«MM,MM!"
Roman von (5ert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit süßem Lächeln streckte Lisa ihm die Hand entgegen, über die er sich beugte und sie küßte. Er wußte ja, wen er vor sich hatte. Polzenhagen hotte es ihm bei einer gelegentlichen Zusammenkunft gesagt, daß seine Ochwägerin, Frau Doktor Ansbrück, jetzt in Polzenhagen sei. Der Freund hatte auch nicht verschwiegen, daß er über diesen Besuch nicht sonderlich erbaut sei, er könne sich leider nicht weiter über diesen Punkt aussprechen. Qlber Lüderitz hatte ihn auch so verstanden.
Er verstand ihn nun noch viel besser, als er die schöne, kokette Frau vor sich sah. Sie paßte nicht in diesen stillen, bescheidenen Winkel. Und daß sie nur Unruhe in das alte schöne Polzen- Hagen brachte, das konnte er sich selber denken.
„;3d) bin Frau von Polzenhogens Schwester, Frau Doktor Ansbrück. Ditte, treten Sie doch näher, Herr von Lüderitz! Meine Schwester würde es sicherlich bedauern, wenn ich Sie so wieder fort ließe."
Lüderitz wäre nicht im geringsten beleidigt gewesen, wenn er jetzt gleich wieder hätte gehen können. 3m Gegenteil — er hätte recht gern auf die Einladung verzichtet. Derdammtes Getue! Jetzt mußte er auch noch tun, als freue Ihn diese Aufforderung wer weiß wie sehr, und er wäre d'och tausendmal lieber heim zu seiner kleinen Frau geritten. Die wartete auch mit dem Frühstück. Na, er wollte ihr jedenfalls gleich alles erzählen.
Mit seinem etwas großen Schritt ging er nebön Lisa Ansbrück her. Die ösfnete die Tür zum kleinen Speisezimmer, wo sie jetzt flnmcr die Mahlzeiten zu sich genommen hatten, weil das große Speisezimmer zu ungemütlich war, wenn nur wenige Personen an der Niesentafel saßen.
Lüderitz wars dem Diener Reitgerte, Mühe und Ueberrock zu und folgte der jungen Frau. Dabei stellte er bei sich fest, daß ifc? Kleid viel Geld gekostet haben mußte. Na, es war nur gut, daß seine Rose so vernünftig war und selbst alles schneiderte. Da wurde viel Geld gespart! Solch eine Frau, die zudem noch in allem anderen so sparsam haushalten konnte, die wog mehr auf als so ein duftendes Luxusgeschöpf, das einem wohl den Kopf warm machen, einen vielleicht ruinieren konnte. Nein, für ihn waren solche Modepuppen nichts — waren es nie gewesen.
Er liebte seine Frau, seine kleine, tüchtige, bescheidene Rose. 3eht saß er der schönen, ele
ganten Frau gegenüber. Ihr Fuß tm durchsichtig- feinen Seidenstrumpf wippte nervös auf und ab.
Lisa Ansbrück verstand es einfach nicht, wie der Mann, der ihr so gut gefiel, derart reserviert bleiben konnte. Irgendein kleines Kompliment wäre doch wahrhaftig am Platze gewesen.
Graziös schmiegte sie sich in den hohen, tiefen Sessel. Lüderitz sah mit seinen blauen Augen interessiert auf die vielen Ringe, die an den weißen, sorgsam gepflegten Frauenhänden waren. Donnerwetter noch mal. die mußten ein Vermögen gekostet haben! Man hätte gut und gern einige Felder dafür kaufen können.
Lisa plauderte geschickt, heuchelte Interesse für das Landleben. Er durchschaute das aber, denn er war nicht dumm, der schöne, treuherzige Lüderitz.
Schade, daß es solche Drohnen gab! Die taugten absolut nichts. Die waren' nur dazu da, sorglos die Gelder des Gatten zu vertun. Gut, daß er nicht an so etwas geraten war. Das hätte ihm gerade noch gefehlt zu den Miseren, die er auf seinem Gute durchzumachen gehabt hatte. Aber mit Rose zusammen war es gegangen.
Ja! Die!
Lüderitz streckte behaglich seine langen Deine von sich, was Lisa mit einem verächtlichen Lächeln ignorierte.
Ein Dauer!
Er machte beim flüchtigen ersten Sehen einen ganz anderen Eindruck. Sie hatte sich ihn amüsanter vorgestellt. Nun schien er aber vollkommen gegen weibliche Reize gepanzert zu sein.
ilnb wie ausdringlich bemerkbar er den breiten Trauring trug!
Zum Lachen!
Nun, sie würde ja sehen. Noch gab sie ihn nicht auf. Erst mußte sie einmal seine Frau kennenlernen. Dann wollte sie weiter sehen.
Traute kam jetzt herein. Sie hatte schnell die Schürze fortgetan und begrüßte nun den Gast.
Er war aufgesprungen und schüttelte ihr herzlich die Hände.
„Diele Grüße von meiner Frau. Da kann ich ja gleich die Einladung für Samstag überbringen. Wir möchten einen kleinen gemütlichen Abend geben. Ganz unter uns. Nur Herbergs und Til- schows kommen noch. Wir rechnen bestimmt auf Sie. Nun wußte meine Frau nur nicht recht, ob wir das verwöhnte Großstadtkind, Ihre verehrte Frau Schwester, mit bitten dürfen. Es geht in Deschow sehr einfach zu, und meine Frau sorgt sich nun, ob es der gnädigen Frau gefallen wird. Wir würden uns jedoch herzlich freuen, wenn Sie uns gleichfalls die Ehre erweisen würden."
Lisa zeigte ihr berückendes Lächeln, und jetzt verlor der gute, baumlange Lüderitz doch beinahe die Fassung.
llnö Lisa lächelte.
Traute von Polzenhagen sah ein bißchen unbehaglich drein. Ob Ernst damit einverstanden
war, daß man über seinen Kopf hinweg verfügte?
Lisa warf ihr einen auffordernden Dlick zu,' und da sagte Trauten
„Wir kommen gern. Meine Schwester sagte erst neulich, daß es langweilig würde und ob wir gar nicht ein wenig mit unseren Nachbarn verkehrten. Nun haben wir Trauer und können leider nicht viel unternehmen. Emst ist sehr eigen in solchen Dingen. Zu Ihnen kommen» wir jedoch bestimmt, denn da kommt ja auch unser Haustyrann sehr gern mit.“
Man plauderte von allem möglichen. Traute freute sich jetzt selber, daß sie etwas Gesellschaft hatten. Wahrhaftig, Lisa hatte recht, wenn sie sagte, daß es hier zum Sterben langweilig fei. Es sollte aber jetzt bestimmt anders werden. Ganz bestimmt, ilnö Ernst hatte gar kein Recht, sie wie eine Gefangene zu behandeln. Er, der jederzeit mit seinen Freunden zusammen war, wenn es ihm gerade so paßte. Sie wollte doch lieber auch wieder etwas mehr eigenen Willen geltend machen.
Zu dumm, daß sie in letzter Zeit immer gefürchtet hatte, Ernst zu verlieren, und daß sie aus diesem Grunde so weich und fügsam gewesen war.
Aber Lisa! Die hatte doch auch recht, wenn sie sagte, daß auch die Frau Rechte hätte. Daß man sich nicht in der Ehe zum Hausmütterchen herabwürdigen lassen dürfe, sondern daß man ein Recht habe, sich zu amüsieren, solange man jung und schön sei.
Die Tür wurde ungestüm geöffnet.
Ernst von Polzenhagen kam herein, streckte dem Freund die Hand entgegen.
„Willkommen. Klaus! Das ist ein gescheiter Gedanke, daß du gekommen bist, Lind du frühstückst gleich mit uns. Na, Kleine, nun lauf mal und sehe unserem Freunde einen guten Happen vor. Ich esse auch mit, ich bin mit einem tüchtigen Hunger gekommen, ilnb ihr beiden leistet uns Gesellschaft. Es schmeckt besser, wenn zwei so schöne, junge Damen mit am Tische sitzen."
Lüderitz sah seinen Freund erstaunt an. Seit wann strapazierte denn der sich mit solchen Komplimenten an die Damen? Das war eine ganz neue Seite an dem geraden, beinahe ein wenig groben Polzenhagen. Was mochte denn der eigentlich mit dieser plötzlichen Höflichkeit bezwecken?
Die Herren unterhielten sich nach dem Frühstück noch ein Weilchen mit den Damen. Lisa hatte sich in einen Sessel geschmiegt und zeigte ihre schönen Deine. Unö Klaus Lüderitz zog auf einmal Vergleiche. Eigentlich sah das hier hübscher aus als bet Rose. Die trug immer billige Strümpfe und Schuhe. Hm!
Hm Polzenhagens Mund zuckte ein Spottlächeln, als er den langen Freund betrachtete. So in aller Stille! Als sähe er ihn jetzt erst richtig.
Natürlich, wann fiele denn solch ein guter, anständiger Kerl nicht auf ein raffiniertes Weibsbild herein! War doch schon immer so gewesen» Hätte er Lisa bloß nicht hierher gebracht! Er hätte e£ sich doch denken können, daß sie hier nichts wie Alnbeit stiften würde.
Nun, er würde schon mit ihr und ihren Machenschaften zurecht kommen. Hoffentlich machte Lü- derih indessen keine Dummheiten. Das fehlte ja gerade noch, daß die kleine, bescheidene, tüchtige Rofe Lüderitz hier noch Tränen vergoß um Lisas willen. Die schien es aber tatsächlich darauf anzulegen, den armen Lüderitz heiß zu machen, denn was sie ihm gerade jetzt für Blicke zuwarf- Wirklich! Die Situation wurde gefährlich. Nun, Lüderitz wollte er schon morgen oder am liebsten gleich nachher noch sc^gen, wie er über ihn dachte, wenn er etwa auf Lisa hereinfiel.
Lisa war sehr enttäuscht, als die Herren aufstanden und sich von den Damen verabschiedeten. Polzenhagen machte ein undurchdringliches Gesicht und sagte:
„Wir haben leider noch was Wichtiges zu besprechen. was euch nicht im geringsten interessiert. Ihr entschuldigt also, wenn ich meinen Freund mit hinüber in mein Arbeitszimmer nehme!"
Lisa starrte mit bösen Augen"au^die Tür, die sich hinter den Herren geschlossen hatte. Nach einer Weile meinte sie:
„Was hat eigentlich Lüderitz für eine Frau? Beschreibe sie mir doch mal?"
Traute lachte.
„Lüderitz? Der hübsche große Kerl wird sich doch keine Vogelscheuche zur Frau genommen haben. Nein, nein, Rose Lüderitz ist sogar recht reizend, und sie leben sehr glücklich."
„So!"
Dieses „So!" klang ärgerlich.
Traute hörte es nur zu gut. Hnb da wußte sie auch auf einmal, was Lisa sich vorgenommen hatte.
Traute beschlich ein sonderbares Gefühl. Ihre eigene Schwester benahm sich nicht wie eine ehrbare Frau, und Schwager Ansbrück hatte wahrscheinlich sehr triftige Gründe, sich von ihr zu trennen.
Lisa wandte sich ihr zu.
„Reichlich langweilig kann es schon werden dort drüben in Deschow. Aber vielleicht lernt man einige Menschen.kennen, über die man sich amüsieren kann? Doch lassen wir das. Eine andere Frage ist wichtiger: Was ziehen wir an?“
Traute zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„So einfach wie irgend möglich! Ernst will fein Aufsehen, und die Nachbarn haben kein Verständnis für elegante, extra aus Berlin geschickte Kleider. Es wäre ja auch wirklich nicht angebracht. Es ist ja doch nur eine kleine, ganz harmlose Zusammenkunft."
(Fortsetzung folgt.)
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