Ms NWe Mel.
Original'I^oman von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
12 Fortfetz -g, Nachdruck verbotenI
10. Kapitel.
Der neue Clown.
Lil Hatto das bunte Clownsgewand, das ihr Melchior Stampferl gebracht, übergezogen und die Hosenbeine, weil sie ihr zu lang waren, Hochgel rempelt, ebenso die Aermel. Sie sah in dem viel zu weiten Anzug reichlich grotesk aus. Sic machte sich in der Garderobe zurecht, schmierte sich Slampferls Schminke ins Gesicht und tauchte dann in der Manege aus. Der Direktor und Stampferl aber waren nicht die einzigen Zuschauer. Aus dem Stall waren inzwischen ein paar Männer gekommen und zwei sehr verschlafen aussehende Mädels, die Töchter des Direktors, sasjen aus der ersten Zuschauerreihe. Man hörte die eine spöttisch lachen. Das Lachen reizte Lil. Sie schlug ein paar Purzelbäume, um wenigstens zu zeigen, daft sie gelenkig war. Und dann kollerte sie wie ein kleines Fast auf das Mädchen zu, das gelacht hatte, lieh ein drolliges, kurz abgehacktes Lachen hören, das zum Mitlachen zwingen konnte und begann dann ihre Spähe. Sie konnte sich nicht so geben, wie in der Wohltätigkeitsvorstellung, da ihr die richtigen Kleider und vor allem die Requisiten dazu fehlten, ober sie folgte ihren Eingebungen, ihr Talent zum Komischen bewährte sich auch fetzt. Als sie sich müde gesprungen, gelacht und geredet hotte, und mit fragenden, ängstlichen Augen auf den Direktor sah, nickte der ihr zu: „Gemacht Fräulein, ,im engagiere Sie vom Fleck weg! Kommen Sie, setzen Sie sich neben mir, damit wir alles festmachen." Seine Stimme schwoll an. „Alle andern raus hier. Ich habe eine wichtige Unterredung."
Im Au war der Raum leer, der so trübselig .am Hellen Tag dalag. Nur Melchior Stampferl war geblieben.
Cr sagte leise: „Wenn der Direktor nicht so überschnell Ersatz bekommen hätte, hätte ich vielleicht noch ein Weilchen bleiben dürfen. Sie nehmen mir eigentlich das Brot weg, Fräulein." Er brummte: „Ein Frauenzimmer als Clown im Zirkus Gerhard; die Welt wird immer ver- .rückter."
Lil hob abwehrend die Hand, gab ebenso leise zurück: „Ob ich oder ein anderer Ihnen das Brot wegnimmt, ist doch gleich für Sie. Aber beruhigen Sie sich, es findet sich vielleicht auch ein Ausweg für Sie." Sie blinzelte ihn an und er muhte lachen, weil daS mit ihrem zurecht
geschminkten Gesicht so komisch aussah. <8r muhte lachen, trotzdem ihm verzweifelt zumute war. Lil ging zum Direktor, setzte sich zu ihm, wie er verlangt. Eine halbe Stunde später verlieh sie das Zirkusgelände als neuengagiertes Mitglied des Zirkus Gerhard, aber auch der alte Clown Melchior Stampferl durfte bleiben. Weil Lil dem Direktor erklärt hatte, sie wolle eine sehr komische Nummer mit dem Alten zusammen machen. Sine zugkräftige Nummer. In einigen Togen beabsichtigte der Zirkus Gerhard weiterzuziehen, nach Hessen und Thüringen, dann nach Sachsen und später in die Provinz Brandenburg. Mit gedankenschwerem, etwas verwirrtem Kopf kehrte Lil heim in das Haus der Tante.
Die Baronin empfing sie mit drohend zusammengezogenen Brauen. Sie wagte es jetzt, dreister gegen Lil aufzutreten, seit Werner gestern abend ärgerlich auf Lil gewesen und gesagt hatte, Lil wäre ziemlich starrköpfig.
Sie rief Lil entgegen: „Was ist das, für eine neue Sitte und Rücksichtslosigkeit, einfach in der Frühe wegzulaufen und nicht wiederzukommen zur Frühstücksstunde? Wir trinken um 8 Uhr Kaffee wie du weiht, und jetzt ist es bereits halb zehn."
Lil, die wegen ihrer Zirkusabmachung schon ein wenig Reue verspürte, erwiderte bescheiden: „Verzeih, Tante, ich hatte noch Kopfweh, und du weiht, ich gehe oft morgens aus. Heute bin ich nur zu weit gebummelt und versäumte dadurch das Frühstück. Es soll nicht mehr vorkommen. Ietzt habe ich Mordshunger."
Die Baronin zuckte die Achseln.
„Ich erwarte bestimmt von dir, dah so etwas nicht rnehr vorkommt. Hier bei uns sollen so verwilderte Sitten nicht eingreifen, dah jeder zum Frühstück erscheint, wann es ihm Pastt. Also ein für allemal, merke dir das, Lil!"
Da war er wieder, der gröhliche, erzieherische Ton. den Lil hahte, der sie immer wieder aufsässig mochte. „Willst du noch Kaffee oder verzichtest du?" fragte die Baronin.
Lil erwiderte empört, weil sie doch eben noch gesagt, sie habe Mordshunger: „Ich verzichte!" und dann ging sie aus dem Zimmer und verlieh wieder das Haus, um in einer nahen Konditorei Kafee zu trinken. Der Morgenspaziergang, das HeTmnspringen im Zirkus, hatten ihr Appetit gemacht, sie stopfte sich mit sühem Gebäck voll. Alm ein Viertel nach zehn war sie wieder zu Hause.
Ietzt war Adele Sturm aber geladen.
„Weshalb bist du denn, kaum noch Hause gekommen, wieder fortgelaufen?"
Lil antwortete: „Ich hatte Hunger und bin Kaffeetrinken gegangen, nebenan in die Konditorei. Der Kuchen war wundervoll frisch. Du fragtest mich unfreundlich, ob ich noch Kaffee
wolle oder ob ich verzichte, da muhte ich doch verzichten, nicht wahr?"
Die Baronin rief erregt: „Du hast es wirklich fein heraus, den sanftmütigsten Menschen wütend zu machen!" Sie langte nach einem Papier, hielt es Lil entgegen. „Vorhin hat die Post deine Volljährigkeitserklärung gebracht, das beste wäre es, du gingest mit dem Papier so weit du könntest und kämst mir nicht mehr vor die Augen. Seit du im Hause bist, ist's mit meiner Ruhe aus!"
Lil langte nach dem Papier, las es aufmerksam und fragte dann: „Ist das deitz« ehrliche Meinung, die du eben äuhertest, Tante Adele?"
Die Aeltere war zu zornig, um einzulenken. Sie wuhte Wohl, wenn Werner ihre Worte gehört hätte, dah er nicht damit zufrieden gewesen wäre. Aber er hatte sie ja nicht gehört, er war läng ft wieder unterwegs, um seine Patienten zu besuchen. ,
Sie erwiderte rauh: „3a, das ist meine ehrliche Meinung. Was ist das für «in Betragen, in dem du dir gefällst. Statt höflich um Frühstück zu bitten, nachdem du die rechte Frühstückszeit durch eigene Schuld versäumt, läufst du um ein halb zehn Llhr morgens in die Konditorei der Nachbarschaft, wo uns jeder kennt, und frühstückst. Die Leute müssen ja denken, du bekommst hier nicht satt zu essen." Sie fuhr mit den Händen nach den Schläfen hoch. „Du bist falsch erzogen, gründlich falsch! Wenn dein Vater so leichtsinnig darauf losspekulierte, hätte er auch dafür sorgen müssen, dah du ein bihchen abgeschliffener erzogen wurdest, damit es nicht ständig zu Reibungen zwischen dir und anderen käme. Arme Mädels dürfen sich den Luxus nicht gestatten, nur zu tun, was ihnen paht, sondern müssen sich den Gewohnheiten der Menschen fügen, von denen sie abhängig sind. Werner äuherte gestern abend auch, du hättest stark entwickelten Eigensinn."
Sie war so wütend auf Lil, dah sie gar keine Rücksicht mehr nahm.
Lil sah sie groh an. „Lah doch endlich einmal meinen armen unglücklichen Vater aus dem Spiel. Wenn ich nicht so bin wie du mich haben willst, kann Vater wirklich nichts dafür, und wenn Werner findet, ich hätte zu staxk entwickelten Eigensinn, mag er recht haben. Dann soll er mich aber lieber nicht heiraten, sonst wird er unglücklich." Sie schluchzte plötzlich wild auf: „Ich kann es nicht mehr hören, dah immer wieder mein armer Vater herhalten muh. Lah ihm doch seinen .Frieden, er steht jä all dem kleinlichen Herum- gequengel jetzt so fern. Mich aber Iaht gehen, wohin ich will, ich bin ja jetzt volljährig und brauche keine Erzieher mehr. Mein Vater ist immer gut zu dir gewesen. Immer! Ich weih
genau, er hat dir oft geholfen, und jetzt redest du von ihm, wie von einem, der kein gutes Andenken verdient. Ich verbiete es dir, hörst du! Kein Wort darf mehr in dem Tone über ihn fallen."
„Lil!" Wie ein zorniger Schrei kam der Name über die Lippen der Frau. „Dein Benehmen übersteigt alle Grenzen."
Die Tür öffnete sich, Werner trat ein, sah, wie sich seine Mutter und Lil tieferregt gegenüberstanden.
Er fragte: „Um des Himmels willen, was ist denn nur los? Ihr sprecht so laut, dah ich euch schon hörte, als ich ins Haus trat."
Lil bih sich auf die Lippen. Sie dachte daran, wie kühl Werner gestern abend ihr Zimmer verlassen, dachte auch daran, dah er zu seiner Mutter von ihrem Eigensinn gesprochen, und der Trotz, ihre gefährlichste Eigenschaft, baute sich vor ihrer Liebe wie eine hohe Mauer auf.
Sie brachte kein Wort hervor, die Baronin aber begann sie anzuklagen.
Rücksichtslos war-^sie, sehr rücksichtslos. Lil hätte sie oft unterbrechen können, um zu erklären, dah sich eigentlich alles ganz anders verhielt, aber sie schwieg. Wenn Werner sie liebte, muhte er sie verteidigen, auch wenn ihm seine Mutier den Sachverhalt des Streites völlig falsch schilderte. Er hatte aber feinen guten freundlichen Blick für sie, keinen liebenden, zärtlichen Blick, der vielleicht die Mauer des Trohes in ihr niedevgerissen hätte, sondern als seine Augen sie streiften, geschah es finster und flüchtig.
Er sagte nach längerem Schweigen: „Ich verstehe dich nicht mehr, Lil. Ia, habe ich dich denn nicht gekannt von Kind an? Kann man sich denn in einem Menschen so irren? Oder bist du erst in den letzten Iähren so anders geworden und ich habe es nicht bemerkt, wenn wir uns auch oft sahen. Dein Betragen ist wirklich nicht so, wie es meine Mutter von dir erwarten durfte, und dah du ihr Wohltaten deines Vaters vorwirfst, ist nicht sehr vornehm gedacht."
Lil warf den Kopf zurück. „Ich glaube, du kennst mich überhaupt nicht, Werner. Erst behauptest du, dah du mich liebst, und jetzt siehst du mich an wie ein Feind, du denkst gar nicht daran, dir auch nur die geringste Mühe zu geben, mich zu verstehen."
Sie fühlte den Trotz wie einen eisernen Panzer um sich herum.
' „Wölken froh fein, noch rechtzeitig eingesehetz zu haben, dah wir einander nicht kennen. Denn auch du erscheinst mir fremd und anders. Du bist wohl nicht der Mann, für den ich dich bisher hielt."
(Fortsetzung folgt.)
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