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mochte die Haustür aufmachen, falls das Mädchen klingele, es wäre sonst niemand daheim, aber wahrscheinlich hätte Käte, wie immer, den Hausschlüssel bei sich. Sie selbst müsse jetzt fortgehen und käme vorläufig nicht zurück.
Die ältliche Nähfrau, die schon seit Iahren bei der Baronin ausbesserte, nickte nur. Sie wußte ja hier im Hause Bescheid.
Mit leisen Fingern strich Lil beim Verlassen des Hauses über das kleine Schild aus Kupfer, auf dem Werners Name stand. Lebewohl du! sagte sie leise.
Sie stieg in das Qluto und fuhr nur die kurze Strecke bis zum Bahichof. Dort gab sie ihre Koffer ab und fuhr dann mit der Elektrischen hinaus nach dem Schönhof, wo sich das Zelt des kleinen Wanderzirkus erhob.
Es war um diese Zeit hier nicht mehr so still wie heute früh, Kinder spielten um das Zelt herum und beguckten sich die grünen Wagen, darin die Menschen wohnten, die jahrein, jahraus auf den Landstraßen herumzogen.
Melchior Stampfer! kam ihr mit strahlendem Gesicht entgegen.
,,2ch fürchtete schon, Sie würden nicht kommen, die ganze Geschichte hier würde Ihnen dumm und toll vorkommen, wenn Sie erst einmal ordentlich darüber nachgedacht. Aber nun bin ich herzensfroh, durch Sie darf ich bleiben, und wenn Sie wirklich mit mir zusammen eine Nummer machen wollen, kriege ich Größenwahn." >
Der Direktor kam, ein Seiltänzer näherte sich auch. Dunnerlittchen, war das ein süßes Mädel! Er ließ genießerisch seine Zunge über die Lippen gleiten. Der Direktor bemerkte es.
„Laß es dir nicht einfallen, Kerl, an das Mädel zu nahe heranzugehen, sämtliche Knochen breche ich dir einzeln", raunte er ihm zu und ein Blick seiner kleinen Augen unterstützte die Warnung.
Mit lächelndem Gesicht schritt Johann Gerhard der zierlichen Lil entgegen. „Willkommen, möge es Ihnen bei uns gefallen." Seine Töchter tauchten ,mif, hängten sich an Lils Arm, und dann lernte sie die wenigen anderen Mitglieder kennen. Sie mußte die Pferde und Hunde bewundern, und dann erhielt sie ihren Platz im Wohnwagen des Direktors. Das Bett neben Ietta, der ältesten Direktorstochter, wurde ihr zugewiesen. Ietta war erst achtzehn Iahre, war aber früh verblüht und sah wie fünfundzwanzig aus. Der Direktor war Witwer, seine beiden Töchter ritten, tanzten und arbeiteten am Trapez. Sie allein bestritten den größten Teil des Programms.
Als Lil in dem kleinen Wohnwagen stand, wurde ihr doch minutenlang etwas bänglich ums Herz. Wäre es nicht gescheiter gewesen, sie hätte sich eine Stellung als Gesellschafterin gesucht, anstatt sich in das Abenteuer hier einzulassen? Denn ein Abenteuer war es wohl, daß sie als
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Es klingelte draußen an der Haustür. Gleich darauf meldete das Mädchen: „Herr Dr. Stempel ist gekommen, er möchte Herrn Doktor sofort dringend sprechen."
„Wir reden später über das Thema weiter", sagte Werner und sah dabei nur seine Mutter an, dann ging er.
Die Baronin wandte sich zu Lik.
„Geh in dein Zimmer und räume auf, das Mädchen hat heute wenig Zeit, auch kommt die Wäscheausbesserin heute nachmittag, der hilf nach Möglichkeit, man lernt nie zuviel. Ich gehe nachmittag aus und komme erst spät zurück."
Lik hatte es auf der Zunge, zu antworten: Ich habe hier im Hause schon zuviel gelernt, daß ich gar nicht mehr weiß, wohin damit! Aber sie schwieg. Sie war sich ja darüber vollkommen einig, chr Bleiben hier im Hause war nur noch von kurzer Dauer, also wozu neue Aufregungen und neuen Zank herbeiführen. Sie fühlte sich mit einem Make so entsetzlich müde und zerbrochen.
Sie ging stumm und die Baronin sah ihr mit einem fragenden Blick nach. Wie standen nun eigentlich die Dinge? Würde Lil ernst machen und fortgehen von hier oder war die Großsprecherische jetzt doch eingeschüchtert und gedachte sich in alles zu fügen?
Die Baronin freute sich, Werner war jetzt auch zornig auf Lik, hoffentlich kam es nun bald so weit, daß sie Lik nicht mehr zu sehen brauchte. Sie wollte dem Himmel danken, wenn Werner von ihr frei wurde.
Werner trat ein. Man sah es ihm an, er hatte es eilig.
„Kollege Stempel hat mich, gebeten, ihn bei einem^ Schwerkranken zu vertreten, ich werde in ungefähr einer Stunde wieder zurück sein. Die Sprechstunde muß natürlich etwas später beginnen. Aber du ordnest das schon und weißt ja in den Dingen Bescheid." Er küßte der Mutter die Hand. „Lil hat dich heute sehr geärgert und aufgeregt, es tut mir leid, Mutter, bitte, trage es ihr nicht.nach, in nächster Zeit werde ich sehr ernst mit ihr reden. Sie muß ihr Betragen gründlich ändern, sonst erwartet mich ja in der Ehe eine Kette von Aerger."
Sie nickte. „Ich bin nicht nachtragend, mein lieber Iunge, aber ich bin deinetwegen entsetzt über Lil, gnd mir geht es wie dir, ich habe sie vorher gar nicht richtig gekannt." Sie schluckte. „Aber weh getan hat es natürlich doch, daß sie
Clown mit dem kleinen Wanderzirkus mitztehen wollte. War sie nicht trotz allem zu schnell mit ihrem Entschluß fertig gewesen?
Ihr war es, als sähe sie Werner vor sich, als ruhten seine Augen mit traurigem Blick auf ihrem Gesicht. Sie fühlte ein Erbeben durch ihren Körper gehen, die Augen wurden ihr feucht. Schnell fuhr sie mit den Fingerspitzen über die Augenwinkel. Ietta Gerhard sollte nichts davon merken, wie nahe sie daran war, in fassungsloses Weinen auszubrechen.
Der Direktor ließ ihre Koffer von der Gepäckaufbewahrungsstelle am Bahnhof holen, und alle Zirkusmitglieder bestaunten die eleganten Lederkoffer mit dem silbernen Monogramm L. K.
11. Kapitel.
Lil ist verschwunden.
Die Baronin kehrte von ihren Besuchen zu- nuk. Sie ging zunächst in düs Zimmer, in dem sich die Ausbesserin aufhielt, die eben dabei war, für heute ihre Arbeit zu beenden. Sie fragte die Frau: „Nun, hat Ihnen meine Nichte tüchtig geholfen heute?" 3
Die Frau antwortete wahrheitsgemäß: „Das gnädige Fräulein ist am Nachmittag ausgegangen und hat zu mir gesagt, vorläufig käme sie nicht zuruck.
Sie wünschte „Gute Nacht, auf Wiedersehen morgen!" und entfernte sich.
Die Baronin eilte in die Küche und befragte das Mädchen.
Käte wußte nichts weiter, als daß sie von Lil fortgeschickt worden war in eine Buchhandlung am Theaterplatz. Dort hätte man ihr aber gesagt, von dem Buch, nach dem sie gefragt, habe man noch niemals etwas gehört und es müsse sich um einen Irrtum handeln. „Während ich fort
ist das gnädige Fräulein weggegangen" schloß Kate.
Die Baronin mühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen und ging in Lils Zimmer hinauf. Dem Zimmer sah man sofort deutlich an, es war überschnell verlassen worden. Alles lag ein wenig durcheinander, die Stühle standen falsch und einer war gar umgestoßen worden. Die Augen der Baronin weiteten sich. Was bedeutete denn das, Lils Koffer, die noch heute früh in der einen Zimmerecke gestanden, fehlten ja? Die Baronin fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.
Sollte etwa —?
Nein, das war ja Hnsinn. Heimlich und so Hals über Kopf würde Lil doch nicht fortgegangen sein. Ieht entdeckten ihre suchenden Augen auf dem kleinen Schreibtisch am Fenster einen Briefumschlag. Sie stürzte förmlich darauf zu. Es stand darauf mit Lils großzügiger flotter Schrift: An Frau Baronin Sturm!
( Fortsetzung folgt.)
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mir vorwarf, ihr Vater hat mir manchmal Gutes erwiesen." — Werner tröstete: „Nicht darüber grämen, das Mädel weiß nicht, was sie redet, sie muh erst hier bei uns einen klaren Kopf bekommen."
Er ging. Sofort nach der Sprechstunde mußte er wieder fort zu ein paar Schwerkranken, dann hatte er in Wiesbaden zu tun, und es würde Abend werden, ehe er zu erwarten war. Seine Mahlzeiten hielt er heute unterwegs. Beim Mittagessen saßen sich die Baronin und Lil allein und stumm gegenüber, Die Aeltere forschte in dem Gesicht Lils, doch die nahm sich zusammen, aus ihren Zügen war nicht herauszulesen, was sie dachte. Nach dem Essen, dem Lil sehr wenig Ehre angetan, wollte sie das Zimmer verlassen, doch die Baronin hielt sie zurück.
Sie fragte: „Wie glaubst du nun, daß fortan alles zwischen uns werden soll? Dein Betragen war häßlich heute vormittag, aber daß du dir nun noch in der Nolle der Stummen und Duldenden gefällst, übersteigt jedes Maß. Meinst du, ich möchte, wenn Werner nicht zu Hause ist, immer mit einer Wachspuppe als Tischgesellschaft zusammensitzen?"
Hm Lils Lippen zuckte Bitternis.
„Sei beruhigt, das mute ich dir bestimmt nicht zu. Du hast mir ja heute vormittag erklärt, es wäre das beste, ich ginge mit meiner Voll- • jährigkeitserklärung soweit ich könnte und käme nie mehr zurück. Hnd seit ich im Hause bin, wäre es mit deiner Nuhe aus." Sie hob den Kopf. „Das genügt mir, um zu wissen, ich darf dir nicht länger zur Last fallen. Dir bin ich zur Last, Werner liebt mich nicht, also was tue ich noch hier in einem fremden Hause? Denn wenn wir es genau nehmen, brauchen wir aus verwandtschaftlichen Gründen nicht zusammen zu bleiben. Du bist dem Sprachgebrauch nach zwar Vaters Stiefschwester, aber ihr hattet weder denselbeni Vater, noch dieselbe Mutter. Zwei verwitwete Menschen, wovon jeder ein Kind mit in die Ehe brachte, machten diese beiden Kinder zu Stiefgeschwistern und die beiden Kinder wäret ihr, Vater und du. Wir sind völlig anderen Blutes. Also wozu Rücksicht aufeinander nehmen!"
Sie ging zur Tür und die Baronin blickte ihr achselzuckend nach. Hm zwei Hhr kam die Wäscheausbesserin und Lil setzte sich zu ihr und half bei deren Arbeiten.
Als dann um vier Hhr die Baronin wegging, eilte Lil in ihr.Zimmer und schloß ihre Koffer, die sie vorhin bei verriegelter Tür in atemloser Hast gepackt hatte. Gleich darauf schickte sie das Mädchen mit einem Auftrag weg, und lief fort, ein Auto zu besorgen. Der Chauffeur half ihr die zwei Koffer aus dem Hause holen. Lil, schon in Mantel und Hut, bat die Ausbesserin, die in einem Zimmer nach hinten hinaus saß und nichts von ihrer Abfahrt wahrnehmen konnte, sie
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