen Holzpfosten noch Petroleumlam­pen standen, die wir, je nach Jahreszeit und Ge­legenheit, mit unreifen Aepfeln, Fichtenzapfen, Kastanien oder Steinen in Scherben zu werfen liebten. Es fuhren viele Droschken vorbei, ein paar Lastwagen und auch Radfahrer oder, wie wir da­mals sagten:Velozipedisten", und alle diese Fahrzeuge schienen mir etwas Unwirkliches und Verzaubertes zu haben: es war, als wollten sie etwas ganz anderes ausdrücken, als was sie mei­ner Afttagserfahrung nach zu fein hatten. Neben mir ging ein Soldat mit einer Fellmütze. Plötzlich stieß er einen Ruf aus, den ich damals noch nicht verstand: es wird jener etwas herzkräftige Aus­ruf gewesen fein, mit dem der Russe jede Art ber Gemütserschütterung auszudrücken liebt. Sein Mund blieb offen, seine Augen quollen vor. Ich werde mit Mund und Augen ziemlich das gleiche Spiel getrieben haben, denn in diesem Moment war fchellenklingelnd das sonderbarste Gefährt von der Welt um die Ecke der Nikolaistrahe gebogen. Zwei schneeweiße, goldgehörnte Ziegenböcke trab­ten vor einer gläsernen Kutsche von Mailcoach- Größe. Daß vom Dock ein reichgalonierier Kut- scherzwerg regierte, durfte nicht wundernehmen. Aber im Wagen selbst saßen, holdselig lächelnd, der Prinz und die Prinzessin, beide so groß wie die Puppen meiner Cousinen, buntleuchtend und goldflitternd gekleidet, wie eben Prinzen unb Prinzessinnen gekleidet fein müssen, mit Barett unö Federn, und in Seide und Samt. Lind was tat die bezaubernde kleine Prinzessin? Sie sah mich an, mich, sie hob die Finaerspihen an die Lippen, sie warf mir eine Kußhand zu, und da war die Märchenkutsche auch schon vorüber. Ich war so betäubt, daß mir nicht der Gedanke kam, ihr nachzulaufen. Ich kann mich auch nicht erin­nern, wie ich den Rest dieses Tages verlebt habe und in welcher Verfassung ich nach Hause gekom- men bin. Ich weiß nur, daß ich weder Eltern

noch Geschwister noch Dienstboten auch nur ein Wort von meinem Erlebnis erzählt habe. Denn ich fühlte zu deutlich, daß man mir den Glauben versagen, ja daß man unerllärbarerweise mit die­sem Versagen im Recht sein würde. Dennoch war es eine Wirklichkeit, bie keinen Zweifel zuließ, ich hatte die Märchenkutsche gesehen und die Prin­zessin hatte mich angelächelt und mir eine Kuß­hand zugeworfen.

Auch heute noch kann ich mir jederzeit aus mei­nem Gedächtnis dies Bild vor Augen rufen und kann die Begebenheit mit meinem Eide bestäti­gen: und doch wußte ich in späteren Jahren, daß sic nicht ftattgefunben haben kann, da ja auf die­ser Welt foldjerlei Kutschen nicht einmal durch die Nikolaistrahe und den Thronfolger-Boulevard in Riga fahren. Unö so war ich beim genötigt, an eine jener sonderbaren kindlichen Gedächtnistäu­schungen zu glauben, wie deren eine das Mohren- erlebnis im Rostowschen Hause gewesen ist. Allein die Geschichte sand eine gänzlich andere Auflö­sung, denn unter den Gefährten jenes Meberlinger Seeweinabends war ein Landsmann, der mir um einige Jahre voraus ist, und der sagte:Natür­lich haben Sie die Kutsche gesehen, es war die Rellame-Umsahrt von Mirellis Liliputaner­truppe, die damals in Riga gastierte, ich selbst war in der Vorstellung. Hätten Sie nur zu Hause den Mund aufgemacht, dann hätten Ihre Eltern Sie wahrscheinlich auch hingeschickt."

Ich kann nicht leugnen, daß diese überraschende Aufklärung mir ein kleines törichtes Unoergnügen verursachte, aber beim Seewein haben ja, Miß- behaglichkeiten keinen sehr langen Bestand. Noch heute freue ich mich indessen darüber, daß ich zu Hause geschwiegen habe und nicht in die Vorstel­lung gekommen bin. Länger als ein Vierteljahr- Hundert habe ich auf diese Weise in meiner Er­innerung das Lächeln und' die Kußhand einer Zwergenprinzessin bewahren dürfen. Das ist ein Glück, das sicherlich wenigen Menschen gegönnt ist: übrigens ist Seewein auch nicht zu mißachten.

Oer Weizen im Examen.

Das Landwirtschaftsministerium ber Vereinigten Staaten hat ein Sachverftänbigen-Kollegium beauf­tragt, 412 verschiebene Weizensorten aus 38 Er- zeugungslänbern auf ihre Mahl- unb ®adgüte zu prüfen. Nach einem Bericht ber Frankfurter Wochen­schriftDie Umschau" bestaub in bezug auf ben Mah - roert bas Examen am besten ber kanabische Hart­weizen, da er aus ber geringsten Menge das meiste

gute Mehl lieferte. An Backwert, b. h. in ber (Eig­nung zur Brotbereitung, kam ihm ber rote Sommer- Hartweizen ber Vereinigten Staaten gleich. Dagegen zeigten bie russischen Sommer-Hartweizen unge- nügenbe Backgüte, unb bas gleiche war bei ben Weizenarten aus Europa, auch beim beutschen, unb benen aus Sübafrita ber Fall: sie hatten guten Mahlwert, aber ungenügenbe Backfähigkeit. Das beste Erzeugnis unter ben Winter-Hartweizen würbe von ben Vereinigten Staaten geliefert: bie gleiche Sorte aus Argentinien hatte einen geringeren Mahlwert unb ber russische Hartwinter-Weizen war schlechter backfähig. Don ben gewöhnlichen roten Weizensor- ten waren bie ber Vereinigten Staaten von guter Backsahigkeit, würben aber von anberen an Mahl- güte übertroffen. Die europäischen Weizenarten, auch ber beutsche, erhielten in ber Mahlgüte eine gute Durchschnittszensur, würben aber in ihrem Backwert schlechter beurteilt. Eine Ausnahme machte nur bas europäische Rußlanb, Ungarn unb bie unteren Donau-ßänber, beren gewöhnliche rote Winterweizen unter beiben Gesichtspunkten befriebigten. Gute weiße Winterweizen lieferten Rußlanb, Polen, Mexiko, Chile, Marokko, Südafrika, sowie Indien, Australien und die Vereinigten Staaten; bie ber anderen Gebiete lagen unter bem Durchschnitt

Hochschulnachrichten.

Nach kurzer schwerer Krankheit ist der Direk­tor der Greifswalder Universitäts-Frauen­klinik, Professor Dr. Ottomar Hoehne, im Alter von 61 Jahren gestorben.

Prof. Dr. W. Mevius in Münster hat einen Ruf auf das Ordinariat der Botanik an der Berliner Landwirtschaftlichen Hochschule erhalten und angenommen.

Die mit dem Tode von Professor vonEchanz an der Universität Würzburg erledigte Pro­fessur für Nationalökonomie, Finanzwissenschast und Statistik ist dem ordentlichen Professor Karl Bräuer an der Universität Breslau angebo­ten worden.

Zur Wiederbesehung des an der Universität Halle erledigten Lehrstuhls der gerichtlichen Medizin ist ein Rus an den Privatdozenten Dr. K. Walcher in München ergangen.

Zur Wiederbesehung des durch das Ableben von Professor Pschorr an der Berliner Tech­nischen Hochschule erledigten Lehrstuhles der or­ganischen Chemie ist ein Ruf an Prof. Dr. Her­mann Staudinger in Freiburg L Dr. er­gangen.